02.03.2010, 22:35 | tags: Puppentheater
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung / Dessau-Roßlau, 03.03.2010
Gar kein Unglück: Ein Huhn überlebt die eigene Suppe
Im Puppentheater fliegt Hans Falladas «Unglückshuhn» gegen die menschliche Hackordnung an
Gallus gallus domesticus - Chicken run im Puppenhaus: Wie sie gackern kann, aus vollem Kropf, in allen Gefühlslagen, Uta Krieg, Herr der Hühner, quer gestreifter Zauberer. Und wie er, Helmut Parthier, groß karierter Geselle, majestätisch kleinwüchsig wird, großartig. Gut, er ist ein bisschen tollpatschig, reißt dem armen Zaubersuppen-Huhn Keule und Kopf vom Leib. Aber daran sind Gisela und Erika schuld.
"Das Unglückshuhn" aus dem Stall von Hans Fallada ("Geschichten aus der Murkelei") hatte am Sonntag Premiere im Puppentheater. Eva Kaufmann inszeniert den Geflügelblick auf die menschliche Hackordnung licht und flott, bedachtsam emotional und maßvoll clownesk. Kein Stroh im Stall, keine Kröte in der Hexenküche: Ausstatter Matthias Hänsel spielt zauberhaft unangestrengt mit Grundformen, Grundfarben und einigen grundsätzlichen Raffinessen.
Giselas Gold- und Erikas Silberei werden nicht schlicht zu Boden gelegt, sondern rollen zur Bewunderung über eine Apparatur. Wenn nun das Unglückshuhn sich donnerbalkengleich müht, läuft kein Ei durch den Dotter-Flipper. Grund genug für Erika und Gisela, ihr Mithuhn zu vertreiben. In den miesen Schlachten der Missgunst und durch tollpatschige Kollateralschäden verliert das Unglückshuhn im märchenhaften Dreierschritt Keule, Gefieder und Kopf. Zauberei im Suppentopf ergänzt die Verluste, mittels Gold, Silber und Edelstein, was vollends die Missgunst der Mithühner weckt. Und die Begierde des Hahns bleibt bleiern, bis der Kamm knickt.
Zum Glück ist die Prinzessin im anmutigen Schattenriss sterbenskrank. Nun leiht Parthier köstlich einem leeren königlichen Wams mit Füßen auf Bauchhöhe Kopf und Mund für die märchenhafte Ausschreibung: "Wer die Prinzessin heilen wird, der" usw. Das misslingt, obgleich Parthier so schön durch alle Heilmethoden tanzt, bis Adrian ein Süppchen kocht. Das Huhn überlebt die eigene Suppe und die Prinzessin gesundet daran. Die Mithühner würden gern bei Hofe bleiben, dürfen es auch, müssen aber - so geht es aufgebrachten Geringpickern, die in die falsche Richtung hacken - pro Tag zwei Edelmetall-Eier für ihr täglich Korn legen. Das Unglückshuhn ist glücklicher, geht zurück, vom Königs- in den Hühnerhof. Zauberei muss es also richten, auch wenn im Vorspiel der Bau der Tarnkappe so mitreißend misslingt, dass nicht einmal die Mitleids-Lüge unsichtbar bleibt.
Dieses Unglückshuhn ist up to date, weil es in die Hackordnung pickt. Diese besagt bekanntlich, dass im Hühnerhaus ganz oben sitzt, mindestens Vizehuhn wird, wer die schärfsten Schnabelhiebe austeilt, solange kein Bauer die Schlafstangen auf gleicher Höhe anbringt und das Futter breitflächig streut. Aber das hier ist ein Märchen mit edelmetallenen Eiern. Es behauptet gegen die Wirklichkeit so licht, so schlicht und schön, dass man es beinah glaubt: Auch wenn du nicht leisten kannst, was alle leisten wollen, bist du vielleicht ein tolles Huhn.
