26.01.2012, 22:26 | tags: Musiktheater 1193
Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 26.01.2012
"Wir trauen uns auch das zu"
André Bücker, Generalintendant des Anhaltischen Theaters in Dessau, inszeniert Wagners Ring
2013 jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag Richard Wagners. Für viele Opernhäuser im Land wird damit die Aufführung eines eigenen Ring des Nibelungen zur Pflicht. Auch für Dessau, einst gepriesen als das „Bayreuth des Nordens". Peter Korfmacher sprach darüber mit André Bücker, dem Generalintendanten des Anhaltischen Theaters Dessau.
Frage: Haben Sie einen Überblick, wie viele neue Ringe es um 2013 herum gibt?
André Bücker: Nein. Aber es sind wohl sehr viele.
Warum ist das so?
Weil es, ganz unabhängig vom Wagner-Jahr, so etwas wie die immerwährende Verpflichtung gibt, dieses Werk immer wieder neu zu entdecken. Es ist das Größte, Umfassendste, was das Musiktheater zu bieten hat, bringt Mythos und Utopie, Mensch und Welt zueinander.
Die letzte Dessauer Inszenierung liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.
Ja, dabei hat es hier nach dem Krieg unter dem Intendanten Willy Bodenstein unglaubliche Festwochen gegeben. Aber irgendwann waren die Ressourcen wohl verbraucht. Dazu kam der Bau der Mauer, was die Arbeit mit Gästen aus dem Westen erschwerte, die DDR-Theaterreform des Jahres 1963, ausbleibende Unterstützung der Regierung. Und meinen Vorgänger Johannes Felsenstein, der 18 Jahre hier Intendant war, hat der Ring anscheinend nicht interessiert.
Wo immer ein Ring ansteht, werden Anstrengungen und Schwierigkeiten betont. Worin bestehen die?
Der Aufwand ist immens, schon durch die schiere Länge. Durch die Beanspruchung des Orchesters und die langen Proben besteht die Gefahr, das Haus regelrecht zu blockieren. Auf der anderen Seite ist aber gerade diese Ausnahmesituation wunderbar: Diese Arbeit stiftet Identität, bringt ein kreatives Flirren ins Haus. Und ein solches Großprojekt setzt ein Zeichen gegenüber dem Publikum: Seht her, wir trauen uns auch das zu.
Ist das Wagner-Interesse beim Dessauer Publikum stark ausgeprägt? In der Wagnerstadt Leipzig sind einschlägige Vorstellungen derzeit eher mau besucht.
Einen Ring hatten wir lange nicht mehr, da fehlen mir also die Vergleichszahlen. Aber ich habe meine Intendanz mit „Lohengrin" eröffnet, damit ein Zeichen gesetzt, dass wir uns der Wagner-Tradition des Hauses stellen. Und bisher ist das Interesse ungebrochen. Dennoch habe ich dem Ring zunächst skeptisch gegenübergestanden.
Warum?
Weil Halle mit seinem schon begonnen hat. Und zwei Ringe innerhalb von 60 Kilometern - da war ein erster Reflex: Das können wir nicht machen.
Nun sind es drei Ringe: Leipzig hat sich auch aufgerafft.
Ja - und mittlerweile glaube ich, dass das kein Problem ist. Denn die Wagnerianer werden mit Freuden alle drei mitnehmen, und die anderen nehmen den jeweils ihren. Ich glaube, es ist genug Publikum für alle da. Und die Konzeptionen sind grundverschieden.
Wie ist überhaupt die Publikumssituation bei Ihnen?
Kein Grund zum Klagen: In der letzten Saison hatten wir rund 185 000 Besucher. Das ist bei 88 000 Einwohnern ein überdurchschnittlicher Wert. Aber natürlich kommt unser Publikum nicht nur aus Dessau. Wir bedienen ein großes Einzugsgebiet, profitieren von den Kulturtouristen, die das Wörlitzer Gartenreich besuchen oder das Bauhaus.
Zurück zum Ring: Was können Sie aus dem Haus besetzen?
Siegfried und Hagen kommen als Gast. Unser A1berich war bis vor kurzem noch fest am Haus. Die restlichen Rollen inklusive Brünnhilde kommen aus dem Ensemble.
Was unterscheidet Ihren Ring von den vielen anderen, die uns die Welt zu erklären versuchen?
Das unterscheidet uns schon einmal nicht. Die Welt erklären, das gehört beim Ring des Nibelungen dazu. Darum ging es Wagner schließlich.
Was also ist anders?
Wenn man sich mit dem Haus näher beschäftigt, mit seiner Geschichte und mit seiner Identität, ist man schnell beim Ring. Denn dieses wunderbare Theater haben die Nazis hierhin gestellt, um darin Wagner zu spielen. Das muss mitdenken, wer hier Musiktheater macht. Und nichts ist dazu so gut geeignet wie eben der Ring. Den können wir in Beziehung setzen zur anderen ästhetischen Tradition dieser Stadt, zur historischen Avantgarde, zum Bauhaus. Denn das hat sich mit einem ähnlichen Grundproblem auseinandergesetzt wie Wagner: dem Verhältnis von Raum und Zeit.
Das klingt ziemlich allumfassend. Ist die Gefahr nicht groß, in die Aufsatzkunst abzurutschen, in selbstreferenzielle Selbstbefragung?
Das denke ich nicht. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Wir werden kein Bauhaus-Theater machen, keine Dreiecke, Vierecke, Kreise über die Bühne tragen zur Musik Richard Wagners. Unser Ansatz ist modern in dem Sinne, dass er zeitgenössisch ist. Wir erzählen fürs Heute. Aber wir erzählen vor dem Hintergrund einer ästhetischen Tradition. Das halte ich für tragfähiger als diese hausmannspsychologischen Deutungen.
Was meinen Sie damit?
Na diese Verkleinerungen. Wenn die Gibichungen in ihrer Wohnküche sitzen und im Morgenmantel die Götterdämmerung verhandeln. Das ist doch nicht gemeint, das verkleinert mit dem Blickwinkel auch das Werk.
Apropos Götterdämmerung. Mit der beginnen Sie, also von hinten. Warum?
Wir haben uns für die historische Perspektive entschieden. Also nicht die Chronologie der Geschichte, sondern die der Entstehung. Denn Wagner hat mit der Komposition der Götterdämmerung begonnen und mit dem Rheingold geendet. Und ein Ring ist schließlich rund, hat also weder Anfang noch Ende.
Bei keinem anderen Komponisten weiß ein Teil des Publikums so gut Bescheid. Ist das für Ihr Konzept wichtig?
Ich denke, dass eine Theaterarbeit sich aus sich selbst heraus erschließen muss. Natürlich arbeiten wir auch mit dem Publikum, machen keine Vorstellung ohne Einführung. Aber das sollte dazu dienen, den Eindruck zu vertiefen - nicht ihn zu ermöglichen. Es ist eine sehr deutsche Sehnsucht, dieser Wunsch: Ich möchte alles verstehen. Und wenn ich etwas nicht verstanden habe, dann taugt entweder der Gegenstand nichts, oder ich bin zu dumm dafür. Was für ein Unsinn. Gerade das Unverständnis, das Ahnen, das Geheimnis macht einen entscheidenden Reiz von Theater aus.
Wagner ist nicht der einzige Großjubilar 2013 - tun Sie was für Verdi?
Wir eröffnen die Saison mit Aida.
Auf Italienisch?
Natürlich!
ZUR PERSON
André Bücker,
geboren 1969 in Haderberg. Nach dem Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Geschichte und Philosophie in Bochum arbeitet er für das Kunstfest Weimar und inszeniert in Dortmund, Gelsenkirchen, Hannover, Graz, Nürnberg, Göttingen , Senftenberg, Mannheim und Halle. Zudem realisiert er spartenübergreifende Projekte und Theater im öffentlichen Raum und wird wiederholt zu Festivals und Gastspielen eingeladen. Er ist von 1998-2000 Stellvertreter des Intendanten in Wilhelmshaven, von 2005-08 Intendant am Nordharzer Städtebundtheater, Seit Beginn der Spielzeit 2009/10 ist er Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau. Bücker ist Mitglied im Vorstand des Landesverbandes Ost im Deutschen Bühnenverein.
HINTERGRUND
Wagner in Dessau
1857:
Eduard Thiele führt mit dem Tannhäuser die erste Oper Richard Wagners in Dessau auf.
1869:
Erstaufführung der Meistersinger.
1876:
Die ersten Bayreuther Festspiele finden statt unter Beteiligung von zwölf Musikern der Dessauer Hofkapelle, von denen der Hornist Demnitz als erster den Siegfried-Ruf blies und dafür Wagners besonderes Lob erntet.
1893:
Erste geschlossene Aufführung von „Der Ring des Nibelungen" in Dessau.
1894:
Cosima Wagner inszeniert in Dessau Humperdincks „Hänsel und Gretel“.
1918:
Hans Knappertsbusch, der in den 50ern die prägende Dirigentenpersönlichkeit in Wieland Wagners Neu-Bayreuth werden sollte, wird Opern- und Generalmusikdirektor in Dessau.
1922:
Durch einen Defekt im Heizungssystem wird das Theater bis auf die Grundmauern vernichtet. Wagners Musikdramen bilden auch in der Interimsspielstätte den Kern des Repertoires.
1936:
Das neue Theatergebäude wird in Anwesenheit von Adolf Hitler und Joseph Goebbels unter dem Namen „Dessauer Theater“ eröffnet, es ist von vornherein für die Aufführung der Werke Wagners konzipiert.
1944:
Am 28. und 30. Mai wird das Theater bei einem Luftangriff schwer getroffen. Der Spielbetrieb muss eingestellt werden.
1949:
Intendant Willy Bodenstein wird mit der Leitung des Hauses betraut.
1953:
Erste Richard-Wagner-Festwochen in Dessau.
1954
folgen die zweiten Richard-Wagner-Festwochen mit der Neuinszenierung des Rings. Nach und nach werden alle Hauptwerke des Komponisten wieder auf die Bühne gebracht. Regie führt stets Intendant Bodenstein.
1963:
Zum 150. Geburtstag erfolgt eine „Richard-Wagner-Ehrung", bei der zum letzten Mal Der Ring komplett gezeigt wird.
Ab 1992:
Während der Intendanz von Johannes Felsenstein gibt es Neuinszenierungen von Rienzi, Lohengrin, Der fliegende Holländer, Tristan und Isolde, Parsifal.
2009:
André Bücker wird Generalintendant des Anhaltischen Theaters und eröffnet mit Lohengrin. Generalmusikdirektor wird Antony Hermus.
2010/11:
Ballettdirektor Tomasz Kajdanski bringt seine Interpretation der Nibelungen auf die Bühne.
2012:
Am 12. Mai beginnt mit der Premiere der Götterdämmerung der neue Ring. Es inszeniert André Bücker, am Pult: Antony Hermus. Die erste Gesamtaufführung ist für 2015 geplant.
Termine:
Götterdämmerung:
12.5., 20.5., 3.6., 30.6., 16.00 Uhr
Siegfried:
30.3., 13.4., 9.5.2013, 9.6.2013;
Beiprogramm (Ausschnitt):
29.1.,17 Uhr: Die Nibelungen/Siegfriedsaga, Ballett von Tomasz Kajdanski zur Musik Richard Wagners;
30.3., 19.30 Uhr, Bauhaus: Vortrag von Torsten Blume: Die Bühne als leuchtender Gesamtapparat - von Richard Wagners projizierten Walküren zu den Licht-Raum-Modulationen des Bauhaus-Meisters Lasló Moholy-Nagy;
22.4.,11 Uhr: Vortrag von Nike Wagner;
29.4., 10.30 Uhr: Matinee zur Götterdämmerung;
12.5., 16 Uhr: Ausstellungseröffnung „Der Ring des Nibelungen in Dessau".
