Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 02.02.2010
Tanzgeschichten machen die Runde
Ballettmitglieder der vergangenen Jahrzehnte treffen sich in großer Runde und erinnern sich
Es gibt Küsse und Umarmungen, Erstaunen und manchmal auch eine Freudenträne zum Wiedersehen. Vor allem aber gibt es jede Menge Gesprächsstoff, als sich am Sonnabend im Anhaltischen Theater Tänzerinnen und Tänzer wiedersehen, die in den vergangenen Jahrzehnten im Ballettensemble getanzt haben.
Kaum ist an diesem Tag der Schlussapplaus für die Ballettaufführung von "Lulu" verklungen, da sammeln sich Männer und Frauen im Bühnenbild. Die jungen Tänzerinnen und Tänzer dürfen diesmal noch nicht in die Garderoben zum Umziehen und Abschminken. Eine große Menge formiert sich für ein Gruppenfoto.
Ines Becker dirigiert die Frauen und Männer, Margit Kraska steht mitten in der großen Gruppe. Die beiden ehemaligen Tänzerinnen sind die Organisatorinnen dieses großen Treffens und haben auch währenddessen alle Hände voll zu tun. Namenszettel werden verteilt, auf einer Liste wird abgestrichen, erst nach der Vorstellung im Theaterrestaurant kommen sie ein wenig zur Ruhe und können sich über Blumen freuen, die es von Tanzkolleginnen als Dankeschön gibt.
"Es sind um die 80 Teilnehmer", sagt Ines Becker, die im Künstlerischen Betriebsbüro des Theaters arbeitet. Sie blickt zufrieden in die Runde. Schnell waren an diesem Abend im Restaurant die Tische zusammengeschoben - und nun sitzt man - nahezu nach Jahrzehnten getrennt - und tauscht sich aus. "Das mischt sich später noch", ist Margit Kraska sicher. Vorerst aber gibt es eine Runde mit Tänzern, die in den 1960er Jahren in Dessau engagiert waren, die 70er bilden eine Gruppe und auch die aus den 80er Jahren.
Nur für Erika Müller gibt es keinen Extratisch. Müller ist mit 82 Jahren die älteste Teilnehmerin. Als Erika Brandes tanzte sie gleich nach Kriegsende auf der Dessauer Bühne, heiratete den Regisseur Werner Müller und lebt noch heute in der Stadt. Wann immer es geht, besucht sie auch heute noch Vorstellungen im Anhaltischen Theater. "Das Ballett war ganz fantastisch choreografiert", lobt Brandes die "Lulu" .
Nur ein paar Meter entfernt, sitzt ein junger Mann, der selbst über Jahre hinweg das DessauBallett leitete: aus Magdeburg, seiner derzeitigen Wirkungsstätte, ist Gonzalo Galguera angereist. "Dieses Treffen ist eine Super-Idee", findet er. "Ich staune, wie viele Generationen hier zusammen gekommen sind." In der "Lulu" sah er "sehr gute Tänzer, alles war sehr stimmig, man erkennt eine Handschrift".
Ingeborg Rothe ist derweil damit beschäftigt, Fotos von Inszenierungen herumzureichen. Programmzettel aus den späten 1960er Jahren liegen in ihrer Runde auf dem Tisch. Es wird viel gelacht. Und immer wieder hört man den einen Satz: "Weißt Du noch...?" Im Theater blieb am Sonnabend viel Zeit, um darauf eine Antwort zu finden.