23.04.2010, 12:52 | tags: Musiktheater , Pressestimmen 407
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 23.04.2010
Der mexikanische Tenor Diego Torre ist Masaniello in Auber-Oper / Morgen ist Premiere in Dessau
Europa-Debüt an der Mulde-Bühne
Zugegeben, diese aktuelle Beziehung ist weit hergeholt, auch fragwürdig. Gegenwärtig hält ein in Island ausgebrochener Vulkan fast ganz Europa in Atem. In der Oper „Die Stumme von Portici“ stürzt sich die Hauptperson, eben das stumme Mädchen Fenella, total verzweifelt, in den gerade ausgebrochenen Vulkan Vesuv. Am Anhaltischen Theater Dessau hat in der Regie von André Bücker diese Oper von Daniel- Francois-Esprit Auber am Sonnabend Premiere. Diego Torre ist als Fenellas Bruder Masaniello zu erleben.
Die ursprünglich 1647 in Portici und Neapel angesiedelte Handlung hat nach der Uraufführung am 25. August 1830 die Belgische Revolution ausgelöst. Die Aktualität der Oper liegt also doch wohl mehr auf anderen Ebenen. „Das Thema Freiheit, das Thema Befreiung von Unterdrückung aus den Fesseln einer stärkeren Macht, das Thema Rache – das sind natürlich zutiefst urmenschliche Themen, die immer wiederkehren und deswegen immer wieder in der Kunst auch behandelt werden“, hebt Generalintendant Bücker hervor. In seiner ersten Dessauer Operninszenierung möchte er seinem Publikum den Kern der Geschichte spannend erzählen, die Zuschauer interessieren, bewegen, mitreißen und begeistern.
Die Machtkonstellationen des Aufstandes armer neapolitanischer Fischer gegen die spanischen Besatzer und ihren Unterdrückungsapparat transformiert Bücker in das Neapel der Gegenwart. Weg vom meist verklärten Urlaubsblick, stellt er den Aspekt der totalen wirtschaftlichen Kontrolle dieser Region durch eine Macht außerhalb der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung – der Camorra – in das Zentrum der Geschichte.
Die Clan-übergreifende Hochzeit aus strategisch- machtpolitischen Gründen zwischen Elvire und Alphonse, dem Sohn eines Paten, ist arrangiert. Dieser hatte kurz zuvor eine Liaison mit Fenella, die er liebt oder glaubt zu lieben, die er verführt hat? Dennoch wird er aus "Vernunftsgründen" Elvire heiraten (müssen). Masaniello ist Anführer der Fischer - bei Bücker der Hafenarbeiter. Er ist aber auch Bruder der stummen Fenella, deren Ehre er wiederherstellen, die er rächen möchte.
Masaniello, die zentrale Figur der Geschichte, wiegelt auf, stachelt "das Volk" zum Umsturz an. An seiner Seite ist sein bester Freund Pietro, zunächst jedenfalls. Und es wird kein letztendlich kein gutes Ende geben.
In der Rolle des Masaniello wird das Dessauer Publikum den mexikanischen Tenor Diego Torre (30) bei seinem Europa-Debüt erleben.
Sein Grundschullehrer hatte ihn "entdeckt", den Eltern angeboten, ihn sängerisch zu unterrichten. "Musik und Singen gehören bei uns in Mexiko an sich zum ständigen Leben“, erzählt Diego Torre. Möglicherweise wäre er auch Mathematiker geworden, dieser Bereich interessiere ihn ebenfalls. Er hat sich aber letztendlich für Gesang entschieden. Auch vielleicht, weil viele immer wieder gesagt haben: „Das kannst du ganz toll, das musst du machen“, erinnert er sich lachend.
Diego Torre studierte an der Mexico‘s National School of Music. Sein Debüt gab er an der National Opera of Mexico in Verdis „La Traviata“ als Gaston. An der Los Angeles Opera war er zwei Jahre als Domingo-Thornton Young Artist, wo er in der vergangenen Spielzeit erstmals als Don José in „Carmen“ auftrat. In dieser Spielzeit debütierte er bereits an der Metropolitan Opera New York.
Diego Torre belegte 2008 beim Wettbewerb „Neue Stimmen“ in Gütersloh den dritten Platz. Heribert Germeshausen, Leitender Dramaturg/Operndirektion des Anhaltischen Theaters, bot ihm die Rolle des Masaniello in Dessau an. "Ich kannte weder die Rolle noch die Oper", erzählt Diego Torre. Als er jedoch die Noten hatte, war ihm nach einer Woche klar, dass es "eine anspruchsvolle Rolle ist" und "dass ich sie singen möchte".
In weiteren zentralen Rollen sind Angelina Ruzzafante, Wiard Witholt und Eric Laporte/Oscar de la Torre zu hören. Die Oper wird in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln gezeigt.
Die musikalische Leitung liegt bei GMD Antony Hermus. Fenella, die Titelfigur, ist mit der Tänzerin Gabriella Gilardi besetzt. Erstmalig wirkt auch das Kinderballett unter der Leitung von Gabriella Gilardi an einer Inszenierung mit. Die Premiere ist am Sonn- abend, dem 24. April, um 19.30 Uhr. Die nächsten Aufführungen finden am 30. April und 2. Mai statt.
