02.02.2012, 12:23 | tags: Schauspiel 1205
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 02.02.2012
Neues aus dem Turmviertel
Da braucht ein Bühnenbildner ja nicht mehr viel zu machen, wenn auf der Drehscheibe lediglich eine MIG 19 steht und es drumherum nicht mehr viel gibt. Justus Saretz lacht. Er hatte durchaus genug zu tun mit der Ausstattung für die große Schauspielproduktion "Der Turm", die an diesem Sonnabend um 19 Uhr im Anhaltischen Theater Premiere hat. Solch eine MIG steht schließlich nicht einfach nur da. "Sie muss bespielbar und gut ausgeleuchtet sein", sagt der junge Bühnenbildner, der mutmaßlich nie in den Genuss kam, solch ein Kampfflugzeug am Himmel zu sehen.
Saretz ist Jahrgang 1988, wurde in Wittenberg geboren und wuchs in Torgau auf. Als er groß wurde, war die DDR längst Geschichte und für einen Jugendlichen kaum ein Thema. Das hat sich in den letzten Wochen nun grundlegend geändert, denn "Der Turm" nach dem Roman von Uwe Tellkamp und in der Theaterfassung von Armin Petras erzählt mit Tragik und Humor das Auseinanderfallen einer Familie in den letzten Jahren der DDR. Im Dresdener "Turmviertel" redet man viel und bewirkt wenig, man schottet sich ab und reagiert mit "Kulturversunkenheit" auf die Irrwege der Diktatur des Proletariats. Ein faszinierendes Figurenkaleidoskop erzählt in diesem Stück auf lustvolle Weise den Niedergang einer Zeit, die noch immer nicht zu Ende scheint.
Dass Armin Petras den Klotz von einem Buch mit rund 100 Personen auf eine bühnentaugliche Fassung eindampfte, machte nicht nur Regisseur Lukas Langhoff sondern auch dessen Bühnenbildner Saretz froh. So musste er sich neben der MIG, die vom Luftfahrtmuseum Finowfurt entliehen ist, nur noch um gut 20 Kostüme kümmern. "Wir haben uns jedoch ein wenig von der DDR-Mode entfernt", erklärt Saretz. Auch wenn man eine Uniform auf der Bühne sehe, würden die Details nicht stimmen. "Da kann ich mich ja nur aufs Glatteis begeben", so der 22-Jährige, der indes bei der Recherche fürs Stück manches Interessante und Überraschende für sich entdeckte. "Ich war erstaunt, was manche trotz der Rohstoffknappheit für extravagante Moden entwarfen", sagt er. "Da wurde mit Windeln und Folie gearbeitet." Saretz ist es bei seiner Arbeit wichtiger, dass sich die Darsteller in ihren Kostümen wohlfühlen, als dass die Details stimmen.
Für den Berliner ist es in dieser Spielzeit bereits die zweite Arbeit am Anhaltischen Theater. Er übernahm zuvor bereits die Bühnenbildassistenz und die Kostüme der Inszenierung "Pension Schöller" in der Regie von Werner Eng. "Wir kannten uns von der Volksbühne", erzählt Saretz, der noch ein Jahr Studium an der Kunsthochschule Berlin Weißensee vor sich hat und dank großzügiger Studienbedingungen parallel als freiberuflicher Bühnenbildner arbeitet. Er absolvierte mehrere Bühnenbildassistenzen an der Volksbühne sowie am Maxim Gorki Theater Berlin und begleitet darüber hinaus das Ballhaus Naunynstraße seit seiner Wiedereröffnung 2008. "Aber nach dieser Premiere geht es mit dem Studium weiter", versichert er.
