27.01.2010, 21:43 | tags: Musiktheater 241
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 28.01.2010
Eine Göttin unterm Turnhallendach
Theater: Probenzeit für das Weill-Musical «One Touch of Venus» hat begonnen
Venus steigt die Treppe hinab und Withelaw Savory ist durchaus angetan. Aug in Aug mit einer leibhaftigen Göttin, da bliebe wohl jedem Mann die Spucke weg. Im konkreten Fall erwischt es Ulf Paulsen. Dabei ist die frühere Turnhalle in der Oechelhaeuser Straße gar nicht der rechte Platz für einen göttlichen Auftritt. Hier aber befindet sich nun einmal die Probebühne des Anhaltischen Theaters, und hier fanden schon Ende vergangenen Jahres die ersten Treffen des Ensembles statt, das am 5. März "One Touch of Venus" zur Premiere im Theater bringen wird. Am zweiten Wochenende während des 18. Kurt Weill Festes hat das Musical des in Dessau geborenen Komponisten seine erste Vorstellung.
Ein Musical mit allem, was zu diesem Genre gehört, will Regisseur Klaus Seiffert an diesem Abend auf die Bühne bringen. Dafür versammelt er zunächst einmal ein junges, spielfreudiges Ensemble. Ute Gfrerer ist in der Hauptrolle zu sehen. Bereits im vergangenen Jahr feierte sie das Publikum des Weill-Festes in "Die sieben Todsünden" in der Rolle der Anna. Gleichermaßen als Gast am Haus ist Ulrike Mayer zu erleben, die Sekretärin Molly ist ihre Rolle. Die Herzen der Zuschauer eroberte die Mezzosopranistin bereits in der Operette "La Pericole". Und der Mann zwischen diesen beiden Damen ist in dieser ersten Probenszene schließlich Ulf Paulsen, ein blasierter Kunstsammler. Friseur Rodney, gespielt von Angus Wood, erweckt dessen neueste Errungenschaft, eine Venus-Statue, zum Leben, weil er ihr einen Ring auf den Finger steckt.
Auf der Probebühne lässt Klaus Seiffert das Trio Venus, Molly und Savory nun aufeinander treffen und sagt klar, was er sehen will. "Das Denver-Clan-Prinzip - je strahlender wir lächeln, desto bösartiger sind wir", ist seine klare Regieanweisung für Ulrike Mayer, die Venus fortan herrlich schnippisch angiftet. Die Konstellation birgt wahrlich Zündstoff für eine ganze Reihe von herrlichen Verwicklungen und Missverständnissen. Nicht umsonst gehört "One Touch of Venus" zu den erfolgreichsten Werken Kurt Weills, die dieser in Amerika schuf. Nachdem die musikalische Komödie 1943 ihre Uraufführung in New York hatte, folgten mehr als 560 Aufführungen. Bis heute gehören die daraus stammenden Songs wie "Speak Low" und "That's Him" zu den Standards der großen klassischen amerikanischen Songs.
"Solche Stücke sind aber auch schwer zu machen", weiß Regisseur Seiffert. Tanz, Spiel, Singen, Komik, Slapstick zählt er auf. "Jeder muss alles machen und können." Für Seiffert ist das Musical, das der szenische Beitrag des Anhaltischen Theater zum diesjährigen Weill-Fest ist, eine "Komödie mit Biss und wunderbarer Musik". Er vergleicht das Stück ein wenig mit dem "Sommernachtstraum", denn "jeder will den, den er nicht bekommen kann". Der Witz des Textes von Ogden Nash sei auch in den Übersetzungen erhalten geblieben. Allerdings habe man sich entschieden, bei den Songtexten im Englischen zu bleiben. "Damit sind wir näher am Original dran. Wir werden in den Choreografien einiges an gespielten Witz umsetzen", erklärt der Regisseur.
Für Klaus Seiffert ist es das erste Mal, dass er ein Werk von Kurt Weill inszeniert. Umso mehr hat ihn überrascht, wie gut vorbereitet seine Darsteller an die Arbeit gingen. "Es ist erstaunlich, was die Leute hier alles über Weill wissen, aber es ist ja auch seine Geburtsstadt und der Ort des Festivals", sagt er. Zu diesem Wissen geselle sich eine große Spielfreude, die man den Solisten schon bei dieser frühen Probe anmerkt. Und James Holmes, der amerikanische Dirigent, steht dem am Klavier in nichts nach.
Parallel zur Arbeit mit den Solisten, hat sich längst auch das Ballett zusammengefunden, um mit Choreograph Maria Mariano die Choreografien einzustudieren. "Es gibt Szenen, da tanzen 24 Leute", verspricht Seiffert, der für die Produktion zehn Musical-Absolventen aus Berlin gewinnen konnte. Mit dem Chor des Theaters dürfte das Stück fürwahr "recht opulent" werden, wie es der Regisseur im Sinn hat. Drehbühne und Versenkungen will er nutzen, das volle Programm also für eine musikalische Gattung, die nach all diesen Zutaten lechzt. Und mit großen Gefühlen wie Liebe, Eifersucht und Geltungssucht bedient "One Touch of Venus" schließlich auch alles, was ein gutes Musical braucht. Klaus Seiffert wird in wenigen Tagen wieder in Dessau eintreffen und dann nicht mehr nur auf der Probebühne in der Oechelhaeuser Straße, sondern auch auf der großen Bühne weiter den Zauber der Venus entfalten, damit ihm am 5. März auch das Publikum bei der Premier erliegt.
