09.07.2010, 10:06 | tags: Diverses , Finanzen
Steffi Bojahr, Märkische Allgemeine, 09.07.2010
BÜHNE: Überlebenskampf ohne Pause
Das Anhaltische Theater Dessau beginnt heute seinen Sommerspielplan
DESSAU - Sommerzeit gleich Urlaubszeit, zumindest am Potsdamer Hans-Otto-Theater. Bis zum 7. September ruht der reguläre Spielbetrieb. Gastspiele oder eine Sommer-Inszenierung im Umfeld der vielbesuchten Schlösser und Gärten sind nicht vorgesehen.
Eine durchgehende Sommerpause leistet sich das Anhaltische Theater Dessau nicht. Trotz oder gerade wegen der schwierigen Situation – das Haus ist ab 2013 von umfassenden Sparmaßnahmen bedroht – arbeitet die Theatercrew eingeschränkt weiter. In die Sommerpause gehen die Sparten versetzt, wie Intendant André Bücker erklärt. So gibt es auch im Juli und im August Vorstellungen. „Das Theater ist außerordentlich wichtig für den Tourismus der Bauhaus-Stadt. Die Besucher wollen das kulturelle Angebot vor Ort in Gänze wahrnehmen“, so Bücker.
In seinen Augen setzt das Bauhaus hohe ästhetische Maßstäbe, die für die darstellerischen Leistungen und die Konzeption der Inszenierungen eine Messlatte darstellen. Sein Theater muss aber auch sehr unterschiedliche Ansprüche und Schichten bedienen. Und so betrachtet es der Intendant als seine Aufgabe, einen Spielplan vorzulegen, „der inhaltlich auch zusammenpasst“. Verdi- und Mozart-Opern stehen neben Inszenierungen von Shakespeare-, Kleist- und Kurt-Weill-Stücken. Auch Gegenwartsstücke wie „Der Kick“ von Andres Veiel oder „Der Park“ von Botho Strauß werden aufgeführt.
Den Ansprüchen zu genügen, sei ein immerwährender Kraftakt: Schon jetzt pfeife das Theater auf dem letzten Loch, sagte André Bücker, der gerade seine erste Spielzeit in Dessau hinter sich hat. Jede Sparmaßnahme hätte für das Vierspartenhaus, das Oper, Operette, Musical, Tanztheater, Schauspiel und Puppentheater anbietet, dramatische Folgen.
Bisher stehen dem Dessauer Ensemble 15 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung. Die Zuwendung teilen sich das Land Sachsen-Anhalt und die Stadt Dessau. (Zum Vergleich: Das einspartige Hans-Otto-Theater in Potsdam erhält im Jahr etwa 9,3 Millionen Euro.)
Doch derzeit geht in Dessau die nackte Angst um. Die Stadt trägt sich mit dem Gedanken, den Etat ab 2013 um 3,5 Millionen Euro zurückzufahren, das Land würde in diesem Falle seine Förderung um die gleiche Summe reduzieren. „Das käme einer Schließung gleich“, sagt Intendant Bücker. Konkret sei jedoch noch nichts. Sein Haus ist mit 350 Mitarbeiter, die mit einem Haustarif abgespeist werden, einer der größten Arbeitgeber in der Region.
Über mangelndes Interesse seitens der Besucher beklagt sich der Theatermacher nicht: Rund 200 000 Menschen sehen sich pro Jahr eine Aufführung in dem Traditionshaus an, das bereits im Jahr 1766 gegründet wurde. Das sind mehr als doppelt so viele Menschen, wie in Dessau leben. Der Spielplan zieht auch Publikum aus Bitterfeld, Zerbst, Köthen, Südbrandenburg und sogar aus Berlin an.
Auf rund 600 Veranstaltungen kommen die Macher pro Jahr. Dazu zählt aber nicht nur das Bühnengeschehen. Orchestermusiker begleiten in Kindergärten und Grundschulen die musikalische Früherziehung, es gibt ein Kinderballett und einen Kinderchor sowie theaterpädagogische Angebote für Lehrer und Schüler. „Es ist Teil des Auftrags der Stadttheater, den Menschen den Zugang zur Kultur kostengünstig zu ermöglichen“, betont André Bücker.
Auch wer keinen Cent für Kultur übrig hat, kann in den Genuss des Dessauer Theaters kommen: Hin und wieder wird die Suppenküche zum Veranstaltungsort. „Wir gehen sehr verantwortungsvoll mit den Mitteln aus öffentlicher Hand um“, versichert Bücker. „Doch rein kommerzielles Denken ist der Sache wenig dienlich, denn Kultur und Bildung sind nun mal nicht immer wirtschaftlich“, betont er. Die deutschen Stadttheater seien ein Ort innovativer Kunst, aber auch ein Ort, um Bildung und Werte zu vermitteln.
Müsste sein Haus schließen, würde das eine tiefe Schneise in das Kulturangebot in und um Dessau schlagen. Auch das Image der Stadt wäre schwer angeschlagen. Aber André Bücker hofft, dass es so weit nicht kommt.
Einen möglichen Ausweg sieht er darin, dass aus dem Anhaltischen Theater Dessau ein Staatstheater wird, das hauptsächlich vom Land finanziert wird. „Dann gäbe es auch in Sachsen-Anhalt ein Staatstheater.“ Die Konkurrenz um diesen Titel durch das Theater Magdeburg in der Landeshauptstadt fürchtet er nicht. Dessau sei nunmal die Kulturhauptstadt des Landes und ein Bekenntnis zu diesem Ort längst überfällig. André Bücker gibt sich kämpferisch. Der gebürtige Niedersachse kennt sich in der ostdeutschen Theaterlandschaft aus. Von 2005 bis 2008 leitete er das Nordharzer Städtebundtheater Halberstadt/Quedlinburg. „Im Überlebenskampf habe ich also schon Übung“, versichert er.
Sommer Nacht Traum, bis 18. Juli, Anhaltisches Theater Dessau/Roßlau, Stadtpark, Karten 03 40/25 11 333, www.anhaltisches-theater.de.
