11.11.2009, 17:32 | tags: 89jetzt! , Pressestimmen 156
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 10.11.2009
Am Runden Tisch der Erinnerungen
In der Johanniskirche wird bei "89 Jetzt!" auf das Jahr 1989 zurückgeblickt.
So einen Tisch hat man lange nicht mehr gesehen. Groß und rund ist er, für jeden gibt es den gleichen Platz, die Sitzreihen dahinter schließen sich wie Tortenstücke an. Ein Runder Tisch also -das ist inzwischen ein Eigenname. King Arthur und seine Tafelritter schafften das noch nicht. Aber seit 20 Jahren schreiben viele diesen Tisch groß. Da standen sie in jeder Stadt des Ostens und machten doch schon bald anderen Sitzordnungen in den Parlamenten Platz. Gestern aber stand solch ein Runder Tisch wieder in Dessau, in der Johanniskirche. Rundum saßen Schauspieler des Anhaltischen Theaters, Zeitzeugen der friedlichen Revolution und Theaterdramaturg Holger Kuhla.
Mit Fakten und Dokumenten
Kuhla ist kein Dessauer, aber mit dem Jahr 1989 in der Stadt kennt er sich inzwischen besser aus, als mancher, der mit dabei war, als auch hier - wenn auch später als anderswo - die Menschen auf die Straße gingen. In den vergangenen Wochen verbrachte der Dramaturg viel Zeit in den Archiven, las sich durch alte Aufzeichnungen, Berichte, Zeitungsartikel. Die Recherche bildete die Grundlage für einen Vormittag innerhalb des Projektes "89 Jetzt!", mit dem das Anhaltische Theater am gestrigen Tag an die Wende erinnerte.
In der Johanniskirche gab es dafür von 9 bis 13 Uhr Gelegenheit. Holger Kuhla entwarf eine kluge Dramaturgie für die Stunden in der kühlen Kirche. Fakten über jede Woche in dieser dramatischen Zeit bildeten die Grundlage für Gespräche. Da standen zu Beginn eines jeden Abschnittes die puren Daten und Ereignisse, wie sie in Dessau und in Berlin stattfanden, ganz nüchtern verlesen. Zeitlich dazu passende Dokumente - Aufrufe, Flugblätter, Forderungskataloge -trugen die Schauspieler Silke Wallstein, Christel Ortmann, Regula Steiner-Tomič, Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Boris Malré und Karl Thiele vor. Dann ging ein jedes Mal die Runde auf für ein Gespräch, für das eigene Erleben, für Kommentare und Wertungen.
Oberbürgermeister Klemens Koschig erzählte, wie man damals überzeugt davon war, dass die Maueröffnung von langer Hand geplant gewesen sei, um den oppositionellen Gruppen die Kraft zu nehmen. "Das hat geklappt. Der Druck von der Straße, der so wichtig war, ließ nach dem 9. November nach. Unsere Forderungen versandeten", sprach er. Von der Machbarkeit des dritten Weges, einer Föderation beider deutscher Staaten, war noch einmal die Rede und vom schnellen Scheitern dieser Idee. Pfarrer Dietrich Bungeroth erinnerte an die Vernichtung der Stasiakten, an den lächerlichen Aufritt des Stasi-Chefs Kurt Koch, der in jenen Tagen die Bespitzelung der DDR-Bürger leugnete und von Spionageabwehr sprach.
Als das Kriegsspielzeug verschwand
Die Verlesung eines ersten Fazits vom damaligen Kreisoberpfarrer Alfred Radeloff rief längst vergessene Dinge in Erinnerung: den neuen Briefkasten des Vertrauens am Rathaus, die SED-Parteischule, die Altersheim wird, und das Kriegsspielzeug, das aus den Spielzeugläden inklusive der Indianer verschwand.
Die Zuhörer in der Johanniskirche nahmen sich die Zeit, dieser spannenden Form der Erinnerung zu folgen. Viele blieben über Stunden sitzen, eine Schulklasse erlebte einen Teil der Gedächtnisübung und konnte sich dabei auf Holger Kuhla als kompetenten Dolmetscher verlassen. Denn viele Dinge, von denen am gestrigen Vormittag die Rede war, sagen jungen Leuten heute gar nichts mehr. Sie haben einen ganz anderen Blick auf die Ereignisse und Folgen des Herbstes 1989. Am Nachmittag erzählten sie deshalb im Alten Theater aus ganz verschiedenen Perspektiven von ihren Erfahrungen mit der Wende.
