14.07.2010, 21:23 | tags: Schauspiel , Musiktheater 520
Frankfurter Rundschau, Joachim Lange, 14.07.2010
Anhaltisches Theater Dessau
Sein oder Nichtsein
Es ist ein Spuk, von dem man nicht so genau weiß, wann er vorbei ist. Dass er nicht im Theater selbst, sondern im Dessauer Stadtpark stattfand, muss man aber nicht gleich als böses Omen sehen. Das "SommerNachtTraum" Spektakel, mit dem Chefregisseurin Andrea Moses jetzt eine so interessante wie erfolgreiche Saison des künstlerischen Neustarts abschloss, passt in seinem Changieren zwischen dem Übermut Shakespeares und der Hintersinnigkeit von Botho Strauß ganz gut in diesen Park. Die finsteren Geister, die die sagenhafte Sommernacht auch weckt, hatten hier vor zehn Jahren zum Mord am Mosambikaner Alberto Adriano geführt und die Stadt im Mark erschüttert.
Dessau geht es wie vielen Städten in Ostdeutschland. Dem unübersehbaren Gewinn im Stadtbild stehen Deindustrialisierung und Abwanderung (in Dessau seit 1989 mehr als ein Viertel der Einwohner) gegenüber. Die Internationale Bauausstellung, für die das Bauhaus Dessau ein quasi natürliches Zentrum ist, illustriert die Dimension dieses Umbruchs gerade eindrucksvoll.
Das Theater der Stadt ist eine wuchtige architektonische Behauptung. Man wollte hier in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein Bayreuth des Nordens schaffen. Und so sieht der Bau auch aus. Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR gehört dieses mit seinen über 1000 Plätzen überdimensionierte, in der Region aber gut vernetzte Haus, neben Bauhaus und Wörlitzer Park, zu den wenigen guten Gründen, die A9 in Richtung Dessau zu verlassen.
Einfach war die Finanzierung nie. Doch die strukturelle Schieflage der Theater-Finanzierung und die bislang ziemlich fantasielosen Reaktionen auf den drohenden Kollaps der Kommunalfinanzen bedrohen das Theater jetzt existenziell. Die aktuelle "Blut und Tränen"-Streichliste sieht allein für das Vierspartenhaus (Musik, Schauspiel, Ballett, Puppentheater) eine Kürzung von 3,5 Millionen Euro vor. Bei der bisherigen Kopplung der Landeszuschüsse an den kommunalen Finanzierungsanteil würde die Umsetzung 2013 das Aus für das Theater bedeuten. Mit all den verheerenden Konsequenzen, die das für die Bewohnbarkeit dieser Stadt hätte.
Weil hier ein zweites Wuppertal droht, waren denn auch für ein Krisengespräch des Intendanten André Bücker beim parteilosen Dessauer OB Klemens Koschig prominente Unterstützer angereist. Neben dem Vorsitzenden der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins, Holk Freytag, waren die Amtskollegen aus Potsdam (Tobias Wellemeyer), Senftenberg (Sewan Latchinian) und aus Berlin vom Deutschen Theater (Ulrich Khuon) angereist. Zumindest das Bekenntnis, nach einer Lösung für das Haus suchen zu wollen, schien (anders, so Holk Freytag, als bei der Schließung des Schauspielhauses in Wuppertal) auch bei der arg gebeutelten, drittgrößten Kommune Sachsen-Anhalts offenkundig.
Ob freilich die anvisierte Umwandlung in ein Staatstheater eine belastbare Lösung ist, scheint nicht nur wegen der dann zu erwartenden Begehrlichkeiten in Halle oder Magdeburg fraglich. Bis die Finanzierungsproblematik im Kontext einer überfälligen, aber sich bislang nicht abzeichnenden Reform der finanziellen Sicherung der Kommunen gelöst werden kann, kann es nur um die Suche nach Überlebensstrategien und den vehementen künstlerischen Einsatz gehen.
So ist die Kopplung der Landeszuschüsse an die der Kommunen natürlich kein Naturgesetz. Wenn das Land zeitweise wegbrechende Beiträge der Kommune ausgleichen würde, wäre das ja keineswegs ein Angriff auf die Kulturhoheit der Länder, sondern eher ein Beispiel ihrer Wahrnehmung. Zumal, gesamtwirtschaftlich gesehen, jeder eingesetzte Euro eine Investition mit Ertrag und kein verlorener Verbrauch von Mitteln ist. Immerhin hat das Theater der 88000 Einwohner zählenden Stadt Dessau in jedem Jahr mehr als 200000 Zuschauer. Auch deshalb scheint man hier den Argumenten der Intendanten immerhin zuzuhören. Entmutigt wirkten sie jedenfalls nicht.
Auf ihrem Feld haben die, alles in allem, 300 Mitarbeiter des Theaters imponierend Flagge gezeigt. Und das gleich im ersten Jahr. Der Wechsel vom Langzeitintendanten Johannes Felsenstein zu André Bücker und seinem neuen Leitungs-Team ist hier nämlich nicht nur ausgesprochen erfolgreich, sondern auch mit einer erkennbar neuen Ästhetik in allen Sparten gelungen.
Ob nun im Schauspiel, gleich zu Beginn, mit eine Schleef-Bearbeitung von Armin Petras oder im Tanztheater. Da überzeugten Tomasz Kajdanksi und seine Truppe erst mit seiner Version von "Lulu" und dann mit "Nachtasyl" nach Maxim Gorki. Ambitioniert in der Choreografie und virtuos in der Umsetzung; in beiden Fällen mit Musik von Schönberg bis Glanert, und das aus dem Graben und nicht aus der Konserve.
Nicht nur beim Tanz hat sich Dessau damit an die Spitze der Theater in Sachsen-Anhalt gesetzt. Vor allem in der Oper war der "Lohengrin" von Andrea Moses eine szenische Offenbarung. Dass es ihr, dem Intendanten und dem neuen GMD Antony Hermus aber auch um den musikalischen Standard des Hauses geht, bewiesen sie mit dem ausgegrabenen französischen Fünfakter "Die Stumme von Portici" von Daniel-François-Esprit Auber. Und das lag nicht nur an einem hier zu entdeckenden mexikanischen Tenor mit Weltstar-Potenzial namens Diego Torre, sondern am gesamten Ensemble. Das spielt, als ginge es um sein Überleben. Eine Redewendung, die mittlerweile den Beigeschmack von Wahrheit hat.
