01.03.2010, 20:40 | tags: Kurt-Weill-Fest 303
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 02.03.2010
Stadtpläne der klassischen Moderne
Das MDR-Sinfonieorchester sorgt für einen Höhepunkt beim Weill-Fest
Zu einem perfekten Festival gehört immer auch jenes Gefühl leichter Überforderung, das man am Sonntag wieder in Dessau zu spüren bekam. Nachdem die Besucher des Weill-Festes im Georgium eine hinreißende Matinee mit Anne Simmering und Ulrich Pakusch erlebt hatten, die den Sternsingern prompt eine erneute Einladung für das kommende Jahr eintrug, traf man sich am Nachmittag in größerem Rahmen beim Konzert des MDR-Sinfonieorchesters im Anhaltischen Theater.
Spätestens am Abend aber hatte man die Qual der Wahl - zwischen dem umjubelten Auftritt von Annamateur und der Premiere des bezaubernden Schauspieler-Liederabends "Dein wildes Herz in meine Ruh". Dreh- und Angelpunkt des Festival-Geschehens aber war an diesem Tag dann doch die erneute Begegnung mit einem Klangkörper, der zu den Stammgästen beim Weill-Fest zählt.
Es war ein ausgesprochen klug programmiertes Konzert, mit dem die MDR-Musiker unter dem federnd eleganten Dirigat von Sian Edwards den musikalischen Stadtplan der klassischen Moderne imaginierten. Da war zunächst der Paris-Gesang von Frederick Delius, der den Puls der Metropole in ein fortwährendes Beginnen und Verklingen übersetzt. Dass dieses perkussiv gebrochene und von Bläserlichtern aufgehellte Klanggemälde mit seinem romantisch angerauten Violin-Solo freilich die gleiche Kommune meinte, die danach auch in George Gershwins "Ein Amerikaner in Paris" durchwandert wurde, wollte man kaum glauben.
Man mag den Blick der Neuen auf die Alte Welt oberflächlicher finden, unbekümmerter und sportiver kommt die mit dem Treibstoff des Jazz beschleunigte Klangmaschine allemal auf Touren. Es war nicht nur ein akustisches Vergnügen, dieser Tour de Force beizuwohnen, der massive körperliche Einsatz etwa bei den tiefen Streichern riss auch optisch mit. Dass dieses Passagenwerk, in dem sich die Champs-Élysées zum Broadway öffnet, perfekt für eine Überleitung zu Kurt Weills "Neuem Orpheus" eignete, war selbstverständlich.
Denn auch in dieser Kantate beschwört der Dichter Yvan Goll den Steckbrief des antiken Sängers ja vor dem Hintergrund des Eiffelturms, was Marisol Montalvo mit ihrem schlanken, klaren Sopran im perfekten Kontrast zu Waltraud Wächters Violin-Part rekapitulierte. Über Paukengrollen und Harfenglanz marschierte das Urbild des Künstlers dabei in jene großen Städte, die hernach auch für die von Wilhelm Brückner-Rüggeberg arrangierten "Mahagonny-Suite" Pate standen - allerdings in der bewussten Pervertierung eines falschen Paradieses, die vom MDR kulinarisch serviert wurde.
