»MYTHOS« PUPPENTHEATER – EIN PHÄNOMEN
Frank Bernhardt im Gespräch mit Imme Heiligendorff
Herr Bernhardt, dies ist jetzt Ihre 5. Spielzeit als Künstlerischer Leiter des Puppentheaters Dessau. Gibt es besondere Beobachtungen, die Sie in Dessau gemacht haben?
Wie in anderen Städten stelle ich auch am Dessauer Puppentheater, das über eine lange Tradition verfügt, fest, dass dieser Bezugspunkt „Theater“ irgendwie mystifiziert ist.
Welche Vorstellung von „Puppentheater“ existiert denn bei unseren Zuschauern?
Wir als Theatermacher, als Künstler, werden oft konfrontiert mit einer Erwartungshaltung, die sozusagen aus einem „Mythos“ entstanden ist: aus einem frühen Theatererlebnis, einer Glorifizierung von dem, was der ein oder andere Zuschauer aus seiner Erinnerung verklärt in die Gegenwart mitgenommen hat.
Wie äußert sich das?
Oft müssen wir die für uns merkwürdige Fragestellung beantworten: „Warum macht Ihr denn so was? Ist das noch Puppentheater? Wo ist denn die Puppe?“ Jetzt erlebt der Zuschauer auf der Bühne plötzlich etwas anderes, als er bei dem Begriff des Genres „Puppentheater“ erwarten würde, weil er vielleicht vor 30, 40 oder 50 Jahren ein Schlüsselerlebnis hatte. Dass sich unsere Kunstform weiterentwickeln muss ist doch logisch, sonst wäre sie ja eine tote oder konservierende.
Hat das heutige „Puppentheater“ ein Generationsproblem, weil die Weiterentwicklung an den Zuschauern „vorbeigegangen“ ist?
Der Entwicklungsweg in unserem Genre ist relativ kurz, und die Schlüsselerlebnisse des Publikums sind relativ stark. Es gibt das „moderne“ Puppentheater erst seit den 1920er Jahren. Vorher gab es das traditionelle Jahrmarkt- und Marionettentheater, die fahrenden Handpuppenbühnen usw. Dann begann sich in der Kunst etwas zu entwickeln, es entstanden neue Formen. Erst in den frühen 1980er Jahren entwickelte sich die „offene Spielweise“, es war neu, dass der Spieler Partner der Figur auf der Bühne wurde – und es kamen andere Puppenarten dazu. Das ist ja gerade mal 30 Jahre her und dieser Weg wurde zudem an den festen Häusern unterschiedlich intensiv gegangen. Bis sich diese „neue“ Entwicklung in den Köpfen festgesetzt hat, wird es wohl noch eine Generation dauern.
Also gilt es, am „Theater“-Ball zu bleiben, neue Theatererlebnisse zu suchen und zu erfahren.
Dazu gehört aber eine innere Neugier und eine Unvoreingenommenheit. Die ist bei Kindern übrigens viel intensiver vorhanden. Davon können Erwachsene viel lernen. Und eben darum habe ich zwei große Wünsche und Erwartungen. Nur mit einer eigenen inneren Neugier und einer Kontinuität in der Begegnung mit Theater können wir die Faszination unserer Kunst weiterhin genießen! Fragen wir also nicht grundsätzlich zuerst nach der Form, sondern nach der Qualität.
Die Neugier des Publikums – Wunscherwartung Nummer eins: Und Nummer zwei?
Die Offenheit des Publikums: „Wie ist die Sicht des Künstlers auf das Werk und seine Mittel?“ Mal salopp gesprochen: Ich kann doch nicht jedes Märchen vom Blatt spielen und immer wieder mit Stabpuppen. Die Herausforderung ist doch, den Stoff auf Verborgenes abzuklopfen, um das Neue im Bekannten zu entdecken und dafür dann die künstlerischen Mittel zu finden, mit denen das Werk sinnfällig „gespielt“ werden kann.
Sich als Zuschauer durch diese Offenheit verführen zu lassen zu etwas Neuem, das ist doch gewinnbringend für alle Partner. Das muss nicht unbedingt grenzenlose Zustimmung finden, aber zunächst mit einem Wollen in die Vorstellung zu gehen wäre toll, anstatt mit einem Sich-Verschliessen, indem möglicherweise festgestellt wird: „Da ist ja gar keine Puppe auf der Bühne – oder das ist keine Puppe, wie ich sie gewohnt bin.“
Und was hat unser Publikum von der Erfüllung dieser Wünsche?
Dass es, so hoffe ich, seinem eigenen „Mythos“, diesem ersten faszinierenden Theatererlebnis wieder nahe kommt. Ich kann mich noch wunderbar daran erinnern: „Wir gehen heute ins Theater – der Vorhang geht auf – was verbirgt sich wohl dahinter?“ Und wenn wir diese Begeisterung, auch den Respekt an unsere Kinder, unsere leiblichen oder die uns anvertrauten, übertragen können, schaffen wir uns alle einen optimalen Ausgangspunkt. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der mediale Einflüsse und Impulse so stark sind, das Leben so voller Bilder ist, kommt dem Theater eine besondere Verantwortung zu. Dass so ein Erlebnis bewahrt wird, dass es weitergegeben wird, das halte ich für wichtig!
Dies ist ein großes Anliegen und Aufgabe der Theaterpädagogik!
Und auch das der Pädagogen: Das Besondere am Theater bewusst zu machen, und immer mit der Hoffnung ins Theater zu gehen: heute erlebt mindestens ein Kind etwas Besonderes. Wir müssen die Kinder darauf vorbereiten, sie einstimmen, in den Dialog mit Künstlern und Pädagogen treten, um herauszufinden, was es möglicherweise noch vor- oder nachzubereiten gilt.
Und diese Möglichkeiten bieten wir mit unserem breit gefächerten theaterpädagogischen An-gebot. Denn auch in solcher Arbeit können wir Neues, Überraschendes erfahren! Also hat der »Mythos« Puppentheater auch etwas Positives.
Ja, wenn wir es als eine Vorstellung von einem Theater weitertragen, das wir als ernstzunehmenden, gewinnbringenden Partner begreifen. Mit einer neugierigen, offenen Erwartungshaltung, der Bereitschaft zu einer Auseinandersetzung, die gewinnbringend und wunderbar sein kann!
[Imme Heiligendorff ist seit Beginn der Spielzeit 2008/2009 Theaterpädagogin am ATD]