03.05.2010, 14:39 | tags: Musiktheater , Kurt-Weill-Fest
Andreas Hillger, Die deutsche Bühne, 05/10
Broadway in Dessau
Das Dessauer Kurt-Weill-Fest in seinem letzten Jahr unter dem Intendanten Clernens Birnbaum begann mit Protesten gegen Sparpläne der Stadt gegenüber dem gerade mit neuer Mannschaft gestarteten Anhaltischen Theater. Und überzeugte dann künstlerisch vor allem mit Weills amerikanischem Stück "One Touch of Venus".
Als künstlerisches Motto hatte sich das Dessauer Kurt-Weill-Fest in diesem Jahr die Formel. „New Art is True Art" aus dem Musical "One Touch of Venus" entliehen, vor dem Festakt aber stand eine nicht minder brisante These im öffentlichen Raum: "Land braucht Stadt" hieß die Aktion, bei der es die Dessauer und ihre Gäste 20 Jahre nach der Wende wieder auf die Straße trieb aus Protest gegen die radikalen Kürzungen im kulturellen Bereich, die angesichts der kommunalen Finanznot auch in Sachsen-Anhalt drohen. Den unmittelbaren Anlass lieferte Oberbürgermeister Klemens Koschig mit seiner „Blut-und-Tränen“-Liste, die er kurz vor Beginn des Festivals veröffentlicht hatte. Dass der Generalintendant des Anhaltischen Theaters, André Bücker, auf die darin angedrohte Streichung von rund drei Millionen Euro allein beim städtischen Anteil seines Hauses nicht anders als mit Widerstand reagieren konnte, hätte dem Stadtoberhaupt klar sein müssen. Und welcher Termin wäre dafür besser geeignet gewesen als die überregional beachtete Fest-Eröffnung?
Dennoch brauchte das Fest nach diesem politisch gemeinten, aber nicht polemisch vorgetragenen Prolog einige Zeit, bis es zu sich selbst fand. Die Verstörung war auch der Tatsache geschuldet, dass der scheidende Intendant Clemens Birnbaum einen Artist in Residence verpflichtet hatte, der die vom Posaunisten Nils Landgren oder der Stimm-Artistin Salome Kammer in den vergangenen Jahren gewohnte Charme-Offensive verweigerte. Helmut Oehrings Songspiel "Die Wunde Heine", mit dessen Uraufführung der Komponist das Fest eröffnete, war vielmehr eine Kampfansage: Texte von Rio Reiser und Heinrich Heine standen hier im Kontrast zum Urbild des Genres, dem "Mahagonny-Songspiel" von Weill und Brecht. Die Lyrik dieser beiden Schmerzensmänner aber, die zu verschiedenen Zeiten am gleichen Land bis zur ironisch maskierten Verzweiflung gelitten hatten, wollte nicht recht zur zynischen Dollar- und Whisky-Pose der modernen Klassiker passen, obwohl sich das Ensemble Modern unter Frank Ollu eindeutig als Anwalt des neuen Werks verstand. Da half auch die szenische Klammer kaum, durch die Oehring seine Chöre und Solisten, seinen pochenden Jazz und seine expressive Linienführung mit dem "Mahagonny"Material verband: Die "Wunde Heine", die über das reine Adorno-Zitat hinaus wohl auch auf den Umgang mit dem Werk des Emigranten Weill verweisen wollte, blieb eine Behauptung -obwohl sie in ihrem Gestus den vorangegangenen Protest ästhetisch fortschrieb. Konzentrierter und damit ergreifender wirkte das Porträtkonzert, zu dem der Resident Oehring gegen Ende des Festivals ältere Arbeiten auf die Bauhausbühne brachte.
Als zweiter Erneuerungs-Versuch der Songspiel-Tradition war die "Bordellballade" annonciert, deren Auftragnehmer Franzobel als Librettist und Moritz Eggert als Komponist waren. Dieses Duo gab sich zunächst traditionsbewusster: An der Geschichte aus einem "Menschenhaus", in dem die Huren sich für Naturalien prostituieren, um dem kapitalistischen Kreislauf aus erotischer Wertschöpfung und erpresserischer Abschöpfung zu entkommen, hätte sicher auch Brecht seine Freude gehabt, zumal sie sich den von ihm als "Laxheit in Fragen geistigen Eigentums" gepflegten Parodie-Gestus zu eigen machte. Allerdings krankte die Koproduktion mit dem Theater Koblenz und der Neuköllner Oper an jenem Überbietungs-Ehrgeiz, mit dem Franzobel seinem Vorbild begegnete: Dort, wo Brecht stets die Balance zwischen dem Zarten und dem Harten zu halten wusste, ließ der Österreicher seinen Text eindeutig auf die pornografische Seite fallen, was den selbst ernannten "Bad Boy" Eggert in die Rolle des "Good Guy" drängte, der dem ermüdenden Text immerhin musikalisch Schärfe und Schmelz gab.
Während man über die Zukunftsfähigkeit des Songspiels also auch nach diesem Weill-Fest trefflich streiten kann, ist die Heimkehr des Amerikaners Weill - neben gefeierten Auftritten von Angelika Kirchschlager und Helen Schneider sowie den traditionellen Jazz- und Rockkonzerten - als eindeutiger Gewinn des Weil I-Festes 2010 zu verbuchen. Mit seinem Broadway-Erfolg "One Touch of Venus" bescherte das Anhaltische Theater dem Jahrgang ein Finale, auf das man vor Ort spätestens seit der verheerenden Wirkung des "Kuhhandels" gewartet hatte. Zehn Jahre nach diesem Desaster, mit dem der damalige Hausherr Johannes Felsenstein den Dessauer Kontakt zur New Yorker Kurt Weill Foundation for Music auf eine extreme Zerreißprobe gestellt hatte, wirkte die Inszenierung von Klaus Seiffert wie die überfällige Rehabilitation. Hier wurde nicht in eitler Selbstüberhebung aktualisiert und repariert, sondern mit jener konservatorischen Sorgfalt gearbeitet, die einem selten gespielten Werk erst den Weg ins Repertoire ebnen kann, was ja die vornehmste Aufgabe eines solchen Festivals zu sein hat. Dass die Ausstatterin Imme Kachel augenzwinkernde Verweise auf die Bauhaus-Meister platzierte, dass Mario Mariano den Chor und das Ballett des Anhaltischen Theaters zu tänzerischen Höchstleistungen trieb, dass Musical-Studenten der Berliner Universität der Künste das Ensemble verstärkten und dass man einen bemerkenswerten Solisten-Cast aus überwiegend hauseigenen Kräften präsentieren konnte - all dies sorgte für eine gefeierte Premiere, die beiläufig auch die Tauglichkeit des amerikanischen Weill-Oeuvres für ein deutsches Abonnenten-Publikum offenbarte. Unter der musikalischen Leitung von Daniel Carlberg stellte die Anhaltische Philharmonie zudem unter Beweis, dass eine fast 250-jährige Orchestertradition auch zu Ausflügen in ein Fach befähigen kann, dem man an vielen deutschen Stadttheatern noch immer mit Skepsis begegnet. Als augenzwinkernde Pointe durfte man schließlich registrieren, dass ausgerechnet eine Parabel auf den Umgang mit einer alten Götter-Statue für diese sorgfältige Vergegenwärtigung Weills in seiner Geburtsstadt sorgte. Ein schöneres Abschiedsgeschenk hätte Intendant Birnbaum, der demnächst sein erstes Händel-Fest in der Nachbarstadt Halle präsentieren wird, der Stadt kaum machen können.
Sein Dessauer Nachfolger Michael Kaufmann hat unterdessen bereits Einblicke in die Pläne für das Jahr 2011 gegeben. Sicher ist, dass mit dem Ensemble Modern erstmals ein Orchester den "Artist in Residence"-Status beanspruchen und zugleich den bis 2013 geplanten Themen-Triptychon Berlin-Paris-New York eröffnen darf. Das Anhaltische Theater wird sich - unter André Bückers Regie - mit einer Kombination aus dem "Bajazzo" und dem "Protagonist" beteiligen sowie ein Sinfoniekonzert unter Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus zum Festival beisteuern. Als wichtige, nicht unumstrittene Neuerung gilt die Ausweitung des Zeitraums auf zwei Wochen, mit der Kaufmann das dicht gepackte Programm entzerren und mehr auswärtiges Publikum gewinnen möchte. Die größte Hoffnung setzt man allerdings auf 2013: Dann will man in Dessau eine Landesausstellung ausrichten, die dem berühmten Gropius-Motto "Kunst und Technik - eine neue Einheit" folgen und die lokalen Traditionen von Bauhaus und Junkers verbindend darstellen soll. Den Auftakt könnte Kurt Weill setzen - als Dritter im Bunde.
