05.02.2012, 23:36 | tags: Schauspiel 1208
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 06.02.2012
In einem flügellahmen Land
Als endlich alles zu Bruch gegangen ist, kniet Christian zwischen den Scherben und versucht sich in Schadensbegrenzung: "Das ist doch nicht so schlimm", versichert er immer wieder, "das kann man doch wieder kleben." Aber was da einst so fest gefügt und unzerstörbar wirkte, passt nun nicht mehr zusammen. Das zerschlagene Porzellan bleibt ein Fall für die Archäologen der Zukunft ...
Mit seiner Inszenierung von Uwe Tellkamps "Der Turm" gräbt Lukas Langhoff am Anhaltischen Theater Dessau nun nach diesen Relikten einer untergegangenen Kultur. Die von Jens Groß und Armin Petras erarbeitete Fassung des gewaltigen Romans dient ihm dabei als Rohmaterial für eine eigene Lesart, die weniger an der Handlung als vielmehr an der Atmosphäre der Geschichte interessiert ist - und die wie jede ernstzunehmende Geschichtsschreibung auch nach den Folgen der Vergangenheit für die eigene Gegenwart fragt. So öffnen sich in der geschlossenen Dresdner Gesellschaft der 80er Jahre immer wieder Fenster auf das neue Jahrtausend - etwa wenn aus aufgesetzter Völkerfreundschaft plötzlich offener Fremdenhass wird oder wenn ein NVA-Offizier seinen Befehlssermon im Stil von Chaplins "Großem Diktator" bellt.
Im Kern aber geht es der Inszenierung um das Verhältnis von privater und politischer Existenz in einer Diktatur, die sehenden Auges auf ihr Ende zusteuert. Die zentralen Konflikte in der Familie des erfolgreichen Arztes Richard Hoffmann werden flankiert durch die Innenansichten eines korrupten Kulturbetriebs und eines maroden Militärapparats. Und Langhoff gelingt dabei das Kunststück, die Fragmente tatsächlich für das Ganze sprechen zu lassen. Hoffmanns Geburtstagsfeier beispielsweise ist ein Panoptikum der DDR-Elite zwischen sich selbst einschläfernden Festrednern und traurigen politischen Witzen, zwischen simulierter Opposition und realen opportunistischen Kniefällen.
Konzertflügel und Kampfflieger
Ausstatter Justus Saretz stellt für diesen ersten, umfangreichen Teil des Abends nicht mehr als einen Konzertflügel und eine Handvoll Schaukelstühle als Inbegriffe der Bürgerlichkeit zur Verfügung - um die folgenden, kürzeren Szenen dann vor einem ausgewachsenen Kampfflugzeug spielen zu lassen. Diese Umkehrung der Verhältnisse, in der sich das flügellahme Land doppelt spiegelt, entspricht dem Prinzip der Regie: Indem sie ihr Vergrößerungsglas auf das kleine Leben richtet und die großen Ereignisse aus der Distanz betrachtet, macht sie beides erkennbarer.
Und dabei gelingen ihr wunderbar sprechende Bilder, wenn etwa der Einzelne immer wieder geräuschvoll durch die Masse aufgesogen wird - oder wenn Richard in der Mitte seines Lebens und seiner Lügen auf einem Klavierhocker sitzt, auf dem ihn seine Ehefrau und seine Geliebte hautnah bedrängen, ohne einander wahrzunehmen. Auch die längst allgegenwärtigen Etüden bekommen in diesem Kontext tieferen Sinn: Wenn die Schauspieler aus ihren Rollen heraustreten, dann erinnert das nicht nur an den berühmten Appell des Schauspiels Dresden vom Herbst 1989 - es zeigt auch die Ambivalenz zwischen der verordneten Funktion in einem System und der Rebellion gegen diese Regeln.
Es ist großartig, wie sich das Dessauer Schauspielensemble dieser Aufgabe stellt: Gerald Fiedler als jovialer Karrierist Richard und Jan Kersjes als sein ziellos verunsicherter Sohn Christian markieren zwar das - auch musikalische - Zentrum des Abends, werden bei ihrem Duell der Generationen aber von allen Seiten sekundiert. Da ist Anne Lebinsky als übervorsichtige Ehefrau, die am Ende ihren goldenen Käfig zerstört. Da ist Katja Sieder als die heimliche Geliebte, die verzweifelt ihr Recht auf Glück einfordert. Da sind Susanne Hessel als literarische Rebellin und Stefan Corves als frustrierter Funktionär, Patrick Rupar und Sebastian Müller-Stahl als gefährlich gemütliche Stasi-Schergen. Und da ist Simon Brusis als kurios sächselnder Intellektueller, der sein Amt als Lektor permanent mit dem des Zensors verwechselt und dafür noch auf den Applaus der Anderen hofft.
Hoheitszeichen am Heckflügel
Ein Star des Abends aber ist jenes Monstrum, das vor bleiernem Horizont auftaucht und später vor bedrohlicher Geräuschkulisse um sich selber kreist. Die MiG 19 ist - wie so vieles an diesem klugen, knappen Abend - ein beredtes Bild für jenes Land, dessen Hoheitszeichen sie am Heckflügel trägt. Sie war gebaut, um zu fliegen - und kann nun nicht mal mehr aus eigener Kraft fahren. Aber als Museumsstück weckt sie bei ihren einstigen Piloten noch ostalgische Gefühle, während geschäftstüchtige Vietnamesen (Tran Din Chien / Anh Viet Trinh) sie schon als Werbeträger für Coca Cola nutzen.
