24.04.2009, 11:00 | tags: Schauspiel, Musiktheater | Autor: Holger Kuhla
ANDREA MOSES IM GESPRÄCH MIT HOLGER KUHLA
ANDREA MOSES, Dessaus neue Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel inszeniert seit 1996 in den Sparten Musiktheater und Schauspiel an deutschen und internationalen Theatern. Zudem unterrichtet sie als Dozentin für Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Im Jahr 2008 war Andrea Moses für den Faust-Preis des Deutschen Bühnenvereins in der Kategorie „Beste Regie im Musiktheater“ nominiert.
Du bist seit Jahren erfolgreich als freischaffende Regisseurin für Oper und Schauspiel im deutschsprachigen Raum wie Ausland unterwegs. Ebenso arbeitest Du als Dozentin für Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Du kommst auf angenehme Weise viel herum. Was bewegt Dich, nun eine feste Bindung mit einem Theater einzugehen?
Es reizt mich, für eine bestimmte, längere Zeit mit einem bewusst zusammengesetzten Team, mit Mit-streitern an einem Ort gemeinsam und kontinuierlich zu arbeiten, Entwicklungen konzentriert zu verfolgen. Eine Weile mal innehalten und sich prüfen. Natürlich ist auch die Aussicht verlockend, langfristig denken zu dürfen, ganz konkret für eine Region, für eine Stadt zu arbeiten. Hier habe ich die Chance, nicht nur die Menschen mit denen ich arbeiten werde, kennenzulernen, sondern auch die Menschen, für die wir diese Arbeit tun. Doch heißt, einen Punkt zu fokussieren, nicht die Bewegung einzuschränken oder einzustellen. Es gilt, den eigenen Kosmos in Dessau nicht zu verkleinern, sondern ihn mit hineinzubringen in diese Stadt, nicht nur sich selbst sondern auch sie als Quelle für die Kunst zu begreifen.
Warum Dessau?
Auf die Frage kann man nur antworten: Darum! Ich habe eine ostdeutsche Biografie, deshalb berührt mich besonders, was mit dieser Region geschieht. Ostdeutsche Städte wie Dessau wirken wie aus dem Fokus gefallen, hier interessiert keine Metropolendebatte, hier muss man anarbeiten gegen die Zeichen der Versteppung. Es wird keine einfache Aufgabe, hier Theater zu machen. Andererseits ist Theater nie eine einfache Aufgabe. Und: Gerade hier, gerade in dieser Landschaft, in diesem historischen Konfliktfeld, in diesem aktuell politischen Druckraum muss Theater gemacht werden. Wo, wenn nicht hier? Was an Dessau einzigartig ist, das liegt in seiner Geschichte. In kaum einer anderen Stadt liegen die Schichten der deutschen Vergangenheit so schmerzhaft offen wie in Dessau. Wobei Vergangenheit immer auch Gegenwart ist und die Zukunft beeinflusst. Hier lagert ein großes Archiv von politisch-sozialen Konflikten, aber auch ein poetisches Potential. Dessaus Geschichte erzählt die Krisengeschichte des Kapitalismus, die deutsche Misere, es erzählt vom Überleben, von Avantgarden der Kunst, der Moderne. Ein engagiertes Theater als Ort der Kommunikation kann den Faden von damals wiederaufnehmen ... wer weiß, was aus diesem Synergieeffekt alles entsteht!
Die Spielzeit 2009/2010 bedeutet einen Neustart. Was kommt auf Dessau zu? Alles anders?
Konzepte sind schnell Makulatur. Zuerst einmal heißt es, sich kennenlernen, wir das Publikum, das Publikum uns. Das ist wie bei einem Flirt mit tieferen Absichten – Hauptsache, wir sind und bleiben gespannt aufeinander. Theater ist, wenn es gut ist, immer konkret. „Alles anders“ ist ein rein formales Kriterium, das mich nicht interessiert. Das Dessauer Theater soll zu einem Ort werden, an dem sich möglichst viele Menschen vertreten und ernst genommen fühlen. Ich würde mich freuen, wenn es uns gelänge, aus diesem Theater eine Bühne zu machen, die politisch Brisantes und Drängendes anpackt, zur Diskussion freigibt. Dazu gehört im Theater inhaltlich immer der lebendige Austausch von Tradition und Innovation. Wir leben von der reichen Tradition an Texten, an Musik. Diese Tradition kann nur dann für junge Menschen interessant bleiben und werden, wenn sie immer wieder neu interpretiert wird. Das Theater muss sich ständig neu erfinden. Ich freue mich besonders, dass es uns gelungen ist, junge Regisseure und Autoren an das Haus zu binden, die mit uns versuchen werden, eine Theatersprache für Dessau zu entwickeln.
Glaubst Du an die Chance des Theaters, in den Herzen und Köpfen der Zuschauer heute etwas be- wirken zu können?
Na klar! Ich finde es schon toll, wenn sich freiwillig wildfremde Menschen in einem Saal versammeln und an etwas teilnehmen möchten, von dem sie nicht wissen, was es bringen wird. Anders gesagt: Solange Theater auf neugierige Menschen trifft, funktioniert es – vorausgesetzt, das Theater erweckt die Neu-Gier.
Wir wissen, Du bist eine politisch denkende Regisseurin, was bedeutet „politisch“ in Deinen Arbeiten, Deinem Leben?
„Politisch“ bedeutet den Versuch in die öffentlichen Vorgänge und Prozesse, in die Gestaltung einer Gesellschaft einzugreifen, indem man darum ringt, Mehrheiten für seine Absichten zu gewinnen, Wider-stände zu überwinden. Meine Arbeit besteht darin, das Funktionieren von Politik deutlich zu machen. Theater sollte letztlich eine Lust am Verändern machen, am Mitreden, an der Korrektur. Das heißt in Bezug auf das Politische: es ist privat und das Private ist politisch.
HOLGER KUHLA [LEITENDER DRAMATURG FÜR SCHAUSPIEL UND PUPPENTHEATER]
arbeitete von 1996 bis 2003 als Schauspieldramaturg am Staatstheater Cottbus. Seit 2006 ist er als freischaffender Regisseur und Dramaturg für das Theater sowie als Autor und Regisseur für den Hörfunk tätig und lehrt an der Berliner Humboldt-Universität, der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig.
