26.06.2010, 10:26 | tags: Schauspiel 495
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 24.06.2010
Abschied von einem Theatermann alten Schlags
So wird er im Gedächtnis bleiben: Die Brille hoch in die Stirn geschoben, auf den Lippen ein freundliches Lächeln und das Hemd über dem mächtigen Leib weit aufgeknöpft. So sah er sich selbst am liebsten, so sah man ihn nach der Wende mehr als ein Jahrzehnt in den Straßen seiner Heimatstadt. Sein eigentliches Reich aber war der dunkle Zuschauerraum und die helle Bühne des Anhaltischen Theaters. Dort hat er inszeniert und gespielt, dort hat er dem Schauspiel und bei besonderen Gelegenheiten auch dem Musiktheater seinen Stempel aufgeprägt - und dort wurde er vor zehn Jahren zum Ehrenmitglied jenes Hauses ernannt, in dem einst alles begonnen hatte.
Helmut Straßburger, der in der Nacht zum vergangenen Sonntag 80-jährig gestorben ist, war ein Theatermann vom alten Schlag - kein mutwilliger Zerstörer, sondern ein dem Text wie dem Publikum freundlich zugewandter Darsteller und Regisseur. Gelernt hatte der 1930 geborene Künstler sein Metier in Dessau und Dresden, vor allem aber - ab 1963 - in der legendären Berliner Volksbühnen-Ära unter dem Intendanten Benno Besson. Und dessen ästhetisches Konzept, das sich in seiner Sinnlichkeit auch als Gegenentwurf zu den eher kopfgesteuerten Entwürfen der benachbarten Brecht-Bühne verstand, hat er nach der Wende nach Dessau hinübergerettet - während seine langjährige künstlerische Heimat unter Frank Castorf eine ganz andere Richtung nahm.
Dass Straßburger dies schmerzte, war verständlich: Immerhin hatte er dort mit Rosenows "Kater Lampe" nicht nur sein Regie-Debüt gegeben, seine Inszenierung von "Rameaus Neffe" zählte mit ihren 296 Vorstellungen sogar zu den erfolgreichsten Volksbühnen-Produktionen aller Zeiten. Einen Hauch jener Glorie versuchte er auch in Dessau zu etablieren, wohin er mit Dürrenmatts "Besuch der Alten Dame" 1992 zunächst als Gast und schon bald als Schauspieldirektor zurückkehrte. Ursula Karusseit, Alfred Müller, Hildegard Alex - die Stars des DDR-Theaters gaben den ersten Jahren seiner Leitung ihren Glanz.
Dabei war Straßburger keineswegs auf große Namen fixiert, sein Augenmerk galt vielmehr dem Erhalt und der Entwicklung eines verlässlichen Ensembles. Dafür kreierte er einen Spielplan, der vor allem den Klassikern wie Shakespeare, Lessing, Schiller und Goethe breiten Raum gab. Die Dramatik der unmittelbaren Gegenwart freilich war seine Sache nicht, die große Bühne überließ er lieber dem großen, erprobten Werk. Schließlich hatte der Sohn eines Kapitäns die Ehrfurcht vor der Kunst von der Pike auf gelernt, als er 1948 als Bühnentechniker in Dessau begann - und schon bald darauf für einen erkrankten Schauspieler im Weihnachtsmärchen einsprang.
Was bleibt in Erinnerung von jenen Dessauer Jahren, die Helmut Straßburger mit seinem Dramaturgen und Ko-Regisseur Ernstgeorg Hering geprägt hat? Große Abende wie "Maria Stuart" und "Der Hauptmann von Köpenick", Publikumserfolge wie der unverwüstlich robuste "Faust" - und bemerkenswerte Ausflüge in das Musiktheater, zu denen Mozarts "Titus" ebenso wie Weills "Silbersee" zu rechnen sind. Den Schmieren-Prinzipal Striese und Dürrenmatts geopferten Täter Ill hat er selbst auf die Bühne gebracht, zuletzt sah man ihn als Pozzo in Becketts "Warten auf Godot".
Als er zum Ende der Saison 2004 verabschiedet wurde, war er bereits von Krankheit gezeichnet - aber noch immer zuversichtlich, eines Tages als Gast auf die Bühne zurückkehren zu können. Das ist ihm nicht vergönnt gewesen. Das Dessauer Publikum aber sollte Helmut Straßburger so im Gedächtnis behalten, wie ihn sein Bühnenbildner Carlheinz O. Städter gewürdigt hat: "Er hat fürs Theater gelebt - menschlich, kollegial, integer".
