04.09.2010, 10:22 | tags: Diverses 542
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 4.9.2010
Lautten Compagney
Die Reise geht weiter
Den fernen Klang des 17. Jahrhunderts trägt die Berliner Lautten Compagney seit jeher in ihrem Namen, den Vorwurf der weltfremden Unverbindlichkeit aber konnte man den Musikern um Wolfgang Katschner in den 25 Jahren ihres Bestehens nie machen. Viel zu lebendig und gegenwärtig wirkte alles, was sie auf ihren Reisen durch den Barock für ein stetig wachsendes Publikum zu Tage förderten.
Doch nun dies: Ausgerechnet eine CD namens "Timeless" ist es, mit der sich das Ensemble seinen ersten Echo Klassik erobert hat. Am 17. Oktober wird die höchste Auszeichnung der Klassik-Branche in der Philharmonie Essen verliehen - und endlich steht auch die Lautten Compagney auf der Siegerliste. Verdient ist die Ehrung allemal - auch und gerade für die vermeintliche Flucht aus der musikalischen Heimat. Denn "Timeless", erschienen bei der Deutschen Harmonia Mundi, spielt natürlich nicht wirklich im akustischen Ungefähr, sondern sucht die Zeitlosigkeit in klar fixierten Koordinaten: der Lebenszeit des frühbarocken Italieners Tarquinio Merula (1595-1665) und des 1937 geborenen Amerikaners Philip Glass.
Es ist also weder ein Verrat an den Idealen der historischen Aufführungspraxis noch eine leichtsinnige Auszeit zu konstatieren - sondern ein dramaturgisch bezwingendes Arrangement, dessen Wurzeln erneut in einem theatralischen Experiment der Lautten Compagney liegen. Gewagt wurde es ursprünglich mit der Leipziger Compagnie der Choreografin Heike Hennig, mit der Katschner & Co. zu den halleschen Händel-Festspielen 2010 auch das Tanzoratorium "Maria XXX" entwickelt haben. Bereits im März des vorangegangenen Jahres wurden in gleicher Besetzung die noch leeren Räume des Neuen Museums Berlin bespielt - und schon damals fand man den Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten dem Anlass besonders angemessen.
Dass Merula und Reich auch dann etwas miteinander zu tun haben können, wenn man ihnen die gestische Grundlage entzieht, zeigt nun die Compilation. Besonders spannend wird es da, wo die Lautten Compagney mit ihren Gästen an Saxophon und Percussion die Grenzen vorsätzlich verwischt: Wenn sich ein Glass-Splitter zwischen zwei Merula-Stücke schiebt und die vertrackte Einfachheit der Minimal Music auf die eingängige Komplexität des Barock trifft. In diesen Momenten verschränken sich Anfang und vorläufiges Ende der abendländischen Tradition, wird die Zeitlosigkeit zwischen den Epochen erlebbar. Und man darf staunen, wie sehr vor allem Glass vom Kontrastmittel aus der Vergangenheit profitiert. Dass die Lautten Compagney einmal mehr die Natur-Imitation mit Vogelstimmen betont, die man schon aus ihrem "Chirping of the Nightingale" kennt, dass sie mit Monteverdis "Orfeo"-Fanfare zudem eine Erkennungsmelodie der Barockszene einschmuggelt, gibt der CD zusätzliche Individualität.
Dass sie also nicht aus ihrer Zeit gefallen sind, zeigt auch ein Blick in den Terminkalender: Morgen werden die designierten Preisträger bei den Köthener Bach-Festtagen ihre Version einer Trauermusik aus dem 18. Jahrhundert präsentieren, am 2. und 10. Oktober sind sie mit Scarlattis Oper "La Didone delirante" im Goethe-Theater Bad Lauchstädt zu Gast.
