28.03.2010, 21:58 | tags: Finanzen 374
Ulrike Wohlfahrt, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 29.03.2010
Anpfiff und Auftritt vorm Theater
Die Initiative «Land braucht Stadt» mobilisiert 400 Unterstützer für Protestzug vom Tierpark zum Theater
"Nicht nur Worte, sondern auch Taten"- das fordert die Initiative "Land braucht Stadt", allen voran Koordinator Uwe Weber, seit ihrer Gründung im Februar 2010. So nahm die Initiative den Welttheatertag zum Anlass, um zum wiederholten Mal auf die drohenden Kürzungen in Kultur und Sport aufmerksam zu machen. Hierfür forderte die Initiative alle Dessau-Roßlauer am Samstag zu einer Demonstration unter dem Motto "Anpfiff und Auftritt für Kultur und Sport in Sachsen-Anhalt" auf, die um 15 Uhr am Tierpark startete und über den Georgengarten zum Theater führte. "Wir haben ganz bewusst diese Eckpunkte gewählt, denn das sind unter anderem die Orte, die unter den Sparmaßnahmen leiden würden", erklärt Uwe Weber.
Der Wettergott meinte es mit den Demonstranten wohl nicht so gut, kurz vor Beginn der lang geplanten und gut organisierten Aktion zog sich der Himmel zu und es regnete kurzzeitig wie aus Eimern. Vielleicht verdeutlichte genau dieses Wetter aber auch die allgemeine Stimmung an den Tag, denn die Angst der Bürger vor der "Blut- und Tränenliste" wurde am Samstag besonders deutlich. Etwa 400 Menschen kamen, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen und sich mit der Initiative "Land braucht Stadt" solidarisch zu zeigen.
Vereine wie der PSV, Blau-Weiß Dessau, SV Dessau 05 sowie Mitglieder des Anhaltischen Theaters, aber auch sehr viele Privatleute schlossen sich der Demonstration an. "Ich bin vor allem stolz, dass so viele Generationen den Weg hierher gefunden haben", meint Uwe Weber. Da standen Jung und Alt dicht beieinander, um für die selbe Sache einzustehen.
Am Theater stoppten dann die Menschen und waren sehr gespannt auf das nun kommende Programm. Der Song "Let's get loud" von Jennifer López gab den Auftakt, bei dem die Cheerleader des SV Dessau 05 das Publikum mit ihren akrobatischen Künsten begeisterten. Das Lied war richtig gewählt, denn laut werden und sich bemerkbar machen, war das Ziel an diesem Tag. Auch die Trainerin der Cheerleader machte deutlich, welche Folgen die Sparmaßnahmen haben würden. "Wir bekamen bis jetzt immer Zuschüsse für die Meisterschaften unserer jungen Sportler. Wenn diese wegfallen, wäre die Teilnahme an solchen Veranstaltungen stark gefährdet", mahnt Andrea Hausdörfer.
Um die enge Verbindung zwischen Sport und Kultur zu verdeutlichen, traten dann einige Spieler von Blau-Weiß Dessau und Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie bei einem Fußballspiel gegeneinander an. Dabei zählte jedoch das Endergebnis nicht wirklich. "Es gibt doch keine schönere Möglichkeit, klar zu machen, dass Kultur und Sport untrennbar miteinander verbunden sind und sich gegenseitig von Nutzen sind", erklärt Uwe Weber und fügt hinzu: "Das ist doch mal ein richtig schönes Bild". Da stimmen ihm die Zuschauer zu, denn die feuern beide Teams eifrig an und können sich nicht entscheiden, welchem von beiden sie denn nun den Sieg gönnen.
Einer der vielen Demonstranten an diesem Tag war Lutz Schneider, der nach eigenen Aussagen ein richtig alteingesessener Dessauer ist und seit 30 Jahren ein begeisterter Kegler bei Grün-Weiß Dessau. "Ich bin aktiver Kegler und wir haben Mitglieder, die seit 50 Jahren dabei sind und sich auch sonst einfach mal auf ein Bier oder einen Kaffee treffen", erklärt Lutz Schneider. Außerdem macht er deutlich, dass die finanziellen Kürzungen massive Auswirkungen auf den Verein hätten. "Wenn die Kegelbahn schließen würde, wären auf einen Schlag mindestens 60 Prozent der Aktiven weg. Außerdem wurde unser Pachtvertrag bis zum Jahr 2024 verlängert und viele Mitglieder haben selbst Geld hineingesteckt. Es wäre also sehr unfair, wenn das alles umsonst gewesen wäre", erklärt Schneider.
Auch Wolfgang Wengel möchte seinem Protest an diesem Tag Ausdruck verleihen. "Wenn ich mir vorstelle, dass Museen, das Theater und andere Kulturstätten nicht mehr hier wären, dann wäre dies eine enorme Verschlechterung der Lebenssituation der Bürger." Allerdings macht er auch klar, dass die Stadt schon viel früher etwas hätte tun müssen. "Die finanziellen Probleme sind doch nicht erst seit Kurzem bekannt", gibt Wengel zu bedenken.
Manfred und Brigitte Gebhardt und ihre Bekannte Antje Berger haben den Weg ebenfalls zum Theater gefunden, denn auch sie empfinden die drohende Schließung von Sport- und Kulturstätten als Katastrophe. "Trotzdem hätten wir noch mehr Demonstranten erwartet , aber die meisten Menschen werden eben erst wach, wenn es zu spät ist", sind sich die drei einig.
"Natürlich wäre es schön gewesen, wenn noch mehr Bürger heute gekommen wären, aber ich bin zufrieden", meint Uwe Weber und fügt hinzu: "Die Bindekraft der Initiative und die Tatsache, dass wir in einem Monat schon so viel erreicht haben und so viele regionale und überregionale Unterstützer haben, macht mich stolz. Vor allem freue ich mich, dass sich Thomas Markworth, als Präsident der Kurt Weill Gesellschaft, und Oliver Deweß von Citynet unserer Initiative verschrieben haben. Hier zeigt sich, dass wir die Region als Ganzes erhalten müssen", erklärt Weber.
Dem kann auch der Obermeister Klemens Koschig nur zustimmen. Für ihn war es selbstverständlich, persönlich vor Ort zu sein. "Ich verstehe den Ärger der Menschen und ich finde es sehr gut, dass die Initiative solch eine Kraft und Bewegung freigesetzt hat. Nur so kommt man ins Gespräch", erklärt Klemens Koschig.
Umso enttäuschender ist es, dass lediglich zwei Stadträte der Demonstration beiwohnten, nämlich Robert Hartmann und Stefan Giese-Rehm. Trotzdem kamen an diesem Samstag Jung und Alt zusammen und alle waren einer Meinung: Nur wer aktiv ist und seine Meinung kundtut, kann auch etwas bewegen!
