02.01.2010, 11:03 | tags: Diverses 219
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 2.1.2010
Neujahrsspaziergang
Handlungsreisender in Sachen Musik
Michael Kaufmann spricht über sein neues Amt als Intendant des Dessauer Kurt-Weill-Festes
An das Leben auf der Durchreise hat sich Michael Kaufmann längst gewöhnt, sein Wohnzimmer ist bis auf weiteres die Hotellobby und sein Kleiderschrank der Koffer. Auch an diesem Dezembermorgen steigt er schwer bepackt aus dem Zug, um beim letzten Dessauer Ortstermin im alten Jahr weit in die Zukunft zu planen: Zwar wird er seinen ersten Jahrgang als Intendant des Dessauer Kurt-Weill-Festes erst 2011 präsentieren, die Verträge mit den Künstlern aber müssen schon jetzt geschlossen werden. Und jenes Programm, das er von seinem Vorgänger Clemens Birnbaum für 2010 übernommen hat, soll traditionsgemäß bereits Ende Februar über die Bühne gehen.
Mit dem Einsatz für fremde Ideen hat der neue Festival-Intendant kein Problem: "Wer in unserem Beruf nicht bereit ist, ein Programm zu adoptieren, hat seine Aufgabe nicht verstanden." Schließlich, so sagt er, müsse auch sein Nachfolger in der Essener Philharmonie mit den Vorarbeiten leben, die er ihm hinterlassen hat. Und selbst wenn er beim aktuellen Weill-Fest "vieles ganz anders gemacht" hätte, lobt er doch das Programm unter dem Motto "New Art is true Art" - vor allem für die Kompositions-Aufträge, mit denen sich Dessau im neuen Jahr in die Annalen der zeitgenössischen Musik einschreiben wird.
Mit solchen Anstiftungen zur Kreativität hat Kaufmann in früheren Ämtern selbst gute Erfahrungen gemacht, rund 50 Werke hat er in seinen Essener Jahren aus der Taufe gehoben. Nun aber muss er sich vor allem in die Klassische Moderne vertiefen, wobei er begeistert feststellt, "welche Faszination Kurt Weill auf viele Künstler ausübt". Dieses Interesse lässt ihn hoffen, dass sich Dessau künftig endlich als "Außenstelle der Währungshüter in New York" - sprich der Kurt-Weill-Foundation for Music - etablieren kann - ein längst überfälliger Schulterschluss, der auch dank des Neuanfangs im Anhaltischen Theater möglich geworden ist.
Überhaupt ist Michael Kaufmann froh, dass sich die Dessauer Kultur mit Protagonisten wie Generalintendant André Bücker und Bauhaus-Direktor Philipp Oswalt neu erfindet - und dass er selbst Teil dieses Aufbruchs ist. Einen wichtigen Impuls will er dieser Entwicklung durch ein Konzept geben, in dem er die Übergabe der Meisterhaus-Verwaltung in die Hände der Kurt-Weill-Gesellschaft vorschlägt. "Ich reiße mich nicht um den Job als Meisterhaus-Hausmeister - aber wir sind als die Hauptnutzer schließlich vor Ort." Wenn eine solche Zusatz-Aufgabe auch die öffentliche Wahrnehmung der Weill-Gesellschaft jenseits der jährlichen Feste stärken würde, wäre dies ein durchaus beabsichtigter Effekt.
Schließlich träumt Kaufmann von einer Ausweitung der künstlerischen Aktivitäten "übers Jahr und übers Land", was mit dem aktuellen Etat freilich kaum finanzierbar ist. Daher wird die Erschließung neuer Finanzquellen eine seiner Hauptaufgaben sein - wobei ihm seine Erfahrungen als Intendant der Essener Philharmonie gute Dienste leisten dürften.
Dass er dank solcher Verwurzelung im Ruhrgebiet mit Spannung und Wohlwollen auf das Kulturhauptstadt-Jahr blickt, liegt auf der Hand. Zugleich aber warnt er vor übersteigerten Erwartungen: In der einstigen Bergbau-Region sei zwar ein einzigartiger kultureller Reichtum entstanden, der in der Vergangenheit aber auch zu einem "Kirchturmdenken" bis an die Grenzen der Kannibalisierung geführt habe. Der Versuch, diese Schar von regionalen Akteuren in einem neuen Netzwerk zu versammeln, habe sich bereits in den Vorbereitungen auf 2010 als schwierig erwiesen. Es bleibe abzuwarten, ob sich die Region ihren Gästen nun tatsächlich als geschlossene Einheit darstellen könne, in der "Kultur durch Wandel" nicht nur ein gemeinsames Etikett für unterschiedliche Initiativen sei. Schließlich seien im Vorfeld einige ehrgeizige Projekte weggebrochen, nun müsse man vermeiden, dass das Programm schlechtgeredet werde.
Auch Kaufmanns Selbstverständnis scheint auch von den Erfahrungen in Essen geprägt: Als Kulturmanager, sagt er, müsse man mit Steuermitteln "Unmittelbarkeit produzieren". Schließlich sei die subventionierte Kultur kein Selbstzweck, sondern immer auch Wirtschaftsförderung und Standortmarketing. Deshalb will er - neben den Vorbereitungen für sein erstes eigenes Fest unter dem Motto "Dessau - Berlin" - demnächst auch den Internet-Auftritt der Weill-Gesellschaft zum Online-Magazin ausbauen und neue Kooperationspartner wie die Akademie der Wissenschaften gewinnen ... Spricht Michael Kaufmann - und greift zum Koffer. Immer auf dem Sprung - als Handlungsreisender in Sachen Musik.
