28.01.2012, 13:45 | tags: Kurt-Weill-Fest 1196
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 28.01.2012
Erinnerung ans Exil in Paris
Ein frisch verlegter Tanzboden im Saal der Berliner Landesvertretung von Sachsen-Anhalt - das gab es wohl noch nie. Und nun schluchzt es mit "Youkali" aus den Boxen und Laura Costa Chaud und Juan Pablo Lastras-Sanchez tanzen Tango zur Musik Kurt Weills. Da mögen die Tänzer des Anhaltischen Theaters noch so deplatziert vor den Schautafeln der Wanderausstellung zum Anhalt-Jubiläum wirken, einen Eindruck von der Eröffnungsproduktion des 20. Kurt-Weill-Festes gewinnt man trotzdem.
Am Freitag stellte die Kurt-Weill-Gesellschaft in der Hauptstadt das Programm des Festivals vor, das am 24. Februar in der Geburtsstadt des jüdischen Komponisten beginnt und bis zum 11. März 50 reguläre Veranstaltungen bietet. Unter dem Motto "Hommage à Paris" wird nach Berlin nun die zweite Arbeits- und Lebensstation Weills beleuchtet, bevor es 2013 in die USA und nach New York geht, wo der Komponist eine neue Heimat fand.
Festivalintendant Michael Kaufmann nannte die Zusammenarbeit mit dem Anhaltischen Theater, das zum Auftakt den Ballettabend "Hotel Montparnasse" beisteuert, eine "lebendige, vitale Kooperation". Wie diese im Fall des von Ballettchef Tomasz Kajdanski choreographierten Eröffnungsabends aussieht, erläuterte Dramaturgin Sophie Walz den Zuhörern. Ein "Ping-Pong-Spiel" nannte sie die Ideenfindung im Produktionsteam. "Manche Begriffe tauchten dabei immer wieder auf, andere verschwanden schnell". Nachdem Kajdanski mehr als 100 CD gehört habe, hätten sich Weills 2. Sinfonie und "Marie Galante" sowie von Gershwin Klavierlieder und "Ein Amerikaner in Paris" als Musik für den Ballettabend heraus kristallisiert. "Dann strickt Kajdanski seine Geschichte, entwickelt aus der Musik seine Inspiration", so Walz über die Arbeitsweise des Choreographen. "Vier Wochen vor der Premiere sind wir jetzt fertig mit dem Stück. Nun heißt es Repetieren, Repetieren und Perfektionieren, denn nur darüber bekommt man ein unglaubliches Ergebnis", so die Dramaturgin.
Michael Kaufmann richtete das Augenmerk auf die Vielzahl französischer Werke, die sich im Festprogramm finden lassen. Dass diese kaum von französischen Künstlern interpretiert werden, erklärte er denkbar einfach: "Ich finde es gerade wichtig, es andersherum zu machen". Ihm läge viel daran, dass sich Künstler das Werk französischer Komponisten aneignen, denn "das ist sicher nichts, was man ständig im Repertoire hat". Weill habe zwar nicht viele aber dafür doch wesentliche Werke während seiner zwei Jahre im französischen Exil geschaffen. Bevor er 1933 an die Seine kam, sei sein Violinkonzert 1925 in Paris uraufgeführt worden. An Weill könne man auch die Geschichte einer perfekten Integration erzählen, meinte Kaufmann und drückte sein Unverständnis darüber aus, dass dem Komponisten über viele Jahre vorgeworfen wurde, diese Integration vor allem in den USA zu weit getrieben zu haben. "Das ist ein fatales Missverständnis und eine Ungerechtigkeit. Er hat sich aus seiner Kunst in die Gesellschaft hinein entwickelt", so Kaufmann.
Einige wenige Punkte des umfangreichen Programmes riss er darüber hinaus an. Erwähnung fand vor allem die Sopranistin Ute Gfrerer, die man in sieben Veranstaltungen erleben kann. Ihr Diven-Abend "Leben im Rampenlicht", den sie Marlene Dietrich, Edith Piaf, Lotte Lenya und Judy Garland widmet, sei so schnell ausverkauft gewesen, dass er am 2. März, Kurt Weills Geburtstag, eine zweite Auflage erlebt. "Dieses Konzert ist allerdings auch schon ausverkauft", schränkte Kaufmann ein. Das gelte übrigens für die Hälfte der 50 Veranstaltungen.
Dass das Weill-Fest gerade angesichts der aktuellen Ereignisse in Dessau ein wichtiger Beitrag der Weill-Gesellschaft in der Stadt ist, unterstrich Michael Kaufmann auf Nachfrage der MZ. "Wir positionieren uns, indem wir uns Kurt Weill zuwenden", sagte er. Das Fest sei nicht einfach eine Musikveranstaltung, sondern mit der Arbeit daran sei auch eine politische Aussage verbunden. "Wie wir momentan instrumentalisiert werden, obwohl wir uns engagieren, kann ich nicht gut finden", kritisierte Kaufmann und bezog sich dabei auf die Ereignisse des vergangenen Samstag, als die Eröffnung der Weill-Lounge im Rathaus-Center in Verbindung gebracht wurde mit den Ausschreitungen rechtsextremer Demonstranten in der Einkaufspassage. Kartenbestellungen unter der Nummer 0341 / 14990900.
