Mathias Wiedemann, Schweinfurter Tagblatt, Kulturbeilage 2/10, 29.01.2010
„AUS DEM GEIST DES WERKES ARBEITEN“
Interview: André Bücker, neuer Intendant des Anhaltischen Theaters Dessau
André Bücker ist seit der Spielzeit 2009/2010 Nachfolger von Johannes Felsenstein als Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau, das seit fünf Jahren regelmäßig in Schweinfurt gastiert. Der Regisseur der Händel-Oper „Serse“, die in Januar viermal hier zu sehen war, im Gespräch über die Lage der städtischen Theater in Zeiten der Krise, die Neuausrichtung in Dessau und das Glück, Opern zu inszenieren.
Das Gespräch führte Mathias Wiedemann.
Frage: 2010 ist angekündigt als großes Jahr der Schmerzen für Theater und Museen. Längst kursieren Listen von Schließung bedrohter Häuser – was bemerken Sie davon in Dessau?
André Bücker: Der Druck ist natürlich immer da. Aber den kenne ich schon seit Jahren. Ich habe 1998 in Wilhelmshaven als stellvertretender Intendant angefangen, das war eine Landesbühne, und da gab es auch schon finanziellen Druck. In Halberstadt, wo ich dreieinhalb Jahre Intendant war, habe ich ständig damit zu tun gehabt. Und in Dessau ist es auch so.
Wie äußert sich das im Alltag?
Bücker: Wir arbeiten unter Haustarifvertrag-Bedingungen, das heißt, die Leute müssen in weniger Arbeitszeit für weniger Geld genauso viel, oder möglichst noch mehr, leisten wie vorher. Die finanzielle Situation ist insgesamt dramatisch. Aber es gehört natürlich zum Theatermachen dazu, gerade wenn man ein Stadttheater leitet, sich mit der Finanzierungslage auseinanderzusetzen.
Welche Möglichkeiten hat ein Intendant denn, außer für möglichst volle Häuser zu sorgen? Spielen denn Sponsoren eine Rolle?
Bücker: Ach, das hält sich in Grenzen. Dessau ist nun keine Region mit großer Industrie, das sind eher mittelständische Unternehmen. Dass man Partner findet, die in größerem Umfang Beiträge leisten, ist sowieso eher selten. Ich bin auch überzeugter Verfechter des deutschen Stadttheater-Systems, das von der öffentlichen Hand finanziert wird. Nicht, weil es bequem ist, sondern, weil es Möglichkeiten eröffnet. Und natürlich auch, weil man dadurch günstige Eintrittskarten für Alle anbieten kann. Es wird ja bei den Diskussionen gerne vergessen, dass das ja ein Hauptanliegen dieses Systems ist.
Was bedeutet das aber für den Intendanten?
Bücker: Ich glaube, man muss das Ganze künstlerisch lösen. Man muss sich mit dem legitimieren, was man tut. Man muss die Leute ins Theater bringen und begeistern. Man muss das Theater kommunizieren in eine Stadt, man muss sich aber auch als Teil dieses Ortes begreifen. Wir dürfen uns Experimente leisten, wir müssen aber die Leute erreichen. Und wenn man das überzeugend tut, muss einem um die Zukunft nicht unbedingt bange sein.
A propos Kommunikation: Zu Ihrem Amtsantritt 2009 steht auf der Internet-Seite des Theaters eher lakonisch, Sie hätten das Haus künstlerisch neu ausgerichtet, vor allem mit personellen Neubesetzungen. Es wäre jetzt nicht so spannend, die obligatorische Frage nach Ihrem Vorgänger Johannes Felsenstein zu stellen. Aber was bedeutet „Neuausrichtung“ denn konkret?
Bücker: Das ist ein personeller Neuanfang, wie er bei einem Intendanten-Wechsel durchaus üblich ist. Besonders, wenn ein Vorgänger sehr, sehr lang im Amt war – Felsenstein war 18 Jahre da. Da haben sich dann einfach Strukturen gebildet, die nicht mehr zeitgemäß sind. Aber dass mit dem neuen Chef auch neues Personal kommt, das gibt es ja auch in der Politik oder der Wirtschaft. Und mit dem neuen Personal kommen dann eben auch andere Schwerpunkte. Stichwort Kommunikation: Wir gehen anders auf die Leute vor Ort zu, wir machen viele Projekte um das eigentliche Bühnengeschehen herum, um die Dessauer auf allen Ebenen anzusprechen. Das gab es vorher so nicht.
In Dessau wurde immer alles auf Deutsch gesungen. Wird sich das ändern?
Bücker: Das ändert sich! Wir werden etwa italienische Oper in Originalsprache machen. Das erklärt sich eigentlich von selbst, das ist musikalisch notwendig, das hat eine ganz andere Kraft.
Dessau hatte seit einigen Jahren ein Kooperationsmodell mit der Ballett-Compagnie von Gregor Seyffert – die war auch in Schweinfurt zu sehen. Gibt es diese Kooperation noch?
Bücker: Nein, diese Kooperation besteht nicht mehr. Das hängt auch mit dem Intendanten-Wechsel zusammen. Es gibt jetzt einen neuen Chef-Choreografen, Tomasz Kajdanski, der zuletzt in Eisenach große Erfolge gefeiert hat. Er macht unglaublich sinnliches und hochenergetisches Ballett mit klassischer Formensprache aber auch modernen Ansätzen. Und er ist ein großer Geschichtenerzähler. Seine erste Premiere mit „Lulu“ war ein fulminanter Erfolg. Dessau ist ein Theater mit großer Tanz-Tradition, und an die knüpft der neue Ballett-Direktor an.
Seit einigen Jahren gastiert Dessau immer wieder in Schweinfurt – bedeutet Ihr Besuch hier, dass diese Kooperation fortgesetzt wird?
Bücker: Wir wollen, dass diese erfolgreiche Kooperation, die jetzt ins fünfte Jahr geht, weitergeht. Das wäre schön.
Welche Bedeutung haben Abstecher für Sie – müssen oder wollen Sie die machen?
Bücker: Wir sind ja eigentlich kein Abstecher-Theater, sondern ein klassisches Stadttheater. Das heißt natürlich, dass wir einen Großteil unserer Vorstellungen zu Hause spielen. Aber es ist natürlich immer schön für Künstler, wenn sie mal rauskommen, und auch mal erleben, wie das Publikum woanders reagiert. Und dann ist das natürlich auch finanziell interessant.
Bringen denn solche Ausflüge finanziell etwas?
Bücker: Na ja, es muss sich insofern lohnen, als man nicht draufzahlt, das ist klar. Das große Geld verdient man damit nicht, aber es ist für beide Seiten gut. Es bleibt was fürs Theater über, und es ist schön für die Künstler. Wir machen allerdings nur wenige, ausgesuchte Gastspiele, weil es allein von der Dimension der Dessauer Bühne her schwierig ist, woanders aufzubauen.
Die Bühne in Dessau ist riesig.
Bücker: Ja, Dessau ist ein riesiges Theater, da schließen sich viele Projekte außerhalb von vorneherein aus. Aber für Bühnen, mit denen wir eine längere Zusammenarbeit haben, finden wir immer eine Lösung und passen schon mal ein Bühnenbild an.
Welche Rolle spielen die neuen Medien? Im Internet-Forum des Theaters wird ja ziemlich rege diskutiert.
Bücker: Das schaue ich mir natürlich an. Ich will ja wissen, was die Leute denken. Es ist überhaupt das Schönste, wenn die Menschen teilnehmen an dem, was in ihrem Theater passiert. Das Dessauer Theater ist in seiner 215. Spielzeit, die Menschen hier sind mit ihrem Theater verbunden, und das spürt man natürlich auch. Das ist wunderbar. Aber natürlich gibt es kontroverse Meinungen. Das Ding, das alle toll finden, ist noch nicht erfunden. Das schlechteste Theater ist das, das allen egal ist.
Sie stammen aus Niedersachsen – wie sind Sie in Dessau aufgenommen worden? Gibt es noch eine Ost-West-Problematik?
Bücker: Das habe ich nicht so empfunden. Viele wissen auch gar nicht mehr, dass ich aus dem Westen komme. Ich bin schon sehr lange im Osten unterwegs. Ich habe fürs Kunstfest Weimar gearbeitet in den 90ern. Ich war seit 1999 ständig als Regisseur in Theatern im Osten. Ich war dreieinhalb Jahre im selben Bundesland schon Intendant. Ich kenne die Mentalität der Leute und bin sehr gerne hier. Mich interessiert diese Kulturlandschaft, und ich glaube, es ist wichtig, dass die Leute das spüren.
Wir haben gerade ausgiebig 20 Jahre Mauerfall gefeiert. Ist die deutsche Teilung noch ein Thema? Begreifen sich die Leute noch als Ossis oder eben Wessis?
Bücker: Es ist schon noch ein Thema, weil man den Unterschied eben immer noch deutlich merkt. Die Brüche in den Biografien der Menschen und in den Geschichten der Städte manifestieren sich sehr deutlich. Die Sozialisation in der DDR war einfach eine deutlich andere, und das spürt man nach wie vor.
Ist das noch ein Thema fürs Theater?
Bücker: Wir haben das mit einem großen Projekt in der Stadt thematisiert, wo wir die Bürger befragt haben – wie war das, was waren die Vorgänge in Dessau zu Wendezeiten? Und wir haben vor allem gefragt, wie ist es heute? Was wissen die Nachgeborenen von der DDR? Und damit verbunden die Frage, wofür würden heute 18-Jährige auf die Straße gehen? Was bedeutet Freiheit, die Möglichkeit, seine Meinung sagen zu dürfen?
In Schweinfurt war Ihre „Xerxes“-Inszenierung zu sehen. Welche Rolle spielt für Sie als Regisseur die Musik?
Bücker: Eine gewaltige natürlich. Ich bin ein großer Händel-Fan. Ich habe drei Opern von ihm inszeniert. Diese barocke Form ist ja sehr speziell. Die ganzen Wiederholungen – da muss einem ja auch was dazu einfallen. Das sind ja nicht durchgängige psychologische Vorgänge. Sondern die Rezitative bringen die Handlung voran, und die Arien erklären die Affekte, also die Emotionen. Aber genau diese Form reizt mich sehr.
Wie knacken Sie diese Statik?
Bücker: Ich erfinde Vorgänge.
Sie erfinden Vorgänge?
Bücker: Ja. Die Geschichte ist ja vorhanden, und man muss die Vorgänge, die in den Rezitativen stattfinden, mit Leben füllen und dann für die Arien auch noch eine Form finden. Ich mache dann eine durchgängig erzählte Geschichte daraus.
Also die Zeit bleibt nicht einfach während der Arien stehen?
Bücker: Genau das eben nicht. Vielleicht könnte man „psychologisieren“ dazu sagen. Mich interessiert einfach, was die Figuren antreibt. Ich will sie in ihren Nöten begreifen – die leiden ja alle.
Sonst wäre es ja auch keine Oper.
Bücker: Eben. Man kann sich natürlich hinstellen und in der Arie diesen einen Satz in 40 wunderschönen Variationen singen. Und ich will dem Sänger einen Grund geben, warum der das eben 40 mal singt. Er singt das ja nicht nur, weil es schön ist.
Ihr „Xerxes“ ist eine komplett durchgestylte Inszenierung. Wie sehr nimmt der Regisseur Einfluss auf den Look einer Aufführung?
Bücker: Sehr stark natürlich. Man sucht sich als Regisseur einen Bühnenbildner zu dem Gedanken, den man für das Stück hat. Man arbeitet dann gemeinsam daran, und wie es dann letztlich aussieht, ist Ergebnis einer Entwicklung. Die Ästhetik spielt eine große Rolle. Und in einer Barockoper ist natürlich der Style sehr wichtig, auch wenn die Kostüme modern sind.
Machen Sie lieber Musik- oder lieber Sprechtheater?
Bücker: Ich mag beides wahnsinnig gern. Ich bin ja erst später zum Musiktheater gekommen. Das ist eine völlig andere Arbeitsweise als beim Sprechtheater. Im Musiktheater ist sehr viel vorgegeben. Der größte Unterschied ist: Im Sprechtheater muss man sich die Zeit erfinden. In der Musik ist sie da. In der Musik liegen auch schon die Stimmungen.
Da kann man nicht einfach gegen an inszenieren.
Bücker: Das geht in den meisten Fällen extrem schief. Im Schauspiel muss man das alles erfinden. Da kann man Figuren auch mal gegen die Strich bürsten oder anders besetzen, als sie im Textbuch stehen. Man ist wesentlich freier. Aber es ist auch anstrengender als Oper, wo man dieses wunderbare Gerüst der Musik hat. Aber ich glaube, ich bin jemand, der sehr aus dem Geist des Werkes arbeitet und sich sowieso auf die Musik einlässt. Das gilt aber auch für das Schauspiel: Ich arbeite sehr aus den Texten heraus.