18.01.2010, 23:11 | tags: Ballett , Pressestimmen 231
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 19.01.2010
Ballett
Todesengel mit Boxhandschuhen
Mit «Hermes in der Stadt» haben die Tänzer des Anhaltischen Theaters einen Abend für die Bühne des Bauhauses entwickelt
Was wäre, wenn sich ein antiker Gott in eine Großstadt der Gegenwart verirren würde? Könnte er mit überirdischen Kräften den Moloch sprengen - oder würde er sich in der Allgegenwart von menschlicher Gewalt und Hybris verlieren? Solche Spekulationen mögen den in Sachsen-Anhalt geborenen Dramatiker Lothar Trolle zu seinem 1992 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführten Stück "Hermes in der Stadt" bewogen haben - und stehen nun auch Pate bei einer ungewöhnlichen Ballett-Collage auf der Bühne des Bauhauses Dessau.
Bezug zum Geist des Ortes
Acht kurze Choreografien von Tänzerinnen und Tänzern des Anhaltischen Theaters sind es, die mit Macht und Eleganz die Deutungshoheit auf den historischen Bühnenbrettern behaupten. Dass man sich hier in der Tradition von Oskar Schlemmers Raumfigur-Experimenten, aber auch in den Spuren von berühmten Gästen wie Gret Palucca bewegt, ist dem neuen Ensemble unter Leitung von Tomasz Kajdanski bewusst: Bereits der erste Beitrag, Matthew Bindleys auf eine Abfolge aus Sprechtext und tiefem Streicherton getanztes Sextett "Mushrooms", nimmt im Gestus und in der Kostümierung Bezug zur Klassischen Moderne. Die energischen Bewegungen aber weisen die Richtung, in die der Abend gehen wird - und die Denise Evrards "Silent Aggression" dann unmissverständlich einschlägt.
Wenn sich hier ein Tänzerpaar aus jenen Säulen schält, die der Bauhausbühne als szenische Herausforderung seit jeher eingebaut sind, dann wird die Inkarnation des Steins - und die umgekehrte Versteinerung des Leibs - zur Metapher für Urbanität, während sich in der Bühnenmitte ein Dritter sein Gewand aus blutroter Farbe aufschminkt. Den umgekehrten Weg geht Gorden Wannhoff mit "Götzen", die in ihrer Bildstärke zu den Höhepunkten des Projekts zählen.
Hier wischen sich drei Tänzer die Sicht in einem weiß getünchten Kubus frei - und geben so fragmentarisch den Blick auf ihre Körper und Bewegungen preis. Das Spiel mit Innen- und Außenräumen, der Blick in den toten Winkel und das Verhältnis des menschlichen Körpers zu seiner geometrisch abgezirkelten Umwelt bewähren sich auch in der Folge als Leitmotive, die den Geist von "Hermes in der Stadt" aufnehmen.
Da wird eine junge Frau hinter der Essensausgabe der Mensa von ihrem Partner bedrängt, wobei man das Geschehen zugleich durch das Fenster und auf zwei Video-Projektionen aus verschiedenen Perspektiven wahrnimmt ("Küche" von Yuliya Gerbyna). Da erinnern sich Körper über große Distanz an fremde Begegnungen im Becken der Dessauer Schwimmhalle ("Hinter dem Vorhang" von Juan Pablo Lastras Sanchez). Und da kippt die erotisch gefärbte Konfrontation einer Frau mit vier Männern in Aggression und endet schließlich in einem Wasserbecken, in dem die Verführerin zum gedemütigten Opfer wird ("Libamentum" von Nadja Réthey-Prickel).
Dass die Bauhaus-Bühne dabei nie den Charakter eines Laboratoriums verliert, dass aus der Not der fehlenden Auftritts- und Verwandlungsmöglichkeiten eine Tugend gemacht wird, kommt dem offenen Charakter des Experiments entgegen. Mit Bodenstrahlern und Absperrbändern ähnelt der von Torsten Blume gestaltete Raum einer Baustelle - und verweist wohl nicht von ungefähr auch auf die Internationale Bauausstellung zum "Stadtumbau", die in diesem Jahr von Dessau aus ins Land strahlen soll.
Bedingungsloser Einsatz
Auch in Joe Monaghans "Reflektz" - einem Spiel mit dem Echo und den Resonanzen, die Körper in ihrem Gegenüber auslösen können - zeigt sich schließlich, wie selbst- und bedingungslos sich die Tänzer wechselseitig für die Arbeit ihrer Kollegen einsetzen. Und wenn auch nicht jede Szene das Versprechen einlöst, das durch den Titel des Abends gegeben worden ist, so sorgt doch Hannah Sieh mit Zitaten aus Trolles Stücktext für die nötige dramaturgische Klammer - und für die "Verse der Zukunft", die Menschen "einsam eingehüllt in unsere Leiber" finden.
Mit "Bar Hand" bittet Juan Pablo Lastras Sanchez dann zum großen Finale: Zum Text des "Vaterunser" in vielen Sprachen treffen Menschen auf Todesengel mit Boxhandschuhen - und nachdem alle diese athletischen und grazilen Leiber von ihrem Dasein erlöst sind, hört man eine taiwanesische Melodie, die seltsam vertraut klingt. "Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt!" ...
