25.04.2010, 22:55 | tags: Musiktheater 408
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 26.04.2010
Anhaltisches Theater
Menschen in der Maschine
Das Fischer-Idyll mit den kleinen Holzbooten und den handgeknüpften Netzen ist längst verschwunden, am Fuße des Vulkans hat sich ein moderner Container-Hafen angesiedelt. Wie von Geisterhand werden hier gigantische Metallkisten bewegt, die Choreografie dieses globalisierten Umschlagplatzes bleibt dem Außenstehenden ein Rätsel.
Und auch die Menschen sind ihrer Arbeit und sich selbst entfremdet - ein Haufen von Tagelöhnern, der sich dem Diktat einer mafiösen Macht beugt. Eine Revolution muss her! Und Masaniello soll sie führen...
Fesselndes Musiktheater
Man darf sich nach der umjubelten Premiere von Daniel Francois Esprit Aubers "La Muette di Portici" am Anhaltischen Theater fragen, warum seit der letzten Dessauer Aufführung dieser Oper 52 Jahre vergehen mussten. Dass die Gründe nicht in der musikalischen Qualität zu suchen sind, steht nach diesem großen Abend jedenfalls fest. Denn was die Anhaltische Philharmonie unter ihrem Generalmusikdirektor Antony Hermus hier präsentiert, ist ein ungemein suggestives und fesselndes Musiktheater, das die Inszenierung von André Bücker in jedem Augenblick beglaubigt: Wenn diese gewaltige Maschinerie einmal angelaufen ist, lässt sie sich bis zum bitteren Ende nicht mehr stoppen. Und dass das Schöne dabei dicht beim Schrecklichen liegt, dass das Gebet unmittelbar in den Schlachtruf mündet, steigert die Faszination dieses Werkes zusätzlich.
Mit seinem Bühnenbildner Jan Steigert und mit seiner Kostümbildnerin Suse Tobisch verdichtet Bücker die Milieus und verwischt so die historischen Standesgrenzen: Wenn sich die Hochzeitsgesellschaft am Hofe des Vizekönigs von Neapel aus denselben Unterdrückten rekrutiert, die wenig später gegen diesen Herrscher aufbegehren, dann ist deren Not nicht mehr gänzlich unverschuldet.
Man blickt vielmehr auf das System der Camorra, deren Macht sich auch der schweigenden Duldung durch ihre Opfer verdankt. Dass sie sich freilich mit Vorliebe an den Schwächsten vergreift, zeigt sich bereits in der Ouvertüre, in der Selva und seine Schergen ein Kind als Geisel nehmen, um Fenella in ihre Gewalt zu bekommen.
Diese Rolle ist der Geniestreich des Autors - eine stumme Titelheldin in einer Oper, die ansonsten von Chören und Tenören dominiert wird. Gabriella Gilardi tanzt die Partie mit großer Expressivität, ihre Körpersprache ist so beredt und beseelt wie der Gesang ihrer Partner und Gegner.
Dass ihr mit dem jungen Mexikaner Diego Torre ein Bruder zur Seite steht, dessen schier unerschöpfliche Kraft mit einer wunderbar klaren Höhe korrespondiert, bildet den besten Kontrast - hier ist ein Tenor zu bewundern, der schon bald in den Metropolen für Furore sorgen dürfte.
Ensemble auf höchstem Niveau
Und weil sich alle anderen Solisten an dieser Norm orientieren, erlebt man eine Besetzung im Superlativ: Eric Laporte ist als Alphonse so souverän wie Angelina Ruzzafante als seine Braut Elvire, Ulf Paulsen und Angus Wood komplettieren die Partei der Mächtigen kongenial. An Masaniellos Seite singen und kämpfen Wiard Witholt, Kostadin Aguirov und Stephan Biener - ein auf höchstem Niveau ausgeglichenes Ensemble, wie man es vor Ort selten zu hören bekam. Der eigentliche Star aber ist der erneut um Gäste des Coruso-Ensembles verstärkte Chor - von Helmut Sonne perfekt einstudiert und von Antony Hermus zu akribisch kontrollierter Höchstleistung geführt.
Dieser individuell geführten Masse verdankt Bückers Inszenierung ihre Sinnlichkeit, ihr aus Blut, Schweiß und Tränen gemischtes Odeur. Es ist gewiss kein reines Wohlgefallen, mit dem man dieser im französischen Original präsentierten Tragödie folgt.
Aber ihre Faszination verdankt sich eben auch und gerade der konsequenten Erzählweise, die ein religiös verbrämtes und vom Elend entwertetes Leben zeigt - in einer Wirklichkeit, die als Kehrseite des europäischen Wohlstands reale Bezüge hat.
