11.01.2010, 22:52 | tags: Diverses 226
Ute van der Sanden, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Rosslau, 12.01.2010
Alles ist auf der Bühne nur Theater
Katja Ebstein kam, kämpfte und siegte - Mit ihrer Show sorgte sie für einen wechselvollen Abend
Die Musiker schauten besorgt. "Ihr hattet Recht", gestand die Sängerin, bevor sie, neuerlich von einem Hustenanfall geschüttelt, den lila Teepott griff wie eine Ertrinkende nach dem Strohhalm. Es stimmte, Katja Ebstein hätte nicht auftreten sollen, ihre Augen glänzten fiebrig, unter der Schminke schwitzte sie. "Tut mir leid", sagte sie und stand einige Sekunden sehr ehrlich, einsam und verletzlich da, bis Stefan Kling am Klavier einen ihrer großen Hits anstimmte: "Stark sein".
Diese dramatische, wiewohl ungeplante Wendung erlebten die Besucher des Anhaltischen Theaters am Donnerstagabend, als Katja Ebstein "Meine Lieder" sang. Justament verwandelte sich die hilflose Person, die mit dem "Evita"-Song "Wein nicht um mich, Argentinien" noch soeben kaum mehr als Mitleid ernten konnte, in eine Kämpferin. Ungeschützt begegnete sie ihrer Schwäche - und siegte. Von diesem Moment an war der Saal auf ihrer Seite.
Dabei hatte es nicht gut angefangen. Die kleine Verspätung nahm das Publikum übel, und als die Musiker auf die Bühne kamen, klatschte niemand. So starteten sie mit einem Schulterzucken in den Abend, der beinahe in einem Fiasko geendet hätte. Ja, Katja Ebstein plagte ein veritabler Infekt; doch nein, allein daran lag es nicht, dass ihre Show neben künstlerischen Höhenflügen auch bedauerliche Tiefpunkte enthielt.
Zum Dritte-Welt-Song in reinster Oktoberklub-Anmutung präsentierte sie deutsche Schlager mit schauderhaft gereimten Texten, ihre Berlin-Hymne nach "My way" ist alles andere als geeignet, die Hauptstadt-Liebe der Republik zu stärken. Und Ebsteins Moderation - "Heine ist als Geist aktuell wie eh und je" - sowie allerhand pseudopolitische Erklärungen zur Wiedervereinigung, zur Sprache als Mittel der Demokratie und zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr bleiben bestenfalls, wo sie hoffentlich sogleich vergessen wurden: zwischen den mächtigen Wänden des Anhaltischen Theaters.
Nicht vergessen seien Ebsteins sängerische und darstellerische Kunst. Ihre Bühnenpräsenz. Jene bekannten Lieder, die ihr noch immer Sympathien zutragen - "Abschied ist ein bisschen wie Sterben" und "Wunder gibt es immer wieder" hätten im Programm nicht fehlen dürfen. Auch schon ein Jahrzehnt alt, aber längst nicht so berühmt sind "Die schlesischen Weber" nach Heine, ein Song, den sie mit Autorität und wütendem Ausdruck auf den Punkt brachte.
Ihre nicht mehr junge Stimme hat die Ebstein, Erkältung hin oder her, technisch gut im Griff. Die langen Haare flossen ihr schimmernd über die Schultern, und in der fünfköpfigen Band, sie bezeichnete sie als "meine kleine Familie", saß gottlob Stefan Kling, der Pianist von "L'art de passage" und Gerhard Schöne. Seit Jahren tritt er mit Katja Ebstein auf. Die klavierbegleiteten Soloballaden und -songs, darunter Pete Seegers Antikriegslied "Sag mir, wo die Blumen sind" und die frechen Texte aus dem Zille-Milieu, entschädigten für alles weniger Gelungene.
Ihre stärksten Augenblicke zeigten die Ebstein als Schauspielerin und Diseuse mit Erfahrung, Ausstrahlung, enormer Vitalität und unbändiger Lust, sich auf der Bühne zu reproduzieren. Zugabe um Zugabe schloss sie an, weil der Abend schließlich doch im Miteinander aufging. Dass die Umjubelte sich nach zweieinhalb Stunden in einer ihrer besten Rollen verabschiedete, war kein Zufall: als Berliner Göre mit Schmollmund und wild rollenden Augen.
Als nächstes Gastspiel im Anhaltischen Theater steht am 22. Januar um 20 Uhr ein Konzert mit der Sängerin Gitte Haenning auf dem Programm.
