Orpheus, Kevin Clarke, Juli/August 2010
Sänger sind wie Diamanten, die man zum Funkeln bringen muss!
Antony Hermus
Der Dirigent und neue GMD von Dessau im Gespräch mit Kevin Clarke
Antony Hermus, 1973 in den Niederlanden geboren, studierte an der Musikhochschule Tilburg. 2003 bis 2008 war er GMD in Hagen, seit dieser Saison ist er GMD des Anhaltischen Theaters Dessau, wo seine erste Produktion (Lohengrin) überregional positive Reaktionen hervorrief.
Aubers Stumme von Portici ist ein unbekanntes Werk, eine Grand Opéra mit spektakulären Effekten. Wie seid ihr an so ein Werk herangegangen?
Das war eine spannende Arbeit, vor allem, weil es kaum Vorbilder gibt. Aubers Stumme ist vor allem bekannt wegen ihrer revolutionären Inhalte. Es geht um Unterdrückung und Rache, wobei Persönliches und Politisches vermischt werden. Bis 1882 gab es 505 (!) Vorstellungen der Stummen an der Pariser Oper, heutzutage wird das Stück nur sehr selten gespielt, trotz der packenden, nach wie vor aktuellen Geschichte und berückend schönen Musik. Faszinierend ist auch die Figur der Stummen selbst, Fenella, die bei uns von einer Tänzerin dargestellt wird. Sie macht eine große Entwicklung durch, sagt nichts, kommuniziert aber viel, unterstützt von schillernden Orchesterzwischenspielen. Außerdem haben wir für die Hauptrollen eine super Besetzung.
Historische Dirigenten haben mit Solisten Rollen Satz für Satz probiert, um eine ideale Interpretation zu finden. Ist das auch Dein Ideal?
Ich arbeite unglaublich gern mit Sängern, weil sie wie Diamanten sind, die man schleifen und zum Funkeln bringen muss. Die Erkenntnis, dass Dirigenten Sängern helfen sollten, ist bei mir relativ früh gekommen. Ich war bei einer Pelléas-Produktion Studienleiter und hatte mit allen Sängern die Rollen einstudiert. Ich kannte das Stück also ziemlich gut. Bei einer Durchlaufprobe auf der Bühne mit Orchester fehlte ein Nebenrollendarsteller, und mein damaliger GMD bat mich, für eine Szene einzuspringen und auf der Bühne singend die Stichworte zu geben. Ich dachte „kein Problem“. Der Dirigent seinerseits dachte „ach, der Antony kennt das Stück ja, der hat's schließlich einstudiert, dem muss ich keine Zeichen geben“. Und ich stand da oben auf einer Schräge und hörte nur ein flirrendes Orchesterrauschen, von ganz weit weg. Alle meine Einsätze waren falsch, ich kam dauernd aus dem Takt. Der GMD guckte mich irritiert an. Und ich merkte, aha, das ist also das Gefühl, das ein Sänger hat, wenn er auf der Bühne steht und ein Dirigent ihm nicht hilft! Vorher habe ich mich immer geärgert über Sänger, die geschleppt oder Einsätze verpasst haben. Aber seit diesem Schlüsselerlebnis weiß ich, dass es meine wichtigste Aufgabe ist, Sängern zu helfen durch den Abend zu kommen, darauf zu achten, dass ihnen die Puste (oder Stimme) nicht wegbleibt. Als Dirigent muss ich für sie die richtigen Tempi finden, bei denen sie sich wohl fühlen. Und ich muss ein Band mit ihnen entwickeln. Nur dann entsteht Vertrauen und fühlt sich ein Sänger getragen. Orchester und Dirigent sollten einen Teppich für Sänger ausrollen, auf dem sie sich frei bewegen können.
Sänger müssten Dich für diese Einstellung lieben.
Ich liebe meinerseits jedenfalls Sänger, die sich mit Leidenschaft und einer großen Musikalität in Opern stürzen und genauso theatralisch denken wie ich.
Würdest Du Dich als Stimmfetischist bezeichnen?
Ich habe schon gewisse Klangideale für bestimmte Rollen. Die Herausforderung am deutschen Ensemblebetrieb ist, dass man Sänger sucht, die möglichst vielseitig einsetzbar sind, ohne sie im Repertoirebetrieb zu verheizen. In Dessau ist das bis jetzt gut gelungen, was vor allem das Verdienst von unserem Casting-Chef Heribert Germeshausen ist, der ein super Gespür für interessante Sänger hat.
Sind unbekannte Stücke ein Spielplanschwerpunkt?
Wir bemühen uns, erfinderisch zu sein. Raritäten werden auch in den nächsten Jahren vorkommen. Im Fall der Stummen von Portici war es eine tolle Entdeckungsreise mit einer Partitur, die kaum jemand kennt. Was eher unerfreulich war, war die Stückel-Arbeit mit dem Notenmaterial, denn es gibt keine kritische Edition von einem französischen Verlag, d.h. materialtechnisch ist das Stück schwierig. Als Holländer interessierte es mich besonders, weil mit Portici die belgische Revolution startete und letztlich die Unabhängigkeit der Niederlande herbeigeführt wurde. Solche Bezugspunkte zu meiner Heimat sind vielleicht zufällig, aber es gab sie auch beim Lohengrin, der ja bekanntlich in Brabant spielt, wo ich herkomme. Man könnte fast sagen, dass unser diesjähriger Spielplan speziell für mich konzipiert wurde.
Wie sieht es mit Medienpartnerschaften aus. Kommen weiterhin Produktionen aus Dessau auf CD und DVD heraus?
Wir werden versuchen, Dessau über CDs und DVDs auf die internationale Opern- und Orchesterlandkarte zu setzen. Wir haben hier ein großes Haus mit einer super Akustik und vielen bühnentechnischen Möglichkeiten. Das wollen wir optimal nutzen. Von der Stummen von Portici wird es eine DVD geben.
Vor kurzem lief in Dessau Kurt Weills One Touch of Venus. In den USA ist das Stück ein Klassiker, in Deutschland fast unbekannt. Hast Du Berührungsängste mit der Kunstform Operette oder Musical?
Überhaupt nicht. Wichtig ist für mich die Qualität der Musik. Ich bin ein großer Bernstein-Fan. Unseren neuen Candide hätte ich gern selbst gemacht, aber das ging zeitlich nicht. West Side Story würde ich sofort dirigieren oder On the Town. Ich habe in meiner Zeit in Hagen viele Operetten dirigiert, die mir auch viel Spaß gemacht haben. Grundsätzlich gilt: Gute Kapellmeister erkennt man daran, dass sie Operetten gut dirigieren können. Da scheidet sich schnell die Spreu vom Weizen.
Was sind Deine Pläne und Träume?
Ich würde gern wieder eine große Puccini-Oper leiten und einen Mozart-Zyklus oder (im Konzertbereich) einen Beethoven-Zyklus. Auch die Opern von Wagner und Strauss faszinieren mich unglaublich. Aber vor allem will ich mich persönlich weiterentwickeln als Künstler und Mensch, und dafür ist Dessau eine ideale Umgebung. Im Moment habe ich auch etliche Einladungen von Opernhäusern und Sinfonieorchestern für Gastdirigate, speziell in Frankreich und Holland. In Dessau hoffe ich, dass wir weitermachen können mit all dem, was wir angefangen haben, trotz Sparzwang, der momentan nicht nur bei uns herrscht. Die Stadt-, Landes- und Bundesväter sollten eines nicht vergessen: Kultur ist in einer Gesellschaft nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern auch die Hefe im Teig!