05.04.2010, 20:05 | tags: Anhaltische Philharmonie 382
Ute van der Sanden, Mitteldeutsche zeitung/ Dessau-Roßlau, 06.04.2010
Notizen aus Partitur befolgt
Das war ein Schumann, wie ihn Dessau schon lange nicht mehr gehört hatte. Passend zum 200. Geburtsjahr des Komponisten stand seine d-Moll-Sinfonie auf dem Programm des jüngsten Abonnementkonzerts.
Interessant vom ersten Takt
Der Zählung nach gilt sie als Schumanns viertes, entstanden war sie jedoch unmittelbar nach dem ersten, "Frühlingssinfonie" genannten Orchesterwerk - zumindest in der Urfassung. So klang es auch: Ursprünglich, heiter und mit einer Konsequenz transparent, die am Ende alle Erwartungen übertraf. Der Generalmusikdirektor verzichtete auf jedwede Ingredienz für eine romantische Soße, die sich mit Hilfe dieser Partitur und vor allem der oft bemängelten Schumannschen Instrumentierung auch anrühren lässt: Klangballast, statisches Fortissimo, langsame Tempi, schwülstige Agogik. Antony Hermus' Version bejubelte viel eher den Frühling, als dass sie mit dem Ende der Karwoche und dem schwermütigen Konzertmotto "Klagelieder" leiden wollte. Seine quicklebendige Leitung kam einer gestalterischen Herausforderung an das Orchester gleich. Es verlieh dem Finalwerk des Abends Optimismus, Energie, Kraft und Elan - Eigenschaften also, aus denen der Geist der Klassik sprach.
Schön war's und vom ersten bis zum letzten Takt interessant. Hermus näherte sich dem attacca verbundenen Viersätzer von der gesanglichen Seite, vom Klangsinnlichen her. Vielleicht hat man die Holzbläser deshalb selten so kantabel vernommen. Neben bildschönen Soli von Violine und Cello im zweiten, dem witzigen Tänzeln im dritten und einer dramatischen Anwandlung vor dem vierten Satz, neben gründlicher Differenzierung in Dynamik, Artikulation und Ausdruck besaß diese "Vierte" einen weiteren Vorzug: ihre emotionale Mitteilsamkeit, ihr musikantisches Sendungsbewusstsein.
Wie sehr eine mit so viel Herzblut offerierte Schumann-Sinfonie zu begeistern vermag, zeigte der Applaus - zumal Hermus den Finalsatz gejagt hatte, als werde er von einer Stoppuhr verfolgt. Die Beschleunigung war vom Komponisten wohl auch intendiert, hatte er doch Vorschriften wie "Stringendo" und "Schneller" bis zum "Presto" in die Partitur notiert. Das reizten die Dessauer Musiker aus, ohne ihren weichen Grundton und die rhythmische Präzision zu vernachlässigen. Kurzum: Mit Schumann hatten der Konzertabend, Antony Hermus und das Orchester ihren Meister gefunden.
Jenseits der Massenunterhaltung
Der Solist Julian Steckel wäre für ein großes romantisches Cellokonzert sicher ausgiebiger gefeiert worden als für "Schelomo". Dass er die zauberhafte, aber nicht allzu populäre "Hebräische Rhapsodie" von Ernest Bloch spielte, bekräftigte seine künstlerische Seriosität und sein Wirken jenseits der Massenunterhaltung. Mit Blochs bedeutungsprallem Porträt des Königs Salomon, mit dem orientalischen Kolorit des Werkes und der Korrespondenz zwischen dem lyrischen Ich der Solostimme und dem Orchestersatz wirkte Julian Steckel wesentlich vertrauter als das immerhin souverän begleitende Dessauer Ensemble. Steckels klarer, direkter, aufgeweckter Ton zeigte in der Tiefe ein hinreißend sonores Timbre, die Intensität seines Espressivo-Spiels war unwiderstehlich.
Mehr konzeptionelle Sorgfalt wäre einzig dem Eingangswerk zu wünschen gewesen, den Raffinessen und Wechselspielen des Haydnschen Satzes, seinen Tempi, den überraschenden Forte-Akkorden auf der dritten Zählzeit im Trio. "Lamentatione" konnte sich gegen die gewichtigen nachfolgenden Werke nicht behaupten.
Das ohnehin fragmentarisch anmutende, weil nach dem Menuett abbrechende dreisätzige Stück wirkte ohne Da-capo-Teile wie eine Einspielübung - trotz agilen Dirigats, tadellos artikulierender Streicher und bestens disponierter Bläser. Die lukrative Gesamtdauer des Konzerts von nur gut neunzig Minuten hätte die Wiederholungen übrigens gut verkraftet.
