25.01.2010, 21:32 | tags: Diverses 239
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 26.01.2010
Schnee liegt auf den Rosen
Konzert: Gitte Haenning und ihre Band waren im Anhaltischen Theater zu Gast
Die kleinbürgerliche Alternative zum küssenden Kuhjungen, der gehänselte Favorit der Frau Mama fürs Fräulein Tochter soll einst, im Jahr 1963, den Protest einer bayrischen Bahnbeamten-Vereinigung erregt haben. Sonst hielt sich der soziale Aufruhr, den Gittes erster großer Hit lostrat, in den Grenzen der Schlager-Begeisterung.
"Ich will 'nen Cowboy als Mann" sang Gitte, die längst als Gitte Haenning auftritt, auch am Freitag im Anhaltischen Theater, aber deutlich gekürzt und augenzwinkernd, mit einem fingerschnalzenden Vorspiel, als gelte es eine Jugendsünde lächelnd anzuzapfen. Ihr aktueller Cowgirl-Look tut dem kaum einen Abbruch. Das Ballonkleid scheint geerdet.
"Jetzt leb ich jeden Tag aus, jetzt trink ich jedes Glas leer": "Ich will alles" heißt ihre aktuelle Tour. 2002 war Gitte Haenning, die sich auch als Jazz-Interpretin einen Namen gemacht hat, schon einmal in Dessau, damals zum Kurt-Weill-Fest. "I'm a stranger here myself" hießen ihre "Songs für starke Frauen" in der Marienkirche. "Risse in der Seele, Make-up im Gesicht". Vielleicht. "Ich bin stark" singt sie im Theater mit einer in den Höhen athletischen, leicht brennenden und in den tieferen Lagen erdig warmen, maßvoll anhänglichen Stimme.
Dass die Lieder, deren Textdichte und -schwere nicht immer von grübelnder Tiefe künden, plötzlich doch wie aus leichter Hand illustrierte Geschichten aufblättern, ist auch den neuen Arrangements und der neuen Band zu danken. Bläser, Geige, Bass, Gitarre, Drums, Percussion und Klavier, so richtig aus Holz und Guss: 13 Musiker gehören zur Band, die mit dem lustvollen Herzblut einer rockig, poppigen Big-Band so spielfreudig wie routiniert musiziert. Der Saxophonist und Arrangeur Friedemann Matzeit spielt Klavier und dirigiert zuweilen. Er hat die Lieder lust- und kunstvoll arrangiert. Und Gitte lässt den Musikern Platz für viele schön skizzierte Soli.
"Ich hab' die Liebe verspielt in Monte Carlo": Die alten Ohrwürmer gibt es entstaubt und herrlich gegen den Strich gebürstet en gros und in Kürze als Medley. So hält sie sich die Treue und kann getrost eine andere sein. So wird auch die Erinnerungslust des Publikums bedient und angenehm, mit leicht ironischer Distanz in die Gegenwart getragen. Das ist wirklich recht pfiffig gemacht. Ausgespielt und ausgesungen werden meist die Stücke, die man nach dem ersten Karriere-Knick, als Gitte fortan Gitte Haenning auf ihre Alben drucken ließ, ansiedeln kann. Da sind die Webber-Songs für das One-Woman-Musical "Tell me on a sunday". Kennen Sie nicht? Kennen Sie doch. "Freu dich bloß nicht zu früh" gehört in die Geschichte der Frau, die sich betrogen wähnen darf, oder eben "Bleib noch bis zum Sonntag".
So lange bleibt Gitte Haenning nicht auf der Bühne des Anhaltischen Theaters. Aber in toto singt sie gute zwei Stunden für das zahlreiche Publikum. Manchmal ein wenig kokett auf Diva und immer mit einem Schuss Ironie, aber auch mit routinierter Leidenschaft und ziemlich viel Kraft. Sie ist stark und singt es am Ende auch: "Ich stieg zu den Sternen, bis die Leiter brach". Mag die Himmelsstiege knicken, mögen Seifenblasen fliehen, Gitte sitzt fest auf dem Hocker auf der Bühne. Der Titelsong beteuert: "Ich fang den Augenblick ein, denn ich bin frei und will alles". Und was will man mehr?
