Ralph Gambihler,Kunststoff das Kulturmagazin für Mitteldeutschland, April/Mai/Juni 2010
Hass mit Pause
Die Kunst handelt vom Menschen. Der Mensch aber braucht Dinge - und genau darum geht es in der Rubrik „Unser liebstes Requisit“: um das Fundstück aus der Dingwelt des Theaters, um das materielle Detail von menschlichen Verhältnissen, um die wundersame und wunderbare Zutat einer Geschichte. Diesmal beschäftigen wir uns mit zwei Fernsehapparaten, die in Christian Weises Inszenierung von Kleists Rachedrama „Familie Schroffenstein“ am Anhaltischen Theater Dessau auf der Bühne stehen.
Natürlich! Die Regie lässt uns nicht mitschauen. Von den Apparaten bekommen wir nur die Hinterteile zu sehen: dunkelgraue, bucklige Plastikverblendungen, hässlich wie das Industriedesign sie schuf. Was wir aber sehen, sind die Gesichter der Kleinbürger, die in diese - ihre - Apparate schauen oder eigentlich eher starren, und das wiederkehrende Bild des Abends: zwei deutsche Familien vor der Glotze, bläuliches Licht über reglosen Mienen.
In Heinrich von Kleists Bühnenerstling aus dem Jahr 1803 sind die Sippen Rositz und Warwand nicht nur verwandt, sie sind auch im Hass miteinander verbunden. In Christian Weises Dessauer Version wohnen sie Tür an Tür und schauen fern. Sie hassen sich deshalb nicht weniger, aber irgendwie hängen sie dann doch immer wieder vor den Geräten herum, tasten nach der Fernbedienung, stellen den Ton laut und machen es sich in der Sitzgruppe bequem. Der Fernseher als Tragödienbremse. Wer reinschaut, mordet nicht.
An der Geschichte ändert das allerdings nichts. Gnadenlos drängt die Handlung dem schrecklich vorhersehbaren Verhängnis entgegen. Am Schluss sind Kleists Liebende tot: Agnes und Ottokar, von Ines Schiller und Jan Kersjes anrührend dargestellt. Und der Romeo-und-Julia-Tod, den die bei den auf der Hinterbühne des Dessauer Theaters sterben, ist ein splatterhaftes Schauspiel an Grausamkeit. Beide werden regelrecht hingerichtet und mit Kugeln durchsiebt, bis sie völlig blutüberströmt in Sessel sinken und klar wird, dass jeder Vaters sein eigenes Kind getötet hat. Dieser finale Rache-Exzess ist zudem hyperreal überzeichnet. Die Regie lässt ihn in Zeitlupe spielen. Ziemlich drastisch, so eine Slow-Motion-Erschießung nach Kleist.
Aber ist diese Tragödie eigentlich real? Manchmal hat man den Eindruck, dass wir, die Zuschauer, wie Platons Höhlenmenschen mit dem Rücken zum Feuer sitzen und nur die tanzenden Schatten einer tieferen Wirklichkeit sehen. Und dass all die Frauen und Männer auf der Bühne ziemlich verpeilt wirken. Warum gehen sie nicht einfach über den Flur, klopfen an Nachbars Tür und machen reinen Tisch? Weil das in deutschen Nachbarschaftskriegen nicht vorkommt? Weil sie im Hass gefangen sind? Weil es nicht bei Kleist steht?
Dass es in diesem kleinbürgerlichen Rache-Terrarium einen diffusen, vielleicht auch dialektischen Zusammenhang von Wirklichkeit und Fiktion gibt, ist offensichtlich. Die beiden Fernsehapparate sind gewissermaßen die Membranen, über die zwei Geschichten miteinander kommunizieren. Die eine, „Familie Schroffenstein“, steht im Programmheft und endet mit dem beschriebenen Blutbad. Die andere, „Twin Peaks“, kommt via Mattscheibe in beide Wohnzimmer herein und prägt die Atmosphäre. Die Dialoge von David Lynch und Mark Frost und noch mehr das Gänsehaut-Thema des Soundtracks mit seinen dunklen Syntheziser-Klängen gehen den Kleist-Figuren genauso unter die Haut wie uns. Und während das Parfum des Unheimlichen und Abgründigen, dass die Kultserie aus den 90er Jahren verströmt, wie Reizgas in der Luft liegt, scheinen die verfeindeten Familien aus dem kleinbürgerlichen Rahmen zu fallen. Zwielichtige Gestalten tauchen auf, hinter der Kulisse finden erste Bluttaten statt, unter Bodendielen werden, als sei es das Normalste von der Welt, allerlei Schusswaffen hervorgeholt. Eigentlich geht es bald zu wie in einem Krimi über eine Vendetta unter Deutschen. Das Leben scheint das Filmgeschehen mit Riesenschritten zu überholen.
Die Regie lässt dies alles in der Schwebe. Als schlichte Warnung wider die Gefahren massenkultureller Gewaltfiktionalisierung in Genres wie Mystery und Horror kann man den Abend kaum missverstehen. Eigentlich werden nur Zeiten, Sprachen und Empfindungswelten ineinander geschoben. Die zwei Fernseher machen es möglich.