14.01.2010, 22:39 | tags: Diverses 229
Nada Weigelt, Mitteldeutsche Zeitung, 15.01.2010
Max Raabe
Lieder und Schlager führen «Übers Meer»
Bariton bringt erstes Soloalbum heraus - "Ich habe das ausgesucht, was ich auch für mich privat gern hören würde"
Seit Jahren feiert Max Raabe mit seinem Palast Orchester Erfolge auf den großen Bühnen der Welt. Mehr als zwei Dutzend Platten hat die beliebte Berliner Retro-Formation im Stil der Comedian Harmonists schon aufgenommen. Jetzt bringt der Ausnahme-Bariton mit «Übers Meer» sein erstes Solo-Album auf den Markt - nur begleitet von seinem langjährigen Pianisten.
«Das ist eine sehr private Art des Singens», sagt der 47-jährige Raabe. «Ich habe das ausgesucht, was ich auch für mich privat gern hören würde - so, wie wenn man seine Lieblingskassette zusammen schneidet.»
In dem Album präsentiert der Sänger einen Zyklus von fünfzehn Liedern, Schlagern und Couplets aus dem Ende der Weimarer Zeit - von legendären Komponisten wie Fritz Rotter, Robert Gilbert, Walter Jurmann, Hans May und Werner Richard Heymann. Die meisten von ihnen mussten 1933 als Juden vor dem Terror der Nazis fliehen, häufig in die Vereinigten Staaten.
Der Titel «Übers Meer» soll an ihr Schicksal erinnern. «Ähnlich wie der Wind über das Meer hin- und herweht, so mussten auch diese Künstler über das Meer flüchten», sagt Raabe. Und auch ein Lied von Hans Albers greift das Thema wie in Vorahnung auf. «Ganz dahinten, wo der Leuchtturm steht, wo das weite Meer zu Ende geht, dort blieb ein Stück von meinem Glück zurück.»
Raabe singt diese Lieder von Liebe und Sehnsucht, Abschied und Erinnerung sehr intensiv wie in einem Kammerstück. Seine außergewöhnlichen Stimme, die es aus den Tiefen des Baritons mit verblüffender Sicherheit in silberhelle Höhen schafft, beweist erneut ihre Wandlungsfähigkeit zwischen heiterer und tieftrauriger Stimmung.
Fans seines Palast Orchesters werden freilich die sarkastischen Untertöne und ironischen Seitenhiebe vermissen, die die Bühnenauftritte des schmalzgestriegelten Conferenciers so vergnüglich machen. «Mit dem Orchester macht das Spaß, aber jetzt bei diesem Soloalbum wollte ich das nicht haben», sagt Raabe.
Mit Liedern im Stil der «Golden Twenties» hat sich der Sänger längst auch im Ausland einen Namen gemacht. Vor gut zwei Jahren eröffnete er mit seinem 1986 gegründeten Orchester das Berlin- Festival in New York, ein Jahr zuvor war die Truppe erstmals in Japan und China auf Tournee. Der Durchbruch war dem staatlich geprüften Opernsänger 1992 mit dem Song «Kein Schwein ruft mich an» gelungen.
Für sein Solo-Debüt arbeitete er erneut mit seinem alten Schulfreund und Klavier-Kumpel Christoph Israel zusammen. Aufgenommen wurde das Album in Oslo im Studio des Produzenten Jan Erik Kongshaug, das laut Raabe für einen besonders warmen Raumklang sorgte. «Für mich sind diese Lieder die Klassik der Popmusik», sagt Raabe. «Man müsste sie viel öfter hören. So wie man Bach und Brahms hört, gehört das mit dazu.»
