19.01.2010, 09:54 | tags: Ballett, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Volksstimme Magdeburg, 19.01.2010
Tanztheater-Kooperation Hermes in der Stadt
Ideenreiche Inszenierung auf der Bauhausbühne
Einer Apokalypse gleich ist alles zerstört. Die Menschen liegen vernichtet am Boden. Nur der zarte Gesang des Schlafliedes „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“ lässt einen Hauch Optimismus für Kommendes erahnen.... So endet die Tanztheater-Inszenierung Hermes in der Stadt, die am Sonntagabend ihre gefeierte Premiere erlebte.
In dieser Kooperation des Anhaltischen Theaters und der Stiftung Bauhaus Dessau wurden acht Choreografien nach dem gleichnamigen Stück von Lothar Trolle vorgestellt. Trolle verband den Hermes-Mythos mit dem Mythos der Stadt als Glücksversprechen wie ebenso als Raum für Brutalität und Gewalt, die scheinbar aus der Normalität entsteht. Der Autor bezog sich dabei auch auf real geschehene Verbrechen in Berlin- Marzahn.
Inspiriert von diesen Texten schufen junge Choreografen, Tänzerinnen und Tänzer der Dessauer Ballettcompagnie von Tomasz Kajdanski eine beeindruckende, auch selbstgetanzte Ballettperformance. Sie stellten damit ihre individuelle Sicht auf diese aktuellen Probleme dar. Da setzte sich Yuliya Gerbyna in der Szene „Küche“ in brutaler Eindeutigkeit mit dem Thema „häusliche Gewalt“ auseinander. Oder vier Männer drangsalieren eine Frau in „Libamentum“ (Chorografie Nadja Réthey-Prikkel). Das Folterende in einem Plastekäfig erinnert erschreckend an Wasserboarding.
Die als Ort der Theatermoderne bedeutsame Bauhausbühne als spezieller Aufführungsort, einbezogen die Mensa und die sich anschließende Küche, erwies sich als kongeniale Basis dieser ideenreichen Inszenierung. Körper und Raum mit allen Facetten der gegenseitigen Durchdringung waren prägende Hauptelemente. Die faszinierend ideenreiche und gezielt effektvolle, auf inhaltliche Präsenz ausgerichtete Verwendung von Formen, Farbe, Licht, Bewegung, Sprache, der Einsatz moderner Medien wie Live-Video-Einblendungen sowie das Einspiel elektronischer Musik (musikalische Leitung: Shintaro Imai) schufen eindrucksvolle Komplexität.
Das junge Tanzensemble, erst mit dieser Spielzeit gegründet, begeisterte mit großem Engagement und bis ins kleinste Detail ausgeprägten Darstellungen. Das oft so schnell dahingesagte „Wir geben alles“ traf für dieses Ensemble an diesem Dessauer Premierenabend in jeder Hinsicht uneingeschränkt zu.
