03.01.2012, 09:56 | tags: Kurt-Weill-Fest 1165
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 03.01.2012
Kurt-Weill-Fest
Aus Amerika nach Anhalt
Dem Weill-Publikum ist sie längst bestens bekannt, in diesem Jahr aber wird Ute Gferer präsent sein wie nie zuvor: Als Artist in Residence kommt die Sängerin, die sich in den vergangenen Jahren bereits mit "One Touch of Venus" und den "Sieben Todsünden" beim Festival der Klassischen Moderne vorgestellt hat, vom 24. Februar bis zum 11. März nach Anhalt - und wird dabei mit sehr unterschiedlichen Programmen zu erleben sein.
Es ist eine weite Reise für die gebürtige Österreicherin, die mit Mann und Kind seit geraumer Zeit in Boston lebt und damit den Lebenslauf der berufensten und berühmtesten Weill-Interpretin nachvollzogen hat. Immerhin hat sie in Wien einst im selben Stadtbezirk gewohnt, in dem auch Lotte Lenya aufwuchs - und nun lebt sie unweit von New York, wo die Witwe von Kurt Weill vor 30 Jahren starb. Die Programmplanung des Festes erfordert allerdings, dass Ute Gferer sich diesmal vor allem dem französischen Repertoire widmet - darunter das Drama "Marie Galante", das vom Anhaltischen Theater im Tanztheater "Hotel Montparnasse" verarbeitet wird, und die bereits erwähnte Ballettmusik zu "Die sieben Todsünden". Das erste Werk steht am Anfang, das zweite am Ende des Festprogramms - und dazwischen wird Ute Gferer auch noch mit ihrem Soloabend "Leben im Rampenlicht - Je ne regrette rien" zu erleben sein, den sie den großen Diven Judy Garland, Edith Piaf, Marlene Dietrich und - wie könnte es anders sein - Lotte Lenya widmet. Ein Festivalcafé und das Recital "Lebenswege - Voyages à Paris" runden das Programm ab - wahrlich ein Marathon, den sich die Sopranistin zumutet.
Dass sie "als richtige Soubrette" zu Weill kam, beschreibt sie als großes Glück. Sie sei vor zehn Jahren auf der Suche nach einer "anderen Dimension des Ausdrucks" gewesen, als der Dirigent HK Gruber sie für die Jenny in der "Dreigroschenoper" besetzte. "Beim Applaus habe ich gemerkt, dass ich zum ersten Mal lächelte - ganz anders als in meinen anderen Rollen". Inzwischen hat sie sich neben anderen Partien auch die Songs des Komponisten erschlossen und ist tief in die Geschichte der von den Nationalsozialisten verfemten Moderne eingetaucht. Weill aber, der sich wie ein Chamäleon dem Zeitgeist diesseits und jenseits des Atlantiks anpassen und dabei doch immer unverwechselbar er selbst bleiben konnte, ist dabei einer ihrer Favoriten geblieben.
Ob sie gern am Broadway singen würde, wo viele seiner Shows aus der Taufe gehoben wurden? Ja, gewiss - aber nicht ein ganzes Jahr im selben Stück. Eher sollte es so sein wie bei den großen Diseusen, die Star in ihrer eigenen Show sind. Als bislang letzte deutschsprachige Künstlerin hat das Ute Lemper geschafft, die Amerika schon vor der Gferer eroberte. Sie selbst hat bislang keine Arbeitserlaubnis für die USA, was große Projekte unmöglich macht. Aber das soll sich bald ändern, damit Arbeit und Privatleben nicht immer durch einen Ozean getrennt sind.
Dass Ute Gferer schließlich auch ausgiebig im American Songbook geblättert hat, wird sie bei ihrem Liederabend über die Lebenswege unter Beweis stellen, bei dem neben Werken von Weill und dem Franzosen Francis Poulenc auch Cole Porter und Duke Ellington erklingen - und Stücke der deutschen Exilanten Norbert Glanzberg und Joseph Beer. Die Witwe des Letztgenannten hat Ute Gferer einst bei einem Festival für "Verbotene Musik" in Marseille kennengelernt - eine Begegnung, die sie nachhaltig beeindruckt hat.
Generell schätzt sie an diesen Komponisten, die durch die Nazi-Diktatur auf tragische Weise aus der Zeit gefallen waren, dass sie trotz der biografischen Brüche "das Schwere und die Leichtigkeit" miteinander verbinden konnten. Dass ist ein Talent, das es auch Ute Gferer ermöglicht, zugleich zu unterhalten und zu vermitteln. So wird sie in ihren Solo-Abenden auch moderieren, um dem Publikum zusätzliche Zugänge zu den Werken zu eröffnen. Dass sie dabei auf Arrangements zurückgreifen kann, "die nur für mich geschrieben wurden", macht sie besonders stolz. "Stellen Sie sich das mal vor!"
Hat die Künstlerin, die schon mit Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt und Ingo Metzmacher sowie mit Regisseuren wie Helmut Lohner und Klaus Maria Brandauer gearbeitet hat, noch Wunschrollen? Weills "Lady in the Dark" fällt ihr ein, die sie bislang nur konzertant aufgeführt hat - und vielleicht eine Partie in seinem "Firebrand of Florence", von dem es allerdings bis heute keine brauchbare deutsche Fassung gibt. Das wäre auch eine Herausforderung für das Dessauer Weill-Fest, an das Ute Gferer im übrigen beste Erinnerungen hat.
"Meine Tochter ist hier während der Proben in den Kindergarten gegangen und ich habe viele Freunde gefunden, auf die ich mich schon sehr freue." Selbst die Bekanntschaft mit dem Liedbegleiter James Holmes verdankt sie dem Anhaltischen Theater, wo er bei "One Touch of Venus" am Pult stand. Es gibt also viele Gründe, von Amerika nach Anhalt zu reisen. Und alle haben mit Kurt Weill zu tun.
