Dr. Kevin Clarke, http://magazin.klassik.com/konzerte/reviews.cfm?TASK=review, 06.03.2010
Dessau > Anhaltisches Theater - 05.03.2010
Amerikanischer Weill wird neu präsentiert > Ute Gfrerer als Titelheldin
'Speak Low When You Speak Love'
Soviel gleich vorweg: Kurt Weills Broadwaymusical 'One Touch of Venus', 1943 uraufgeführt mit Superstar Mary Martin als sexy Titelheldin (in einer Produktion von Hollywood-Legende Elia Kazan) war ein Riesenhit. Mehr noch, es war das erfolgreichste Musical Weills überhaupt, das es auf 567 En suite-Vorstellungen in New York brachte, anschließend mit Ava Gardner verfilmt wurde und einige der wunderbarsten Weill-Nummern überhaupt enthält: das verführerische 'Speak Low (When You Speak Love)', den rauschenden Walzer 'Foolish Heart', das freche 'I'm a Stranger Here Myself', die Comedy Nummern 'The Trouble with Women' und 'Way Out West (in Jersey)' und natürlich den bewegenden 'West Wind'. Ganz zu schweigen von zwei grandiosen Ballettsequenzen, die ursprünglich von Agnes de Mille choreographiert wurden, 'Forty Minutes for Lunch' über das betriebsame Chaos in Manhattan zur Mittagspausenzeit, in das Venus unverhofft stürzt, und 'Venus in Ozone Hights', wo der Titelheldin die Freuden des Unteren-Mittelklasse-Lebens nahe gebracht werden sollen – woraufhin sie sich verständlicherweise entschließt, doch lieber eine göttliche Statue zu bleiben.
Das Werk – mit einem Textbuch von S. J. Perelman und Ogden Nash, der auch die witzigen Liedtexte schrieb – spielt geschickt mit der bekannten Story der Statue, die zu neuem Leben erweckt wird (à la 'Schöne Galathée' bzw. 'Pygmalion') und mischt sie mit modernen Elementen à la ‚Sex and the City’. Während 'Venus' im anglo-amerikanischen Raum ein etablierter Klassiker ist, der regelmäßig gespielt wird (zuletzt u.a. bei Opera North in England), ist das Stück in Deutschland fast unbekannt, weil ja – laut herkömmlicher Meinung einiger angeblicher Fachleute – Weill sich nach dem Weggang aus Deutschland 1933 an den amerikanischen Kommerz verkauft habe und Musicals sowieso nichts taugten. Nun, die anglo-amerikanische Theaterwelt und Theater- bzw. Musikwissenschaft denkt da anders drüber (Gott sei Dank). Und erfreulicherweise die Intendanz des Anhaltischen Theaters Dessau auch, die 'One Touch of Venus' nun in Koproduktion mit dem Kurt-Weill-Fest der Stadt auf den Spielplan setzte. Soweit, so wunderbar.
Denn das Haus hat ein ausreichend großes Orchester, das man für Weills geniale Instrumentation braucht, es hat ein Ballett, was man für 'Venus' ebenfalls braucht. Und Dank der Unterstützung des Weill-Fests und der Weill Foundation konnten auch Gäste eingekauft werden für die Produktion, die ‚Erfahrung’ mit Musical und dem Stück haben. Darauf hatte, nebenbei bemerkt, die Weill Foundation in New York auch bestanden bei Vergabe der Aufführungsrechte. Es wurde sogar eine Repräsentantin nach Dessau geschickt, um die ‚Werktreue’ zu überprüfen.
High School Aufführung
Extrem unglücklicherweise sind durch die vielen Einschränkungen und Kontroll-Momente der Foundation in New York scheinbar alle innovativen Kräfte, die das Theater in Dessau sonst so schätzenswert machen, erlahmt. Und statt der famosen Hausregisseurin Andrea Moses, die kürzlich mit einem funkensprühenden 'Lohengrin' so beeindruckte, übergab man die Regie an Klaus Seiffert. Der ist zwar privat ein äußerst sympathischer Zeitgenosse, hat auch viel persönliche Erfahrung mit Musicals als Darsteller, aber seine Herangehensweise an die Kunstform ist – wirklich sehr zurückhaltend formuliert – derart bieder, dass diese kesse Geschlechterkomödie mit den vielen immer noch aktuellen Themen älter wirkt, als die 3000 Jahre alte ‚Anatolische Venus’, um die es geht. Das Bühnenbild wirkt, als wäre es Originalentwürfen von 1943 nachempfunden, ebenso die Kostüme. Nur: Was 1943 bei Mary Martin & Co. gut und schick aussah, das sieht hier einfallslos kopiert bei Ute Gfrerer als Venus und Angus Wood als Friseur Rodney Hatch aus. Von Glamour keine Spur. Kein Vergleich etwa mit Jerry Zaks’ Broadway-Neufassung von 'Guys and Dolls', die ebenfalls in einem 40er Jahre Ambiente spielen, aber das Vorbild auf viel brillantere Weise ins Heute übersetzen. So eine Übersetzung findet in Dessau nicht statt (Kostüme und Bühne: Imme Kachel), so dass die Produktion größtenteils aussieht wie eine High School Aufführung in Ozone Hights (um im Bezugsrahmen des Stücks zu bleiben). Das ist tragisch, weil dadurch viele der tollen Stellen des Stücks einfach im Leeren verpuffen: die Szenen, in denen es um Moderne Kunst geht, die Verbindung der antiken Welt der Götter (lächerlich banal umherhüpfend: das Ballettensemble des Anhaltischen Theaters in der Choreographie von Mario Mariano) mit den Gegenwart usw. usf. Nur einmal findet die Inszenierung zu wirklich packenden Bildern und Gesten, nämlich für die 'Ozone Hights'-Nummer, die ganz stilisiert getanzt wird – von den Studenten des Studiengangs Musical der Universität der Künste. Wenn die nicht gerade dazu verdonnert sind, dumm in der Gegend herum zu stehen (wie in der Eröffnungsszene), dann sind sie die eigentlichen Stars dieser Produktion, denn sie tanzen und singen so, wie ich das bei einem klassischen Broadwaymusical erwarte: mit Klasse und Leidenschaft und Witz und Sexappeal.
Schach matt
Wieso das Haus diese Studenten – von denen einige kürzlich den Bundeswettbewerb Gesang gewonnen haben – nicht für die Hauptrollen genommen hat, wo sie doch sowieso schon engagiert sind, ist mir ein Rätsel (Johanna Spantzel, Jörn Felix Alt, Maximilian Mann z.B. wären ein fabelhaftes Trio für 'Venus' gewesen). Immerhin: Haus-Heldenbariton Ulf Paulsen als Kunstsammler Whitelaw Savory schlägt sich wacker und mit Spaß an der Rolle, ist aber als Charakter nicht wirklich glaubhaft. Das gilt auch für den lyrischen Tenor Angus Wood aus Australien. Zwar produziert der etliche schöne Töne (besonders in 'Speak Low'), aber das Musicalidiom liegt ihm grundsätzlich nicht in der Stimme, stilistisch gesprochen. Ute Gfrerer als Venus trifft den Weill-Tonfall zwar in den musikalischen Nummern hervorragend (teils so, als sei sie eine 1:1 Kopie von Mary Martin), aber sie sieht in ihrer Kostümierung viel zu alt(backen) aus für einen antiken Vamp, dem die Männer reihenweise und seit Jahrtausenden zu Füßen liegen. Und sie ist viel zu steif. Das Verblüffende: Als ich Gfrerer nach der Vorstellung privat erlebte, erschrak ich, weil sie in Echt so viel besser aussieht und wie eine so viel quirligere Persönlichkeit hat als auf der Bühne in dieser Inszenierung. Wie konnte die Regie diese übersprudelnde Künstlerin nur derart Schach-matt setzen?
Immerhin war Gfrerer genauso wie der Dirigent der ausdrückliche Wunsch der Weill Foundation, die sonst die Aufführungsrechte nicht nach Dessau vergeben hätten. James Holmes ist der Mann, der 'Venus' bereits bei der (erfolgreichen) Opera North Produktion geleitet hat; insofern ist es verständlich, dass die Foundation ‚auf Nummer Sicher’ gehen und das Stück in erfahrene Hände legen wollte, wo Musicals in Deutschland gern unter Leitung von Dritten Kapellmeistern die schlimmsten aller Martertode erleiden. Aber: Holmes ist ganz sicher kein begnadeter Weill-Interpret. Man hört aus dem Orchestergaben fast nur Partykeller-artiges Schlagzeug, was auch schon bei den Opera North-Aufführungen der Fall war, also nichts mit dem Können des Orchesters in Dessau zu tun hat. Die brillanten Instrumentationsdetails, die wunderbar eingesetzten opulenten Streicher (hier auf ausdrücklichen Wunsch Holmes’ reduziert auf ein Minimum!), all das klingt in Dessau einfach billig. Jedenfalls weit entfernt vom polierten Weill Sound, den man beispielsweise auf der CD mit dem Original Broadway Cast hören kann, wo übrigens das Schlagwerk niemals (!) in den Vordergrund tritt.
Mehr Vertrauen
Dennoch großer Applaus vom Publikum, vermutlich auch, weil viele in Deutschland sich Musical als Kunstform genauso altbacken vorstellen, wie hier dargeboten, als Pendant zu André Rieu sozusagen. Dagegen ist nichts einzuwenden, und meine Begleitung an dem Abend in Dessau fand die Aufführung auch ‚sehr ansprechend’ (‚nur manchmal ein bisschen zäh’). Für mich war es eine vergeudete Chance, den ‚Amerikanischen Weill’ in Deutschland mit einem Splash neu zur Diskussion zu stellen und damit vielleicht auch fürs hiesige Repertoire neu zu gewinnen. Stattdessen wurden in Dessau nur alle Vorbehalte, die viele ohnehin schon gegen Broadwaymusicals haben, aufs schlimmste (und unnötigste) bestätigt. Leider.
Vielleicht lohnt es, die Produktion nach Ablauf des Weill-Fests nochmals zu sehen, wenn Ulrike Mayer die Venus übernimmt, statt wie bei der Premiere eine schauspielerisch und stimmlich sehr präsente Privatsekretärin Molly Grant zu sein? Ab der dritten Vorstellung dirigiert auch Kapellmeister Daniel Carlberg, der schon 'Candide' schmissig präsentierte und somit Hoffnungen weckt, dass sein Weill besser klingen könnte, als der des Gastes aus England. Unbedingt erwähnt werden muss noch, dass es eine Darstellerin gab, die allen anderen die Show stahl und schlichtweg umwerfend war: Kristina Baran als Verlobte-des-Friseurs, Gloria Kramer. Wie sie diese blonde Zicke spielte, war es zum Schreien komisch, sie sang toll und war für mich die Entdeckung des Abends. Neben den Musicalstudenten D.h., in Dessau wäre durchaus das Potenzial vorhanden, um eine famose ‚Venus’ auf die Bühne zu stellen. Man hätte sich nur trauen müssen. Und die Kurt Weill Foundation hätte etwas mehr Vertrauen in die kreativen Eigenkräfte des Hauses haben sollen. Andrea Moses, bitte übernehmen Sie das nächste Mal!