29.03.2010, 20:51 | tags: Schauspiel 378
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 30.03.2010
Studie eines rasanten Absturzes
Wie ein Absturz aus großer Höhe aussieht, hat Harras schon oft gesehen: ein Treffer, ein Taumeln, dann reißt die Strömung ab und die Maschine fällt vom Himmel. Diesmal aber ist er nicht der siegreiche Beobachter, sondern der getroffene Verlierer: Er ist den falschen Feinden einmal zu oft auf die Füße getreten, hat den richtigen Freunden einmal zu oft geholfen - und nun wird er zum Opfer eines Spiels, das er nicht durchschaut.
Carl Zuckmayers Stück "Des Teufels General" hatte lange in den Schubladen gelegen, ehe es Frank Castorf an der Berliner Volksbühne wieder entdeckte - mit Corinna Harfouch in der Titelrolle. Tatsächlich braucht man wohl eine solche Ausnahme-Besetzung, um das Stück einem heutigen Publikum schmackhaft machen zu können. Ob sie am Anhaltischen Theater gefunden ist, konnte man am Ende der langen Premiere nur vermuten, weil Werner Eng nach einem furiosen Start gegen Ende dann doch die Kräfte verließen - krankheitsbedingt, wie der Ausfall der zweiten Vorstellung bestätigte. Dass der Gast mit seiner nervösen Körpersprache und seiner virtuosen Sprachbehandlung im Idealzustand freilich in der Lage sein dürfte, mehr als nur einen Hauch von Volksbühne nach Dessau zu bringen, scheint gewiss.
Zumal er hier auf ein Ensemble trifft, das sich mit großer Verve in seine Rollen stürzt. Dabei sind es zunächst die langjährigen Ensemble-Mitglieder, deren spielerische Disziplin und Genauigkeit überzeugt: Hans-Jürgen Müller-Hohensee als traurig-treuer Chauffeur Korrianke, der seinen Herrn wie ein Hund um Zuneigung bettelt und in diesem ausgebrannten Kerl tatsächlich noch ein Fünkchen Wärme findet. Karl Thiele gibt den Industriellen Mohrungen aalglatt und opportunistisch, Gerald Fiedler seinen Verschwörer Oderbruch zugleich verschlossen und integer - und Christel Ortmann als alternde Diva sowie Regula Steiner-Tomic als dienstbeflissene Spionin füllen ihre Figuren plausibel aus.
Die Jungen hat Regisseur Wolf Bunge in der Ausstattung seines langjährigen Mitstreiters Toto greller, grotesker gezeichnet - mit Ausnahme des Adjutanten Lüttjohann, den Matthieu Svetchine als Diener seines Herrn zwischen öffentlichem Gehorsam und privater Vertrautheit changieren lässt. Ganz anders Thorsten Köhlers obszöner Emporkömmling Pfundtmayer, Mario Janischs überforderter Held Eilers oder der sensible Hartmann des Jan Kersjes - lauter Leichen auf Abruf, denen im friedlichen Hinterland die Kriegsgewinnler wie der aalglatte Schmidt-Lausitz (Uwe Fischer) und der diplomatisch temperierte Pflungk (Sebastian Müller-Stahl) gegenübertreten.
Unter den Frauen fällt vor allem Susanne Hessel als Diddo auf, die Harras mit ihrer ebenso selbstbewussten wie bedingungslosen Hingabe noch einmal die Hoffnung auf Zukunft schenkt, ehe er in den Abgrund stürzt. Die beiden Schwestern Anne (Eva-Marianne Berger) und Pützchen (Ines Schiller) sind hingegen zwei Seiten einer BDM-Medaille: die Eine die fanatische Gläubige, die ihren Mann für sein tödliches Geschäft bewundert. Und die Andere die kühle Karriere-Kalkulatorin, die unter ihrer Uniform eine dünne Haut verbirgt. Antje Webers lebensklug-resignierte Olivia und Lisa Kudokes tapfere Bonnie liefern hier den Gegenbeweis der menschlichen Möglichkeit in unmenschlicher Zeit. Insgesamt eine Ensemble-Leistung, die darauf hoffen lässt, dass der Abend im Laufe der Zeit noch dichter wird.
