Ute van der Sanden, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 19.01.2010
Ein Abend mit Ballett im Kopf und im Herzen
Mit Dirigent Dirk Kaftan bezeugt die Anhaltische Philharmonie beim Sinfoniekonzert ihre "Unsterbliche Liebe" - zur Musik.
Wildfremde Menschen treffen sich im Proberaum, arbeiten ein paar Tage zusammen, gehen auseinander. Zuvor aber führen sie das Ergebnis ihrer Anstrengung öffentlich auf, und im besten Fall ist darin nicht die Spur von Fremdheit, sondern "Unsterbliche Liebe".
Einigkeit im Ausdruck
So hieß das dritte Sinfoniekonzert der Anhaltischen Philharmonie, an dessen genial komponiertes Programm der etwas weniger genial gedachte Titel nur dann heranreichte, wenn man ihn äußerst wohlwollend mit Igor Strawinskys "Pulcinella"-Suite und Wolfgang Amadeus Mozarts berühmtem A-Dur-Klavierkonzert assoziierte.
Am Ende jedoch war das egal, zumal nach Sergej Prokofjews Ballettmusik zu "Romeo und Julia". Denn die Einigkeit im Ausdruck, das beredte Miteinander und die gemeinsame Bereitschaft zur Emotion, wie sie die Dessauer Musiker unter Leitung von Dirk Kaftan am Ende voriger Woche hören ließen, sind auch unter Profis mitnichten selbstverständlich und deswegen ein Glücksfall - zumal die Philharmonie mitsamt aller ihrer Orchestersolisten auf einem technischen und klanglichen Niveau agierte, von dem sie nie wieder abrücken möge.
Das war eine Eintracht, die nur Musik schaffen kann. Und das Beste: Das Publikum ist Teil des Wunders und ebenso angerührt wie die Mitwirkenden, wenn´s gelingt. Viele Umstände tragen dazu bei, nicht alle lassen sich in Worten fassen.
Exzellente, ehrgeizige Gäste des Hauses aber bestimmt. Dirk Kaftan, neuerdings Generalmusikdirektor in Augsburg, stand als personifizierte Herausforderung vor dem Orchester, dessen Zusammenspiel er ausgezeichnet zu organisieren wusste. Gastdirigent Kaftan gab präzise, detaillierte Anweisungen und zeigte sich als erstklassiger Begleiter, was besonders Finghin Collins am Klavier gefreut haben dürfte.
Der irische Pianist hinterließ mit Mozarts A-Dur-Konzert einen grandiosen Eindruck. Leicht, frei und beseelt nahm sich Collins seines Parts an, mit sprühender Virtuosität und ausgeprägter Vorliebe für gedankliche Bögen, unter denen er auch die Stimme des Orchesters versammelte. Er flutete das zauberhafte Werk mit dem Licht seines unbeschwerten Tons und fand doch für jeden Einfall eine Entsprechung: Ein Staccato war hier ein Lachen und da ein Hüpfen, jeder Lauf hatte ein Ziel. Und wen die ausladenden Gesten und die expressive Mimik des Spielers irritierten, die mitunter tatsächlich ans Parodistische grenzten, der konnte ja die Augen schließen.
Die Seligkeit war vollkommen, als Collins das erste von drei "Wiegenlieder meiner Schmerzen" genannten Intermezzi aus Johannes Brahms´ Opus 117 zugab: sehr langsam, sehr zart, mit perfekt phrasierter Melodiestimme in der Mittelhand - ein Traum in Es-Dur, wie Mondlicht schimmernd und auch ohne jedwede Kenntnis des Titels den melancholischen Nachtgesang suggerierend.
Forsche Einwürfe
Dass die Präsenz des Konzertflügels zuvor die optische Geschlossenheit einer kleinen Besetzung gestört hatte, war der "Pulcinella"-Suite einziger Nachteil. Was klang, war famos: Schon die Sinfonia überraschte durch ihren Schwung und ihren charmanten, ja liebevollen Tonfall. Dazu gesellten sich forsche Einwürfe und hingebungsvolle Kantilenen, rhythmische Finesse und pittoresker Witz.
So meisterlich die Partitur auf die Einfälle barocker Meister konstruiert wurde, so unmittelbar, fröhlich und beherzt war nun ihre Ausstrahlung. Die Orchestersolisten hätten nach jedem Satz einen Sonderapplaus verdient gehabt: Die Konzertmeisterin für den zweiten, Posaune und Kontrabass für den siebten Satz, die Trompete fürs Finale; Oboen, Fagotte und Flöten sowieso, und ach, die Hörner erst!
Begeisterte Zuhörer
Nicht anders die Ausschnitte aus Prokofjews "Romeo und Julia". Um den zweiten Konzertteil mit der berühmtesten Liebestragödie aller Zeiten haben sich vor allem die Bläser verdient gemacht. In der wirbelnden Choreografie aus Orchesterfarben in herrlichen Nuancen, Stimmungen und Bildern drehten die Emotionen Pirouetten. Vom stampfenden "Tanz der Ritter" über den leidenschaftlichen Abschied der Liebenden bis zu "Julias Tod" herrschten größte Sorgfalt und Konzentration. Man scheute nicht die Schärfen des Klangs, hielt aber die Fortissimo-Passagen elastisch trotz aller Wucht.
So ging der Abend beim 3. Sinfoniekonzert im Anhaltischen Theater, nachdem er im Pianissimo verhallt war, im andauernden Beifall einer begeisterten Hörerschaft auf. Ein Abend, der keine realen Bilder brauchte, weil die Musik Vorstellung genug war: Ballett im Kopf und im Herzen.