17.07.2009, 21:24 | tags: Anhaltische Philharmonie | Autor: Frank Orbons
Helden, Leben und Schicksale in Noten gesetzt Generalmusikdirektor und Musikdramaturg haben anspruchsvolles Konzertprogramm geplant VON UTE VAN DER SANDEN, 15.07.09
DESSAU/MZ. Mit der so genannten Schicksalssinfonie, Beethovens "Fünfter", gab Golo Berg im Juni seinen Ausstand als Generalmusikdirektor in Dessau. Die nächste Konzertsaison führt den Begriff sogar im Namen: "Helden - Leben - Schicksal" steht über der ersten Spielzeit des neuen Chefdirigenten Antony Hermus. Absicht, Zufall oder Schicksal? "Macht des Zufalls", witzelt Musikdramaturg Ronald Müller, der den Konzertkalender mitverantwortet und seinen Inhalt, salopp gesagt, unter die Leute bringt.
Auf Wunsch der neuen Theaterleitung hat Hermus für alle Abende Titel gefunden - Mottos, die neugierig machen und Emotionen ansprechen. "Die Himmel rühmen" heißt das romantische Eröffnungskonzert am 8. und 9. Oktober, für dessen Finale sieben Chöre engagiert wurden: Jene der drei Dessau-Roßlauer Gymnasien, dazu Luther-, Friedrich-Schneider-, Opern- und Extrachor singen in Dvoráks "Te Deum". Bei der 20-minütigen Konzertmesse werden fast 300 Vokalisten auf der Bühne stehen.
Schon mit diesem ersten Programm gibt sich der neue GMD zu erkennen: als Brahms-Liebhaber; dessen "Zweite" erklingt hier ungewöhnlicherweise schon vor der Pause. Als Freund der großen romantischen Sinfonieorchesterbesetzung, der seine Musiker ausgelastet wissen möchte - "nicht übers Limit hinaus, aber die Zahlen müssen stimmen". Und als Kunstvermittler, der nach Offenheit, neuen Formen des Miteinanders von Musikern und musizierendem Publikum zu suchen verspricht: "Musik ist für jeden da, der Spaß daran hat", sagt Antony Hermus.
"Unsterbliche Liebe" lässt die Philharmonie mit Auszügen aus Prokofjews Ballett "Romeo und Julia" und Schönbergs sinfonischer Dichtung "Pelléas und Melisánde" vernehmen. Unsterblich ist aber auch des Publikums Zuneigung zu Mozarts A-Dur-Klavierkonzert und Carl Maria von Webers Klarinettenkonzert. Alle Solopartien werden von jungen, weltweit auftretenden Instrumentalisten versehen, mit denen Hermus teils schon gearbeitet hat.
Chorsinfonik, Jubiläen, klassische Moderne, sinfonisches Repertoire: Auf diesen Säulen ruht die nächste Spielzeit. Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy wurden vor 200 Jahren geboren. Heinz Röttgers "Sinfonisches Vorspiel" justament am 100. Geburtstag des früheren musikalischen Leiters des Landestheaters untergebracht zu haben, freut den Musikdramaturgen besonders. Auch Bohuslav Martinu steht anlässlich seines 50. Todestages mit einem Werk im Programm - zumindest ein Akzent.
Schließlich darf die Sinfonik des 19. Jahrhunderts nicht zu kurz kommen, die für die künstlerische Identität und Beurteilung jedes philharmonischen Orchesters tonangebend ist. Dazu zählen auch sinfonische Dichtungen wie das "Heldenleben" von Richard Strauss. Die größte konzertante Herausforderung der Spielzeit habe man so terminiert, dass ausreichend Proben möglich seien, versichert Müller.
Brahms' zweite, Beethovens dritte, Schumanns und Tschaikowskys vierte Sinfonie spielen alle Orchester gern. Mendelssohn Bartholdy kommt in der Kammermusikreihe vor. Und weil die Tonsprache des 20. Jahrhunderts in der Kurt-Weill-Stadt kein Fremdwort ist, erklingt in jedem Programm mindestens ein Werk, das vor weniger als hundert Jahren entstand. Barockes gibt's nur Weihnachten: Die alten Meister den Spezialensembles zu überlassen, ist längst Praxis.
Freunde der Kammermusik dürfen sich auf sechs Nachmittage im Schloss Georgium freuen - und die Freunde zeitgenössischer Kammermusik ebenfalls, denn auch hier liegt jeweils zumindest ein Werk des 20. Jahrhunderts auf den Pulten. Für den Auftakt haben sich das Anhaltische Streichquartett und Wolfgang Kluge das attraktive Klavierquintett von Schumann vorgenommen. Wie immer gilt: rechtzeitig Karten reservieren!
Aus der Liste der Sonderkonzerte - neuerdings sogar an Sekundarschulen - ragen Angebote heraus, die auch für jene interessant sind, denen die Gipfelstürme der Sinfonik zu anstrengend erscheinen. Und sie müssen noch nicht einmal ins Theater kommen, denn auch im Elbe-Werk, im Elektromotorenwerk und im Umweltbundesamt wird wieder Musik gemacht. Mit beliebten Melodien aus Oper, Operette und Konzert, mit drei Offerten des Impuls-Festivals für zeitgenössische Musik und erst recht mit dem letzten Sinfoniekonzert, einer spanischen Estrade, werden auch spezielle Wünsche erfüllt.
Ganz klassisch wird das nächste Jahr empfangen: Den Schlusschor über Schillers "Ode an die Freude" in Beethovens "Neunter" zu singen, geben sich Opern- und Extrachor die Ehre. Das Schicksal der drei Sonntagskonzerte ist besiegelt: "Schade für die Zuhörer der Reihe, sie hat den Aufwand nicht gelohnt", bedauert Ronald Müller. Die Kapazitäten würden für andere Vorhaben genutzt, betont Hermus. Indes, die Helden der Spielzeit wird das Publikum schon selber krönen müssen.


