Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 10.07.2010
Anhaltisches Theater
«Die Liebe hat verloren!»
Da können selbst die Elfen nicht mehr helfen: Das Wettsingen um den "Goldenen Mund 2010" hat Finalistin Helen längst verloren, weil Moderator Cyprian in ihren schönen Gegenspieler mit der dunklen Haut vernarrt ist - und weil er ohnehin das letzte Wort hat. Noch ein "Thank you for the Music" und ein Abschiedswinken - dann war's das! Aber war's das wirklich?
Jagd auf schwarzen Jungen
Mit der Collage "Sommer Nacht Traum" haben Regisseurin Andrea Moses und Dramaturg Holger Kuhla ein Open-Air-Spektakel für den Dessauer Stadtpark entwickelt, das eine poppig bunte Oberfläche über dunklen Abgründen ausbreitet. Die Collage aus den Stücken "Der Park" von Botho Strauß und "Herr Peter Squenz" von Andreas Gryphius schlägt nicht nur eine Brücke zwischen dem 20. und dem 17. Jahrhundert - sie verweist zudem in die Zeitgeschichte des Ortes, an dem vor zehn Jahren der Mosambikaner Alberto Adriano ermordet wurde. Denn auch in der "Sommernachtstraum"-Paraphrase von Strauß geht es - wie schon bei Shakespeare - um einen Menschen, dessen exotische Erscheinung Aggressionen und Begehrlichkeiten weckt. Hier aber wird der Gejagte zum Jäger ...
Christian Wiehles Ausstattung beschwört einen wandernden Pop-Zirkus: Links von der großen Show-Bühne steht ein Wohnmobil, rechts findet ein Imbiss mit dem sinnigen Namen "Durstlöscher" Platz - und dazwischen klafft ein großer Mund, der seine Zunge als Laufsteg herausstreckt. Den darüber gespannten Schriftzug "Heart's Fear" kann man mit "Herzensangst" übersetzen, man kann ihn aber auch als lautmalerische Umschreibung der sozialen Endstufe Hartz IV lesen.
Aus dieser Sphäre stammen die Zaungäste der Casting-Show, die später die Bühne als Arbeitsplatz entdecken und dort ihre schaurig schöne Version von "Pyramus und Thisbe" in Szene setzen. Dem Camper-Paar Helen und Wolf geht es zwar finanziell besser, ihr emotionales Guthaben aber ist ebenfalls längst aufgebraucht - was sich auch von ihrem Freund Georg sagen lässt, der sich die enttäuschte Helen von der Bühne gepflückt hat. Von hoher Warte beobachten die Feenfürsten Oberon und Titania - nur mit kostbaren Pelzen bekleidet - das menschliche Treiben. Und dann ist da noch eine Bande von Jugendlichen, die den Park als ihr Revier beansprucht.
Andrea Moses skizziert eine Fülle von Charakteren und Konflikten, die sich gegenseitig verstärken oder behindern. Dabei versagt der Zauber, den die Naturgeister einst auf die Menschen ausüben konnten, zusehends: Titania (Antje Weber) wird von ihrer obszön animalischen Lust förmlich zerrissen, während ihr Gatte (Stephan Corves) mit einer Mischung aus Ekel und Mitleid feststellt: "Die Liebe hat verloren!". Sein einstiger Diener Cyprian (Matthieu Svetchine) dealt als schmieriger Entertainer mit Voodoo-Püppchen und lehnt ansonsten jede Verantwortung ab - schließlich bleibt seine eigene Gier auf den schwarzen Jungen (Derek Nowak) auch unbefriedigt.
Wie die Geister, so die Menschen: Helen (Katja Sieder) trägt in ihrem schönen Leib eine häßliche Seele spazieren, Helma (Susanne Hessel) drückt mangels eines Mannes Blumen an ihren Busen und Georg (Thorsten Köhler) misst seinen Selbstwert an der Rivalität mit Wolf (Sebastian Müller-Stahl). Die Handwerker (Uwe Fischer, Jan Kersjes, Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Boris Malré, Gerald Fiedler, Harald Thiemann, Christel Ortmann) schließlich spielen sich um Kopf und Kragen, wobei die Proben komischer als das Resultat sind.
Mit und auf vielen Ebenen
Mit diesem Befund scheint auch das Problem der Inszenierung beschrieben zu sein: "Sommer Nacht Traum" spielt mit und auf vielen Ebenen und verliert sich zwischen all den Ansätzen immer wieder selbst aus dem Blick. Obwohl die Perspektiven pausenlos wechseln, werden die Figuren dadurch nicht plastischer. Das komplizierte Verhältnis der Paare etwa wird aus dem Nichts behauptet und später nach eben dort zurückverwiesen.
Das ist natürlich auch der bewussten Entzauberung geschuldet, die Strauß dem Shakespeare-Stoff verordnet hat. Daneben aber steht der Gryphius-Text, der stärker auf das Original verweist - und so auch auf Binnenbezüge, die diesem Stück in Stücken fehlen. Dass fast alle Akteure ihr Bestes geben, wobei sich besonders Jan Kersjes und Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Thorsten Köhler und Matthieu Svetchine in die Herzen des Publikums spielen, betont die Vereinzelung der Figuren eher. Ein trauriger Befund für eine Komödie.
Nächste Vorstellungen: Samstag und Sonntag 17 Uhr, 14. bis 18. Juli 19.30 Uhr