01.12.2011, 09:34 | tags: Schauspiel , Leporello 1129
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 1.12.2011
Gans viel Trubel im Advent
Auguste freut sich über den Wechselpulli im weihnachtlichen Strickdesign, man singt den leise rieselenden Schnee herbei und es war auch ohne Gänsebraten ein schönes Fest - Friede im Hause Löwenhaupt. Ach! - so seufzt man, weil man das ja alles kennt. Die ewige Vorfreude, der Wunsch, alle glücklich zu machen, und dann doch wieder nur Enttäuschungen. Von wegen: Weihnachten das Fest der Liebe. So gut wie bei Löwenhaupts sollte es immer enden, auch wenn am Mittwoch nicht der Schnee rieselt sondern die Sonne strahlt, als man zur Mittagszeit aus dem Theater tritt, noch ganz benommen und weihnachtsduselig ob dieser schönen Geschichte von der "Weihnachtsgans Auguste" von Friedrich Wolf, die man ja schon als Hörspiel liebte und für die Regisseur Andreas Rehschuh nun die allerschönsten Bilder fand.
Die Löwenhaupts sind Vater, Mutter, Tochter, Sohn und Opa Theo noch dazu. Luitpolt (Gerald Fiedler), das Oberhaupt der Familie, ist Kammersänger, ein etwas tiefer gestimmter Wagnertenor, man sieht es an den Wänden, wo Siegfried und Lohengrin aus Bilderrahmen auf den Esstisch schauen. Überhaupt sind diese Löwenhaupts ganz liebenswert schrullig in ihrer Wunderwohnung, für die der Papa wohl seine Kontakte in die Requisite spielen ließ (Bühne: Eva-Maria Declercq). Seine Kontakte zum örtlichen Geflügelhändler hingegen bescheren im Advent eine Lieferung von "Gans frisch" und sorgen für den langen Leidensweg eines Familienvaters, der für sich doch nur das Beste will: Gänsebraten mit Rotkraut und Klößen.
Davor aber stellt sich peu à peu der Familienrest. Mit dem Jüngsten geht es los. Zwischen Tamino (Patrick Rupar) und der Gans ist schnell eine Freundschaft gewachsen. Und als Auguste dann so richtig loslegt, nimmt sie ihren kleinen Freund mit auf eine abenteuerliche Reise, für die Heißluftballons in die Szene und Piratenschiffe am Horizont schweben. Diese Gans ist ein Wundertier und Susanne Hessel im raumgreifenden Kostüm watschelt und schnattert aufs Feinste. So gewinnt sie nicht nur die Herzen von Tochter Carmen (Katja Sieder), Mutter Clara (Nina Machalz) und Opa (Hans-Jürgen Müller-Hoehensee): Der Vogel ist auch beim Publikum der Star.
Neben der träumerischen Reise von Auguste und Tamino gelingt der Inszenierung noch so manches Glanzstück: eine wilde nächtliche Jagd nach der Gans im Slapstick-Stil, die fast als Pyjamaparty endet, ein traumhaft schönes Zwischenspiel ganz ohne Worte, das die Löwenhaupts durch den besinnlichen Advent begleitet, wenn Opa die Eierlikörvorräte vernichtet, Hausmusik erklingt und Eierkuchen so hoch fliegen, dass sie an der Decke kleben bleiben.
Irgendwie weihnachtet hier alles, in diesen grünen, weinroten und karierten Kostümen von Grit Walther, in der Musik von Gundolf Nandico und nicht zuletzt im Spiel der bestens aufgelegten Darsteller. Die zickende große Schwester wird zur Kämpferin fürs Geflügel, Mama wagt kurz vorm Fest den Bruch mit dem Gatten und der bleibt lange ein Stiesel, der seine Prinzipien hat und Auguste wenigstens ein "Verzeih mir" gönnt, bevor er sie mit Schlaftabletten bratbereit macht, denn "Bestimmung ist Bestimmung". Weil eine Pille aber eine Gans längst nicht umhaut, schnattert es schließlich hinterm Sessel, wo Papa schon mal Federn rupfte. Eine kahle und frierende Auguste ist sauer und alle anderen glücklich, dass sie noch schnatternd ihren Senf dazu geben kann. Da gibt es bei Löwenhaupts dann diesmal doch nur Würstchen mit Kartoffelsalat und das schönste Geschenk des Jahres im modischen Strick und mit Pudelmütze sollte doch recht behalten: "Mein Schicksal ist nicht so", erklärte sie Tamino gleich zu Beginn, als es um die Sorge um ihre Zukunft als Braten ging.
