26.02.2010, 20:20 | tags: Finanzen 297
Heidi Thiemann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 27.02.2010
Menschentraube gegen Kahlschlag
Beim «Protest vor dem Fest» vorm Anhaltischen Theater wenden sich Hunderte gegen Sparpläne der Stadt
"Geisterstadt Dessau", "Unkultur ist teuer - Die Landestheater Sachsen-Anhalt", "Kulturlos - mutlos - hilflos", "Südschwimmhalle", "Tierpark", "Weltkulturerbe", "Bürgerbüros", "Kultur macht reich - Fritz Hesse 1925, Meisterhausverein" - wohin das Auge am Freitagnachmittag vorm Anhaltischen Theater blickte: Es sah eine Menschentraube und dutzende Transparente. Etwa 500 Menschen protestierten gegen die Sparpläne der Stadt. "Es geht nicht nur um das Theater", sagte Intendant André Bücker bei der "inoffiziellen Eröffnung" des Kurt-Weill-Festes, "sondern um mehr: Was die Stadt lebenswert macht und Grundlage für das Gemeinwesen ist."
"Was wäre Sachsen-Anhalt ohne Dessau-Roßlau? Ein Land ohne Bauhaus. Ein Land mit halbem Gartenreich. Ein Land ohne Weill und Junkers. Ein Land, dem seine größte Bühne fehlen würde. Sachsen-Anhalt braucht Dessau-Roßlau", erklärte Schauspielerin Silke Wallstein. Sie gehört zu den Unterstützern von "Land braucht Stadt - Ja zu Dessau-Roßlau". Die Initiative fordert die Politik auf, einen Dialog mit den Bürgern zu führen. "Wir erwarten, dass Sachsen-Anhalt sich auch künftig zu Dessau-Roßlau bekennt. Nicht allein mit Worten. Dann sind wir Bürger bereit mitzutun." Gegen den angedrohten Kahlschlag hat die Initiative innerhalb von 24 Stunden bereits an die 850 Unterschriften gesammelt.
Wie groß die Sorge um die städtischen Kürzungspläne und deren Auswirkungen sind, machten die vielen Protestnoten deutlich, die verlesen worden sind. Ob Liborius-Gymnasium, Philanthropinum, Sekundarschule Kreuzberge oder die Schule an der Muldaue, in der körperbehinderte Kinder lernen, sie alle befürchten einen Verlust, denn die Zusammenarbeit mit dem Theater ist mittlerweile eine lieb gewordene Tradition.
Solidarisch mit der Dessauer Bühne zeigen sich Theater aus allen Teilen Deutschlands. Ob Deutsches Nationaltheater Weimar und Weimarer Staatskapelle, Theater Magdeburg, Altmark / Stendal, Neue Bühne Senftenberg, die Bühne der Stadt Gera und das Landestheater Altenberg, das Deutsche Theater und das Maxim-Gorki-Theater Berlin: Sie warnen vor einem Verlust an Lebensqualität und einem verheerenden Flurschaden für das öffentliche Leben. Vor allem besteht die Befürchtung, dass Dessau-Roßlau exemplarisch dafür steht, was in vielen anderen Städten noch droht. Weshalb den Demonstranten Mut zugesprochen wird. "Last euch nicht verarschen", heißt es aus Berlin.
Die Sorge um eine künftige Geisterstadt und einen großen Verlust verbindet auch die Fördervereine des Theaters und des Naturkundenmuseums. Ausgelöst nicht "durch eine Krise der Kultur, sondern der Finanzen", wie die Bundestagsabgeordnete Undine Kurth feststellt und deshalb einen Nothilfefonds für Kommunen fordert.
Scheinbar unbeeindruckt vom Protest bahnte sich Oberbürgermeister Klemens Koschig den Weg zur Eröffnung des 18. Kurt-Weill-Festes. Die Mitarbeiter der Verwaltung hatte er im Vorfeld wissen lassen, dass er weder den Ort noch den Zeitpunkt für eine solche Protestaktion als besonders glücklich gewählt hält. "Welchen Eindruck wollen wir denn der Weltöffentlichkeit präsentieren?" Finanzielle Sorgen, machte er dann in seiner Eröffnungsrede des Kurt-Weill-Festes deutlich, hätte es auch zu Weills Zeiten gegeben. Weill aber hätte nach neuen Möglichkeiten und Formen gesucht, um Zuschauer für die Häuser zu gewinnen. Doch auch das Kurt-Weill-Fest werbe um Unterstützung, die Kunst brauche.
