Ilka Hilger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 06.03.2010
Letzter Einruf begeistert das zweite Mal
REIHE Unterhaltsamer Rückblick in die Theatergeschichte und Ausblick auf die Inszenierung „Des Teufels General“.
Die Poltes sind allgegenwärtig in der Stadt. Stolz hält Leo Polte VIII. das Dessauer Stadtmagazin in der Hand. Ein Bild seines Vorfahren prangt auf dem Titel, die Geschichte dazu widmet sich ganz dem Inspizienten-Clan, der in achter Generation am Anhaltischen Theater maßgeblich dafür sorgt, dass sich am Abend der Vorhang hebt.
Was ist ein Inspizient, was macht er, was denkt er, wie lebt er, wie blickt er auf die Stadt, auf das Theater. Zum zweiten Mal in dieser Spielzeit gab es darauf in dieser Woche Antworten im Foyer des Alten Theaters, wo der Schauspieler Gerald Fiedler seine Reihe „Der letzte Einruf!!!“ fortsetzte. Nachdem in der ersten Folge thematisch die Inszenierung „Die Familie Schroffenstein“ den Schwerpunkt setzte, widmete sich Polte dieses Mal der anstehenden Premiere von „Des Teufels General“, ein Schauspiel von Carl Zuckmayer, das am 26. März in der Regie von Wolf Bunge auf der großen Bühne gezeigt wird.
„Zum Spielen zu wenig und zum Schließen zu viel.“
Gerald Fiedler zur fürstlichen Bezahlung
Zuckmayer und sein General mussten sich freilich noch gedulden. Traditionell standen zunächst die Poltes und deren Familienchronik im dreigeteilten Abend im Mittelpunkt. Bedächtig nähert sich Leo Polte VIII. seiner eigenen Wirkungszeit und das ist gut so, gibt es doch für Gerald Fiedler viel zu erzählen aus 215 Jahren Theatergeschichte in Dessau. Knapp fasst er zusammen, was sein Urahn Leo Polte I. erlebte und geht in der Historie weiter zur Bossanschen Theatertruppe, deren Namensgeber von Leo Polte I. „zur Erheiterung aller Umstehenden“ zum Prinzipal der Dessauer Bühne ernannt wurde. Gut ging es mit Bossan damals freilich nicht, denn „er griff respektlos in aufgeführte Werke ein“, ein Unding für einen Inspizienten und einen Polte erst recht.
Parallelen aus der Geschichte
Fiedler plaudert kenntnisreich durch die Geschichte, wenn von 375 Talern im Monat die Rede ist, die der Fürst den Theaterleuten gibt, und es heißt „zum Spielen zu wenig und zum Schließen zu viel“, dann tun sich ganz von allein Parallelen auf und im Publikum gibt es bittere Lacher. Eben dies ist das Schöne an der Einruf-Reihe, sie gibt ihrem Schöpfer und Darsteller jedes Mal aufs Neue Gelegenheit, ganz aktuell zu reagieren. Den Seitenhieben auf Stadtpolitik, den liebevollen Sticheleien gegen die Kollegen – diesmal waren Souffleure Mode, denn, sie neigen dazu, sich hemmungslos zu überschulden“ - setzt Fiedler jedoch immer wieder genaueste Recherche entgegen. „Der letzte Einruf!!!“ kann so auch immer als höchst unterhaltsame und zugleich unaufdringliche Einführung in eine neue Inszenierung begriffen werden.
Ebenso hinreißend wie bei der ersten Auflage erzählte Polte auch diesmal wieder in Strophen gepackt die Handlung von „Des Teufels General“. Zum bekannten Schlumpf-Ensemble gesellte sich diesmal ein Playmobil-Held, eine selbst gebaute Junkers-Flughallenkulisse mal wieder war der Schnelldurchlauf pointiert gerafft, umso detaillierter erfuhren die Zuschauer von der Zuckmayer-Rezeptionsgeschichte am Dessauer Theater, die freilich nur ein paar Seiten umfasst, denn Werke des Sohns eines Weinkapselfabrikanten (auch das konnte man von Polte erfahren) wurden wenig gespielt. Nach „Der Hauptmann von Köpenick“1931, war „erst mal 61 Jahre Schluss mit Zuckmayer in Dessau“. Erst 1992 gab es wieder einen Hauptmann, 2007 „Katharina Knie“. Das Zirkusstück ließ Polte zur Quetschkommode greifen und ebenso hinreißend melancholisch wie Gerald Fiedler Sondheims „Send in the Clowns“ schon damals sang, tat er dies auch als Polte, denn „was der Fiedler kann, kann ich schon lange“.
Applaus für Gast
Singen konnte an diesem Abend jedoch nicht nur Fiedler, sein Gast, Schauspieler Jan Kersjes – vom Heimweh nach Köln gebeutelt durfte sich vom herzlichen Applaus für seine Lieder, seine Antworten auf Zuschauerfragen und seine kleine Lesung in den Arm genommen fühlen. Das hätte man allerdings auch Pianist Stefan Neubert gewünscht. Er und Polte sind ein köstliches Paar. Auf den letzten „Letzten Einruf“ dieser Spielzeit, wenn es erstmals um eine Oper, Verdis „Maskenball“ geht, darf man gespannt sein. Dann sollte es auch endlich ein Bier für den Mann am Klavier geben. Er hat es sich verdient.