GIBT ES EINEN BESSEREN ORT ALS DESSAU?
Tomasz Kajdanski Dessaus neuer Ballettdirektor und Chefchoreograph, war zuvor in gleicher Funktion in Eisenach tätig, wo er in den vergangenen fünf Jahren immer wieder höchst erfolgreich überregionale Aufmerksamkeit erregte. So wurde er für sein dort kreiertes Handlungsballett „Tschaikowsky“ für den ersten deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als einer der drei besten Cho-reografen Deutschlands nominiert.
Tomasz Kajdanski begann seine tänzerische Karriere als Solist am Nationaltheater Warschau. Von dort wechselte er nach Heidelberg zu Johann Kresnik und an das Bayerische Staatsballett, wo er eine der prägenden Tänzerpersönlichkeiten zwischen 1981 und 1989 war. Danach war er Ballettdirektor in Rostock, Coburg, Kiel und Eisenach. In Eisenach sprach er mit Heribert Germeshausen über seine Pläne für Dessau.
In Besprechungen Deiner Choreographien wird immer wieder die sehr spezielle, eigentümlich harmonische Verbindung von modernem Tanztheater und klassischem Ballett hervorgehoben. Hängt das mit den Erfahrungen zusammen, die Du als Tänzer mit so unterschiedlichen Cho-reographen wie Johann Kresnik, Mats Ek, Jiří Kylián und Hans von Manen gemacht hast? Wie würdest Du Tanzinteressierten, denen die erste Begegnung mit Deinen Stücken noch bevorsteht, Deine choreographische Form beschreiben?
Als in Heidelberg und beim Bayerischen Staatsballett plötzlich Choreographen begannen, Stücke für mich zu machen, wurde von mir verlangt, dass ich als Tänzer meine Biographie in die Rollengestaltung einbringe. Ich habe gerade bei John Cranko [weltberühmter Choreograph, 1927 - 1973] gelernt, dass der Tänzer als Träger seiner Biographie neue Dimensionen künstlerischer Wahrheit eröffnet und eine Rolle reifer macht. Was für mich zählt, ist ausschließlich die künstlerische Wahrheit. Ich erarbeite mit Tänzern, die mich faszinieren, zeitgenössische und geschichtliche Stoffe, die mich und hoffentlich auch die Zuschauer interessieren. Dafür suche ich dann sujetabhängig zunächst die passende Musik und auf ihr aufbauend das passende Bewegungsvokabular. Deshalb benutze ich beides, sowohl die klassische Balletttechnik und Form, als auch die zeitgenössische Geste, so dass der Darsteller als Mensch glaubwürdig ist für den Zuschauer und für die Musik. Dabei ist die klassische Technik die Basis, von der ich dann ausgehend verschiedene Stile verfolge.
Ich lege auch viel Wert darauf, dass sich jeder Tänzer individuell entwickelt, dass er eine unver-wechselbare Farbe in meinem Ensemble wird. Ich vergöttere meine Tänzer sehr. Jeder von ihnen hat etwas Wunderbares; und da meine Choreographien nie hermetisch sind, lasse ich stets psychische Freiräume, in die sie selbst ihre eigenen, aus ihrer persönlichen Biographie resultierenden Interpretationen einbauen können. Ich betrachte mich als der Glasmaler der Seele meiner Tänzer, und wenn gegenseitiges Vertrauen besteht, dann kann man alles machen.
Deine erste Choreographie für Dessau wird LULU sein.
Ein Ballett zu machen, das den Titel von Wedekinds Tragödie der verdrängten Sinnlichkeit trägt, ist natürlich eine Herausforderung, denn Ballett und Tanz sind ja per se eine Feier geradezu exzessiver sinnlicher Körperlichkeit durch dynamisch junge Menschen. Warum „Lulu“ als Ballett? Ich empfinde es gerade für dieses Sujet als einen Vorteil, dass wir keine Worte haben. Worte sind manipulierbar, das wissen wir aus der Geschichte. Die Körpersprache kann dagegen nicht lügen. Das Faszinierende am Tanz ist doch gerade, dass Körper sowohl die situationsspezifische Wahrheit als auch die mit ihr verbundenen Emotionen erzählen können. Deshalb bin ich überzeugt, dass Lulu ein richtiges Thema für uns heute ist.
Ich freue mich aber auch sehr darauf, dass meine Tänzer in einem eigenen choreographischen Projekt ein Thema wie „Hermes in der Stadt“ im Bauhaus realisieren können. Ich habe mich natürlich mittlerweile auch mit der Geschichte von Dessau auseinandergesetzt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gingen von Dessau wichtige Impulse für die Aufklärung in Deutschland aus, ab 1925 für eine kurze Zeit vom Bauhaus.
Gibt es einen besseren Ort, sich mit der Klassik, der Moderne, der klassischen Moderne ausein- anderzusetzen als Dessau?
HERIBERT GERMESHAUSEN [Leitender Dramaturg Musiktheater/Operndirektion]
arbeitete zuvor als Dramaturg am Theater Koblenz, Theater Bonn sowie bei den Salzburger Festspielen unter der Intendanz von Peter Ruzicka.