20.07.2010, 22:11 | tags: Schauspiel , Pressestimmen
Joachim Lange, Dresdner Neueste Nachrichten, 16.07.2010
Wenn es im Stadtpark spukt
Andrea Moses inszeniert im Dessauer Stadtpark mit „Sommer Nacht Traum“ ein lustvoll hintersinnig Nachspiel zu einer erfolgreichen Saison des Neustarts
Es ist ein Spuk, von dem man am Ende nicht so genau weiß, wie er ausgegangen ist. Dass er aber nicht im Theater selbst, sondern im Dessauer Stadtpark stattfand, muss man, trotz der bedrängten Lage des Anhaltischen Theaters, nicht gleich als böses Omen deuten. Noch spielen sie freiwilligaußer Haus. „Sommer Nacht Traum“ heißt das Freiluft- Spektakel im Park. Und so dicht wie der collagierte Titel, unter den Regisseurin Andrea Moses und Dramaturg Holger Kuhla ihre Melange aus Botho Strauß’ Shakespeare-Adaption „Der Park“ und Andreas Gryphius’ „Herr Peter Squenz“ stellen, beim populären Vorbild bleibt, so dicht bleibt auch die letzte Premiere des Anhaltischen Theater dem berühmten mittsommernächtlichem Täuschungs- und Selbsterkenntnistrip des großen Briten auf den Fersen.
Die finsteren Geister allerdings, die die sagenhafte, metaphorische Sommernacht ja auch weckt, hatten in diesem Park vor zehn Jahren zu einem ganz realen Mord am Mosambikaner Alberto Adriano geführt und die Stadt im Mark erschüttert. Jetzt ist ein smarter „schwarzer Junge“ (Derek Nowak) das Objekt der Begierde des schmierigen Showmasters Cyprian (Matthieu Svetchine), der wie ein später Nachfahre des Spielmachers Puck daherkommt, aber nicht mit Zauberkräutern, sondern mit seiner Show und modernen Voodoo-Püppchen Beziehungs- und Begierde-Verwirrung stiftet. Dass er von dem Schwarzen erschlagen wird, als er sein Begehren nach dessen Körper mit einem Bündel Geldscheinen bekräftigt, gehört zu den finsteren Pointen genau dieses Spielortes. Der Schwarze Junge ist zugleich die Projektionsfläche eines diffusen rassistischen Ressentiments jener Helen, die beim Endausscheid des von Cyprian im Baumarkt oder Billig-TV-Stil veranstalteten Sänger-Castings „Goldener Mund 2010“ gegen ihn verloren hatte, mit der das Spiel beginnt.
Christan Wiehle hat seine Kussmund-Bühne mit Zungenlaufsteg mit einem Wohnwagen und einem Kiosk eingerahmt. Mit wankenden Biertrinkern und lungernden Jugendlichen gibt das eine perfekte Campingplatztristesse. Hier geistern die Feengötter Oberon (Stephan Corves) und Titania (Antje Weber) wie Außerirdische herum. Wenn auch auf ziemlich verlorenem Posten. Im göttlichen Pelz, mit nichts drunter und voller Verzweiflung über ihre abnehmende Fähigkeit, die Menschen zu irritieren und zur Sinnlichkeit zu verführen. Wobei vor allem Titania die Kontrolle über ihre Triebe verliert und mit der Frage nach der Uhrzeit so gut wie jeden Mann in ihrer Reichweite verführen will.
In dem, was sonst noch passiert an Beziehungskrisen, an Handwerker-Theaterjux im Spiel um Pyramus und Thisbe, an Verführung und entfesselter Gier, greift das Personal des Paarspezialisten Botho Strauß ebenso auf die Beziehungskrisen-Gegenwart durch, wie die schauspielernden Handwerker auf die Casting-Show-meets-HartzIV-Wirklichkeit mit ihren Du-hast-keine-Chance- darum-nutze-sie-Angeboten. Im Hin- und Her zwischen Helen (Katja Sieder) und Georg (Thorsten Köhler) und Helma (Susanne Hessel) und Wolf (Sebastian Müller-Stahl). Und bei den Okkupations- versuche der Bühne durch die schauspielernde HartzIV-Truppe, mit denen Uwe Fischer, Jan Kersjes, Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Boris Malré, Gerald Fiedler, Harald Thiemann, Christel Ortmann natürlich nach Kräften abräumen.
Sicher ist bei diesem Spiel die Kenntnis von Shakespeares Sommernachtstraum hilfreich. Aber eine Unterforderung der Zuschauer gehört in der neuen Dessauer Dramaturgie ohnehin nicht zum Programm. Zumal sich die Schauspieler allesamt mit Komödiantenlust ins hochsommerliche Theatervergnügen werfen und selbst dann einen sinnlich packenden Theaterabend behaupten, wenn sie die Einzelszene genauer im Auge haben, als den großen Bogen.
Nächste Vorstellungen: 16. bis 18. Juli, 19.30 Uhr
