Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 01.04.2010
Lothar Trolle
Faust ackert auf dem Felde
Mit «Greikemeier» hat der aus Sangerhausen stammende Autor ein Stück über die DDR-Geschichte geschrieben. Nun liegt das unaufgeführte Werk vor.
Die Geschichte, die Lothar Trolle über die Entstehung seines Stückes "Greikemeier" zu erzählen weiß, klingt eher athletisch als poetisch. 1972 sei es irgendwann morgens um drei in der Anderthalbzimmerwohnung von Thomas Brasch zu einer Verabredung gekommen. Nachdem sie beide festgestellt hatten, dass es der DDR-Dramatik an brauchbaren Stücken über den Aufstand vom 17. Juni 1953 mangele, waren die jungen Dichter übereingekommen, die Arbeit zu teilen: Trolle sollte über die Ereignisse auf dem Land schreiben, Brasch wollte das Geschehen in der Hauptstadt in den Blick nehmen. Und damit es nicht zu einfach würde, wollte man beiläufig noch Goethes "Faust" parodieren. "Wetten", habe der Gastgeber zum Schluss gesagt, "dass ich als erster fertig bin?"
Wer den Wettkampf gewonnen hat, erzählt der 1944 in Brücken bei Sangerhausen geborene Trolle nicht - wohl aber, wie es seinem "Greikemeier" nach dessen Vollendung ergangen ist. 1977 habe sich Matthias Langhoff darum bemüht, den Text bei einem der legendären Volksbühnen-Spektakel aufzuführen - vergeblich. Danach wollte Freya Klier damit ihr Regie-Diplom erwerben - erfolglos. Und nachdem er mit zwei Regisseuren über eine Uraufführung am Berliner Ensemble verhandelt hatte, meldete sich schließlich die Defa zwecks Verfilmung. Als das Treatment dafür fertig war, fiel die Mauer ...
Nun liegt das Stück, ergänzt um ein kurzes "Marionettenspiel", endlich in der Reihe "Pamphlete" beim Berliner Verlag Basisdruck vor (Lothar Trolle: Zwei Komödien, 186 Seiten, 15,80 Euro). Zu besichtigen ist einerseits eine Miniatur, in der die Verquickung von Politischem und Privatem auf ihre absurde Spitze getrieben wird, wenn sich ein Genossen-Ehepaar die Reden zur Abdankung Walter Ulbrichts und der Inthronisierung Erich Honeckers im Wortlaut am Abendbrots-Tisch vorliest, um danach gemeinsam Grußadressen an den alten und den neuen Herrn zu verfassen - und schließlich auch das Bild des großen Vorsitzenden auszutauschen. Schon hier kann man Trolles Montage-Technik studieren, mit der er die Welt nahezu ungefiltert in seinen Text holt. In dem ungleich größeren Entwurf "Greikemeier" aber treibt er diese Methode auf die Spitze.
Dass man mit einem Stück, das die Folgen der Bodenreform in den Blick nehmen will, immer an Heiner Müllers "Umsiedlerin" gemessen wird, ist dem Autor natürlich bewusst. Und deswegen schlägt er den Meister mit dessen eigenen Mitteln, über die dieser in seinem relativ frühen Entwurf noch nicht gebot. Lothar Trolles "Greikemeier" hingegen strotzt von allegorischen Überhöhungen der tatsächlichen Ereignisse, schon zu Beginn wendet sich Stalins Geist an die Zuschauer, später treten Richard Wagner und Till Eulenspiegel ebenso auf wie die Sorge oder die sieben Todsünden des Sozialismus. Es spukt auf den Äckern und in den Ställen, der Geist der alten Zeit ist noch nicht ausgetrieben - und die frohe Zukunft sieht man höchstens vom Hochsitz der Ernte-Kombine.
Dabei zitiert sich der ebenso belesene wie originelle Dichter munter durch die Literatur-Geschichte: Neben Anspielungen auf das verabredete Vorbild "Faust" finden sich Brechts "Sieben Todsünden" ebenso wie Schillers "Wilhelm Tell" oder Wagners "Walküre".
In kurzen Sentenzen entlarvt Trolle das dialektische Modell der offiziellen Sprache ("Nieder mit der Weiterbildung! Es lebe die Gedankenfreiheit!") und zeigt, wie leicht sich die zynischen Sprüche über den Eingangstoren der nationalsozialistischen Konzentrationslager ("Arbeit macht frei!", "Jedem das Seine") dem DDR-Vokabular anverwandeln und einverleiben lassen.
Ein eigenwilliges, sperriges Projekt ist hier zu besichtigen, das bereits auf Trolles Erfolgs-Stück "Hermes in der Stadt" vorausweist. Ob es eine Bühne findet, bleibt abzuwarten: In drei Jahren gäbe es - 50 Jahre nach 1953 - einen Anlass.
Morgen ist Lothar Trolle im Bauhaus Dessau zu Gast. Nach dem Tanztheater-Stück "Hermes in der Stadt" (19.30 Uhr) gibt es ein Podiumsgespräch mit dem Autor.