19.04.2010, 22:12 | tags: Diverses 401
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 20.04.2010
Kabale und ein bisschen Liebe
Auch wenn dieser Kornhausdialog recht harmonisch und hoffentlich ein Stück weit versöhnlich ausgeklungen ist, war er doch über weite Strecken geprägt von geschmäcklerischer Intoleranz, welche keineswegs auf Seiten derer lag, die im Fadenkreuz saßen. Am Ende mag die Wahrheit in der Mitte liegen.
"261 Tage in der 215. Spielzeit des Anhaltischen Theaters - Bürger diskutieren mit der Theaterleitung" titelte breit der Kornhausdialog, zu dem der Freundeskreis des Anhaltischen Theaters geladen hatte. Der Generalmusikdirektor greift in die Tasten, musiziert mit der Konzertmeisterin und dem Solocellisten. Da scheint die Sonne und Sonntag ist es sowieso.
Im Podium sitzen: Generalintendant André Bücker, Generalmusikdirektor Antony Hermus, Ballettdirektor Tomasz Kajdanski und Andrea Moses, leitende Regisseurin. Sie resümieren, sagen, dass sie in Dessau angekommen seien, loben die Tradition und die vorgefundene Leistungsstärke des Hauses. Hermus preist das Orchester so: "Aus dem Stab kommt keine Musik". Moses sagt, dass sie als Künstlerin schätze, wenn kontrovers diskutiert werde. Und übrigens sei "Lohengrin" nach der "Zauberflöte" die Oper, die in den letzten zehn Jahren am besten ausgelastet sei. Einige Inszenierungen werden im Schnelldurchlauf angesprochen und die Vorhaben der nächsten Spielzeit. Gerade spürt man, dass dieses Quartett einiges will und dieses in großer Natürlichkeit zu transportieren vermag, da wird es zum Abschuss frei gegeben.
Eine Frau hat ihr Abonnement gekündigt, weil sie befürchtet, dass sie fortan in Konzerten schunkeln müsse. Anlass sei die Gala zum Welttheatertag gewesen, die doch eigentlich nur eine komödiantische Wendung ins Heitere vollzog. Ein Mann fordert einen Spielplan nach dem Gesetz des Marktes, nach Angebot und Nachfrage. Dabei werden Kunst und Bildung mittels Steuergeldern finanziert, um sie frei zu stellen von Marktgesetzen. Er aber verliest Spielpläne anderer Häuser und fordert ein, was zuvor angekündigt wurde, und zwar einen weit gefächerten Spielplan mit "Die Fledermaus", "Der Bajazzo", "Turandot", "Così fan tutte", einer Wagner-Opern-Gala und zum Kurt-Weill-Fest "Der Protagonist". Das Schauspiel wird unter anderem Komödien zeigen, "Die Drei von der Tankstelle" und "Tolles Geld" von Alexander Ostrowski, das Ballett "Der Widerspenstigen Zähmung" und Wagner.
Dreimal muss Bücker äußern, dass er die Tradition des Hauses wert schätze, mehrmals, dass er das Publikum ernst nehme. Dabei spürt man doch deutlich, dass diese Theaterleitung auch Menschen ernst nimmt, nicht nur zahlende Erwerber von Eintrittskarten. Bücker muss sogar sagen, dass auch er schon "Im Weißen Rößl" inszeniert habe. Wer jetzt noch Lust auf zynischen Spaß hätte, könnte anmerken, oh Gott, wie tragisch. Aber komisch ist das alles nicht. Warum reagieren einige Theaterbesucher so, als seien sie persönlich beleidigt worden? Ein älterer Herr lobt und kritisiert detailliert. Er bedankt sich beim Generalintendanten dafür, "dass wir Sie sehen, dass Sie das Theater in der Öffentlichkeit vertreten" und beim Generalmusikdirektor dafür, "dass Sie uns zeigen, dass Musik auch Freude macht." Eigentlich ein schönes Schlusswort. Aber es ist still geworden im Podium.
