22.02.2012, 21:39 | tags: Ballett 1222
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 23.02.2012
Kurt-Weill-Fest
Vom Trauma in den Traum
Der Name der Herberge steht für Heimweh und Fernweh zugleich: "Hotel Montparnasse" hat der Dessauer Ballettchef Tomasz Kajdanski seine jüngste Choreografie genannt, die am Freitag zur Eröffnung des Kurt-Weill-Festes uraufgeführt wird. Und mit diesem Ort wird eine Art Zwischenreich beschworen, das im Paris der 30er Jahre liegt - also in einer pulsierenden Sehnsuchts-Metropole, die in jener Zeit für viele deutsche Künstler zum Fluchtpunkt vor den Nationalsozialisten wurde.
Kajdanski weiß, wie sich ein Leben aus dem Koffer anfühlt: 1979 emigrierte er als junger Solotänzer des Warschauer Nationaltheaters in den Westen, fand seine erste künstlerische Heimat in Johann Kresniks legendärer Heidelberger Compagnie und wurde später eine der prägenden Persönlichkeiten im Bayerischen Staatsballett. Nach der Wende arbeitete er als Ballettdirektor in Rostock, Coburg, Kiel und Eisenach, bevor er vor zweieinhalb Jahren nach Dessau wechselte. Ein Dasein in Bewegung und in der Fremde, das er mit den Protagonisten seines Ensembles teilt: Juan Pablo Lastraz-Sanchez kommt aus Las Palmas, Laura Costa Chaud wurde in Brasilien geboren und Joe Monaghan stammt aus dem englischen Leeds. Dieses Trio markiert das Zentrum eines "Kaleidoskops", wie Kajdanski den Abend nennt.
Gezeigt wird darin ein Künstler-Paar, das seine affektgeladene, intensive Beziehung als Gepäck in das gemeinsame Exil mitnimmt - so, wie Kurt Weill und seine Frau Lotte Lenya. Allerdings verzichtet der Abend auf allzu konkrete biografische Annäherungen und fragt statt dessen nach den allgemeinen Lebensumständen auf der Flucht von der Alten in die Neue Welt. Denn die "Hommage à Paris", die das Motto des aktuellen Weill-Festes darstellt, ist ja auch nur Passage, ein Zwischenstopp auf dem Weg nach New York, wo Weill und Lenya eine neue Heimat fanden.
Weil das französische Werkverzeichnis von Kurt Weill naturgemäß überschaubar ist, ergänzt die Inszenierung sein zweites Violinkonzert und sein Musiktheaterstück "Marie Galante" um Musik und Person eines amerikanischen Zeitgenossen, der gern in einem Atemzug mit dem deutschen Emigranten genannt wird - und mit "Ein Amerikaner in Paris" zudem in die entgegengesetzte Richtung reiste. Von George Gershwin, dessen Bruder Ira für Weill in New York das Libretto zu "Firebrand of Florence" schrieb, erklingen an diesem Abend Klavierlieder sowie eben jenes berühmte Orchesterwerk, das die Paris-Begeisterung des Touristen Gershwin einfängt.
Für Kajdanski, der sich in Dessau immer wieder als virtuoser Geschichtenerzähler bewährt hat, ist diese "Mischung verschiedener Dramaturgien" selbst eine neue Erfahrung. Er wolle das Publikum diesmal nicht nur durch einen linearen Ablauf leiten, sondern zu eigenen "Phantasie-Abdrücken" animieren. "Kubistisch" nennt er die Verbindung von Szenen, die zugleich die Flucht aus der Ideologie in den Kommerz beschreibt - vom deutschen Trauma zum amerikanischen Traum. Bei einem Künstler wie Weill, der mit seiner "Dreigroschenoper" oder dem "Silbersee" härteste Kapitalismus-Kritik geübt hatte, um später den kommerziellen Broadway zu erobern, muss man natürlich auch diese Wandlung mitdenken - selbst wenn amerikanische Arbeiten wie "Street Scene" nichts von der sozialen Genauigkeit und Schärfe des Frühwerks eingebüßt hatten.
Er wolle, sagt Kajdanski, die Geschichte nicht plakativ "an die Wand nageln", sondern seinen Helden "Wind unter die Flügel blasen". Und dabei hilft ihm der autobiografische Bezug natürlich: Gern würde er nach der Premiere "auf eine Zigarette mit Kurt Weill" vor die Tür des Theaters treten und über die Erfahrungen in der Fremde reden - so, wie er es auch mit seinen Tänzerinnen und Tänzern immer wieder tut. Dass dabei auch die jüngsten Dessauer Ereignisse um die Oury-Jalloh-Demonstration und um die angekündigten Kundgebungen der Linken und Rechten im Umfeld des Weill-Festes eine Rolle spielen, liegt auf der Hand.
Natürlich, sagt Kajdanski, beschäftigen solche Entwicklungen ein Ensemble, in dem fast jeder ein Fremder ist - und in dem sich alle gemeinsam ein Zuhause geben. Und so ist der Abend für die Koreanerinnen und Französinnen, die Albaner und Australier eben auch ein Nachdenken über den Fluchtpunkt des eigenen Lebens, den Tanz. Dass sie sich dafür ausgerechnet ein Hotel ausgesucht haben, dessen Namen auf den Parnass - den Sitz der Musen in der antiken Mythologie - verweist, ist sicher nicht das schlechteste Omen.
Premiere am Freitag um 19 Uhr zum Auftakt des Weill-Festes.
