02.07.2010, 15:26 | tags:
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 02.07.10
Giftspritzen in den Geisterhäusern
Drei Meistergattinnen empfangen Besucher beim letzten Haus-Funk-Abend und führen sie vergnüglich von Meisterhaus zu Meisterhaus, wo Darbietungen warten.
Die Geister sind erwacht und haben erst einmal die Wiese unter den Kiefern verschönt. Blaue und rote Blümchen wachsen streng ausgerichtet in der Meisterhaussiedlung. Da spürt man doch gleich den Grünen Daumen der Meistergattinnen. Kunst beginnt mit Kunstblumen schon vor der Haustür. So nett, wie sie die Vorwiese gestaltet haben, haben sich Ise Gropius, Nina Kandinsky und Tut Schlemmer auch selbst hergerichtet. Frisch gelegte Haare, rot gezogene Lippen und Kleider für eine Gartenparty - so empfangen sie die zahlreichen Besucher am Mittwochabend an den Meisterhäusern.
Zum achten Mal in dieser Spielzeit des Anhaltischen Theaters wurde der Haus-Funk veranstaltet, ein von der Kulturstiftung des Bundes gefördertes Projekt, das seit dem Herbst an jedem letzten Mittwoch im Monat die Dessauer an die verschiedenen Bauhausorte einlud, wo es die unterschiedlichsten Aktionen gab. Der Haus-Funk in dieser Woche war der letzte im Reigen des auf eine Spielzeit begrenzten Projektes, das Dramaturgin Maria Viktoria Linke in Zusammenarbeit mit Torsten Blume von der Stiftung Bauhaus betreute. Für den Abschied gab es deshalb noch einmal richtig viel Programm, präsentiert von Schauspielern und Tänzern des Theaters, mit Sänger Ulf Paulsen und der slowakischen Band PoŽon Sentimental.
So richtig wohl an ihrem früheren Wohnort fühlten sich die Frauen Ise, Nina und Tut - Thorsten Köhler, Matthieu Svetchine und Jan Kersjes waren in die Kleider der Ehefrauen von Walter Gropius, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer geschlüpft -, und sie erwiesen sich den ganzen Abend über als perfekte und aufmerksame Gastgeberinnen in den Geisterhäusern. Viel hatten sie zu erzählen und taten dies zuerst am Haus Emmer, das heute über den Resten des Direktoren-Hauses von Gropius steht. Die Gartenterrasse bot den drei Damen ein angemessenes Podium, um mit Hilfe von Grundriss-Zeichnungen durch das Haus zu führen und dabei recht viel vom Leben seiner Bewohner und der Nachbarn zu erzählen. „Wir sind so richtige Giftspritzen", erklärte Thorsten Köhlers Ise, und so teilten die Gattinnen untereinander ebenso ordentlich aus wie sie Abwesende mit Spitzen bedachten. Die Feiningers und Moholy-Nagys würden immer den Müll im Gropius-Garten abladen und wurden deshalb nicht eingeladen, erfuhr man ebenso wie manch andere Indiskretion. Die Zuschauer amüsierte das sichtlich.
"Komm zur Vernunft und komm da runter."
Ise, Tut und Nina zu Hannes Meyer
Von Haus zu Haus zog die Besuchergruppe, verschmerzte die verschlossene Tür bei Feininger, denn auf der Terrasse bei Muches und Schlemmers wartete schon Ulf Paulsen mit einem ausgewählten Liedprogramm von Hanns Eisler bis zu Gassenhauern der 1920er Jahre. Das Saxophon von Jörg Naumann lockte darauf in das Meisterhaus Muche/Schlemmer. Tänzer des Anhaltischen Theaters erkundeten performativ die Räume, ließen sich gleichermaßen auf die Musikimprovisation wie die Klarheit der Architektur ein, und als das Saxophon schwieg, da rief Stephan Korves als Hannes Meyer mit dem Megaphon vom Dach des letzten Meisterhauses in der Reihe schon die Gäste herbei. Er las seinen Abschiedsbrief, den er dem Oberbürgermeister nach seinem Hinauswurf aus dem Bauhaus schrieb. Immer und immer wieder setzte er an, brach ab, las erneut. Ise, Tut und Nina kommentierten. „Der ist ein wenig sauer. Das hat der nie verwunden. Komm zur Vernunft und komm da runter", meinten die drei, doch Meyer wollte noch erzählen, „warum ich geschlossen wurde".
Bei Kandinsky und Klee waren es Susanne Hessel, Regula Steiner und Eva-Marianne Berger, die mit Schnäuzer, Hut und Anzug die Kunsttheorie unters Volk brachten. Anspruchsvolles wechselte an diesem Abend mit leichtem, PoŽon Sentimental spielte zum Finale Klassik gleichermaßen wie Filmmusik. Nach zwei Stunden Programm gab es reichlich Applaus für die große Gruppe der Akteure. Ise, Nina und Tut wollten da nur noch ihre Kleider gegen lange Hosen tauschen, denn auch die Mücken hatten am letzten Haus-Funk-Abend ihre helle Freude.
Großes Finale bis zum Sonntag
Sein großes Finale erlebt das Dessauer Funk-Projekt von heute bis Sonntag vor dem Alten Theater. Dorthin ist bereits gestern der rote Funk-Container umgezogen, der seit Spielzeitbeginn auf dem Vorplatz des Theaters stand. Gestartet ist bereits am Mittwoch mit Dessau-Funk eine viertägige Radiostation für Dessau: Auf lokaler Frequenz in der Umgebung des Theaters und über www.dessaufunk.de oder über www.interfunk.net sendet die Radiostation bis in die Nacht des 4. Juli kontinuierlich.
Vor dem Alten Theater beginnt heute um 21 Uhr „Tanz den Dessau - besuch die Funks!". 24 Stunden lang empfängt das Funk-Team in einer Bühnenwohnung vor dem Alten Theater Dessauerinnen und Dessauer, Vereine, Initiativen und Clubs - vom Briefmarkensammler bis zur Theaterjugend, vom Dichter über Imker und Musiker bis zum Modellflieger. DokuTV Wettin und Funk zeichnen auf und übertragen live über www.interfunk.net, ein paar Tage später wird die Funk-Schau im Offenen Kanal Dessau laufen. Live-Musik und ein DJ laden zum Abschluss der 24-stündigen Funk-Aktion und einer großen Party auf dem Vorplatz des Alten Theaters am Sonnabend um 21 Uhr ein.
Der letzte große Auftritt von Funk ist ein öffentlicher Brunch am Sonntag ab 11 Uhr. Funk sendet an diesem Julitag noch bis Mitternacht - dann ist die Sendezeit zu Ende.
