Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 28.01.2010
Christian Weise inszeniert Kleist in Dessau / Morgen ist Premiere
Die alte Geschichte und heutige Verhältnisse
Geschichten erzählen ist eigentlich das Urding, warum und wozu überhaupt Theater gemacht wird. Eine wohl fundamentale Aussage, die Christian Weise formuliert.
Und: „Wir versuchen unsere Geschichte so spannend wie möglich zu erzählen!“ Christian Weise ist Regisseur (37), zu Hause in Berlin, und inszeniert am Anhaltischen Theater Dessau das Schauspiel „Die Familie Schroffenstein“ von Heinrich von Kleist. Die Premiere findet am Freitag, dem 29. Januar, um 19.30 Uhr im Großen Haus statt.
Der Regisseur bringt den Inhalt auf den Punkt: Zwei Familien, die eigentlich eine sind, machen sich gegenseitig fertig. Die tragisch endende „Romeo-Julia- Geschichte“ und die Rachegeschichte mit Neid und Eifersucht, eigentlich aus einem Missverständnis heraus, sind tragende Säulen des Stückes.
Während Kleist dieses Stück als Ritterstück im Mittelalter angesiedelt hat, überträgt es Christian Weise in die Heutezeit, „auf unsere Dessauer Verhältnisse“. Damit „bedient“
diese Inszenierung im Kontext mit dem Dessauer Gesamttheatermotto der Spielzeit 2009/2010, „Offenes Land“, das Schauspielthema „radikal deutsch“ recht trefflich.
Aktuell bekannt gewordene Vorgänge wie die von einem ein ganzes Dorf beherrschenden
Familienclan oder von einem Rentner, der die Nachbarfamilie terrorisiert, schließlich Vater und Sohn totschlägt oder viele „scheinbar kleine tägliche Verhaltensweisen waren und sind gedankliche Anregungen für Christian Weise.
Er schöpft natürlich auch aus seinem gut 20-jährigen vielgestaltigen Leben im und mit dem Theater und aus dem sich ebenso entwickelten gesunden Selbstvertrauen.
Keine Gedanken gemacht, ob es klappen wird
„Das alles ist allmählich gewachsen“ erzählte er. In Eisleben als Pfarrerssohn geboren, schloss er die 10. Klasse ab, machte in Erfurt 1991 auch sein Abitur. Bereits mit 17 Jahren hat sich Christian Weise erfolgreich an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin beworben. Im Fach Puppenspiel, „weil in Erfurt 1986 das Puppenspieltheater eröffnet wurde und ich diese Sache ganz toll fand“. Er
hätte sich auch eine Tischler- oder Schneiderlehre - an der Oper vorstellen können.
Bereits im zweiten Studienjahr habe sich an der Hochschule „eine Truppe zusammengefunden“ mit vielen eigenen Ideen, die offensichtlich so gut war, dass sie Peter Eschberg komplett an das TAT (Theater am Turm Frankfurt/ Main d. A.) engagiert hat.
Zwischenzeitlich hat Christian Weise zahlreiche Rollen als Puppenspieler und Schauspieler an verschiedenen Häusern erfolgreich gespielt.
2002 war in Frankfurt dann Schluss: Kein Geld mehr von der Stadt. Trotz oder gerade wegen des Erfolges haben sich bei den Einzelnen „die künstlerischen Wege extrem verselbstständigt“. Christian Weise wagte einen „Neuanfang“. Da er eigentlich auch keine Lust hatte, sich bei neuen Ensembles zu bewerben, wurde er selbstständiger Regisseur.
„Eine Befreiung gewissermaßen“, wie er rückblickend resümiert.
Und fast wie zufällig waren da auch gleich zwei Inszenierungsangebote in Halle („Der Sturm“) und am Nationaltheater Mannheim („Iphigenie in Aulis“). „Doch ob es auch weiterhin immer so klappen würde, darüber habe ich mir damals eigentlich keine Gedanken gemacht“, erzählt Christian Weise. Und er hat sich bis jetzt auch keine machen müssen. Ein auszugsweiser Blick in die Inszenierungsliste und in Rezessionsauszüge bestätigt Vielfalt und Qualität „Maria Stuart“ (Stuttgart, 2003), „Arsen und Spitzenhäubchen“ (Halle, 2005), „Biedermann und die Brandstifter“ (Salzburger Festspiele und Zürich,
2007), „Volpone / Ben Jonson / Soeren Voima“, (Köln 2007), „Alice Under Ground“ (Ballhaus Ost Berlin , 2009)
Es wird zu 100 Prozent Kleist sein
Und nun in Dessau eine Kleist-Inszenierung. In einer Stadt, „in der ich vorher noch nie war und von deren monumentalem Theater ich auch nichts wusste“. In einer Stadt, die ihm den ersten Eindruck vermittelte: Hier ist eigentlich gar keine richtige Stadt. Aber es wohnen Menschen hier, deren Lebensumstände er mehr und mehr kennenlernte, „die für meine Arbeit interessant sind“.
Sein künstlerischer „Gang nach Dessau“, den Christian Weise keinesfalls bereut, wurde durch die Dramaturgin Maria Linke, mit der er schon seit Jahren zusammenarbeitet, bereitet. Das Stück „Schroffenstein“ wurde nach Studium mehrerer Werke von Christian Weise vorgeschlagen und in das Programm aufgenommen. Diese Entscheidung wurde etwa Weihnachten 2008 getroffen. Geprobt wird seit Mitte November 2009. „Mit einer Truppe in guter Mischung vom Alter her, die alle sehr viel Lust haben“, freut sich Christian Weise über die gut vorangehende gemeinsame Arbeit.
„Und es wird 100 Prozent Kleist sein, auch wenn es heute spielt, weil zeitlos aktuell“, Christian Weise nimmt den Zuschauern Ängste vor eventuell vermuteter, „aus Prinzip aufgezwungener Aktualisierung“.
Die nächsten Aufführungen nach der Premiere sind am 31. Januar und 13. Februar, jeweils um 17 Uhr.