04.02.2012, 10:47 | tags:
Musiktheater
1207
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 04.02.2012
«Bastien und Bastienne» wird in Dessau neu erzählt
Welch ein großes Glück, dass sich dieses Wunderkind einst der Erwachsenen erbarmte: Wenn die Musik für "Bastien und Bastienne" nicht vom zwölfjährigen Wolfgang Amadeus Mozart geschrieben worden wäre, hätte man das Libretto der Herren Weiskern, Müller und Schachtner gewiss längst in der Rumpelkammer entsorgt. So aber bleibt die "Operetta", wie Junior-Komponist Wolferl das Werklein titulierte, eine kleine Kostbarkeit - als Gesellenstück des werdenden Meisters.
Um daraus freilich einen gültigen Theaterabend zu machen, sollte man das Schäferspiel als Treibmittel für ein zuckersüßes Soufflé begreifen. Am Anhaltischen Theater Dessau hat Jana Eimer nun ein Rezept gefunden, das die Anekdote um die zankenden Liebenden und den bösen Zauberer Colas um eine biografische Ebene bereichert. Erzählt nämlich wird das Spiel in Mozarts Kinderzimmer, wo der Knabe seiner älteren Schwester Nannerl den Fortgang der Handlung skizziert und sich dabei gelegentlich selbst am Cembalo begleitet. So entsteht in der heiteren Helligkeit von Nicole Bergmanns Bühne und Katja Schröpfers Kostümen ein doppelbödiges Spiel, das von einem höher gestellten Holzbläserquartett plus Horn begleitet wird.
Boris Cepeda hat die Musik so farbenreich arrangiert, dass man die Streicher nicht vermisst. Der Ton ist leicht und galant, die Solisten Cornelia Marschall (Bastienne) und David Ameln (Bastien) musizieren mit den Instrumenten um die Wette ... und doch gibt es andere Kräfte, die hier das Spiel machen. Da ist zunächst Torsten Köhler, der sich als singender Schauspieler neben den schauspielernden Sängern mehr als behauptet.
Sein Colas ist ein Hütchenspieler der Gefühle, der mal als Zwerg und mal als Riese erscheint und seinen Spielfiguren wahlweise Löckchen oder Hörner aufsetzt. Dass er im meterhohen Zylinder ein springlebendiges Kaninchen (Marc Wodler) verbirgt, erinnert nicht von ungefähr an den verrückten Hutmacher aus "Alice im Wunderland" - so, wie manche Szene zwischen den Geschwistern Parallelen zu Peter Shaffers "Amadeus" aufweist.
Denn auch der Regisseurin gelingt es in ihrer Fassung, neben Spaß eine Fülle an Informationen zu übermitteln. Und dafür hat sie mit Laetitia Hippe (Wolferl) und Hannah Fricke (Nannerl) zwei junge Darstellerinnen, die manchen Profi das Fürchten lehren können: Wenn der Musikus das Stück in Einzelstimmen zerlegt, wenn er mit der Schwester rückwärts parliert oder das nicht ganz stubenreine Schlaflied "Bona nox" anstimmt, sind diese Miniaturen ästhetisch oder historisch beglaubigt.
Und doch ist das keine musikgeschichtliche Lektion, sondern in erster Linie ein großes Vergnügen: Die Kinder illustrieren und kommentieren das närrische Treiben der Erwachsenen, sie mischen sich selbstbewusst ins Geschehen und erzählen mit großer Sicherheit ihre eigene Geschichte. Und so rundet sich die Bagatelle von Bastien, Bastienne und Colas doch noch zu einer spannenden Geschichte. Herr Mozart hätte an dieser Hommage gewiss seine helle Freude gehabt.
Nächste Vorstellung: 19. Februar, 10.30 Uhr, Altes Theater
01.02.2012, 13:22 | tags:
Musiktheater
1203
Pressemitteilung Anhaltisches Theater Dessau
„Bastien und Bastienne“ hat morgen Premiere
Am Donnerstag, 2. Februar um 19 Uhr hat Mozarts Singspiel „Bastien und Bastienne“, in einer eigens von Jana Eimer erstellten Fassung und in einer musikalischen Bearbeitung für Bläserquintett und Cembalo von Boris Cepeda, im Studio des Alten Theaters Premiere.
Die Inszenierung richtet sich an Menschen ab 7 Jahren und ist bestens geeignet als Einstieg in die Welt des Musiktheaters. Zwölf Jahre alt war Wolfgang Amadeus Mozart, als er 1768 das kleine Singspiel „Bastien und Bastienne“ komponierte. In der Inszenierung können die kleinen und großen Zuschauer miterleben, wie der Knabe Wolferl an dem Stück arbeitet. Aus den Gesprächen mit seiner älteren Schwester Nannerl erfahren sie ganz nebenbei, was alles zu einer Oper gehört. Das Publikum darf sich auf eine farbenfrohe und äußerst lebendige einstündige Inszenierung freuen.
Für die morgige Premiere gibt es noch Restkarten unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
Nächste Termine: 19.2., 10.30 Uhr | 13.3., 11 Uhr | 16.3., 11 Uhr
31.01.2012, 14:35 | tags:
Musiktheater
1202
Pressemitteilung vom 31.01.2012
Das Tagebuch der Anne Frank & Publikumsgespräch
Am Donnerstag, 23. Februar lädt das Anhaltische Theater Dessau um 19 Uhr zu der Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ ins Alte Theater ein.
Die Buchvorlage zum Stück ist ein ergreifendes Dokument über das Schicksal einer von den Nationalsozialisten verfolgten Familie und der Sehnsucht einer sensiblen Jugendlichen nach einem normalen Leben jenseits des Terrors. Die Tagebuchaufzeichnungen berühren gerade in ihrer Privatheit und spiegeln doch ungeschönt und grausam die Auswirkungen von Nationalismus und Rassismus wieder. Themen mit denen vor allem in den letzten Wochen auch die Dessauer Bevölkerung konfrontiert wurde.
André Bücker inszenierte Grigori Frids Mono-Oper über das Schicksal Anne Franks, welche ihre Jugend hinter Vorhängen verbrachte, stets begleitet von dem Wunsch nach einem normalen Leben. Die Sängerin Cornelia Marschall verleiht den originalen Tagebucheinträgen eindrucksvoll ihre Stimme, weckt große Emotionen und lässt so das Mädchen Anne in einem Erinnerungsraum aus Bildern, Licht und Ton wieder lebendig werden, ohne dabei den Sinn der jungen Autorin für Situationskomik, ihre Freude und Zuversicht zu vergessen. Grigori Frids Musik verstärkt dabei die emotionale Kraft des Textes. Ein Theaterabend, der zum Nachspüren und Nachdenken auffordert und zum Austausch einlädt. Im Anschluss an die Vorstellung findet ein Publikumsgespräch mit Generalintendant André Bücker statt, zu dem auch Swetlana Keller von der Jüdischen Gemeinde Dessau eingeladen ist.
Inszenierung: André Bücker | Musikalische Leitung und Klavier: Wolfgang Kluge | Bühne und Kostüme: Katja Schröpfer | Dramaturgie: Imme Heiligendorff
Cornelia Marschall (Anne Frank)
Weiterer Termin: 11.03.2012, 18 Uhr, Altes Theater/ Studio
Karten und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
30.01.2012, 12:15 | tags:
Musiktheater
1198
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 26.01.2012
Mozart setzt die ersten Noten
Jana Eimer nimmt sich als Regisseurin mit „Bastien und Bastienne“ einem Kindheitswerk von Mozart an.
Eigentlich ist es ein Jugendstück. Es geht um erste Liebe, um Eifersucht, um all die Ängste, die sich einstellen, wenn das Herz zum ersten Mal heftig pocht. Schäferin Bastienne glaubt sich von ihrem Freund Bastien betrogen und verlassen. In ihrer Herzensnot fragt sie Zauberer Colas um Rat. Der meint, sie solle sich den Anschein geben, einen anderen zu lieben. Und als Bastien bald darauf zu Bastienne zurückkehren will, zeigt sie ihm die kalte Schulter. Doch der Streit dauert nicht allzu lange. Beide versöhnen sich und preisen den weisen Zauberer Colas. So geht es bei „Bastien und Bastienne“, einem Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart, das dieser mit zarten zwölf Jahren komponierte und 1768 wohl noch in Erwartung dessen war, was das Stück thematisiert.
„Ich musste nach einer schlagenden Metapher suchen, diese Handlung in der Erlebniswelt der Kinder anzusiedeln“, sagt Jana Eimer. Die junge Frau, Regieassistentin des Anhaltischen Theaters, inszeniert das Singspiel gerade für die Studiobühne des Alten Theaters, wo es am 2. Februar die Premiere gibt. Den Kniff, „Bastien und Bastienne“ für Kinder ab sieben Jahren und Erwachsene gleichermaßen spannend und unterhaltsam zu machen, fand Jana Eimer in einer Rahmenhandlung. „Wir ergänzen damit die Opernhandlung“, sagt sie und stellt zu dem jungen Paar und dem Zauberer gleich den Komponisten und dessen Schwester mit auf die Bühne: Der junge Wolfgang komponiert und Schwester Nannerl schaut ihm dabei über die Schulter. „Der Zuschauer erlebt gewissermaßen den Kompositionsprozess mit, und gleichzeitig ist es auch eine kleine Einführung in das Genre Oper“, so die Regisseurin.
Das Personal für diese Konstellation stellen mehrere Sparten des Anhaltischen Theaters. Da sind die Sänger Cornelia Marschall und David Ameln als Bastienne und Bastien, Schauspieler Thorsten Köhler als Zauberer und Laetitia Hippe und Hannah Fricke vom Kinderchor als Wolferl und Nannerl. „Als ich Thorsten Köhler für diese Produktion bekam, ist ein großer Traum für mich in Erfüllung gegangen. Er ist ein großartiger Künstler und ich wollte schon immer mal mit ihm arbeiten“, freut sich Jana Eimer. Laetitia und Hannah seien zudem richtige Profis, denn die beiden Mädchen waren schon mehrfach in Produktionen der Dessauer Bühne zu erleben. Und weil beide Klavier spielen können, wird sich auch ein Cembalo im Mozart-Kinderzimmer befinden. Das bietet zudem noch ausreichend Platz für ein Bläserquintett und ein zweites Cembalo, an dem der musikalische Leiter Boris Cepeda sitzt. So wie Jana Eimer eine eigene Fassung für das Singspiel schrieb, schuf er auch ein neues Arrangement für „Bastien und Bastienne“.
Jana Eimer lernte bei dieser Produktion einen Mozart kennen, der schon als Kind sehr reif komponierte. „Das ist beeindruckend“, sagt sie und will den liebenswerten, frechen Mozart fassbar machen. „Er war ja kein Kind von Traurigkeit, einer der Menschen und Raum vereinnahmte und Musik lernte und schrieb wie andere die Muttersprache.“
Die erste Auseinandersetzung mit Mozarts Werk ist die neue Produktion für Jana Eimer freilich nicht. Denn als Regieassistentin betreute sie so manche Inszenierung mit der Musik des Komponisten. Aufzählen kann die junge Frau die vielen Stücke, an denen sie im Dessauer Theater mitarbeitete, kaum noch. Über ein Praktikum blieb sie gewissermaßen im Theater ihrer Heimatstadt hängen. 1999, als sie in Leipzig Theaterwissenschaft und Journalistik studierte, wollte sie für kurze Zeit in die Theaterwelt schnuppern. „Dann fiel ein Assistent aus und ich bin eingesprungen.“ Damals noch in der Schauspielsparte, ab 2001 im Musiktheater und dort vor allem in den Felsenstein-Produktionen. Das Studium wurde zunächst auf Eis gelegt und später abgeschlossen, zu den Arbeiten, die sie als Regieassistentin betreute, kamen eigene Inszenierungen hinzu. So unter anderem 2008 ihre erste Oper im hochdramatischen Genre, Brittens „The Turn of the Screw“. Für diese Produktion wurde Jana Eimer für den Regiepreis der „Götz-Friedrich-Stiftung" nominiert und belegte den 2. Platz. 2008 erhielt sie das Stipendium der Richard-Wagner-Stiftung. 2009 inszenierte sie am Anhaltischen Theater die Kinderoper „Brundibar“ von Hans Krasa. Und wenn der Premierenvorhang für „Bastien und Bastienne“ gefallen ist, dann stürzt sie sich schon wieder in die nächste Großaufgabe: Wagners „Götterdämmerung“ in der Regie von André Bücker.
„Eigentlich läuft das parallel“, sagt Jana Eimer, die so ganz nebenbei auch immer noch ein Auge auf jene Produktionen haben muss, die im Repertoire laufen. „Ein Regieassistent sorgt dafür, dass das Niveau der Premiere gehalten wird“, weiß sie. Bei „Bastien und Bastienne“ kam sie übrigens ohne aus. „Das habe ich gleich mitgemacht, verglichen mit den Opern im großen Haus ist das ja ein Klacks.“
30.01.2012, 12:07 | tags:
Musiktheater
1197
Helmut Rohm, Volksstimme, 26.01.2012
„Bastien und Bastienne“ überrascht mit neuer Fassung
Jana Eimer inszeniert Mozarts Singspiel auf der Studiobühne
Es ist eigentlich eine Geschichte mit einfachem Text für eine simple Handlung, meint die Dessauer Regisseurin Jana Eimer. Die Schäferin Bastienne glaubt sich von ihrem Freund Bastien betrogen und verlassen. Sie fragt in ihrer Herzensnot einen Zauberer um Rat. Ein wenig kalte Schulter zeigen, ein bisschen Streit - dann ist wieder alles gut.
Die Kinderoper „Bastien und Bastienne“, von Wolfgang Amadeus Mozart mit zwölf Jahren komponiert, hat am kommenden Donnerstag, dem 2. Februar, um 19 Uhr auf der Studiobühne des Anhaltischen Theaters Dessau im "Alten Theater" ihre Premiere.
Jana Eimer hat jedoch dafür eine völlig neue Fassung geschaffen, die, wenn man so will, nun „uraufgeführt“ wird.
Da die Probleme mit der ersten Liebe wohl mehr Jugendliche bewegt, versetzt sie das Stück in die Erlebniswelt der Kinder.
„Wir haben eine zusätzliche Rahmenhandlung erarbeitet“, erzählt die Regisseurin. In diese wird die Opernhandlung Stück für Stück auf interessante Art und Weise eingebettet. Mehr Details möchte Jana Eimer im Vorfeld dazu nicht verraten.
Die Zuschauer werden den jungen Wolfgang Amadeus Mozart und seine Schwester Nannerl erleben, verfolgen aus deren Sicht und Fantasie, wie diese Oper entsteht, wie eigentlich komponieren „geht“.
Diese Szenen werden sich im Kinderzimmer des jungen Komponisten abspielen (Bühne/Kostüme: Nicole Bergmann/Katja Schröpfer). Mit Laetitia Hippe (10 Jahre alt; Mozart) und Hannah Fricke (15 Jahre alt; Nannerl) werden zwei theatererfahrene junge Darstellerinnen agieren, die auch selbst am Cembalo spielen werden.
Einerseits, so Jana Eimer, gehe es ihr darum, den jungen Mozart „normal und genial“ als Identifikationsfigur darzustellen. Andererseits sei es eine doch irgendwie „logische Folge“, die jungen Theatergäste nach dem Besuch des Puppentheaters und des Weihnachtsmärchens nun auch mit dem Genre Musiktheater vertraut zu machen.
Da das sonst übliche Kammerorchester schon aus Platzgründen nicht möglich ist und die auch oft verwendete Aufführungspraxis nur mit Klavierbegleitung nicht in die Eimer-Konzeption passe, schuf Boris Cepeda, der auch die musikalische Leitung der Aufführung inne hat, eine ebenfalls erstmalige musikalische Bearbeitung für Bläserquintett und Cembalo.
Vor etwa einem Jahr hat Generalintendant André Bücker der jungen Regisseurin diese Kinderoper-Inszenierung angeboten.
Im schöpferischen Entstehungsprozess habe, so Jana Eimer, sehr engagiert auch der Musikdramaturg Ronald Müller mitgewirkt.
Die Partien von Bastienne und Bastien werden von den Dessauer Gesangssolisten Cornelia Marschall und David Ameln gestaltet. Der Zauberer Colas, an sich eine Basspartie, wird vom Schauspieler Thorsten Köhler gespielt.
26.01.2012, 22:26 | tags:
Musiktheater
1193
Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 26.01.2012
"Wir trauen uns auch das zu"
André Bücker, Generalintendant des Anhaltischen Theaters in Dessau, inszeniert Wagners Ring
2013 jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag Richard Wagners. Für viele Opernhäuser im Land wird damit die Aufführung eines eigenen Ring des Nibelungen zur Pflicht. Auch für Dessau, einst gepriesen als das „Bayreuth des Nordens". Peter Korfmacher sprach darüber mit André Bücker, dem Generalintendanten des Anhaltischen Theaters Dessau.
Frage: Haben Sie einen Überblick, wie viele neue Ringe es um 2013 herum gibt?
André Bücker: Nein. Aber es sind wohl sehr viele.
Warum ist das so?
Weil es, ganz unabhängig vom Wagner-Jahr, so etwas wie die immerwährende Verpflichtung gibt, dieses Werk immer wieder neu zu entdecken. Es ist das Größte, Umfassendste, was das Musiktheater zu bieten hat, bringt Mythos und Utopie, Mensch und Welt zueinander.
Die letzte Dessauer Inszenierung liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.
Ja, dabei hat es hier nach dem Krieg unter dem Intendanten Willy Bodenstein unglaubliche Festwochen gegeben. Aber irgendwann waren die Ressourcen wohl verbraucht. Dazu kam der Bau der Mauer, was die Arbeit mit Gästen aus dem Westen erschwerte, die DDR-Theaterreform des Jahres 1963, ausbleibende Unterstützung der Regierung. Und meinen Vorgänger Johannes Felsenstein, der 18 Jahre hier Intendant war, hat der Ring anscheinend nicht interessiert.
Wo immer ein Ring ansteht, werden Anstrengungen und Schwierigkeiten betont. Worin bestehen die?
Der Aufwand ist immens, schon durch die schiere Länge. Durch die Beanspruchung des Orchesters und die langen Proben besteht die Gefahr, das Haus regelrecht zu blockieren. Auf der anderen Seite ist aber gerade diese Ausnahmesituation wunderbar: Diese Arbeit stiftet Identität, bringt ein kreatives Flirren ins Haus. Und ein solches Großprojekt setzt ein Zeichen gegenüber dem Publikum: Seht her, wir trauen uns auch das zu.
Ist das Wagner-Interesse beim Dessauer Publikum stark ausgeprägt? In der Wagnerstadt Leipzig sind einschlägige Vorstellungen derzeit eher mau besucht.
Einen Ring hatten wir lange nicht mehr, da fehlen mir also die Vergleichszahlen. Aber ich habe meine Intendanz mit „Lohengrin" eröffnet, damit ein Zeichen gesetzt, dass wir uns der Wagner-Tradition des Hauses stellen. Und bisher ist das Interesse ungebrochen. Dennoch habe ich dem Ring zunächst skeptisch gegenübergestanden.
Warum?
Weil Halle mit seinem schon begonnen hat. Und zwei Ringe innerhalb von 60 Kilometern - da war ein erster Reflex: Das können wir nicht machen.
Nun sind es drei Ringe: Leipzig hat sich auch aufgerafft.
Ja - und mittlerweile glaube ich, dass das kein Problem ist. Denn die Wagnerianer werden mit Freuden alle drei mitnehmen, und die anderen nehmen den jeweils ihren. Ich glaube, es ist genug Publikum für alle da. Und die Konzeptionen sind grundverschieden.
Wie ist überhaupt die Publikumssituation bei Ihnen?
Kein Grund zum Klagen: In der letzten Saison hatten wir rund 185 000 Besucher. Das ist bei 88 000 Einwohnern ein überdurchschnittlicher Wert. Aber natürlich kommt unser Publikum nicht nur aus Dessau. Wir bedienen ein großes Einzugsgebiet, profitieren von den Kulturtouristen, die das Wörlitzer Gartenreich besuchen oder das Bauhaus.
Zurück zum Ring: Was können Sie aus dem Haus besetzen?
Siegfried und Hagen kommen als Gast. Unser A1berich war bis vor kurzem noch fest am Haus. Die restlichen Rollen inklusive Brünnhilde kommen aus dem Ensemble.
Was unterscheidet Ihren Ring von den vielen anderen, die uns die Welt zu erklären versuchen?
Das unterscheidet uns schon einmal nicht. Die Welt erklären, das gehört beim Ring des Nibelungen dazu. Darum ging es Wagner schließlich.
Was also ist anders?
Wenn man sich mit dem Haus näher beschäftigt, mit seiner Geschichte und mit seiner Identität, ist man schnell beim Ring. Denn dieses wunderbare Theater haben die Nazis hierhin gestellt, um darin Wagner zu spielen. Das muss mitdenken, wer hier Musiktheater macht. Und nichts ist dazu so gut geeignet wie eben der Ring. Den können wir in Beziehung setzen zur anderen ästhetischen Tradition dieser Stadt, zur historischen Avantgarde, zum Bauhaus. Denn das hat sich mit einem ähnlichen Grundproblem auseinandergesetzt wie Wagner: dem Verhältnis von Raum und Zeit.
Das klingt ziemlich allumfassend. Ist die Gefahr nicht groß, in die Aufsatzkunst abzurutschen, in selbstreferenzielle Selbstbefragung?
Das denke ich nicht. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Wir werden kein Bauhaus-Theater machen, keine Dreiecke, Vierecke, Kreise über die Bühne tragen zur Musik Richard Wagners. Unser Ansatz ist modern in dem Sinne, dass er zeitgenössisch ist. Wir erzählen fürs Heute. Aber wir erzählen vor dem Hintergrund einer ästhetischen Tradition. Das halte ich für tragfähiger als diese hausmannspsychologischen Deutungen.
Was meinen Sie damit?
Na diese Verkleinerungen. Wenn die Gibichungen in ihrer Wohnküche sitzen und im Morgenmantel die Götterdämmerung verhandeln. Das ist doch nicht gemeint, das verkleinert mit dem Blickwinkel auch das Werk.
Apropos Götterdämmerung. Mit der beginnen Sie, also von hinten. Warum?
Wir haben uns für die historische Perspektive entschieden. Also nicht die Chronologie der Geschichte, sondern die der Entstehung. Denn Wagner hat mit der Komposition der Götterdämmerung begonnen und mit dem Rheingold geendet. Und ein Ring ist schließlich rund, hat also weder Anfang noch Ende.
Bei keinem anderen Komponisten weiß ein Teil des Publikums so gut Bescheid. Ist das für Ihr Konzept wichtig?
Ich denke, dass eine Theaterarbeit sich aus sich selbst heraus erschließen muss. Natürlich arbeiten wir auch mit dem Publikum, machen keine Vorstellung ohne Einführung. Aber das sollte dazu dienen, den Eindruck zu vertiefen - nicht ihn zu ermöglichen. Es ist eine sehr deutsche Sehnsucht, dieser Wunsch: Ich möchte alles verstehen. Und wenn ich etwas nicht verstanden habe, dann taugt entweder der Gegenstand nichts, oder ich bin zu dumm dafür. Was für ein Unsinn. Gerade das Unverständnis, das Ahnen, das Geheimnis macht einen entscheidenden Reiz von Theater aus.
Wagner ist nicht der einzige Großjubilar 2013 - tun Sie was für Verdi?
Wir eröffnen die Saison mit Aida.
Auf Italienisch?
Natürlich!
ZUR PERSON
André Bücker,
geboren 1969 in Haderberg. Nach dem Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Geschichte und Philosophie in Bochum arbeitet er für das Kunstfest Weimar und inszeniert in Dortmund, Gelsenkirchen, Hannover, Graz, Nürnberg, Göttingen , Senftenberg, Mannheim und Halle. Zudem realisiert er spartenübergreifende Projekte und Theater im öffentlichen Raum und wird wiederholt zu Festivals und Gastspielen eingeladen. Er ist von 1998-2000 Stellvertreter des Intendanten in Wilhelmshaven, von 2005-08 Intendant am Nordharzer Städtebundtheater, Seit Beginn der Spielzeit 2009/10 ist er Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau. Bücker ist Mitglied im Vorstand des Landesverbandes Ost im Deutschen Bühnenverein.
HINTERGRUND
Wagner in Dessau
1857:
Eduard Thiele führt mit dem Tannhäuser die erste Oper Richard Wagners in Dessau auf.
1869:
Erstaufführung der Meistersinger.
1876:
Die ersten Bayreuther Festspiele finden statt unter Beteiligung von zwölf Musikern der Dessauer Hofkapelle, von denen der Hornist Demnitz als erster den Siegfried-Ruf blies und dafür Wagners besonderes Lob erntet.
1893:
Erste geschlossene Aufführung von „Der Ring des Nibelungen" in Dessau.
1894:
Cosima Wagner inszeniert in Dessau Humperdincks „Hänsel und Gretel“.
1918:
Hans Knappertsbusch, der in den 50ern die prägende Dirigentenpersönlichkeit in Wieland Wagners Neu-Bayreuth werden sollte, wird Opern- und Generalmusikdirektor in Dessau.
1922:
Durch einen Defekt im Heizungssystem wird das Theater bis auf die Grundmauern vernichtet. Wagners Musikdramen bilden auch in der Interimsspielstätte den Kern des Repertoires.
1936:
Das neue Theatergebäude wird in Anwesenheit von Adolf Hitler und Joseph Goebbels unter dem Namen „Dessauer Theater“ eröffnet, es ist von vornherein für die Aufführung der Werke Wagners konzipiert.
1944:
Am 28. und 30. Mai wird das Theater bei einem Luftangriff schwer getroffen. Der Spielbetrieb muss eingestellt werden.
1949:
Intendant Willy Bodenstein wird mit der Leitung des Hauses betraut.
1953:
Erste Richard-Wagner-Festwochen in Dessau.
1954
folgen die zweiten Richard-Wagner-Festwochen mit der Neuinszenierung des Rings. Nach und nach werden alle Hauptwerke des Komponisten wieder auf die Bühne gebracht. Regie führt stets Intendant Bodenstein.
1963:
Zum 150. Geburtstag erfolgt eine „Richard-Wagner-Ehrung", bei der zum letzten Mal Der Ring komplett gezeigt wird.
Ab 1992:
Während der Intendanz von Johannes Felsenstein gibt es Neuinszenierungen von Rienzi, Lohengrin, Der fliegende Holländer, Tristan und Isolde, Parsifal.
2009:
André Bücker wird Generalintendant des Anhaltischen Theaters und eröffnet mit Lohengrin. Generalmusikdirektor wird Antony Hermus.
2010/11:
Ballettdirektor Tomasz Kajdanski bringt seine Interpretation der Nibelungen auf die Bühne.
2012:
Am 12. Mai beginnt mit der Premiere der Götterdämmerung der neue Ring. Es inszeniert André Bücker, am Pult: Antony Hermus. Die erste Gesamtaufführung ist für 2015 geplant.
Termine:
Götterdämmerung:
12.5., 20.5., 3.6., 30.6., 16.00 Uhr
Siegfried:
30.3., 13.4., 9.5.2013, 9.6.2013;
Beiprogramm (Ausschnitt):
29.1.,17 Uhr: Die Nibelungen/Siegfriedsaga, Ballett von Tomasz Kajdanski zur Musik Richard Wagners;
30.3., 19.30 Uhr, Bauhaus: Vortrag von Torsten Blume: Die Bühne als leuchtender Gesamtapparat - von Richard Wagners projizierten Walküren zu den Licht-Raum-Modulationen des Bauhaus-Meisters Lasló Moholy-Nagy;
22.4.,11 Uhr: Vortrag von Nike Wagner;
29.4., 10.30 Uhr: Matinee zur Götterdämmerung;
12.5., 16 Uhr: Ausstellungseröffnung „Der Ring des Nibelungen in Dessau".
Karten, Termine, Infos: www.der-ring-in-dessau.de
26.01.2012, 17:38 | tags:
Ballett
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1192
Pressemitteilung vom 26.01.2012
Am Wochenende im Anhaltischen Theater
Am Freitag, 27. Januar um 19.30 Uhr steht mit Giacomo Puccinis Oper “La Bohème” eine der weltweit am häufigsten aufgeführten Opern auf dem Spielplan. Die hauseigenen Solisten begleitet von der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von Daniel Carlberg bringen mit “La Bohème” eine der traumhaftesten Liebesgeschichten der Operngeschichte, in all ihrer Leichtigkeit und Zärtlichkeit auf die Bühne.
Am Samstag, 28. Januar um 17 Uhr ist mit „West Side Story” ein Musical-Klassiker zu erleben.
Leonard Bernsteins berühmtes Musical „West Side Story“, eine moderne Fassung von „Romeo und Julia“, ist nicht nur eine Ansammlung wundervoller Melodien mit rasanten Rhythmen, sondern ein Werk mit dem gerade jetzt hochaktuellen Thema der Sinnlosigkeit von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Das Anhaltische Theater bietet gleich im Anschluss an die Vorstellung, ein Publikumsgespräch im Theaterrestaurant an, um mit Künstlern über die Inszenierung aber auch zu den aktuellen Bezügen des Werkes ins Gespräch zu kommen.
Letztmalig ist am 29. Januar um 17 Uhr der furiose und bildgewaltige Ballettabend „Die Nibelungen: Siegfriedsaga“ zu sehen. Zur Musik von Richard Wagner, in der Orchesterfassung von Carlos Kalmar, gespielt von der Anhaltischen Philharmonie, erzählt Tomasz Kajdanski die Sage um den Helden Siegfried. Es ist die Geschichte von Menschen, die durch Leidenschaften, Liebe, Hass und Tod miteinander verbunden sind.
Für die Vorstellungen “La Bohème” und „Die Nibelungen: Siegfriedsaga“ sind noch Karten erhältlich, die „West Side Story” am Samstag ist bereits ausverkauft.
Tickets und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
22.01.2012, 14:57 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1186
Alexander Hauer, Der Opernfreund, 22.01.2012
La Bohème
12.11.2011
In dir finde ich den Traum, den ich schon immer träumen wollte. Verstehst du mich? (La Boheme - 1. Akt)
Zunächst einen Bemerkung in eigener Sache: Ich bin kein Freund von Puccini, seine Musik ist meines Erachtens zu sehr auf die weibliche Psyche komponiert, als dass ich sie verstehen könnte/wollte. Tosca ja, der Mantel auch, aber sonst, sorry, für einen Puccini fahr ich keine 100 Kilometer. So, Dessau liegt rund 300 km von meinem Wohnort weg, aber ich bin trotzdem gefahren. Ein Theater, das in einer permanent hohen Qualität, an der sich die größten Häuser in Deutschland messen können, produziert, wird auch einen Puccini hervorragend gestalten. Allein die Besetzung, die musikalische Leitung und das Regieteam versprach sensationelles. Also, auf die Autobahn und hin.
Roman Hovenbitzer und sein Ausstatter Thilo Steffens sind auch für mich keine Unbekannte, ihr Inszenierungsstil, modern, aber durchaus der Tradition verbunden, entspricht auch genau meinem ästhetischem Empfinden. Gleich zu Beginn ein Bruch, zwei Clowns, eher Horrorgestalten als Spaßmacher zitieren zärtliche Liebesgedichte, die die Handlung der Boheme unterstreichen. Die beiden interpretieren dann auch alle Nebenfiguren der Oper, David Ameln den Parpignol und Cezary Rotkiewicz Benoit, Alcindor und den Sergeanten an der Stadtwache.
Die eigentliche Handlung Hoverbitzer und Steffens verlegen die Oper aus ihrer Originalzeit und –Ort, dem revolutionärem Paris der 1830 Jahre in einen vagen, immer gültigen Rahmen. Vier mehr oder minder mittellose Künstler leben in einer WG zusammen. Der eine, Rudolfo, als Gast spontan eingesprungen und sensationell gut in die Regie eingefügt, Sébastien Guèze, leidet unter einer Schreibblockade. Da tritt eine Frau in sein Leben, Mimi, hier gedoppelt als reale Nachbarin, wie immer berückend schön, voller zärtlicher Lyrismen und zartesten Pianis, gepaart mit stupenden Schönheit in der Stimme, Angelina Ruzzafante, und als Projektion Rudolfos, die Muse Mimi, die bezaubernde Tänzerin Claudia Czys. Ab diesem Moment scheint die Zeit für Rudolfo langsamer zu vergehen, Puccinis Melodien werden sanfter. Seine WG-Genossen, und welches Dreamteam an dunklen Männerstimmen, Ashwin, Ko und Paulsen, kann Dessau da auf die Bühne bringen, bemerken die Veränderung ihres Freundes nicht.
Das zweite Bild, der Café Momus Akt, gerät zu einem verspiegelten, kalt rot flittrigem Weihnachtsmarktspektakel. Hier schlägt dann die Stunde Ulf Paulsens, der dem am Rande des Wahnsinns stehenden Maler Marcello seine Gestalt und seine überragende Stimme leiht. Zusammen mit Anke Berndt, auch eine Premierennothelferin aus Halle, als Musetta gibt er das liebestolle Paar. Seine Einwürfe in ihren Walzer, voll kalkulierter Erotik, eine kleines Meisterwerk Puccinis, sind präzise gesetzt und lassen Freude auf das Quartett im dritten Akt aufkeimen. Das quirlige Treiben vor dem Café gerät bei Hoverbitzer und Steffens zu einem Schaulaufen der Massen. Der Chor unter Helmut Sonne, wie immer ein besonderer Hingucker und –Hörer, unterstützt vom präzis singend und hervorragend spielenden Kinderchor unter Dorislava Kuntschewa, gibt eine gleichgeschaltete Menge, scheinbar ohne eigene Persönlichkeit, wie Projektionen einer anderen Matrix.
Nach der, gefühlt viel zu langen, Pause, stellte sich für mich dann die Frage, wie Roman Hoverbitzer die Szene mit der Zollschranke lösen wird. Seine Lösung so einfach und so einleuchtend war, dass er das Geschehen einfach im „off“ spielen ließ und den Blick des Zuschauers auf seine Hauptprotagonisten richtete. So gelang ihm der Spagat die Oper ohne Striche, aber auch ohne Konkretisierung des Räumlich-Zeitlichen, zu zeigen.
Nach der Trennung von ihren Frauen leben die Jungs wieder in ihrer alten WG. Doch das Feuer der Kreativität scheint erloschen, ohne ihre Musen stümpern Rudolfo und Marcello vor sich hin, nichts scheint ihnen zu gelingen. Einen Moment der Entspannung bekommt das Publikum beim wunderbar choreographierten Duell im Quartett, bevor es wirklich ernst wird. Mimi kehrt zum Sterben zu ihrem Rudolfo zurück, Kyung-Il Ko lässt Colline mit seiner Mantelarie erstrahlen, Musetta verliert ihre Kaltschnäuzigkeit beim Gebet, dennoch, die Hilfe kommt zu spät. Und genauso wie Mimi und die Muse Mimi in Rudolfos Leben getreten sind so gehen sie auch. Die reale Mimi stirbt, die Muse entschwindet auf einer Spiegelkugel in den Bühnenhimmel. Beobachtet von einem schwarz gewandeten Chor bleiben fünf einsame Menschen zurück.
Das Czesary Rotkiewicz ein ausgezeichneter Sänger ist hat er in Dessau schon oft bewiesen, in dieser Boheme kristallisiert er sich auch als ausgezeichneter Tänzer heraus. In Claudia Czyz klug durchdachter Choreographie ist er mehr als die Stütze einer Tänzerin, sein Tod in vielerlei Masken unterstreicht die Endlichkeit allen Menschlichens, dabei wirkt dieser Tod nie als Gefahr, sondern scheinbar als Freund und Partner.
Die besondere Leistung Hoverbitzers und Steffens‘ liegt darin „La Boheme“ in scheinbar modernem, neudeuterischem Kleid daher kommen zu lassen, dass es aber eine, und das Regieteam möge es mir verzeihen, stockkonservative Inszenierung ist. Sie erzählen präzise die Geschichte jenes tragischen Liebespaares, verzichten dabei nicht auf Requisiten und Versatzstücke der nun hundertjährigen Erfolgsgeschichte dieser Oper. Dass sie dabei nicht in eine Kitschorgie oder in einen Hyperrealismus geraten, verdeutlicht die ewige Aktualität des Stoffes. Ihre Mimi stirbt, sie geben nicht preis an welcher Krankheit, sondern sie zeigen das einfache Ende einer, vielleicht, ganz großen Liebe.
Neben der überragenden künstlerischen Leistungen auf der Bühne, und die Riesenbühne in Dessau fordert einfach Höchstleistungen von allen Beteiligten, gibt es noch einen Faktor, der zum Triumpf des Abends beitrug: die Anhaltische Philharmonie unter Anthony Hermus. Gibt es irgendein Genre, das dieser Klangkörper nicht bewältigt? Hermus holt aus dem Graben raus, was raus zu holen ist. Scheinbar leicht bewältigt er die Klippen der Partitur, lässt sein Orchester flirren, peitscht die schnellen Stellen voran, gewährt aber auch den sanften Lyrismen Puccinis ihr Recht. Er unterstreicht die Liebesgeschichte Mimis und Rudolfs mit sanften Tönen, lässt das Feuer der Leidenschaft Musettas und Marcellos auflodern, deckt die falsche Sentimentalität Collines in seiner Mantelarie auf und gibt Musetta im Gebet die Gelegenheit sich vom hartherzigen Partygirl zum mitleidendem Menschen zu wandeln.
Was lernt der Rezensent daraus? 600 km Autobahn lohnen sich, wenn das Ziel Dessau heißt, es einen Puccini mit diesen Sängern, diesem Orchester und vor allem solch eine grandiose Regieleistung gibt.
Alle fantastischen Produktions-Bilder sind von Claudia Heysel, Danke!
10.01.2012, 14:28 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1177
Pressemitteilung vom 10.01.2012
Wieder im Spielplan: „Der Protagonist” / „Der Bajazzo [I Pagliacci]“
Nachdem 2011 mit dem Premierendoppel das Kurt Weill Fest eröffnet wurde, ist ab Freitag, 13. Januar um 19.30 Uhr die höchst spannungsreiche Kombination der zwei Kurzopern „Der Protagonist” / „Der Bajazzo [I Pagliacci]“ wieder auf der Bühne des Anhaltischen Theaters zu sehen.
Kurt Weills gefeierte Erstlingsoper „Der Protagonist“ wie auch eine der berühmtesten Opern des italienischen Verismo, Leoncavallos „I Pagliacci“, erzählen fast identische Geschichten über Liebe und Eifersucht und das Leben im Theater.
In beiden Opern, für die Oliver Proske ein großartiges und sehr bewegliches Bühnenbild schuf, stehen die Prinzipale einer Schauspieltruppe im Mittelpunkt des Geschehens, die jeweils die Frau ihres Lebens auf der Bühne ermorden: In „Der Protagonist“ die Schwester, die ihrem Bruder ihren Liebhaber verheimlicht hatte und in Leoncavallos Oper die Ehefrau, die ihren Ehemann betrügt. Weills und Leoncavallos Musik waren wegweisend für ihre Zeit und berühren noch heute durch ihre ausdrucksvolle Klangsprache.
Freuen darf sich das Publikum auf Angus Wood (als Protagonist), Sergey Drobyshevskiy (als Canio) und KS Iordanka Derilova in der Doppelrolle (als Cathrina /Nedda). In weiteren Rollen sind Ulf Paulsen, Wiard Witholt und David Ameln zu erleben. Unter der Leitung von Wolfgang Kluge musiziert die Anhaltische Philharmonie, der Opernchor und der Kinderchor des Anhaltischen Theaters.
Angus Wood’s starker und klarer Tenor und sein überzeugendes Spiel schaffen ein vollendetes Portrait des Protagonisten und Iordanka Derilova...sang die Schwester mit einer glänzenden dramatischen Sopranstimme. Das von Antony Hermus geführte Orchester setzte geschickt die schwere Partitur Weills um. - so George Loomis, The New York Times, März 2011
Unter dem neuen GMD Antony Hermus spielte die Anhaltische Philharmonie mit Präzision, Farbenreichtum und Ausdruckswillen, wie man sie an größeren Häusern nicht besser erwarten könnte. –so Andreas Hauff, Oper und Tanz, Mai/Juni 20
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
09.01.2012, 11:08 | tags:
Musiktheater
1171
Pressemitteilung vom 09.01.2012
„Bastien und Bastienne“
Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart für Menschen ab 7 Jahren
Am Donnerstag, 2. Februar lädt das Anhaltische Theater zur Premiere „Bastien und Bastienne“ um 19 Uhr in das Studio des Alten Theaters ein.
Die Schäferin Bastienne glaubt sich von ihrem Freund Bastien betrogen und verlassen. In ihrer Herzensnot fragt sie den Zauberer Colas um Rat. Der meint, sie solle sich den Anschein geben, einen anderen zu lieben. Und als Bastien bald darauf zu Bastienne zurückkehren will, zeigt sie ihm die kalte Schulter. Doch der Streit dauert nicht allzu lange. Beide versöhnen sich und preisen den weisen Zauberer Colas.
Das Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart wird in einer eigens von Jana Eimer erstellten Fassung und in einer musikalischen Bearbeitung für Bläserquintett von Boris Cepeda aufgeführt.
Die einstündige Inszenierung richtet sich am Menschen ab 7 Jahren und ist bestens geeignet als Einstieg in die Welt des Musiktheaters. Zwölf Jahre alt war Wolfgang Amadeus Mozart, als er 1768 das kleine Singspiel „Bastien und Bastienne“ komponierte. In der Inszenierung können die kleinen und großen Zuschauer miterleben, wie der Knabe Wolferl an dem Stück arbeitet. Aus den Gesprächen mit seiner älteren Schwester Nannerl erfahren sie ganz nebenbei, was alles zu einer Oper gehört.
Jana Eimer studierte in Leipzig im Magisterstudiengang Theaterwissenschaft und Journalistik. 2008 inszenierte sie ihre erste Oper im hochdramatischen Genre, Brittens „The Turn of the Screw“. Für diese Produktion wurde sie für den Regiepreis der „Götz–Friedrich-Stiftung“ nominiert und belegte den 2. Platz. 2008 erhielt sie das Stipendium der Richard-Wagner-Stiftung. 2009 inszenierte sie am Anhaltischen Theater die Kinderoper „Brundibar“ von Hans Krasa.
Musikalische Leitung: Boris Cepeda | Inszenierung: Jana Eimer | Bühne: Nicole Bergmann
Kostüme: Katja Schröpfer
Bastienne: Cornelia Marschall, Sopran | Bastien: David Ameln, Tenor |
Zauberer Colas: Thorsten Köhler, Schauspieler | Wolferl: Laetitia Hippe |
Nannerl: Hannah Fricke |
Schmusi, ein Kaninchen: Marc Wodner
Karten und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
28.12.2011, 09:41 | tags:
Musiktheater
1161
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.12.2011
«West Side Story» ist Publikumsmagnet
Acht Termine gibt es noch bis zum Sommer, gleich zwei am Silvestertag. Gut 8 000 Menschen also wollen in den kommenden Monaten und zum Jahreswechsel die amerikanische Version von "Romeo und Julia" sehen. Leonard Bernsteins Musical "West Side Story" ist bisher der große Publikumserfolg der Saison des Anhaltischen Theaters. 14 Vorstellungen gibt es in der Spielzeit 2011 / 12. Ausverkauft sind fast alle, hin und wieder gibt es Restkarten. Mancher freilich, der versäumte, sich rechtzeitig Karten zu kaufen oder einfach spontan zum Theaterbesuch neigt, würde sich wünschen, dass das Musical öfter im Spielplan steht. Doch allein über die 14 Ansetzungen ist das Theater schon glücklich.
"Normalerweise bekommt man die Rechte für zehn bis zwölf Vorstellungen, 14 sind schon viel", erklärt Generalintendant André Bücker. Für die Aufführung der "West Side Story" gebe es sehr strikte vertragliche Regelungen, die es einem Theater eben nicht erlauben, bei Bedarf ein paar Zusatzvorstellungen in den Spielplan zu nehmen. Man sei deshalb froh, dass nach intensiven Verhandlungen eine Ausweitung der Aufführungsrechte für eine zweite Spielzeit eingeräumt wurde. "Für uns ist es sehr wichtig, die West Side Story beim Weill-Fest 2013 zu zeigen, denn nichts passt besser zum Thema New York", findet Bücker.
"Ursprünglich wurde uns das Aufführungsrecht nur für eine Spielzeit genehmigt", so Bücker, der gerne auch auf Gastspielen das Erfolgsstück zeigen würde, was der Vertrag mit dem die Rechte vertretenden Verlag jedoch nicht erlaubt. "Wegen einer großen Tournee ist die Rechtsvergabe für dieses Werk bis auf weiteres stark eingeschränkt", informiert der Verlag derzeit zur "West Side Story". Für begrenzte Zeit wird es deutschen Stadttheatern also nicht erlaubt sein, das Stück zu spielen. Das wissen die Fans natürlich, und so sind es auch viele auswärtige Besucher, die Karten für die Dessauer Inszenierung von Christian von Götz ordern.
Was sonst noch zu den Bedingungen für eine Aufführung gehört, geht übrigens bis ins kleinste Detail. So ist genau vorgeschrieben, wie Formulierungen in Ankündigungen und Pressetexten zu lauten haben, bis hin zur Schriftgröße. Und natürlich achtet der Verlag penibel auf die Besetzung. Rollen dürfen nicht gestrichen und zusammengelegt, eine Fassung muss dem Verlag vorgelegt werden. "Die schützen das Werk und das ist ja auch nichts Schlechtes", sagt Dessaus Generalintendant, der weiß, dass solch Prozedere vor allem bei Musicals und amerikanischen Autoren Gang und Gäbe ist. Tennessee Williams, Autor von Stücken wie "Endstation Sehnsucht" und "Die Katze auf dem heißen Blechdach", sei dafür ein Beispiel. "Bei Kurt Weill ist es ja auch so", sagt André Bücker. Trotzdem habe man viel künstlerische Freiheit, was die Inszenierung von Christian von Götz auch zeige.
Die Erfolgsgeschichte von "West Side Story", eines der größten Werke des amerikanischen Musiktheaters, begann als neue Version des Romeo-und-Julia-Themas zunächst mit der Idee einer Story der Liebe eines jüdischen Mädchen zu einem katholischen Jungen. In der endgültigen Bühnenfassung, die 1957 in New York uraufgeführt wurde, trat an die Stelle der Religion das Einwanderungsproblem zwischen den Jets, die als in Amerika geborene Jugendliche die Sharks bekämpfen, eine Gruppe von eingewanderten Puertorikanern. Romeo-Tony liebt Julia-Maria, die zu verfeindeten Banden gehören. Tony wird von einem Shark erschossen. Angesichts eines Toten bringt Maria die beiden Gangs endlich dazu, Frieden zu schließen. Die Musik benutzt Elemente des Jazz sowie der Tanzmusik und macht Anleihen beim italienischen Opernstil. Die Songs "Tonight", "Maria", "America", "I Feel Pretty" und "Somewhere" gehören zu den Legenden des amerikanischen Musiktheaters.
Die Dessauer Inszenierung von Christian von Götz überzeugt nicht zuletzt durch die Besetzung, die bis auf einen Gast, allein aus den Reihen der Künstler des Anhaltischen Theaters besteht. Da ist durchaus ein Novum für ein Stadttheater. Von Götz würfelt gewissermaßen die Sparten durcheinander, lässt Tänzer singen und sprechen, Schauspieler tanzen. Und wer das Ensemble nicht kennt, weiß ob der hohen Qualität kaum zu sagen, welches Spartenmitglied gerade am Zuge ist. Erlebt haben sollte man das auf jeden Fall und wenn nicht in dieser Spielzeit, dann in der kommenden, wenn Jets und Sharks noch mehrfach aufeinander treffen und das Theater Kartenwünsche erfüllen darf und kann.
08.12.2011, 16:34 | tags:
Musiktheater
1145
Pressemitteilung vom 08.12.2011
Weihnachten im Pariser Quartier Latin
Mit Giacomo Puccinis Oper “La Bohème” ist am Freitag, den 16. Dezember um 19.30 Uhr eine der weltweit am häufigsten aufgeführten Opern auf der Bühne des Anhaltischen Theaters zu erleben. Die hauseigenen Solisten begleitet von der Anhaltischen Philharmonie diesmal unter der Leitung von Daniel Carlberg bringen mit “La Bohème” eine der traumhaftesten Liebesgeschichten der Operngeschichte, in all ihrer Leichtigkeit und Zärtlichkeit auf die Bühne.
Auch in der Weihnachtszeit ist das Leben der vier Freunde und Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline karg und grau, denn ständig fehlt es ihnen selbst am Notwendigsten.
Trotzdem lassen sie sich ihre Lebensfreude nicht verderben, und Rodolfo und Marcello scheint das Glück zeitweilig zumindest in der Liebe hold zu sein. Als große Liebende wie der schwärmerische Dichter Rodolfo und die unheilbar kranke Mimì lehren sie uns das Schwelgen in Gefühlen wie den hemmungslosen Schmerz und verschaffen uns mit beidem höchsten Operngenuss. „Ich will die Welt zum Weinen bringen“, hatte Puccini sich vorgenommen. Mit der 1896 in Turin uraufgeführten „La Bohème“, die sehr bald schon ein Welterfolg wurde, ist ihm das zweifellos gelungen.
Weiterer Termin: 25.12., 17 Uhr
Tickets und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
05.12.2011, 10:13 | tags:
Musiktheater
1137
Vanessa Weiss, Da Capo Nr. 66 Dez/Jan
Romeo & Julia hinter tristen Kulissen
Christian von Götz inszeniert „West Side Story“ in Dessau
Manchmal kann es anders kommen als gedacht. Dieser Satz könnte der Entstehung
des weltbekannten Musicals „West Side Story“ zugeschrieben werden. Denn die zunächst für eine moderne Romeo und Julia Nacherzählung des amerikanischen Choreographen Jerome Robbins angedachte Differenz zwischen den feindlichen Parteien, die zum tragischen Ende des Musicals führen würde, wurde verworfen und den aktuellen Ereignissen im New York der 50er Jahre angepasst. Eigentlich sollte die Liebe der modernen Romeo-und-Julia-Geschichte an einem religiösen Konflikt scheitern. Doch noch während der Arbeit an diesem Musical gewann 1955 ein anderes Thema an Aktualität: Die Schwierigkeiten und Probleme zwischen eingewanderten Puerto-Ricanern und den Einheimischen der New Yorker West Side. So rückte an die Stelle der Religion, das Einwanderungsproblem, welches gleichsam der unglücklichen Liebe durch die Zuspitzung der Gewalt zwischen den Jugendbanden nur einen Ausweg offenhielt. Die Musik zu diesem tragischen Musical komponierte Leonard Bernstein, Arthur Laurents lieferte das Buch. 1957 kam es dann endlich zur Uraufführung des Musicals am New Yorker Winter Garden Theatre.
Die Idee einer sich in der „West Side Story“ entwickelnden Spirale aus der Gewalt der Jugendlichen wurde nun in der Inszenierung von Christian von Götz am großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau umgesetzt. Dazu wurde ein Bühnenbild von Britta Bremer mit fabrikähnlicher Atmosphäre geschaffen, welches die Drehscheibenvorrichtung der Bühne vollkommen auszunutzen weiß. Kaputte Scheiben, triste Farben und ein großer Innenhof sind seit dem 30. September Schauplatz der tragischen Auseinandersetzung der zwei rivalisierenden Jugendbanden, in deren Mitte ein Liebespaar um seine Erfüllung kämpfen muss.
Damit wendet sich nun auch Dessau, nach der Inszenierung von Kurt Weills „One Touch of Venus“ im vergangenen Jahr, einem der beliebtesten klassischen Musical der Neuzeit zu. Einzig Karen Helbing, die bereits bei dem Weill-Stück ihre gesanglichen und darstellerischen Fähigkeiten den Dessauern zeigen konnte, wurde als Gast-Darstellerin für die Rolle der Anita engagiert. Ansonsten konnten, anders als bei „One Touch of Venus“, die Hauptrollen bei der „West Side Story“ mit dem hauseigenen Ensemble besetzt werden.
Dieser Umstand schmälert die Inszenierung von Götz keineswegs, denn das Dessauer Ensemble weiß zu überzeugen, wenn es die Geschichte der zwei Liebenden, Maria und Tony, erzählt. Die Umstände, denen sich die beiden ausgesetzt sehen müssen, verheißen kein gutes Ende. Beide gehören zwei rivalisierenden Jugendbanden an, den einheimischen Jets und den puerto-ricanischen Sharks, die sich aufgrund ihrer Rasse, Herkunft feindlich gesellt sind. Ähnlich wie bei William Shakespeares Tragödie "Romeo und Julia" werden Maria und Tony Tote zu verschmerzen haben. Ein Happy-End à la Disney ist nicht zu erwarten.
Gleichsam einer düsteren Vorausschau wird dem Zuschauer auch gleich zu Beginn der Dessauer Inszenierung ein Blick auf das unabwendbare tragische Ende gewährt: In einem Zimmer wird - kurz, aber intensiv - eine stark blutende Frau sichtbar. Es lässt sich erahnen, wer dieses Opfer der gnadenlosen Feindschaft zwischen den Jets und den Sharks ist. Der blutige Beginn kann als Ausblick des Umgangs der Regie mit den drastischen Momenten der „West Side Story“ gesehen werden. Schon allein der Bandenkonflikt zwischen den Jets und Sharks lässt viel Raum zur Darstellung. Dabei wählte man in Dessau wohl den provokanteren Weg. Denn schon allein der Kampf zwischen Bernardo und Riff endet für die Zuschauer sichtbar blutig. Dazu wurde keineswegs ein gewöhnlicher Messerkampf zum Kräftemessen auf Leben und Tod gewählt, sondern ein von Klaus Figge spektakulär choreografierter Stockkampf. Vor einem schwarzen Hintergrund stehen sich die zwei Kontrahenten gegenüber, links von ihnen die Sharks in ihrer schwarz-gelben und rechts die Jets in blau-roter Kampfkleidung.
Hierbei gestaltet sich die Unterscheidung zwischen Jets und Sharks aufgrund der von Katja Schröpfer unterschiedlich gewählten Farben der Kleidung, die an American Football erinnert, für den Zuschauer sehr einfach. Dies bleibt aber die Ausnahme, denn die Darsteller tragen überwiegend kaum zu differenzierende Kostüme wie Hemden, bunte Hosen, kurzer Röcke, die es den Zuschauern bei großen Ensemble-Szenen erschweren, Mitglieder der Jets von denen der Sharks zu unterscheiden. So beispielweise bei dem Instrumentalstück „The Dance At The Gym“ in der Turnhalle. Es wäre besser gewesen, wenn es keinen starken Kontrast zwischen den Kostümen der Kämpfe und denen des tristen Alltags der Jugendlichen gegeben hätte, stattdessen kleinere Details an den Kostümen der Darsteller dem Publikums als durchgängiges Orientierungsmuster zur Differenzierung der Banden gedient hätten.
Mittendrin in dem blutigen Kampf der Jets und der Sharks befinden sich Maria und Tony, die hin und her gerissen sind zwischen ihrer Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Banden und ihrer Liebe. Verkörpert werden die moderne Julia und der moderne Romeo von Cornelia Marschall und David Ameln, der bereits in „One Touch of Venus“ als Taxi Black sein Können unter Beweis stellen konnte.
Wie modern Christian von Götz seine Inszenierung bebildert, zeigt sich auch an der Balkonszene. Eine interessante Idee, das Handy als Spielball der sich entwickelnden Kommunikation zwischen Tony und Maria einzusetzen. Damit erhält die zweite Begegnung der Beiden einen vollkommen anderen Nachklang. Denn anstelle dass Tony nach seiner Geliebten ruft, schickt er ihr eine SMS, die für den Zuschauer sichtbar an eine graue Wand in Marias Zimmer projiziert wird. Der eine oder andere Zuschauer wird sicher über den Gebrauch der Handys und wegen der überaus klugen Übertragung der sonst gesprochenen Kontaktaufnahme Tonys zu Maria in SMS-Sprache schmunzeln. Die zärtliche Annäherung der beiden aber wird dadurch für das Publikum erlebbarer gemacht. Das liegt nicht nur an den interessanten Ideen der Regie, sondern auch an den beiden Hauptdarstellern, deren harmonisches Zusammenspiel einen beträchtlichen Teil dazu beiträgt.
So auch bei dem Schmachtsong „Tonight“, bei dem sich beide sowohl schauspielerisch als auch gesanglich sehr gut ergänzen und damit dem Lied gerecht werden.
Wem die harmonische Liebe zwischen Tony und Maria auch bis nach der Pause noch nicht bewusst geworden ist, dem sollte es spätestens beim Beginn des zweiten Aktes wie Schuppen von den Augen fallen. Denn anstelle eines schwarzen Vorhangs ließ sich die Regie erneut davon leiten, aktuelle Elemente einzufügen. So blickt das Publikum während der „Entr'acte“, die das des Orchester unter der musikalischen Leitung von Daniel Carlberg spielt, in die hoffnungsvollen und fröhlichen Gesichter von Maria und Tony, die miteinander rumalbern. Diese werden über ein Video auf den Vorhang projiziert. Dabei hält dieses Video in mehrfacher Hinsicht einen bitteren Beigeschmack für das Publikum bereit. Denn zum einen weiß der Zuschauer, dass diese Liebe aufgrund tragischer Zwischenfälle nicht erfüllt werden kann und zum anderen schienen sich Barbara Janotte und Steffen Fleischer bei der Gestaltung des Videos nicht über die Länge der „Entr'acte“ im Klaren zu sein. Denn der aufmerksame Zuschauer wird feststellen, dass sich das Video von Maria und Tony mehrfach wiederholt und dadurch seinen Reiz verliert.
Hinter den Hauptrollen braucht sich das Ensemble nicht zu verstecken, denn sowohl seine tänzerischen, gesanglichen, als auch schauspielerischen Qualitäten vervollkommnen Christian
von Götz' Inszenierung. So bleibt sicherlich das satirische, den Polizisten Krupke ironisierende Lied „Gee, Officer Krupke“ dem Publikum ganz besonders im Gedächtnis. Hierbei können Patrick Rupar, Joe Monaghan, Jonathan Augereau und Stephan Biener als Action, Baby John, Big Deal und Diesel überzeugen. Mit spielerischer Leichtigkeit stellen sie im Rahmen des Liedes einzelne Konfrontationen mit dem Polizisten nach, in denen sie sich auf nicht ernst gemeinte Art und Weise für ihr Verhalten rechtfertigen. Da wird beispielsweise eine Schubkarre zu einer Anstalt für schwererziehbare Jugendliche umfunktioniert, dabei sehr nachvollziehbar gespielt.
Mit dem Schluss wird ein Bogen zu der an den Anfang gestellten Szene einer möglichen toten Person gezogen und der Zuschauer aufgeklärt, um wen es sich nun wirklich handelt. Dennoch bleiben Fragen offen, welche die Regie möglicherweise bewusst platziert hat. Denn obwohl Kenner der „West Side Story“ den Mörder schon am Beginn im Schlaf entlarven könnten, so ist dies am Ende doch nicht mehr ganz so sicher. Denn aufgrund der von Karen Helbing sehr gut gespielten Anita, die Tony offensichtlich nie den Mord an ihrem Freund Bernardo verzeihen konnte, rückt sie durch den Besitz einer Schusswaffe in den Verdacht, aus Rache auf Tony geschossen zu haben.
Mit dieser Ungewissheit und einem bereits zu Beginn bekannten tragischen Ende, wird das Publikum abschließend in die Nacht entlassen. Es bleibt festzuhalten, dass sich die Dessauer Inszenierung teils mit interessanten und innovativen Ideen von anderen Produktionen abzugrenzen weiß, wie beispielsweise durch die Drehbühne. Aber auch die Spielfreude und das Können der Darsteller tragen zu einem sehr guten Gesamtbild bei. Dies lässt kleine Unzulänglichkeiten vergessen. Ein Besuch der „West Side Story“ in Dessau lohnt sich.
03.12.2011, 10:42 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1135
Oliver Hohlbach, OPERAPOINT, 26.11.2011
LA BOHEME – Dessau, Anhaltisches Theater
von Giacomo Puccini (1858-1924), Szenen in vier Bildern, Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, UA: 1. Februar 1896 Turin, Teatro Regio
Regie: Roman Hovenbitzer, Bühne/Kostüme:: Tilo Steffens
Dirigent: Antony Hermus, Anhaltische Philharmonie, Opernchor und Kinderchor Dessau, Choreinstudierung: Helmut Sonne und Dorislava Kuntscheva
Solisten: Angelina Ruzzafante (Mimì), Cornelia Marschall (Musetta), Artjom Korotkov (Rodolfo), Ulf Paulsen (Marcello), Andrew Ashwin (Schaunard), Kyung-Il Ko (Colline), Cezary Rotkiewicz (Der Tod/Benoit/Alcindoro/Zöllner/Sergeant) u.a.
Besuchte Aufführung: 25. November 2011 (Premiere 12.11.2011)
Kurzinhalt
Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline sind bettelarme Künstler und unzertrennliche Freunde. Sie leben unbeschwert von der Hand in den Mund in einer Mansarde über den Dächern des Pariser Künstlerviertels Quartier Latin. Rodolfo begegnet Mimì und verliebt sich in sie. Marcello erobert seine ehemalige Geliebte Musette zurück. Den Weihnachtsabend verbringt man im Café Momus. Nach der Trennung von Rodolfo verschlimmert sich Mimìs Krankheit. Sie kehrt zu ihm zurück und stirbt im Kreis ihrer Freunde.
Aufführung
Man erblickt einen Parkettboden, der sich spinnennetzartig um die Bühnenmitte herum entwickelt. Eine Zeltplane als Raumteiler und Stellwände im hinteren Halbrund begrenzen in den ersten Bildern die Spielfläche. Ein Tisch, ein paar Stühle und ein Piano bilden das Inventar. Im zweiten Bild tauchen zwei Bistro-Tischchen mit Stühlen auf, im dritten Bild steht links die Leinwand und rechts eine Rampe zu einem Saal. Das vierte Bild ist mit dem ersten identisch, nur fehlen die Stellwände, damit eine schwarze, rauchende Trauergemeinde den Blick auf die sterbende Mimì hat. Der Tod mit bleichem Gesicht und schwarzem Zylinder ist allgegenwärtig, die Rollen des Benoit, des Alcindoro, des Zöllners und des Sergeant sind in dieser Rolle zusammengefaßt. Außerdem spielt eine Tänzerin namens Poesie mit, sie ist genauso gekleidet wie Mimì. Diese trägt von Anfang bis Ende ein gelbes Kleid, Musetta wechselt vom weißen Kleid, zum offenherzigen kleinen Schwarzen mit pinkfarbenen Schuhen, um im letzten Bild zum schwarzen Todesengel mit Schwingen zu werden. Die Weihnachtsgesellschaft trägt weiße Festtagskleidung mit bunten Luftballons, die Geschenkkartons sind leer.
Sänger und Orchester
Antony Hermus drückt von Anfang an auf das Tempo, wohl um die süßlichen Momente platt zu walzen. So wirkt die Musik eher unsentimental und ist geradliniger. Dennoch gelingt es ihm, die charismatischen Farben, sprich die italienischen Manierismen, in den Klangteppich einzuweben. Auch das Orchester ist bestens auf diese Raumklangwirkung eingestellt. Unbestrittene Hauptdarstellerin ist Angelina Ruzzafante als Mimì. Ihr schwerer Koloratursopran hat keine Probleme mit dieser Partie, beispielhaft ihr immer leiser werdendes Piano im Dahinsterben. Artjom Korotkov als ihr Liebhaber Rodolfo kann in Sachen Durchschlagskraft nicht mithalten, wirkt gerade im ersten Bild immer leiser als Mimì, sein Klangbild hört sich fragil und zerbrechlich an. Ulf Paulsen kann wieder mit dem hervorragenden Zusammenspiel zwischen Gesang und Ausstrahlung für sich einnehmen. Hinsichtlich Ausdruckskraft, stimmlicher Gestaltung und Reichweite in den oberen und tiefen Registern gelingt dem Hausbariton eine wahre Charakterstudie des Marcello. Kyung-Il Ko kann mit seinem Baß besonders in den tiefen Stellen der Mantel-Arie des Colline glänzen, während Andrew Ashwin als Schaunard unauffällig blaß bleibt. Cornelia Marschall gestaltet die Rolle der Musetta eindrucksvoll. Lebenslust und Begierden werden glaubhaft stimmlich dargestellt und damit die Rolle der Musetta als charakterliche Gegenspielerin der Mimì aufgewertet. Eine großartige Leistung vollbringen wieder einmal der Chor und ganz besonders der Kinderchor. Dank gutem Zusammenspiel mit dem Orchester und Solisten, sowie der daraus entstehenden Klangwirkung (letzteres besonders beim Kinderchor!) entsteht wieder einmal ein großartiges, emotional aufwühlendes Musikerlebnis.
Fazit
Vorhang zu und viele Fragen bleiben offen. Die sehr verrätselte Inszenierung sorgte für vielerlei Fragen des Publikums während der Premierenfeier. Soll es ein surrealer Traum der Mimì sein? Ist die Verdoppelung der Mimì durch eine Tänzerin namens Poesie der Wunschtraum des Poeten Rodolfo, der in Mimì ein Idealbild sieht? Über die musikalische Seite dieser Produktion ließ das Publikum indes keinen Zweifel: Solisten, Chor (besonders der Kinderchor!), Orchester und Dirigent wurden für eine Spitzenleistung umjubelt gefeiert.
18.11.2011, 12:20 | tags:
Musiktheater
, Diverses
1122
Pressemitteilung vom 18.11.2011
„Wieland Wagner und die Klassische Moderne“
Vortrag von Ingrid Kapsamer zu Wieland Wagner
Am Donnerstag, 24. November um 18 Uhr lädt das Anhaltische Theater zu einem spannenden Vortrag mit dem Titel „Wieland Wagner und die Klassische Moderne“ ins Palais Dietrich ein und setzt damit das Begleitprogramm zum RING DER BAUHAUSSTADT fort.
Dr. Ingrid Kapsamer, Theater- und Musikwissenschaftlerin aus Wien, Wieland Wagner Spezialistin, veröffentlichte unlängst das Buch „Wieland Wagner. Wegbereiter und Weltentwickler“, das von der Fachpresse u.a. mehrfach bei der Kritikerumfrage 2011 im Jahrbuch Opernwelt als spannende und umfassende Biografie des Regisseurs und Richard Wagner Enkel, Wieland Wagner, gewürdigt wird.
Wieland Wagner gilt als Erneuerer von Bayreuth, denn er hat mit seiner Regiearbeit eine enorme, weitreichende Wirkung erzielt. Ingrid Kapsamer kombiniert in ihrer Biografie Erinnerungen von Zeitzeugen mit amüsanten Anekdoten und genau recherchierte historische Hintergründe. So schafft sie ein Bild des „Erben von Bayreuth", das für Theaterfreunde, eingefleischte Wagnerianer sowie den „Normalbürger“ einen umfassenden, erhellenden und unterhaltsamen Einstieg in das Leben und Wirken des Begründers von „Neubayreuth“ darstellt.
Über die Referentin Dr. phil. Ingrid Kapsamer
Sie studierte an der Universität Wien Theaterwissenschaft, Musikwissenschaft und Philosophie. Seit 2004 veröffentlicht sie regelmäßig Artikel und hält Vorträge zu kulturhistorischen Themen. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin und Wissenschaftlerin übernahm sie 2006 die Leitung der Öffentlichkeitsarbeit eines renommierten Kammermusikfestivals, ist Mitarbeiterin im Österreichischen Theatermuseum und an der Wiener Staatsoper. 2008 schloss sie ihre Promotion mit Auszeichnung ab.
Eintritt: 7,- Euro/ ermäßigt: 5,- Euro
Weitere Informationen unter: www.der-ring-in-dessau.de
Tickets und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
14.11.2011, 12:48 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1112
Helmut Rohm, Volksstimme, 14.11.2011
Liebesgeschichte trifft die Herzen des Publikums
Mit Giacomo Puccinis Oper "La Bohème" hat das Anhaltische Theater Dessau einen weiteren künstlerischen Höhepunkt markiert. Roman Hovenbitzers Inszenierung wurde zur Premiere am Sonnabenabend im gut besetzten Großen Haus mit einem fast viertelstündigen Applaus begeistert gefeiert. Dabei standen die Darsteller völlig berechtigt im Mittelpunkt. Ein besonders herauszuhebendes Lob - das drückte der Beifall ebenso aus - gebührte dem Orchester unter GMD Antony Hermus.
Puccinis facettenreiche und eindringliche Musik, die immer eng verwoben ist mit der szenischen Handlung, bringen sie durchweg spannungsgeladen stets auf den Punkt - da ist wahrlich hohe Kunst gelungen.
Den Akteuren gab Regisseur Roman Hovenbitzer künstlerisch weitgespannte Räume, um das an sich überwiegend handlungsarme Geschehen doch kurzweilig "im Fluss" zu halten. Tilo Steffens (Kostüme und Bühne) schuf dazu die realen Räume, karg ausstaffiert, doch effektvoll symbolisch in der Wirkung.
Raffinierter Spiegeleinsatz machte im (Hand)-Umdrehen aus der Künstler-WG mit kaltem Ofen und Kerze - für Armut und Kälte - einen großen Festplatz. Opernchor (Leitung Helmut Sonne), Kinderchor (Leitung Dorislava Kuntscheva) und Statisterie erfüllten das Pariser Quartier Latin mit feiernder ausgelassener Volksaktion und mit schönem Gesang.
Roman Hovenbitzer hatte mit seiner Besetzung eine durchweg glückliche Hand. Brillanter Gesang (italienisch mit deutschen Übertiteln) und trefflich charakterisierendes Spiel wurden auch in keiner Weise geschmälert durch die zur Premiere nötigen kurzfristigen "Ersatzlösungen" für erkrankte Darsteller.
Der junge französische Tenor Sébastien Guèze als Rodolfo sowie Anke Berndt als Musetta vollbrachten mit hoher Energieleistung nicht nur die Rettung der Premiere, sondern eine bravouröse Rollengestaltung.
In seiner Personenführung legt Roman Hovenbitzer das Hauptaugenmerk auf die psychische Auslotung der Charaktere, auf Atmosphäre und Emotionalität, gepaart mit unaufgesetzter Symbolik. Seine Inszenierungsidee trifft die Herze des Publikums.
Einfühlsam und nachvollziehbar leben Angelina Ruzzafante und Sébastien Guèze die aufkeimende Liebe und ihre konfliktreiche Entwicklung zwischen Mimi und Rodolfo. Für den jungen Poeten ist die todkranke Näherin Mimi Geliebte und Muse/Poesie zugleich. Hovenbitzer gibt dieser fiktiven Poesie, einem zweiten Ich, durch eine auf einer Silberkugel einschwebende gleichgekleidete Tänzerin (Claudia Czyz) eine semireale Gestalt, die Mimis Erleben tänzerisch tangiert. Mit dem kaum an Emotionalität zu überbietendem Sterben der Mimi in der Dessauer Inszenierung entschwindet die Poesie in die Weite der Welt.
Der unabwendbare Tod der Mimi wird dem Publikum von Beginn an durch die von Cezary Rotkiewicz (auch Benoit, Alcindoro, Zöllner, Sergeant) gespielte Figur mehr oder weniger häufig präsentiert.
In einer Art kontrastierender Parallelhandlung zu Mimi und Rodolfo erleben die Gäste die Beziehung von Anke Berndt und Ulf Paulsen als kokette Musetta und Maler Marcello. Zur "Viererbande" der Künstler, wie Hovenbitzer formulierte, gehören Andrew Ashwin als Musiker Schaunard und Kyung-Il Ko als Philosoph Colline. Die Rolle des Händlers in Clown-Outfit spielt und singt David Ameln.
Die nächste Aufführung beginnt am 20. November um 17 Uhr.
14.11.2011, 07:33 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1111
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 14.11.2011
Der Tod und das Mädchen
Eins muss man ihm lassen: Der Tod ist ein guter Tänzer. Galant bittet er das Mädchen zum Pas de deux, geschickt stützt er ihre Pirouette ... doch wenn die Musik verklingt, bleibt er allein zurück. Das ist der Preis des Reigens und das Ende vom Lied: Wer sich zum Leben auffordern lässt, bezahlt dafür mit dem Sterben.
Im Schlussbild seiner Inszenierung von Giacomo Puccinis "La Bohème" löst Roman Hovenbitzer am Anhaltischen Theater Dessau jenen szenischen Dreisatz auf, den er mit Mimis Auftritt am Anfang etabliert hat. Die Sängerin ist eine Tänzerin ist ein Automat - eine Verschachtelung, in der sich die reale Figur von vornherein auflöst und zur Projektionsfläche von fremden und eigenen Sehnsüchten wird. Denn so, wie sie der Dichter Rodolfo zu seiner Muse stilisiert, träumt sie sich auch selbst als eine Andere. Und so umtanzt sie ein bunter Schatten, der sich seinerseits als kleine Puppe auf einer Spieluhr betrachtet - eine symbolistische Matrjoschka, wie sie die Bohemiens in ihrer Pariser Dachkammer nicht besser hätten erfinden können.
Die stumme Figur der "Poesie", die Claudia Czyz in ihrer eigenen Choreografie tanzt, bleibt nicht die einzige Überformung der alten Geschichte. Hovenbitzers Einfall, der Moritat ein lyrisches Präludium voranzuschicken, stärkt den komödiantischen Ton des Abends - und polstert die Unmittelbarkeit ab, mit der die Tragödie ansonsten auf ihr Publikum prallt. Der Spielwarenhändler Parpignol und sein sinistrer Gefährte sind die bösen Clowns, die sich hier über die großen Gefühle lustig machen - und die am Ende doch nicht verhindern können, dass man von der entsetzlich einfachen Wahrheit dieser Geschichte gerührt ist. Denn als Mimi stirbt, verstummt nicht nur das übermütige Männerquartett der Lebenskünstler. Es ist, als hielte die ganze Welt für einen Augenblick den Atem an - und lauschte den letzten Takten im leeren Raum.
Mit seinem offenen Schlussbild vollendet Ausstatter Tilo Steffens ein Raumkonzept, das aus der kargen Mansarde zunächst in die Talmi-Opulenz des weihnachtlich geschmückten Quartier Latin und dann zurück in die kalte Winternacht führt. Und hier drängt sich das bunte Völkchen von einst als schwarze Masse frierend und neugierig am Horizont zusammen, als würden die Voyeure aus dem Parkett von einem fernen Spiegel verdoppelt: Mimi stirbt vor aller Augen und ist doch ebenso allein wie jene, die sie lebend zurücklässt.
Unter einem dunklen Stern
Der helle und schier endlose Jubel, mit dem die Premiere quittiert wurde, galt am Samstag nicht allein dieser etwas überfrachteten, in sich aber schlüssigen und aus der Musik entwickelten Lesart. Zugleich wurde hier der glückliche Ausgang einer Endprobenphase gefeiert, die unter keinem guten Stern gestanden hatte: Zunächst war die Interpretin der Musetta erkrankt, wenig später erwischte es gleich beide alternierend besetzten Rodolfo-Darsteller - eine Not, die dank kurzfristiger Umbesetzungen in eine Tugend verwandelt werden konnte. An Anke Berndts Eignung als ebenso kaltschnäuziges wie warmherziges Gegenstück zur tragischen Heldin konnte niemand zweifeln, der sie vor zwei Jahren in Aron Stiehls hallescher Inszenierung gesehen hatte. Gemeinsam mit Ulf Paulsens dämonischem Maler-Maniac Marcello aber gelang es ihr, Musetta weitere frische Farben beizumischen. In Andrew Ashwin (Schaunard) und Kyung-Il Ko (Colline) hatte der kraftvoll dunkle Bariton Paulsen würdige Kombattanten, im immer neu maskierten Totentänzer (Cezary Rotkiewicz) einen starken Gegenspieler - und die von Helmut Sonne und Dorislava Kuntschewa geleiteten Sänger des Opern- und Kinderchores boten in kurzen Auftritten viel mehr als impressionistisches Kolorit.
Angelina Ruzzafante aber, deren Mimi von Anfang an fragile, auch stimmlich entrückte Schönheit entfaltet, widerfährt durch die Missgunst der Stunde tatsächlich ein unverhofftes Glück. Der junge französische Tenor Sebastian Guèze ist ein Rodolfo, wie man ihn sich als Partner für dieses traumverlorene Mädchen nicht besser denken kann: Lyrisch und weich, dabei von großer gesanglicher und darstellerischer Intelligenz geleitet, wirkt er wie die ideale Erstbesetzung für Partie und Inszenierung. Was dem Dessauer Premierenpublikum hier geboten wird, ist eine Sternstunde - und die ist vor allem jenem Mann zu danken, der das Geschehen musikalisch auf höchste Höhen hebt.
Das Orchester singt und atmet
Generalmusikdirektor Antony Hermus nämlich hat den Sänger kurzerhand aus Toulon importiert, wo er unlängst mit ihm den "Faust" präsentierte. Auch in Dessau singt und atmet er nun mit ihm und allen anderen Interpreten, er dressiert die forcierte Heiterkeit und arbeitet Klangbögen wie -brüche sorgsam heraus. Im Spiel der Anhaltischen Philharmonie wird deutlich, was das Geheimnis von Puccinis Musik ist: Sie trägt das tiefere Wissen um das Ende von allem Anfang an in sich - so wie Mimi ihre Krankheit zum Tode. Und darum ist sie so schrecklich schön.
Nächste Vorstellungen: 20. November, 17; 25. November, 19.30 Uhr
14.11.2011, 07:15 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1110
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 14.11.2011
Gefahr umjubelt abgewendet
Diese erste Opernpremiere der Spielzeit wird dem Ensemble des Anhaltischen Theaters wohl lange im Gedächtnis bleiben. "La Bohème" von Giacomo Puccini feierte am Sonnabend eine umjubelte Premiere und war von ganz besonderen Umständen begleitet. "Sie können sich nicht vorstellen, was in dieser Woche hier passiert ist", sagte bei der Premierenfeier Generalmusikdirektor Antony Hermus und erklärte die turbulenten letzten Probentage für die Neuproduktion. Am Montag habe sich die Musetta, Sopranistin Cornelia Marschall, krank gemeldet, am Tag darauf die beiden doppelt besetzten Tenöre für die Rolle des Rodolfo.
Die Premiere schien ernsthaft in Gefahr. Doch Hilfe nahte aus der Region und der Ferne. Als Musetta sprang Anke Berndt vom halleschen Opernhaus ein, der Rodolfo reiste aus Frankreich an. Sébastien Guèze, ein junger Tenor, hatte erst kürzlich mit Antony Hermus in Gounods "Faust" an der Oper Toulon zusammengearbeitet. Am letzten Abend habe er noch zu Hermus gesagt, "wenn du einen Rodolfo brauchst, dann ruf mal an", so der Dessauer GMD. "Viele sagen so etwas, wenige machen es. Am Dienstagabend hab ich ihn angerufen und er ist gekommen." Und er wurde zum Star dieses Premierenabends, trat nach der Pause erstmals mit Orchester auf, und die fehlende Probenzeit spürte man in keiner Minute. "Ich habe in dieser Woche gelernt, was Zusammenhalt und Freundschaft bedeuten", bedankte sich Antony Hermus tief bewegt beim Ensemble und seinen Musikern.
Aber nicht nur diese besonderen Umstände bei einer Premiere hinterließen am Samstagabend einen tiefen Eindruck. Begeistert feierte das Publikum die Inszenierung von Gastregisseur Roman Hovenbitzer, der, so Generalintendant André Bücker in seiner Dankesrede bei der Premierenfeier, zwar die Haare gerauft, aber die Ruhe bewahrt habe. "Es ist unglaublich, wie sich alles zum Guten gewendet hat. Als Hausherr bin ich zutiefst gerührt und glücklich", sagte Bücker. "Ich hoffe, dass wir Sébastien Guèze in irgendeiner Form noch einmal hier zu Gast haben", so der Generalintendant.
Beeindruckt von der Premierenvorstellung zeigte sich auch die bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete Undine Kurth, die zu den Zuschauern gehörte. "Ich habe es absolut nicht bereut, aus Quedlinburg hergekommen zu sein. Es war ein fantastischer Abend und ich hoffe, dass alle wissen, wie viel ärmer diese Region wäre, wenn es solch ein Theater, solche Oper nicht mehr gäbe", sagte sie. Und auch Sopranistin Anke Bernd aus Halle erlebte ihren Noteinsatz als beglückend. "Es war wunderbar, an diesem Haus zu arbeiten. Hier herrscht eine tolle Atmosphäre", fand die Sängerin. Für die zweite Vorstellung am 20. November hofft sie freilich auf die Genesung ihrer Kollegin Cornelia Marschall, und auch die Rodolfos Sergey Drobyshevskiy und Artjom Korotkov haben bis dahin noch ein paar Tage, um sich auszukurieren. Für diese drei Ensemblemitglieder steht die Premiere in "La Bohème" noch aus.
11.11.2011, 12:32 | tags:
Musiktheater
1109
Pressemitteilung vom 11.11.2011
Startenor in der Premiere „La Bohème“
In der Premiere von Puccinis Oper „La Bohème“ am Anhaltischen Theater Dessau am Samstag 12. November um 19 Uhr übernimmt kurzfristig der herausragende, international gefeierte Tenor Sébastien Guèze die Rolle des Rodolfo. Guèze debütiert als Vertretung für erkrankte Ensemblemitglieder am Anhaltischen Theater.
Trotz seines jungen Alters wird der Tenor, gerade mit der Partie des Rodolfos, bereits an allen großen französischen Opernhäusern sowie an international bekannten Theater gefeiert, darunter an Häusern in Venedig, Brüssel, Rom, Warschau, Athen, Paris, Helsinki, Tokio und Miami.
Erst jüngst arbeitete Sébastien Guèze mit dem Dessauer Generalmusikdirektor Antony Hermus zusammen an einer Produktion von Gounods „Faust“ an der Oper Toulon und begeisterte das dortige Publikum.
Tickets und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de
10.11.2011, 10:26 | tags:
Musiktheater
1107
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 10.11.2011
Ein Hering für vier
Lucia betritt die Mansarde, weil der "Leuchtenden" die Kerze erlosch. Aber man nennt die Näherin, die Rosen und Lilien stickt, die Muse, deren Händchen eiskalt ist, schlicht Mimi, warum, wisse sie selber nicht. Wir ahnen es - und mit der Liebe kommt der Tod, ein "Tod auf Zehenspitzen", sagt Roman Hovenbitzer, der Giacomo Puccinis Oper "La Bohème" am Anhaltischen Theater inszeniert. Premiere ist am Sonnabend.
Poetischer Schwebezustand
Wichtig sei die Jugend, die Frische, die gesunde Naivität und Unmittelbarkeit. Die Musik erreiche in drei Takten das Gefühl, schieße und treffe mit offenem Visier. Roman Hovenbitzer spricht von einem poetischen Schwebezustand und von einem Aufschlag in der Realität, von einer "Lebenskreuzung in Richtung Sachgasse".
Das Unverstellte, zugleich Verklärte einer ersten Liebe und die Unabwendbarkeit der ersten Begegnung mit dem Tod seien ihm wichtiger als der sozialromantische Blick auf die Bohemiens, als ein verklärter Blick in das ungeheizte Luftschloss im Quartier Latin, im Studentenviertel lateinischer Zunge in Paris.
Roman Hovenbitzer, Jahrgang 1972, studierte Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik und Theater sowie an der Universität Hamburg und arbeitete am Staatstheater Kassel. Seit 1999 freischaffend, führten ihn Regiearbeiten unter anderem an die Staatsoper Prag oder das Aalto-Theater Essen.
Im finnischen Savonlinna inszenierte er Richard Wagners "Lohengrin". Am Theater Hagen traf er mehrfach mit Antony Hermus zusammen. Es sei eine große Freude, nun wieder mit ihm zu arbeiten, sagt Hovenbitzer und lobt in vielen Tönen Arbeit und Leitungsstil des Generalmusikdirektors, der ein Ohr oben und eines unten habe.
Freiheit und Strenge, wie im Augenblick erfunden: Mit diesem Stück werde man nicht fertig, sagt Hovenbitzer. Einmal schon inszenierte er "La Bohème", in Prag - und zwar im Doppelpack: sowohl Puccinis, anfangs schwächelnde, bald ewige Oper, sowie das zeitgleich in Konkurrenz und ebenfalls nach Henri Murgers Roman "Scènes de la vie de Bohème" entstandene, gleichnamige Werk von Ruggero Leoncavallo.
Die Kerze werde es geben, den Schlüssel, zudem aber auch das Bemühen, das Gefäß des Stückes ein wenig vom Realismus loszulösen. Die Bühne werde nicht zum Sozialmuseum, sagt Hovenbitzer. Einmal abgesehen davon, dass sich Mimis Gesundheitszustand verschlechtere, gebe es keine Entwicklung der Figuren, keine Handlung, sondern Gefühlsräume, geschaffen von der Musik, welche innerhalb eines Akkords in eine neue Welt führe.
Die Bühne werde versuchen, diese Räume nachvollziehbar zu machen, eine Arbeit von Tilo Steffens, der im vergangenen Jahr das Weihnachtsmärchen in Dessau einrichtete. "Eugen Onegin" in Pforzheim oder "Rusalka" in Kiel, mehrfach arbeitete Steffens schon mit Hovenbitzer und mehrfach auch mit Katharina Wagner. So schuf er etwa das Bühnenbild für "Die Meistersinger von Nürnberg" zu den Bayreuther Festspielen 2007.
Vom Grünen Hügel in die ungeheizte Mansarde: Liebe und Leben, Krankheit und Tod, Kammerspiel und große Oper vereint dieses Werk, zweimal zwei Bilder, zweimal zwei Freunde, zwei Paare, zwei Frauen, so unmittelbar wie kunstvoll geführt, und ein Hering für vier Künstler, die vorerst ihre Unbekümmertheit gestalten.
Es singen: Mimi, Angelina Ruzzafante; Musetta, Cornelia Marschall; Rodolfo, Sergey Drobyshevskiy / Artjom Korotkov; Marcello, Ulf Paulsen. Kyung-Il Ko wird die "Mantelarie" geben.
Inszenierter Trauermarsch
Zeugt diese nicht von einer Entwicklung, vom Erwachsenwerden im Zeitraffer? Warum das Thema der Arie am Ende wiederkehre, fragt Hovenbitzer zurück und sagt, es sei ein Trauermarsch. "Puccini inszeniert den Abschied." Und Puccini sagte: "Ich will die Welt zum Weinen bringen."
Premiere Sonnabend, 19 Uhr. Nächste Vorstellung am 20. November, 17 Uhr.
07.11.2011, 17:05 | tags:
Musiktheater
1101
Pressemitteilung vom 07.11.2011
Sänger Anhalts, erhebt Eure Stimmen für den RING DES NIBELUNGEN!
Das Anhaltische Theater Dessau sucht nach begeisterten Chorsängern (Tenor und Bass), die Lust und Stimme haben, um den Opernchor in Richard Wagners „Götterdämmerung“ zu verstärken. Dieses Werk ist der Auftakt zu dem monumentalen Zyklus „Der Ring des Nibelungen“, den das Theater erstmals nach über 50 Jahren für die Bauhausstadt Dessau neu produziert.
Voraussetzungen für die Beteiligung sind Chorerfahrung und die Möglichkeit, an Proben (v.a. in den 14 Tagen vor der Premiere) sowie den Aufführungen teilzunehmen. Premiere ist der 12. Mai 2012, weitere Aufführungen am 20. Mai, 3. und 30. Juni.
Interessenten können sich bis zum 25. November bei Heiderose Ochmann/ Assistentin des Generalintendanten und des Generalmusikdirektors anmelden.
Kontakt: Heiderose Ochmann, Telefon: 0340 2511 211, Mail: intendant@anhaltisches-theater.de
Ausführliche Informationen zum RING unter: www.der-ring-in-dessau.de
03.11.2011, 14:35 | tags:
Musiktheater
1098
Pressemitteilung vom 03.11.2011
“Die Fledermaus” Operette von Johann Strauß
Nur noch zwei Mal ist die Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß auf der Großen Bühne des Anhaltischen Theaters zu sehen: Am Sonntag, 6. November um 18.00 Uhr und am 18. Dezember um 15.00 Uhr. Regisseur Hinrich Horstkotte, ein ausgewiesener Spezialist für das heitere Genre, inszenierte die ironisch-hintergründige Rachekomödie mit viel Augenzwinkern. Die Musik verbreitet vom ersten bis zum letzten Takt Heiterkeit und gute Laune. Es spielt die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Wolfgang Kluge. Das turbulente Treiben auf der Bühne wird unterstützt durch das Ballettensemble und die Damen und Herren des Opernchores des Anhaltischen Theaters.
Nicht nur die Anhaltische Philharmonie unter Wolfgang Kluge und der von Helmut Sonne prächtig agierende Chor sind in musikalischer Champagnerlaune.
Das Ensemble der temperamentvollen, vom Regisseur selbst (Kostüme) und Martin Dolnik (Bühnenbild) farbenprächtig und mit viel Witz und Anspielungen ausgestatteten Aufführung folgt mit großer Spiellaune den Intentionen des Regisseurs. – so die Musikzeitschrift Orpheus, März/April 2011
Bereits ab 16.45 Uhr spielt das Salonorchester „Papillon“ im Theaterrestaurant und lässt die Zeit der Wiener Kaffeehäuser lebendig werden. Das Theaterrestaurant lädt zu Kaffee und Kuchen ein, der Eintritt für diese Veranstaltung ist frei.
Nächster Termin: 18.12.2011 um 15 Uhr [Zum letzten Mal]
Karten und Informationen unter: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de, den Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
27.10.2011, 12:38 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1087
Pressemitteilung vom 27.10.2011
»Wenn man sich nicht fest in der Gewalt hat, wird man allein vom Feuer dieser Musik fortgerissen.« [Claude Debussy]
Premiere “La Bohème” Oper von Giacomo Puccini
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Das Anhaltische Theater lädt am Samstag, den 12. November um 19.00 Uhr zur Premiere “La Bohème” ins Große Haus ein. Puccinis Welterfolg „La Bohème“ darf als eine der perfekten Partituren des Musiktheaters bezeichnet werden: Gesang, Orchesterkommentar und Szene gehen eine nahtlose Verbindung ein. Das veranlasst Roman Hovenbitzer, der als Regisseur sowohl deutschlandweit als auch international Erfolge feiert, und GMD Antony Hermus eine Inszenierung ganz aus der Musik heraus zu entwickeln. Auf diese Weise gelangt, eine der traumhaftesten Liebesgeschichten der Operngeschichte, in all ihrer Leichtigkeit und Zärtlichkeit auf die Bühne.
Doch nicht zuletzt kommt die hohe Musikalität der Inszenierung durch das erstklassige Sängerensemble zustande. So sind zum einen die in Dessau bereits bekannten und geschätzten Sänger Cornelia Marschall, Angelina Ruzzafante, David Ameln, Sergey Drobyshevskiy und Ulf Paulsen zu erleben, zum anderen stellen sich die neuen Ensemblemitglieder, Artjom Korotkov und Kyung-Il Ko vor.
Roman Hovenbitzer arbeitete in Hagen bereits mehrfach mit Antony Hermus zusammen. Seitdem ist er an zahlreichen Häusern in Deutschland wie auch im Ausland tätig gewesen. Zuletzt inszenierte er, von der Presse und vom Publikum gefeiert, den „Lohengrin“ im finnischen Savonlinna bei den dortigen international renommierten Opernfestspielen.
Das Leben der vier Freunde und Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline ist karg, denn ständig fehlt es ihnen selbst am Notwendigsten. Trotzdem lassen sie sich ihre Lebensfreude nicht verderben, und Rodolfo und Marcello scheint das Glück zeitweilig zumindest in der Liebe hold zu sein. Besonders Rodolfo findet in Mimi seine große Liebe. So ist es umso schmerzvoller für ihn mitansehen zu müssen, wie die kranke Mimì dahinsiecht und er ihr nicht helfen kann. Rodolfo gibt Mimì frei, damit sie sich von einem wohlhabenden Mann aushalten lassen kann, der ihr eine medizinische Behandlung ermöglicht. Aber am Sterbebett von Mimì finden die Liebenden wieder zueinander.
Bereits vor der Premiere, am Sonntag, 30. Oktober um 10.30 Uhr lädt das Anhaltische Theater ins Foyer des Großen Hauses zur Matinee ein. Regisseur Roman Hovenbitzer und der Musikalische Leiter GMD Antony Hermus geben einen ersten Einblick in ihre Inszenierung. Die Solisten Cornelia Marschall, Angelina Ruzzafante und Artjom Korotkov präsentieren einige Auszüge aus Puccinis Werk.
Musikalische Leitung: Antony Hermus | Regie: Roman Hovenbitzer | Bühne und Kostüme: Tilo Steffens | Choreografie: Claudia Czyz | Chor: Helmut Sonne | Kinderchor: Dorislava Kutscheva | Dramaturgie: Sophie Walz
Cornelia Marschall, Angelina Ruzzafante | David Ameln, Andrew Ashwin/Wiard Witholt, Sergey Drobyshevskiy/Artjom Korotkov, Kyung-Il Ko, Ulf Paulsen |
Claudia Czyz (Tanz)
Tickets und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
25.10.2011, 19:21 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1083
Pressemitteilung vom 25.10.2011
“Chowanschtschina” - Musikalisches Volksdrama von Modest Mussorgski
Die große und klanggewaltige Choroper “Chowanschtschina” unter Mitwirkung der Opernchöre von Weimar und Dessau ist in Dessau nur noch zwei Mal zu erleben, bevor die Inszenierung an das Deutsche Nationaltheater Weimar geht (Vorstellungen am: 30. Oktober und am 27. November jeweils um 16 Uhr).
“Chowanschtschina”, eine Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, unterstützt durch die Staatsoper Stuttgart, steckt voller musikalischer und szenischer Überraschungen und ist mit hauseigenen Solisten und Gästen des Nationaltheaters Weimar besetzt. In der Oper werden historische Ereignisse aus der Geschichte Russlands mit einer hochdramatischen Liebesgeschichte verknüpft.
Für diese Inszenierung gab es bei der Kritikerumfrage im Oktober erschienenen Jahrbuch 2011 der Zeitschrift „Opernwelt” gleich mehrere Nominierungen: Pavel Shmulevich konnte sich als Dossifei in „Chowanschtschina“ über eine individuelle Nominierung als „Sänger des Jahres“ bzw. „Nachwuchssänger des Jahres“ freuen, weitere Nennungen erhielten Andrea Moses mit Mussorgskys „Chowanschtschina“ sowie die vereinigten Chöre von Weimar und Dessau ebenfalls in der Inszenierung „Chowanschtschina“. Gleich zweimal nominiert wurde Generalmusikdirektor Antony Hermus, der in weniger als drei Jahren aus der Anhaltischen Philharmonie Dessau ein schlagkräftiges Orchester geformt hat und als Dirigent genannt wird für seine grandiose Aufbauleistung am Anhaltischen Theater.
Es singen u.a. Anna Peshes, Angelina Ruzzafante, KS Iordanka Derilova, Sergey Drobyshevskiy, Angus Wood, Ulf Paulsen, Pavel Shmulevich, Alexey Antonov, Frieder Aurich und David Ameln. Die Anhaltische Philharmonie musiziert unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus.
Karten und Informationen unter: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de, den Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
25.10.2011, 17:11 | tags:
Musiktheater
1082
Pressemitteilung vom 25.10.2011
Matinee zur Premiere „La Bohème“
Am Sonntag, den 30. Oktober um 10.30 Uhr lädt das Anhaltische Theater ins Foyer des Großen Hauses zur Matinee vor der Premiere „La Bohème“ ein.
Regisseur Roman Hovenbitzer und der Musikalische Leiter GMD Antony Hermus geben einen ersten Einblick in ihre Inszenierung von Puccinis Welterfolg „La Bohème“, die Oper, die als eine der perfekten Partituren des Musiktheaters bezeichnet werden darf: Gesang, Orchesterkommentar und Szene gehen eine nahtlose Verbindung ein.
Auf welche Weise das Regieteam eine der traumhaftesten Liebesgeschichten der Operngeschichte auf die Bühne bringt, kann das Publikum in einer informativen und musikalisch genussvollen Stunde, die Musiktheaterdramaturgin Sophie Walz moderieren wird, erfahren. Die Solisten Cornelia Marschall, Angelina Ruzzafante und Artjom Korotkov präsentieren einige Kostproben aus Puccinis Werk.
Der Eintritt für die Matinee beträgt 3,- EURO, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf den Kartenpreis angerechnet wird. Die Tickets sind am Einlass erhältlich.
24.10.2011, 16:51 | tags:
Musiktheater
1080
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 24.10.2011
Bücker wettet auf die Zukunft
Jetzt dämmert es auch dem Letzten: Dieser "Ring" wird etwas ganz Besonderes. "Ring" umschreibt kurz Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen", jenen Opern-Zyklus aus "Rheingold", "Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung". Mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem dieses Quartett letztmals am Dessauer Theater zu sehen war, geht die Bühne das monumentale Werk 2012 wieder an. Mit großem Aufwand, viel Programm und Engagement und einer Menge Ideen rund um Wagners Meisterwerk.
Den Auftakt dafür gab es an diesem Wochenende mit einem Benefiz-Gala-Dinner im Radisson Blu Hotel am Sonnabend und einer Lesung von Herbert Rosendorfer Sonntagabend im Alten Theater. Das Dinner gab den Besuchern Gelegenheit, aus berufenem Munde die ersten Neuigkeiten zum Ring-Projekt zu erfahren. Eingeladen hatte Generalintendant André Bücker, zugleich auch Regisseur. Generalmusikdirektor Antony Hermus, die Solisten Iordanka Derilova und Ulf Paulsen sowie Boris Cepeda am Klavier gaben Kostproben aus Wagners Opern.
Den Auftakt zum gelungenen Abend, bei dem ein Teil des Eintrittspreises den Neuinszenierungen zu Gute kommt, gab indes ein Horn: der Siegfried-Ruf, geblasen von Paul Goodman. Und schon mit diesem bekannten Musikstück ließ sich ein Anknüpfungspunkt zwischen Dessau und Bayreuth finden, denn als in Bayern 1876 die ersten Festspiele stattfanden, war es der Dessauer Hornist Demnitz, der den Siegfried-Ruf spielte. Wagner notierte auf Demnitz' Notenblatt "sehr schön geblasen".
Alles zu erwähnen, was Dessaus Theater mit Bayreuth und Wagner verbindet, schaffte am Samstagabend André Bücker nicht. Dafür gibt es eine Ausstellung und die eigens eingerichtete Internetseite, die auf das Großereignis, das im kommenden Mai mit der "Götterdämmerung" startet, einstimmen.
"16 Stunden Musik. Man muss sich dieser Herausforderung stellen. Der Ring ist ein Versprechen und eine Wette auf die Zukunft, ein identitätsstiftendes Projekt", sagte der Regisseur. "Wir wollen Wagner mit aller ästhetischen Wucht auf die Bühne bringen, große archaische Bilder entstehen lassen", erklärte Bücker. 2015, wenn sich der "Ring" schließt und in der Stadt der Internationale Wagner-Kongress ausgerichtet wird, will Dessau seinem Ruf als "Bayreuth des Nordens" wieder gerecht werden..
17.10.2011, 13:49 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1070
Pressemitteilung vom 17.11.2011
Anhaltisches Theater wieder unter den besten Opernhäusern
Alljährlich wartet die Opernwelt mit Spannung auf die Kritikerumfrage im Jahrbuch der Zeitschrift „Opernwelt”. Im Oktober erschienenen Jahrbuch 2011 mit der wohl wichtigsten deutschlandweiten Kritikerumfrage für das Musiktheater erhielt das Anhaltische Theater Dessau insgesamt 9 Nominierungen und schnitt damit hervorragend ab.
In der Kategorie Wiederentdeckung wird Generalintendant André Bückers Inszenierung genannt, der mit Weills „Der Protagonist“ beim Kurt Weill Fest erstaunliche Parallelen zu Leoncavallos „Bajazzo“ entdeckt. Gleich zweimal nominiert wird Generalmusikdirektor Antony Hermus, der in weniger als drei Jahren aus der Anhaltischen Philharmonie Dessau ein schlagkräftiges Orchester geformt hat und als Dirigent genannt wird für seine grandiose Aufbauleistung am Anhaltischen Theater. Das Theater erhielt eine Nominierung als „bestes Opernhaus des Jahres“. Benannt wird ausdrücklich auch der Chor des Anhaltischen Theaters unter der Leitung von Helmut Sonne. Über individuelle Nominierungen als „Sänger des Jahres“ bzw. „Nachwuchssänger des Jahres“ können sich Pavel Shmulevich als Dossifei in „Chowanschtschina“ und die Mezzosopranistin Ulrike Meyer als Dorabella in „Così fan tutte“ freuen. Weitere Nennungen erhielten Andrea Moses mit Mussorgskys „Chowanschtschina“ sowie die vereinigten Chöre von Weimar und Dessau ebenfalls in der Inszenierung „Chowanschtschina“.
Die große und klanggewaltige Choroper “Chowanschtschina” unter Mitwirkung der Opernchöre von Weimar und Dessau ist in Dessau nur noch zwei Mal zu erleben, bevor die Inszenierung an das Deutsche Nationaltheater Weimar geht (Vorstellungen am: 30. Oktober und am 27. November jeweils um 16 Uhr, Anhaltisches Theater/Großes Haus). “Chowanschtschina” ist eine Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, unterstützt durch die Staatsoper Stuttgart. Die Oper steckt voller musikalischer und szenischer Überraschungen und ist mit hauseigenen Solisten und Gästen des Nationaltheaters Weimar besetzt. „Chowanschtschina“ verknüpft historische Ereignisse aus der Geschichte Russlands mit einer hochdramatischen Liebesgeschichte. Die Anhaltische Philharmonie musiziert unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus.
Tickets und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
17.10.2011, 10:43 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1069
Alexander Hauer, Der Opernfreund, 30.09.2011
Die Spirale der Gewalt
Christian von Götz lässt keinen Zweifel daran. Gewalt ist keinesfalls die Lösung, sie führt immer zu Leid und Elend. Wie Bernstein Shakespeares „Romeo und Julia“ in die Realität der 50er der USA holte, so begeht er den Kunstgriff, die West Side Story in die Aktualität der Jetztzeit zu verlegen. Ob sie dann noch in New York, zwischen „alteingesessenen“ Amerikanern und Einwanderern aus Puerto Rico angesiedelt ist, spielt bei ihm keine Rolle. Das Bühnenbild Britta Bremers und die Kostüme Katja Schröpfers geben auch keinen Anhalt dafür. Also, ein hochaktuelles Stück, das in irgendeiner Großstadt spielt.
Zwei Gangs liegen im Clinch. Die einen tragen gelb rot, die anderen rot blau. Sie nennen sich Sharks und Jets, und sie sind gewaltbereit. Die Erwachsenen, die Eltern, die Lehrer und auch die Obrigkeit haben ihren Einfluss verloren. Einzig der Betreiber eines Jugendtreffs, Doc, hat noch einen kleinen Einfluss auf die Jets. Das Leben der Sharks wird bestimmt durch althergebrachte Rituale und religiösen Vorschriften. Auch hier verlässt von Götz die alte Ebene des mittelamerikanischen Katholizismus, er lässt es offen welche Religion die Sharks und die Jets haben. Es reicht, dass sie „anders“ sind, Vorurteile sind die Grundlage des Hasses, und der wird immer wieder frisch angestachelt. Bei einem, von der Sozialarbeiterin Glad Hand, organisiertem Tanzabend verlieben sich die Schwester des Sharksanführers Bernardo, Maria, in den beinahe Ex-Jet Tony. Es kommt zum Eklat, aber die Liebe findet immer Wege und Möglichkeiten, auch wenn sie dabei in den Untergang führt.
Von Götz erzählt die Geschichte in der Rückblende, das Ende nimmt er vorweg. Ein Mädchen liegt auf einer Matratze in einer schäbigen Wohnung, der Fernseher läuft und verkündet die Neuerungen von Präsident Obama in der Vereinigten Staaten. Sie ist tot und ihr Blut und Gehirn haben sich an den Wänden verteilt. Krasse, starke Bilder gleich zu Beginn, und die Brutalitäten nehmen kein Ende. Schon in der Ouvertüre findet ein Kampf statt. Ein harter fight mit Stahlstangen, grandiose Kampfchoreographie von Klaus Figge, findet sein Ende in der „vernünftigen“ Lösung, die territorialen Ansprüche mit einem Zweikampf zu regeln. Die Besten sollen gegeneinander antreten. Der Kampf findet statt und der Anführer der Jets, Riff, wird von Bernardo getötet. Im Affekt rächt Tony den Tod seines besten Freundes.
Nach dem Kampf treffen sich Tony und Maria wieder. Ihre Liebe siegt über die Trauer um ihren Bruder Bernardo. Anita, die Verlobte Bernardos ist entsetzt darüber, dass Maria Tony immer noch liebt, dennoch lässt sie erweichen, Tony vor Marias Verlobten Chino zu warnen. Bevor die ihre Warnung übermitteln kann wird sie von Action unter dem Jubel und Anfeuerungen der Jets vergewaltigt. In ihrer Demütigung sagt sie, Chino hätte Maria erschossen. Das lockt Tony aus seinem Versteck, die Gangs treffen sich, doch bevor Chino seine Rache nehmen kann, wird er von Anita erschossen. Die verzweifelte Maria flüchtet nach Hause, Anita folgt ihr und reicht ihr den Revolver…
Bis auf den absolut pessimistischen Schluss, im Original finden die Gangs über der Leiche Tonys einen Weg zur Annäherung, einen Weg raus aus der Gewalt, erzählt Christian von Götz die Geschichte 1:1. Aber was macht dann die Dessauer Inszenierung so besonders? Da wäre als erstes das Bühnenbild. Die größte Drehbühne Deutschlands wird von Britta Bremer geschickt bebildert. Ständig in Bewegung ermöglicht sie den raschen Wandel der Spielorte. In der Traumsequenz wird durch aufwendige Veränderungen, hier mal ein Lob an die Technik, die absolut lautlos, schnell und unsichtbar umbauten, ein Horrorszenario ermöglicht.
Da wären dann auch noch die Kostüme von Katja Schröpfer. Die vier Erwachsenen tragen stimmige Klamotten und Uniformen, auch ihnen ist anzusehen, welche Geschichte sie hinter sich haben, und welche noch vor sich. Auch die Erwachsenen schaffen es nicht aus ihrem Milieu zu lösen, sie haben nur ihre Jugend überlebt, egal ob sie Kneipenwirt, Sozialarbeiterin oder Polizisten sind, ihr Ende ist leicht zu erahnen. Die Jugendlichen definieren sich über ihre Tattoos und ihre Farben, dabei vermeidet Schröpfer geschickt die gängige Streetwear, sondern gibt den Kids Möglichkeiten sich schick zu machen, in der Uniformität so etwas wie Individualismus zu entwickeln.
Da ist auch die Regie von Christian von Götz. Er verteilt keine Sympathien, er lässt den Zuschauer als neutralen Beobachter außen vor. Er zeigt die Geschichte auf, ohne sie zu bewerten. Auch die choreographierten Tänze von Carlos Matos tragen zur Bedeutung der Inszenierung bei.
Aber die geschlossene Ensembleleistung, Darsteller und die brillant stimmig geführte Anhaltische Philharmonie unter Daniel Carlberg, tragen die Hauptverantwortung für die Unvergesslichkeit dieses Abends.
Daniel Carlberg nimmt sich der Partitur Bernstein dermaßen respektlos an, dass alle mir bekannten Aufnahmen der West Side Story wie ein müder Tanztee klingen. Kraftvoll, mit einem mitreißendem Drive, jagt er kompromisslos durch das Werk. Exakt gespielte Bläsersätze liegen auf einem Klangteppich, geknüpft von einem Weltklasse-Orchester. Flirrende Streicher behaupten sich, wilde Schlagwerke geben den Takt vor und reißen alles in einen Strudel.
Die 36(!) Solisten setzen sich aus dem Schauspielensemble, dem Chor, dem Ballett und aus Opernsängern zusammen. Allen voran Tony und Maria, David Ameln singt diesen jungen Menschen mit zu Herzen gehender Intensität, Cornelia Marschall ist ihm in Ausdruck und Exaktheit ebenbürtig. Zusammen glaubt man, sie könnten die Welt aus den Angeln heben, ihre Liebesszenen haben so nichts gekünsteltes, eine schlichte Natürlichkeit, die beide verbindet. Da ist Riff, Mattew Bindley, sonst Trainingsleiter des Balletts, der hier überzeugend den jungen Heißsporn gibt und wie ein Großer singt. Sein gegenüber Juan Pablo Lastras-Sanchez, Bernardo, kommt ebenfalls vom Ballett, Chino, Alexander Dubnov, singt sonst im Chor. Das Schauspielensemble tanzt und singt, Mitglieder des Chores tanzen genau wie die Damen und Herren aus dem Opernensemble. Und alle sprechen ihren Text klar und deutlich. Wenn man nun einige nennt, tut an vielen anderen unrecht, dennoch will und muss ich mich beschränken.
Da ist Joe Managhan, ein hyperaktiver Baby John, stets an der Grenze vom Umfallen, da Patrick Rupar, ein Action, der den Namen verdient, da ist Karen Helbig, einziger Gast im Ensemble, aber schon seit Kindestagen mit dem Dessauer Theater verbunden, ihre Anita, die von verliebtem Überschwang bis hin zu eiskalter Rache changiert, ist eine unübertroffene Darstellung menschlichen Leids, da ist Consuelo, Anne Weinkauf vom Chor, ihr „Somewhere“ braucht sich vor keiner der großen Interpretinnen zu verstecken, Karl Thiele, ein zum Fürchten korrupter, rassistischer Polizeioffizier. Christel Ortmanns Glad Hand, eine überfröhliche Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs und Gerald Fiedler, ein Doc, der am Leben zerbricht. Wie gesagt, nur einige, aber es war eine Ensembleleistung, die lässig jeden Vergleich mit den großen Theatern im Westend oder am Broadway standhält.
Diese Inszenierung ist für das Theater Dessau nach seinen Erfolgen in der Oper ein weiterer Markpunkt an dem sich andere Theater messen lassen müssen. Aufgrund dieser Leistung müssten wohl alle Diskussionen über Etatkürzungen bei den Trägern vom Tisch gefallen sein, und wenn doch, meine Damen und Herren Politiker, gehen sie hin und schauen sie sich diese West Side Story an. Danach werden Sie meiner Meinung sein.
Die schönen Bilder verdanken wir Claudia Heysel
12.10.2011, 13:50 | tags:
Musiktheater
1062
Pressemitteilung vom 12.10.2011
Herbert Rosendorfer liest „Richard Wagner für Fortgeschrittene“
Eine Veranstaltung im Rahmen des Begleitprogramms zum RING DER BAUHAUSSTADT
Am Sonntag, 23. Oktober um 19 Uhr lädt das Anhaltische Theater zur Lesung von Herbert Rosendorfer ins Foyer des Alten Theaters ein. Die Veranstaltung ist Teil des umfangreichen Begleitprogramms zum Dessauer RING und wird unterstützt durch den Richard-Wagner-Verband Dessau e.V. und den Freundeskreis des Dessauer Theaters.
Rosendorfer, Jurist, Romancier und Musikfan, nähert sich in seinem Buch „Richard Wagner für Fortgeschrittene“ dem Komponisten und der Musik auf dem Bayreuther „Grünen Hügel“ mit frechem Blick. Er erzählt von beschuhten und unbeschuhten Wagnerianern, einem schuldlos schuldigen Lebemann und allzu menschlichen Göttern. Keine falsche Ehrfurcht vor Bayreuth und seinen Anhängern wird hier gepflegt, sondern Leben und Werk Wagners werden von Herbert Rosendorfer tiefgründig und amüsant beleuchtet.
Auf Basis historisch genau recherchierter Fakten nimmt sich der große Geschichtenerzähler Herbert Rosendorfer die Freiheit, Leben und Werk Richard Wagners mit pointierter Feder zu beschreiben. Themen wie Wagners rassistisch begründeter Antisemitismus und seine Wirkung auf die Nationalsozialisten werden ebenso wenig ausgeklammert wie der Lebemann Wagner, der seine Gagen schon genussvoll ausgab, bevor er sie erhalten hatte, und der nie aufhörte, sich für weibliche Schönheiten zu begeistern. Vom „Fliegenden Holländer“, „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ über „Tristan und Isolde“ und „Die Meistersinger“ bis zum „Ring des Nibelungen“ und Wagners letztem Werk „Parsifal“ - besonders faszinierend ist Rosendorfers Auseinandersetzung mit den einzelnen Werken des großen Komponisten, ihren übergeordneten Themen und seine dabei ganz und gar unwagnerianischen Fragestellungen. Nicht zuletzt werden auch die familiären Auswüchse im Hause Wagner ebenso aufs Korn genommen wie die umstrittenen Neuinszenierungen. Herbert Rosendorfer hat ein Buch für Kenner und Kritiker geschrieben, aber auch ein amüsantes und geistreiches Lesevergnügen für weniger Wagner-kundige Leser, die den Herrscher und die Klänge des „Festspielhügels“ von einer anderen Warte kennen lernen wollen.
Herbert Rosendorfer, geboren 1934 in Gries/Bozen, zog 1939 mit seinen Eltern nach München. Nach dem Abitur studierte er ein Jahr an der Akademie der Bildenden Künste und wechselte dann zur Juristerei. Er war Assessor bei der Staatsanwaltschaft in Bayreuth, Staatsanwalt in München und bis 1997 Richter am Oberlandesgericht in Naumburg. 1990 wurde er zum Professor für bayerische Literaturgeschichte ernannt. Er ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt, darunter der Münchner Literaturpreis (2005) sowie der internationale Buchpreis CORINE 2010 für sein Lebenswerk.
Am 12. Mai 2012 wird am Anhaltischen Theater Dessau die Premiere der „Götterdämmerung“ gefeiert und damit der Auftakt zum ersten gesamten Zyklus von Richard Wagners „Der Ring des
Nibelungen“ seit einem halben Jahrhundert. Die Schirmherrschaft für den RING DER BAUHAUSSTADT hat Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Dr. Reiner Haseloff übernommen.
Eintritt: 7,- Euro
Weitere Informationen unter: www.der-ring-in-dessau.de
Tickets und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
11.10.2011, 17:49 | tags:
Musiktheater
1059
Pressemitteilung vom 11.10.2011
Schaf
Musiktheater für Kinder von Sophie Kassies
Das Anhaltische Theater Dessau zeigt am Sonntag, 16. Oktober um 14.30 Uhr „Schaf“, eine zauberhafte Musiktheaterinszenierung für Menschen ab 5 Jahren, auf der Studiobühne des Alten Theaters. Die Kinderoper von Sophie Kassies inszenierte Dirk Schmeding als eine aufregende und musikalische Suche nach einem Namen für Schaf mit Schauspielern, Sängern und Musikern.
Diese erzählen mit Leichtigkeit und Humor von der Suche nach der eigenen Identität, von der Sehnsucht, besonders sein zu wollen und doch dazuzugehören.
Die musikalischen Weggefährten auf dieser Reise sind Georg Friedrich Händel, Claudio Monteverdi, Henry Purcell und Antonio Vivaldi.
Als Solisten wirken mit: Cornelia Marschall (Sopran) und Anne Weinkauf (Mezzosopran), die als Sängerinnen mit ins Spiel einbezogen sind. Eva Marianne Berger spielt das „Schaf“ und Patrick Rupar ist in der Rolle des Prinzen „Lorenzo“ zu erleben.
Karten und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
05.10.2011, 11:49 | tags:
Ballett
, Schauspiel
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1053
Wolf- Dieter Kröning, Bild Zeitung, 4.10.2011
"West Side Story" in Dessau
Weichgespültes Meisterwerk!
Ach, es ist so süß & bitter, so wild & traurig - und endet im Tod! West Side Story, ist - richtig inszeniert - nichts für kleine Kinder. Und Regisseur Christian von Götz macht es richtig!
Das berühmte Musical am Anhaltischen Theater Dessau: ein Meisterwerk - schon das Bühnenbild von Britta Bremer ist schlicht fantastisch.
Tony (David Ameln) und Maria (Cornelia Marschall) sind ein rührendes Liebespaar - wie sie durch ihren Alptraum irrt, ist furios. Die Sänger und Tänzer, die Kämpfe, die Einfälle - prima (auch wenn Latino-Girls nicht rothaarig sind). Der große Wurf somit? Ja, wenn die Anhaltische Philharmonie mitzöge! Alles klingt lieblich: Daniel Carlberg denkt, er dirigiere eine Art Operette - schwelgerisch zerdehnt er die genialen Bernstein-Songs, raubt ihnen die Schärfe, Ruppigkeit, Tempo: Der Weichspüler am Pult arbeitet gegen die Regie. Nur wenige haben`s gemerkt, Trampelapplaus! Fazit: die beste "West Side Story", die ich seit langem gesehen habe. Braucht nur mehr Druck auf der Pumpe.
Nächste Vorstellung: 7. Oktober, 19.30 Uhr, Karte ab 13,50 Euro
05.10.2011, 11:14 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1052
Der Tagesspiegel, 5.10.2011
Brüssel ist das „Opernhaus des Jahres“
Zum ersten Mal kommt das „Opernhaus des Jahres“, das die Fachzeitschrift „Opernwelt“ bei ihrer jährlichen Kritiker-Umfrage ermittelt, nicht aus dem deutschsprachigen Raum. Das seit 2007 von Peter de Caluwe geleitete Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel hat sich den Ehrentitel gesichert. In der belgischen Hauptstadt gelang dem Dirigenten Marc Minkowski und dem Regisseur Olivier Py zudem mit ihrer Deutung von Giacomo Meyerbeers „Les Huguenots“ die „Aufführung des Jahres“.
Mag die Auszeichnung für die Außendarstellung der Opernhäuser auch äußerst hilfreich sein - es handelt sich hier nicht um eine Mehrheitsmeinung der Kritiker.
Schaut man sich die Voten der 50 befragten Rezensenten aus allen Regionen Deutschlands, aus Österreich, der Schweiz, Großbritannien, den USA und Russland im Detail an, stellt man fest, dass den Brüsselern gerade einmal neun Voten zum Titelgewinn reichten. Die Oper Frankfurt kommt als Zweitplatzierte auf acht Nennungen. Weil zudem das „Orchester des Jahres“ sowie der „Sänger des Jahres“ – nämlich der Bariton Johannes Martin Kränzle – aus Frankfurt kommen, ist eigentlich das hessische Musiktheaterhaus die Siegerin des Rankings.
Die Berliner Opernszene, die viele Jahre lang vor allem in der „Opernwelt“- Rubrik „Ärgernis des Jahres“ zu finden war, schneidet diesmal mit vielen Nennungen in allen Kategorien ziemlich gut ab.
Erfreulich oft wird auch das Theater Dessau genannt, das unter Chefdirigent Anthony Hermus und Regisseurin Andrea Moses einen Qualitätssprung gemacht hat.
„Regisseur des Jahres“ ist ein Altmeister: Achim Freyer. Mit größtmöglicher Einigkeit wurde Mariss Jansons für seinen Amsterdamer „Eugen Onegin“ zum „Dirigenten des Jahres“ gewählt. „Nachwuchssängerin des Jahres“ ist die 21-jährige Russin Julia Lezhneva, für seine Bayreuther „Lohengrin“-Ratten wurde Reinhard von Thannen zum „Kostümbildner des Jahres“.
Weil die großen internationalen Festivals besonders viele Kritiker anziehen, ist deren Einsatz für neue oder vergessene Werke im Idealfall auch besonders folgenreich: wie bei Wolfgang Rihms „Dionysos“ bei den Salzburger Festspielen und Mieczyslaw Weinbergs jahrzehntelang vergessener Holocaust-Oper „Die Passagierin“ in Bregenz, die sich in den Kategorien „Uraufführung“ respektive „Wiederentdeckung“ durchsetzen konnten. „Dionysos“ wird im Juli 2012 übrigens auch an der Berliner Staatsoper zu sehen sein.
An der „Opernwelt“-Umfrage zeigt sich jedes Jahrs aufs Neue, wie subjektiv Kritiker-Meinungen sind: Peter Konwitschnys Grazer „Traviata“-Inszenierung taucht sowohl in der Rubrik „Aufführung des Jahres“ wie auch als „Ärgernis des Jahres“ auf, ebenso wie Hermann Nitschs Münchner „Saint François“, Christoph Loys Frankfurter „Fledermaus“ oder Stockhausens „Sonntag“ in Köln. F. H.
04.10.2011, 17:34 | tags:
Ballett
, Schauspiel
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1051
Helmut Rohm, Volksstimme, 4.11.2011
"West Side Story" zum Spielzeitauftakt am Anhaltischen Theater
Bewegende Geschichte in faszinierender Symbiose
essau-Roßlau. "Irgendwo. Irgendwann. Irgendwie." - nur die Hoffnung bleibt. Hier endet Leonard Bernsteins Musical "West Side Story", das am Freitagabend im ausverkauften Anhaltischen Theater Dessau eine frenetisch gefeierte Premiere erlebte.
Im Grunde "sitzen" die bis aufs Blut verfeindeten New Yorker Straßengangs, die Jets und die Sharks "im gleichen Boot". Beide sind Abkömmlinge verschiedener Einwanderergruppen. Beide haben keine soziale Perspektive. Beide klammern sich an ihr vermeintliches Domizil, eine heruntergekommene Industriebrache. Gewalt ist das fast einzige Kommunikationsmittel - ein schier unlösbarer Konflikt.
Mit seinem bisher wohl weltweit erstmaligen Drehbühnen-Raum-Konzept (Bühne: Britta Bremer; Kostüme: Katja Schröpfer) symbolisiert Regisseur Christian von Götz die sich zuspitzende Gewaltspirale, die schließlich aus dem Rahmen läuft.
Beide Gruppen stehen gleichsam für die hoffnungslose Lage der Jugend schlechthin. Etwas von diesem New York der 1950er Jahre ist auch hier und heute. "Während wir in Dessau probten, brannten in London die Straßen, in Berlin die Autos, wurden auf Bahnsteigen unschuldige Menschen zu Tode geprügelt", zieht Christian von Götz erschütternde Parallelen.
Die bewegende Geschichte (Buch Arthur Laurents, Gesangstexte von Stephen Sondheim) inszeniert er als faszinierende Symbiose von Musik, Schauspiel und Tanz (Choreografien Carlos Matos). Das Orchester unter dem furios agierenden Daniel Carlberg spielt groß auf, trifft den Nerv der jeweiligen Situation eindrucksvoll.
Besonders hervorzuheben ist, dass bis auf Karen Helbing (Anita) dieses personalaufwändige Stück durchweg mit theatereigenen Künstlern realisiert wird. Christian von Götz hat dabei ein großartiges Musicalensemble geformt, in dem kaum noch unterscheidbar ist, ob Tänzer, Sänger oder Schauspieler in Aktion sind. Die Dessauer "West Side Story" ist so zu viel mehr als einem eindrucksvoll gelungenen Spielzeitauftakt geworden und setzt sicher hier und da auch über Dessau hinaus neue Maßstäbe.
Der Zuschauer wird förmlich mitgerissen von der unglaublichen temporeichen und ungemein realistisch-dramatisch-tragischen Auseinandersetzung, hin bis zu faszinierend dargestellten realistischen Kampfszenen (Choreografie Klaus Figge).
Er erlebt jedoch auch sehr kontrastreich die von lebensechter Emotionalität geprägten sentimental-lyrischen Szenen der jungen, zunächst scheinbar ungetrübten Liebe von Maria und Tony. Eine aufkeimende Beziehung, die von Cornelia Marschall und David Ameln gesanglich vorzüglich und spielerisch anrührend gelebt wird. Wie bei "Julia und Romeo" kann ihre Liebe nicht glücklich werden. Die Hoffnung bleibt - auf das "Irgendwo. Irgendwann. Irgendwie".
Die nächste Aufführung ist am Freitag, dem 7. Oktober, um 19.30 Uhr.
02.10.2011, 21:59 | tags:
Ballett
, Schauspiel
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
1049
Andreas Hillger, mz-web.de,2.10.2011
Anhaltisches Theater
Im Schmelztiegel der Kunst
Am Anfang geht eine Puppe zu Bruch, am Ende werden Menschen in ihrem Blut liegen - doch das kleine Mädchen wird dann noch immer versuchen, das zerstörte Spielzeug zu reparieren. Es ist ein schlichter, stimmiger Rahmen, den Christian von Götz seiner Inszenierung der "West Side Story" am Anhaltischen Theater gegeben hat. Und er passt perfekt zum tödlichen Spiel, das die Jets und die Sharks hier in den Straßen von New York treiben: ein Guerilla-Krieg der Benachteiligten, die ihren Kick in den Klischees vom fremden Gegenüber und in den adrenalinsatten Balzkämpfen vor den Augen ihrer Mädchen suchen. Bis sich zwei junge Menschen zwischen den Fronten begegnen und die Liebe den Hass entlarvt.
Von Verona nach Amerika
Dass diese Geschichte von zeitloser Gültigkeit sein würde, dürften der Komponist Leonard Bernstein sowie seine Librettisten Arthur Laurents (Buch) und Stephen Sondheim (Songs) schon bei der Uraufführung 1957 geahnt haben. Schließlich hatten sie damit das berühmteste Liebesdrama der Literaturgeschichte aus Verona nach Amerika versetzt und Romeo und Julia in Tony und Maria umbenannt. Wie gut sich dieses Werk aber auch für eine Produktion jenseits der Broadway-Traditionen eignet, kann man nun in Dessau sehen: Hier spielt ein deutsches Stadttheater seine Trümpfe aus und inszeniert ausgerechnet die Konfrontation von rivalisierenden Gruppen als Schulterschluss zwischen allen Sparten.
Denn dies ist das überraschende und überzeugende Konzept dieses Abends: Bis auf Cornelia Marschall (Maria) und David Ameln (Tony) sind sämtliche Rollen mit Chorsängern, Tänzern und Schauspielern des Hauses besetzt, lediglich Karen Helbing wurde für die Rolle der Anita als Gast engagiert. Und wo man sonst die Spezialisierung in den Defiziten erkennt, verschwimmen hier die Grenzen zum Besseren: Drei Dutzend Darsteller singen, tanzen und sprechen ihre Rollen überzeugend, sie beflügeln einander zu Höchstleistungen auf fremdem Terrain und treten am Ende ausgepumpt, aber glücklich in den Premierenjubel.
Da sind die Tänzer Matthew Bindley und Juan Pablo Lastraz-Sanchez, die sich als Riff und Bernardo an die Spitze ihrer Heere stellen und als Erste in den Tod gehen. Da sind die Schauspieler Patrick Rupar und Susanne Hessel, die als Action und Anybody's auf Seiten der Jets für gefährliche Energie sorgen. Und da sind die Choristen Alexander Dubnov und Anne Weinkauf, die bei den Sharks vom kleinen Glück träumen. Sie stehen als Erste unter Gleichen in dem Ensemble, das in den von Carlos Matos rasant choreografierten Nummern wie "I'd like to be in America" oder "Officer Krupke", auch und vor allem aber in den von Klaus Figge virtuos inszenierten Kampfszenen über sich hinauswächst.
Kein biederes Remake
Dabei hat Christian von Götz alles andere als ein biederes Remake des klassischen Vorbilds geliefert. Dank der gigantischen Dessauer Drehbühne konnte er sich von Britta Bremer ein Labyrinth bauen lassen, in dem zwischen Feuerleitern und Klimakästen genügend Raum für große Bilder bleibt. Wenn sich Tony und Maria im Brautkleidladen begegnen oder in einem Meer von Kerzen vor der feindlichen Welt verstecken, dann sind diese poetischen Momente einer latenten Angst abgetrotzt, die in erschreckenden Visionen von Schlachthäusern und Drogenrausch vor den Augen der Zuschauer kreist. So braucht es nur wenige Accessoires wie die Liebes-SMS oder die schönen, aktuellen Kostüme von Katja Schröpfer, um die Geschichte in die Gegenwart zu holen - und nur wenige drastische Augenblicke wie die Vergewaltigung von Anita, um ihre existenzielle Dimension deutlich werden zu lassen.
Für die musikalische Qualität und den permanenten Dialog zwischen Bühne und Orchestergraben aber sorgt Daniel Carlberg, der der Anhaltischen Philharmonie ihre zuletzt an Weills "One Touch of Venus" und Bernsteins "Candide" geschulten Amerikanismen entlockt. Und so, wie sich die Musiker in diesen Sound einfühlen, bringen auch die Künstler auf der Bühne ihre biografische Verwurzelung in ein Stück ein, das dafür ideal scheint.
Da kokettiert die Schweizerin mit einem puerto-ricanischen Akzent, da tanzt die Brasilianerin neben dem Briten und die Koreanerin neben dem Albaner. Das Theater als Schmelztiegel, als sozialer Raum mit kultureller Aufgabe. "Somewhere"? Genau hier!
Nächste Vorstellungen: 7. Oktober, 19.30 Uhr; 27. Oktober, 16 Uhr
26.09.2011, 20:15 | tags:
Musiktheater
1042
Pressemitteilung vom 26.9.2011
Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff übernimmt Schirmherrschaft für den Dessauer RING
Am 12. Mai 2012 wird am Anhaltischen Theater Dessau die Premiere der „Götterdämmerung“ gefeiert und damit der Auftakt zum ersten gesamten Zyklus von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ seit einem halben Jahrhundert. Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Dr. Reiner Haseloff übernimmt die Schirmherrschaft für den RING der Bauhausstadt.
Generalintendant André Bücker und Generalmusikdirektor Antony Hermus erschließen Wagners Opus summum vom Ende her, von der „Götterdämmerung“, deren Entwurf den biografischen Beginn von Richard Wagners Auseinandersetzung mit dem Nibelungen-Mythos markiert.
Die erste zyklische Aufführung wird zum „Elbmusikfest“ vom 14. bis 17. Mai 2015 in Dessau stattfinden. Das Anhaltische Theater setzt somit die Tradition Dessaus als „Bayreuth des Nordens“ fort.
Bereits im Oktober starten die ersten Veranstaltungen des umfangreichen Begleitprogramms. Den Auftakt bildet ein exklusives Benefiz-Gala-Dinner für den RING am 22. Oktober um 19 Uhr im Radisson Blu Fürst Leopold Hotel, Dessau. Unterstützer und Förderer des Dessauer Rings genießen ein exquisites Menü, erfahren Details zur Konzeption des Dessauer Rings und hören musikalische Kostproben aus „Der Ring des Nibelungen“, dargeboten von den Solisten KS Iordanka Derilova und Ulf Paulsen.
Am Sonntag, 23. Oktober um 19 Uhr lädt das Anhaltische Theater zur Lesung von Herbert Rosendorfer ins Foyer des Alten Theaters ein. Rosendorfer, Jurist, Romancier und Musikfan, nähert sich in seinem Buch „Richard Wagner für Fortgeschrittene“ dem Komponisten und der Musik auf dem Bayreuther „Grünen Hügel“ mit frechem Blick. Er erzählt von beschuhten und unbeschuhten Wagnerianern, einem schuldlos schuldigen Lebemann und allzu menschlichen Göttern. Keine falsche Ehrfurcht vor Bayreuth und seinen Anhängern wird hier gepflegt, sondern Leben und Werk Wagners werden von Herbert Rosendorfer tiefgründig und amüsant beleuchtet.
Die Veranstaltung wird unterstützt durch den Richard-Wagner-Verband Dessau e.V. und den Freundeskreis des Dessauer Theaters.
Ab sofort ist die neue Website zum RING unter: www.der-ring-in-dessau.de online und informiert über den Dessauer RING u.a. über die Stars der Aufführungen, das Begleitprogramm und besondere Arrangements.
Tickets und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
19.09.2011, 15:27 | tags:
Musiktheater
1038
Pressemitteilung vom 19.09.2011
Matinee zur Premiere „West Side Story“
Vor der Premiere „West Side Story“ lädt das Anhaltische Theater am Sonntag, 25. September um 10.30 Uhr zu einer Matinee auf die Probebühne 1 im Großen Haus ein.
Regisseur Christian von Götz und der Musikalische Leiter Daniel Carlberg geben einen ersten Einblick in Leonard Bernsteins berühmtes Broadway-Musical. Dieses erzählt William Shakespeares Romeo und Julia als Kampf zweier Jugendgangs mit wilder wie auch zarter, mal extrovertierter, mal inniger Musik. Jazz und amerikanische Musical-Tradition, große romantische Geste und rhythmische Ausbrüche à la Strawinski, Gesang, Schauspiel und Tanz vereinen sich zu einer mitreißenden und berührenden Geschichte über die Liebe und den Wunsch Hass zu überwinden.
Solisten, Schauspieler und Tänzer präsentieren Auszüge der Inszenierung. Bühnenbildnerin Britta Bremer und Kostümbildnerin Katja Schröpfer stellen dem Publikum die Ausstattung vor.
Das Publikum darf sich auf eine informative und musikalisch genussvolle Stunde, die Felix Losert, Leitender Dramaturg Musiktheater/Operndirektion moderieren wird, freuen.
Am Flügel: Boris Cepeda
Der Eintritt für die Matinee beträgt 3,- EURO, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf den Kartenpreis angerechnet wird. Die Tickets sind am Einlass erhältlich.
15.09.2011, 08:11 | tags:
Musiktheater
1030
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 15.9.2011
Klaus Figge
Das Zwiegespräch der Waffen
Zwischen den Sängern und Tänzern, den Schauspielern und dem Inszenierungsteam wirkt der ältere Mann zunächst wie ein Zaungast. Er sitzt am Rand der Bühne, ruft gelegentlich ein kurzes Stichwort in die Menge und beobachtet scharf, wie sich die Jets und die Sharks in die Haare geraten. Dann aber springt er plötzlich auf, läuft zu einem der Darsteller und drückt ihm einen Stab in die Hand. "Schlag mir den mal auf den Kopf", sagt Klaus Figge. Und dann lässt er sich fallen, als wäre er schwer getroffen. "So muss das aussehen ..."
Als dieser Mann sein Diplom an der Sporthochschule Köln absolvierte, waren die meisten Mitwirkenden an der Dessauer "West Side Story" noch gar nicht geboren. Drei Jahre später, 1971, wurde er zum Lehrbeauftragten für das Fach Bühnenkampf an die Folkwang-Universität in Essen berufen. Und inzwischen ist sein Name zum Markenzeichen für spektakuläre Aktionen auf deutschen Theaterbühnen geworden. Wann immer Macbeth gegen Macduff kämpft, wo immer sich Tybalt mit Mercutio duelliert oder andere Streitigkeiten auszufechten sind, ist der Mann vom Jahrgang 1942 die erste Wahl.
Allein Shakespeares berühmteste Fechtszene - den tödlichen Kampf zwischen Hamlet und Laertes - hat er in zwei Dutzend Varianten choreografiert, am Anhaltischen Theater Dessau unterstützt er nun auch den neuen Schauspieldirektor Niklas Ritter bei dessen "Hamlet". Der erste Hauptdarsteller, mit dem er einst die Rolle des Dänenprinzen probierte, hieß übrigens Bruno Ganz. Das war 1982 an der Berliner Schaubühne, Regisseur war Klaus Michael Grüber - und seither hat Figge mit Martin Wuttke und Angela Winkler, Devid Striesow und Guntram Brattia an diesem Waffengang gearbeitet.
Fällt einem da überhaupt noch etwas Neues ein? "Natürlich", sagt Klaus Figge. Schließlich bringe jeder Darsteller seine eigenen physischen Voraussetzungen mit, die man zunächst analysieren und dann möglichst organisch in den Ablauf integrieren müsse. Und dann sei ja auch die Lesart des Regisseurs immer wieder anders - was nicht zuletzt dazu führt, dass Figge auch schon Nahkampf-Gefechte mit Plastikflaschen oder Maschinenpistolen inszeniert hat. Dass er seit Jahrzehnten für die besten Theatermacher arbeitet, hält ihn sichtlich jung: Selten findet man einen Mann, der so selbstverständlich über alte Granden wie über junge Wilde spricht.
Auch Fechten, sagt Klaus Figge, sei "eine Form von Dialog" - wobei es darauf ankomme, dass es gefährlich aussieht, aber nicht ist. Zuerst müsse man die Vorgänge so häufig wiederholen, dass sie den Kämpfern in Fleisch und Blut übergehen. Und erst wenn die Bewegungen automatisch abrufbar wären, könne man das Tempo steigern - bis man zum Schluss an der Grenze des körperlich Leistbaren spielt.
Wie das aussehen kann, hat er beispielhaft in Leander Haußmanns Bochumer Inszenierung von "Viel Lärm um nichts" gezeigt - ein rasantes Massengefecht, das Komik unmittelbar mit Akrobatik verband und das sich mit dieser atemraubenden Geschwindigkeit wohl nur in Szene setzen ließ, weil Figge mit den beteiligten Schauspiel-Studenten intensiver als im normalen Stadttheater-Alltag arbeiten konnte. Wenn man ihn auf diese Sternstunde anspricht, dann leuchten die Augen des bescheidenen und freundlichen Herrn - und er erzählt, dass er unlängst sogar selbst wieder auf der Bochumer Bühne gestanden hat.
In der Inszenierung von "Cyrano de Bergerac" konnte Valvert, der Widersacher des Dichters mit der imposanten Nase, verletzungsbedingt nicht kämpfen. Also sagte der Schauspieler, wenn es zum Duell kommen sollte: "Moment, da hol' ich meinen Papa!". Und dann trat eben Klaus Figge auf, um sich mit Armin Rohde zu duellieren - einem der ungezählten Schauspieler, die in den letzten 40 Jahren durch seine harte Schule gegangen sind.
Denn obwohl der Kampf-Choreograf seit Jahren für alle großen Bühnen ebenso wie für die Ruhr-Triennale, die Wiener Festwochen oder die Salzburger Festspiele arbeitet, ist er der Folkwang-Universität immer treu geblieben. Noch heute unterrichtet der Mann, der neben Sport auch Geschichte studiert hat und in seiner Jugend nicht nur focht, sondern auch boxte, pro Jahr 30 bis 40 Studenten. Und so ist es kein Wunder, dass man bei Nennung seines Namens in deutschen Theaterkantinen fast immer mindestens einen Bewunderer findet.
Auch die Dessauer Künstler, die sich mit Figge auf die ersten Premieren der aktuellen Spielzeit vorbereiten, geraten nach der Probe ins Schwärmen - ungeachtet der blauen Flecke und Beulen, die im Eifer des Gefechts trotz aller Vorsicht unvermeidlich sind. Der Trainer, sagt ein Tänzer, zeige selbst ihm noch Muskelpartien, die er bislang nicht kannte. So lernt man, sich zu schinden, damit am Ende alles mühelos und lässig aussieht - egal, ob in einem Stadtteil von New York oder auf Schloss Helsingör.
Premiere "West Side Story" am 30. September, "Hamlet" am 14. Oktober
14.09.2011, 16:48 | tags:
Musiktheater
1029
Pressemitteilung vom 14.9.2011
Wiederaufnahme der großen Choroper “Chowanschtschina”
Am Sonntag, 18. September um 16 Uhr zeigt das Anhaltische Theater Modest Mussorgskis große Choroper “Chowanschtschina” im Großen Haus. Die klanggewaltige Produktion, inszeniert von Andrea Moses, ist eine Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, unterstützt durch die Staatsoper Stuttgart. Als Wiederaufnahme ist die Inszenierung nur noch drei Mal bis Ende November zu sehen, bevor die Koproduktion an das Deutschen Nationaltheater Weimar geht.
Die Oper steckt voller musikalischer und szenischer Überraschungen und ist mit hauseigenen Solisten und Gästen des Nationaltheaters Weimar besetzt. Darüberhinaus
Wirken die beiden großen Opernchöre des Nationaltheaters Weimars und des Anhaltischen Theaters inklusive dessen Kinderchor mit.
„Chowanschtschina“ verknüpft historische Ereignisse aus der Geschichte Russlands mit einer hochdramatischen Liebesgeschichte. Nach „Boris Godunow“ ist „Chowanschtschina“ die zweite Oper des genialen russischen Komponisten. „Das Vergangene im Gegenwärtigen – das ist meine Aufgabe“, schrieb er 1872, als er mit der Arbeit begann, die ihn bis zu seinem Tode 1881 beschäftigte. Die Anhaltische Philharmonie musiziert unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus. Es singen u.a. Anna Peshes, Angelina Ruzzafante, KS Iordanka Derilova, Sergey Drobyshevskiy, Angus Wood, Ulf Paulsen, Pavel Shmulevich, Alexey Antonov, Frieder Aurich und David Ameln.
Die Inszenierung wurde zur Premiere stürmisch gefeiert und hat überregional große Aufmerksamkeit erfahren. So schrieb u.a. der Tagesspiegel vom 10. Mai: „Sie haben es geschafft. Am Ende dieses Premierenabends am Dessauer Theater bleiben Respekt und Erstaunen, dass hier Aufführungen möglich sind, auf die weit größere Häuser stolz sein könnten – und dass hier trotz chronischer Sparzwänge große Oper stattfindet.“
Karten und Informationen unter: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de, den Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
14.09.2011, 16:07 | tags:
Musiktheater
1028
Pressemitteilung vom 14.9.2011
Premiere “West Side Story”
Musical in zwei Akten nach einer Idee von Jerome Robbins
In seiner 217. Spielzeit startet das Anhaltische Theater mit dem Musical-Klassiker „West Side Story” von Leonard Bernstein und lädt am Freitag, 30. September um 19.30 Uhr zur Premiere ins Große Haus ein. Der Regisseur Christian von Götz, der eine beachtenswerte Reihe von Musicals inszeniert hat, inszeniert in Dessau die „West Side Story” als Koproduktion der drei großen Sparten - eine ideale Herausforderung für das Ballett, das Schauspiel und das Musiktheater. Mit Klaus Figge konnte der renommierteste Meister der Kampfchoreografie gewonnen werden.
Bernsteins berühmtes Broadway-Musical erzählt William Shakespeares Romeo und Julia als Kampf zweiter Jugendgangs mit wilder wie auch zarter, mal extrovertierter, mal inniger Musik. Jazz und amerikanische Musical-Tradition, große romantische Geste und rhythmische Ausbrüche à la Strawinski, Gesang, Schauspiel und Tanz vereinen sich zu einer mitreißenden und berührenden Geschichte über die Liebe und den Wunsch Hass zu überwinden.
Musikalische Leitung: Daniel Carlberg | Inszenierung: Christian von Götz | Bühne: Britta Bremer | Kostüme: Katja Schröpfer | Tanzchoreografie: Carlos Matos | Kampfchoreografie: Klaus Figge | Chor: Helmut Sonne | Dramaturgie: Felix Losert
Maria: Cornelia Marschall | Anita: Karen Helbing | Tony: David Ameln | Bernardo: Juan Pablo Lastras-Sanchez | Riff: Matthew Bindley u.a.
Anhaltische Philharmonie Dessau
Tickets und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
28.06.2011, 10:31 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
994
Helmut Rohm, Volksstimme, 28.6.2011
Mozart-Oper "Cosi fan tutte" wird am Anhaltischen Theater bejubelt
Verwirrspiel um Liebe und Treue: Machen es alle so?
Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man die Mozart’sche Musik zu "Cosi fan tutte" ausführlich beschreiben. Sie ist, salopp formuliert, eine bekannte "Hammermusik": farbig, kurzweilig und stimmig zur Handlung, eben einfach schön anzuhören. Auch in Dessau – wo Dirigent Daniel Carlberg zur Premiere am Sonnabend selbst hin und wieder ebenfalls ein Hammerklavier "bediente".
Regisseur Florian Lutz verlegt die ursprünglich in Neapel des 18. Jahrhunderts angelegte Geschichte ins Heute. Mehr wird nicht konkretisiert. Das ist durchaus machbar, zudem gelungen: mit Augenzwinkern und in der Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Satire.
Es sind die Kernthemen wie Liebe, Treue und Untreue, Lügen und Wahrheit, Standhaftigkeit und Verführbarkeit, Moral und Unmoral ... – die, glaubt man den bunten Blättern, heute bei den Reichen und Schönen fast alltäglich und bei den "normalen" Menschen nicht so bekannt gemacht, aber dennoch ebenso präsent sind.
Florian Lutz, seine Kostüm- und Bühnenbildnerinnen Joki Tewes und Jana Findeklee (auch Video) präsentieren die sechs Protagonisten, meist ständig in sichtbarer Aktion, in einer Setzkasten- oder Labyrinth-ähnlichen Konstruktion. Die vielen teils kleinen Türchen, Klappen, Bodendeckel und Leitern sind von den Personen zu durchkriechen, nicht selten kaskadenähnlich. Gewollte optische Verwirrung wohl – das passt zu den Handlungssträngen.
Da sind die beiden Herren Guglielmo (Ulf Paulsen) und Ferrando (Oscar de la Torre), die der Treue ihrer beiden Verlobten total sicher sind. Beide, stimmstark und überzeugend im Spiel, bekunden das aus tiefsten Herzen. Ihre beiden Verlobten, die Schwestern Dorabella (Ulrike Mayer) und Fiordiligi (Susan Gouthro aus Kiel vertritt in zwei Vorstellungen die verletzte Angelina Ruzzafante), glauben andersherum auch an ewige Treue. In schönen, gefühlvoll gesungenen Arien und mehr sprudelnden Duetten verkünden sie mit großen Worten Standhaftigkeit. Ob es dennoch schon ein wenig kriselt in den Beziehungen, könnte man dem etwas lethargisch anmutenden Tun der beiden Frauen entnehmen. Oder auch nicht? Hat das vielleicht das Drama befördert? Sie sind jedenfalls, wenn auch mehr oder weniger zögerlich, später zu amourösen Abenteuern bereit.
Don Alfonso (Kyung Il Ko), ein smarter Typ, Freund (?) der beiden Männer, wohl mehr zynisch, schadenfroh und hinterhältig, "hetzt" diese auf, die Treue ihrer Geliebten zu "testen", fordert sie zu einer Wette heraus. Er bedient sich dabei der Unterstützung der Haushältertin Despina, die von Sharleen Joynt ungemein kokett, intrigant und durchtrieben, jedoch auch "lebenspraktisch" verkörpert wird.
Die Männer ziehen pro forma in den Krieg, kommen als verkleidete "Liebeshungrige" zurück und buhlen "über Kreuz" um die Liebe der Frauen – um zu beweisen, dass diese allen Anfeindungen widerstehen.
Ulf Paulsen und Oscar de la Torre leben die hinterhältigen Einfälle von Don Alfonso sowie deren teils kurzweilig aktionsreiche Umsetzungen von Florian Lutz – unter anderem mit urwaldähnlichem Garten mit Eingeborenen – voll aus. Für das Publikum ist das ungemein unterhaltsam, obwohl es eigentlich nicht richtig zum Lachen ist, wenn Menschen so manipuliert werden. Sei es, wie es sei. Die beiden Frauen werden schließlich weich, sinken in wahrsten Sinne des Wortes hin. Kurz vor der inszenierten Ehe lässt Don Alfonso die Story platzen. Dass allerdings die "alten" Paare wieder zusammenfinden, mag überraschen.
Doch was soll es: "So machen es alle (Frauen)", heißt es ja im originalen Operntitel.
Gut zehn Minuten stürmisch anhaltenden Beifall gibt es vom Publikum im jedoch nicht ausverkauften Großen Haus des Anhaltischen Theaters für die auf italienisch mit Obertiteln gezeigte Oper.
Die nächste Aufführung ist am Sonntag, dem 3. Juli, um 17 Uhr.
26.06.2011, 21:24 | tags:
Musiktheater
992
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.06.2011
Sturmbahn der großen Gefühle
Die Zimmer dieser vertikalen Wohngemeinschaft erinnern an ein berühmtes Computerspiel: Wie Tetris-Steine, die sich trotz perfekter Sortierung nicht auflösen wollen, stapeln und verschachteln sich die Etagen im Haus der Paare. Luken und Leitern verbinden die Module, man muss sich bücken oder strecken, um die nächste Ebene zu erreichen - und landet am Ende doch immer wieder auf dem Boden der Tatsachen. Ein schönes Bild liefert diese Architektur für das größte aller Gefühle, das hier auf die Probe gestellt wird. Denn auch die Liebe ist ja eine Erfahrung in schwindelerregenden Höhen und vor gefährlichen Abgründen.
Lager für Extremsänger
Dass man dieses kostbare Gut nicht mutwillig aufs Spiel setzen sollte, hat Wolfgang Amadeus Mozart schon vor 221 Jahren gewusst. Am Anhaltischen Theater Dessau setzt nun der junge Regisseur Florian Lutz die Oper "Così fan tutte" in Szene - und verwandelt sie mit seinen Ausstatterinnen Joki Tewes und Jana Findeklee in ein Trainingslager für Extremsänger. Nur wer es schafft, Spitzenton und Spitzensport zu verbinden, kann auf dieser Sturmbahn bestehen. Dass die hoch aufragende Sprossenwand bei allzu extremen Übungen allerdings hörbar quietscht, trübt den Musikgenuss in den vorderen Reihen denn doch erheblich.
Aus größerer Distanz hingegen kann man (spätestens nach der Pause) die Möglichkeiten dieser Simultanbühne durchaus genießen. Da lassen sich Verrat und Treue zeitgleich zeigen, da kann das Seufzen der standhaften Fiordiligi direkt in das lustvolle Stöhnen ihrer verführten Schwester Dorabella übergehen. Und da kann man schließlich mit Chor-Doppelgängern ein Panorama arrangieren, das dem betrogenen Ferrando den Triumph seines Freundes Gugliemo als Alptraum vor Augen führt.
Wenn man aber all diese vielen Einfälle vom Sauna-Aufguss bis zum exotischen Maskenball, vom Step-Trainer bis zum Defibrillator in der Leistengegend abzieht, bleibt am Ende eine konventionelle Lesart der alten Geschichte. Denn bei aller Hektik verwischen die Konturen der Figuren, sie rennen vor sich selbst davon oder laufen sich hinterher. Warum die Frauen den gleichen Fehler aus sehr verschiedenen Gründen begehen, wird letztlich ebenso wenig klar wie die Motivation der Männer für ihre Treuewette. Denn schon vor ihrer vermeintlichen Abreise haben die Paare derart gleichgültig nebeneinander hingelebt, dass der Betrug nur eine Frage der Zeit zu sein schien.
Spiel und Verführung
Musikalisch und darstellerisch bleibt es dennoch ein hörens- und sehenswerter Abend: Susan Gouthro merkt man in keiner Sekunde an, dass sie im letzter Moment als Fiordiligi eingesprungen ist, in ihrer großen Sehnsuchtsarie singt sie das Tollhaus sogar zur Ruhe. Ulrike Mayer hingegen geht als Dorabella mit großer Lust am Spiel und an der - auch vokalen - Verführung zu Werke, was es Ulf Paulsen als selbstironisch und stimmstark auftrumpfender Gugliemo nicht nur im Duett leicht macht.
Oskar de la Torre schließlich trägt als Ferrando das Herz auf der Zunge und droht nur am Ende kurz, sich daran zu verschlucken. Und während Kyung-Il Kos Don Alfonso ein dunkler, intellektueller Verführer ist, lebt Sharleen Joynts hinreißende Despina den Leichtsinn vor: Obwohl sie unübersehbar schwanger ist, kann sie verbotenen Genüssen auch weiterhin nicht widerstehen und singt das Loblied des Seitensprungs in höchsten Tönen. Getragen werden sie alle dabei von der Anhaltischen Philharmonie, die unter Daniel Carlbergs Leitung auch im Zusammenspiel mit dem Chor (Einstudierung: Helmut Sonne) eine elastische und transparente Klangrede entwickelt, der nur das Blech manchmal hörbar widerspricht. Am Ende freilich jubelt man unterschiedslos allen zu. Und zurück bleibt ein leerer Setzkasten, in dem - anders als im Leben - jedes Teil zum anderen passt.
Letzte Vorstellung in dieser Saison am 3. Juli um 17 Uhr
17.06.2011, 14:19 | tags:
Musiktheater
981
Pressemitteilung vom 17.06.2011
Premiere „Così fan tutte“
Opera buffa von Wolfgang Amadeus Mozart
[in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln]
Am Samstag, 25. Juni um 19 Uhr lädt das Anhaltische Theater zur Premiere „Così fan tutte“ ins Große Haus ein.
Können Frauen treu sein? Don Alfonso behauptet „Nein“. Die beiden Freunde Fernando und Guglielmo meinen „Ja“ und lassen auf ihre beiden Verlobten, die Schwestern Dorabella und Fiordiligi, in dieser Hinsicht nichts kommen. Daher geben die Herren vor in den Krieg ziehen zu müssen, kehren jedoch verkleidet zurück und stellen die Treue ihrer Angebeteten auf die Probe, und zwar jeder die Verlobte des anderen. Nach nicht einmal 24 Stunden werden die Frauen schwach und Don Alfonso hat seine Wette gewonnen. Er hat es schon immer gewusst: „So machen’s alle“ – „Così fan tutte!“
„La scola degli amanti“ – „Die Schule der Liebenden“ – beiderlei Geschlechts, wie dieses Meisterwerk von Mozart und Da Ponte im Untertitel heißt, führt in ein Labyrinth der Gefühle und heraus aus den einengenden Traditionen im Verhalten zwischen Mann und Frau.
Regisseur Florian Lutz, 1979 geboren, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und nahm an Regiekursen an der Hochschule für Musik Hanns Eisler teil. Im Anschluss folgten eigene Regiearbeiten u.a. in Neunkirchen, im Theaterhaus Köln, Berliner Saalbau Neukölln, an der Neuköllner Oper in Berlin, an den Bühnen der Stadt Gera, am HAU1 in Berlin und am Theater Bonn sowie am Theater Bielefeld. 2005 inszenierte Lutz „Die gelbe Prinzessin" von C. Saint-Saens als deutsche Erstaufführung an der Neuköllner Oper und 2006, ebenfalls als deutsche Erstaufführung „Orfeo ed Euridice" von C. W. Gluck an den Bühnen der Stadt Gera. 2007 brachte er die Musiktheatercollage „Strangers. Ein deutsches Singspiel von Verdi, Puccini, Mozart und Bizet“ am HAU1 in Berlin zur Uraufführung. 2009 folgten die Uraufführung der Oper „Helges Leben" von Mark Moebius und Karola Obermüller am Theater Bielefeld und „Die arabische Nacht“ von Christian Jost an der Oper Halle. Er inszenierte 2010 „Lucia di Lammermoor" am Staatstheater Braunschweig, die Uraufführung der Sample-Oper „playZero" am Festspielhaus St. Pölten und „Carmen" am Theater Bonn. Zuletzt feierte Anfang Januar die freie Produktion von „Hoffmanns Erzählungen“ im HAU1 Berlin Premiere.
Musikalische Leitung: Daniel Carlberg | Inszenierung: Florian Lutz | Ausstattung: Joki Tewes, Jana Findeklee | Choreinstudierung: Helmut Sonne | Dramaturgie: Heribert Germeshausen
Fiordiligi: Angelina Ruzzafante | Dorabella: Ulrike Mayer | Ferrando: Oscar de la Torre/ Artjom Korotkov | Guglielmo: Ulf Paulsen | Despina: Sharleen Joynt / Cornelia Marschall | Don Alfonso: Kyung-Il Ko
Anhaltische Philharmonie, Damen und Herren des Opernchors
Karten und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
15.06.2011, 17:57 | tags:
Musiktheater
977
Pressemitteilung vom 15.06.2011
Matinee zur Premiere „Così fan tutte“
Vor der Premiere „Così fan tutte“ lädt das Anhaltische Theater am Sonntag, 19. Juni um 10.30 Uhr zu einer Matinee ins Foyer des Großen Hauses ein. „Così fan tutte o sia La scuola degli amanti“ (it. „So machen es alle (Frauen) oder Die Schule der Liebenden“ ist eine der drei beliebten Da Ponte-Opern von Wolfgang Amadeus Mozart.
Regisseur Florian Lutz und der Musikalische Leiter Daniel Carlberg geben einen ersten Einblick in die Oper, in der es um eine Prüfung für zwei Liebespaare geht, in der zunächst vor allem die Frauen auf die Probe gestellt werden sollen.
Mozarts „Così fan tutte“ gelangte 1790 in Wien zur erfolgreichen Uraufführung, konnte sich aber nicht wie „Le nozze di Figaro“ und „Don Giovanni“ im Repertoire durchsetzen.
Erst Richard Strauss setzte sich nachdrücklich für das Werk in seiner Originalgestalt ein. „Diese Oper irisiert, wie eine herrliche Seifenblase, in den Farben der Buffonerie, der Parodistik, des echten und des geheuchelten Gefühls. Aber dazu kommt noch die Farbe der reinen Schönheit“. [Alfred Einstein]
Die Solisten Ulrike Mayer (Dorabella), Angelina Ruzzafante (Fiordiligi), Sharleen Joynt (Despina), Oscar de la Torre (Ferrando), Ulf Paulsen (Guglielmo) und Kyung-Il Ko (Alfonso) präsentieren Auszüge der Inszenierung. Das Publikum darf sich auf eine informative und musikalisch genussvolle Stunde, die Heribert Germeshausen, Leitender Dramaturg Musiktheater/Operndirektion moderieren wird, freuen.
Der Eintritt für die Matinee beträgt 3,- €, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf den Kartenpreis angerechnet wird.
Karten und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
15.06.2011, 17:49 | tags:
Musiktheater
976
Pressemitteilung vom 15.06.2011
Letztmalig in dieser Spielzeit: Große Choroper “Chowanschtschina”
Am Sonntag, 19. Juni um 16 Uhr zeigt das Anhaltische Theater zum letzten Mal in dieser Spielzeit Modest Mussorgskis Musikalisches Volksdrama “Chowanschtschina” im Großen Haus.
„Chowanschtschina“ verknüpft historische Ereignisse aus der Geschichte Russlands mit einer hochdramatischen Liebesgeschichte. Nach „Boris Godunow“ ist „Chowanschtschina“ die zweite Oper des genialen russischen Komponisten. „Das Vergangene im Gegenwärtigen – das ist meine Aufgabe“, schrieb er 1872, als er mit der Arbeit begann, die ihn bis zu seinem Tode 1881 beschäftigte. Die klanggewaltige Produktion, inszeniert von Andrea Moses, ist eine Kooperation mit dem Nationaltheater Weimar, unterstützt durch die Staatsoper Stuttgart. Voller musikalischer und szenischer Überraschungen steckt diese Oper, die mit hauseigenen Solisten und Gästen des Nationaltheaters Weimar sowie den beiden großen Opernchören des Nationaltheaters Weimar und des Anhaltischen Theaters inklusive dessen Kinderchor bestens besetzt ist. Als Gast ist in der Rolle des Andrej Chowanski Evgeny Akimov, Ensemblemitglied des renommierten Mariinski-Theaters zu erleben.
Die Anhaltische Philharmonie musiziert unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus. Es singen u.a. Evgeny Akimov (als Gast), Angus Wood, Ulf Paulsen, Pavel Shmulevich, Alexey Antonov, Frieder Aurich (als Gast), David Ameln, Anna Peshes (als Gast), Angelina Ruzzafante und KS Iordanka Derilova.
Die Inszenierung wurde zur Premiere stürmisch gefeiert und hat überregional große Aufmerksamkeit erfahren. So schrieb u.a. der Tagesspiegel vom 10. Mai: „Sie haben es geschafft. Am Ende dieses Premierenabends am Dessauer Theater bleiben Respekt und Erstaunen, dass hier Aufführungen möglich sind, auf die weit größere Häuser stolz sein könnten – und dass hier trotz chronischer Sparzwänge große Oper stattfindet.“
Karten und Informationen unter: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de, den Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
03.06.2011, 11:28 | tags:
Musiktheater
953
Pressemitteilung vom 3.6.2011
Künstler-Porträt: Ulf Paulsen
Heribert Germeshausen stellt Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters vor
In der Reihe Künstler-Porträt stellt Heribert Germeshausen, Leitender Dramaturg Musiktheater / Operndirektion, am Sonntag, 5. Juni um 10.30 Uhr den Bassbariton Ulf Paulsen vor. Das Anhaltische Theater Dessau lädt hierzu ins Foyer des Großen Hauses ein.
Die Stimme des in Bremervörde bei Hamburg geborenen Opernsängers Ulf Paulsen lässt sich nicht so leicht in eine gängige Fachschublade drängen. Sein Stimmumfang ermöglicht es ihm, Rollen des Baritonfachs ebenso überzeugend zu gestalten, wie Partien aus dem Bereich des Bassbariton- und sogar des Bassfachs (Wassermann, Sarastro).
Seit 2001 ist Ulf Paulsen festes Mitglied des Anhaltischen Theater Dessaus, wo er gleich zweimal den Zuschauerpreis „Theo" verliehen bekam, nämlich für seinen Wassermann und zwei Jahre später für seinen „Don Giovanni". Gastspiele führten ihn u.a. nach Prag, Braunschweig, Halle, Chemnitz, Wroclaw, Liberec, Münster, Hagen und Trier. Dabei hatte er die Gelegenheit mit so namhaften Kollegen zusammenzuarbeiten, wie Kent Nagano, Gabriele Schnaut, Kurt Rydl, John Treleaven, Doris Soffel, Peter Herbolzheimer, Konstantin Wecker, Dirk Bach und Hella von Sinnen.
Am Anhaltischen Theater Dessau ist er in der Spielzeit 2010/2011 u.a. in der „Richard-Wagner-Gala“, als Graf René Anckarström in „Ein Maskenball“, Dr. Falke in „Die Fledermaus“, Selva in „Die Stumme von Portici“, Friedrich von Telramund in „Lohengrin“, Withelaw Savory in „One Touch of Venus“, als Wirt in „Der Protagonist“, Tonio „Der Bajazzo [I Pagliacci]“, als Schaklowity in „Chowanschtschina“ und demnächst als Guglielmo in „Così fan tutte“ zu erleben.
Tickets zu 3,- Euro erhalten Sie unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen, an der Abendkasse sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
31.05.2011, 16:37 | tags:
Ballett
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
948
Pressemitteilung vom 31.05.2011
Elbmusikfest
2. bis 5. Juni 2011 in Dessau
2010 nahm das Anhaltische Theater Dessau die Tradition der Elbmusikfeste wieder auf und veranstaltet dies seitdem jährlich am Himmelfahrtswochenende. Vom 2. bis 5. Juni werden die aktuellen Inszenierungen des Jahres präsentiert, beginnend mit LANDSCAPE– Kritik der Liebe, gefolgt von Mussorgskis CHOWANSCHTSCHINA und der vertanzten Erzählung DIE NIBELUNGEN: SIEGFRIEDSAGA bis hin zu Puccinis TURANDOT.
Die Musikfeste hatten im 19. Jahrhundert eine große Bedeutung für die regionale Entwicklung des Chorwesens. Diese Tradition, Sänger und Chöre zusammenzuführen, wird im Rahmen des Elbmusikfestes mit einem sogenannten SCRATCH-KONZERT am fortgeführt.
Hunderte von Sangesbegeisterten studieren innerhalb von 24 Stunden ein berühmtes Chorwerk bzw. Chorwerke ein, die dann beim abendlichen Konzert unter Mitwirkung von Solisten des Theaters, der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von GMD Antony Hermus präsentiert werden. 299 Sänger aus Dessau und der Region haben sich angemeldet und 53 Kinder! Wer noch ein Ticket für dieses Konzert am 4. Juni um 19 Uhr erhalten möchte, sollte schnell zugreifen.
Mussorgskis großes Volksdrama CHOWANSCHTSCHINA verknüpft historische Ereignisse aus der Geschichte Russlands mit einer hochdramatischen Liebesgeschichte und ist am Donnerstag, 2. Juni um 18 Uhr im Großen Haus zu sehen. Die Inszenierung ist eine Kooperation mit dem Nationaltheater Weimar, unterstützt durch die Staatsoper Stuttgart.
Der Chor und Kinderchor des Anhaltischen Theaters sowie der Chor des Deutschen Nationaltheaters Weimar bringen neben den Solisten beider Theater dieses Volksdrama, inszeniert von Andrea Moses, mit großer Klanggewalt auf die Bühne.
Es musiziert die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus.
„Am Ende dieses Premierenabends am Dessauer Theater bleiben Respekt und Erstaunen, dass hier Aufführungen möglich sind, auf die weit größere Häuser stolz sein könnten – und das hier trotz chronischer Sparzwänge große Oper stattfindet.“ – so DER TAGESSPIEGEL, 10. Mai 2011 zur Inszenierung „Chowanschtschina“
Mit DIE NIBELUNGEN: SIEGFRIEDSAGA erzählt Tomasz Kajdanski die Sage um den Helden Siegfried zur Musik von Richard Wagner. Es ist die Geschichte von Menschen, die durch Leidenschaften, Liebe, Hass und Tod miteinander verbunden sind. Die beeindruckende Ballettinszenierung ist am Freitag, 3. Juni um 19 Uhr im Großen Haus zu erleben.
„Was Kajdanski mit nur 15 Tänzern, besonders der Solistenequipe, auf die Bühne wuchtet, ist sein Meisterstreich“ – so Volkmar Draeger, tanznetz.de, 27.03.2011
Nur noch zwei Mal: am 5. Juni und am 12. Juni jeweils um 17 Uhr ist Puccinis Oper TURANDOT, inszeniert von Andrea Moses auf Dessaus Bühne zu sehen. In der packenden Inszenierung geht es um Macht und Machtdemonstration, den ewigen Kampf der Geschlechter und um die große Liebe. Mit viel Ironie und Spielfreude verbindet Moses die verschiedenen Charakteristika dieses Werkes zu einem Medienspektakel im Turandot´s Riddle Club. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Generalmusikdirektor Antony Hermus.
„...auf Ensemblemitglieder wie Iordanka Derilova und Sergey Drobyshevskiy in den mörderischen Hauptpartien dürfte manch größeres Haus neidisch schauen.“ – so die FAZ, Oktober 2010
Außerdem lädt das Anhaltische Theater am Freitag, 3. Juni um 16.30 Uhr zum Konzert der Musikschule Coswig ins Foyer des Großen Hauses ein. Sowohl am Freitag, 3. Juni um 17.30 Uhr als auch am Sonntag, 5. Juni um 15.30 Uhr werden Theaterführungen durch das Große Haus angeboten.
Karten und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
23.05.2011, 11:34 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
941
Hartmut Leske, Oper und Tanz, Mai/Juni 2011
Chor-Kooperation in Dessau
Zusammenarbeit der Opernchöre Weimar und Dessau
Für den Chor des Anhaltischen Theaters Dessau ist es eine neue Erfahrung, mit einem zweiten professionellen Opernchor gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Wie es ist, in einem Chor mit einer Stärke von 80 oder mehr Sängern zu singen, erleben Opernchöre großer Theater täglich - für uns aber war es ein neues Gefühl.
Leider sind in dieser Inszenierung die beiden Chöre mit unterschiedlichen Aufgaben betraut. Während der Opernchor des Deutschen Nationaltheaters Weimar als Moskauer Volk im 1. Akt dominiert, steht unser Dessauer Opernchor im 3. Akt als „Strelitzen" im Vordergrund. Lediglich im 5. Akt kommt es zu einer Verschmelzung beider Klangkörper. Aus dieser Einteilung ergab sich, dass neben der getrennten musikalischen Einstudierung zum großen Teil auch getrennte Bühnenproben durchgeführt wurden. Die Weimarer Kollegen hatten bereits zu Hause erste Bühnenproben absolviert. In Vorbereitung auf dieses große Werk mussten sie dann zirka vier Wochen lang getrennt von ihren Familien in Dessau Quartier beziehen. Zwischendurch - an den probenfreien Tagen und Wochenenden - hatten sie außerdem in Weimar den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Die Unterbringung in zum Teil spärlich möblierten Mehrbettzimmern, häufige An-und Abreisen per Bus und Probleme bei der privaten Organisation im familiären Bereich: Die Belastung der Weimarer Opernchorsänger war enorm. Allein aus diesem Grund lassen sich solche durchaus interessanten Projekte sicher nicht allzu oft wiederholen.
Neben der Zusammenarbeit mit dem Weimarer Opernchor gab es für uns ein Wiedersehen mit unserem ehemaligen Chordirektor Markus Oppeneiger, der als derzeitiger Chordirektor den Weimarer Opernchor leitet. Die Leitungs-Funktion des "Chowanschtschina"-Projekts hatte - gemäß der im Vorfeld getroffenen Absprache - in dieser in Dessau stattfindenden Inszenierung der Dessauer Chordirektor Helmut Sonne. Diese Leitungsfunktion wird im Rahmen der in der nächsten Spielzeit geplanten Umsetzung in Weimar auf den dortigen Chordirektorübergehen. Die Mitglieder beider Chöre haben sich große Mühe gegeben, einen guten Kontakt zu den Kollegen des jeweils anderen Chores herzustellen. Sicherlich gibt es hier und da noch Möglichkeiten, durch exaktere Planung der Abläufe den Probenprozess bei zukünftigen Ereignissen dieser Art zu verbessern, um z.B. zeitliche Leerläufe zu vermeiden. Insgesamt sind wir aber der Meinung, dass diese Partnerschaft mit den Weimarer Kollegen ein erstes für uns erfolgreiches Experiment war, mit einem anderen Opernchor ein großes Werk der Musikgeschichte zu realisieren. Mit dem Ergebnis, aus dem wir alle neue Erfahrungen gezogen und von dem wir künstlerisch profitiert haben, sind wir sehr zufrieden. Es ist zu hoffen, dass dadurch eine weitere Zusammenarbeit beider Theater in der Zukunft besiegelt wurde.
23.05.2011, 11:29 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
940
Andreas Hillger, Oper und Tanz, Mai/Juni 2011
Gipfeltreffen der Chöre in Dessau
Modest Mussorgskis "Chowanschtschina"
Moskau hat Angst: Zwar sind auf dem Roten Platz noch immer die Souvenirhändler und Schuhputzer, die Lenin-Imitatoren und Lohn-Schreiber zu finden. Aber zwischen ihnen patrouillieren Freischärler mit Eishockey-Masken und Maschinenpistolen, denen verängstigte Bürger die abgetrennten Glieder von unschuldigen Opfern entgegenhalten - zerrissen vom Vakuum der Macht, das der russischen Metropole zum Verhängnis zu werden droht.
Mit Modest Mussorgskis „Chowanschtschina" hat Hausregisseurin Andrea Moses zu ihrem Abschied vom Anhaltischen Theater ein Gesellschaftspanorama inszeniert, das seine heutigen Konflikte vor dem Hintergrund des 17. Jahrhunderts verhandelt. Dabei ist ihr weniger der Einzelne als vielmehr die Masse wichtig: Alle privaten Konflikte legitimieren sich aus der sozialen Herkunft und Stellung der Protagonisten. Die Figuren sind Repräsentanten von Parteien, deren Haltung sie verinnerlicht haben, die Sehnsucht nach Uniformierung ist in Christian Wiehles grandioser Ausstattung ebenso unübersehbar wie die Überformung der Tradition durch den westlichen Kultur-Import. Da wirbt die Silhouette der Basilius-Kathedrale für Coca-Cola - und das russisch-orthodoxe Kreuzeszeichen lockt die Altgläubigen am Ende zum kollektiven Selbstmord.
Wo aber das Volk der eigentliche Hauptdarsteller ist, schlägt im Musiktheater die Stunde der Chöre. Und hier ist der Dessauer Bühne in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar ein echter Coup gelungen: Anstatt auf die bislang übliche Verstärkung durch freie Ensembles zurückzugreifen, wie sie Andrea Moses vor Ort beispielsweise in ihrem gefeierten „Lohengrin" praktiziert hat, sind diesmal die Ensembles beider Häuser von vornherein in die Inszenierung eingebunden gewesen - was heißt, dass der Dessauer Chor bei der Übernahme des Stückes zum
Gegenbesuch in Weimar antreten wird. Vorerst aber bekämpft er die Moskowiter aus der Goethe-Stadt in der Rolle der Strelitzen, die von gedemütigten Bojaren zum Aufstand gegen die zaristische Macht getrieben werden - ein exotischer Stoff, dem die Regie dennoch Spannung abgewinnt.
Die direkte Konfrontation der Chöre, die sich anfangs auf Bühne und Rang gegen
überstehen, ehe sie am Ende gemeinsam in den Freitod ziehen, hat auch organisatorische Gründe: Die logistische Meisterleistung, für die der Dessauer Generalintendant André Bücker nach der Premiere auch die Künstlerischen Betriebsbüros belobigt, war nur durch die effiziente Probenplanung möglich. So erzählt der Weimarer Chordirektor Markus Oppeneiger, dass sich seine Künstler bereits im Bus eingesungen hätten, um in Dessau vorbereitet anzukommen. Und sein Dessauer Kollege Helmut Sonne ergänzt, dass die Gastgeber die freie Zeit mit ihren Besuchern für Haus- und Stadtbesichtigungen genutzt hätten. Sogar die Fahrräder hätten die Weimarer im Gepäck gehabt.
Auf der Bühne freilich hört und sieht man das grandios gesungene und gespielte Ergebnis einer harten Arbeit: Gerade weil Andrea Moses die Sehnsucht nach dem Gleichschritt zum Thema macht, wird die individuelle Leistung innerhalb der Chöre umso deutlicher. Da ist keine Figur, der nicht Handlung und Haltung gegeben wäre, da ist - etwa im erschreckenden Durcheinander des Auftakts oder im ironischen Bacchanal der Vorstadt-Bewohner - eine verwirrende und zugleich sinnstiftende Vielfalt zu beobachten. Dafür, dass auch bei der insgesamt überzeugenden und zu größten Teilen aus dem eigenen Ensemble besetzten Solisten-Riege die musikalische Qualität gewahrt bleibt, sorgt der Dessauer Generalmusikdirektor Antony Hermus. Als 36o-Grad-Dirigent hält er im Graben den Kontakt zu Bühne und Rang, aber auch zu den Parkettseiten, an denen sich am Ende der Zug der Todgeweihten formiert - nun nicht mehr nach Herkunft, sondern nach Geschlecht getrennt. Und spätestens da dürfte auch dem Letzten klar sein, dass dieses kulturpolitisch oft geforderte, aber strukturell riskante Experiment gelingen kann, wenn sich gleichwertige Partner auf Augenhöhe begegnen. Zugleich aber wird deutlich, wie unverzichtbar die jeweils eigene Herkunft und Ausformung der Ensembles ist - denn nur so lässt sich ein solches Gipfeltreffen arrangieren.
23.05.2011, 11:22 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
939
Andreas Hauff, Oper und Tanz, Mai/Juni 2011
Authentische Darstellung von Wahnsinn
"Der Protagonist" beim Kurt Weill Fest Dessau
Abseits von „Dreigroschenoper", „Mahagonny" und den "Sieben Todsünden" haben es Kurt Weills Bühnenwerke immer noch schwer. Das liegt nicht nur an den Argus-Augen der Kurt-Weill-Foundation und der Unkenntnis der Theatermacher, sondern auch an der Geschwindigkeit, mit der Weill selbst auf die Zeitläufte reagierte. Im „Windkanal" der Weimarer Republik verlief die Entwicklung in Politik, Gesellschaft und Kultur wie im Zeitraffer.
Weills Opern-Erstling, der am 27.3.1926 in Dresden uraufgeführte expressionistische Einakter „Der Protagonist", beeindruckte die Zeitgenossen kaum weniger als Alban Bergs „Wozzeck", der dreieinhalb Monate zuvor in Berlin herausgekommen war. Doch während Berg dann bis zu seinem Tod 1935 an „Lulu" arbeitete, entwickelte Weill in der Zwischenzeit den populären Songstil, ohne den kein Weill-Fest denkbar wäre, integrierte diesen in größere Bühnenwerke und experimentierte weiter - auch nachdem er sich 1933 gezwungen sah, Deutschland zu verlassen. Im Ohr blieben dem deutschen Publikum fast nur die Songs der „Dreigroschenoper".
Die Entscheidung, zum 19. Kurt-Weill-Fest in Dessau den "Protagonisten" mit Leoncavallos beliebtem „Bajazzo" („I Pagliacci") von 1892 zu kombinieren, sorgt nicht nur für die Repertoire-Fähigkeit der Aufführung am Anhaltischen Theater, sondern stellt auch Weills Einakter in den Kontext damaliger Opernspielpläne. Man darf vermuten, dass schon Georg Kaisers Schauspiel „Der Protagonist", das wenig verändert der Oper als Vorlage diente, eine Reaktion auf das Bajazzo-Sujet darstellte. Dort tötet Canio, Chef einer vierköpfigen Schauspieltruppe, seine Frau Nedda während einer Aufführung - aus Eifersucht wegen ihrer Affäre mit einem Unbekannten.
Der Protagonist, ebenfalls Chef einer vierköpfigen Schauspieltruppe (diesmal im Shakespeare-England), fällt ähnlich aus der Rolle, wenn er während einer Probe seine Schwester umbringt. André Bücker, Regie führender Intendant des Anhaltischen Theaters, findet in dieser Konstellation eine inzestuöse Beziehung. Wichtiger ist, dass der hypernervöse Darsteller die Schwester braucht, um den Realitätskontakt nicht zu verlieren. Sie hat allerdings seit einiger Zeit einen Liebhaber. Wissend um die psychische Labilität ihres Bruders, nutzt sie die Probe einer heiterdeftigen Ehebruchs-Pantomime, um ihm die Neuigkeit mitzuteilen. Als sie ihm kurze Zeit später den Mann vorstellen will, hat der Auftraggeber, ein Herzog, inzwischen ein Stück mit tragischem Ausgang bestellt. Und während der Protagonist mit seinen Leuten spontan die Umkehr des heiteren Sujets improvisiert, steigert er sich so sehr in die Rolle des eifersüchtigen Ehemanns, dass er im Affekt die eigene Schwester ersticht.
Die Oper schließt nicht mit diesem veristischen Knalleffekt, sondern einem eigenartigen Epilog: Der Protagonist bittet die Wachen, die fällige Verhaftung erst nach der Aufführung vorzunehmen, und verspricht dafür als künstlerischen Hochgenuss die denkbar authentische Darstellung von Wahnsinn. Weill geht mit diesem eigenartigen Szenario sehr bewusst um. Während die vielstimmig polyphone Partitur expressionistisch aufgeladen erscheint, steht die heitere Pantomime in einem neoklassizistischen Tonfall, und in der tragischen Pantomime mischen sich beide Stile. Diese musikalische Ebene wird noch mit einer Art instrumentalem Theater kombiniert, denn das zwölfköpfige Blasorchester des Herzogs wechselt zwischen Bühne und Orchestergraben. Wenn Weill dem Protagonisten am Ende einen veristischen Tonfall unterlegt, entlarvt er damit das Klischeehafte des übersteigerten Geniekultes.
Das Regieteam (mit Ausstatter Oliver Proske und Choreografin Gabriella Gilardi) verzichtete auf die Bläserwanderung und ersetzte die herzoglichen Musikanten durch junge Statisten mit Spielzeuginstrumenten. Sie stammten aus dem Kinderchor, der seinen eigentlichen Auftritt im „Bajazzo" hatte. Überhaupt gelang sehr sinnfällig die Verklammerung der beiden Opern. Ein kleiner, als Tod kostümierter Statist, stach zu Beginn des „Protagonisten" das Messer in die Bühne, mit dem beide Frauen in nahezu identischen Bühnenpositionen ermordet wurden, und beschloss mit seiner Verbeugung auch den „Bajazzo". Der komödiantische Geist der heiteren Pantomime im ersten Stück fand im zweiten seine ironische Korrespondenz beim feierlichen Kirchgang, bei dem Männer und Frauen mehrfach die Partner wechselten.
Oliver Proskes Bühnenbild wartete im „Protagonisten" mit witzigen Details auf, und durch das Herunterklappen einiger Bauelemente wurde aus dem großen Wirtshaussaal nach der Pause eine innerstädtische Silhouette. Anrührend und mit starker stimmlicher Ausstrahlung sang Iordanka Derilova die beiden weiblichen Hauptrollen. Den männlichen Affekttäter teilten sich Angus Wood als Protagonist und Sergey Drobyshevskiy als Canio. Beide sangen und agierten ausgezeichnet. Auch die übrigen Darsteller einschließlich des von Helmut Sonne einstudierten Opernchors überzeugten rundum. Unter dem neuen GMD Antony Hermus spielte die Anhaltische Philharmonie mit Präzision, Farbenreichtum und Ausdruckswillen, wie man sie an größeren Häusern nicht besser erwarten könnte.
21.05.2011, 07:54 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
938
Joachim Lange, Die Welt, 21.05.2011
Klassik in Kürze
"Chowanschtschina"
Russische Seele in Dessau
Andrea Moses verabschiedet sich von Dessau mit Mussorgskis "Chowanschtschina", also mit Opernkino im Breitbandformat und einem zentralen Stück der russischen Musikseele. Vokal ist das Dessauer Theater, etwa mit dem jungen Russen Pavel Shmulevich als Mönch Dossifej, exzellent bestückt. Aus der Chorklemme kommt man durch Co-Produktion mit dem Nationaltheater Weimar. Die Gäste übernehmen den Part des Moskauer Volkes, während die heimischen Choristen als marodierende Strelitzen den Roten Platz verwüsten. Ausstatter Christian Wiehle hat den wandlungsfähigen Rahmen geliefert, in dem Andrea Moses den Machtkampf des Volkes spannend ausformuliert. Diese letzte Operninszenierung der Dessauer Chefregisseurin wird durch die fulminant aufspielende Anhaltische Philharmonie zum Triumph.
19.05.2011, 14:41 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
937
Pressemitteilung vom 19.05.2011
SCRATCH-KONZERT unter der Schirmherrschaft von Stephan Dorgerloh
Innerhalb des diesjährigen Elbmusikfestes findet am Sonnabend, den 4. Juni um 19 Uhr wieder ein außergewöhnliches Konzert, ein SCRATCH-KONZERT statt. In diesem Jahr steht es unter der Schirmherrschaft von Stephan Dorgerloh, Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt. Die Erlöse gehen zugunsten von UNICEF, der Organisation, die Kinder in aller Welt unterstützt.
2010 nahm das Anhaltische Theater Dessau die Tradition der Elbmusikfeste wieder auf und veranstaltet dies seitdem jährlich am Himmelfahrtswochenende. Vom 2. bis 5. Juni werden die aktuellen Inszenierungen des Jahres präsentiert, beginnend mit LANDSCAPE– Kritik der Liebe, gefolgt von Mussorgskis CHOWANSCHTSCHINA und der vertanzten Erzählung DIE NIBELUNGEN: SIEGFRIEDSAGA bis hin zu Puccinis TURANDOT.
Die Musikfeste hatten im 19. Jahrhundert eine große Bedeutung für die regionale Entwicklung des Chorwesens. Diese Tradition, Sänger und Chöre zusammenzuführen, wird im Rahmen des Elbmusikfestes mit einem sogenannten SCRATCH-KONZERT fortgeführt. Hunderte von Sangesbegeisterten studieren innerhalb von 24 Stunden ein berühmtes Chorwerk bzw. Chorwerke ein, die dann beim abendlichen Konzert unter Mitwirkung von Solisten des Theaters, der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von GMD Antony Hermus präsentiert werden. Als Solisten wirken mit: Angelina Ruzzafante (Sopran), Marilyn Bennett (Mezzosopran), Angus Wood (Tenor) und Ulf Paulsen (Bass).
298 Sänger aus Dessau und der Region haben sich angemeldet und 50 Kinder! Diese werden Johannes Brahms „Schicksalslied“, Giuseppe Verdis Chor der gefangenen Hebräer aus der Oper „Nabucco“, Ludwig van Beethovens Finale aus der Sinfonie Nr. 9 mit dem Schlusschor über Schillers Ode „An die Freude“ sowie Teile aus der Kinderoper „Oskar und die Groschenbande“ von Christoph Reuter und August Buchner singen.
Die Vorbereitung für diesen besonderen Tag laufen bereits auf Hochtouren.
Wer noch ein Ticket für dieses Konzert erhalten möchte, sollte schnell zugreifen.
Karten und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
19.05.2011, 14:17 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
936
Pressemitteilung vom 19.05.2011
Klanggewaltig: Mussorgskis „Chowanschtschina”
Am Samstag, 21. Mai um 17 Uhr zeigt das Anhaltische Theater Modest Mussorgskis Musikalisches Volksdrama „Chowanschtschina“ im Großen Haus.
Unter dem zungenbrecherischen Titel verbirgt sich eine der faszinierendsten großen Opern des 19. Jahrhunderts. Mussorgski gelingt ganz Neuartiges und Kühnes: historische Ereignisse aus der Geschichte Russlands mit einer hochdramatischen Liebesgeschichte zu einem musiktheatralischen Meisterwerk zu verknüpfen.
Die klanggewaltige Produktion, inszeniert von Andrea Moses, ist eine Kooperation mit dem Nationaltheater Weimar, unterstützt durch die Staatsoper Stuttgart. Voller musikalischer und szenischer Überraschungen steckt diese Oper, die mit hauseigenen Solisten und Gästen des Nationaltheaters Weimar sowie den beiden großen Opernchören des Nationaltheaters Weimar und des Anhaltischen Theaters inklusive dessen Kinderchor bestens besetzt ist. Es musiziert die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus.
Die Inszenierung wurde zur Premiere stürmisch gefeiert und hat überregional große Aufmerksamkeit erfahren. So schrieb u.a. der Tagesspiegel vom 10. Mai: „Sie haben es geschafft. Am Ende dieses Premierenabends am Dessauer Theater bleiben Respekt und Erstaunen, dass hier Aufführungen möglich sind, auf die weit größere Häuser stolz sein könnten – und dass hier trotz chronischer Sparzwänge große Oper stattfindet.“
Und die Frankfurter Rundschau vom 9. Mai: „In Dessau ist ein lohnender Parforceritt durch die russische Geschichte gelungen. Richtig froh macht aber nicht dessen Pointe, sondern das Niveau, auf dem hier Musiktheater gemacht wird.“
Karten und Informationen unter: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de, den Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
17.05.2011, 14:44 | tags:
Puppentheater
, Ballett
, Schauspiel
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
933
Pressemitteilung vom 17.05.2011
Spielzeit 2011/2012 „GLÜHENDE LANDSCHAFTEN“
Voller Elan geht das Team um Generalintendant André Bücker in die nunmehr 217. Spielzeit. Unter dem Titel „GLÜHENDE LANDSCHAFTEN“ nehmen zahlreiche Inszenierungen die Themen der Stadt und der Region auf. Die kommende Spielzeit ist wieder voller Höhepunkte: das Schauspiel startet unter neuer Leitung von Niklas Ritter mit einem der bedeutendsten Stücke der Weltliteratur, „Hamlet“ von William Shakespeare. Mit „Pension Schöller“ inszeniert Werner Eng für das Publikum eine handfeste Komödie. Weiterhin stehen „Der Turm“ nach dem Roman von Uwe Tellkamp in der Regie von Lukas Langhoff, „Der Besuch der alten Dame“ - eine tragische Komödie von Friedrich Dürrenmatt, „Kasimir und Karoline“ - ein Volksstück von Ödön von Horváth, „Moby Dick“ - ein Abendteuer nach dem Roman von Hermann Melville und die zauberhafte Geschichte der „Weihnachtsgans Auguste“ auf dem Spielplan.
Das große Jubiläum „800 Jahre Anhalt“ zum Anlass nehmend, inszeniert Karl Thiele das Lustspiel „Der alte Dessauer“ nach Karl May als großes Spektakel im Georgengarten in Dessau.
Bereits im September startet ein Festival: die „9. Theatertage der Länder Sachsen- Anhalt und Brandenburg“. Dreizehn Theater zeigen Produktionen für Kinder und Jugendliche. Das Festival ist gleichzeitig Forum für Theaterschaffende und bietet zahlreiche Möglichkeiten der Auseinandersetzung und des Austauschs.
Das Musiktheater geht mit Felix Losert, dem neuen Leitenden Dramaturgen für Musiktheater/Operndirektion im September mit dem Musical-Klassiker „West Side Story“ von Leonard Bernstein, inszeniert von Christian von Götz an den Start. Im Mai 2012 beginnt mit der „Götterdämmerung“, inszeniert von André Bücker und unter der musikalischen Leitung von GMD Antony Hermus der erste Dessauer „Ring“ seit über fünfzig Jahren, der 2015 anlässlich des Internationalen Kongresses der Richard-Wagner-Gesellschaft als vollständiger Zyklus zu sehen sein wird. Außerdem werden bedeutende Werke wie Puccinis „La Bohème“, Gounods „Faust“ - inszeniert von Hinrich Horstkotte, Griegs „Peer Gynt“- in einer halbszenischen Produktion - und Mozarts „Bastien und Bastienne“ - eine Musiktheaterproduktion für Kinder auf dem Spielplan stehen. Die „Große Gala der heiteren Muse“ für die leichte Unterhaltung vereint Operette, Spieloper und Musical.
Zwei große Ballett Premieren, inszeniert und choreografiert von Tomasz Kajdanski werden in der kommenden Spielzeit den Spielplan bereichern. Mit der Uraufführung „Hotel Montparnasse“ eröffnet das Ballett das Kurt Weill Fest 2012 und setzt das Künstler- und Emigrantenleben in Paris, in den aufregenden 20er und 30er Jahren in Szene. Außerdem wartet auf das Publikum die abenteuerliche, märchenhafte wie fantastische Geschichte: „Alice im Wunderland“, für die Lewis Carolls Roman die Grundlage bildet.
Abwechslungsreiche, spannende und anregende Konzerte für Jung und Alt bietet die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus: Sinfoniekonzerte, Jugendkonzerte, Konzerte zu Weihnachten und Neujahr, Scratch-Konzerte und Kammerkonzerte. Nachdem sich die Anhaltische Philharmonie 2010 mit dem erfolgreichen Planeten-Konzert am IMPULS-Festival für Neue Musik beteiligt hat, gibt es 2011 eine Fortsetzung der Zusammenarbeit. Im Rahmen des Kurt Weill Fest 2012 lässt die Anhaltische Philharmonie in einem Programm mit musikalischen Bezügen zu Paris auch das „Violinkonzert“ von Kurt Weill erklingen.
Hervorragende Solisten konnten für die Konzerte gewonnen werden: Ragna Schirmer, Nemanja Radulovic, Andrea Lieberknecht, Hardy Rittner, Marina Chiche, Sebastian Manz, Heidi Brunner und Julian Steckel – um nur einige zu nennen.
Beim Festival „Himmel auf Erden“, dass in Koproduktion mit dem WittenbergKultur e.V. in Wittenberg stattfindet und 2012 unter der künstlerischen Leitung von Generalintendant André Bücker ins zweite Jahr geht, ist die Anhaltische Philharmonie ebenfalls mit einem Sonderkonzert beteiligt.
Das Puppentheater bietet neben einem reichen Repertoire und einer neuen, bezaubernden Geschichte um eine „Matschgans“ für die Kleinsten, Theodor Storms „Schimmelreiter“ für Menschen ab 12 Jahren und zum Abschluss der Spielzeit einen Leckerbissen für all jene, die Bram Stokers Vampirstory „Dracula“ schätzen. Diese Inszenierung wird ihre Uraufführung und Premiere im Juni 2012 als Open Air Produktion haben.
Die Theaterpädagogik hat schier unerschöpfliche und abwechslungsreiche Angebote im Programm, neue Patenschaften zwischen Schulen und dem Anhaltischen Theater werden geknüpft – außerdem erwartet das Publikum eine Vielzahl an interessanten Projekten. Neben bereits etablierten Veranstaltungsformaten wie „Die Nacht, die Lichter“, „Trash am Montag“, dem „Philharmonie-Stammtisch“, „Treffpunkt Ballett“ und den Matineen vor den Premieren überraschen neue Formate u.a. die Theatersoap „Was ist denn heut` bei Anhalts los?“, „My Songs“, „Theaterclub“ und „Wunschfilm 299“.
Schließlich gibt es ab der kommenden Spielzeit einen Betreiberwechsel im Theaterrestaurant „Altes Theater“. Das Team um Jörg Folta wird mit hochwertiger Küche und angesagter Bar neben bizarrem Entertainment dem Ort Leben einhauchen.
Informationen zu den Inszenierungen, den Projekten und Aktionen unter www.anhaltisches-
theater.de/vorschau und im neuen Spielzeitheft.
15.05.2011, 23:11 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
931
Joachim Lange, Gießener-Allgemeine, 12.05.2011
Parforceritt durch russische Geschichte
Regisseurin Andrea Moses erzählt Mussorgskis Oper »Chowanschtschina« in Dessau als Panoramabild einer Gesellschaft im Umbruch.
Mit Abstand betrachtet werden auch die roten Fahnen, die 175 Jahre lang über dem Roten Platz wehten, zu einer historischen Episode der russischen Geschichte. So gesehen sind die Zeiten günstig für Modest Mussorgskis Volksdrama »Chowanschtschina«. Aus dem kurz vor der glanzvollen Epoche Zar Peters angesiedelten Volksdrama ist eine orchestergewaltige Chor- und Männeroper geworden, bei der die Lovestory eher vertrackt und marginal wirkt. So wie Andrea Moses das jetzt in Dessau auf die Bühne gebracht hat, faszinieren an dem historischen Panoramabild aus den Zeiten von Revolte und Umbruch vor allem die erstaunlich plausiblen Durchblicke bis in die postsowjetische Gegenwart. Von der Randale marodierender Strelitzen auf dem Roten Platz, über die Intrigen der politisch Mächtigen und der ambitionierten Kirchenmänner im Kampf um die Macht, von ziemlich volkstümlich zupackenden Saufliedern bis hin zu einer pathetischen Selbstverbrennung von fanatischen Altgläubigen ist da alles drin. Viel von dem, was man hierzulande so für russische Seele hält, klingt da durch.
Im Graben braucht man für dieses von kleineren Opernhäusern eher gemiedene russische Großformat den Sinn fürs Detail und die Kraft zum großen Überblick, den der Dessauer GMD Antony Hermus mit Emphase und Rücksicht auf die Sänger überzeugend demonstriert. Und im Ensemble eine Manpower, die das Anhaltische Theater auf erstaunlichem Niveau aufbietet. Auf den übergroßen Chor bringt man es durch die Koproduktion mit dem Weimarer Nationaltheater. Damit daraus kein Stehtheater im Breitband wird, bedarf es vor allem einer Regie, die sich wild entschlossen auf die szenischen Details stürzt und das Kunststück fertig bringt, das Historienpanorama als Ganzes in seiner Relevanz für die Gegenwart zu erzählen. Dafür ist die Dessauer Chefregisseurin Moses (die ab kommender Spielzeit nach Stuttgart geht) genau die Richtige.
Christian Wiehles offene Bühnenästhetik schöpft aus dem Vorrat russisch-sowjetischer Bilder. Da ist die berühmte Basilius-Kathedrale mit Coca-Cola- Reklame zugepflastert. Da kommt das Palais des Fürsten Golizyn (Angus Wood) als Sitzgarnitur mit Schreibtisch hoch oben auf einem riesigen russischen Bären daher. Da kommt der Intrigant im Dienste des Zaren Peter, Schaklowity (Ulf Paulsen), erst auf einer Gangway und unter der Büste des Sowjethelden Gagarin daher und landet dann sogar aus dem Schnürboden wie ein Fallschirmspringer im Bett von Iwan Chowanski (Alexey Antonov), um ihn zu erdrosseln. Und da agiert der vom Fürsten zum Mönch gewordene Dossifej (auf dem Weg an die Spitze seines Faches: Pavel Shmulevich) mit der Geste und dem Format eines kommenden Bühnen-Zaren.
Wenn sich am Ende die altgläubigen Fanatiker im Angesicht der anrückenden Truppen des Zaren selbst verbrennen, dann wird der tödliche Dampf, dem sie zum Opfer fallen, nicht zur Klippe einer gefährlichen Metaphorik, sondern demonstriert mit dem futuristisch stilisierten Riesenkreuz in der Mitte einen beängstigenden Triumph des Irrationalen. In Dessau ist ein anstrengender, aber in jeder Hinsicht lohnender Parforceritt durch die russische Geschichte gelungen. Richtig froh macht aber nicht dessen Pointe, sondern das Niveau, auf dem hier Musiktheater gemacht wird.
13.05.2011, 23:39 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
930
Irene Constantin, Neues Deutschland, 15.05.2011
Das Volk hat verstanden
Andrea Moses inszenierte Mussorgskis »Chowanschtschina« in Dessau
Chowanski-Schweinerei« ist ein schöner Operntitel. Dabei könnte das Werk ebenso »Peter-Schweinerei« heißen. Es behandelt die Wirrungen und Machtkämpfe vor Peters Inthronisierung ganz unparteiisch, als vielgestaltigen Bilderbogen. Es ist immer eine Frage von Sieg oder Niederlage, wessen Name am Ende auf bronzenen Reiterstandbildern steht und wessen Name eine Nachsilbe bekommt, die »Machenschaft«, »Gaunerei« oder Schlimmeres bedeutet. Peter I., später »der Große« bekam am Ende des 17. Jahrhunderts die Zarenkrone; die Chowanskis, Fürst Iwan und sein Sohn Andrej die Brandmarkung Meuchelmörder.
Andrea Moses inszenierte diese »Chowanschtschina« am Anhaltischen Theater Dessau als einen Versuch über die russische Seele, über die russische Politik und über die russische Kunst. Sie holte das Stück in die Jahre der Wirrungen um 1989/90 und schließlich in die Gegenwart und handelte damit im Sinne des Komponisten. Sowohl in »Boris Godunow« als auch in »Chowanschtschina« sah Mussorgski das »Vergangene im Gegenwärtigen«.
Christian Wiehle stattete das Gegenwarts-Moskau als eine Art Wunderkammer aus. Eine Gangway, garniert mit Folklore-Sängerinnen, fährt als Fürstenthron hin und her, ein Neubaublock in Fischaugen-Optik beherbergt eine Horde mit Nudelhölzern bewaffneter Ehefrauen, ein neurotisch putzsüchtiger General hat sein Arbeitskabinett auf dem Rücken einer riesigen Bärenfigur eingerichtet. Am oberen Rand der Bühne sieht man, harscher Einbruch des Realen, einen Erhängten. Er hängt da, welcher Potentat auch immer gerade ganz oben schwimmt.
Die buntschillerndsten unter den Herren sind die Chowanskis, Führer der Strelitzen. Sie wollen mit Hilfe dieser altmodischen Truppe eine altrussische Herrschaft errichten, mit sich selbst als Zaren. General Golizyn strebt eine europäisch moderne Herrschaft an, hat jedoch mit der Thronanwärterin Sofia auf die falsche Verbündete gesetzt und begeht am Ende Selbstmord. Der charismatische Priester Dossifej, Führer der von der Staatskirche abgespaltenen Altgläubigen, will gemeinsam mit den Strelitzen ein religiöses Reich nach alter Sitte errichten. Schließlich gibt es den Mann im grauen Anzug, Schaklowity. Sein Ziel: die Macht einer reformierten Religion, die Macht eines modernen Heeres und die unter drei Zarengeschwistern aufgeteilte Macht der Krone in einer Hand zu vereinigen. Er setzt auf den jüngsten, rücksichtslosesten Zarenanwärter, Peter I. Am Ende hat Peter, der in der Oper gar nicht vorkommt, gesiegt. Die Strelitzen werden auf dem Roten Platz zusammengetrieben. Die eigenen Ehefrauen sollen die Ungehorsamen köpfen, erst im allerletzten Moment werden sie begnadigt. Das Volk hat verstanden, was von ihm erwartet wird: Mächtig schallt die Huldigungsapotheose für Zar Peter.
Seinen passiven Kontrapunkt des Jammerns, des Klagens, des befohlenen Jubelns gibt das Volk zu allem, was sich über vier Akte an Machtkämpfen und Intrigenspiel in den buchstäblichen oberen Etagen, auf dem Rücken des russischen Bären sozusagen, abspielt.
Andrea Moses schuf ein ergreifendes Bild des sich in der Geschichte bis zum Überdruss wiederholenden Opferpathos' im Namen einer Ideologie: Menschen in unschuldsweißen Hemden, mit ausgebreiteten Armen, umflutet von gleißendem Licht inmitten eines weißen Gas-Nebels, der aus den glitzernden Balken eines orthodoxen Kreuzes zischt, füllen die riesige Bühne. Ihr leises Chorfinale scheint nicht mehr von dieser Welt zu sein. Moses stellt skurrile Szenen neben brutal bedrohliche, komische neben hochdramatische. Ebenso assiziativ stehen die Zeiten beieinander: Die Handlungszeit 17. Jahrhundert trifft Mussorgskis spätes 19. Jahrhundert, die stalinistischen Zeiten, in denen Schostakowitsch das unvollendete Werk instrumentierte, treffen Moses' Assoziationen von 1989/90 und schließlich die Gegenwart. Mussorgskis Musik gibt diese Dramaturgie vor. Hymnische oder folkloristische Chorszenen dominieren, dazwischen die sonoren Bekenntnisse, das lodernde Hin-und-Her einer operngerecht in das Macht-Drama eingefädelten Liebesgeschichte oder erregten Debatten.
In der großen Besetzung wurden alle Sänger ihren Partien gerecht, die darstellerischen Fähigkeiten differierten jedoch stark. Ulf Paulsen als Schaklowity gewann seinen Machtpoker mit rundem, energisch geführten Bariton, Alexej Antonov imponierte als Iwan Chowanski mit dunklen Bass-Farben. Sergej Dobrischewski gab sich als Andrej Chowanski intensiv seiner verliebten Verzweiflung hin, und Angus Wood sang und spielte sehr glaubhaft den zwangsneurotischen General Golizyn. Stimmlich überragt wurde dieses Männerqartett von der sonor leuchtenden, bezwingenden Bassstimme des jungen Pavel Schmulewitsch als Priester Dossifej. Das weibliche Element manifestierte sich vor allem in den exzellenten Chorsolistinnen.
Am Pult der Anhaltischen Philharmonie stand der von Anfang an gefeierte Antony Hermus. Den großen, ins Dunkle abgerundeten, typisch »russischen« Klang von Chor und Orchester erwartete man für diesen Abend als üppige Dröhnung und Hermus sparte nicht damit. Er bot aber auch das zarte Naturbild eines morgendlichen Moskauer Parks und den hymnischen Optimismus-Ton der Heldenverehrung.
Einschließlich des von Igor Strawinski instrumentierten Schlussbildes steckt diese Oper so sehr voller musikalischer und szenischer Überraschungen, dass sie öfter auf eine Bühne gehörte.
Nächste Vorstellung: 21.5.
09.05.2011, 19:07 | tags:
Musiktheater
923
Jörg Königsdorf, Opernwelt, Mai 2011
Apropos
... politisches Theater
Seit ihrem Operndebüt vor fünf Jahren in Meiningen gilt ANDREA MOSES als eine der interessantesten deutschen Opernregisseurinnen ihrer Generation. Ein Ruf, den die 39-jährige Dresdnerin mit Arbeiten wie „Don Giovanni“ in Bremen und „Lohengrin“ am Dessauer Theater festigte. Von der kommenden Spielzeit an wird sie als Chefregisseurin die Oper Stuttgart prägen, doch vorher bringt sie noch eines der forderndsten Werke des Musiktheaters auf die Bühne: Am 7. Mai hat am Dessauer Theater ihre Inszenierung von Mussorgskys „Chowanschtschina“ Premiere, die in den kommenden Spielzeiten auch in Weimar und Stuttgart zu sehen sein wird.
Frau Moses, Sie sind 2009 in Dessau mit dem Anspruch eines politischen Musiktheaters gestartet. Was haben Sie inzwischen bewirkt?
Unser Ziel war es, das bürgerliche Bewusstsein der Menschen hier, das 1989 einmal kurz und heftig aufflackerte, wieder aus der Resignation zu erwecken. Ob uns das nachhaltig gelungen ist, muss die Zeit zeigen. Aber schon aus der Art, wie unsere Inszenierungen hier aufgenommen worden sind, kann man vielleicht ablesen, dass da etwas in Gang gekommen ist. Während mein Bundestags-„Lohengrin“ zuerst bei Teilen des Publikums noch auf heftige Ablehnung stieß, war das Klima bei der „Stummen von Portici“ schon viel offener. Und als die Finanzierung des Theaters von der Politik in Frage gestellt wurde, hat sich gezeigt, dass die Leute hier zu uns stehen und sich für uns einsetzen.
Mit Mussorgskys „Chowanschtschina“ haben Sie jetzt eine der politischsten Opern überhaupt. Sehen Sie da, ähnlich wie beim „Lohengrin“ auch Anknüpfungspunkte an die politische Realität der Republik?
Natürlich muss auch dieses Stück etwas mit uns zu tun haben, damit, in was für einer Welt wir leben. Aber der Ort von „Chowanschtschina“ ist erst mal Russland und nicht die BRD. Was uns allerdings genauso betrifft, ist die Frage, wie es mit dem Zustand einer Demokratie aussieht, wenn die Politiker sich nicht einigen können und das Volk nichts tut. Denn in diesem Stück ist das Volk der passive Hauptdarsteller: Es ist zwar meist auf der Bühne, aber handelt nicht.
Diese Analyse kann man zwar für Dessau akzeptieren, aber in der «Wutbürger-Metropole» Stuttgart, die Ihre Inszenierung 2014 übernimmt, sieht das doch anders aus.
Deshalb wird zum Beispiel das Ende von „Chowanschtschina“ auch einen anderen Akzent bekommen; dort stellt sich dann sicher eher die Frage nach der Weiterführung des bürgerlichen Engagements als die nach der Ermutigung und die nach der Kontrolle der Eliten - ob sich diese der Selbstverpflichtung zur Transparenz ihres Tuns besinnen. Ich glaube, dass wir als subventionierte Künstler legitimiert sind, über den Zustand unserer Demokratie mittels unserer Kunst nachzudenken. Und um Erkenntnisprozesse anzustoßen - auch wenn diese schmerzhaft sein können.
In Dessau wird auch der Chor des deutschen Nationaltheaters Weimar mit auf der Bühne stehen, und umgekehrt reist der Dessauer Chor 2012 zusammen mit Ihrer Inszenierung nach Weimar. Ist so eine Zusammenarbeit nicht ein gefährliches Signal an die Politik, wieder neue Debatten über Fusionen vom Zaun zu brechen?
Natürlich gibt es diese Gefahr, und wenn solche Stimmen kommen, werden wir uns ihnen offensiv
stellen. Es ist nur so, dass die Zusammenarbeit der einzige Weg für uns war, dieses Stück überhaupt zu realisieren. Denn den freien Opernchor Coruso aus Berlin, den wir für „Lohengrin“ und „Turandot“ hatten, können wir uns so nicht mehr leisten - finanziell ist für das Theater hier längst das Ende der Fahnenstange erreicht. Umso verrückter finde ich es, dass wir es wagen, ein Stück zu stemmen, an das sich selbst große Häuser kaum trauen.
09.05.2011, 18:50 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
922
Jörg Königsdorf, Der Tagespiegel, 10.5.2011
Riss in der Masse
Klangmächtig: Andrea Moses inszeniert Mussorgskys „Chowanschtschina“ am Anhaltischen Theater Dessau
Sie haben es geschafft. Am Ende dieses Premierenabends am Dessauer Theater bleiben Respekt und Erstaunen, dass hier Aufführungen möglich sind, auf die weit größere Häuser stolz sein könnten – und dass hier trotz chronischer Sparzwänge große Oper stattfindet. Zwei Jahre währt jetzt das anhaltische Opernwunder, nach dem Paukenschlag mitWagners „Lohengrin“, mit dem Intendant André Bücker und Chefregisseurin Andrea Moses Aufsehen erregten, hatten Produktionen wie Verdis „Maskenball“ und Aubers „Stumme von Portici“ die Programmlinie politisch ambitionierten Musiktheaters auf stetig wachsendem Niveau fortgesetzt.
Zum Abschied der nach Stuttgart wechselnden Moses nun die größte Herausforderung: Mussorgskys Volksdrama „Chowanschtschina“, dieses rohe Bilder-Konglomerat um Aufstand, Unterdrückung und Machtkampf, diese Oper ohne Helden, die die Geschichte Russlands als nicht enden wollenden Kreislauf von Leid und Gewalt beschreibt.
Ein maßloses Stück in jeder Hinsicht, vor dessen Anforderungen die meisten Bühnen zurückschrecken. Vor der Aufgabe, die Chormassen der Strelitzen, Altgläubigen und Moskauer Proletarier zu organisieren; vor der langen Liste großer Stimmen und der Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen Anarchie und Erzählfluss zu finden.
Unter Chefdirigent Antony Hermus zeigt die Anhaltische Philharmonie nicht nur Präzision, sondern auch einen betörend farbenreichen, transparenten Klang – ein starkes Plädoyer für die Orchestrierung von Dmitri Schostakowitsch, die bei den Auftritten der Politgrößen bis ins Groteske geht, aber in den Nebenstimmen der Holzbläser immer wieder auch die Risse im gesellschaftlichen Gefüge nachzeichnet.
Die vereinten Chöre des Dessauer wie des koproduzierenden Weimarer Theaters bewältigen ihr vokales Zirkeltraining zwischen fatalistischen Chorälen, greller Folkloristik und Massenpanik im Großen und Ganzen souverän – zumal „Chowanschtschina“ auch Musik ist, bei der der Ausdruck und der richtige russische Tonfall wichtiger sind als die vokale Endpolitur.
Die Sänger sind allerdings spektakulär: Angus Wood zum Beispiel, der den Reformpolitiker Golizin mit gleißendem Tenor als Machtmensch zeichnet, der für seine idealistischen Ziele notfalls über Leichen geht. Oder der Altgläubige Dossifei, bei Pavel Shmulevich und seinem kerngesundem Bass ein charismatischer Sektenführer, der seine Gefolgschaft am Ende ohne Zögern in den Feuertod gehen lässt. Oder auch der Fürst Iwan Chowanski, anhand von dessen Revolte gegen die Zarenherrschaft das Volksepos erzählt wird: Der vom Bolschoi geholte Alexey Antonov gibt ihn mit hochadlig samtigem Bass und feudaler Autorität.
Und dann ist da die Marfa von Anna Peshes: keine orgelnde Matrone oder hexenhafte Seherin, sondern eine Frau, aus deren warmen Alt-Farben ein fühlend’ Herz spricht. Sie wird zum Gravitationszentrum des Stücks. Wären alle wie sie – heroisch und barmherzig, klug und zugleich auf die innere, russische Stimme hörend – dann würde ein anderes Russland möglich. So der Hoffnungsschimmer, der sich aus „Chowanschtschina“ destillieren ließe, wenn Marfa nicht ebenfalls den Freitod wählen würde.
Die Regie ist, wie bei Andrea Moses’ Selbstverständnis als politische Regisseurin kaum anders möglich, modern: Die Bojaren tragen Anzug und Krawatte, vom Großbildschirm strahlen die rivalisierenden Politiker im Wechsel mit volksverdummenden Unterhaltungsbildern. Anders als beim „Lohengrin“, den Moses als Politkrimi in Szene setzte, erlaubt sie der „Chowanschtschina“ aber größere Freiheiten gegenüber der Realität. Weil das Vortäuschen von Tatsachen zum politischen Geschäft gehört – der vermeintliche Aufstand des reaktionären Fürsten Chowanski ist schließlich auch bloß eine gezielte Intrige seiner politischen Gegner –, ist auch Moskau auf der Dessauer Bühne eher ein gedanklicher Ort suggestiver Bildzitate.
Zwiebeltürmchen, Plattenbau, Weihrauchfässer und ein riesiger Eisbär als Verkörperung von Mütterchen Russland zielen auf die Zeitlosigkeit von Mussorgskys fatalistischer Analyse. Die realistischste Zutat ist noch die Leiche eines gelynchten Bojaren, die den ganzen Abend vom Schnürboden herunterhängt. Seither hat sich in Russland wohl nicht viel geändert.
Wieder am 21. Mai sowie 2. und 19. Juni.
09.05.2011, 07:31 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
921
Joachim Lange, Frankfurter Rundschau, 9.5.2011
Oper
Zaren sehen alles
Eine orchestergewaltige Chor- und Männeroper über eine Gesellschaft im Umbruch: Chefregisseurin Andrea Moses inszeniert Modest Mussorgskis Volksdrama „Chowanschtschina“ in Dessau.
Musikalisch ist Modest Mussorgskis Volksdrama „Chowanschtschina“ eine orchestergewaltige Chor- und Männeroper. Die Lovestory ist eher vertrackt und marginal; die Geschichte ein Panoramabild aus den Zeiten von Revolte und Umbruch mit erstaunlichen Durchblicken bis in die postsowjetische Gegenwart. Von der Randale marodierender Strelitzen auf dem Roten Platz über die Intrigen der politisch Mächtigen und der ambitionierten Kirchenmänner im Kampf um die Macht, von ziemlich volkstümlich zupackenden Saufliedern bis hin zu einer pathetischen Selbstverbrennung von fanatischen Altgläubigen ist da alles drin. Viel von dem, was man hierzulande für russische Seele hält, klingt durch.
Im Graben braucht man für dieses von kleineren Opernhäusern eher gemiedene Großformat den Sinn fürs Detail und die Kraft zum großen Überblick, den Antony Hermus mit Emphase und Rücksicht auf die Sänger überzeugend demonstriert. Und im Ensemble eine Manpower, die das Anhaltische Theater auf erstaunlichem Niveau aufbietet.
Auf den übergroßen Chor bringt man es durch die Koproduktion mit dem Weimarer Nationaltheater. Damit daraus kein Stehtheater im Breitband wird, bedarf es einer Regie, die Wert auf szenische Details und die Charakterisierung der Figuren legt und das Historienpanorama als Ganzes in seiner Relevanz für die Gegenwart zu erzählen vermag. Dafür ist die Dessauer Chefregisseurin Andrea Moses (die ihr Ticket für die gleiche Position in Stuttgart schon in der Tasche hat) genau die Richtige.
Christian Wiehles offene Bühnenästhetik schöpft aus dem Vorrat russisch-sowjetischer und postsowjetischer Bilder. Da ist die Basilius-Kathedrale mit Coca-Cola-Reklame zugepflastert, und das Palais des Fürsten Golizyn (Angus Wood) kommt als Sitzgarnitur mit Schreibtisch auf einem riesigen russischen Bären daher. Da wird die Strelitzen-Vorstadt zum modernen Hochhausblock, der wie im Brennglas aufgebläht erscheint und aus dem sich die Umrisse der Kathedrale wie im Schnittbogen abheben. Da kommt der Intrigant des Zaren Schaklowity (Ulf Paulsen) erst auf einer Gangway und unter der Büste des Sowjethelden Gagarin daher und landet dann aus dem Schnürboden wie ein Fallschirmspringer im Bett von Iwan Chowanski (Alexey Anatonov), um ihn zu erdrosseln. Und da agiert der vom Fürsten zum Mönch gewordene Dossifej (auf dem Weg an die Spitze seines Faches: Pavel Shumlevich) mit der Geste und dem Format eines kommenden Bühnen-Zaren.
Wenn sich am Ende die altgläubigen Fanatiker im Angesicht der anrückenden Truppen des Zaren selbst verbrennen, wird der tödliche Dampf, dem sie zum Opfer fallen, nicht zur Klippe einer gefährlichen Metaphorik, sondern demonstriert mit dem futuristisch stilisierten Riesenkreuz in der Mitte einen beängstigenden Triumph des Irrationalen.
In Dessau ist ein lohnender Parforceritt durch die russische Geschichte gelungen. Richtig froh macht aber nicht dessen Pointe, sondern das Niveau, auf dem hier Musiktheater gemacht wird.
09.05.2011, 07:24 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
920
Helmut Rohm, Volksstimme, 9.5.2011
Andrea Moses inszeniert musikalisches Volksdrama von Modest Mussorgski am Theater Dessau
"Chowanschtschina" erlebt stürmisch gefeierte Premiere
"Der Herr rettet mich ..." – ganz in Weiß und ganz bewusst ihres selbstgewählten Feuerfreitodes suchen die Altgläubigen und deren Führer Dossifej ihr Heil in einem anderen, nichtirdischen Leben. Mit diesem emotional bewegenden, monumentalen Bild endete am Sonnabendabend die stürmisch gefeierte Premiere des musikalischen Volksdramas "Chowanschtschina" von Modest Mussorgski im Anhaltischen Theater Dessau.
Monumentalität in vielerlei Hinsicht prägt diese Aufführung, die von Andrea Moses in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar und Unterstützung durch die Staatsoper Stuttgart inszeniert wurde.
Beschrieben wird ein Detail der russischen Geschichte des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Die Entscheidung, ob Chowanski und seine marodierenden Strelitzen oder Zar Peter I. die vakante Macht übernehmen, hatte sich, auch unter dem Einfluss einer Kirchenspaltung, dramatisch zugespitzt.
Der Zuschauer erlebt große beeindruckende Massenszenen des Moskauer Volkes und der Strelitzen, die durch die Chöre und Chorsolisten (Dessau, Weimar und Dessauer Kinderchor) und insbesondere deren handlungsrelevantes Spiel getragen werden. Während sich Andrea Moses fast ausschließlich streng an die historischen Handlungsinhalte und Figuren hält, verlegt sie die Orte der Handlungen (Bühnenbild und Kostüme Christian Wiehle) in einen durchaus akzeptablen, sogar teils vergnüglichen Mix aus Historie und Gegenwart. Der fast stets präsente rote Platz ist sowohl ein Symbol für das historische Moskauer Areal als auch blutgetränkter Kampfplatz. Die Silhouette der Basilius-Kathedrale, die sich auch mal aus einem Plattenbauhochhaus "herausschält", lässt grüßen – mit einer Coca-Cola-Werbung. "Chowanschtschina" ist eine kostümvielfältige Oper, ein wahrer Sehschmaus. Den Spagat zwischen damals und heute wird hier ebenfalls deutlich. Ein Volk, wie es wohl früher so gekleidet war, trifft auf Strelitzen, die die landläufige Mafiosi-Vorstellung trefflich bedienen.
Es ist ein durchaus ernstes Stück. Doch auch mit hintergründigem Humor und Augenzwinkern, mal dezent, mal ganz schön dick aufgetragen. Fürst Golizyn (Angus Wood) thront auf einem überlebensgroßen roten russischen Bären. Iwan Chowanski kommt über eine Flugzeug-Gangway herab zum Volk. Intrigant Schaklowity (Ulf Paulsen) wird zum Morden in Chowanskis Schlafzimmer abgeseilt. Aus einem Hubschrauber? Wie gerade bei Bin Laden?
Ganz aktuell ist auch das Videoeinspiel von der jüngsten englischen Hochzeit. Ging es ja hier ebenfalls – wenn auch gewaltlos – um Macht. Und das Machtgerangel bis in den Tod ist in "Chowanschtschina" auch mit einer Liebesgeschichte verknüpft. Also die Botschaft: Diese Themen sind eben immer noch aktuell.
Die künstlerische Umsetzung der Figurenrollen in handelnde und fühlende Menschen ist in Dessau trefflich gelungen. Als einen Mann wie ein Baum und mit ebenso gewaltiger Bassstimme verkörpert Alexey Antonov den Fürsten Iwan Chowanski. Gar nicht dem Vater ähnlich in Statur und noch weniger im Tun stellt Sergey Drobyshevskiy den Chowanski-Sohn Andrej dar. Pavel Shmulevich nimmt man die beschwörende Rolle Dossifejs, des Führers der Altgläubigen, vollends ab. Er war im für alle geltenden Beifallsrausch der Publikumsliebling des Abends. Anna Peshes begeisterte als ungemein leidenschaftlich liebende Marfa.
Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus präsentierte Mussorgskis lebendige, gefühlvolle und handlungsorientierende Musik mit bravourösem Engagement.
"Chowanschtschina", gesungen in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln, erfordert vom Zuschauer hohe Konzentration. Es ist, mit eigener inhaltlicher Vorbereitung noch mehr, ein gut anzuschauendes dreieinviertelstündiges Opernerlebnis.
08.05.2011, 19:27 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
919
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 9.5.2011
Russisch Roulette
Der Rote Platz ist voller Leben: Souvenir-Verkäufer bieten Matroschkas preis, ein Schuhputzer wirbt um Kundschaft, der vergoldete Lenin-Imitator stülpt sich irgendwann eine Micky-Maus-Maske über. Doch dann tauchen mitten in dem geschäftigen Treiben auch andere Bilder auf: Verstörte Menschen tragen abgetrennte Gliedmaßen wie Monstranzen vor sich her, Männer mit Eishockey-Masken und Maschinenpistolen treten ihnen entgegen ... Ist das fiktiver Horror? Oder realer Terror?
Modest Mussorgskis musikalisches Volksdrama "Chowanschtschina" erzählt vom Russland am Ende des17. Jahrhunderts, in dem sich verfeindete Zarewitschs, gedemütigte Bojaren und religiöse Fundamentalisten gegenüberstehen. Dass dieser historische Machtkampf in etwa so verworren wie die derzeitigen Nachrichten über Machtkämpfe zwischen einstigigen KGB-Offizieren, Wirtschafts-Oligarchen und Traditionalisten ist, lässt das Panorama als taugliche Folie für die russischen Gegenwarts-Verhältnisse erscheinen. Und genau so inszeniert es Andrea Moses nun als ihr Abschiedsgeschenk vom Anhaltischen Theater, bevor sie als Hausregisseurin an die Oper Stuttgart wechselt. Ihr Bild der Metropole Moskau oszilliert zwischen orthodoxer Ikone und Coca-Cola-Werbung, zwischen Hochhäusern und Zwiebeltürmen, Kultur-Okkupation und Folklore.
Dafür hat ihr Ausstatter Christian Wiehle einen Raum entworfen, in dem sich grandiose Verwandlungen mit sinnstiftenden Arrangements verbinden: Die Kommandozentrale des zaristischen Generals Golizyn ruht auf dem Rücken eines riesigen russischen Bären, die Karriere-Gangway des Aufrührers Chowanski passt exakt zu diesem Hochstand. Aus dem Plattenbau schält sich die Silhouette einer Kirche, der Kreml wirbt für McDonald's ... und das Bett des Rebellenführers lässt sich mühelos in ein mobiles Mausoleum umwidmen.
Im Informationsgewitter
Nicht minder assoziationsreich sind Niklas Ritters Videos, die auf einem gigantischen Infoscreen über den Köpfen des Volkes flimmern und deren Ästhetik die Comicsprache von Terry Gilliam mit aktueller Hochglanzwerbung verbindet. Gerade weil sie so faszinierend sind, steigern sie zu Beginn aber ein Problem des Abends: Das ohnehin vielgestaltige, von Andrea Moses individuell geführte Personal sorgt zusammen mit den eng verschränkten Dialogen sowie deren Übertiteln und den Video-Kommentaren zu einer Reiz-Überflutung, in der Mussorgskis Musik zu verschwinden droht. Wenn sich der dreieinhalbstündige Abend so fortsetzen würde, müsste man ihn am Ende wohl für gescheitert erklären. Zum Glück aber findet die Geschichte schon im zweiten Akt zu sich - und hält bis zum Schluss immer wieder überraschende Perspektiven und Wendungen bereit.
Dabei interessiert sich weder das Werk noch die Inszenierung wirklich für den Einzelnen, sondern versteht ihn als Repräsentanten einer Gruppe. Eine Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar gestattet es, diese Massen tatsächlich zu zeigen: Der Chor des Anhaltischen Theaters (Einstudierung: Helmut Sonne) formiert sich zum Heer der Strelizen, dem die Weimarer Gäste (Einstudierung: Markus Oppeneiger) als Moskauer Volk gegenüberstehen. Und zusammen mit dem Dessauer Kinderchor (Einstudierung: Dorislava Kuntscheva) ziehen sie am Ende alle als Altgläubige in den Tod - ein Finale, das die Überwältigung durch den Klang optisch einlöst.
Vor und über dieses Volk sind dessen Führer gesetzt: Alexey Antonov ist ein in Statur und Stimme glaubhafter Strelizen-Führer, dem lediglich der undurchsichtige Spezialagent Schaklowity (Ulf Paulsen) gewachsen scheint. Als Dritter im Bunde der dunkel timbrierten Herren aber setzt sich Pavel Shmulevitchs Religionsführer Dossifej gegen die überragende Konkurrenz durch - donnernd und verführerisch, nur am Ende manchmal gegen heisere Nebentöne kämpfend. An die Grenzen seiner Kraft geht auch Sergey Drobyshevskiy, der den dekadenten Nachkömmling der Familie Chowanski gibt, während Angus Wood den Golizyn bravourös bis in den Tod führt.
In solcher von Männern dominierten Welt haben es Frauen naturgemäß schwer - es sei denn, sie bedienen wie die zwischen Liebe und Glaube zerrissene und gesanglich überzeugende Marfa (Anna Peshes) die irrationalen Ängste und Wünsche der Herrscher. Angelina Ruzzafante und Iordanka Derilova gelingt es dennoch, aus ihren vergleichsweise kurzen Partien einen bejubelten Erfolg zu machen.
Der Zar des Abends
Den größten Jubel aber verdient sich einmal mehr die Anhaltische Philharmonie unter Generalmusikdirektor Antony Hermus, der mit eiserner Hand das russische Riesenreich zusammenhält. Er ist der Zar, der Star des Abends, der die Atmosphäre wie die Spannung des Geschehens von der Ouvertüre bis zum Schlussakkord steuert und befeuert. Dass Andrea Moses sich auf der Bühne zudem nicht zu jenem Kurzschluss verleiten lässt, der das Programmheft prägt, ist klug: Denn der Vergleich der "Chowanschtschina" mit den ostdeutschen Ereignissen vom Herbst 1989 zeugt von einer vormundschaftlichen Perspektive, die den Widerstand mündiger Bürger als Verführung durch fremde Kräfte denunziert.
Nächste Vorstellungen: 21. Mai, 17 Uhr; 2. Juni, 18 Uhr; 19. Juni, 16 Uhr
07.05.2011, 13:04 | tags:
Musiktheater
918
Thomas Starost, Main Post, 7.5.2011
SCHWEINFURT
Vamp, Domina, Freiheitsikone
Keine andere Sopranistin von Rang hat in Schweinfurt so oft gesungen wie Iordanka Derilova
Schneewittchen ist böse geworden. Die Frau im eisblauen Schummerlicht auf der Bühne verströmt arktische Kälte. Schwarz das Haar, blutrot der Mund, tödlich der Blick, für jeden Mann, der sie zur Frau will. Drei Rätsel gilt es zu lösen. Als Preis lockt die kalte Schönheit. Wer versagt, der bekommt eine Privataudienz bei Gevatter Tod.
Die bulgarische Sopranistin Iordanka Derilova erfüllt und erfühlt die Titelpartie von Puccinis letzter Oper „Turandot“ konsequent als „Principessa della Morte“, als Prinzessin des Todes. Die Sängerin mit der mächtigen Stimme zählt mittlerweile zu den wandlungsfähigsten Künstlerinnen in der internationalen Opernszene. Vor zwei Jahren wurde sie in Dessau zur Kammersängerin ernannt.
In Osnabrück sang sie die Partie als unbarmherzige Domina im samtenen Kleid. Am Anhaltischen Theater Dessau als wasserstoffblonder Vamp im kleinen Schwarzen. Unterschiedliche Interpretationen, aber jede mit einer stimmlich so überragenden Präsenz, dass das Publikum aus dem Häuschen ist.
Wie die Schweinfurter im letzten Jahr bei der furiosen Operngala zum Abschluss der Saison. Auch hier sang Derilova ihre Paraderolle „Turandot“. Und so schnell, wie das Publikum damals am Ende der großen Arie „In questa reggia“ aus den Sitzen sprang, konnte man gar nicht schauen.
Nun steht ein weiteres Wiedersehen mit der populären Sängerin bevor. Mit Chor und Orchester des Anhaltischen Theaters Dessau wird sie in Schweinfurt an vier Abenden die Hauptrolle von Beethovens einziger Oper „Fidelio“ singen. Die stimmlich schwere und gesanglich ziemlich spröde Partie (der Umfang geht über zwei Oktaven plus Koloraturen) gehört allerdings nicht zu den Lieblingsrollen der Sopranistin: „Es gibt prinzipiell keine leichten Partien, aber die Freiheitsikone Eleonore in Fidelio ist nicht mein Typ“, sagt die derzeitige Blondine. Doch ob Lieblingspartie oder nicht: Die Derilova bereitet sich auf jede Rolle und jeden Opernabend mit nahezu penibler Ernsthaftigkeit vor.
Iordanka Derilova ist im Theater der Stadt Schweinfurt nicht nur ein gern gesehener und regelmäßig umjubelter Gast. Sie ist mittlerweile die Opernsängerin von Rang, die im Haus an der Roßbrunnstraße am häufigsten aufgetreten ist. Und das in den meisten Rollen. So war sie hier in den Verdi-Opern „Don Carlos“, „Johanna d'Arco“, „Die Räuber“ und in Mozarts „Don Giovanni“ zu hören, bei zwei Gala-Abenden, und jetzt folgt eben mit „Fidelio“ der siebte Streich. So wird die Sopranistin, mit dem Schwerpunkt hochdramatischer Rollen als personifizierter Glücksfall für das Anhaltische Theater Dessau, auch zum Glücksfall für das Theater der Stadt.
Es sind die starken Frauen in den Opernpartien, die die Derilova faszinieren und bei deren Darstellung sie nicht selten ihre Gesangspartner in Grund und Boden singt. „Ich mag starke Persönlichkeiten auf der Bühne, so wie die starken Frauen im Leben. An erster Stelle fasziniert mich die Musik. Dann die eigentlichen Charaktere mit der Handlung. Frauen wie Turandot, Aida oder Abigaile in „Nabucco“ sind stark und kompromisslos, einige von ihnen auch arrogant. Mich fasziniert es, diese Gestaltung auf der Bühne umzusetzen“, stellt die Sopranistin fest.
Als sie zum ersten Mal mit dem Tenor-Weltstar Jose Cura in Tokyo auftrat, hatte der als Radames in Verdis Aida alles andere als einen leichten Stand gegen die Sängerin. „Das war nicht nur ein unvergessliches Erlebnis, aber diese Aida hat in Japan regelrecht Opern-Furore gemacht“, erinnert sich Derilova, „wir haben uns emotional und charismatisch perfekt ergänzt und die Wirkung auf das Publikum war einfach nur grandios.“
Gerade kommt sie von einer Nabucco-Tournee aus Holland zurück und bereitet sich in Dessau auf ihr nächstes Rollendebüt vor: die Brünhilde in Wagners „Götterdämmerung“. Gerne würde sie auch noch weitere starke Frauen-Typen in ihr Repertoire aufnehmen, Lichtgestalten wie Norma, Medea und Salome. Aber eins nach dem anderen, ihr Terminplan ist für dieses Jahr bereits gut gefüllt.
Auf die Frage, was sie selbst von singenden Marketing-Ikonen wie Anna Netrebko hält, blitzen die braunen Augen der Derilova einen Augenblick auf, der Blick wird für einen kurzen Moment scharf: „Kein Kommentar“, lautet die kurze und bestimmte Antwort. Und es braucht auch keinen. Iordanka Derilova singt besser und sieht mindestens genauso gut aus. Egal in welcher Rolle.
Iordanka Derilova singt die Hauptrolle in Beethovens Oper Fidelio am 10. und 11. sowie am 13. und 14. Mai im Theater der Stadt. Restkarten unter Tel. (0 97 21) 5 14 75
05.05.2011, 12:35 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
915
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 05.05.2011
Russland vereint Opernchöre
Es gibt die Strelitzen und das Moskauer Volk. Undenkbar, dass eine dieser Gruppen auf den Anführer der anderen gehört hätte. Schließlich standen sie sich einst in Moskau feindlich gegenüber. Jahrhunderte später in Dessau ist aus den Gegnern eine große, friedliche und singende Gruppe geworden. Die einen kommen jetzt aus Weimar, die anderen aus Dessau. Es sind die Choristen des Nationaltheaters Weimar und des Anhaltischen Theaters, die am Sonnabend um 18 Uhr in der Premiere der Oper "Chowanschtschina" von Modest Mussorgski das stimmgewaltige Rückgrat der Inszenierung von Andrea Moses bilden.
Helmut Sonne, Chordirektor in Dessau, und sein Kollege Markus Oppeneiger aus Weimar sind gewissermaßen die Heerführer dieser 80 Köpfe zählenden Sängerschar. Zu der gesellen sich noch der Kinderchor, die zahlreichen Solisten und die Anhaltische Philharmonie unter Generalmusikdirektor Antony Hermus, so dass die vorletzte Opernproduktion des Theaters in dieser Spielzeit zu einem eindrucksvollen Unterfangen mit rund 200 Mitwirkenden wird.
"Die Dessauer sind die Strelitzen", erklärt Helmut Sonne. Demzufolge sind die Weimarer das Moskauer Volk. Diese Trennung hat die besondere Kooperation zwischen den beiden Theatern einfacher gemacht. Man konnte zunächst am eigenen Haus proben. "Es gibt aber ein großes gemeinsames Ende, wenn die Chöre in den Tod schreiten", so Sonne. Bis dahin aber erzählt dieses musikalische Volksdrama in gut vier Stunden aus der Historie Russlands.
Die unruhigen Jahre bis zum endgültigen Machtantritt Peters I. 1689, mit all ihren religiösen und politischen Kämpfen, wurden von Mussorgski zu einer dichten Bilderfolge zusammengedrängt: die Machtansprüche der gewalttätigen Strelitzen unter der Führung Chowanskis, die altgläubigen Glaubenseiferer um Dossifej, der aufgeklärte aber abergläubische Fürst Golizyn und das ausgehungerte und verelendete Volk. Zentrum der Inszenierung von Andrea Moses ist der stilisierte Rote Platz in Moskau, mehrfach "übermalt" von den wechselnden Machthabern Russlands und zugleich Symbol für alle Plätze der herrschaftlichen Aufmärsche, der spontanen Erhebungen und ihrer brutalen Niederschlagungen, der Verkündigungen, Hinrichtungen aber eben auch Ort der spontanen Demonstrationen des Volkes.
In der Regie von Andrea Moses ist dies nach ihrer Inszenierung von "Turandot" bereits die zweite Kooperation mit dem Nationaltheater Weimar. Gab es bei "Turandot" die Premiere in Thüringen, so erfolgt der Chowanschtschina-Start in Dessau und Weimar zieht in der kommenden Spielzeit nach. Begonnen wurde mit den Chorproben bereits im November und in der Folge kamen die Weimarer immer öfter mit dem Bus nach Dessau zu den Bühnenproben. "Wir mussten uns im Bus einsingen", lacht Markus Oppeneiger, der die Dessauer Bühne längst kennt, war er doch Sonnes Amtsvorgänger. Beide Chorchefs loben das Meisterstück der Betriebsbüros, diese große Produktion zu planen und freuen sich, wie gut die Sänger mittlerweile harmonieren. Da gibt es Kaffee und Kuchen im Chorraum, die Gäste werden durch Bauhaus und Theater geführt oder sie erkunden selbst die Stadt, wenn mal nicht geprobt wird. "Die Weimarer haben extra in einem Lkw ihre Räder mitgebracht", weiß Oppeneiger. Nur am Sonnabend auf der Bühne wird man sich feindlich gegenüber stehen.
29.04.2011, 13:02 | tags:
Musiktheater
910
Pressemitteilung vom 29.04.2011
Künstler-Porträt Kammersängerin Iordanka Derilova
Heribert Germeshausen stellt Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters vor
In der Reihe Künstler-Porträt stellt Heribert Germeshausen, Leitender Dramaturg Musiktheater / Operndirektion, am Sonntag, 1. Mai um 10.30 Uhr die bulgarische Sopranistin Iordanka Derilova vor. Das Anhaltische Theater Dessau lädt hierzu ins Foyer des Großen Hauses ein.
Iordanka Derilova ist seit 2003 Ensemblemitglied am Anhaltischen Theater Dessau. Hier sang sie unter anderem „Rusalka“, Elisabeth, Amalia in „Die Räuber“, „Giovanna d’Arc“, „Mignon“, Elvira in „Don Giovanni“, Lady Macbeth und Kundry. In Wagners Oper „Tristan und Isolde“ debütierte sie an ihrem Stammhaus als Isolde. Für diese Rolle wurde sie von der Zeitschrift Opernwelt als „Sängerin des Jahres“ nominiert. Im Gespräch mit Heribert Germeshausen berichtet die Sängerin über die zahlreichen Stationen ihrer erfolgreichen Kariere, die sie an international renommierte Opernhäuser führte. In der Spielzeit 2009/10 sang sie die Rollen Ortrud in „Lohengrin“ und Amelia „Ein Maskenball“ am Anhaltischen Theater. In der aktuellen Spielzeit ist sie außerdem in der „Richard Wagner Gala“, in der Titelrolle „Turandot“, sowie als Schwester des Protagonisten in „Der Protagonist“, als Nedda in „Der Bajazzo (I Pagliacci)“ und demnächst als Susanna in „Chowanschtschina“ zu hören.
19.04.2011, 19:18 | tags:
Musiktheater
902
Pressemitteilung vom 19.04.2011
Premiere „Chowanschtschina“
Musikalisches Volksdrama von Modest Mussorgski
[in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln]
Am Samstag, 7. Mai um 18 Uhr lädt das Anhaltische Theater zur Premiere „Chowanschtschina“ ins Große Haus ein. Unter diesem zungenbrecherischen Titel verbirgt sich eine der faszinierendsten großen Opern des 19. Jahrhunderts. Mussorgski gelingt ganz Neuartiges und Kühnes: historische Ereignisse aus der wüsten Geschichte Russlands mit einer hochdramatischen Liebesgeschichte und einer spirituell aufgeladenen Handlung zu einem musiktheatralischen Meisterwerk zu verknüpfen.
Nach der Inszenierung von Richard Wagners „Lohengrin“, die 2010 für den Theaterpreis „FAUST“ nominiert war, Puccinis „Turandot“ ist „Chowanschtschina“ Andrea Moses´ dritte Musiktheater-Inszenierung am Anhaltischen Theater Dessau, bevor Sie zur Spielzeit 2011/12 in das Team von Jossi Wieler an die Staatsoper Stuttgart wechselt.
Mussorgskis Musikalisches Volksdrama bezieht sich auf die unruhigen Jahre zwischen 1682 und dem endgültigen Machtantritt Peters des I. 1689, mit all ihren religiösen und politischen Kämpfen. Er verführte sein Publikum zum historischen Denken und hielt es an, politisch zu spekulieren.
Der Zuschauer konnte sich im theatralischen Erlebnis als historisches Subjekt erleben– eine Position, die er in seiner realen Lebenswelt nicht gewinnen konnte, die zu erringen aber unbedingt nötig war, um die „verkrusteten und diktatorialen Machtstrukturen“ seiner Zeit zu überwinden.
Andrea Moses Inszenierung „Chowanschtschina“ zielt nicht auf Zuschauer, die die russische Nationalgeschichte und ihre jeweiligen ideologischen Missbräuche kennen, sondern auf ein Publikum, das selbst einmal aufgestanden ist, Demokratie zu ertrotzen und das erkennen musste, dass heute mehr denn je "Demokratien“ von den Eliten begründet werden.
Sie knüpft in ihrer Inszenierung an die große, Gesellschaft erschütternde, Volksbewegung 1989 an und kritisiert diese zugleich als halbvollendet, steckengeblieben und versandet im politischen Alltagsgeschäft.
Optisches und szenisches Zentrum der Inszenierung ist der stilisierte Rote Platz in Moskau, mehrfach „übermalt“ von den wechselnden Machthabern Russlands und zugleich Symbol für alle Plätze der herrschaftlichen Aufmärsche, der spontanen Erhebungen und ihrer brutalen Niederschlagungen, der Verkündigungen, Hinrichtungen aber eben auch Ort der spontanen Demonstrationen immerwährender Hoffnungen des Volkes.
Der Chor und Kinderchor des Anhaltischen Theaters sowie der Chor des Deutschen Nationaltheaters Weimar werden neben den Solisten beider Theater dieses Volksdrama mit großer Klanggewalt auf die Bühne bringen. Es musiziert die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus.
In Kooperation mit dem Nationaltheater Weimar, unterstützt durch die Staatsoper Stuttgart.
Musikalische Leitung: Antony Hermus | Inszenierung: Andrea Moses | Ausstattung: Christian Wiehle | Choreinstudierung: Helmut Sonne, Markus Oppeneiger | Kinderchoreinstudierung: Dorislava Kuntscheva | Dramaturgie: Thomas Wieck, Moritz Lobeck | Video: Niklas Ritter |
Solisten: KS Iordanka Derilova, Anna Peshes, Angelina Ruzzafante | David Ameln, Alexey Antonov, Frieder Aurich, Sergey Drobyshevskiy, Ulf Paulsen, Pavel Shmulevich, Angus Wood,
Adam Fenger/Christian Most, Cezary Rotkiewicz/Tomasz Czirnia, Pawel Tomczak/Jerzy Dudicz
Verfolgen Sie den Probenprozess unter: www.chowa.de
Karten und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
19.04.2011, 12:07 | tags:
Musiktheater
899
Pressemitteilung vom 19.04.2011
Matinee zur Premiere „Chowanschtschina“
Vor der Premiere von Modest Mussorgskis großem Musikalischem Volksdrama „Chowanschtschina“ lädt das Anhaltische Theater am Sonntag, 24. April um 10.30 Uhr zu einer Matinee ins Foyer des Großen Hauses ein.
Regisseurin Andrea Moses, Generalmusikdirektor Antony Hermus und ihr Team werden einen ersten Einblick in die große russische Oper geben.
Die Solisten Alexey Antonov, Pavel Shmulevich, Ulf Paulsen und Angus Wood präsentieren begleitet von Dorothee Dietz am Klavier Auszüge der Inszenierung. Das Publikum darf sich auf eine informative und musikalisch genussvolle Stunde am Ostersonntagvormittag freuen.
Am 7. Mai um 18 Uhr lädt das Anhaltische Theater zur Premiere „Chowanschtschina“ im Großen Haus ein.
Der Eintritt für die Matinee beträgt 3,- €, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf
den Kartenpreis angerechnet wird.
Karten und Informationen unter: Tel: 0340 2511 333 und www.anhaltisches-theater.de oder an unseren Theaterkassen sowie an allen ReserviX Vorverkaufsstellen.
13.04.2011, 18:22 | tags:
Musiktheater
893
Pressemitteilung vom 13.04.2011
„Schaf“ - Musiktheater für Kinder
Das Anhaltische Theater Dessau zeigt am Samstag, 16. April um 15 Uhr und am Sonntag, 17. April um 14 Uhr „Schaf“, die beliebte Musiktheaterinszenierung für Kinder auf der Studiobühne des Alten Theaters. Die Kinderoper von Sophie Kassies, inszeniert Dirk Schmeding als eine aufregende und musikalische Suche nach einem Namen für Schaf mit Schauspielern, Sängern und Musikern. Diese erzählen mit Leichtigkeit und Humor von der Suche nach der eigenen Identität, von der Sehnsucht, besonders sein zu wollen und doch dazuzugehören.
Die musikalischen Weggefährten auf dieser Reise sind Georg Friedrich Händel, Claudio Monteverdi, Henry Purcell und Antonio Vivaldi. Als Solisten wirken mit: Sharleen Joynt (Sopran) und Anne Weinkauf (Mezzosopran), die indes nicht nur singen, sondern ins Spiel einbezogen sind. Die kanadische Sängerin Sharleen Joynt ist neues Ensemblemitglied des Anhaltischen Theaters und ist u.a. als Oscar in „Ein Maskenball“ und als Adele in „Die Fledermaus“ zu sehen. Eva Marianne Berger ist als Schaf zu erleben. Matthieu Svetchine übernimmt seit dieser Spielzeit die Rolle des Lorenzo und ist u.a. in den Inszenierungen: „Doktor Mabuse“, „Des Teufels General“, „Die Drei von der Tankstelle“ und in „Woyzeck“ zu sehen.
Tickets und Informationen an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr, über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de sowie an der Abendkasse.
07.04.2011, 19:41 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Kurt-Weill-Fest
888
Andreas Hauff, nmz Neue Musikzeitschrift, April 2011
Die Türen sind geöffnet, ein Protagonist betritt die Bühne
Von Dessau aus blickte die 19. Ausgabe des Kurt-Weill-Festes auf „Berlin im Licht"
Durchaus hintergründig ist das Logo des 19. Kurt-WeilI-Festes zu verstehen: Eine Nickelbrille, wie der Komponist sie trug, wirft den Schatten des Brandenburger Tores. "Berlin im Licht" lautet das diesjährige Motto, "Berlin im Licht" hieß ein Song, den Weill im September 1928 für die gleichnamige Werbeveranstaltung der Berliner Gas- und Elektrizitätswerke schrieb, und „Berlin im Licht" hieß Ende der 1980er-Jahre ein Programm des Ensemble Modern unter dem Wiener Dirigenten, Komponisten und Chansonier H.K. Gruber.
Seit Jahren gastiert das Ensemble Modern immer wieder beim Weill-Fest. In diesem Jahr war es sogar als vielköpfiger und vielstimmiger „Artist-in-Residence" zu erleben und nutzte die Gelegenheit, sich an vier Terminen in ganz verschiedenen Facetten zu präsentieren. Auch das alte „Berlin im-Licht-Programm" unter Gruber war wieder zu hören, allerdings mit etwas weniger Weill, dafür einigen politischen Liedern von Hanns Eisler. Man habe sich bemüht, Weill "als Prisma" zu benutzen, erklärte Roland Diry, Klarinettist und Hauptgeschäftsführer des Frankfurter Ensembles, beim einleitenden Festivalcafe. Im Rahmen dieses lebendigen Künstlergesprächs spielte der junge Geiger Filip Michal Saffray Musik für Violine solo von George Antheil, Paul Hindemith und dem deutsch-französischen Geiger Henri Marteau, der 1908 Nachfolger Joseph Joachims an der Berliner Musikhochschule geworden war.
Ein Konzert in der Marienkirche mit der Sängerin und Stimmartistin Salome Kammer kombinierte unter der Überschrift "Nachtgesänge" Schönbergs „Pierrot Lunaire", Eislers „Palmström", Hindemiths „Die junge Magd" und die Suite aus Strawinskys „Geschichte vom Soldaten".
Im Bauhaus schließlich gab es Bläsermusik in Trio- und Quintettbesetzung der Weill Zeitgenossen Zemlinsky, Eisler, Schulhoff, Pavel Haas und Cage unter dem Motto "Round About Weill", Weill als "Türöffner" in die verschiedensten Richtungen, wie Festival-Intendant Michael Kaufmann es nennt, ist sicher eine ausgesprochene Chance und Stärke des Dessauer Festivals.
Man stelle sich einen ähnlich erhellenden Pluralismus bei den Bayreuther Festspielen vor: Wagner plus Brahms im Sinfoniekonzert, „Lohengrin" neben „Genoveva", „Pariser Leben" und der zweite Akt von „Parsifal" , Teile aus dem „Ring" in Verbindung mit Stockhausens „Licht!". Andererseits zeigt der Vergleich mit Bayreuth auch die Dessauer Schwäche.
Undenkbar wäre es, den Musikdramatiker Wagner auf seine Instrumentalwerke und populäre Ausschnitte aus den Opern zu reduzieren. Beim Bühnenkomponisten Weill aber kämpfen die Intendanten des Weill-Festes seit Jahren darum, nicht immer wieder die etablierte „Dreigroschenoper", das „Mahagonny"-Songspiel, die gleichnamige Oper oder die „Sieben Todsünden" zu wiederholen. Doch vor einer Aufführung der übrigen Opern, Operetten und Musicals stand lange Jahre die Zurückhaltung des Anhaltischen Theaters und der New Yorker Kurt Weill Foundation.
So darf man schon als großen Schritt werten, dass diesmal am Anhaltischen Theater nicht nur die Vorjahresproduktion von Weills Broadway-Erfolg „One Touch of Venus" zu sehen war, sondern auch die gewichtige Neuinszenierung einer weiteren Rarität: Intendant André Bücker und GMD Antony Hermus kombinierten Ruggero Leoncavallos beliebten Einakter „I Pagliacci" (auch "Der Bajazzo") mit Weills frühem expressionistischem Einakter „Der Protagonist" von 1924/25 - eine bislang noch nirgends gewagte Zusammenstellung, die nicht nur Repertoirefähigkeit nach dem Festival verheißt, sondern auch den inneren Bezug der beiden Stücke freilegt, In beiden Fällen geht es um die Tötung einer Frau im Affekt durch einen Schauspieler in Aktion.
Während allerdings Canio im „Bajazzo" seine Frau im Rahmen einer Aufführung umbringt, nachdem Tonio ihm ihre Untreue hinterbracht hat, tötet der Protagonist in Georg Kaisers Libretto zu Weills Oper seine eigene Schwester bei einer Probe, während der er sich in krankhafte Eifersucht gesteigert hat.
Und während bei Leoncavallo der Vorhang unmittelbar nach der Tragödie schließt, liefert Kaisers Held noch den zynischen Kommentar eines egomanen Künstlers zu seiner eigenen Tat ab. Kaiser dürfte mit diesem Szenario seinen eigenen Schrecken über den Realitätsverlust eines übersteigerten Expressionismus verarbeitet haben. Weill wiederum kritisiert die dramaturgischen Tricks des italienischen Verismo, wenn er dem Protagonisten am Ende dessen musikalischen Tonfall unterschiebt.
Das Regieteam (mit Ausstatter Oliver Proske und Choreografin Gabriella Gilardi) kam im „Protagonisten" den Intentionen der Autoren sehr nahe und schaffte es zudem, die bei den Stücke auf intelligente Weise zu verklammern. Auch die von den Zeitgenossen bezeugte enorme Bühnenwirksamkeit des Weill'schen Opernerstlings war zu spüren.
Angus Wood kam mit der anstrengenden Titelrolle darstellerisch und sängerisch ausgezeichnet zurecht, und die Anhaltische Philharmonie spielte mit Präzision, Farbenreichtum und Ausdruckswillen, wie man sie auch von renommierteren Orchestern selten hört.
Einen gewichtigen Seitenblick in puncto Musiktheater tat das Festival mit Edmund Nicks Radio-Stück „Leben in dieser Zeit", das als Gastspiel der Staatsoperette Dresden unter dem Dirigat von Ernst Theis zu erleben war. Erich Kästner war 1929 mit einem Hörspielentwurf an die Schlesische Funkstunde Breslau herangetreten. Weill, mit anderen Arbeiten ausgelastet, hatte die Komposition abgelehnt und Nick, den damaligen musikalischen Leiter des Breslauer Senders, empfohlen. Formal eine Kantate für Chor, Solisten und Orchester, inhaltlich ein lebendiges Kaleidoskop aus der Sicht eines kritischen Moralisten, hatte das Hörspiel einen solchen Erfolg, dass der Komponist 1931 eine Konzert- und eine Bühnenfassung anfertigte. Interessanterweise klingen in der Partitur musikalische Stilebenen an, derer sich Weill erst später bediente. Man findet den Chanson-Tonfall, den Weill im Pariser Exil kultivierte, aber auch den amerikanischen Stil der ersten Musicals „Johnny Johnson" und „Knickerbocker Holiday". Sogar das lärmende Großstadt-Szenario von „Street Scene" kündigt sich als Idee bei Nick schon an. Kästners Texte haben sich überdies erstaunlich frisch gehalten. Dass viele Menschen anstelle des Herzen ein Telefon tragen, erscheint im Zeitalter der mobilen Kommunikation sogar noch aktueller.
Dessau als „Wiege der klassischen Moderne" - der Slogan, mit dem die Bauhausstadt seit einer Weile wirbt, bewahrheitet sich immer wieder. Wie es um die Zukunft der Dessauer Kulturlandschaft bestellt ist, bleibt vorerst offen. Hatten im Vorjahr die Blut-und-Tränen-Liste des Oberbürgermeisters und die darauf folgenden Demonstrationen für Nervosität gesorgt, so herrschte diesmal vor den Landtagswahlen die gespannte Ruhe des Abwartens. Der Schlüssel für die Zukunft des Anhaltischen Theaters und damit auch des Weill-Festes liegt bei der neuen Landesregierung.
31.03.2011, 11:23 | tags:
Ballett
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
875
Pressemitteilung vom 31.03.2011
Samstag und Sonntag im Anhaltischen Theater
Gleich zwei große Inszenierungen stehen am Wochenende auf dem Spielplan des Anhaltischen Theaters: Am Samstag, 2. April um 17 Uhr wird die neue Ballettinszenierung „Die Nibelungen: Siegfriedsaga“ von Tomasz Kajdanski gezeigt und am Sonntag, 3. April um 17 Uhr „Turandot“.
Kajdanski inszeniert und choreografiert mit „Die Nibelungen: Siegfriedsaga“ einen Ballettabend zu der Musik von Richard Wagner aus „Der Ring des Nibelungen“ in der Orchesterfassung von Carlos Kalmar, der zur Premiere euphorisch gefeiert wurde. Zur Musik von Richard Wagner entstehen beeindruckende Bilder von außergewöhnlicher Intensität. Es spielt die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Daniel Carlberg.
„Was Kajdanski mit nur 15 Tänzern, besonders der Solistenequipe, auf die Bühne wuchtet, ist sein Meisterstreich“ – so Volkmar Draeger, tanznetz.de, 27.03.2011
Mit „Turandot“, der Oper von Giacomo Puccini, hat Regisseurin Andrea Moses eine der populärsten Opern des 20. Jahrhunderts auf die Dessauer Theaterbühne gebracht: In der packenden Inszenierung geht es um Macht und Machtdemonstration, den ewigen Kampf der Geschlechter und um die große Liebe. Mit viel Ironie und Spielfreude verbindet Andrea Moses die verschiedenen Charakteristika dieses Werkes zu einem Medienspektakel im Turandot´s Riddle Club. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Generalmusikdirektor Antony Hermus.
„...auf Ensemblemitglieder wie Iordanka Derilova und Sergey Drobyshevskiy in den mörderischen Hauptpartien dürfte manch größeres Haus neidisch schauen.“ – so die FAZ, Oktober 2010
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
30.03.2011, 17:01 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
872
R. Erkens, Opernglas, April 2011
DESSAU
Der Protagonist / Pagliacci
Zum Auftakt des diesjährigen Kurt-Weill-Festes in Dessau präsentierte die Festivalleitung in Kooperation mit dem Anhaltischen Theater eine ungewöhnliche, aber höchst spannungsreiche Kombination zweier Kurzopern: Weills Operndebüt „Der Protagonist“, 1926 unter Fritz Busch in Dresden uraufgeführt, eröffnete den Premierenabend, gefolgt von Leoncavallos Repertoireklassiker „Pagliacci“. Der unterschiedliche Bekanntheitsgrad der Werke sticht sogleich ins Auge und legt die Vermutung nahe, dass hier der alte dramaturgische Kniff angewendet wurde, durch ein populäres Werk im zweiten Teil des Abends das Publikum bei der Stange zu halten und das Risiko leerer Sitzreihen zu verringern. Andere, stilistisch geschlossenere Kombinationsvarianten mit dem „Protagonisten“ wären mithin denkbar: Etwa Busonis „Arlecchino“, in dessen kompositorischem wie musikdramaturgischem Fahrwasser Weill eben auch schwimmt, oder mit seiner eigenen Ergänzung, die er zusammen mit dem Dramatiker Georg Kaiser zwei Jahre später für Leipzig komponiert hat, nämlich der komischen Oper „Der Zar lässt sich fotografieren“.
Doch ausschlaggebend waren für die Verantwortlichen wohl inhaltliche Bezüge, die in den Werken Weills und Leoncavallos vorhanden sind und die in verblüffender Deutlichkeit in dieser Produktion zutage traten. Das machte den Abend sehenswert. Die Werke allerdings gemäß ihrer historischen Entstehung aufzuführen, hätte dem Abend einen weitaus höheren intellektuellen Reiz verliehen. Denn was bei Leoncavallo in veristischer Ausdruckästhetik endet, ist bei Weill ins Pathologisch-Moderne gewendet. Die Zuschauer nach einem solchen Schlussbild aus dem Theater gehen zu lassen, wäre die raffiniertere, möglicherweise auch ergreifendere Variante gewesen.
Regisseur Andre Bücker unterstrich die Verbindungslinien beider Stücke durch das Bild des Todes, das hinter der Schauspielermaske hervorlugt. Das mit (zu) vielen kleindimensionierten Spielereien ausgestattete Bühnenbild von Oliver Proske bot einen sicheren Rahmen, wobei die Symbiose von Bühnenraum und Personenregie in den „Pagliacci“ weitaus besser glücken wollte als im „Protagonisten“. Besonders die Theater-auf dem-Theater-Szenen bei Weill, zwei recht langatmige Pantomimen, gerieten zur derben Klamotte ohne rechten Witz und Charme, eingeengt in kleine Spielkammern, in denen die Effekte häufig verkümmerten. Der Funke wollte nicht zum Publikum überspringen. Bei Leoncavallo dagegen sollte dann alles passen, sowohl der Klamauk zwischen Colombina und Arlecchino (mit schönem tenoralen Glanz gesungen von David Ameln) wie die (wiederum kleindimensionierte) Überraschung eines sich plötzlich drehenden Esstisches.
Zwei Stücke also mit gleicher Aussage und gleichem Ausgang:
Für diese vereinheitlichende Lesart variierte der Regisseur auch das Schlussbild der „Pagiiacci“, indem Silvio (wie der junge Herr im „Protagonisten“ neben der Schwester) neben der erstochenen Nedda bestürzt niederkniet und nicht von Canio erstochen wird. Wiard Witholt verkörperte in beiden Werken die Rolle des jungen Geliebten mit weichem, lyrischem Bariton. Überhaupt lag der größte Reiz bei der Suche nach Gemeinsamkeiten in der analogen Besetzung der Partien, soweit dies stimmtechnisch möglich erschien. lordanka Derilova in den Rollen Schwester / Nedda konnte dabei sowohl stimmlich wie auch darstellerisch vollends überzeugen. Farbenreich, kräftig und zugleich geschmeidig ist ihr Sopran, der es ihr erlaubte, beide Partien mit ihren unterschiedlichen Anforderungen schön und interessant zu gestalten.
Die Männer an ihrer Seite konnten da nicht ganz mithalten.
Angus Wood, der im ersten Teil die Partie des Protagonisten übernahm, mangelte es noch an Darstellungsvermögen, wie es diese Rolle erfordert. Sein Tenor ist bei leichtem Verlust der Strahlkraft in den Höhenlagen zuverlässig, zeigte aber wenig Fähigkeit zur charismatischen Interpretation. Die sich ins Pathologische steigernde Eifersucht, durchmischt mit inzestuöser Fixierung auf die Schwester, wurde nicht ausreichend ausgespielt. Darstellerisches Feuer besaß dagegen Sergey Drobyshevskiy als Canio fast im Übermaß: Sein Monolog "Recitar!. .. Mentre preso dal delirio" wurde zum musikdramatischen Höhepunkt des Abends, da er die Tragik der Situation schauspielerisch meisterlich bewältigte und einen sicheren Instinkt für den großen veristischen Stimmausbruch hat. Schade nur, dass er durch mangelnde Präzision weniger exponierte Passagen verschluderte.
In den Rollen des Wirts und des Tonio war Ulf Paulsen zu hören. Am Pult der Anhaltischen Philharmonie stand GMD Antony Hermus, der lebendig und mit sicherem Niveau den Premierenabend leitete.
29.03.2011, 14:44 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Finanzen
868
Udo Badelt, Opernwelt, April 2011
Berlin, Paris, New York
Das Kurt Weill Fest in Dessau will die Stationen seines Namenspatrons verfolgen
Dieser Platz trägt seinen Namen zu Recht: Stille herrscht auf dem Friedensplatz vor dem Anhaltischen Theater. Die gleiche Stille, die inzwischen in so vielen ostdeutschen Klein- und Mittelstädten zur Regel geworden ist. Auch Dessau ist zu groß für diejenigen, die geblieben und nicht nach Bayern oder Baden-Württemberg abgewandert sind. Abends belebt sich der Platz, Taxis kommen an, später erhellt ein Feuerwerk den Nachthimmel. Das Kurt Weill Fest wird eröffnet, und plötzlich merkt man, dass es in Dessau sehr wohl noch eine Stadtgesellschaft, ein Kulturbürgertum gibt.
Seit 1993 feiert es seinen berühmten Sohn - und versichert sich damit auch der eigenen Geschichte und Identität. Weill hat in Dessau nur die ersten 17 Jahre seines Lebens verbracht, bevor er nach Berlin ging, um Musik zu studieren. Im Nationalsozialismus spielt er als Jude natürlich keine Rolle, zumal er Deutschland früh verlassen hat. Aber auch in der DDR war er vergessen – verdrängt vom alles überschattenden Hanns Eisler. Erst nach der Wende hat man sich an ihn erinnert. Jetzt, nach Ende der Intendanz von Johannes Felsenstein, entfaltet sich das Weill-Fest mit neuer Energie. André Bücker ist Nachfolger Felsensteins und Michael Kaufmann, Ex-Intendant der Essener Philharmonie, Intendant des Festes.
Und doch stellt sich die Frage: Wie lange kann Kurt Weill allein das zehntägige Festival tragen? Schon jetzt versucht Kaufmann, den monothematischen Zuschnitt zu weiten. Mit dem Motto „Berlin im Licht“ unternimmt er einen ersten Schritt aus der Dessauer Nabelschau. Das Motto spielt auf einen Song an, den Weill 1928 anlässlich einer Beleuchtungsausstellung in Berlin geschrieben hat. Kaufmann will sukzessive die drei wichtigsten Stationen von Weills Leben in den Mittelpunkt stellen. 2012 soll Paris folgen, 2013 New York, wo Weill eine zweite Karriere als Musical-Autor gelang. Was kommt danach? Kaufmann ist nicht bange. „Als Festivalmacher“, sagt er, „ist es unsere Aufgabe, Geschichten zu erzählen. Es geht darum, vernünftige Kontexte herzustellen. Ich denke nicht, dass uns da der Stoff ausgeht.“ Künftige Kontexte deutet er nur an: etwa die Frage, warum Weill immer wieder zur Bühne zurückgekehrt ist und mit dem entstehenden Rundfunk eher wenig anfangen konnte - und inwiefern das bei der Interpretation heutiger medialer Tendenzen hilfreich sein kann.
Mit 570 000 Euro ist das Budget wahrlich bescheiden. Beachtlich, was damit auf die Beine gestellt wird: ein differenziertes Programm aus zwei Opern- und einer Musical-Aufführung, Konzerten der Anhaltischen Philharmonie und des Ensemble Modern, Familienkonzerten, Aufführungen von Filmen aus dem Berlin der 20er Jahre und Raritäten, etwa ein Konzert, das die Orgelfugen Johann Sebastian Bachs mit denen des Bauhausmeisters Lyonel Feininger kontrastiert. Beachtlich auch die Eröffnungspremiere im Anhaltischen Theater. Sie lässt vermuten, dass hier ein ganzes Haus hinter dem Festival steht. Weill schrieb seine erste Oper „Der Protagonist“ auf ein Libretto von Georg Kaiser. Sie wurde 1926 uraufgeführt und ist nur knapp eine Stunde lang. Andre Bückers Idee, sie mit Leoncavallos „Bajazzo“ zusammenzuspannen, ist bestechend. Nicht nur, weil der „Bajazzo“ aus der ewigen Ehe mit Mascagnis „Cavalleria rusticana“ befreit wird, sondern auch, weil die inhaltlichen Parallelen zwischen den im Abstand von rund 30 Jahren entstandenen Stücken frappant sind. Beide spielen Theater im Theater; in bei den wird die weibliche Hauptfigur aus Eifersucht von ihrem Bruder (Protagonist) bzw. Ehemann (Bajazzo) umgebracht.
Mit Verve und vollem Einsatz werfen sich Dessaus GMD Antony Hermus und die Anhaltische Philharmonie in Weills unablässig nach vorn treibende Klänge, die voller rasch aufeinanderfolgender Farb- und Stimmungswechsel sind, durchzuckt von dumpf-bedrohlichen Paukenschlägen und punktierten ostinaten Figuren. Eine Musik, die nicht schwelgt - anders als der metallisch timbrierte Sopran von lordanka Derilova, die in bei den Stücken die weibliche Hauptrolle mit Bravour ausfüllt. Angus Wood, der eifersüchtige Protagonist, ist dagegen ein zu freundlicher Mann. Der Wahnsinn seiner Figur wird zu keiner Sekunde so glaubhaft wie bei Sergey Drobyshevskiy als Canio im „Bajazzo“. Andre Bücker zeigt erneut, dass er als Regisseur ein Händchen für Personenführung hat.
Denkt Kaufmann angesichts der Weill-Kompetenz, die dieser Abend unter Beweis gestellt hat. über Kooperationen mit anderen Stadttheatern nach 7 Vorstellen kann er sich das gut, sagt er. Aber jetzt, im Frühstadium der Intendanz von Andre Bücker, sei es wichtig, dass dieser erst einmal dem Haus ein eigenes Profil verleiht. Anders als das Theater ist das Kurt Weil Fest nicht direkt betroffen von der großen Spardebatte, die Dessaus Oberbürgermeister Klemens Koschig vor einem Jahr vom Zaun gebrochen hat und die immer noch anhält. Das Fest wird größtenteils von Sachsen-Anhalt und nur zu einem geringen Teil von der Stadt bezuschusst. Bedrohlich ist die Lage dennoch, denn auch dem Land geht es schlecht. In seiner Eröffnungsrede hat Ministerpräsident Wolfgang Böhmer mal wieder laut darüber nachgedacht. Gelder an den Publikumszuspruch zu binden. Kaufmann schüttelt es natürlich angesichts solcher Ideen. Denn sie laufen darauf hinaus, dass bald landauf, landab nur noch die „Zauberflöte“ gezeigt wird. „Leider sind es meist gerade die Kulturfreunde, die schweigen“, sagt er. „Sie müssen begreifen, dass es um ihr kulturelles Erbe geht, aber dass sie dafür auch etwas tun müssen.“ Deshalb hält er die Debatte in Dessau auch für 50 wichtig. Deutschland wird geprägt von Städten dieser Größe. Ein Modellfall also.
21.03.2011, 14:57 | tags:
Musiktheater
855
Pressemitteilung vom 21.03.2011
„Der Protagonist” / „Der Bajazzo [I Pagliacci]“
EINE KOOPERATION MIT DEM KURT WEILL FEST DESSAU
Am Samstag, 26. März um 19.30 Uhr zeigt das Anhaltische Theater im Großen Haus die Inszenierungen „Der Protagonist“ und „Der Bajazzo [I Pagliacci]“, jenen Doppelopernabend, mit dem das 19. Kurt Weill Fest Dessau eröffnet wurde.
Die Kombination von Kurt Weills gefeierter Erstlingsoper „Der Protagonist“ mit einer der berühmtesten Opern des italienischen Verismo, „Der Bajazzo [I Pagliacci]“ ist, gerade wegen der starken inhaltlichen Parallelen, außergewöhnlich. Beide Opern erzählen eine fast identische Geschichte über Theater auf dem Theater, in denen das Spiel zwischen Realität und Fiktion verschwimmt und die die Wirren von Liebe, Eifersucht und Mord miteinander verknüpfen.
Weills und Leoncavallos Musik waren wegweisend für ihre Zeit und noch heute begeistert die ausdrucksvolle Klangsprache. Freuen Sie sich auf Angus Wood (als Protagonist), Sergey Drobyshevskiy (als Canio) und KS Iordanka Derilova in der Doppelrolle (als Cathrina /Nedda). In weiteren Rollen sind Ulf Paulsen, Wiard Witholt und David Ameln zu erleben. Unter der Leitung von GMD Antony Hermus musiziert die Anhaltische Philharmonie, der Opernchor und der Kinderchor des Anhaltischen Theaters.
[....]“Zum Auftakt ein doppeltes Debüt: Die Anhaltische Philharmonie unter ihrem Chefdirigenten Antony Hermus bereichert erstmalig die Musikerriege des Festivals und präsentierte in der Kombination der Weillschen Debütoper „Der Protagonist“ mit dem Repertoire-Klassiker „Pagliacci“ von Leoncavallo einen musikalisch wie inhaltlich spannenden Abend. – so Richard Erkens, Märkische Allgemeine, 1.März 2011
Weitere Termine „Der Protagonist “ / “Der Bajazzo [I Pagliacci]”:
16.04.2011, 17:00 Uhr; 24.04.2011, 17:00 Uhr; 28.05.2011, 19:30 Uhr
Karten unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und an der Abendkasse.
21.03.2011, 14:06 | tags:
Musiktheater
854
Pressemitteilung vom 21.03.2011
"Ein Maskenball (Un ballo in maschera)"
Am Donnerstag, 24. März um 19.30 Uhr zeigt das Anhaltische Theater Dessau die Oper „Ein Maskenball [Un ballo in maschera]“ im Großen Haus. Roland Schwab inszeniert dieses Intrigenspiel, als eine große Maskerade, in der Sein und Schein bald nicht mehr zu unterscheiden sind. Erzählt wird in der Oper von Giuseppe Verdi ein Königsmord, ein Drama über Leben und Tod des schwedischen Königs Gustav III. In einem fantastischen Bühnenbild und mit dem Spiel der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus entspinnt sich ein packender Thriller auf der Bühne. Zum letzten Mal wird die Inszenierung am 8. April um 19.30 Uhr zu sehen sein.
Mit: Angus Wood (König Gustav III. von Schweden), Ulf Paulsen (Graf René Anckarström), KS Iordanka Derilova (Amelia), Rita Kapfhammer (Ulrica Arvidson), Sharleen Joynt (Oscar, Page), Wiard Witholt (Christian, ein Seeman), Nico Wouterse (Graf Horn), Pavel Shmulevich (Graf Ribbing), Filippo Deledda (Arzt), Alexander Dubnov (Diener Amelias)
Weiterer Termin: 08.04.2011, 19.30 Uhr [Zum letzten Mal]
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
18.03.2011, 10:44 | tags:
Musiktheater
848
Pressemitteilung vom 18.03.2011
Künstler-Porträt
Heribert Germeshausen stellt Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters vor
In der Reihe Künstler-Porträt wird Heribert Germeshausen, Leitender Dramaturg Musiktheater / Operndirektion, am Sonntag, 27. März um 10.30 Uhr die kanadische Sopranistin Sharleen Joynt vorstellen. Das Anhaltische Theater Dessau lädt hierzu ins Foyer des Großen Hauses ein. Sharleen Joynt ist seit dieser Spielzeit Ensemblemitglied am Anhaltischen Theater Dessau, wo sie bereits als Oscar in „Ein Maskenball [Un ballo in maschera]“ und Adele in „Die Fledermaus“ brillierte. Bevor sie als Despina für die neue „Così fan tutte“ probt und Gastverträge als Zerbinetta an der Metropolitan Opera New York und in Israel erfüllt, wird sie im Gespräch mit Heribert Germeshausen von ihrem künstlerischen Werdegang erzählen. Dazu erklingt Musik von u.a. Leonard Bernstein und Georg Friedrich Händel.
Tickets zu 3,- Euro erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
17.03.2011, 07:39 | tags:
Musiktheater
847
Alexander Hauer, Der Opernfreund, Jan. 2011
DIE FLEDERMAUS
Mal wieder Dessau
Baden bei Wien, 1870
Schon in der Ouvertüre sieht man die Abgründe eines Kurortes. Anstatt in Badewannen Entspannung für steife Glieder zu suchen, treibt die Kurgesellschaft ein fröhliches „Wanne, wechsle dich“ Spiel. Badepartner werden so häufig getauscht, dass es schwerfällt die Übersicht zu bewahren, wer gerade mit wem „badet“. Und mitten drin ein düpierter Rechtsanwalt, eine Mischung aus Metternich und Coppolas Dracula. Ulf Paulsen gibt diesem Falke hinterlistige und grausame Züge. Sein Opfer ist der herrlich selbstherrliche Eisenstein, Wiard Withold, ein ewig Polternder, der sowohl seine Gattin als auch seine Bediensteten tyrannisiert. Aber das Leben ist gerecht, sowohl Gattin Rosalinde als auch Zimmerkätzchen Adele orientieren sich in andere Richtungen. Rosalinde, voll sinnlich warmen Sopran Angelina Ruzzafante, tendiert zu einem Techtelmechtel mit ihrem alten Bühnenpartner Alfred, Andrew Sritheran, Adele, präzise, aber sehr zart: Sharleen Joynt, will hinaus ins zweifelhafte Leben.
Der Weg dorthin führt über einen Ball beim Prinzen Orlowsky. Dieser Orlofsky wird in alter Dessauer Tradition von einem Tenor gesungen. David Ameln gibt dieses dicke Kind mit dünnen Beinchen auf eine erschreckende Art, brutal wie ein Pubertierender, der einen Erwachsenen spielt. Und das führt zu sehr komischen Momenten, insbesondere im Zusammenspiel mit seinem Kammerherrn Iwan, Joe Monaghan, der mit tänzerischer Präzision eine Melange aus Rasputin und messerschwingenden Dorfschläger gibt. Mehr als überzeigend ist auch der Frosch von Jan-Pieter Fuhr. Ein Reimgott und Wortverdreher jenseits aller Froschklischees, spielt er diesen KuK Unterbeamten voll hintergründigen Humor.
Hinrich Horstkotte bricht mit seiner Fledermaus mit neuen „Traditionen“. Er inszeniert ein genaues Sittenbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ohne peinliche Details offenzulegen. Der Ball bei Orlowsky ist ein wahrer Ball, elegante Menschen ergehen sich in sinnlichen Genüssen. Genau wie das Gefängnis ein trister Provinzknast ist.
Ein wichtiges Element in der Inszenierung ist neben den Kostümen das Bühnenbild. Martin Dolnik hat als roten Faden immer eine Badewanne auf der Bühne, selbst der Orlowsky Akt spielt in der Wanne und der Kronleuchter mutiert auch zum Wannenstöpsel. Als der Ball nach der wunderbaren Balletteinlage, choreographiert von Gabriella Gilardi, nach Strauß’ Schnell Polka op. 393 „Stürmisch in Lieb und Tanz“ zu eskalieren droht, Frank wieder in sein bürgerliches Leben als Gefängnisdirektor und Eisenstein endlich seinen Arrest antreten will, werden die beiden einfach durch den Abfluss in den Knast gespült, ein herrlicher Einfall.
Angelina Ruzzafante mutiert vom Hausmütterchen Rosalinde hin zur gefährlichen, tief dekolletierten Pusztadomina, deren „Klänge der Heimat“ wohl als absoluter Höhepunkt des zweiten Aktes gelten muss. Ansonsten dominieren die dunklen Stimmen, Ulf Paulsen als Dr. Falke und Wiard Witholts Eisenstein, zwei Markpunkte in der Baritonriege, Kostadin Arguirov als Falke in gewohnt überzeugenden Basstiefen. David Ameln lebt diesen Kindorlofsky, gibt ihm jugendliche tenorale Klänge. Die Rollen von Andrew Sritheran und Filippo Deledda als Dr. Blind sind leider zu kurz für das sängerische und komödiantische Talent der Beiden. Der Chor unter Helmut Sonne zu loben hieße Eulen nach Athen tragen, ebenso das Lob der Anhaltischen Philharmonie, die unter Wolfgang Kluge wienerisch-sinnliche Champagnerlaune auf höchstem Niveau verbreitete.
Eine „brave“, aber lustige und (ent)spannende Fledermaus endete auch in einer Sonntagnachmittagsvorstellung in begeisterten Applaus. Dessau lohnt sich nicht nur wegen der Oper.
Alexander Hauer, besuchte Vorstellung 19.12.2010
17.03.2011, 07:25 | tags:
Musiktheater
846
Alexander Hauer, Der Opernfreund, 16.03.2011
Der Protagonist & I Pagliacci
Zur Eröffnung des Kurt Weill Festes gab sich das Anhaltische Theater die Ehre zwei Opern über tödlich endeten Realitätsverlust zu geben. Weills selten gespielte Oper „Der Protagonist“ und Leoncavallos „I Pagliacci“.
Zweimal die „gleiche“ Oper, zweimal Frauenmord aus Eifersucht.
Weills Protagonist, 1926 in Dresden mit unglaublichen Erfolg uraufgeführt, beschäftigt sich weniger mit dem Mord, sondern eher mit der Frage: Wieweit dürfen Mäzene und Gönner in den laufenden Theaterbetrieb eingreifen. André Bücker kümmert sich aber weniger um diese Frage, die heute aktueller ist als je, sondern richtet seinen Focus auf das kriminalistische Geschehen. Im beweglichen Bühnenbild von Oliver Proske versucht er Gründe für den Mord zu finden.
Der Protagonist, Angus Wood, reist mit seiner Truppe und seiner Schwester, in Shakespeares Zeiten eher unüblich umher. Von einem zwielichtigen Wirt, Ulf Paulsen, werden sie argwöhnisch empfangen. Die Schwester, des Protagonisten, Iordanka Derilova, lässt ihren Liebhaber, Wiard Withold, nachkommen. Sie möchte den jungen Mann ihrem Bruder vorstellen. Man probt für den ortsansässigen Adel eine Komödie. In der ausgelassenen Probenstimmung sagt sie ihrem Bruder, dass sie einen Freund habe. Er lacht sie aus und wünscht ihn zu sehen. Sie geht um ihn zu holen. Aus einer Laune heraus, lässt der Herzog durch seinen Haushofmeister ausrichten, dass er lieber eine Tragödie sehen möchte. Schnell wird das Lustspiel um geprobt. Als die Schwester mit ihrem Liebhaber erscheint, verwechselt der Protagonist Sein mit Schein und ersticht die in seinen Augen Untreue.
Antony Hermus kommt mit der spröden, dem Moderne der zwanziger Jahre verhafteten Musik Weills bestens zu recht. Er leitet Orchester und Sänger mit schier schlafwandlerischer Sicherheit um die Klippen und Untiefen dieser Partitur. Iordanka Derilova und Angus Wood sind das (latent inzestiöse) Geschwisterpaar, beide kommen mit der hochdramatischen Partie im Zwölfton-Stil bestens zurecht. Wiard Withold als charmanter Liebhaber gewinnt mit sanftem Bariton. Ulf Paulsen kann als Wirt in einer sehr kurzen Partie überzeugen.
Der zweite Teil des Opernabends kam gefälliger daher. Die eher sentimentalen Verismoklänge Leoncavallos sind geläufiger. Aber auch hier lauert das Böse. Der Prolog von Ulf Paulsen weist schon darauf. Kaum merklich verwandelt sich der sympathische „Prolog“ in Tonio, bei Bücker kein bedauernswerter Behinderter, sondern ein hintertriebenes Dreckschwein. Sergey Drobyshevskiy gibt hier Canio, den Chef der Theatertruppe, Iordanka Derilova seine Frau Nedda. Wiard Witholt ist auch hier der Liebhaber. Von Nedda abgewiesen untergräbt Tonio das Verhältnis von Silvio und Nedda. Das Ende ist bekannt.
Die Anhaltische Philharmonie überzeugt auch im Verismofach genauso wie in der Moderne. Das Gesangspersonal wird von Bücker in guter Schauspielmanier geführt. Viel Wert wird auf ausdrucksstarkes Spiel gelegt, ohne dabei die gesanglichen Künste zu vernachlässigen. Die Szenen von Nedda mit ihrem ungeliebten Mann sind dabei genauso glaubwürdig, als auch ihre Amour fou mit Silvio. Der angesagte Sergey Drobyshevskiy teilte sich klugerweise seine Kräfte für das „Ridi, pagliaccio“ auf, gewann dann aber auf ganzer Linie.
Der Abend war dann der Triumpf der Stimmen und des Orchesters. Der Chor unter Helmut Sonne und der bezaubernde Kinderchor unter der Leitung von Dorislava Kuntschewa singen auf höchstem Niveau. Bückers Inszenierung lässt beide Stücke authentisch wirken, wenn ich persönlich auf den Auftritt der Komödiantentruppe im „Bajazzo“ per Fesselballon und das Kinderorchester, die Seiffener Engelchen ließen freundlich grüßen, im Zwischenspiel auch verzichten könnte.
Für Freunde des selten gespielten Weill abseits der „Dreigroschenoper“ und „Mahagonny“ ein Muss, für Freunde des Verismo sicherlich eine Option.
10.03.2011, 14:44 | tags:
Musiktheater
836
Pressemitteilung vom 10.03.2011
„Die Stumme von Portici [La Muette de Portici]“
Das Anhaltische Theater zeigt am Donnerstag, 17. März um 16 Uhr „Die Stumme von Portici [La Muette de Portici]“ im Großen Haus. Mit der Oper von Daniel-François-Esprit Auber, inszeniert von André Bücker, kehrt eine der erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts auf die Dessauer Opernbühne zurück. Neben dem von Masaniello geführten Aufstand der Bürger Neapels gegen die spanischen Besatzer, steht die Liebesgeschichte seiner stummen Schwester Fenella mit dem Sohn des Vizekönigs Alphonse im Mittelpunkt der Handlung.
„Für André Bücker wurde seine emotionsgeladene Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Antony Hermus und Chordirektor Helmut Sonne zu einem nicht nur musikalischen Triumph mit einem erstklassigen Sängerensemble, das keinen Vergleich mit großen Opernhäusern zu scheuen braucht. Packendes Musiktheater, das ungemein fesselt" - so Orpheus, Juli/August 2010.
Weitere Aufführung: 22.04.2011, 17 Uhr [Zum letzten Mal!]
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 / 2400-258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 / 2511-333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
10.03.2011, 11:37 | tags:
Musiktheater
835
Herbert Henning, Orpheus, März / April 2011
Dessau
Champagner in der Badelounge
Die Inszenierung von Strauß' „Die Fledermaus“ am Anhaltischen Theater ist im wahrsten Sinne des Wortes ein (kollektiver) Badespaß. Hinrich Horstkotte hat den Ort der Handlung Baden bei Wien ganz wörtlich genommen und so bestimmen Badewannen nicht nur das inszenierte szenische Entree zur Ouvertüre.
Der Ball beim Prinzen Orlofsky spielt in einer überdimensional großen Badewanne, in der der Kronleuchter zum Stöpsel wird und im Finale der „Schwerenöter" Eisenstein in das Gefängnis von Frosch durch den Abfluss „gespült" wird. Und dieses Gefängnis befindet sich in der Kanalisation unter eben dieser Luxus-Badewanne - ein Einfall, der vom Publikum Sonderbeifall bekam.
Nicht nur die Anhaltische Philharmonie unter Wolfgang Kluge und der von Helmut Sonne prächtig agierende Chor sind in musikalischer Champagnerlaune. Das Ensemble der temperamentvollen, vom Regisseur selbst (Kostüme) und Martin Dolnik (Bühnenbild)) farbenprächtig und mit viel Witz und Anspielungen ausgestatteten Aufführung folgt mit großer Spiellaune den Intentionen des Regisseurs, der die Geschichte mit vielen originellen, zuweilen auch derb-komischen Einfällen und Slapsticks als eine parodistische Rachekomödie erzählt. Und selbst die immer wieder in diversen Badezubern zelebrierten Rituale (vornehmlich zu zweit) machen hier Sinn.
Mit großer Spielfreude und durchweg ansprechender sängerischer Leistung agiert das Ensemble, wobei Sharleen Joynt als Adele und Angelina Ruzzafante als Rosalinde vor allem mit wunderschönen Koloraturen auftrumpfen. Angus Wood als schmachtender Gesangslehrer Alfred singt sich liebestoll durch fast alle Tenorpartien. Ulf Paulsen ist ein umtriebiger, fast schon diabolischer Dr. Falke als "Spielmacher" des amüsanten Racheplanes und Wiard Witholt singt und spielt mit jungenhaftem Charme hinreißend den Gabriel von Eisenstein. Ein Kabinettstück liefert David Ameln als herrlich verschrobener übergewichtiger Prinz Orlofsky. Jan-Pieter Fuhr als Frosch und Faktotum von Gefängnisdirektor Frank (Kostadin Arguirov) hat das Schmunzeln über so manches Bonmot und anzügliche Frechheit auf seiner Seite. Dass die Damen und Herren des schmissigen Balletts (Choreografie: Gabriella Gilardi) sich mit langen Schwänzen als Ratten entpuppen, ist angesichts der Tatsache, dass man diese „niedlichen" Nager zuweilen in der Kanalisation findet, in Horstkottes Inszenierung nur folgerichtig.
08.03.2011, 18:37 | tags:
Musiktheater
, Kurt-Weill-Fest
830
George Loomis,The New York Times, 08.03.2011
Music Review
Kurt Weill Festival Focuses on One Man, With Many Beats
DESSAU, GERMANY — Despite near universal recognition of his genius, opportunities to experience works by Kurt Weill are not what they ought to be. Opera companies regularly take up “The Rise and Fall of the City of Mahagonny,” a masterpiece of his German years, but it never quite fits in as a repertory piece, whether because of Bertolt Brecht’s quirky libretto or the music’s popular idioms. After emigrating and reinventing himself as a Broadway composer, he met with deserved success, but none of his musicals achieved iconic status. And his instrumental compositions take second place to his stage works. Weill’s multiplicity of styles still seems to throw people off.
Those in major musical centers can nevertheless stay put and Weill’s works will come their way. For those who desire more, one possibility is theKurt Weill Festival in Dessau, where Weill was born in 1900 (he died in New York 50 years later.) The young composer’s talents quickly took him beyond Dessau — his last work there was in 1919 as assistant to the conductor Hans Knappertsbusch — but in 1993 a festival was established in his honor, which now embraces some 50 events over 17 days.
Dessau, which has a population of only 80,000, has another artistic claim to fame as the locale of the Bauhaus School of architecture in the 1920s and early ’30s. But Dessau’s East German heritage is all too evident today in its drab appearance. For those who go for music, the main structure is the Anhaltisches Theater, an imposing stone structure from the Nazi period built when plans existed for a big population increase. Seating 1,100, it somehow escaped the bombing that flattened most of the city and currently operates as a typical German regional theater. The festival is dependent on it for its theatrical performances, but, as the festival’s artistic director Michael Kaufmann said in an interview, the theater also recognizes a mission to perform Weill’s works, so cooperative collaboration is the rule.
This year brought “Der Protagonist,” Weill’s first opera and a great success at its 1926 Dresden premiere conducted by Fritz Busch. With a lurid subject drawn from a play by Georg Kaiser (who wrote the libretto), the one-act work is a choice example of the sensationalistic, psychologically oriented operas popular during the Weimar Republic. It concerns a theatrical troupe run by the Protagonist, an actor who is overly protective of his Sister. Unable to distinguish between illusion and reality, he kills her after she tells him she has a fiancé; at the close, he calls the murder his greatest theatrical performance. The brilliant score contains two extensive pantomimes conceived as entertainment for a Duke — the first a farce, the second (because of changed circumstances announced “Ariadne”-style by the Duke’s Major Domo) tragic. Brittle, sarcastic woodwinds characterize the first pantomime, to which Weill adds ominous strings for the second. Elsewhere an atonal style often prevails, creating musical diversity in which popular elements play no role.
André Bücker’s production is straightforward but adds some original touches, like having the troupe’s members wear blond wigs at a crucial point to resemble the Sister, thereby compounding the Protagonist’s confusion. Angus Wood’s strong, clear tenor and convincing acting made for an accomplished portrayal of the Protagonist, and Iordanka Derilova, an Isolde with the company, sang Sister with a gleaming dramatic soprano voice. The orchestra led by Antony Hermus dealt ably with Weill’s rich score.
“Der Protagonist” was done at the Santa Fe Opera in 1993, and, its grim subject notwithstanding, deserves to be more widely seen. In Dessau, it was paired with Leoncavallo’s “Pagliacci,” another opera about an itinerant dramatic troupe.
The children’s pantomime “Zaubernacht,” another early work, was performed in the handsomely restored Marienkirche in accordance with Weill’s musical intentions, thanks to the recent discovery of orchestral parts at Yale University. Expertly played by 10 members of the Arte Ensemble, a group drawn from the NDR Radio Philharmonic, it emerged as an enchanting divertimento-like sequence of numbers in a gentle neo-Classical style. Lasting nearly an hour, “Zaubernacht” involves the familiar story of children awakening during the night to witness wondrous sights. Choreography by the Nina Kurzeja Dance Theater involved a man with a horse’s head, a woman in a skeleton costume and a doll wearing a pink minidress.
The Broadway hit “One Touch of Venus” returned to the Anhaltisches Theater in Klaus Seiffert’s production last year. The 1943 musical demonstrates that Weill — who escaped Nazi oppression by ultimately settling in 1935 in New York — not only mastered Broadway style but that he supplied a peerless model for others. With lyrics by Ogden Nash, “Venus” stems from the days before Rodgers and Hammerstein sentimentalism took over, when musicals truly scintillated verbally. The madcap book by S.J. Perelman about a barber bringing a statue of Venus to life might seem dated, so it was no great loss that spoken dialogue was in German. But too many of Nash’s words did not come through, although it was good to hear the piece with real singers (the mezzo Ulrike Mayer) was Venus, Angus Wood — fresh from “Der Protagonist” — was the barber) and a real orchestra (conducted by Daniel Carlberg). Imme Kachel’s sets suggested Edward Hopper.
Hearing works by Weill’s contemporaries is part of the festival mix, and I caught part of a concert by the prestigious Ensemble Modern, including a compelling performance by the mezzo Salome Kammer of Hindemith’s highly expressive song cycle from 1922 “Die junge Magd.”
Mr. Kaufmann, the artistic director, focuses each year’s festival on a particular city that featured in Weill’s career, while also drawing on works that have had their premiere elsewhere. Berlin was favored this year, while next year brings Paris, a way station en route to New York that witnessed several notable pieces. A wealth of other music by this prolific and fascinating composer exists to supplant them.
Kurt Weill Festival. Dessau, Germany. Through March 13.
08.03.2011, 16:46 | tags:
Musiktheater
829
Pressemitteilung vom 08.03.2011
Turandot
Mörderische Rätselshow
Am Samstag, 12. März um 17.00 Uhr zeigt das Anhaltische Theater Puccinis Oper „Turandot“ im Großen Haus. Regisseurin Andrea Moses bringt mit „Turandot“ eine der populärsten Opern des 20. Jahrhunderts auf die Dessauer Theaterbühne: Prinzessin Turandot wird nur demjenigen Prinzen das Ja-Wort geben, der drei von ihr gestellte Rätsel lösen kann. Wer dies nicht vermag, verfällt dem Henker. In der packenden Inszenierung geht es um Macht und Machtdemonstration, den ewigen Kampf der Geschlechter und um die große Liebe. Mit viel Ironie und Spielfreude verbindet Andrea Moses die verschiedenen Charakteristika dieses Werkes zu einem Medienspektakel im Turandot´s Riddle Club.
Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Generalmusikdirektor Antony Hermus.
Mit: KS Iordanka Derilova, Angelina Ruzzafante, David Ameln, Sergey Drobyshevskiy, Pavel Shmulevich, Wiard Witholt und Angus Wood u.a.
„...auf Ensemblemitglieder wie Iordanka Derilova und Sergey Drobyshevskiy in den mörderischen Hauptpartien dürfte manch größeres Haus neidisch schauen.“ – so die FAZ, Oktober 2010
Die Operninszenierung „Turandot“ und das Schauspiel „Doktor Mabuse“ können auch mit einem Kombi-Ticket gebucht werden. Lassen Sie sich an zwei Abenden zu einem packenden Spiel mit Menschen unserer Zeit verführen - zusammen für nur 26,- Euro auf allen Plätzen. Die Termine können beliebig kombiniert werden.
Weitere Vorstellungen „Turandot“: 03.04.11, 17 Uhr; 05.06.11, 17 Uhr; 12.06.11, 17 Uhr und
„Doktor Mabuse“: 10.04.11, 17 Uhr ; 14.05.11, 17 Uhr; 26.06.11, 17 Uhr
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
03.03.2011, 11:30 | tags:
Musiktheater
820
Helmut Rohm, Volksstimme, 28.02.2011
Kurt-Weill-Fest beginnt mit Doppel-Opernabend am Anhaltischen Theater Dessau
Protagonist trifft Bajazzo: Viel Beifall und viel Distanz
Ein mitreißender Auftakt des 19. Kurt-Weill-Festes war es nicht. Vor allem in der Stückewahl für den Eröffnungsabend lag das – aber auch in der Umsetzung. Am ausverkauften Anhaltischen Theater hatten am Freitag in Kombination Kurt Weills erste, 1926 uraufgeführte Oper "Der Protagonist", komponiert mit 25 Jahren, und "Der Bajazzo" (I Pagliacci) von Ruggero Leoncavallo in der Inszenierung von André Bücker Premiere.
Ein Messer im vorderen Bühnenboden, mit Spotlicht stets mehr oder weniger durchweg präsent, lässt Schlimmes ahnen, macht zumindest neugierig. Und in beiden Stücken schlägt Spiel in Realität um, werden Liebe und auch geistiges Beherrschen anderer zu Verzweiflung, zu rasender Eifersucht, steigern sich zum Wahnsinn – und zum Mord.
Beide Opern, deren Entstehung 36 Jahre auseinander liegt, weisen Handlungsparallelen auf. Beide Male sind es freie Theatergruppen auf Gastspielreisen. Die Chefs, mal als Protagonist, mal als der Bajazzo, sind die jeweiligen Hauptdarsteller. Ihre Beziehungen zu Frauen bergen Dramatik, gleichsam tödlich endende Tragödie. Der Protagonist (Angus Wood) liebt seine Schwester (Iordanka Derilova). Ob nur schwesterlich oder mehr schon inzestuös, wird nicht ganz klar, soll es vielleicht auch nicht. Der als Bajazzo agierende Canio (Sergey Drobyshevskiy) liebt seine Ehefrau Nedda (auch die Derilova) eigentlich nicht, sieht sie wohl mehr als sein von ihm beherrschtes Eigentum.
Es geht um Theater auf dem Theater, und der Parallelität gibt Bühnenbildner Oliver Proske Optik. Der Zuschauer wird in beiden Stücken in ein dem gewaltigen stationären Bühnenportal angepasst fortgesetztes variables Wandsystem geführt, das sich fast nur abstrakt in eine englische Kneipe der Shakespeare-Zeit verwandelt und beim "Bajazzo" zu einer italienischen Piazza wird, auf die das Volk zu einer Aufführung kommen soll.
Iordanka Derilova und Angus Wood gelingt es im "Protagonisten" nur teilweise, die Exzessivität der inneren zerrissenen Gefühlswelt erlebbar zu gestalten. André Bückers slapstickartige "Einwürfe" mit stark angetrunkenen Mimen, Auf- und Abgängen, angedeuteten Tanzeskapaden könnten mit Weills Intention zu darstellerischer Verknüpfung in Vielfalt gedeutet werden, wirken jedoch zu aufgesetzt. Da sind die pantomimischen Aktionen in den von der Truppe gespielten Stücken schon wirkungsvoller.
Die Anhaltische Philharmonie unter ihrem GMD Antony Hermus intoniert die Weillsche Musik in ihrem spröden, illusionslosen und expressionistischen Stil. Musik, die von der Moderne Anfang der 20er Jahre beeinflusst wird. Gesang, der eher rezitativ und schon ein wenig songartig daher kommt. Wenig Aktion auf der Bühne. Einige Besucher verlassen die Premiere nach wenigen Minuten, einige mehr in der Pause. Bei vielen, die bleiben, ist Distanz zum Erlebten.
Mehr aktive Bewegung kommt mit dem "Bajazzo" (im italienischen Original und wie bei Weill auch mit Obertiteln) auf die Bühne. Die Musik ist flüssiger, die Melodien "angenehmer". Chor (Leitung Helmut Sonne) und Kinderchor (Leitung Dorislava Kuntschewa) mischen aktionsvoll mit. Die Bühne verwandelt sich mehr. Die Künstlertruppe wird mit einem Ballon eingefahren. Mit etwas Verwunderung versuchen die Zuschauer wohl, den Tanz des Volkes, das Warum des am Orchestergrabenrand "musizierenden" Kinderorchesters einzuordnen. Da sind die putzigen Holzvögel zu Neddas inniger Vogelfreiheitsarie eher hinzunehmen.
Sergey Drobyshevskiy und Iordanka Derilova kommen gut in Szene. In beiden Opern haben Ulf Paulsen (Wirt und Tonio), David Ameln (Hofhausmeister und Peppe) sowie Wiard Witholt (junger Mann und Silvio) bravourös agiert.
Der große Schlussbeifall rührt vor allem vom "Bajazzo" her. Auch der Weillsche "Der Protagonist" profitiert damit vom so entstandenen positiveren Gesamt-Premieren-Eindruck.
Die nächste Aufführung gibt es am 5. März um 17 Uhr.
03.03.2011, 11:22 | tags:
Musiktheater
819
Joachim Lange, Frankfurter Rundschau, 28.02.2011
Kurt-Weill-Fest Dessau
Ein Mord gehört dazu
Das Kurt-Weill-Fest in Dessau startet mit einem Operndoppel aus „Der Protagonist“ und Leoncavallos „I Pagliacci“: Leider hatte man nicht den Mut diesen kraftvollen Weill mit einem seiner Zeitgenossen zu kombinieren. Für den 36 Jahre älteren "Bajazzo" von Leoncavalli sprach die Ähnlichkeit des Sujets.
Der heute kaum noch vorstellbare Uraufführungseifer, den das Dresdner Musikleben im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auszeichnete, beschränkte sich keineswegs auf die Novitäten des Hausheiligen Richard Strauss. Neben Ferrucio Busonis „Doktor Faust“ und Paul Hindemiths „Cardillac“ gehörte 1926 auch Kurt Weills erste Oper „Der Protagonist“ in diese Reihe.
Dass der damals 26-jährige Schüler Busonis mit diesem Einakter selbstbewusst seinen eigenen Moderne-Ehrgeiz an den Tag legte, davon vermittelte jetzt, bei der Eröffnung des 19. Kurt-Weill-Festes in Dessau, vor allem der dortige GMD Anthony Hermus vom Graben aus zumindest einen Eindruck. Weills Musik verbindet die noch lebendige Tradition mit der vitalen Nervosität und dem Tempo seiner Zeit. Dieser Opernerstling machte ihn zu einem Hoffnungsträger für die Erneuerung des Genres. Nachhaltig berühmt gemacht haben ihn allerdings zwei Jahre später die geradezu volkstümlichen Songs der „Dreigroschenoper“.
Logischer Ausgangspunkt
Nachdem es „Der Protagonist“ vor acht Jahren schon einmal in Bregenz zu Festspielehren gebracht hatte, ist er nun der aktuelle Festival-Beitrag des Anhaltischen Theaters. Da man dort in den nächsten Jahren die drei Lebensstationen des 1933 vor den Nazis zunächst nach Paris und dann 1935 nach Amerika geflohenen Weill nachzeichnen will, ist sein „Protagonist“ der logische Ausgangspunkt. Allerdings hatte man nicht den Mut, diesen kraftvollen, durchaus ambitionierten Weill mit einem seiner Zeitgenossen zu kombinieren. Für den 36 Jahre älteren „Bajazzo“ von Leoncavallo sprechen allenfalls dessen Popularität und die Ähnlichkeiten des Sujets.
Es geht in beiden Stücken um einen egomanischen Schauspieler, der sich zu einem Eifersuchtsmord hinreißen lässt. Dabei bleibt die große Bühne, die Canio immerhin hat, als er seine untreue Nedda umbringt, seinem Bühnenbruder im Geiste, dem Protagonisten aus Georg Kaisers Stück und Weills Oper, wohl versagt. Der lässt sich nämlich schon bei der Probe im Gasthaus zum Mord an der heiß und über die erlaubten Grenzen hinaus geliebten Schwester hinreißen. Dass er dann auch noch die Justiz darum bittet, ihn erst nach der Vorstellung zu verhaften, weil das wohl die beste Rolle seines Lebens würde, ist die Pointe einer Selbstüberhebung, die den Exzentriker eben doch nur zum Mörder und nicht zum genialen Mimen macht.
Mit der szenischen Verschränkung beider Stücke, für die sich Intendant André Bücker bei seiner Inszenierung entschied, werden das Einheitsbühnenbild von Oliver Proske und die diffus unbestimmten Kostüme zu einer Falle.
Peinliche Choreographie
Die Verlängerung der Holzvertäflung des Bühnenportals, eine kleine Bühne auf der Bühne im Hintergrund und diverse ausfahrbare Schubkästen oder abklappbare Dächer bieten eben noch lange keine mordlüsterne Wirtshausatmosphäre für den Protagonisten, auch wenn der Wirt blutüberströmt und mit Hackebeil herumgeistert.
Dass Canio und seine Truppe mit dem Ballon einschweben, bleibt genauso aufgesetzt wie die peinliche Choreografie des Chores beim Kirchgang. Wenn dann noch eine Kinderkapelle im Zwischenspiel aufmarschiert und tut als ob, dann streift die Szene so den Kitsch, wie man es in Dessau zum Glück sonst nicht vorgesetzt bekommt.
Bestritten wird der Abend mit hauseigenen Kräften. Am überzeugendsten sind Ulf Paulsen erst als Wirt und dann als intriganter Tonio und Wiard Witholt, in beiden Fällen in der Rolle des Liebhabers. Iordanka Derilova macht sich mit ausgestellt schnippischer Geste die beiden gemeuchelten Frauengestalten (zu) dramatisch zu eigen.
Angus Wood hat als Protagonist zwar Kondition, aber kaum Dämonie, und Sergy Drobyshevskiy konzentriert sich (mit Erfolg) auf sein „Lache Bajazzo“. Immerhin, wenn es sonst an diesem Abend schon keinen echten Grund zur Freude gab. Das Publikum ließ sich die Festspiellaune nicht verderben und jubelte.
www.kurt-weill.de
01.03.2011, 19:20 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
815
Pressemitteilung vom 01.03.2011
Großes Wagner Wochenende
Zum letzten Mal steht am Samstag, 19. März um 16 Uhr Wagners „Lohengrin“ auf dem Spielplan - jene Inszenierung von Andrea Moses, mit der im Musiktheater die 215. Spielzeit fulminant eröffnet wurde, die 2010 für den Theaterpreis „FAUST“ nominiert war und die seither Gäste aus ganz Deutschland nach Dessau anzieht. Lohengrin“ ist ein Studie über die Undurchschaubarkeit einer durchmanipulierten Gesellschaft und der verbreiteten Sehnsucht nach einem machtvollen Führer.
„Wann hat man eine so kluge, lebendige Wagner-Aufführung zuletzt in Berlin erlebt? Dem Theater Dessau ist mit „Lohengrin" ein großer Wurf gelungen.“ – so der Tagesspiegel im Oktober 2009
Am Sonntag, 20. März um 17 Uhr lädt das Anhaltische Theater zum letzten Mal zur Großen Opern-Gala ein. Unter dem Titel „Sink hernieder, Nacht der Liebe“ werden die Highlights aus Wagners Schaffen präsentiert. Die Gralserzählung aus „Lohengrin“, „Isoldes Liebestod“, „Der Ritt der Walküren“ oder auch Brünnhildes Schlussgesang aus der „Götterdämmerung“ dürfen da neben zahlreichen weiteren Stücken nicht fehlen. Das Publikum kann sich also auf einen klanggewaltigen Abend freuen. Mitwirkende Solisten sind KS Iordanka Derilova, Angelina Ruzzafante, Ulf Paulsen, Pavel Shmulevich, Andrew Sritheran, Wiard Witholt und Angus Wood, begleitet von der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von GMD Antony Hermus und dem Chor des Anhaltischen Theaters. Die Moderation liegt in den Händen von Heribert Germeshausen.
„Hier etabliert sich (nach Andrea Moses’ aufsehenerregender ‚Lohengrin’-Inszenierung im vergangenen Jahr) wohl wieder das ‚Bayreuth des Nordens’“ – so die Musikzeitschrift Orpheus 2011.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Abendkasse und an der Theaterkasse im Rathaus-Center; Tel: 0340 / 2400 - 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; sowie über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 / 2511 - 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de.
01.03.2011, 11:38 | tags:
Musiktheater
, Kurt-Weill-Fest
810
Richard Erkens, Märkische Allgemeine, 01.03.2011
MUSIK: Klingendes Stadtporträt
Überraschungen sind Programm: Das Dessauer Kurt-Weill-Fest feiert diesmal „Berlin im Licht“
DESSAU - Wer es nicht vorher im Programm gelesen hatte, zuckte erst einmal zusammen: Nach dem Premierenabend knallte ein Feuerwerk über dem Vorplatz des Anhaltischen Theaters Dessau. Das hätten sich die Organisatoren des Kurt-Weill-Festes nicht passender ausdenken können, denn mit dem Lichtspiel am Himmel schien das diesjährige Festspiel-Motto „Berlin im Licht“ konkrete Gestalt anzunehmen.
Es verwies direkt auf das pulsierende Berlin der 20er Jahre wie auch auf den Komponisten Weill. Zu einer Werbemaßnahme der Berliner Gas- und Elektrizitätswerke erstrahlte schon damals die Metropole in Festbeleuchtung, und Weill schrieb einen schmissigen Slowfox dazu, dessen Titel nun zum Festival-Leitgedanken seiner Geburtstadt geworden ist. Dessau ist dadurch zwar nicht gleich Berlin, doch schafft es sich historisches Großstadt-Flair durch das ambitionierte, mit vielen Überraschungen gefüllte Konzertprogramm der nächsten Wochen. Die Lebensstationen Weills sind dabei richtungsweisend. Steht derzeit Berlin im Fokus, so werden die klingenden Stadtporträts der nächsten Jahre Paris und New York sein.
Zum Auftakt ein doppeltes Debüt: Die Anhaltische Philharmonie unter ihrem Chefdirigenten Antony Hermus bereichert erstmalig die Musikerriege des Festivals und präsentierte in der Kombination der Weillschen Debütoper „Der Protagonist“ mit dem Repertoire-Klassiker „Pagliacci“ von Leoncavallo einen musikalisch wie inhaltlich spannenden Abend. Der Theater-auf-dem-Theater-Effekt und das Thema Eifersucht verbinden beide Stücke.
Was in der Routine der Schauspieler als bloß fingierte Unterhaltung und derbe Posse erscheint, nämlich der eheliche beziehungsweise platonische Seitensprung, wird plötzlich zur eigenen Realität. Grenzen verschwimmen und Masken fallen, dann folgt die Katastrophe. Bei Leoncavallo unter veristischen Vorzeichen, bei Weill modern und ins Pathologische gesteigert. Die Zusammenstellung dieser Operneinakter faszinierte auch deshalb, weil beide zentralen Sopranpartien von Iordanka Derilova verkörpert wurden. An ihr entzündete sich die männliche Eifersucht und erlosch auf tragische Weise.
Neue Blicke auf das Werk Weills zu werfen und seine Moderne mit der heutigen in Bezug zu setzen, das verspricht auch das weitere Festival-Programm. Auf der großen Opernbühne wird abermals sein hitsicheres Broadway-Musical „One Touch of Venus“ zu sehen sein. Daneben lassen aber auch Entdeckungen wie das Hörspiel „Leben in dieser Zeit“ von Erich Kästner mit der Musik des Komponisten Edmund Nick aufhorchen. Die Staatsoperette Dresden gastiert mit dieser Produktion in Dessau.
Höhepunkte versprechen die Konzerte mit dem international renommierten Ensemble Modern zu werden, das in diesem Jahr als Artist-in-Residence gewonnen werden konnte. Offenheit, Vielfältigkeit und Experimentierfreude zeichnen ihre Programme aus. Wie etwa bei den „Nachtgesängen“ mit Werken von Schönberg, Eisler, Hindemith und Strawinsky oder dem „Round about Weill“, einem weiteren kammermusikalischen Rundblick auf die erfindungsreichen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.
Weniger militant-avantgardistisch, aber dafür um so zeit- und zukunftsprägender war bekanntlich der Siegeszug des Kinos. Leinwandklassiker von „Berlin Alexanderplatz“ bis zum „Blauen Engel“ sind in der Filmreihe im Kiez zu erleben, während mit der Vorführung eines Silhouettenfilms von 1926 der Bogen zur Gegenwart geschlagen wird. Die neukomponierte Filmmusik von Renaud Garcia-Fons zu dem restaurierten Streifen „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ wird ebenfalls im Bauhaus ihre Uraufführung erleben.
Eine weitere Rarität, die das Ineinander der Künste auf
ungeahnte Weise bewusst macht, erklingt in der Kirche. Wer den Namen Lyonel Feininger hört, wird wohl eher an Bilder mit vielfältig abschattierten Farbflächen denken – und kaum an Fugen für Orgel. Die hat der Maler nach dem Vorbild Bachs aber auch komponiert. Wolfgang Sieber wird beide in der Johanniskirche gegeneinander antreten lassen und damit auch einen Raum der Tradition imaginär zum Leuchten bringen.
Kurt-Weill-Fest Dessau, noch bis 13. März. Programm unter www.kurt-weill.de.
28.02.2011, 09:34 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
806
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 28.02.2011
Der Tod macht die Musik
Die Welt ist eine Bühne ist eine Welt: Hinter dem Vorhang bauscht sich eine weitere Gardine, das Portal verlängert sich bis zum Horizont, die Kostüme sind von den Alltagskleidern nicht zu unterscheiden - und die Schauspieler überschminken vor dem Spiegel ihre Masken. Die Selbstverhandlung des Theaters auf dem Theater, die sowohl in Kurt Weills "Der Protagonist" als auch in Ruggero Leoncavallos "I Pagliacci" ein zentrales Motiv darstellt, verdoppelt die Illusion mit dem Ziel ihrer Zerstörung. Und wenn am Ende beider Opern ein realer Mord geschieht, dann zeigt dies auf fatale Weise die Vermischung von Kunst und Leben - und ist doch wieder Theater.
Die Verknüpfung der beiden Werke bescherte dem Dessauer Kurt-Weill-Fest nun einen großen Eröffnungsabend im Anhaltischen Theater. Erstmals seit der Jubiläumsproduktion des "Kuhhandel" im Jahr 2000 inszenierte ein Hausherr wieder selbst - und anders als die anmaßende Karikatur seines Vorgängers zeigte André Bücker eine vielschichtige Deutung, die sich in den Dienst des selten gespielten Weill-Erstlings von 1926 und des Vorläufers von 1892 stellte. Einen wesentlichen Anteil am Gelingen des Konzepts hatte dabei das Bühnenbild von Oliver Proske.
Die Holzschachtel, in der die warme Farbe und die Ornamentbänder des Bühnenportals aufgenommen werden, entpuppt sich mit fortschreitendem Geschehen als magische Box voller Fenster und Türen, Schubladen und Verstecke. Da können sich Wände zum Kreuzgang einer Kirche öffnen, da kippen Dächer aus dem Himmel und da schieben sich Balkone in den Raum - eine Fülle von Spielorten und -anlässen, die von der Regie dankbar angenommen wird.
Als dramaturgische Klammer setzt Bücker zudem eine symbolische Figur: Ein Kind mit Schädelmaske rammt zu den ersten Klängen einen Dolch in die Mitte der Vorbühne, das Mord-Instrument ist von Anfang an präsent - und fortan macht der Tod die Musik. Auch das Orchester des Herzogs, mit dem der Protagonist sein Stück in Szene setzen soll, erscheint als Gruppe von Knochenmännern. Wenn im zweiten Teil der Kinderchor auf stummen Saiten spielt, spiegeln sich diese lärmenden Leichen in lautlosen Lebenden - so, wie sich die Handlung der Stücke vielfach wechselseitig reflektiert.
Das zieht sich bis in die Stimmfarben der Hauptfiguren hinein: In beiden Fällen ist der Prinzipal der Theatertruppe ein Tenor, der heimliche Liebhaber ein Bariton - und das Opfer ein dramatischer Sopran. Hinzu gesellen sich Boten und die niederen Chargen des Ensembles sowie - im Falle des "Pagliacci" - das Publikum. Mit Wiard Witolt (Junger Herr / Silvio), Ulf Paulsen (Wirt / Tonio) und David Ameln (Hausmeister / Peppe) kann das Haus auf ausschließlich eigene Kräfte zurückgreifen, die hinter wechselnden Masken gemeinsame Triebkräfte ihrer Gestalten sicht- und hörbar machen - in Abwandlung des Satzes aus Georg Kaisers Libretto "Figur ist gleich, nur grenzenlose Verwandlung gilt!".
Mit Angus Wood als Protagonist und Sergey Drobyshevskiy als Canio werden zudem zwei hoch gestimmte Herren aufgeboten, deren Timbres sich bei einer optimalen Disposition des Bajazzo noch besser ergänzen dürften. Immerhin findet Leoncavallos Held im Moment des größten Schmerzes auch zu jener Kraft, mit der Drobyshevskiy zuletzt in der "Turandot" begeisterte. Angus Wood hingegen hält nicht nur der ambitionierten Klangsprache des damals 25-jährigen Komponisten und dem elaborierten Text seines Librettisten stand, sondern bewährt sich mit seinen Mitspielern Cezary Rotkiewicz, Christian Most und Anne Weinkauf auch in den beiden großen, zentralen Pantomimen.
Mit diesen stummen Szenen hat Weill eine bleibende Herausforderung über mehr als 100 Takte geschaffen. Gabriella Gilardi füllt diese gewaltigen Intermezzi mit den Mitteln eines derben Volkstheaters, das bereits auf die obligatorischen Commedia-Szenen im "Pagliacci" verweist - und choreografiert dort dann einen Kirchgang, der auf die forcierten Auftritte der Theatermacher im "Protagonisten" zurückdeutet. Der leuchtende Solitär aber ist einmal mehr Iordanka Derilova, die an diesem Abend den doppelten Bühnentod stirbt, nachdem sie in beiden Stücken starke, liebende Frauen zum Leben erweckt hat. Wenn sie als Nedda verzweifelt versucht, aus dem echten Konflikt mit Canio in die Harmlosigkeit der Komödie zurückzufinden, dann schließt sich ein Kreis - und man hört Leoncavallos Finale mit an Weill geschulten Ohren.
Beide Klangsprachen sind bei Antony Hermus in besten Händen, selbst wenn die Anhaltische Philharmonie am Ende ein wenig mit ihrer Konzentration zu kämpfen hat. Der nervöse, kleinteilige Gestus des jungen Weill fordert eben doch Tribut, gemeinsam mit den von Dorislava Kuntschewa und Helmut Sonne exzellent gearbeiteten Chören aber gelingt eine großartige Ensemble-Leistung. Und beiläufig wirkt das Ganze auch wie eine Antwort auf die Festakt-Ansprache des scheidenden Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer, der einmal mehr freihändig über An- und Zuspruch der Theater im Land sinniert hatte. Hier stimmt beides!
Nächste Vorstellungen: 5. März, 17 Uhr; 26. März, 19.30 Uhr
23.02.2011, 22:27 | tags:
Musiktheater
802
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 24.02.2011
Überraschungen aus dem Holzportal
Hier noch eine Schublade, da ein versteckter Mechanismus und dort klappt etwas auf. Die beiden Herren, die da bei der Matinee im Theaterfoyer vor einem Modell in Puppenstubengröße stehen, können kaum von der "Zauberkiste" - wie sie sie nennen - lassen. Es sind Bühnenbildner und Regisseur der diesjährigen Eröffnungsproduktion des Kurt-Weill-Festes. André Bücker und sein Gastausstatter Oliver Proske schenken dem Fest als Inszenierung des Anhaltischen Theaters zwei Operneinakter: Kurt Weills "Der Protagonist" und Ruggero Leoncavallos "Der Bajazzo". Nach dem Festakt zur Eröffnung des Weill-Festes ist 19 Uhr die Premiere auf der Bühne des Großen Hauses zu erleben.
Technische Abteilungen gefordert
Von der Herausforderung, beide Stücke an einem Abend zu erzählen, berichteten Regisseur und Bühnenbildner bei der Matinee zur Operneinführung einem interessierten und zahlreichen Publikum. Zwar sei die Handlung im "Protagonist" und im "Bajazzo" fast gleich, umso verschiedener aber seien die Spielorte. Da gibt es die enge Kneipe in England und den sonnigen Marktplatz in Italien. Oliver Proske dachte dies zusammen und nahm für sein Bühnenbild das Holzportal des Anhaltischen Theaters auf.
"Es geschehen ganz merkwürdige Sachen in diesem Raum", machte André Bücker neugierig, dankbar nahm er als Regisseur die Spielanlässe auf, die ihm sein Bühnenbildner bot. Beide dankten ausdrücklich den Werkstätten des Hauses. "Das Bühnenbild hat den Ehrgeiz unserer technischen Abteilungen herausgefordert, aber auch große Freude bereitet", so Bücker. Dass Oliver Proskes Bühnenbilder auch dem Publikum immer wieder Freude und so manche Überraschung bieten, war schon mehrfach in Dessau zu erleben.
Proske, Sohn eines Flugzeugbauers und 1971 in Johannesburg geboren, gründete nach dem Produktdesign-Studium in Hamburg 1998 am Dessauer Bauhaus mit seiner späteren Ehefrau Nicola Hümpel die Theatergruppe "Nico and the Navigators", deren erste Produktion "Ich war auch schon einmal in Amerika" im Alten Arbeitsamt lief. "Lucky days, Fremder!"oder auch "Eggs on Earth", "Lilli in putgarden" und "Der Familienrat" entstanden in der Folge in Berlin und waren immer wieder als Gastspiele am Bauhaus zu sehen. Mit über 100 Gastspielreisen war das freie Ensemble, das in Dessau seinen Ursprung hat, seitdem in zwölf Ländern zu sehen.
Mehrfache Wandlung
Besonders ist die Dessauer Inszenierung für Proske trotzdem: Erstmals arbeitet er ohne die Navigatoren. An den Betrieb eines Stadttheaters konnte er sich bereits im Vorjahr in Halle gewöhnen, als er mit Nicola Hümpel die Eröffnungsproduktion "Orlando" für das Händel-Fest umsetzte. Wenn am Donnerstag die Premiere in Dessau stattfindet, wird seine Partnerin in Halle bei der Wiederaufnahme des "Orlando" dabei sein und danach zur Premierenfeier nach Dessau eilen.
Dann dürfte sich das Bühnenbild mehrfach verwandelt haben. "Ich baue nicht die Sandburgen, sondern Sandkästen", sagt Proske. Was die Sänger im Sandkasten zum Spielen fanden, weiß man am Donnerstag genauer.
22.02.2011, 13:11 | tags:
Musiktheater
, Kurt-Weill-Fest
800
Pressemitteilung vom 22.02.2011
Wiederaufnahme „One Touch of Venus“ [Ein Hauch von Venus] – Musical von Kurt Weill
Die glanzvolle Musical-Inszenierung „One Touch of Venus“ gehörte zu den Höhepunkten des Kurt Weill Fests 2010 und wird auf Grund der großen Resonanz zum diesjährigen Kurt Weill Fest noch zwei weitere Male, am 3. März um 19.30 Uhr und am 6. März um 17.00 Uhr gezeigt. Kurt Weills Broadwaymusical „One Touch of Venus“, 1943 uraufgeführt, war ein Riesenhit. Mehr noch, es war das erfolgreichste Musical Weills überhaupt, das es auf 567 En suite-Vorstellungen in New York brachte, anschließend mit Ava Gardner verfilmt wurde und einige der wunderbarsten Weill-Nummern überhaupt enthält.
Der Friseur Rodney Hatch weckt die Göttin der Liebe, indem er ihr einen Ring ansteckt, aus ihrem Marmor-Schlaf - und hat damit einen Plagegeist von olympischer Hartnäckigkeit auf dem Hals. Nicht nur seine Verlobte Gloria, für die das Schmuckstück eigentlich bestimmt war, wird durch die Begegnung mit dieser Extremistin des Begehrens zeitweise außer Gefecht gesetzt. Unter der Leitung von Daniel Carlberg musiziert die Anhaltische Philharmonie und präsentiert die motivreichen, auf Tanzrhythmen der 1920er Jahre basierenden Melodien. Songtexte und Kompositionen wie Swing, Tango, Rumba, Boogie und auch Walzer verschmelzen ausdrucksstark miteinander. Choreograf Mario Mariano führt das um Berliner Musical-Studenten verstärkte Ballett des Dessauer Theaters zu schwungvollen Straßenszenen.
IN KOOPERATION MIT DEM KURT WEILL FEST DESSAU
Inszenierung: Klaus Seiffert; Musikalische Leitung: Daniel Carlberg; Choreographie: Mario Mariano
Solisten: Ulrike Meyer (Venus), Angus Wood (Rodney Hatch), Ulf Paulsen (Whitelaw Savory), David Ameln (Taxi Black/Dr.Rock), Olivia Vermeulen (Molly Grant), Jan-Peter Fuhr (Stanley/Zuvetli), Kostadin Arguirov (Mrs. Moats/Komissar), Ulrike Hoffmann (Mrs. Kramer), Kristina Baran (Gloria Kramer)
Chor und Ballettensemble des Anhaltischen Theaters Dessau;
Studenten des Studiengangs Musical/Show der UdK Berlin;
Anhaltische Philharmonie Dessau
Karten unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr;
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und an der Abendkasse.
16.02.2011, 12:51 | tags:
Musiktheater
, Diverses
792
Pressemitteilung vom 16.02.2011
Start für die Anmeldung zum Scratch-Konzert
Zum Elbmusikfest 2011 zeigt das Anhaltische Theater vom 2. bis 5. Juni eine Werkschau der großen Inszenierungen dieser Spielzeit, beginnend mit LANDSCAPE– Kritik der Liebe, gefolgt von Mussorgskis CHOWANSCHTSCHINA und der vertanzten Erzählung DIE NIBELUNGEN: SIEGFRIEDSAGA bis hin zu Puccinis TURANDOT. Nach dem grandiosen Erfolg im vergangenen Jahr mit „Carmina burana“ lädt das Anhaltische Theater Dessau im Rahmen des Elbmusikfestes auch in diesem Jahr wieder Sangesbegeisterte zur Mitwirkung am Scratch-Konzert ein, welches am 4. Juni stattfinden wird. Damit soll die große Chortradition unserer Region, die im frühen 19. Jahrhundert ihre Wurzeln hat, neu belebt und in die Gegenwart fortgeschrieben werden.
Damals wie heute steht dabei das Gemeinschaftserlebnis im Mittelpunkt, die Freude an der Beschäftigung mit großartiger Musik und am Erarbeiten spezieller Chorwerke. Der Weg ist dabei das Ziel. Mitmachen kann jeder, der Spaß am Singen hat. Ein Vorsingen ist nicht notwendig. Erfahrung im Chorgesang ist natürlich von Vorteil und eine individuelle Vorbereitung erwünscht. Die Organisatoren um GMD Antony Hermus setzen auch in diesem Jahr wieder alles daran, diesen Tag zu einem unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen.
Für das diesjährige Scratch-Konzert (zugunsten von UNICEF) wurden gleich mehrere fantastische Chorwerke ausgewählt: das Schicksalslied op. 54 von Johannes Brahms, der Gefangenenchor aus „Nabucco“ von Giuseppe Verdi (in italienischer Sprache), Kinderchöre aus der Kinderoper „Oskar und die Groschenbande“ von Christoph Reuter und das Finale der 9. Sinfonie d-Moll op. 125 von Ludwig van Beethoven.
Anmeldungen sind ab 16. Februar 2011 an der Theaterkasse im Rathaus-Center oder im Internet unter: www.anhaltisches-theater.de/scratch möglich. Die Teilnahmegebühr beträgt: 15,- Euro/ermäßigt 10,- Euro/Kinder 5,- Euro. In der Teilnahmegebühr enthalten ist eine Versorgung mit Speisen und Getränken während der Probenpausen am 4. Juni.
Anmeldeschluss ist der 12. Mai 2011.
Weitere Informationen zum Scratch-Konzert und zur Anmeldung unter: www.anhaltisches-theater.de/scratch.
15.02.2011, 13:06 | tags:
Musiktheater
789
Pressemitteilung vom 15.02.2011
Premiere „Der Protagonist” / „Der Bajazzo [I Pagliacci]“
Eröffnungspremiere des Kurt Weill Fests Dessau 2011
Das Anhaltische Theater und das Kurt Weill Fest Dessau laden am 25. Februar um 19 Uhr zur Premiere der Opern „Der Protagonist“ und „Der Bajazzo [I Pagliacci]“ ins Große Haus ein und eröffnen mit diesem Doppelopernabend das 19. Kurt Weill Fest Dessau.
Die Kombination von Kurt Weills gefeierter Erstlingsoper „Der Protagonist“ mit einer der berühmtesten Opern des italienischen Verismo, „Der Bajazzo [I Pagliacci]“ ist, gerade wegen der starken inhaltlichen Parallelen, außergewöhnlich. Für André Bücker (Regie) und Oliver Proske (Ausstattung) liefert dieses zweimalige Erzählen einer fast identischen Geschichte über Theater auf dem Theater besonders reichhaltige Möglichkeiten das Spiel zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen, die Wirren von Liebe, Eifersucht und Mord miteinander zu verknüpfen.
Der Protagonist / Oper in einem Akt von Kurt Weill / Text von Georg Kaiser
In dem Einakter von Kurt Weill probt der Prinzipal einer Komödiantentruppe wie ein Besessener die Pantomimen, die am Abend vor dem Herzog gegeben werden sollen. Seine Schwester, die er sehr verehrt, vermag als einzige ihn in die Realität zurückzuholen. Doch sie hat ihm ihre Beziehung zu einem jungen Mann verschwiegen. Als die Schwester in der Probe erscheint, um ihren Geliebten vorzustellen, verwechselt der Protagonist Spiel und Realität und ersticht sie.
Der Bajazzo [I Pagliacci] / Oper in zwei Akten und einem Prolog von Ruggero Leoncavallo
In Leoncavallos „Der Bajazzo [I Pagliacci]“ steht ebenfalls der Prinzipal einer Schauspielertruppe im Mittelpunkt. Canio, ertappt kurz vor der Vorstellung seine Ehefrau Nedda in flagranti mit ihrem Liebhaber. In der abendlichen Komödie muss er dann Bajazzo, den gehörnten Ehemann, spielen und die Komödie wird immer mehr zum tödlichen Ernst, bis Canio-Bajazzo Colombine-Nedda ermordet.
Weills und Leoncavallos Musik waren wegweisend für ihre Zeit und noch heute begeistert die ausdrucksvolle Klangsprache. Freuen Sie sich auf Angus Wood (als Protagonist), Sergey Drobyshevskiy (als Canio) und KS Iordanka Derilova in der Doppelrolle (als Cathrina /Nedda). In weiteren Rollen sind Ulf Paulsen, Wiard Witholt und David Ameln zu erleben. Unter der Leitung von GMD Antony Hermus musiziert die Anhaltische Philharmonie, der Opernchor und der Kinderchor des Anhaltischen Theaters.
Musikalische Leitung: GMD Antony Hermus; Inszenierung: André Bücker; Ausstattung: Oliver Proske Choreinstudierung: Helmut Sonne; Dramaturgie: Sophie Walz
Der Protagonist
Angus Wood (Protagonist),
KS Iordanka Derilova(Schwester), Wiard Witholt (Der junge Herr), David Ameln (Der Hausmeister des Herzogs), Ulf Paulsen/Stephan Biener (Der Wirt), Cezary Rotkiewicz | Adam Fenger/Christian Most |
Ines Peter/Anne Weinkauf (3 Schauspieler)
Der Bajazzo [I Pagliacci]
Sergey Drobyshevskiy (Canio),KS Iordanka Derilova (Nedda), Ulf Paulsen (Tonio), David Ameln (Peppe), Wiard Witholt (Silvio), Tomasz Czirnia/Jerzy Dudicz(1. Bauer), Filippo Deledda/Alexander Dubnov (2. Bauer)
Anhaltische Philharmonie und Damen und Herrn des Opernchors
IN KOOPERATION MIT DEM KURT WEILL FEST DESSAU
Weitere Termine „Der Protagonist “ / “Der Bajazzo [I Pagliacci]”:
05.03.2011, 17:00 Uhr; 26.03.2011, 19:30 Uhr; 16.04.2011, 17:00 Uhr; 24.04.2011, 17:00 Uhr; 28.05.2011, 19:30 Uhr.
Karten unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr;
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr;
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und an der Abendkasse.
10.02.2011, 14:46 | tags:
Musiktheater
788
Pressemitteilung vom 10.02.2011
Matinee zur Premiere „Der Protagonist/Der Bajazzo [I Pagliacci]“
Vor der Premiere der Opern „Der Protagonist“ von Kurt Weill und Ruggero Leoncavallos „Der Bajazzo [I Pagliacci]“ lädt das Anhaltische Theater am Sonntag, 20. Februar um 10.30 Uhr zu einer Matinee ins Foyer des Großen Hauses ein.
Regisseur André Bücker und sein Team werden einen ersten Einblick in die stilistisch so unterschiedlichen Opern geben, die jedoch eine sehr ähnliche Geschichte erzählen.
Die Hauptdarsteller, Iordanka Derilova, Angus Wood und Sergey Drobyshevskiy präsentieren
aus beiden Werken Auszüge. Generalmusikdirektor Antony Hermus erklärt, wie Kurt Weill und Ruggero Leoncavallo mit ihrer Musik in diesen Opern ins Milieu der Komödianten entführen.
Das Publikum darf sich auf eine informative und musikalisch genussvolle Stunde am Sonntagvormittag freuen.
Am 25. Februar hat der Operndoppelabend um 19 Uhr im Großen Haus Premiere und eröffnet damit das diesjährige Kurt Weill Fest Dessau.
Der Eintritt für die Matinee beträgt 3,- €, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf den Kartenpreis angerechnet wird.
Karten unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und an der Abendkasse.
09.02.2011, 09:20 | tags:
Musiktheater
, Theaterpaedagogik
787
Hans Schmidt, Stadtmagazin INGO (Wittenberg), Febr. 2011
Ein Schaf begibt sich auf Namensuche
Manchmal haben Menschen Angst davor, eine Aufgabe zu übernehmen. So geht es auch Lorenzo, der heute noch Prinz ist und morgen schon König werden soll. Er flüchtet und begegnet auf seinem Weg einem Schaf. Das Schaf hilft ihm, sich vor seinen Verfolgern zu verstecken und daraufhin wird mit einem Handschlag eine lebenslange Freundschaft besiegelt.
Und genau da beginnen erst die richtigen Probleme für das Schaf. Erstmals in seinem Leben hat es einen Freund gefunden, aber der Freund weiß nicht, wie er es ansprechen soll. Denn: das Schaf hat keinen Namen. So begibt sich das Schaf in die weite Welt hinaus, um den passenden Namen für sich zu finden.
Auf der Studiobühne des Alten Theaters Dessau wird die Geschichte des Schafes in einer Musiktheaterinszenierung für Kinder gezeigt. Dirk Schmeding hat die Kinderoper von Sophie Kassies mit Schauspielern, Sängern und Musikern besetzt. Es erklingt Musik von Georg Friedrich Händel, Claudio Monteverdi, Henry Purcell und Antonio Vivaldi. Die Autorin hat den bekannten Arien neue Texte gegeben, die das Spiel auf der Bühne voran treiben. Die Solistinnen Sharleen Joynt (Sopran) und Anne Weinkauf (Mezzosopran) bewältigen nicht nur diese Lieder mit Leichtigkeit, sondern wirken auch aktiv in der Handlung mit. Gleiches gilt für die beiden Musiker Boris Cepeda (Cemballo) und Gerald Manske (Cello). Die häufigsten Rollenwechsel muss jedoch Matthieu Svetchine bewältigen. Er erscheint als Prinz Lorenzo, als Torwächter, als Dolores, als Gastgeber und als Engel. Seine Auftritte werden von dem jungen Publikum mit ganz viel Beifall versehen. Viel Sympathie zeigen die kleinen Theatergäste auch für Eva Marianne Berger, die in die Rolle des Schafs geschlüpft ist. Ihre natürliche Spielweise begeistert.
Viel erlebt das Schaf auf seiner Suche nach einem Namen, manchmal Freudiges, manchmal aber auch Trauriges. Zum Schluss erscheint ein Engel, der ihm einen Namen in einem verschlossenen Briefumschlag überreicht. Wird das Schaf ihn öffnen? Das erfährt man beim Besuch der Vorstellung "Schaf" in Dessau-Roßlau.
Mit Leichtigkeit und Humor erzählt die Kinderoper von der Suche nach eigener Identität und von der Sehnsucht, etwas Besonderes zu sein. Die Schlusspointe wird von den Kindern sehr gut verstanden, wie INGO an Gesprächen nach der Aufführung feststellte. Die jungen Theatergäste sprachen mit ihren Begleitpersonen, zum Teil Oma und Opa, zum Teil auch Kindergärtnerinnen oder Lehrer, über die Entscheidung des Schafes und fanden sie gut. Erfreulich war auch, dass die Theaterpädagogin sowohl vor als auch nach dem Stück für Gespräche mit den Gästen bereitstand.
"Schaf" ist eine gelungene Inszenierung, die ganz junge Menschen sehr einfühlsam an das Theater heranführt und nachdrücklich beweist, dass es auch ohne Superstar-Shows geht.
31.01.2011, 18:07 | tags:
Musiktheater
777
mobil - Das Magazin der Deutschen Bahn, Febr. 2011
Hier spielt die Musik!
Sie fiebern mit "Fidelio" und "Aida" können Sie auswendig? Doch wissen Sie über die Spielstätten genauso gut Bescheid? mobil stellt Ihnen zehn wichtige deutsche Opernhäuser vor - mit Anekdoten zum Mitreden.
....
Oper am Anhaltischen Theater Dessau
Lange bevor die Bauhaus-Architekten ihre Pläne ausrollten, kannte die Kunstwelt Dessau als "Bayreuth des Nordens". Richard Wagner mochte die Stadt und vor allem ihr Theater und bat die Hofmusikkapelle um Hilfe für die Eröffnung seines Festspielhauses 1876 in Bayreuth. Das Dessauer Theater war später, neben Berlin und Leipzig, eines der ersten Häuser, das Wagners "Ring des Nibelungen" aufführte. Das Theaterhaus wurde mehrmals zerstört und neu aufgebaut, die Musiktheatertradition blieb erhalten. Heute prägt Andrea Moses die Oper mit "hochklassig-eigenenwilligen Regiearbeiten", so die Zeitschrift DIE DEUTSCHE BÜHNE.
Infos:www.anhaltisches-theater.de, Karten: 0340 2511 333.
12.01.2011, 12:14 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
760
Pressemitteilung vom 12.01.2011
Opern-Gala „Sink hernieder, Nacht der Liebe“
Am Samstag, 15. Januar um 17.00 Uhr lädt das Anhaltische Theater zur Großen Opern-Gala ein. Nachdem in der vergangenen Spielzeit die „Italienische Opern-Gala“ mit viel Begeisterung vom Publikum aufgenommen wurde, werden in der Gala mit dem Titel „Sink hernieder, Nacht der Liebe“ die Highlights aus Wagners Schaffen präsentiert. „Die Gralserzählung aus „Lohengrin“, „Isoldes Liebestod“, „Der Ritt der Walküren“ oder auch „Brünnhildes Schlussgesang“ aus „Die Götterdämmerung“ dürfen da, neben zahlreichen weiteren Stücken nicht fehlen. Das Publikum darf sich also auf einen klanggewaltigen Abend freuen.
Mitwirkende Solisten sind KS Iordanka Derilova, Angelina Ruzzafante, Ulf Paulsen, Pavel Shmulevich, Andrew Sritheran, Wiard Witholt und Angus Wood, begleitet von der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von GMD Antony Hermus und dem Chor des Anhaltischen Theaters. Die Moderation liegt in den Händen von Heribert Germeshausen.
„Hier etabliert sich (nach Andrea Moses´aufsehenerregender Lohengrin-Inszenierung im vergangenen Jahr) wohl wieder das "Bayreuth des Nordens". – so die Musikzeitschrift Orpheus 2011
Weitere Vorstellung: 20.03.2011, um 17 Uhr
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr sowie über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und auch an der Abendkasse.
10.01.2011, 09:59 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
755
Herbert Henning, Orpheus, Jan./Febr. 2011
Dessau
Wagner-Musik auf hohem Niveau
Aus ganz Deutschland waren nicht nur die "Wagnerianer" zur Richard-Wagner-Gala "Sink hernieder, Nacht der Liebe" ins Anhaltische Theater Dessau angereist. Und jeder künstlerische Beitrag der Sängerinnen und Sänger, des vortrefflich von Helmut Sonne einstudierten Opernchores und vor allem der Anhaltischen Philharmonie unter GMD Antony Hermus rechtfertigte den weiten Weg. Hier etabliert sich (nach Andrea Moses´aufsehenerregender Lohengrin-Inszenierung im vergangenen Jahr) wohl wieder das "Bayreuth des Nordens". Das musikalische dieser Wagner-Gala mit Ulf Paulsen und dem jungen stimmgewaltigen Pavel Shmulevich, mit Angus Wood und Wiard Witholt, vor allem aber mit Iordanka Derilova, die als Isolde, Kundry und Ortrud wahre Triumphe an diesem Haus feierte, wurde der Abend zu einem Erfolg des Musikalischen.
Mit "Einsam in trüben Tagen" debütierte die ausdrucksstarke Angelina Ruzzafante als Elsa, die sie in der Dessauer Inszenierung von Lohengrin ab Januar 2011 an der Seite des neuseeländischen Heldentenors Andrew Sritheran singen wird. Er überzeugte einmal mehr mit der ungekürzten Gralserzählung des Schwanenritters und bestach mit seiner leicht dunkel timbrierten Stimme. Mit der mitreißend (Bläser, Schlagwerk) intonierten Ouvertüre zu "Der fliegende Holländer" setzte zu Beginn das Orchester Glanzpunkte.
Wunderbar gelang es dem Dirigenten, sich auf die ganz unterschiedliche Gefühlswelt der Musik und die Empfindungen der Sänger einzustellen. Ulf Paulsen sang mit schwarzem Bass den Holländer-Monolog und gestaltet berührend mit Stimmgewalt Wotans Abschied. Aus "Das Rheingold" brachten Angus Wood "Immer ist Undank Loges Lohn" und Pavel Shmulevich Wotans "Abendlich strahlt der Sonne Auge" mit sängerischer Perfektion, die für den geplanten "Ring" aufhorchen lässt, zu Gehör.
Die Anhaltische Philharmonie entfachte mit dem "Ritt der Walküren" ein musikalisches Feuerwerk und begleitete subtil den Opernchor beim "Einzug der Gäste" wie auch beim Brautchor aus "Lohengrin". Mit Isoldes "Mild und leise, wie er lächelt" bewies die charismatische Iordanka Derilova einmal mehr ihre hohe Stimmkultur und wusste leise, aber auch dramatische Akzente zu setzen. Noch stärker gelang es ihr mit dem Schlussgesang der Brünhilde aus der "Götterdämmerung". Hier zeigte es sich, dass die Sängerin sich nun endgültig als hochdramtischer Sopran etabliert hat.
Übrigens wechselt in den Gala-Abenden das Programm. Iordanka Derilova debütierte beim zweiten mit der Ballade der Senta. Für März 2011 wird neben "Lohengrin" und der Richard-Wagner-Gala das Ballett "Die Nibelungen" nach Hebbel Premiere haben. Junge Sänger, wie Wiard Witholt, der wundervoll mit baritalem Glanz Wolframs "Lied an den Abendstern" sang, und der junge russische Bassist Pavel Shmulevich, der "Das schöne Fest Johannestag" aus den "Meistersingern" tadellos und sprachlich wohl artikuliert gab, garatieren am Anhaltischen Theater, dass die großen Vorhaben von GMD Antony Hermus nicht nur in Sachen Wagner glücken werden.
28.12.2010, 07:56 | tags:
Musiktheater
749
Pressemitteilung vom 27.12.2010
„Schaf“ - Musiktheater für Kinder
Das Anhaltische Theater Dessau zeigt am Dienstag, 4. Januar um 14.30 Uhr und am Sonntag, 9. Januar um 10.30 Uhr „Schaf“, eine Musiktheaterinszenierung für Kinder auf der Studiobühne des Alten Theaters.
Dirk Schmeding inszeniert die Kinderoper von Sophie Kassies als eine aufregende und musikalische Suche nach einem Namen für Schaf mit Schauspielern, Sängern und Musikern.
Diese erzählen mit Leichtigkeit und Humor von der Suche nach der eigenen Identität, von der Sehnsucht, besonders sein zu wollen und doch dazuzugehören. Die musikalischen Weggefährten auf dieser Reise sind Georg Friedrich Händel, Claudio Monteverdi, Henry Purcell und Antonio Vivaldi.
Als Solisten wirken mit: Sharleen Joynt (Sopran) und Anne Weinkauf (Mezzosopran), die indes nicht nur singen, sondern wie auch die Musiker Stefan Neubert und Gerald Manske ins Spiel einbezogen sind. Die kanadische Sängerin Sharleen Joynt ist neues Ensemblemitglied des Anhaltischen Theaters und ist u.a. als Oscar in „Ein Maskenball“ und als Adele in „Die Fledermaus“ zu sehen. Eva Marianne Berger ist als Schaf zu erleben. Matthieu Svetchine übernimmt seit dieser Spielzeit die Rolle des Lorenzo und ist u.a. in den Inszenierungen: „Doktor Mabuse“, „Des Teufels General“ und „Die Drei von der Tankstelle“ zu sehen.
Tickets und Informationen an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr, über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de sowie an der Abendkasse.
21.12.2010, 19:40 | tags:
Musiktheater
745
Pressemitteilung vom 21.12.2010
Packender Thriller auf großer Bühne - „Ein Maskenball [Un ballo in maschera]“
Am Sonntag, 26. Dezember um 17.00 Uhr zeigt das Anhaltische Theater Dessau die Oper „Ein Maskenball [Un ballo in maschera]“ im Großen Haus. Roland Schwab inszeniert dieses Intrigenspiel, als eine große Maskerade, in der Sein und Schein bald nicht mehr zu unterscheiden sind. Erzählt wird in der Oper von Giuseppe Verdi ein Königsmord, ein Drama über Leben und Tod des schwedischen Königs Gustav III. In einem fantastischen Bühnenbild und mit dem Spiel der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus entspinnt sich ein packender Thriller auf der Bühne.
Mit: Angus Wood (König Gustav III. von Schweden), Ulf Paulsen (Graf René Anckarström), KS Iordanka Derilova (Amelia), Rita Kapfhammer (Ulrica Arvidson), Sharleen Joynt (Oscar, Page), Wiard Witholt (Christian, ein Seeman), Nico Wouterse (Graf Horn), Pavel Shmulevich (Graf Ribbing), Filippo Deledda (Arzt), Alexander Dubnov (Diener Amelias)
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
21.12.2010, 19:11 | tags:
Schauspiel
, Musiktheater
744
Pressemitteilung vom 21.12.2010
Wiederaufnahmen im Januar
Gleich drei große Inszenierungen der vergangenen Spielzeit werden zu Beginn des neuen Jahres wieder in den Spielplan des Anhaltischen Theaters aufgenommen: „Die Stumme von Portici [La Muette de Portici]“, „Nathan der Weise“ und „Lohengrin“.
Mit André Bückers Inszenierung von Daniel-François-Esprit Aubers Revolutionsoper „Die Stumme von Portici [La Muette de Portici]“ kehrt eine der erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts am Sonntag, 2. Januar um 17 Uhr auf die Dessauer Opernbühne zurück.
Neben dem von Masaniello geführten Aufstand der Bürger Neapels gegen die spanischen Besatzer, steht die Liebesgeschichte seiner stummen Schwester Fenella mit dem Sohn des Vizekönigs Alphonse im Mittelpunkt der Handlung.
„Für André Bücker wurde seine emotionsgeladene Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Antony Hermus und Chordirektor Helmut Sonne zu einem nicht nur musikalischen Triumph mit einem erstklassigen Sängerensemble, das keinen Vergleich mit großen Opernhäusern zu scheuen braucht. Packendes Musiktheater, das ungemein fesselt" - so Orpheus, Juli/August 2010.
Auch die begeistert aufgenommene Inszenierung „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing in der Regie von André Bücker steht am Freitag, 7. Januar um 19 Uhr wieder auf dem Programm. Es geht um die Macht und den „wahren“ Glauben, und für den Juden Nathan, trotz Weisheit und allen Reichtums, um nicht weniger als ums Überleben, um sein eigenes und das seiner Tochter Recha.
„André Bücker glückt es auf überraschende Weise, den Humor des Lessing-Textes als Geschmacksverstärker für die Bitterkeit freizulegen, er schlägt in der überwältigenden Körperlichkeit seines Ensembles einen gleichermaßen natürlichen wie hohen Ton an – und läuft am Ende in einhellige Begeisterung“. - so Die Deutsche Bühne 11/2009
Mit „Lohengrin“, Wagners vermutlich populärster Oper, wurde im Musiktheater die 215. Spielzeit fulminant eröffnet und zieht seither Gäste aus ganz Deutschland nach Dessau. Am Samstag, 8. Januar um 16 Uhr wird die für den Theaterpreis „FAUST“ nominierte Lesart Andreas Moses’ im Großen Haus gezeigt. „Lohengrin“ ist ein Studie über die Undurchschaubarkeit einer durchmanipulierten Gesellschaft und der verbreiteten Sehnsucht nach einem machtvollen Führer.
„Wann hat man eine so kluge, lebendige Wagner-Aufführung zuletzt in Berlin erlebt? Dem Theater Dessau ist mit „Lohengrin" ein großer Wurf gelungen.“ – so der Tagesspiegel im Oktober 2009
Weitere Termine:
„Die Stumme von Portici [La Muette de Portici]“ am 16.01.2011, 17.00 Uhr; 26.02.2011, 17.00 Uhr; 17.03.2011, 16.00 Uhr; 22.04.2011, 17.00 Uhr;
„Nathan der Weise“ am 26.01.2011, 10.00 Uhr und am 01.03.2011, 10.00 Uhr;
„Lohengrin“ am 19.03.2011, 16.00 Uhr
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 / 2400-258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 / 2511-333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
21.12.2010, 17:20 | tags:
Musiktheater
743
Pressemitteilung vom 21.12.2010
Silvester im Anhaltischen Theater: „Die Fledermaus“
Silvester lädt das Anhaltische Theater um 15.00 und um 20.00 Uhr zur Operette von Johann Strauß: „Die Fledermaus“ ins Große Haus ein.
Die beliebte Operette inszeniert Hinrich Horstkotte, ein ausgewiesener Spezialist für das heitere Genre, als ironisch-hintergründige Rachekomödie mit viel Augenzwinkern, was durch die Wahl von historischen Kostümen noch verstärkt wird. Die Musik verbreitet vom ersten bis zum letzten Takt Heiterkeit und gute Laune.
Im Anschluss an die zweite Vorstellung (gegen 23.15 Uhr) können die Theaterbesucher das alte Jahr gern bei einem Glas Sekt im Foyer ausklingen lassen und das Feuerwerk vom Vorplatz des Theaters aus erleben.
Beide Vorstellungen sind bereits ausverkauft.
Nächste Termine: 06.01.11, 16 Uhr; 30.01.11, 16 Uhr; 18.02.11, 19:30 Uhr; 25.04.11, 17 Uhr; 11.06.11, 17 Uhr
15.12.2010, 12:27 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
733
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 15.12.2010
Musikfeste
Tickets als Geschenk-Idee
Große Musikfeste müssen wegen ihrer prominenten Gäste nicht nur weit im Voraus planen, sie reichen diesen Termindruck auch gern an ihr Publikum weiter - was vor Weihnachten freilich zur perfekten Geschenk-Idee führt. Sowohl für das Dessauer Kurt-Weill-Fest als auch für Halles Händel-Festspiele 2011 sind nämlich bereits jetzt Tickets verfügbar, mit denen man Kunstgenuss auf höchstem Niveau überreichen kann. Dass man damit nicht bis zur letzten Sekunde warten sollte, zeigen die positiven Zwischenbilanzen der Veranstalter.
So bietet das Festival der Klassischen Moderne vom 25. Februar bis zum 12. März mit der Doppelpremiere von "Der Protagonist / I Pagliacci" sowie mit "One Touch of Venus" im Anhaltischen Theater, mit der Pantomime "Die Zaubernacht" und mit "Heute abend: Lola Blau" eine Fülle von szenischen Produktionen. Zu den Konzerthighlights dürfte neben den Auftritten des Ensemble Modern als Artist in Residence und der Anhaltischen Philharmonie auch das Wiedersehen mit dem Posaunisten Nils Landgren und seinem Begleiter Michael Wollny zählen. Und für die Fans modernerer Klänge sind die Auftritte von Little Annie sowie von Philip Boa Pflicht.
Daneben werden Dada und Tango, Orgelfugen und Balladen, Jazz-Frühschoppen und Filmklassiker angeboten - ein Programm für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel, das unter dem Motto "Berlin im Licht" die Städte-Trilogie des neuen Festival-Intendanten Michael Kaufmann eröffnet. Dessen Vorgänger Clemens Birnbaum hat sein zweites Händel-Fest in Halle schwerpunktmäßig der sächsischen Barockmusik gewidmet - und für die Zeit vom 2. bis zum 12. Juni abermals ein attraktives Programm zusammengestellt.
Zu den Stars des Jahrgangs zählen Ensembles wie das Collegium 1704 und Café Zimmermann, aber auch Solisten wie Vivica Genaux und Veronica Cangemi. Als interkulturelle Projekte werden sowohl "Israel in Egypt" mit l'arte del mondo und Yair Dalal als auch "Von Istanbul nach Dresden" mit dem Ensemble Sarband angekündigt. Zur großen Opern-Produktion "Ottone" gesellt sich neben der Wiederaufnahme von "Orlando" ein "Rinaldo", den die Lautten-Compagney gemeinsam mit der italienischen Marionetten-Compagnie Carlo Colla aufführt.
Neben einer konzertanten Aufführung der "Agrippina" mit Europa Galante erklingen die Oratorien "Jephtha" und "Athalia", das "Occasional Oratorio" und natürlich der "Messiah". Dass das Orchestra of the Age of Enlightenment mit seinem halleschen Debüt eine Lücke in der Festival-Geschichte schließt, ist ebenso erfreulich wie der Jazz-Schwerpunkt mit Uri Caine und Gianluisi Trovesi.
Und zum Finaltag gibt es nicht nur das traditionelle Abschlusskonzert unter der Leitung von Howard Arman, sondern auch ein Gastspiel des italienischen Aterballetto mit dem Tanztheater "Serata Haendel". So wird das Elbflorenz, das Händel 1719 auf der Suche nach Sängern für seine Londoner Opern-Compagnie aufsuchte, an der Saale wieder aufgebaut - barocke Pracht mit einer Fülle von zeitgenössischen Akzenten.
Dass man von Halle aus direkt zum Bachfest nach Leipzig weiterreisen kann, hat mittlerweile Tradition. Im kommenden Jahr empfiehlt sich für Barock-Fans darüber hinaus ein Abstecher nach Zerbst, wo nach mehrjähriger Unterbrechung vom 7. bis zum 17. April erstmals wieder Fasch-Festtage stattfinden. Auch für dieses Festival sind die Karten bereits im Vorverkauf erhältlich.
09.12.2010, 14:44 | tags:
Musiktheater
723
Pressemitteilung vom 9.12.2010
„Die Fledermaus“ und „Nachgefragt“
Am Samstag, 18. Dezember um 17.00 Uhr zeigt das Anhaltische Theater die zur Premiere mit viel Applaus gefeierte Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß. Regisseur Hinrich Horstkotte, ein ausgewiesener Spezialist für das heitere Genre, inszeniert die ironisch-hintergründige Rachekomödie mit viel Augenzwinkern, was durch die Wahl von historischen Kostümen noch verstärkt wird. Die Musik verbreitet vom ersten bis zum letzten Takt Heiterkeit und gute Laune. Es spielt die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Wolfgang Kluge.
Das turbulente Treiben auf der Bühne wird unterstützt durch das Ballettensemble und die Damen und Herren des Opernchores des Anhaltischen Theaters.
Bereits ab 15.45 Uhr spielt das Salonorchester „Papillon“ im Theaterrestaurant und lässt die Zeit der Wiener Kaffeehäuser lebendig werden. Das Theaterrestaurant lädt zu Kaffee und Kuchen ein, der Eintritt für diese Veranstaltung ist frei.
Nach der Vorstellung „Die Fledermaus“ lädt das Inszenierungsteam im Theaterrestaurant zum Publikumsgespräch „Nachgefragt“ ein. Regisseur Hinrich Horstkotte, Musikdramaturg Ronald Müller und Solisten beantworten gern alle Fragen rund um die Inszenierung.
Weitere Termine: 19.12.10, 15 Uhr; 31.12.10, 15 und 20 Uhr; 06.01.11, 16 Uhr; 30.01.11, 16 Uhr; 18.02.11, 19:30 Uhr; 25.04.11, 17 Uhr; 11.06.11, 17 Uhr.
Informationen und Tickets erhalten Sie an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 / 2400-258 Montag bis Samstag 9.30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 / 2511-333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de.
07.12.2010, 10:15 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
714
Franz Werfel, Mitteldeutsche Zeitung, 7.12.2010
Der Frosch in der Badewanne
Das kollektive Baden in allen Gesellschaftsschichten ist bei der Neuinszenierung der "Fledermaus" durch Hinrich Horstkotte am Anhaltischen Theater Dessau das bestimmende Prinzip. So will nicht nur die Straußsche Ortsangabe neu angedacht werden, der Ganzkörperreinigung sind auch die Bühnenbilder von Martin Dolnik und viele Arrangements gewidmet. Dies deutet sich schon in der Ouvertüre an, die sich - trotz hartnäckiger Versuche - ob ihrer kraft- und schwungvollen Interpretation durch Wolfgang Kluge und die Anhaltische Philharmonie partout nicht zerhusten lassen wollte.
Da wird etwas plakativ im Bühnenportal der Ort des Geschehens "Baden bei Wien" angeschrieben; in den Badekammern aber kann sich das Volk im fröhlichen "Jeder-mit-Jedem" glücklich tummeln. Wer alleine ist, greift in nicht enden wollenden Tiraden zum Strick. Die hundert Jahre alten Badeanzüge entlocken dem Publikum ebenso Gluckser, wie der große blaue Schwimmring oder die überdimensionierten Kinderlutscher. Letztere sieht man auch lieber, als das mehrmalige Greifen in den Schritt der männlichen Lüstlinge. Danach findet sich der Zuschauer im Haus der von Eisensteins wieder. Die obligatorische Badewanne fehlt auch hier nicht, dient als Verschönerungs- und Rückzugsort. In diesen Zimmern können sich die Herrschaften ausleben. Hier intoniert der heldentenörige Gesangslehrer Alfred (wie immer stimmlich hochpräsent: Angus Wood) "Du bist mein ganzes Herz", hier schmachtet seine Angebetete, die verheiratete Rosalinde (Angelina Ruzzafante), hingebungsvoll dahin.
Gut gewollte Übertreibungen
Sharleen Joynt als Stubenmädchen Adele hingegen enttäuscht auf ganzer Linie. Ihre vorgemachten Übertreibungen sind in der Regel nur gut gewollt und bleiben als offensichtliche Behauptungen für sich stehen. Zudem überzeugt die junge, zierliche Soubrette auch gesanglich nicht. Die hellen Koloraturen kommen meist nicht über den Graben hinaus - das gleiche gilt für ihre Dialogszenen.
Treffen in der anschließenden Rausschmeiß-Szene die Gegner Gabriel von Eisenstein (Wiard Witholt) und Dr. Blind (Filippo Deledda) aufeinander, geht es hektisch zu. Hinter dem vielen Gerenne auf der Bühne verschwinden die Sangestexte der Darsteller. Diese Szene ist paradigmatisch für viele kleine Ungenauigkeiten. Aufgeregt sind Musik und Libretto sowieso, mehr Ruhe in der Inszenierung hätte der musikalischen Qualität gut getan. Diese stellt sich sofort ein, wenn Rosalinde ihre erfrischenden Solopassagen gerade heraus ins Publikum singen darf.
Auf viele Pointen jedoch inszeniert die Regie derart deutlich hin, dass sie meist vorhersehbar sind - und dann verpuffen. Dabei funktionieren die Slapstickeinlagen sogar ganz gut, wenn sie überzeugend und sicher dargeboten werden, wenn sich die Darsteller in ihrer Komik ernst nehmen und diese genau herausarbeiten.
Im zweiten Akt überzeugt David Ameln mit seinem herrlich verrückten Russenprinzen Orlofsky - mal piepsig fistelnd, dann übergangslos aufbrausend und fauchend. Nicht nur wegen seines Kostüms, durch das er auf mindestens das Dreifache seines Körperumfangs verbreitert wurde, erlangt er hier eine enorme Präsenz. Im Laufe des teilweise recht zäh dargebotenen Gastmahls verwandelt sich dann die Villa Orlofsky in eine Riesenwanne, der prunkhafte Kronleuchter wird - was kostet die Welt? - zum Stöpsel. Am Ende der rauschenden Orgie werden der Stöpsel gezogen und das herrschaftliche Wasser abgelassen. Und die feinen Herren landen dort, wo sie wirklich hingehören: in Froschs Gefängnis.
Gefängnis in der Kanalisation
Selten hat man einen so durchdachten Pausenübergang gesehen wie hier in Dessau. So wie auch Bühne und Spannung im dritten Akt am besten tragen. Dies liegt zu großen Teilen an Jan-Pieter Fuhrs Frosch. Dieser Spieler vermag nicht nur die Bühne angemessen auszufüllen, sondern lässt seine Wortwitze auch beim zehnten Mal noch zünden. Und es liegt an spritzigen Dialogen, die hier geradlinig und schnell erzählt werden.
Bühnenbild und Leitideen dieser Inszenierung sind also durchaus stimmig. Im Detail hätten ein paar Stellschrauben konsequenter justiert werden müssen.
Nächste Vorstellungen: 10. Dezember, 19.30 Uhr, 18. Dezember, 17 Uhr, 19. Dezember, 15 Uhr
06.12.2010, 15:28 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
709
Helmut Rohm, Volksstimme, 6.12.2010
Premiere der Johann Strauß Operette "Die Fledermaus" am Anhaltischen Theater in Dessau
Eine hintergründige Rachekomödie mit sehr viel Augenzwickern
Dessau-Roßlau. "Glücklich ist, wer vergisst ..." heißt es in der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauß, die am Sonnabendabend im annähernd ausverkauften Anhaltischen Theater Dessau ihre mit viel Beifall aufgenommene Premiere hatte. Unglücklich, weil er nicht vergessen kann, ist dagegen Dr. Falke. Vor Jahren hat ihn sein Freund von Eisenstein nach einem gemeinsam besuchten Maskenball betrunken in einem Fledermauskostüm öffentlich der Lächerlichkeit preisgegeben.
Regisseur Hinrich Horstkotte hat eine reizvoll parodierende und ironisch-hintergründige Rachekomödie mit viel Augenzwinkern auf die Bühne gebracht. In prachtvoll-schönen Kostümen (ebenfalls Hinrich Horstkotte) aus der Zeit um 1880 und ideenreichen Bühnenbildern (Martin Dolnik). Wie beim "Untergrund-Gefängnis" im dritten Akt gibt es dafür oft Spontanbeifall. Da die Handlung in Baden bei Wien spielt, spielt das Baden in realen und symbolhaft übergroßen Badewannen eine prägende Rolle. Auch hier und da als Ort erotischer "Exzesse".
Ulf Paulsen als Dr. Falke fädelt mehr im Hintergrund mephistohaft ein Verwirrspiel ein. Er lädt verschiedene Personen zum Ball beim Grafen Orlofsky ein (vergnüglich, komisch David Ameln, Clown Popov lässt grüßen). Dort trifft sich zum Amüsement mit Suff und Spiel die Hautevolee oder jene, die sich dazuzählen. Alle inkognito - mehr Schein als Sein.
Alfred (Angus Wood als amouröser Schwerenöter) wurde schon im Vorfeld verwechselt und als Eisenstein weggesperrt. Der wirkliche von Eisenstein (Wiard Witholt sehr überzeugend als Sucher nach Liebesabenteuern) kommt und Gefängnisdirektor Frank (Kostadin Arguirov), beide als französische Edelleute. Eisensteins Stubenmädchen Adele (Sharleen Joynt stark im Gesang mit tollen Koloraturen und facettenreich im Spiel) träumt von einer Diva-Rolle, während Rosalinde von Eisenstein (Angelina Ruzzafante unter anderem mit einem beeindruckenden Csardas) als geheimnisvolle ungarische Gräfin auftritt. Ein Traum in Illusionen.
Hinrich Horstkotte bringt turbulentes Leben in den Ballsaal, wenn sonst auch hin und wieder die Handlungsabläufe etwas dahinplätschern. Der Dessauer Opernchor agiert neben Gesang mit bekannt aktivem Spiel. Orlofsky lädt sich niedliche liebebedürftige Tanzmäuschen ein. Das Ballettensemble steuert als "Ball-Beitrag" eine schnelle Polka bei.
Am nächsten Morgen im Gefängnis mit Jan-Pieter Fuhr als trink- und redseligem Gerichtsdiener Frosch weicht die Illusion der totalen Ernüchterung. Eisenstein muss bei seiner Gattin Buße tun. "Glücklich ist, wer vergisst ..." Und "nur der Champagner war an allem schuld". Vergessen, vergeben, Happy End.
Die Anhaltische Philharmonie unter Wolfgang Kluge interpretiert die feinsinnige und gleichsam mitreißende Strauß‘sche Musik mit bravourösem Engagement.
03.12.2010, 17:15 | tags:
Musiktheater
707
Pressemitteilung vom 3.12.2010
Turandot
Mörderische Rätselshow
Am Donnerstag, 9. Dezember um 16.00 Uhr zeigt das Anhaltische Theater die Oper „Turandot“ im Großen Haus. Regisseurin Andrea Moses bringt mit „Turandot“ eine der populärsten Opern des 20. Jahrhunderts auf die Dessauer Theaterbühne: Prinzessin Turandot wird nur demjenigen Prinzen das Ja-Wort geben, der drei von ihr gestellte Rätsel lösen kann. Wer dies nicht vermag, verfällt dem Henker.
In der packenden Inszenierung geht es um Macht und Machtdemonstration, den ewigen Kampf der Geschlechter und um die große Liebe. Mit viel Ironie und Spielfreude verbindet Andrea Moses die verschiedenen Charakteristika dieses Werkes zu einem Medienspektakel im Turandot´s Riddle Club.
Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Daniel Carlberg. KS Iordanka Derilova ist als machtbesessene und hinreißende Turandot zu erleben. Sergey Drobyshevskiy gibt als Calaf sein Debüt als Ensemblemitglied des Anhaltischen Theaters. Angelina Ruzzafante singt ungemein anrührend in der Rolle der Liù und Pavel Shmulevich gibt mit scheinbar unergründlich tiefem Baß den Timur. Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln sind in den herzerfrischenden Rollen Ping, Pang und Pong zu erleben.
„...auf Ensemblemitglieder wie Iordanka Derilova und Sergey Drobyshevskiy in den mörderischen Hauptpartien dürfte manch größeres Haus neidisch schauen.“ – so die FAZ, Oktober 2010
Weitere Vorstellungen: 12.03.11, 17 Uhr; 03.04.11, 17 Uhr; 05.06.11, 17 Uhr; 12.06.11, 17 Uhr
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
01.12.2010, 22:47 | tags:
Musiktheater
705
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 2.12.2010
Ein hartes Stück Arbeit für die gute Laune
"Am Anfang steht bei mir ein Bild. Ich kann mir schnell einen Ort vorstellen und nicht in Vorgängen allein denken." Hinrich Horstkotte ist Bühnen- und Kostümbildner - da wundert eine solche Aussage nicht. Aber er ist auch Puppenspieler und Regisseur, und als letzterer stellt er sich mit einer Arbeit nun erstmals in Dessau vor. Am Sonnabend, 19.30 Uhr, hat seine Version der Operette "Die Fledermaus" am Anhaltischen Theater Premiere.
Johann Strauß' Operette nennt er eine "große Herausforderung", wie er überhaupt meint, dass dieses Genre "handwerklich am schwersten" sei. Gute Operette ist also nicht leicht gemacht. Sie braucht ein gutes Timing, Texte müssen gut gesprochen werden, die Übergänge zwischen Sprechen und Singen fließend sein. "Man hat einen großen Anteil an Dialogen für die Sänger, in diesem Fall ganz besonders. Das Ballett kommt hinzu. Das ist ein hartes Stück Arbeit", sagt Horstkotte. Nicht zuletzt gebe es kaum eine Operette, bei der die Erwartungshaltung des Publikums so groß sei.
"Die Fledermaus" ist die Operette schlechthin. "Ein Riesenwurf, die populärste aller Operetten, die beste von Johann Strauß", findet der Regisseur, der seiner neuen Arbeit einen "sehr guten Polt, geniale Musik und ganz viel Ironie" attestiert. "Für mich gibt es kein Problem, das Stück auch in seiner Zeit zu spielen. Das Thema ist zwar zeitlos, doch die Setzung ist zeitgebunden." Für Hinrich Horstkotte ist diese Dessauer "Fledermaus" die zweite Operette, die er inszeniert. In der Oper hat sich der junge Mann indes längst einen Namen gemacht. Hier zunächst jedoch als Bühnen- und Kostümbildner. Der Berliner, Jahrgang 1972, war zunächst Marionettenspieler, bis er von 1992 bis 1998 Bühnenbild und -kostüm sowie Dramaturgie an der Akademie der Bildenden Künste in München studierte. Für seine Lehrer Karl-Ernst und Ursel Herrmann arbeitete er später in Salzburg, Genf und Amsterdam als Regieassistent.
"Während des Studiums wurden meine Regieambitionen sehr gefördert", sagt Horstkotte, der in dieser Zeit bereits freischaffend arbeitete, eine eigene Operncompagnie hatte, für die er neun Produktionen inszeniert hat. Als Bühnen- und Kostümbildner arbeitete er für die Biennale für Neue Musik, München, das Musiktheater Görlitz und für die Opernhäuser in Chemnitz und Nürnberg. Als Regisseur inszenierte er, zumeist in eigener Ausstattung, u.a. für das Theater Dortmund, das Nordharzer Städtebundtheater Halberstadt, das Theater Chemnitz, das Saarländische Staatstheater Saarbrücken, die Staatsoper Unter den Linden, Berlin, das Grand Theatre Luxembourg, das Salzburger Marionettentheater, die Kammeroper Schloss Rheinsberg, die Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci sowie das Nanfong-Theatre Taipeh / Taiwan.
Hinrich Horstkotte inszeniert gerne mit sich selbst als Ausstatter. "Ich denke meist alles zusammen", sagt er. "Das finde ich gar nicht so ungewöhnlich." Dabei weiß er aber auch um die Nachteile einer solchen Arbeitsweise. "Da hat man natürlich weniger Gesprächs- und Auseinandersetzungspartner", lacht er. In Dessau ist dies freilich nicht so, denn mit Martin Dolnik steht ihm ein Bühnenbildner zur Seite, mit dem er schon mehrfach zusammenarbeitete. Die Kostüme freilich lässt sich Horstkotte nicht aus der Hand nehmen. "Die sind einfach zu sehr mit der Personenkonstellation verbunden."
Das Personal der Operette verspricht auf jeden Fall beste Unterhaltung. Da gibt es von Eisenstein, Frosch und natürlich den Prinzen Orlovsky und die Damen Adele und Roslinde. "Die Fledermaus" steigert das in jeder guten Operette vorhandene Spiel mit der Hypothese in geradezu unerhöhtem Maße: Die Differenz von Sein und Schein beherrscht nicht nur die gesamte Handlung, sondern auch sämtliche Musiknummern. Ob im bürgerlichen Wohnzimmer, ob auf dem mondänen Ball oder im gesellschaftlich indiskutablen Gefängnis, immer machen sich die Figuren gegenseitig etwas vor - und oft auch sich selbst.
"Wir versuchen dem Publikum etwas für Augen, Ohren und Kopf zu bieten", sagt Hinrich Horstkotte. "Ich muss dafür sorgen, dass die Leute bei Laune gehalten werden." Im besten Falle ist das Champagnerlaune, denn das prickelnde Getränk fließt reichlich auf dem Ball des Prinzen, wo auch das Ballett des Theaters in der Choreograhie von Gabriella Gilardi tanzt. "Trinke Liebchen, trinke schnell" heißt es da. Bis das Publikum am Sonnabend bei der Premierenfeier anstoßen darf, sollen drei unterhaltsame Stunden vor ihm liegen. Und natürlich steht die Operette auch auf dem Spielplan am Silvesterabend, denn mit kaum einem anderen Stück lässt es sich derart beschwingt in ein neues Jahr starten.
23.11.2010, 19:41 | tags:
Musiktheater
691
Pressemitteilung vom 23.11.2010
Ein „Maskenball [Un ballo in maschera]“ und „Kaffee im Salon“
Nur noch zwei Mal in diesem Jahr, an den Sonntagen: 28. November und 26. Dezember, jeweils um 17.00 Uhr zeigt das Anhaltische Theater Dessau die Oper „Ein Maskenball [Un ballo in maschera]“ im Großen Haus. Roland Schwab inszeniert dieses Intrigenspiel, als eine große Maskerade, in der Sein und Schein bald nicht mehr zu unterscheiden sind. Erzählt wird in der Oper von Giuseppe Verdi ein Königsmord, ein Drama über Leben und Tod des schwedischen Königs Gustav III. In einem fantastischen Bühnenbild und mit dem Spiel der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von Daniel Carlberg entspinnt sich ein packender Thriller auf der Bühne. Die Zuschauer erleben einen rauschenden Tanz des Todes. Verdis Musik ist Teil des Maskenspiels und nimmt in jeder Szene eine andere Farbe an.
Bereits ab 15:45 Uhr spielt das Salonorchester „Papillon“ im Theaterrestaurant und lässt die Zeit der Wiener Kaffeehäuser lebendig werden. Das Theaterrestaurant lädt zu Kaffee und Kuchen ein, der Eintritt für diese Veranstaltung ist frei.
Mit: Angus Wood (König Gustav III. von Schweden), Ulf Paulsen (Graf René Anckarström), KS Iordanka Derilova (Amelia), Rita Kapfhammer (Ulrica Arvidson), Sharleen Joynt (Oscar, Page), Wiard Witholt (Christian, ein Seeman), Nico Wouterse (Graf Horn), Pavel Shmulevich (Graf Ribbing), Filippo Deledda (Arzt), Alexander Dubnov (Diener Amelias)
23.11.2010, 11:30 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
688
Franz Werfel, Mitteldeutsche Zeitung, 17.11.2010
Mit Gipsarm durch Wagners Welt
GALA Anhaltische Philharmonie, Solisten und Chor widmen sich Richard Wagners großem Opernschaffen.
Eine Ouvertüre eröffnete das Konzert. Und eine ziemlich schwungvolle dazu. Wagners
„Fliegender Holländer" bildete am Sonntagabend bei der Richard-Wagner-Gala der Anhaltischen Philharmonie den Auftakt für einen zweieinhalbstündigen repräsentativen Querschnitt durch das Opernwerk des großen Orchestrierers. Bereits zum zweiten Mal sank in dieser Spielzeit die „Nacht der Liebe" in Dessau hernieder. Beeindruckend am Sonntag:
Generalmusikdirektor Antony Hermus dirigierte wie stets auf hohem Niveau mit seiner körperlichen Präsenz und Konzentration, obwohl sein linker Arm eingegipst war. Würden sich andere Dirigenten bei so einer Entzündung längst nicht mehr aufs Pult stellen, wollte Hermus der Dessauer Musikgemeinde nicht absagen.
Dynamischer Auftakt
So spielte die Anhaltische Philharmonie wie mittlerweile gewohnt dynamisch auf, ließ der volltönende Orchesterklang erkennen, wie Wagner bei genannter Ouvertüre bereits die Bandbreite der einzelnen Instrumente durchdekliniert. Einen ersten Höhepunkt konnte Ulf Paulsen mit dem Holländer Monolog setzen. Der Bassist zeichnet die Entwicklung des im pianissimo fast nur gehauchten und dennoch den großen Saal füllenden „Die Frist ist um" bis hin zum verzweifelt rufenden fortissimo „Vergeb'ne Hoffnung" plastisch nach . Jubel im Publikum. Auch Wiard Witholt sang die tiefromantische Tenor-Arie „Oh, du mein holder Abendstern“ aus dem „Tannhäuser" sehr überzeugend. Das Zarte, suchend Flehende ist bei ihm hervorragend herausgearbeitet.
Die ganze Gralserzählung
Dessaus Lohengrin, Andrew Sritheran, durfte, wie auch in der mittlerweile für den Theaterpreis „FAUST“ nominierten Inszenierung Andreas Moses', seine ungekürzte Gralserzählung vortragen. Erneut überzeugte der gebürtige Neuseeländer mit seinem strahlenden, hellen Tenor, der auch in den hohen Lagen sehr präsent bleibt. Allein eine etwas verständlichere Artikulation wünschte man sich dann doch. Kammersängerin Iordanka Derilova stellte noch ihre Interpretation von Isoldes Liebestod „Mild und leise" vor. Ihr samtiges, warmes Timbre, das sie sich auch in höchsten Höhen erhält, und ihre tief gefühlten Emotionen waren wie so oft schlicht großartig.
Der zweite Teil gab - nach dem Brautchor des „Lohengrin", den der Opernchor des Anhaltischen Theaters sehr ausdrucksstark und präzise sang - vor allem einem eindrücklichen Ausblick darauf, Wie die Dessauer „Ring"-Tetralogie ab 2012 klingen könnte.
Als Gott Loge empfahl sich Tenor Angus Wood mit dem Monolog „Immer ist Undank Loges Lohn!", woraufhin der erst 28-jährige Pavel Shmulevich - erstmalig in heldenbaritonalen Höhen unterwegs - seinen Wotan-Monolog sang. Beide sowie auch Sopranistin Angelina Ruzzafante überzeugten durch Präzision und dennoch befreiend interpretiert gesungene Passagen.
Da Dessaus „Ring des Nibelungen" ab 2012 mit dem letzten Teil, der "Götterdämmerung", beginnen wird, sollte eine Arie aus diesem Werk die Wagner-Gala beschließen. Was hätte dabei passender erscheinen können als ein Schlussgesang? So verabschiedete Iordanka Derilova das Publikum mit Brünhildes Schlussarie „Starke Scheite". Dass an diesem Abend immer wieder einige Einsätze im Orchester nicht ganz genau gelangen, mag entschuldigt werden. GMD Hermus aber unterstreicht mit dieser Wagner-Gala einmal mehr seine konsequente Wagner-Behandlung. Wagner klingt bei ihm stets so neu und unverbraucht, so wohltuend frisch.
Ein gelungenes "Wagner-Medley" also, das den Großmeister des Orchesters aus verschiedenen Perspektiven zusammenschaute. Die Erklärungen des Dessauer Operndirektors Heribert Germeshausen ermöglichten zudem verschiedene Einblicke in das komplexe Universum Wagner.
Die wenigen Zuhörer im Saal dankten es dem Ensemble zu Recht mit langem Applaus. Die dritte Auflage der Gala am 15. Januar sei allen Wagner-Liebhabern anempfohlen.
17.11.2010, 15:12 | tags:
Musiktheater
685
Pressemitteilung vom 17.11.2010
Matinee zur Premiere „Die Fledermaus“
Vor der Premiere der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß lädt das Anhaltische Theater am Sonntag, 28. November um 10.30 Uhr zu einer Matinee ins Foyer des Großen Hauses ein.
Regisseur Hinrich Horstkotte und sein Team mit Martin Dolnik (Bühne) und Wolfgang Kluge (Musikalische Leitung) geben einen Einblick in die Operette; Musikdramaturg Ronald Müller moderiert die Matinee.
Die Solisten Sharleen Joynt, Angelina Ruzzafante, Kostadin Arguirov und Andrew Sritheran
stellen musikalische Ausschnitte aus dieser „Komischen Operette“ vor und stimmen die Besucher auf die Premiere am 4. Dezember um 19 Uhr ein.
Für den Eintritt wird ein Obolus von 3,- € erhoben, der beim Besuch einer Vorstellung auf den Kartenpreis angerechnet wird.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de.
17.11.2010, 11:18 | tags:
Musiktheater
683
Pressemitteilung vom 17.11.2010
Premiere „Die Fledermaus“
Komische Operette in drei Akten von Johann Strauß
Am Samstag, 4. Dezember um 19.00 Uhr lädt das Anhaltische Theater zur Premiere der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß ein. Das gut gebaute Textbuch, bei dem Strauß’ ureigenste Domäne, der Tanz, als dramatisches Element in den Mittelpunkt rückt, inspirierte den Komponisten zu einer Musik, die vom ersten bis zum letzten Takt Heiterkeit und gute Laune verbreitet. Regisseur der 17. Dessauer „Fledermaus“-Inszenierung seit 1877 ist mit Hinrich Horstkotte ein ausgewiesener Spezialist für das heitere Genre. Gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Martin Dolnik nimmt er die Angaben der Autoren zum Ort der Handlung wörtlich: „in einem Badeorte, in der Nähe einer großen Stadt“.
Die Handlung der Operette ist nichts als ein vom Notar Dr. Falke geschickt eingefädelter Rachefeldzug gegen seinen Freund Gabriel von Eisenstein. Genau wie der ihn vor drei Jahren während des Faschings volltrunken und im albernen Kostüm einer Fledermaus im Park allein zurückgelassen und somit zum Gespött der Passanten gemacht hatte, will ihn nun Falke gründlich blamieren und lächerlich machen. Als Eisenstein wegen Beleidigung einer Amtsperson eine mehrtägige Arreststrafe antreten muss, überredet ihn Falke, zuvor mit ihm das Fest des Prinzen Orlofsky zu besuchen und sich dort inkognito zu vergnügen. Trotz aller Ver(w)irrungen, die sich in jener Nacht ereignen, erfüllt sich Falkes Rache an Eisenstein erst am nächsten Morgen im Gefängnis. Eisenstein muss Abbitte leisten, hat aber eine Entschuldigung parat: „Der Champagner war an allem schuld!“
Musikalische Leitung: Wolfgang Kluge; Inszenierung und Kostüme: Hinrich Horstkotte
Bühne: Martin Dolnik; Chor: Helmut Sonne; Choreografie: Gabriella Gilardi
Mit: Kristina Baran/Gerit Ada Hammer, Sharleen Joynt, Angelina Ruzzafante; David Ameln, Kostadin Arguirov, Filippo Deledda, Jan-Pieter Fuhr, Ulf Paulsen, Andrew Sritheran/Angus Wood, Wiard Witholt; Damen und Herren des Opernchores und des Ballettensembles;
Anhaltische Philharmonie Dessau
Informationen und Tickets erhalten Sie an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 / 2400-258 Montag bis Samstag 9.30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 / 2511-333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de.
10.11.2010, 15:41 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
667
Dieter Bub, www.kultur-info.eu und unter www.berlin-kulturtip.de, 10.11.2010
TURANDOT IN DESSAU
Das ist eine der besten Opernempfehlungen der Saison – anderthalb Zug- oder Autostunden von Berlin entfernt. In Dessau: der Weg lohnt. Ein großer Abend in der „Provinz“, die nicht selten mehr Erlebnis bereit hält als die Kopfgeburt-Experimente, die der „Holländer“ in der Börse als Schauplatz an der Deutschen Oper oder die „Turandot“ vor ein paar Jahren an der Staatsoper unter den Linden. Was damals Doris Dörrie inszenierte mit einem überdimensionalen Handy und mit einem Ende der Prinzessin und ihrem Eroberer in einer Plattenbausiedlung war effektvoll, irritierend und langweilig.
In Dessau wird „Turandot“ aufregend spannend, ergreifend und mit hoher musikalischer Qualität gezeigt. Das Anhaltische Theater in seinem mächtigen Wagner – Opernbau mit schmalem Etat bringt ein großes Kunststück fertig. Das Bühnenbild – modern in einer Arena, in der sich eine weißgekleidete Event-Gesellschaft mit Golfschlägern in Turandots Riddle Club vergnügt und sich an den Mordritualen der Kaltherzigen delektiert. Der Chor – von hoher Qualität - und Ensemble in der Inszenierung von Andrea Moses bewegt geführt. Die Solisten mit Iordanka Derilova in der Titelpartie stimmlich außerordentlich dramatisch, Sergey Drobyshevskiy als Calaf bemerkenswert und von großer Ausstrahlung Angelina Ruzzafante als Sklavin Liu. Das Anhaltische Theater nutzt die stimmlichen Potentiale vor allem aus dem Osten Europas.
Und das Orchester unter Antony Hermus bestens dramatisch aufgelegt.
„Turandot“ in Dessau großer Jubel.
Große Oper für kleines Geld – auch beim Vergleich der Kartenpreise.
Einst gab es von der deutschen Hauptstadt aus einen lebhaften Opernbesuch in Dresden, Leipzig, Meiningen – und Dessau.
Es lohnt sich auch heute!
10.11.2010, 11:46 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Pressestimmen
664
Herbert Henning, Orpheus 11/12 2010
Dessau
Mörderische Rätsel-Show
Als Neueinstudierung der Inszenierung am Nationaltheater Weimar stellte ANDREA MOSES am Anhaltischen Theater ihre Sicht auf Puccinis Oper TURANDOT vor und wurde vom Publikum wie auch das herausragende Sängerensemble, Chor und Anhaltische Philharmonie unter ANTONY HERMUS gefeiert. Nichts von exotischer fernöstlicher Nostalgie auf der Bühne. Akribisch genau in der Personenführung inszenierte Moses die Story von der „eisumgürteten“ Prinzessin als eine mörderische Quiz-Show, in der eine sich über und mit dem Tod amüsierende Spaßgesellschaft einen Macht- und Geschlechterkampf erlebt. Die Szenerie mit den unisono in Schwarz/Weiß gekleideten Massen (Bühne und Kostüme; CHRISTIAN WIEHLE) erinnert an eine (Kampf-)Arena oder ein TV-Studio. Turandot hat als femme fatale alle Fäden und den todbringenden Dolch in der Hand. Unter dem frenetischen Jubel des auf den Traversen sich amüsierenden „Volk von Peking“ meuchelt sie eigenhändig den smarten Prinz von Persien, eh sie sich mit laszivem, provokantem Charme auf der Showbühne dem unbekannten Prinzen Calaf zuwendet.
Das Quiz wird zum mörderischen Showdown. Man erlebt einen Kampf auf Leben und Tod. Vom furiosen Beginn bis zum Finale trägt mit leidenschaftlichem Musizieren das Orchester musikalisch den Abend. Der Dirigent arbeitet die Melodiengewalt der Oper überzeugend heraus, profiliert das Spiel einzelner Instrumentengruppen, macht das Chinesische der Partitur in vielen Feinheiten hörbar. Dieses hohe musikalische Niveau bestimmt auch die Leistungen des Sängerensembles mit einer im Dramatischen wie Lyrischen überragenden IORDANKA DERILOVA als Turandot, die im schwarzen Cocktail-Kleid wie eine „schwarze Witwe“ ihre großen Auftritte hat.
SERGEY DROBYSHEVSKIY ist in diesem Geschlechterkampf ein Partner auf „Augenhöhe“, strahlend sein „Nessun dorma“, ausdrucksstark sein Spiel. Berührend in ihrer bedingungslosen Liebe ist ANGELINA RUZZAFANTE die Liu an der Seite von PAVEL SHMULEVICH als blinder Timur, Als Spielmacher fungieren WIARD WITHOLT, ANGUS WOOD und DAVID AMELN als Ping, Pang und Pong. Die von HELMUT SONNE geführten Chormassen präsentieren sich einmal mehr mit Klangwucht und in der Bewegungschoreografie sehr differenziert geführt.
09.11.2010, 11:04 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
659
Pressemitteilung vom 9.11.2010
Opern-Gala „Sink hernieder, Nacht der Liebe“
Am Sonntag, 14. November um 17 Uhr lädt das Anhaltische Theater zur Großen Opern-Gala ein.
Nach dem großen Erfolg der „Italienischen Operngala“ in der vergangenen Spielzeit erklingen in dieser Gala die Highlights aus Wagners Schaffen. Vom „Fliegenden Holländer“ bis zum Parsifal“, „Die Gralserzählung aus „Lohengrin“, „Isoldes Liebestod“, „Der Ritt der Walküren“ oder auch „Brünhildes Schlussgesang“ aus „Die Götterdämmerung“ dürfen da, neben zahlreichen weiteren Stücken nicht fehlen.
Mitwirkende Solisten sind KS Iordanka Derilova, Angelina Ruzzafante, Ulf Paulsen, Pavel Shmulevich, Andrew Sritheran, Wiard Witholt und Angus Wood, begleitet von der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von GMD Antony Hermus und dem Chor des Anhaltischen Theaters. Die Verbundenheit des Dessauer Theaters mit Wagner reicht 150 Jahre in die Geschichte zurück und ist nach wie vor lebendig – und damals wie heute künstlerisch auf höchstem Niveau. Das Publikum darf sich also auf einen klanggewaltigen Abend freuen.
Die Moderation liegt in den Händen von Heribert Germeshausen.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr sowie über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und auch an der Abendkasse.
04.11.2010, 16:20 | tags:
Schauspiel
, Musiktheater
651
Pressemitteilung, 4.11.2010
Turandot´s Riddle Club - 27. Live-Hinrichtung
Das Anhaltische Theater zeigt am Sonntag, 7. November um 17.00 Uhr Giacomo Puccinis Oper „Turandot“. Regisseurin Andrea Moses, die mit „Lohengrin“ für den Deutschen Theaterpreis FAUST nominiert ist, bringt mit „Turandot“ eine der populärsten Opern des 20. Jahrhunderts auf die Dessauer Theaterbühne: Prinzessin Turandot wird nur denjenigen Prinzen heiraten, der drei von ihr gestellte Rätsel lösen kann. Wer dies nicht vermag, verfällt dem Henker. In der packenden Inszenierung geht es um Macht und Machtdemonstration, den ewigen Kampf der Geschlechter und um die große Liebe. Mit viel Ironie und Spielfreude verbindet Andrea Moses die verschiedenen Charakteristika dieses Werkes zu einem Medienspektakel im Turandot´s Riddle Club. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von GMD Antony Hermus. KS Iordanka Derilova ist als machtbesessene und hinreißende Turandot zu erleben. Sergey Drobyshevskiy gibt als Calaf sein Debüt als Ensemblemitglied des Anhaltischen Theaters. Angelina Ruzzafante singt ungemein anrührend in der Rolle der Liù und Pavel Shmulevich gibt mit scheinbar unergründlich tiefem Baß den Timur.
Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln sind in den herzerfrischenden Rollen Ping, Pang und Pong zu erleben.
„...auf Ensemblemitglieder wie Iordanka Derilova und Sergey Drobyshevskiy in den mörderischen Hauptpartien dürfte manch größeres Haus neidisch schauen.“ – so die FAZ, Oktober 2010
Für die Inszenierung „Turandot“ in Kombination mit dem Schauspiel „Doktor Mabuse“ gibt es ein Kombi-Ticket für zusammen 26,- Euro auf allen Plätzen! In beiden Inszenierungen, die Termine können beliebig kombiniert werden, erleben Sie monströse Spielernaturen, die die Menschen in ihren Bann ziehen. Sie produzieren Abhängige, Süchtige und machen blind vor Liebe und Verlangen. Die Oper von Giacomo Puccini, sowie Fritz Langs Verfilmung des gleichnamigen Romans von Norbert Jacques „Doktor Mabuse, der Spieler“ sind in den 1920er Jahren entstanden und weisen erstaunliche Parallelen auf. Andrea Moses und André Bücker haben zwei interessante Lesarten der Stoffe für das Anhaltische Theater Dessau entwickelt.
Nächste Vorstellungen „Doktor Mabuse“: 18.11.2010, 16 Uhr; 26.11.2010, 19.30 Uhr
Nächste Vorstellungen „Turandot“: 20.11.2010, 17 Uhr; 9.12.2010, 16 Uhr
Kombitickets, Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
03.11.2010, 15:06 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
647
Dr. med. Henning Friebel, Ärzteblatt Sachen-Anhalt, November 2010
Turandot
07. + 20. November 17:00 Uhr
Auch wenn man diesem Land noch keinen Besuch abgestattet hat, China, das Land der aufgehenden Sonne hat sich verändert.
Kenner sagen, es ist amerikanisch geworden. Hektik und Business bestimmen den Alltag. Der Grundgedanke von Andrea Moses Inszenierung der Oper ,,Turandot“ von Giacomo Puccini am Anhaltischen Theater in Dessau spiegelt die Veränderung wider, versucht die Wandlung sich zu Eigen zu machen. Keine Trippelschritte, keine kleinteilige Interpretation der Musik durch den GMD Anthony Hermus. Das vermeintliche asiatische Klischee wird nicht bedient! Der alte König ist z. B. von der Amerikanisierung so begeistert, dass er die wenigen Dinge, die er zu singen hat, es im Kostüm des legendären Ölmulti G.R. Ewing tut, natürlich geschmückt mit einem feschen Texanerhut.
Christian Wiehle (Bühne und Kostüme) stellt eine Stahlkonstruktion auf die Bühne, die Assoziationen zum Fernsehstudio von Günter Jauchs „Wer wird Millionär“ herstellt. Der Eindruck verstärkt sich, als der fremde Prinz die Fragen der Prinzessin Turandot beantwortet.
Die Geschichte, sicher bekannt, wird logisch und verständlich erzählt. Die Verhaltensmuster des Volkes entsprechen Erfahrungswerten, auch dann, wenn in Turandot's Riddle Club junge Männer mit den abgeschlagenen Köpfen der Vorbewerber Golf spielen. Dient so etwas als Vorbild oder als Abschreckung in einer beispielgebenden Kultureinrichtung? lordanka Derilova ist eine machtbesessene Turandot, im äußeren Erscheinungsbild an Marylin Monroe erinnernd, mit einer fantastischen Stimme und einer absolut überzeugenden Darstellung. Ein Genuss, ihr zuzuhören. Sergei Drobyschewski ist der fremde Prinz Kalaf, der ein hohes Maß an Gelassenheit ausstrahlt. Er ist von seinem Sieg überzeugt, nicht zuletzt durch sein sensibles Eingehen auf die Macken der Prinzessin.
Stimmlich erste Sahne! Ebenso Angelina Ruzzafante, die als Sklavin Liu viel Leid auf sich nimmt und glücklos enden muss. Ping (Wiard Witholt), Pang (Angus Wood), Pong (David Ameln) sind keine verschlagene Intriganten, wohl aber Menschen, die in jedem System nur ihre Pflicht tun. Die Rechtfertigung für jedwede Grausamkeit. Sie gestalten ihre Rollen mit viel hektischer Bewegung und angemessenen Gesang. Großes Lob dem hervorragend einstudierten Chor (Helmut Sonne), der mit bravourösen Leistung aufwartet. Auch alle anderen Rollen fügen sich in die beeindruckende Inszenierung ein und runden das positive Bild ab. Antony Hermus führt seine Anhaltische Philharmonie mit viel Elan und Impetus zum Erfolg. Das fernöstliche Kolorit geht dabei verloren. Das Premierenpublikum belohnte Sänger, Chor, Orchester und alle an der Aufführung beteiligten mit wohlverdientem, stürmischem Applaus.
03.11.2010, 13:23 | tags:
Musiktheater
, Lohengrin
646
Joachim Lange, Die Deutsche Bühne, 11/2010
Andrea Moses
Ein Zukunftsstück
„Lohengrin“ am Anhaltischen Theater Dessau
Andrea Moses hat aus Richard Wagners „Lohengrin“ eine packende Studie über die Manipulierbarkeit der Massen und die Undurchschaubarkeit von allgegenwärtigen Strukturen gemacht. In der ästhetisch offenen Ausstattung von Christian Wiehle hat sie dabei der Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um Macht und Liebe. Wie schon ihr Meininger Nahost-Strauss-Doppel („Salome“ und „Elektra“) und ihre US-Fernsehshow „Turandot“ in Weimar ist auch ihr Dessauer „Lohengrin“ ein Gegenwarts-, ja sogar ein Zukunftsstück. Überprüft sie doch den Stoff auch auf sein Potential hin, eine drohende, durchmanipulierte, von nicht legitimierten Mächten gelenkte Gesellschaft zu zeigen.
Damit weitet sie das Frageverbot ins Gesellschaftliche. Ihr gelingt das in sich stimmig und mit einer sozusagen intellektuellen Opulenz meisterhaft. Auch, weil alles, was auf der Bühne geschieht, mit einer virtuosen Personenregie bis ins kleinste Detail aus der Musik heraus entwickelt wird. Hier herrscht Hochspannung durch eine psychologisch ausgeleuchtete Figurenzeichnung bei den Protagonisten und bei den differenziert geführten Chören! Vom Porträt des Heerrufers als notorischem Strippenzieher, über die psychologische Studie des Kampfes um die Macht bei Ortrud und Telramund bis hin zur erst verstörten, am Ende aber hellsichtigen Elsa. Der „Lohengrin“ von Andrea Moses ist ein Wurf!
01.11.2010, 11:50 | tags:
Musiktheater
639
Jens Henneberg, NORDJYSKE Stiftstidende, 23.10.2010
FREIHEIT UND AUFRUHR GEKNECHTET
Oper
Ludwig van Beethoven: ”Fidelio”
„Fidelio“ ist sowohl eine Freiheits- als auch eine Rebellionsoper. Lasst mich mit dem exzeptionellen Schluss beginnen, da hier die Interpretation Johannes Felsensteins liegt, welche bereits im einleitenden Prolog verkündet wird:
Macht korrumpiert und Macht bedeutet mehr als Freundschaft und Gerechtigkeit. Das System beschützt sich selbst und es braucht weder Aufrührer noch Freiheitsidealisten.
Deshalb weint der mächtige Engel, der Bote Gottes, welcher in Stefan Rieckhoffs Bühnenbild die Szene im 2. Akt dominiert und bei dem Leonore und Florestan vergeblich Schutz suchen.
Schade für die Menschen!
Das ist die Botschaft in der Aufführung des Anhaltischen Theaters Dessau in den Aalborghallen am Donnerstagabend.
Aus diesem Grund gibt es dort eine Erklärung dafür, dass dem eitlen Minister Don Fernando, welcher die Gerechtigkeit repräsentieren sollte, die Würde fehlt. Er ist der amoralische Beschützer des Systems.
Fidelio ist eine etwas schwere Oper ohne die großen Ohrwürmer. Es gibt relativ viele Dialogpartien und hier hätte man sich gewünscht, dass das Tempo forciert worden wäre.
Die Besetzung ist die selbe, wie zur Premiere vor 2 Jahren in Dessau, welche im übrigen neben Bayreuth die bevorzugte Stadt Richard Wagners war.
So hat die bald 250 Jahre alte Oper hier eine lange Wagnertradition.
Die Sopranistin – Iordanka Derilova - war als Leonore/Fidelio gemeinsam mit dem Bassbariton Ulf Paulsen als der nörgelnde Gouverneur das größte Kunsterlebnis des Abends. Derilova passt mit ihrem tollen und dramatischen Sopran gut in die Doppelrolle, genauso wie Ulf Paulsen mit seinem imponierenden Stimmpotential die Partie unbeschwert ausfüllte. Für beide galt, dass die überwältigende Stimmentfaltung beeindruckte.
Auch Pavel Shmulevich als Gefängnisbediensteter wurde seiner Rolle gerecht. Seine tiefe Stimme und überwältigende Ausstrahlung nötigt Respekt ab. Die Sopranistin Cornelia Marschall sang die Partie seiner Tochter schön und schnell, aber wirkte nicht ganz wie die unschuldige Jungfrau.
Ist sie etwa zu leichtsinnig?
Ein etwas schwerer langatmiger Abend mit ausgezeichneten Künstlern und einem höchst kompetenten Orchester im Graben unter der Leitung von Wolfgang Kluge.
01.11.2010, 11:35 | tags:
Musiktheater
637
Ingo Dorfmüller, Opernwelt, November 2010
Dessau/ Puccini: Turandot
Blick in die (Medien-)Zukunft
Eine geläufige moderne Deutung von Puccinis „Turandot“ geht so: Turandot, die „eisumgürtete Prinzessin“ ist eine tief traumatisierte Frau, ihre Erzählung von der einst geschändeten Ahnin verweist auf eigene Missbrauchserfahrungen, aus ihnen speist sich ihr mörderischer Männerhass. Calaf heilt sie, indem er sich ihr bedingungslos ausliefert. Das ist ein therapeutischer Prozess, an dessen Ende Turandot Liebesfähigkeit und Lebensfreude wiedergewinnt. Doch an dieser Geschichte stimmt etwas nicht: Denn was für eine Liebe ist das, wenn Calaf ihrer Verwirklichung bedenkenlos Menschenleben opfert, darunter das der ihm liebend ergebenen Sklavin Liù und des eigenen Vaters?
Schon wenn Calaf der Prinzessin erstmals gegenübertritt, entfaltet sich kein duettierendes Mit-, sondern ein kompetitives Gegeneinander. In Wahrheit – das arbeitet Michael Dißmeier in seinem Dessauer Programmheftessay schlüssig heraus – geht es nicht um Liebe, sondern bis zuletzt um Macht. Die Widersprüche des Stücks lösen sich bei dieser Betrachtung: Calafs Hingabebereitschaft ist nichts als ein psychologischer Trick, das ultimative Mittel zum Zweck – der Eroberung Turandots. Er sagt es selbst: „Und wenn die Welt zugrunde geht – ich will Turandot!“ Die Nähe zu Gabriele d' Annunzios faschistoidem Übermenschen-Konzept – frei nach Nietzsche – ist unübersehbar.
Regisseurin Andrea Moses zieht aus diesen Überlegungen die Konsequenz: Sie inszeniert einen Schaukampf, ausgetragen vor Publikum in einer Art Fernsehstudio. Dass er tödliche Konsequenzen hat (zu Beginn spielt man mit dem Kopf des Prinzen von Persien, Turandots letztem unglücklichem Freier, Fußball), wird von unserer Medienrealität noch nicht gedeckt – und diese Inszenierung ist nicht die erste, die eine solche Perspektivenverlängerung wagt. Man braucht nur an Wolfgang Menges Fernsehfilm „Millionenspiel“ aus den siebziger Jahren zu denken, wo die Kandidaten einer Fernseh-Show ihr Leben einsetzen mussten, um den ausgesetzten Preis zu gewinnen.
Nicht anders auf der Dessauer Bühne, in „Turandots Riddle Club“, einer Art tödlichem Amüsierbetrieb der Konkurrenzgesellschaft. Es sind Medienfiguren, die hier aufeinanderstoßen: Calaf, scheinbar schüchtern und linkisch, und doch zutiefst überzeugt von sich (er lässt ein wenig an den britischen Handy-Verkäufer Paul Potts denken, der mit dem Auftritt in einer Fernseh-Show berühmt wurde, eben mit Calafs „Nessun dorma“). Sein Gegenüber ist eine Mediendiva, die vom großen Auftritt aus der Tiefe des Raums an sämtliche Register von kühl-distanzierter Damenhaftigkeit bis zum hysterischen Exzess zieht: Mit blonder Mahne, kurzem Rock und auf gefährlich hohen Stöckeln gleicht sie auffallend Marisa Paredes, der großen Diva in Pedro Almodóvars Film „High Heels“ (der in Deutschland, wie passend, den Untertitel „Die Waffen einer Frau“ trug). Einmal nur kommt der Betrieb zum Stillstand: beim Selbstopfer Liùs, mit dem sie Calafs Leben rettet. Die Liebe ist Sand im Getriebe dieser Welt, das wahrhaft Fremde, Unverfügbare. Es wird rasch beiseite geschoben, the show must go on.
Die Inszenierung stammt aus Weimar, wurde aber für Dessau völlig neu einstudiert. Sie ist darstellerisch bis ins Detail genau gearbeitet: bei den Hauptfiguren ebenso wie bei Nebenrollen, etwa den Ministern Ping, Pang und Pong, die Andrea Moses sehr effektvoll als Standup-Comedians in Szene setzt, bis hin zu Chor und Statisterie. Durchweg gute und zutreffende Leistungen bietet das Ensemble, doch muss hervorgehoben werden, dass Iordanka Derilova auch vokal eine fesselnde Turandot ist, mit schier unerschöpflichen Reserven für machtvoll attackierte Spitzentöne, aber eben auch Farben, lockenden oder harsch gebietenden Tönen, die den Wechsel der Strategien im Machtkampf vokal beglaubigen. Sergey Dobryshevsky als Calaf bietet eine baritonal fundamentierte Stimme, kraftvolle Spitzentöne, verbunden durch eine etwas aufgeraute und weniger leicht ansprechende Mittellage. Anfänglich etwas hart in der Tongebung, dann aber aufblühend und ungemein anrührend Angelina Ruzzafante als Liù. Auch gesanglich exquisit und treffsicher das Ministerterzett, Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln. Die von Helmut Sonne ausgezeichnet einstudierten Chöre waren präzise und von geradezu niederschmetternder Wucht. Die Anhaltische Philharmonie zeigte sich in Hochform, und der junge GMD Antony Hermus steuerte den großen Apparat nicht nur sicher und mit untrüglichem Theaterinstinkt, sondern wusste auch die Besonderheiten der Partitur, die scharfen Kontraste, die disparate Instrumentation (speziell bei den Bläsern) ins rechte Licht zu setzen. Es war also auch musikalisch kein gemütlicher Abend, der vom Publikum dennoch mit Ovationen entgegengenommen wurde.
Puccini: Turandot.
Premiere am 25. September 2010. Musikalische Leitung: Antony Hermus, Inszenierung: Andrea Moses, Ausstattung: Christian Wiehle, Chor: Helmut Sonne. Solisten: Iordanka Deriliva (Turandot), Sergey Dobryshevsky (Calaf), Angelina Ruzzafante (Liù), Pavel Shmulevich (Timur), Wiard Witholt (Ping), Angus Wood (Pang), David Ameln (Pong), Klaus Gerber (Altoum).
28.10.2010, 15:03 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
633
Pressemitteilung vom 28.10.2010
Das Anhaltische Theater Dessau zählt zu den besten Opernhäusern Deutschlands
Alljährlich wartet die Opernwelt mit Spannung auf die Kritikerumfrage im Jahrbuch der Zeitschrift „Opernwelt”. Im Oktober erschienenen Jahrbuch 2010 hat das Anhaltische Theater Dessau insgesamt 11 Nominierungen erhalten und schnitt damit hervorragend ab.
In der wohl wichtigsten deutschlandweiten Kritikerumfrage für das Musiktheater erhielt das Anhaltische Theater Nominierungen als „bestes Opernhaus des Jahres“ für die Produktionen „Lohengrin“, „La Muette de Portici“ sowie sein „neues, handverlesenes Sängerensemble“.
Andrea Moses wurde für ihre Inszenierung von „Lohengrin“ mehrfach als „Regisseurin des Jahres“ nominiert, ebenso „La Muette de Portici“ in der Inszenierung von Generalintendant André Bücker in der Kategorie „Wiederentdeckung“.
Zahlreiche Nominierungen gab es ebenfalls für Generalmusikdirektor Antony Hermus als „Dirigent des Jahres“ speziell für seine Dirigate von „Lohengrin“ und „Un ballo in maschera“ sowie für den Opernchor des Anhaltischen Theaters als „Chor des Jahres“. Über individuelle Nominierungen als „Sänger des Jahres“ bzw. „Nachwuchssänger des Jahres“ können sich Diego Torre und Pavel Shmulevich freuen. Diego Torre für sein Europadebüt als „Masaniello“ in „La Muette de Portici“, Ensemblemitglied Pavel Shmulevich für seine Aufritte als Heinrich in „Lohengrin“ sowie „Sarastro“ in „Die Zauberflöte“.
27.10.2010, 16:54 | tags:
Musiktheater
627
Pressemitteilung vom 27.10.2010
„Fidelio“ zu Gast in Dänemark
Die Musiktheatersparte des Anhaltischen Theaters Dessau gastierte vergangene Woche mit großem Erfolg zum zweiten Mal im dänischen Aalborg. Im Kultur- und Kongress Zentrum Dänemarks viertgrößter Stadt zeigte das Anhaltische Theater vor 1.000 begeisterten Zuschauern eine Vorstellung von Ludwig van Beethovens einziger Oper „Fidelio“. Wolfgang Kluge dirigierte die Anhaltische Philharmonie und den Opernchor des Anhaltischen Theaters, die Inszenierung stammte von Johannes Felsenstein. Pavel Shmulevich gab ein höchst erfolgreiches Rollendebüt als Rocco, in den weiteren Partien waren KS Iordanka Derilova (Fidelio), Ulf Paulsen (Pizarro), Andrew Sritheran (Florestan), Wiard Witholt (Don Fernando), Cornelia Marschall (Marzeline) und David Ameln (Jaquino) zu hören. Die Zusammenarbeit soll in Zukunft intensiviert werden, ein im Vergleich zu 2007 und 2010 größeres Gastspiel ist für 2012 geplant.
25.10.2010, 15:38 | tags:
Schauspiel
, Musiktheater
624
Pressemitteilung vom 25.10.2010
„Schaf“ - Musiktheater für Kinder
Das Anhaltische Theater Dessau zeigt am Sonnabend, 6. November um 14.30 Uhr und am Montag, 8. November um 10.00 Uhr „Schaf“, eine Musiktheaterinszenierung für Kinder auf der Studiobühne des Alten Theaters.
Dirk Schmeding inszeniert die Kinderoper von Sophie Kassies als eine aufregende und musikalische Suche nach einem Namen für Schaf mit Schauspielern, Sängern und Musikern.
Diese erzählen mit Leichtigkeit und Humor von der Suche nach der eigenen Identität, von der Sehnsucht, besonders sein zu wollen und doch dazuzugehören. Die musikalischen Weggefährten auf dieser Reise sind Georg Friedrich Händel, Claudio Monteverdi, Henry Purcell und Antonio Vivaldi.
Als Solisten wirken mit: Sharleen Joynt (Sopran) und Anne Weinkauf (Mezzosopran), die indes nicht nur singen, sondern wie auch die Musiker Stefan Neubert/Boris Cepeda und Timm Carnarius/Gerald Manske ins Spiel einbezogen sind. Die kanadische Sängerin Sharleen Joynt ist neues Ensemblemitglied des Anhaltischen Theaters und ist u.a. als Oscar in „Ein Maskenball“ und demnächst als Adele in „Die Fledermaus“ zu sehen. Eva Marianne Berger ist als Schaf zu erleben. Matthieu Svetchine übernimmt seit dieser Spielzeit die Rolle des Lorenzo, wirkt u.a. mit in: „Doktor Mabuse“, „Des Teufels General“ und ist demnächst auch in der Inszenierung „Die Drei von der Tankstelle“ zu sehen.
Die Vorstellung am 8. November ist bereits ausverkauft. Für die Vorstellung am 6. November gibt es noch Tickets an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr, über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de sowie an der Abendkasse.
17.10.2010, 22:06 | tags:
Musiktheater
602
Joachim Lange, www.kultiversum.de, 10.09.2010
Dessau
Turandot
(Seit 25.09.) Andrea Moses macht aus Puccinis «Turandot» ein atemberaubendes, in sich stimmiges und obendrein höchst aktuelles Stück Musiktheater. Die Weimarer Erfolgs-Inszenierung wird jetzt vom Anhaltischen Theater Dessau übernommen.
Beschreibung:
Fernöstlich entrückt und blutrünstig ohne Gleichen, lässt Prinzessin Turandot reihenweise die Freier köpfen, die ihre Rätsel nicht lösen können. Calaf gelingt es, die Rätsel zu lösen. Er will aber obendrein ihre Kälte überwinden und ihr Herz gewinnen. So stellt er ihr die Gegenfrage nach seinem Namen. Dass Turandot bei dem Versuch, den herauszubekommen, im wahrsten Wortsinn über Leichen geht, macht das Happyend am Ende problematisch.
Bei Andrea Moses ist der Umgang Turandots mit ihren Freiern eine große Show, die jeden Respekt vor dem Leben eines Menschen hinter sich gelassen hat. Mitten in unserer durchmedialisierten demokratischen Gesellschaft ist Turandot ein Superstar, der sich sogar «echte» Tote leistet, damit die Quote stimmt. Bewerber, die ihren eigenen Tod geil finden und mit denen die Showqueen ein erotisch aufgeladenes Katz- und Mausspielchen veranstaltet, bevor sie ihnen das Messer an die Kehle setzt, gibt es genug. Dieser Faszination einer manipulierenden Macht erliegt auch der ehrgeizige Calaf. Für ihn macht Macht erotisch, er ist (hier) keinen Deut «besser» oder menschlicher als Turandot. Er will selbst diesen Job und ist dafür zu allem bereit. Das Happyend wirkt in dieser Inszenierung als Kompromiss bei der Teilung der medialen Top-Position überraschend schlüssig.
Bewertung:
Andrea Moses erzählt die Geschichte so, dass sie von jedem Verdacht eines folkloristischen Kostümschinkens freigesprochen wird. Turandot ist ein Thriller über Manipulation und bei dieser Regisseurin so gearbeitet, dass alle Protagonisten ihre darstellerischen Fähigkeiten voll entfalten können.
15.10.2010, 12:13 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
600
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 15.10.2010
Premiere am Sonnabend am Anhaltischen Theater
„Sink hernieder, Nacht der Liebe“ – große Richard-Wagner-Gala
Nach dem überaus großen Erfolg der „Italienischen Operngala“ in der letzten Spielzeit präsentiert das Anhaltische Theater Dessau nun mit „Sink hernieder, Nacht der Liebe“ eine große Richard-Wagner-Gala. Premiere ist am Sonnabend, dem 16. Oktober, um 19.30 Uhr.
Dessau-Roßlau. Dessau galt einst als „Bayreuth des Nordens“. „Tannhäuser“ kam 1857 auf die Dessauer Bühne. Bereits im Januar 1869 erlebte Dessau „Die Meistersinger von Nürnberg“. 1872 war Richard Wagner zu Gast. Unter Heinz Röttger, in Dessau von 1954 bis 1977 Generalmusikdirektor gab es viele Wagner-Aufführungen. Sogar Wagnerfestspiele wurden veranstaltet. „In den letzten Jahren wurde in Dessau wieder verstärkt Wagner gegeben, Tristan, auch Parsifal“, erinnert GMD Antony Hermus. In der vergangenen Spielzeit inszenierte Andrea Moses die von der Fachwelt und dem Publikum gleichermaßen gefeierte Oper „Lohengrin“.
Für Antony Hermus ist Richard Wagner „eine ganz große Liebe“. Seine private Visitenkarte trägt das Wagner-Zitat : „Music is the language of passion“ (Musik ist die Sprache der Leidenschaft) . Als Teenager hatte er mit einer „Fliegenden Holländer“-CD seine ersten Kontakt mit dem Komponisten (1813-1883). Bei „Tannhäuser“, der ersten Wagner-Oper, die er sah, sei er allerdings eingeschlafen. Ob man das schreiben kann? Aber es war so!
2004 hat der Niederländer in Hagen mit dem „Fliegenden Holländer“ seine erste Wagner-Oper dirigiert. Bei der „hoffentlich keiner eingeschlafen ist“, schiebt er lachend nach. Inzwischen dirigierte er auch „Tannhäuser“ und eben in Dessau „Lohengrin“.
Mit der jetzigen Gala, so Antony Hermus, soll das Vorurteil „Wagner ist schwer“ widerlegt werden. Wagners Musik sei ungemein dramatisch geschrieben, toll instrumentiert, kurzweilig und habe unglaublich schöne Melodien. Fast jeder kenne den „Walkürenritt“, den „Einzug der Gäste“ (Tannhäuser), den „Brautchor“ (Lohengrin) sowie andere sehr bekannte Stücke. „Oft auch nicht wissend, dass sie von Richard Wagner stammen“, ist sich Antony Hermus sicher.
Bei der Programmauswahl haben er, Operndirektor Heribert Germeshausen und Musikdramaturg Ronald Müller einen „Querschnitt“ konzipiert. „Die Gala ist sowohl Einführung für interessierte ‚Einsteiger‘ und wird ebenso den ‚richtigen‘ Wagnerianern bestens gefallen“, ist sich der GMD ganz sicher.
Neben der Anhaltischen Philharmonie wird „unser fabelhaftes Sängerensemble“, so Antony Hermus, mitwirken: KS Iordanka Derilova, Angelina Ruzzafante, Angus Wood, Andrew Sritheran, Wiard Witholt, Ulf Paulsen und Pavel Shmulevich. Und - zum ersten Mal in einer Gala - ist der Chor unter Leitung von Helmut Sonne dabei. Operndirektor Heribert Germeshausen wird moderieren, wird das Publikum mit Wagners Leben und Werk bekannt machen.
Ist Dessau auf gutem Weg, den Ruf als „Bayreuth des Nordens“ zu verteidigen beziehungsweise wiederzuerlangen? In diesem Jahr passiert da am Theater einiges. Diese Gala steht noch mehrmals im Spielplan. Das Ballett vertanzt „Die Nibelungen“. Am 19. und 20. Februar 2011 gibt es ein „konzentriertes Wagner-Wochenende“ mit Lohengrin, einer Matinee zum Nibelungen-Ballett und der Wagner-Gala.
Ab 2012 soll, beginnend mit „Götterdämmerung“ der „Ring der Nibelungen“ am Anhaltischen Theater zur Aufführung gelangen.
15.10.2010, 10:02 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
599
Alexander Hauer, Musenblätter, 15.10.2010
Dessau Turandot 25.09.2010, Premiere
Turandot, Puccinis letztes, unvollendetes Werk erlebte in Dessau eine glanzvolle Premiere. Unter der musikalischen Leitung von Antony Hermus erstrahlte aus dem Graben die Anhaltische Philharmonie mit orientalischem Goldglanz. Auf der Bühne gesellte sich zu den überragenden Stimmen ein neues Juwel hinzu: Sergey Drobyshevskiy als Calaf. Seine Interpretation des unbekannten Prinzen stellt so manche beliebte Studioaufnahme in den Schatten.
Kongenial seine Gegenspielerin und Objekt der Begierde Iordanka Derilova. Das „Stimmwunder“ von Dessau wurde von Angelina Ruzzafante als Liu und Pavel Shmulevich als Timur vervollständigt. Expressive Dramatik auf der einen Seite, auf der anderen, zarte Lyrismen prägten die beiden Sopranpartien. Pavel Shmulevich gab mit scheinbar unergründlich tiefem Bass den alten König Timur. Wiard Withold, Angus Wood und David Ameln waren ein erfrischendes Hofschranzengespann Ping, Pang und Pong. Adam Fenger überzeugte mit sonorem Bariton als Mandarin. Klaus Gerber interpretierte den Kaiser Altoum als altersschwachen, gebrochenen Mann. Der Chor unter der Leitung von Helmut Sonne , verstärkt durch Mitglieder des Coruso Chores aus Berlin, agierte als textverständlicher und beweglicher Klangkörper, an dessen sängerischer Raffinesse sich mancher Opernchor aus größeren Häusern messen lassen muss.
Allein diese Konstellation, dieses musikalische Juwel, jener Hochgenuss der italienischen Oper, würde reichen um einen Besuch in Dessau für eine konzertante Oper zu rechtfertigen.
Aber ein Opernabend ist mehr als ein Konzert. In Dessau kam zu der Musik auch eine überragende Inszenierung dazu.
Andrea Moses, die für ihren „Lohengrin“ eine Faustnominierung erhielt, brachte in Dessau ihre Weimarer Turandot in einer Überarbeitung heraus. Turandot ganz ohne Chinoiserien, ganz ohne Drachen, Phönixe und Einhörner. Die Ausstattung von Christian Wiehle verbannte in der Konzeption Andrea Moses‘ alles Asiatische von der Bühne. Das Volk von Peking mutierte zu einer entmenschlichten Gesellschaft, die nur noch für den Kick lebt. In einer, einem Fernsehstudio nicht unähnlicher Arena hält Turandot, die Showmasterin ihr großes Quiz ab. Der Einsatz ist hoch, wenn die drei Fragen nicht korrekt beantwortet werden, droht der Tod. Der Preis ist dem ebenbürtig, ein Leben an der Seite von Turandot. Und ähnlich dem Publikum von beliebten Castingshows wie DSDS, X-Faktor, etc. giert es auch in „Turandot’s Riddle Club“ nach dem Scheitern der Kandidaten. Eine elitäre Gesellschaft, ganz in schwarz-weiß, den beiden Trauerfarben der östlichen und der westlichen Welt gekleidet, erhält mit VIP-Pass Zutritt zur Arena. Das einfache Volk, die Underdogs, die Gescheiterten, von Wiehle in schmuddeliges Grau gekleidet, bleiben unter dem Spott der Elite außen vor.
Calaf ist bei Andrea Moses nicht der strahlende Held, sondern ein liebesunfähiger Egoist. Genau wie Turandot ist auch er bereit, über Leichen zu gehen, wenn er seine Wünsche und Befindlichkeiten durchsetzen will. Alle, die ihm zu Beginn der Oper lieben, sein Vater Timur und die Sklavin Liu, sind am Ende der Oper tot. Deren Sterben hat nur einer zu verantworten: Calaf. Und an diesem Punkt setzt die geniale Inszenierung Andrea Moses an. Es geht nicht um fehlgeleitete Liebe zwischen zwei Menschen, ihr geht es um zwei Übermenschen Nietzscher Prägung. Aus diesem Blickwinkel heraus liest sich die Partitur der Turandot wie eine Anleitung zur Schaffung eines Superhelden: Das Fehlen von Gefühlen, die Verleugnung von Liebe, die Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber, der Wunsch im Mittelpunkt zu stehen und vor allem die Stilisierung des Ichs werden aus dir einen Superstar, hier den neuen Kaiser von China, machen.
Andrea Moses mischt die Zeiten in ihrer Turandot. Die Grundlage ist die Entstehungszeit der literarischen Vorlage. Im 18.Jahrhunderts tauchte die persische Erzählung(Haft paikar-Sieben Schönheiten, Nizami um 1140-1209) von der grausamen Prinzessin in Paris auf. Zu einer Zeit in der Exekutionen, Folter, etc. durchaus auch noch einen Unterhaltungswert hatten. Die Welt William Shakespeares war noch nicht so weit entfernt, der Pariser Hof bot genügend Platz für Intrigen und Skandale. Die zweite Zeitebene ist die der Entstehung der Oper. Zeitgleich zu Puccinis Alterswerk entstanden Freuds Traumdeutung, Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ aber auch Schlagerschmonzetten wie „Leila“ (Leila, küsse mich und quäle mich, denn ich liebe nur dich). Die dritte Ebene ist unsere Zeit, die durch wachsende Brutalität, ansteigenden Egoismus und einer erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber Dritten geprägt ist.
Dies Alles wird von Andrea Moses ohne moralisierende Haltung dargestellt, sie weist keine Schuld zu, sie spiegelt nur das Tagesgeschehen in überzeichneter Form.
Am Ende, wenn Turandot und Calaf zusammengekommen sind, wenn das Volk von Peking im Siegestaumel die Penner ermordet hat, knien die beiden Protagonisten am Bühnenrand und bedrohen sich in sexueller Verzückung gegenseitig mit Messern.
Der Abend endete unter frenetischen Beifall für Sänger, Chor, Orchester und das Regieteam. Ein tobendes Haus, das den Premierenabend auch schon mit Szenenapplaus bedachte, steigerte sich in einen schier unendlichen Beifall.
Sachsen Anhalt und die Stadt Dessau besitzen in ihrem Theater einen Kulturort auf den so manches „erste“ Haus dieser Republik neidvoll schauen sollte. Für diese Turandot vergebe ich uneingeschränkt 5 Sterne, aber nur weil ich keine 6 vergeben kann.
Die weiteste Anreise lohnt sich, und wer dann das „Chinesische“ immer noch vermisst, kann danach gerne in den „Goldenen Drachen“ essen gehen.
14.10.2010, 15:06 | tags:
Musiktheater
598
Pressemitteilung vom 14.10.2010
Ein Maskenball [Un ballo in maschera]
Am Sonntag, 17. Oktober um 17.00 Uhr zeigt das Anhaltische Theater die Oper „Ein Maskenball [Un ballo in maschera]“ im Großen Haus.
Erzählt wird in der Oper von Giuseppe Verdi ein Königsmord, ein Drama über Leben und Tod des schwedischen Königs Gustav III. Roland Schwab inszeniert dieses Intrigenspiel, als eine große Maskerade, in der Sein und Schein bald nicht mehr zu unterscheiden sind.
Ein rauschender Tanz des Todes und ein packender Thriller entspinnt sich auf der Bühne und im Orchestergraben. Auch die Musik Verdis ist Teil des Maskenspiels und nimmt in jeder Szene eine andere Farbe an.
Bereits ab 15.45 Uhr sind die Besucher herzlich ins Theaterrestaurant zur beliebten Veranstaltungsreihe „Kaffee im Salon“ eingeladen. Neben Kaffee und Kuchen wird das Salonorchester „Papillon“ die Zeit der Wiener Kaffeehäuser lebendig werden lassen.
Inszenierung: Roland Schwab; Bühne und Kostüme: Frank Fellmann nach Entwürfen von Hartmut Schörghofer; Chor: Helmut Sonne; Dramaturgie: Heribert Germeshausen
Es spielt die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von GMD Antony Hermus.
Mit: Angus Wood (König Gustav III. von Schweden), Ulf Paulsen (Graf René Anckarström), KS Iordanka Derilova (Amelia), Jeniece Golbourne (Ulrica Arvidson), Cornelia Marschall (Oscar, Page), Wiard Witholt (Christian, ein Seeman), Nico Wouterse (Graf Horn), Pavel Shmulevich (Graf Ribbing), Filippo Deledda (Arzt), Alexander Dubnov (Diener Amelias)
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr ; Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr ; Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
04.10.2010, 10:53 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
582
Christian Wildhagen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.10.2010
Dessau: Turandot
Messer an der Kehle
Am Ende war der Tod der liebenden Frau ganz umsonst. Denn dieser Tenor-Prinz, ein Biedermann als Macho, geht buchstäblich über Leichen. Um im Geschlechterkampf Sieger zu bleiben, spielt er mit dem Feuer und offenbart dem seiner Lust jenes Geheimnis, um dessentwillen eine andere soeben ihr Leben geopfert hat: seinen Namen. Die Begehrte indes zeigt sich wenig beeindruckt – und setzt dem Prinzen das Messer an die Kehle! Bei ihrer Dessauer Inszenierung, die in Koproduktion mit dem Nationaltheater Weimar entstand, formt Andrea Moses den heiklen Schluss von Puccinis letzter Oper zu einem beispiellosen Showdown zwischen dem eiskalten Siegertypen Kalaf und der nicht minder eisigen Turandot. Für Liebe ist da kein Platz. Es geht um Macht, denn wer die Macht über den anderen gewinnt, hat auch dieses Rätselspiel auf Leben und Tod für sich entschieden. Andrea Moses, die ab 2011 als rechte Hand von Jossi Wieler den Neuanfang der Stuttgarter Oper mitgestalten soll, geht mit dieser fesselnden Lesart weiter auf dem Weg, den sie mit ihrer ersten Dessauer Operninszenierung, dem mittlerweile für den „Faust“-Preis nominierten „Lohengrin“, einschlug: Sie dreht die Werke nicht durch den Wolf eines aufgepfropften Regiekonzepts, sondern denkt deren Schlüsselszenen radikal zu Ende. „Turandot“ als Quizshow, Kalaf als Paul-Potts-Verschnitt – das liegt fast schon zu nahe. Doch wie hier die fernsehglatten Oberflächen unversehens aufbrechen und sich die Killer-Instinkte aller Beteiligten offenbaren, lässt den Atem stocken. Antony Hermus, der neue Generalmusikdirektor, verstärkt die Spannung noch durch sein explosives Dirigat, und auf Ensemblemitglieder wie Iordanka Derilova und Sergey Drobyshevskiy in den mörderischen Hauptpartien dürfte manch größeres Haus neidisch schauen.
28.09.2010, 13:55 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
575
Pressemitteilung vom 28.09.2010
Premiere „Sink hernieder, Nacht der Liebe“ - Die große Richard-Wagner-Gala
Nach dem großen Erfolg der „Italienischen Operngala“ in der vergangenen Spielzeit lädt das Anhaltische Theater am Samstag, 16. Oktober um 19.30 Uhr zur großen Richard-Wagner-Gala ein. Das Theater weist damit einem Komponisten Referenz, mit dessen Namen es seit 1857 in besonderer Weise verknüpft ist. 1857 ging mit „Tannhäuser“ erstmals ein Werk Wagners über die Bühne des damaligen Herzoglichen Hoftheaters. Nur sieben Monate nach der Münchner Uraufführung und neun Tage nach der Dresdner Erstaufführung fand am 30. Januar 1869 die Dessauer Erstaufführung der »Meistersinger von Nürnberg« statt. Die Reihe lässt sich fortsetzen, von Wagners Besuch in Dessau im Jahre 1872 – ein Aufenthalt, der in seinem Aufsatz »Ein Einblick in das heutige deutsche Opernwesen« insofern Niederschlag fand, als er die am Dessauer Theater geleistete künstlerische Arbeit äußerst lobend erwähnte – über die Mitwirkung von zwölf Musikern der Dessauer Hofkapelle bei den ersten Bayreuther Festspielen 1876 bis zur »Lohengrin«-Premiere am 3. Oktober 2009 unter der musikalischen Leitung von GMD Antony Hermus und in der Inszenierung von Andrea Moses, die hiermit für den FAUST-Preis nominiert wurde.
Mitwirkende Solisten sind KS Iordanka Derilova, Angelina Ruzzafante, Ulf Paulsen, Pavel Shmulevich, Andrew Sritheran, Wiard Witholt und Angus Wood, begleitet von der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von GMD Antony Hermus und dem Chor des Anhaltischen Theaters.
Vom „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“ erklingen die Highlights aus Wagners Schaffen: u.a. „Die Gralserzählung“ aus „Lohengrin“, „Isoldes Liebestod“, „Der Ritt der Walküren“ und „Brünnhildes Schlussgesang“ aus „Die Götterdämmerung“.
Die Moderation liegt in den Händen von Heribert Germeshausen.
28.09.2010, 09:34 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
572
Irene Constantin, Neues Deutschland, 28.09.2010
Blut, unsichtbar
Puccinis »Turandot« in Dessau
T urandot's Riddle Club« ist eine einzige große Show. Die ganz Schönen und fast ganz Reichen sind dort unter sich. Underdogs, die vor den Toren lungern, werden nicht mit dem Baseballschläger abgewehrt, sondern mit edlem Golfgerät. Die Rätsel sind auch nicht der eigentliche Kick. Man gefällt sich im Ekel-Dandytum, spielt mit abgeschlagenen Köpfen Fußball und lässt sich auch mal gern in Schönheit erdolchen.
Blondmähnig wie Marilyn, sportiv wie Madonna, im schwarzen Glitzerkleid unter samtenem Henkersmantel, hantiert die Königin des Clubs mit ihrem Dolch. Flecken macht das alles nicht auf den von Christian Wiehle erdachten arenaförmigen Showtheater-Rängen oder den schicken weißen Kostümen. Man tut ja nur so. Oder hat Regisseurin Andrea Moses das Theaterblut aus ästhetischen Gründen der Fantasie der Zuschauer anheimgegeben und es ist doch alles letaler Ernst? Man weiß es nicht. Wer weiß auch schon, wo er aufwacht nach 72 Stunden Party?
Calaf will rein in diesen Club und nicht nur das, er will der Größte werden. Die Sentimentalitäten der plötzlich auftauchenden Reste seiner Familie, Liu und der Vater, stören ihn nur, mit Mühe bliebt er höflich. Was selbst die beinahe netten Zyniker Ping, Pang und Pong und den Rest des Clubs für einen Moment in seiner nie erlebten Gefühlsechtheit rühren kann, Lius opferbereiter Liebestod, lässt ihn kalt.
In dem Punkt versteht er sich mit Turandot. Und er kriegt sie ganz, weil er clever erahnt, dass Turandot in ihm – wie er in ihr – den ebenbürtigen Partner erkennt. Er hat keine Angst vor ihrem an seinem Hals entlangstrichelnden Dolch. Papa Altoum, gehobener Texaslook in Cremeweiß, ist zufrieden. Der makellos singende und noch im kollektiven Rausch individualisiert spielende Chor hat einen neuen Vorturner.
Nichts kann stimmiger sein als diese Inszenierung. Puccinis letzte Oper muss einfach so aussehen, wie sie bei Andrea Moses und Christian Wiehle aussieht, jede pseudo-chinesische Verkleidung wird in Zukunft nur noch albern wirken. Das ganze Stück ist ein Spiel mit abgefeimten Gewaltfantasien, ob in Fernost oder Mittelwest bleibt sich in hermetischen Nächten gleich.
Für die aufpeitschenden schwarzen Klangfantasien sorgt die geradezu unheimlich aufspielende Anhaltische Philharmonie unter Anthony Hermus. Ob er den pseudochinesischen Singsang des wunderbaren Kinderchors zart untermalt, das perfekt singende und spielende Ping-Pang-Pong-Trio an der Grenze zur musikalischen Parodie spazieren führt, den grandiosen Sergej Drobyschewsky beim »Nessun dorma« auf seinem Klangteppich geradezu davonfliegen lässt, Angelina Ruzzafantes sentimental-gefühlvolle Liu-Töne noch inniger klingen lässt oder der lodernd auftrumpfenden Iordanka Derilova in der Titelpartie rasant Feuer gibt, Hermus tut immer das genau Richtige und gleichzeitig das Äußerste.
Diese mit Weimar koproduzierte Inszenierung ist unverkrampft großes und zeitgemäßes Musiktheater und hat in Dessau durchweg erstklassige Protagonisten gefunden. Diesem Haus den Finanzmangel-Strick um den Hals zu legen, würde einen gigantischen Kulturverlust bedeuten.
Auf der Heimfahrt dann, im Autoradio eine kleine Meldung, dass ein dem Doping freundlich zugeneigter Sportbund in Deutschland mit genau den Steuermillionen finanziert wird, die das Theater auf sichere Wege geleiten könnten. Aber man muss die deutsche Geld-Welt nicht verstehen.
Nächste Vorstellung: 3. Oktober
27.09.2010, 12:20 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
569
Helmut Rohm, Volksstimme, 27.09.2010
Puccinis Oper "Turandot" am Anhaltischen Theater Dessau
Kampf der Geschlechter und ein Kampf um die Macht
Dessau-Roßlau. Die neue Dessauer Spielzeit leitete Regisseurin Andrea Moses mit Giacomo Puccinis Oper "Turandot" ein, einer Neueinstudierung ihrer Inszenierung am Nationaltheater Weimar. Am Sonnabend gab es eine stürmisch gefeierte Premiere.
Kraftvoll und intensiv, aus dem Vollen schöpfend, beginnt die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus die Aufführung.
Eine riesig große, mehretagige, aus Stahlgerüsten errichtete Arena (Bühne und Kostüme Christian Wiehle), an ein modernes Fernsehstudio oder eine Freilichtbühne erinnernd, füllt die gewaltige Dessauer Bühne. Nichts von exotisch fernöstlicher Nostalgie. Andrea Moses nimmt den Zuschauer mit Ironie und Spielfreude mit ins Heute. Und es passt. Weil die Probleme, so wie sie in Puccinis kaiserlichem China herrschten, noch immer, teils noch drastischer aktuell sind.
Dominantes Schwarz-Weiß in der Kostümgestaltung und schlichtes Grau für die wenigen "Außenseiter" symbolisieren Machtkonstellationen.
Dass die Prinzessin Turandot nur demjenigen ihr Ja-Wort gibt, der drei schwierige Rätsel zu lösen vermag, ist eine vordergründige Mache, ein Vorwand. Diese nutzt die eiskalte und grausame Turandot, um ihre Macht zu demonstrieren, ihre todbringende Macht sogar abstoßend genüsslich auszuleben. Denn, wer sich bewirbt, die drei Rätsel nicht löst - wird getötet. Späte Rache für das Schicksal einer Vorfahrin soll genommen werden.
Drei Fragen bis zum Tod, ohne Joker. Kürzlich war es ein persischer Prinz, der durch das Messer Turandots selbst in einer öffentlich inszenierten Show in "Turandot‘s Riddle Club" sein Leben lassen musste. Das Volk tobt, huldigt der Prinzessin, lässt sich, für den Zuschauer erschreckend und nachdenkenswert zugleich, regelrecht manipulieren. Gänsehaut stellt sich ein. Und versnobte junge Männer spielen mit dem Kopf des gemeuchelten Prinzen Golf ...
Den Tod vor Augen, vielfach gewarnt, verfällt der nächste Bewerber, ein zunächst unbekannter Prinz (Kalaf), der Schönheit Turandots. Er glaubt an seine eigene Stärke, an die Macht der Liebe. Der personifizierte Geschlechterkampf nimmt, einem Thriller gleich, packend dramatisch inszeniert, seinen Lauf.
Iordanka Derilova als Turandot begeistert mit fantastischer Stimme und facettenreichem Spiel in fast übermenschlichen Ausbrüchen, nicht minder eindrucksvoll in den emotional nahegehenden Momenten. Kalaf wird durch den ausdrucksstarken und stimmgewaltigen Tenor Sergey Drobyshevskiy zu einem sympathischen "Siegertyp". Wunderschön und einfühlsam "lebt", mit bezaubernder Stimme und glaubhaftem Spiel, Angelina Ruzzafante die Sklavin Liù, die aus Liebe zu Kalaf den Freitod wählt, statt ihn zu verraten. Als letztendlich gefährliche aktive Mitläufer, von Andrea Moses als ein wenig skurril und erheiternd gezeichnet, agieren Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln als Ping, Pang und Pong. Pavel Shmulevich als Timur und Klaus Gerber als Turandots Vater Altoum sind ebenfalls überzeugend.
Seine große Partie hat der Chor (Leitung Helmut Sonne) mit viel Engagement bravourös bewältigt.
Antony Hermus bleibt mit der Anhaltischen Philharmonie dem furiosen Auftakt treu. Sie bringen die ungemein vielseitige kraftvolle und fantasiereiche Musik mit fernöstlichem Anklang stets auf den Punkt in bester Harmonie mit der Handlung.
Das Premierenpublikum feiert alle Akteure wie auch das Inszenierungsteam mit frenetischem Beifall.
27.09.2010, 08:00 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
568
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.09.2010
Anhaltisches Quiz
Eine mörderische Quiz-Show
Es war vor drei Jahren, als ein Underdog die Welt zu Tränen rührte - dank einer Melodie von Giacomo Puccini, die sich eigentlich nicht für eine Castingshow eignete. Doch als Paul Potts sein "Nessun dorma" in "Britain's Got Talent" schmachtete, wurde nicht nur die hart gesottene Jury schwach. Spätestens im Telekom-Werbespot sprengte das Bravourstück jedes Tenors dann alle Genregrenzen. Was also läge näher, als die "Turandot" in jenes Genre zu verlegen, in der sie damit gelandet war? Genau dies tut Andrea Moses mit ihrer Inszenierung, die nach einer ersten Version am Deutschen Nationaltheater Weimar nun ihre umjubelte Premiere am Anhaltischen Theater Dessau feierte.
Schreckliche Spaßgesellschaft
Man durfte am Samstag über die musikalische Qualität wie über die dramaturgische Konsequenz des Abends staunen, das eigentliche Wunder aber war die Publikumsreaktion. Ein Jahr nach ihrem "Lohengrin"-Debüt, das von hartnäckigen Buh-Rufern skandalisiert worden war und inzwischen für den Deutschen Theaterpreis "Faust" nominiert ist, konnte sich die Regisseurin diesmal fast einhellige Zustimmung abholen. Und dabei ist ihre "Turandot" keineswegs moderater als ihre Lesart des Wagner-Werks. Aber die Radikalität, mit der sie die Geschichte einer grausamen Spaßgesellschaft erzählt, wird vor Ort inzwischen mit Spannung und Interesse quittiert.
Gespielt wird am Hofe der "Principessa di morte" mit höchstem Einsatz: Wer ihre Rätsel nicht lösen kann, bezahlt mit seinem Leben. Dass aber das Volk in "Turandot's Riddle Club" jubelnd die Emporen füllt, wenn sie einem weiteren Freier die Kehle durchschneidet - das ist die eigentliche Perversion dieses schrecklichen Märchens. Die logische Konsequenz liegt daher im Wechsel der Fronten, als die schwarze Witwe zur weißen Braut werden soll: Die Masse ist nun auf Seiten des Siegers Calaf, der seinen Triumph seinerseits mit einer Rätselfrage krönt - und sich von der faschistoid uniformierten Menge als ihr neuer Führer feiern lässt.
Mit ihrem Ausstatter Christian Wiehle findet Andrea Moses eine Fülle von Details, die ihre Lesart bekräftigen. Das kollektive Warmup und die Cheerleader, die zum Siegeszeichen gestreckten Arme und die zur Waffe umgewidmeten Golfschläger - all dies sind Zeichen einer dekadenten Zeit, die das Quiz auf Leben und Tod als ultimativen Kick versteht. Dass die Betonung des Spiels nicht nur den Ernst der Lage steigert, sondern auch für Momente der Komik sorgt, ist die große Kunst dieses Abends. Es darf gelacht werden - und das macht alles noch viel schlimmer.
Das zeigt sich vor allem in den Figuren der Hofschranzen Ping, Pang und Pong, die Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln als fideles Trio von Spielmachern und Strippenziehern zeigen. Schnaps und Kokain helfen ihnen dabei, den letzten Rest von Gewissen zu betäuben - und selbst der Kaiser (Klaus Gerber) tanzt nach ihrer Pfeife. Diesen aalglatten Männern mit ihren perfekt sitzenden Anzügen und Stimmen muss der Einbruch des Elends in Gestalt von Timur (Pavel Shmulevich) und Li (Angelina Ruzzafante) wie eine pure Provokation erscheinen - zumal beide ihre verletzliche Unschuld auf höchstem sängerischen Niveau verteidigen. Diese Fremden sind in das Modell der betäubten Society nicht integrierbar, an ihren echten Gefühlen zerbricht das Talmi-Pathos - und folgerichtig werden ihre Wiedergänger am Ende von grausamen Kindern hingerichtet. Da bewirbt sich die nächste Generation um die Rolle der Turandot ...
Müde Boxer im Clinch
Die ist zu diesem Zeitpunkt bereits vakant: Überwältigt vom Beispiel der Sklavin, die lieber sterben als ihre Liebe verraten will, hat sich die grausame Prinzessin zumindest scheinbar in Calaf verliebt. Iordanka Derilova aber trägt das klingenscharfe Metall bis zum Schluss in der Hand und in der Kehle, ihr Lachen bleibt schrecklich - und am Ende wirkt ihre Umarmung mit dem Bräutigam wie der Clinch zweier erschöpfter Boxer. Das selbstsichere "Vincero", das Sergey Drobyshevskiy so lässig in den aufbrandenden Beifall gestemmt hatte, erweist sich also als Trugschluss. In dieser Geschichte gibt es keinen eindeutigen Sieger.
Gewinner aber gibt es dennoch viele - auch und vor allem die Anhaltische Philharmonie, die unter ihrem Generalmusikdirektor Antony Hermus erneut auf dem mittlerweile gewohnt hohen Niveau musiziert. Hier werden neben den fahlen und grellen Farben des Werks auch jene eigentümlichen Chinoiserien höchst kompetent präsentiert, die man auf der Szene konsequent verweigert und die dem Werk aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts seine zeitlose Schönheit geben - auch wenn es als Puccinis Schwanengesang immer den Nimbus des nicht ganz Bewältigten, nicht Vollendeten wahrt.
Doch auf dieser Basis entfaltet sich - im Zusammenspiel mit den aus mehreren Chören rekrutierten und von Helmut Sonne sowie Dorislava Kuntscheva einstudierten Massen - auch die ganze existenzielle Wucht des Geschehens. Ein großer, spannender Abend!
Nächste Vorstellungen: 3. Oktober, 17 Uhr; 8. Oktober, 19.30 Uhr
17.09.2010, 12:37 | tags:
Musiktheater
564
Pressemitteilung vom 17.09.2010
Wiederaufnahme „Schaf“
Das Anhaltische Theater Dessau zeigt am Donnerstag, 30. September, um 10.00 Uhr „Schaf“, eine Musiktheaterinszenierung für Kinder erneut auf der Studiobühne des Alten Theaters.
Dirk Schmeding inszeniert diese Kinderoper von Sophie Kassies als eine aufregende und musikalische Suche nach einem Namen für Schaf mit Schauspielern, Sängern und Musikern.
Dort, wo das Gras am grünsten ist, lebt Schaf – mit tausend anderen Schafen. Sein Leben ist in Ordnung, bis sich plötzlich Lorenzo in die Schafherde flüchtet. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, doch es gibt ein Problem: Schaf hat keinen Namen. Wie soll Lorenzo Schaf rufen und von den anderen Schafen unterscheiden, wenn es keinen eigenen Namen hat. Denn wenn man ein spezieller Jemand für jemanden sein möchte, braucht man einen Namen. Aber wo kriegt man so einen Namen her? Schaf macht sich auf den Weg, um herauszufinden, wer es ist.
Sänger und Musiker erzählen mit Leichtigkeit und Humor von der Suche nach der eigenen Identität, von der Sehnsucht, besonders sein zu wollen und doch dazuzugehören. Die musikalischen Weggefährten auf dieser Reise sind Georg Friedrich Händel, Claudio Monteverdi, Henry Purcell und Antonio Vivaldi.
Für die Vorstellung am 30. September gibt es nur noch wenige Restkarten.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr sowie über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und auch an der Abendkasse.
15.09.2010, 22:52 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
560
Mitteldeutsche Zeitung, 16.09.2010
Theaterpreis
Andrea Moses ist für «Faust» nominiert
Die Inszenierung von Richard Wagners "Lohengrin" am Anhaltischen Theater Dessau ist für den Deutschen Theaterpreis "Faust" nominiert worden, der am 27. November im Aalto-Theater Essen verliehen wird. Für Regisseurin Andrea Moses ist es bereits die zweite Nominierung, die zugleich das Votum der Fachzeitschrift "Die Deutsche Bühne" bestätigt. Dort hatten Kritiker die erste Spielzeit des Dessauer Generalintendanten André Bücker als "überzeugendste Theaterarbeit abseits großer Zentren" gewürdigt. Nach ihrem "Lohengrin" wird Andrea Moses in dieser Saison in Dessau auch ihre Lesarten der Opern "Turandot" und "Chowanschtschina" präsentieren.
Der Deutsche Theaterpreis "Der Faust" ist eine undotierte und in acht Kategorien verliehene Ehrung für Künstler, deren Arbeit wegweisend für das deutsche Theater ist. Die Preisträger werden von den Mitgliedern des Deutschen Bühnenvereins bestimmt. Zu den Nominierten in der Kategorie Regie Schauspiel zählen diesmal Thomas Ostermeier, Jan Steinbach und Roger Vontobel, bei der Opern-Regie sind neben Andrea Moses auch Claus Guth und Immo Karaman im Rennen. Der Preis für das Lebenswerk geht an Wilfried Minks, der Preis des Präsidenten an die deutschen Landesbühnen.
Mehr Informationen auf der Seite des Bühnenvereins
15.09.2010, 17:50 | tags:
Musiktheater
, Diverses
559
Pressemitteilung vom 15.09.2010
Andrea Moses für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominiert
Nachdem das Anhaltische Theater bei der Autorenumfrage zur Saison 2009/10 des Theatermagazins Die Deutsche Bühne im Sommer den Spitzenplatz in der Kategorie Ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren eroberte, wird dem Anhaltischen Theater eine weitere Auszeichnung zuteil.
Chefregisseurin Andrea Moses erhielt eine Nominierung mit ihrer Inszenierung „Lohengrin“ für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie Regie Musiktheater.
Ihre „Lohengrin“ Inszenierung erregte überregional enorme Aufmerksamkeit und verschaffte dem Anhaltischen Theater zu Beginn der Spielzeit 2009/10 unter der neuen Generalintendanz André Bückers einen fulminanten Start.
DER FAUST wird am 27. November zum fünften Mal verliehen. In diesem Jahr findet die
Vergabe im Aalto-Theater Essen im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 statt.
DER FAUST ist ein nationaler, undotierter Theaterpreis, der auf die Leistungskraft und
künstlerische Ausstrahlung der Theater aufmerksam macht und diese würdigt. Er wird vom
Deutschen Bühnenverein gemeinsam mit den Bundesländern, der Kulturstiftung der Länder und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergeben. Mitveranstalter 2010 ist das Land Nordrhein-Westfalen. Ausgezeichnet werden Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeit wegweisend für das deutsche Theater ist. DER FAUST wird in acht Kategorien verliehen. Zudem gibt es den Preis für das Lebenswerk und den Preis des Präsidenten.
14.09.2010, 19:15 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
558
Pressemitteilung vom 14.09.2010
Premiere „Turandot“
Dramma lirico in drei Akten von Giacomo Puccini
Text von Giuseppe Adami und Renato Simoni
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Am 25. September um 19.00 Uhr zeigt das Anhaltische Theater die Oper „Turandot“ im Großen Haus. Für die Neueinstudierung ihrer Weimarer Turandot-Produktion hat Andrea Moses mit den Ensemblemitgliedern des Anhaltischen Theaters Dessau in allen tragenden Partien eine vollständig neue Besetzung hochkarätiger Solisten zur Verfügung. Mit dieser Inszenierung kommt eine der populärsten Opern des 20. Jahrhunderts auf die Bühne, die in Dessau letztmalig vor 50 Jahren auf dem Spielplan stand. GMD Antony Hermus dirigiert die Anhaltische Philharmonie.
Prinzessin Turandot wird nur einen Prinzen heiraten, der drei von ihr gestellte Rätsel lösen kann. Wer das nicht vermag, wird geköpft. Mit diesem grausamen Gesetz nimmt Turandot späte Rache für das Schicksal einer Vorfahrin, die einst von einem fremden Mann vergewaltigt worden war. 13 junge Königssöhne mussten bereits sterben. Auch Prinz Calaf ist von Turandots Schönheit bezaubert. Er bewirbt sich und löst die drei Rätsel, doch Turandot weist ihn trotzdem von sich. Calaf will Turandot nicht zwingen, sondern gibt ihr seinerseits auf, bis zum nächsten Morgen seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Vermag sie es, so will er sterben. Mit Gewalt versucht Turandot, von Liù – einer Sklavin, die Calaf liebt – den Namen zu erfahren. Liùs Freitod aus Liebe erschüttert Turandot, doch erst Calafs Küsse machen auch sie zur liebenden Frau.
Puccinis letzte Oper verbindet Bombastisches mit Intimen, Tragisches mit Komödiantischem. Es geht um Macht und Machtdemonstration, den ewigen Kampf der Geschlechter und die große Liebe. Mit viel Ironie und Spielfreude verbindet Andrea Moses die verschiedenen Charakteristika dieses Werkes zu einem Medienspektakel im Turandots Riddle Club.
Musikalische Leitung: GMD Antony Hermus | Inszenierung: Andrea Moses
Bühne und Kostüme: Christian Wiehle | Dramaturgie: Michael Dißmeier / Heribert Germeshausen
Choreinstudierung: Helmut Sonne
Mit KS Iordanka Derilova (Turandot), Angelina Ruzzafante (Liù), Sergey Drobryshevskiy / Andrew Sritheran (Calaf), Pavel Shmulevich (Timur), Wiard Witholt (Ping), Angus Wood (Pang), David Ameln (Pong) u.a.
Weitere Vorstellungen am: 3.10.2010, 17 Uhr; 8.10.2010, 19.30 Uhr; 24.10.2010, 17 Uhr; 7.11.2010, 17 Uhr; 20.11.2010, 17 Uhr; 9.12.2010, 16 Uhr;
12.3.2011, 17 Uhr; 3.4.2011, 17 Uhr; 5.6.2011, 17 Uhr | 12.6.2011, 17 Uhr.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr sowie über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und auch an der Abendkasse.
13.09.2010, 12:30 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
554
Pressemitteilung vom 13.09.2010
„Zauber der Operette“
Unter dem Motto „Zauber der Operette" lädt das Anhaltische Theater am 17. September um 19.30 Uhr zu einem schwungvollen Operettenkonzert ein. Unter der Leitung von Wolfgang Kluge wirken als Solisten mit: Cornelia Marschall und Angelina Ruzzafante (Sopran) sowie David Ameln und Angus Wood (Tenor).
Auf dem Programm stehen Lieder und Duette aus Operetten wie „Eine Nacht in Venedig", „Die Fledermaus", „Boccaccio", „Paganini", „Clivia" und „Giuditta". Die Anhaltische Philharmonie steuert einige bekannte Orchesterstücke bei und auch das Ballettensemble wird zu erleben sein. Als Moderator begleitet Ronald Müller das Publikum durch den Abend.
In der Konzertpause besteht die Gelegenheit, im Foyer auf großer Leinwand die zehnminütige Filmdokumentation über das fantastische Scratch-Konzert „Carmina Burana“, welches im Mai stattfand, anzuschauen.
Informationen und Tickets erhalten Sie an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9.30 bis 20 Uhr | ab dem 23. August Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
06.09.2010, 13:45 | tags:
Musiktheater
545
Pressemitteilung vom 6.9.2010
Matinee zur Premiere „Turandot“
Vor der Premiere der Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini lädt das Anhaltische Theater am Sonntag, 12. September um 10.30 Uhr zu einer Matinee ins Foyer des Großen Hauses ein.
Regisseurin, Andrea Moses gibt einen Einblick in die Opernproduktion, Heribert Germeshausen, Leitender Musikdramaturg/Operndirektion moderiert die Matinee.
Die Solisten Iordanka Derilova, Angelina Ruzzafante, Sergiy Drobyshevskiy und Pavel Shmulevich stellen Ausschnitte der Oper vor und stimmen die Besucher auf die Premiere am 25. September um 19 Uhr ein.
Für den Eintritt wird ein Obulus von 3,- € erhoben, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf den Kartenpreis angerechnet wird.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de.
03.09.2010, 22:31 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
541
Operapoint, Heft 3/ 2010, Oliver Hohlbach
Dessau, Anhaltisches Theater
Die Stumme von Portici (La Muette de Portici)
von Daniel-François-Esprit Auber (1782-1871);Oper in fünf Akten; Libretto von Eugène Scribe und Germain Delavigne, UA: 29. Februar 1828 Paris, Opéra
Regie: André Bücker, Bühne: Jan Steigert
Dirigent: Antony Hermus, Anhaltische Philharmonie, Opernchor, Coruso Chor und Kinderballett des Anhaltischen Theaters Dessau
Solisten: Eric Laporte (Alphonse), Angelina Ruzzafante (Elvire), Angus Wood (Lorenzo), Ulf Paulsen (Selva), Anne Weinkauf (Hofdame), Diego Torre (Masaniello), Gabriella Gilardi (Fenella, stumme Ballettrolle), Wiard Witholt, Kostadin Arguirov, Stephan Biener (Gefährten)
Besuchte Aufführung: 24. April 2010 (Premiere)
Kurzinhalt
Prinzessin Elvire und Alphonse, Sohn des spanischen Vizekönigs, treffen Heiratsvorbereitungen. Die stumme Fenella erkennt ihn als ihren Verführer. Dies provoziert ihren Bruder, den Fischer Masaniello, einen Aufstand gegen die verhaßte spanische Besatzung anzuführen. Gerade als Masaniello die Kontrolle über den Aufstand zu verlieren droht, suchen Alphonse und Elvire Schutz bei ihm, der nun den Zorn seiner rebellischen Freunde fürchten muß. Sein Freund Pietro sieht in ihm einen Verräter und potentiellen Tyrannen und vergiftet ihn. Alphonse ist es zwischenzeitlich gelungen, Truppen gegen die Revolte zu mobilisieren. Sterbend gelingt es Masaniello, Elvire vor den Rebellen zu retten, Fenella tötet sich verzweifelt selbst. Zum Schluß bricht der Vesuv aus.
Aufführung
Wir befinden uns im Neapel der Gegenwart. Nicht die Spanier haben die Stadt im Würgegriff, sondern die Camorra. Die Anhänger Masaniellos sind schwarz gekleidet und sonnenbebrillt. Die Kämpfe mit dem Gegner erfolgen mit dem Maschinengewehr. Kinder hasten eifrig spielend durch die Kulissen. All das geschieht zwischen Containerhafen und Werft, selbst die Hochzeit zwischen Alphonse und Elvire findet auf der Rückseite eines Schiff-Rohbaus statt - der Vesuvausbruch fällt aus.
Sänger und Orchester
Das Duett zwischen Masaniello und Pietro "Die heilige Liebe zum Vaterland" und Masaniellos Arie im dritten Akt "Laufet zur Rache! Die Waffen, das Feuer! sind nicht nur sehr effektvoll geschrieben, sondern auch eine gewaltige Herausforderung für jeden Tenor. Beides stellte Diego Torre (Masaniello) unter Beweis. Allerdings hatte er damit keinerlei Schwierigkeiten. Leicht und schwerelos, aber mit viel französischer Verve und hoher Durchschlagskraft sang er diese beiden Stücke. Gleiches kann man für den zweiten Tenor Eric Laporte sagen. Seine Auftritte als Alphonse im ersten Akt sind völlig an der Gesangslinie orientiert. Der dritte Tenor Angus Wood als Lorenzo hat zwar nur einige kurze Auftritte, kann aber mit eher dramatischen Ausbrüchen glänzen.
Angelina Ruzzafante ist der Koloratursopran des Hauses und gewinnt das Publikum mit ebendiesen Koloraturen als Elvire mit Szenenapplaus - so als wären diese Koloraturen eine ganz einfache Sache. Ulf Paulsen in der leider viel zu kurzen Rolle des Selva kann auch in einer etwas tiefer liegenden Partie mit Ausdruck und kluger Gestaltung überzeugen - als echter Opernbösewicht mit Ausstrahlung. Antony Hermus führt die Anhaltische Philharmonie und diese Produktion auf eine musikalische Entdeckungsreise, die Auber als einen Mitbegründer der Grand Opera mehr als würdigt. Diese musikalische Fülle, die den Zuhörer fast drei Stunden mit französischem Wohlklang und Klangwolken mitreißt, führt hoffentlich zu einer Auber-Wiedergeburt.
Fazit
Ohne Zweifel eine aufsehenerregende Produktion und eine Wiederentdeckung eines wichtigen Beitrages zur Musikgeschichte. Musikalisch mit drei herausragenden Sängern besetzt. Szenisch hat man sich sehr bemüht, hat sehr viel Bewegung auf die Bühne gebracht. Atemberaubend, in welchem Tempo die Bühnen-Arbeiter die Kulissen immer wieder neu zusammenschieben.
Eine Revolution entfiel an diesem Abend: auch wenn der Chor zur Pause durch den Zuschauerraum faustschwingend abgezogen ist, so ist das Publikum nicht hinterhergezogen, wie es das bei der Aufführung in Brüssel 1830 gewesen ist. Das Publikum feierte die Produktion lange und stürmisch. Den Besuch einer Vorstellung kann man auf jeden Fall sehr empfehlen.
14.07.2010, 21:23 | tags:
Schauspiel
, Musiktheater
520
Frankfurter Rundschau, Joachim Lange, 14.07.2010
Anhaltisches Theater Dessau
Sein oder Nichtsein
Es ist ein Spuk, von dem man nicht so genau weiß, wann er vorbei ist. Dass er nicht im Theater selbst, sondern im Dessauer Stadtpark stattfand, muss man aber nicht gleich als böses Omen sehen. Das "SommerNachtTraum" Spektakel, mit dem Chefregisseurin Andrea Moses jetzt eine so interessante wie erfolgreiche Saison des künstlerischen Neustarts abschloss, passt in seinem Changieren zwischen dem Übermut Shakespeares und der Hintersinnigkeit von Botho Strauß ganz gut in diesen Park. Die finsteren Geister, die die sagenhafte Sommernacht auch weckt, hatten hier vor zehn Jahren zum Mord am Mosambikaner Alberto Adriano geführt und die Stadt im Mark erschüttert.
Dessau geht es wie vielen Städten in Ostdeutschland. Dem unübersehbaren Gewinn im Stadtbild stehen Deindustrialisierung und Abwanderung (in Dessau seit 1989 mehr als ein Viertel der Einwohner) gegenüber. Die Internationale Bauausstellung, für die das Bauhaus Dessau ein quasi natürliches Zentrum ist, illustriert die Dimension dieses Umbruchs gerade eindrucksvoll.
Das Theater der Stadt ist eine wuchtige architektonische Behauptung. Man wollte hier in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein Bayreuth des Nordens schaffen. Und so sieht der Bau auch aus. Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR gehört dieses mit seinen über 1000 Plätzen überdimensionierte, in der Region aber gut vernetzte Haus, neben Bauhaus und Wörlitzer Park, zu den wenigen guten Gründen, die A9 in Richtung Dessau zu verlassen.
Einfach war die Finanzierung nie. Doch die strukturelle Schieflage der Theater-Finanzierung und die bislang ziemlich fantasielosen Reaktionen auf den drohenden Kollaps der Kommunalfinanzen bedrohen das Theater jetzt existenziell. Die aktuelle "Blut und Tränen"-Streichliste sieht allein für das Vierspartenhaus (Musik, Schauspiel, Ballett, Puppentheater) eine Kürzung von 3,5 Millionen Euro vor. Bei der bisherigen Kopplung der Landeszuschüsse an den kommunalen Finanzierungsanteil würde die Umsetzung 2013 das Aus für das Theater bedeuten. Mit all den verheerenden Konsequenzen, die das für die Bewohnbarkeit dieser Stadt hätte.
Weil hier ein zweites Wuppertal droht, waren denn auch für ein Krisengespräch des Intendanten André Bücker beim parteilosen Dessauer OB Klemens Koschig prominente Unterstützer angereist. Neben dem Vorsitzenden der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins, Holk Freytag, waren die Amtskollegen aus Potsdam (Tobias Wellemeyer), Senftenberg (Sewan Latchinian) und aus Berlin vom Deutschen Theater (Ulrich Khuon) angereist. Zumindest das Bekenntnis, nach einer Lösung für das Haus suchen zu wollen, schien (anders, so Holk Freytag, als bei der Schließung des Schauspielhauses in Wuppertal) auch bei der arg gebeutelten, drittgrößten Kommune Sachsen-Anhalts offenkundig.
Ob freilich die anvisierte Umwandlung in ein Staatstheater eine belastbare Lösung ist, scheint nicht nur wegen der dann zu erwartenden Begehrlichkeiten in Halle oder Magdeburg fraglich. Bis die Finanzierungsproblematik im Kontext einer überfälligen, aber sich bislang nicht abzeichnenden Reform der finanziellen Sicherung der Kommunen gelöst werden kann, kann es nur um die Suche nach Überlebensstrategien und den vehementen künstlerischen Einsatz gehen.
So ist die Kopplung der Landeszuschüsse an die der Kommunen natürlich kein Naturgesetz. Wenn das Land zeitweise wegbrechende Beiträge der Kommune ausgleichen würde, wäre das ja keineswegs ein Angriff auf die Kulturhoheit der Länder, sondern eher ein Beispiel ihrer Wahrnehmung. Zumal, gesamtwirtschaftlich gesehen, jeder eingesetzte Euro eine Investition mit Ertrag und kein verlorener Verbrauch von Mitteln ist. Immerhin hat das Theater der 88000 Einwohner zählenden Stadt Dessau in jedem Jahr mehr als 200000 Zuschauer. Auch deshalb scheint man hier den Argumenten der Intendanten immerhin zuzuhören. Entmutigt wirkten sie jedenfalls nicht.
Auf ihrem Feld haben die, alles in allem, 300 Mitarbeiter des Theaters imponierend Flagge gezeigt. Und das gleich im ersten Jahr. Der Wechsel vom Langzeitintendanten Johannes Felsenstein zu André Bücker und seinem neuen Leitungs-Team ist hier nämlich nicht nur ausgesprochen erfolgreich, sondern auch mit einer erkennbar neuen Ästhetik in allen Sparten gelungen.
Ob nun im Schauspiel, gleich zu Beginn, mit eine Schleef-Bearbeitung von Armin Petras oder im Tanztheater. Da überzeugten Tomasz Kajdanksi und seine Truppe erst mit seiner Version von "Lulu" und dann mit "Nachtasyl" nach Maxim Gorki. Ambitioniert in der Choreografie und virtuos in der Umsetzung; in beiden Fällen mit Musik von Schönberg bis Glanert, und das aus dem Graben und nicht aus der Konserve.
Nicht nur beim Tanz hat sich Dessau damit an die Spitze der Theater in Sachsen-Anhalt gesetzt. Vor allem in der Oper war der "Lohengrin" von Andrea Moses eine szenische Offenbarung. Dass es ihr, dem Intendanten und dem neuen GMD Antony Hermus aber auch um den musikalischen Standard des Hauses geht, bewiesen sie mit dem ausgegrabenen französischen Fünfakter "Die Stumme von Portici" von Daniel-François-Esprit Auber. Und das lag nicht nur an einem hier zu entdeckenden mexikanischen Tenor mit Weltstar-Potenzial namens Diego Torre, sondern am gesamten Ensemble. Das spielt, als ginge es um sein Überleben. Eine Redewendung, die mittlerweile den Beigeschmack von Wahrheit hat.
09.07.2010, 10:34 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
512
Orpheus, Herbert Henning, Juli/August 2010
Sehnsucht nach Freiheit
Die Zeit der Grand Opéra ist vorbei. Vielleicht ist dies ja ein Grund dafür, dass die Oper La Muette de Portici von Auber von den Spielplänen nahezu ganz verschwunden ist obwohl sie einst zu den berühmtesten Opern des 19. Jahrhunderts zählte. Vor 52 Jahren war sie das letzte Mal in Dessau zu sehen. Für André Bücker wurde seine emotionsgeladene Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Antony Hermus und Chordirektor Helmut Sonne zu einem nicht nur musikalischen Triumph mit einem erstklassigen Sängerensemble, das keinen Vergleich mit großen Opernhäusern zu scheuen braucht. Packendes Musiktheater, das ungemein fesselt und die Geschichte um den Aufstand der Fischer in einem neapolitanischen Fischerort am Fuße des Vesuvs neu erzählt und auf ganz besondere Weise jene politische Dimension des Stückes freilegt, die bei einer Aufführung 1830 in Brüssel eine Revolution einleitete. In dieser monumentalen Inszenierung mit der phänomenal eingesetzten und präzise funktionierenden Bühnenmaschinerie sind Menschen und Maschinen in einer Container-“Landschaft" eines Hafendocks allgegenwärtig. In unaufhörlicher, wie von Geisterhand gesteuerte Verwandlung mit dem auf Videowänden immer präsenten Meer und einer Werftszenerie, die fernab jeglicher Idylle ist, wird in starken Bildern voller Dramatik und Leidenschaft das Geschehen erzählt. Dabei leistet der durch den Coruso-Chor e.V. verstärkte Opernchor mit einer großen Statisterie vereint, musikalisch und darstellerisch Herausragendes. André Bücker gelingt die Gratwanderung zwischen eindrucksvollen, der Grand Opéra ähnlichen Massenszenen und sehr genau gezeichneten individuellen Charakteren der Figuren. Das stumme Mädchen Fenella wird von Gabriella Gilardi mit einer ausdrucksstarken und expressiven Körpersprache getanzt und emotionalisiert die Inszenierung ganz besonders. Es sind vor allem aber die Sänger im Ensemble, die diese Aufführung dominieren und zu einem musikalischen Triumph werden lassen. Allen voran der junge mexikanische Tenor Diego Torre, der mit unglaublicher Energie und sängerischer Präsenz nahezu mühelos die heikle Höhe der Partie das Masaniello meistert. Makellos der Gesang von Eric Laporte als Alphonse und Angelina Ruzzafante als Elvire. Ulf Paulsen und Angus Wood sind die gewalttätigen Handlanger der Camorra. Vor allem Wiard Witholt als nach Rache dürstender Pietro, ungestümer Gefährte des Masaniello, hat sängerisch und darstellerisch Format. Jan Steigert (Bühne) und Christian Schrills (Video) lassen zum Finale den Vesuv flammende Lava speien - Metapher für die unbändige Kraft und Leidenschaft des Volkes, das das Schicksal der Stummen von Portici zum Fanal wider Terror und Gewalt nimmt. Das Leben jenseits von Wohlstand und Freiheit hat nicht zuletzt durch die leidenschaftliche und packende Musizierweise der Anhaltischen Philharmonie in dieser umjubelten Inszenierung ein Gesicht.
09.07.2010, 10:28 | tags:
Musiktheater
, das neue Team
, Anhaltische Philharmonie
, Diverses
, Pressestimmen
511
Orpheus, Kevin Clarke, Juli/August 2010
Sänger sind wie Diamanten, die man zum Funkeln bringen muss!
Antony Hermus
Der Dirigent und neue GMD von Dessau im Gespräch mit Kevin Clarke
Antony Hermus, 1973 in den Niederlanden geboren, studierte an der Musikhochschule Tilburg. 2003 bis 2008 war er GMD in Hagen, seit dieser Saison ist er GMD des Anhaltischen Theaters Dessau, wo seine erste Produktion (Lohengrin) überregional positive Reaktionen hervorrief.
Aubers Stumme von Portici ist ein unbekanntes Werk, eine Grand Opéra mit spektakulären Effekten. Wie seid ihr an so ein Werk herangegangen?
Das war eine spannende Arbeit, vor allem, weil es kaum Vorbilder gibt. Aubers Stumme ist vor allem bekannt wegen ihrer revolutionären Inhalte. Es geht um Unterdrückung und Rache, wobei Persönliches und Politisches vermischt werden. Bis 1882 gab es 505 (!) Vorstellungen der Stummen an der Pariser Oper, heutzutage wird das Stück nur sehr selten gespielt, trotz der packenden, nach wie vor aktuellen Geschichte und berückend schönen Musik. Faszinierend ist auch die Figur der Stummen selbst, Fenella, die bei uns von einer Tänzerin dargestellt wird. Sie macht eine große Entwicklung durch, sagt nichts, kommuniziert aber viel, unterstützt von schillernden Orchesterzwischenspielen. Außerdem haben wir für die Hauptrollen eine super Besetzung.
Historische Dirigenten haben mit Solisten Rollen Satz für Satz probiert, um eine ideale Interpretation zu finden. Ist das auch Dein Ideal?
Ich arbeite unglaublich gern mit Sängern, weil sie wie Diamanten sind, die man schleifen und zum Funkeln bringen muss. Die Erkenntnis, dass Dirigenten Sängern helfen sollten, ist bei mir relativ früh gekommen. Ich war bei einer Pelléas-Produktion Studienleiter und hatte mit allen Sängern die Rollen einstudiert. Ich kannte das Stück also ziemlich gut. Bei einer Durchlaufprobe auf der Bühne mit Orchester fehlte ein Nebenrollendarsteller, und mein damaliger GMD bat mich, für eine Szene einzuspringen und auf der Bühne singend die Stichworte zu geben. Ich dachte „kein Problem“. Der Dirigent seinerseits dachte „ach, der Antony kennt das Stück ja, der hat's schließlich einstudiert, dem muss ich keine Zeichen geben“. Und ich stand da oben auf einer Schräge und hörte nur ein flirrendes Orchesterrauschen, von ganz weit weg. Alle meine Einsätze waren falsch, ich kam dauernd aus dem Takt. Der GMD guckte mich irritiert an. Und ich merkte, aha, das ist also das Gefühl, das ein Sänger hat, wenn er auf der Bühne steht und ein Dirigent ihm nicht hilft! Vorher habe ich mich immer geärgert über Sänger, die geschleppt oder Einsätze verpasst haben. Aber seit diesem Schlüsselerlebnis weiß ich, dass es meine wichtigste Aufgabe ist, Sängern zu helfen durch den Abend zu kommen, darauf zu achten, dass ihnen die Puste (oder Stimme) nicht wegbleibt. Als Dirigent muss ich für sie die richtigen Tempi finden, bei denen sie sich wohl fühlen. Und ich muss ein Band mit ihnen entwickeln. Nur dann entsteht Vertrauen und fühlt sich ein Sänger getragen. Orchester und Dirigent sollten einen Teppich für Sänger ausrollen, auf dem sie sich frei bewegen können.
Sänger müssten Dich für diese Einstellung lieben.
Ich liebe meinerseits jedenfalls Sänger, die sich mit Leidenschaft und einer großen Musikalität in Opern stürzen und genauso theatralisch denken wie ich.
Würdest Du Dich als Stimmfetischist bezeichnen?
Ich habe schon gewisse Klangideale für bestimmte Rollen. Die Herausforderung am deutschen Ensemblebetrieb ist, dass man Sänger sucht, die möglichst vielseitig einsetzbar sind, ohne sie im Repertoirebetrieb zu verheizen. In Dessau ist das bis jetzt gut gelungen, was vor allem das Verdienst von unserem Casting-Chef Heribert Germeshausen ist, der ein super Gespür für interessante Sänger hat.
Sind unbekannte Stücke ein Spielplanschwerpunkt?
Wir bemühen uns, erfinderisch zu sein. Raritäten werden auch in den nächsten Jahren vorkommen. Im Fall der Stummen von Portici war es eine tolle Entdeckungsreise mit einer Partitur, die kaum jemand kennt. Was eher unerfreulich war, war die Stückel-Arbeit mit dem Notenmaterial, denn es gibt keine kritische Edition von einem französischen Verlag, d.h. materialtechnisch ist das Stück schwierig. Als Holländer interessierte es mich besonders, weil mit Portici die belgische Revolution startete und letztlich die Unabhängigkeit der Niederlande herbeigeführt wurde. Solche Bezugspunkte zu meiner Heimat sind vielleicht zufällig, aber es gab sie auch beim Lohengrin, der ja bekanntlich in Brabant spielt, wo ich herkomme. Man könnte fast sagen, dass unser diesjähriger Spielplan speziell für mich konzipiert wurde.
Wie sieht es mit Medienpartnerschaften aus. Kommen weiterhin Produktionen aus Dessau auf CD und DVD heraus?
Wir werden versuchen, Dessau über CDs und DVDs auf die internationale Opern- und Orchesterlandkarte zu setzen. Wir haben hier ein großes Haus mit einer super Akustik und vielen bühnentechnischen Möglichkeiten. Das wollen wir optimal nutzen. Von der Stummen von Portici wird es eine DVD geben.
Vor kurzem lief in Dessau Kurt Weills One Touch of Venus. In den USA ist das Stück ein Klassiker, in Deutschland fast unbekannt. Hast Du Berührungsängste mit der Kunstform Operette oder Musical?
Überhaupt nicht. Wichtig ist für mich die Qualität der Musik. Ich bin ein großer Bernstein-Fan. Unseren neuen Candide hätte ich gern selbst gemacht, aber das ging zeitlich nicht. West Side Story würde ich sofort dirigieren oder On the Town. Ich habe in meiner Zeit in Hagen viele Operetten dirigiert, die mir auch viel Spaß gemacht haben. Grundsätzlich gilt: Gute Kapellmeister erkennt man daran, dass sie Operetten gut dirigieren können. Da scheidet sich schnell die Spreu vom Weizen.
Was sind Deine Pläne und Träume?
Ich würde gern wieder eine große Puccini-Oper leiten und einen Mozart-Zyklus oder (im Konzertbereich) einen Beethoven-Zyklus. Auch die Opern von Wagner und Strauss faszinieren mich unglaublich. Aber vor allem will ich mich persönlich weiterentwickeln als Künstler und Mensch, und dafür ist Dessau eine ideale Umgebung. Im Moment habe ich auch etliche Einladungen von Opernhäusern und Sinfonieorchestern für Gastdirigate, speziell in Frankreich und Holland. In Dessau hoffe ich, dass wir weitermachen können mit all dem, was wir angefangen haben, trotz Sparzwang, der momentan nicht nur bei uns herrscht. Die Stadt-, Landes- und Bundesväter sollten eines nicht vergessen: Kultur ist in einer Gesellschaft nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern auch die Hefe im Teig!
06.07.2010, 14:50 | tags:
Schauspiel
, Musiktheater
, Funk
, Diverses
, Pressestimmen
509
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 02.07.10
Giftspritzen in den Geisterhäusern
Drei Meistergattinnen empfangen Besucher beim letzten Haus-Funk-Abend und führen sie vergnüglich von Meisterhaus zu Meisterhaus, wo Darbietungen warten.
Die Geister sind erwacht und haben erst einmal die Wiese unter den Kiefern verschönt. Blaue und rote Blümchen wachsen streng ausgerichtet in der Meisterhaussiedlung. Da spürt man doch gleich den Grünen Daumen der Meistergattinnen. Kunst beginnt mit Kunstblumen schon vor der Haustür. So nett, wie sie die Vorwiese gestaltet haben, haben sich Ise Gropius, Nina Kandinsky und Tut Schlemmer auch selbst hergerichtet. Frisch gelegte Haare, rot gezogene Lippen und Kleider für eine Gartenparty - so empfangen sie die zahlreichen Besucher am Mittwochabend an den Meisterhäusern.
Zum achten Mal in dieser Spielzeit des Anhaltischen Theaters wurde der Haus-Funk veranstaltet, ein von der Kulturstiftung des Bundes gefördertes Projekt, das seit dem Herbst an jedem letzten Mittwoch im Monat die Dessauer an die verschiedenen Bauhausorte einlud, wo es die unterschiedlichsten Aktionen gab. Der Haus-Funk in dieser Woche war der letzte im Reigen des auf eine Spielzeit begrenzten Projektes, das Dramaturgin Maria Viktoria Linke in Zusammenarbeit mit Torsten Blume von der Stiftung Bauhaus betreute. Für den Abschied gab es deshalb noch einmal richtig viel Programm, präsentiert von Schauspielern und Tänzern des Theaters, mit Sänger Ulf Paulsen und der slowakischen Band PoŽon Sentimental.
So richtig wohl an ihrem früheren Wohnort fühlten sich die Frauen Ise, Nina und Tut - Thorsten Köhler, Matthieu Svetchine und Jan Kersjes waren in die Kleider der Ehefrauen von Walter Gropius, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer geschlüpft -, und sie erwiesen sich den ganzen Abend über als perfekte und aufmerksame Gastgeberinnen in den Geisterhäusern. Viel hatten sie zu erzählen und taten dies zuerst am Haus Emmer, das heute über den Resten des Direktoren-Hauses von Gropius steht. Die Gartenterrasse bot den drei Damen ein angemessenes Podium, um mit Hilfe von Grundriss-Zeichnungen durch das Haus zu führen und dabei recht viel vom Leben seiner Bewohner und der Nachbarn zu erzählen. „Wir sind so richtige Giftspritzen", erklärte Thorsten Köhlers Ise, und so teilten die Gattinnen untereinander ebenso ordentlich aus wie sie Abwesende mit Spitzen bedachten. Die Feiningers und Moholy-Nagys würden immer den Müll im Gropius-Garten abladen und wurden deshalb nicht eingeladen, erfuhr man ebenso wie manch andere Indiskretion. Die Zuschauer amüsierte das sichtlich.
"Komm zur Vernunft und komm da runter."
Ise, Tut und Nina zu Hannes Meyer
Von Haus zu Haus zog die Besuchergruppe, verschmerzte die verschlossene Tür bei Feininger, denn auf der Terrasse bei Muches und Schlemmers wartete schon Ulf Paulsen mit einem ausgewählten Liedprogramm von Hanns Eisler bis zu Gassenhauern der 1920er Jahre. Das Saxophon von Jörg Naumann lockte darauf in das Meisterhaus Muche/Schlemmer. Tänzer des Anhaltischen Theaters erkundeten performativ die Räume, ließen sich gleichermaßen auf die Musikimprovisation wie die Klarheit der Architektur ein, und als das Saxophon schwieg, da rief Stephan Korves als Hannes Meyer mit dem Megaphon vom Dach des letzten Meisterhauses in der Reihe schon die Gäste herbei. Er las seinen Abschiedsbrief, den er dem Oberbürgermeister nach seinem Hinauswurf aus dem Bauhaus schrieb. Immer und immer wieder setzte er an, brach ab, las erneut. Ise, Tut und Nina kommentierten. „Der ist ein wenig sauer. Das hat der nie verwunden. Komm zur Vernunft und komm da runter", meinten die drei, doch Meyer wollte noch erzählen, „warum ich geschlossen wurde".
Bei Kandinsky und Klee waren es Susanne Hessel, Regula Steiner und Eva-Marianne Berger, die mit Schnäuzer, Hut und Anzug die Kunsttheorie unters Volk brachten. Anspruchsvolles wechselte an diesem Abend mit leichtem, PoŽon Sentimental spielte zum Finale Klassik gleichermaßen wie Filmmusik. Nach zwei Stunden Programm gab es reichlich Applaus für die große Gruppe der Akteure. Ise, Nina und Tut wollten da nur noch ihre Kleider gegen lange Hosen tauschen, denn auch die Mücken hatten am letzten Haus-Funk-Abend ihre helle Freude.
Großes Finale bis zum Sonntag
Sein großes Finale erlebt das Dessauer Funk-Projekt von heute bis Sonntag vor dem Alten Theater. Dorthin ist bereits gestern der rote Funk-Container umgezogen, der seit Spielzeitbeginn auf dem Vorplatz des Theaters stand. Gestartet ist bereits am Mittwoch mit Dessau-Funk eine viertägige Radiostation für Dessau: Auf lokaler Frequenz in der Umgebung des Theaters und über www.dessaufunk.de oder über www.interfunk.net sendet die Radiostation bis in die Nacht des 4. Juli kontinuierlich.
Vor dem Alten Theater beginnt heute um 21 Uhr „Tanz den Dessau - besuch die Funks!". 24 Stunden lang empfängt das Funk-Team in einer Bühnenwohnung vor dem Alten Theater Dessauerinnen und Dessauer, Vereine, Initiativen und Clubs - vom Briefmarkensammler bis zur Theaterjugend, vom Dichter über Imker und Musiker bis zum Modellflieger. DokuTV Wettin und Funk zeichnen auf und übertragen live über www.interfunk.net, ein paar Tage später wird die Funk-Schau im Offenen Kanal Dessau laufen. Live-Musik und ein DJ laden zum Abschluss der 24-stündigen Funk-Aktion und einer großen Party auf dem Vorplatz des Alten Theaters am Sonnabend um 21 Uhr ein.
Der letzte große Auftritt von Funk ist ein öffentlicher Brunch am Sonntag ab 11 Uhr. Funk sendet an diesem Julitag noch bis Mitternacht - dann ist die Sendezeit zu Ende.
27.06.2010, 10:31 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
497
Axel Göritz, Opernnetz.de, Juni 2010
Theater im Theater
Ursprünglich als Stoff um die reale Ermordung des schwedischen Königs Gustav III. während eines Balles Ende des 18. Jahrhunderts geplant, verlegte Verdi wegen der Zensur in Italien die Handlung seines Maskenballs ins ferne, für die regierenden Herrscherhäuser unproblematische Boston in Neuengland, aus dem gekrönten König wurde ein ziviler Gouverneur . Die Neuproduktion in Dessau greift nun wieder die ursprüngliche Version mit dem Bezugsrahmen in Schweden auf und nähert sich dem historischen Vorbild noch mit einem zusätzlichen Dreh. Gustav III. war ein aufgeklärter Monarch, den Künsten zugetan und sie fördernd. Die Inszenierung von Roland Schwab greift diesen verbürgten Rahmen auf und lässt das Stück als Theater im Theater auf einer Probebühne beginnen. In einer Anfangs-Pantomime ziehen die Laien-Schauspieler per Zufalls-Karten ihre Rollen, legen ihre jeweiligen Kostüme an und das Spiel um das tragische Schicksal des unglücklich verliebten Königs mit dem Pagen Oscar (Cornelia Marschall mit klarer Diktion) als Maître de Plaisir kann beginnen. Das funktioniert in der ersten Hälfte mit ihrer turbulenten Handlung um die Zauberin und Wahrsagerin Ulrika sehr schön, im Stil einer commedia dell'arte wird drastisch und fast überbordend gespielt, man fällt gelegentlich auch aus der Rolle und beobachtet das Spiel quasi als eigener ironischer Kommentator, geht wie im Zirkusrund auch mal sich anbiedernd und um Beifall heischend durch die erste Publikumsreihe, kurzum, man veranstaltet pralles Volkstheater mit einem gewissen Augenzwinkern.
Das gelingt auch wegen der tollen Spiellaune von Hector Sandoval (mit seinem nicht allzu großen, aber sehr stimmschön und ausdrucksvoll geführten Tenor) in der Rolle des Königs. Wie er sich ins Zeug legt und als Theatertier verausgabt sieht man auf der Opernbühne sonst eher recht selten. Seine Mitspieler brauchen dann doch etwas länger, bis sie ebenfalls in Fahrt kommen und einigermaßen mithalten können. Ein starkes Bild dabei die Wahrsage-Szene mit der Warnung an den König, dass er durch die Hand eines Freundes getötet werde, als die Zauberin Ulrika (Rita Kapfhammer mit voll tönendem Alt) aus dem Leib einer ihrer Lemuren einen soeben geborenen erwachsenen Menschen zieht.
Doch dieses doppelbödige Spektakel mit dem Spiel im Spiel (so liest Ulrika die Zukunft nicht aus der realen Hand des Königs, sondern aus einer ihr gereichten Puppen-Hand) verliert sich, je mehr das Drama um König Gustav und seine Geliebte Amelia, die Frau seines besten Freundes und Sekretärs René, in den Mittelpunkt der Handlung rückt. Jetzt wird, in durchaus eindrucksvollen Bildern, auch dank des die Bühne beherrschenden riesigen Spiegels (Bühne: Hartmut Schörghofer), der das Geschehen für den Zuschauer geheimnisvoll verdoppelt, ungebrochen die Leidenschaft um Amelia gezeigt, die schließlich in dem Rache-Mord am König kulminiert. Den stärksten Eindruck hinterlässt dabei die Schluss-Szene auf dem Maskenball, als sich die Verschwörer unter Anführung von René zu einem gespenstischen Todestanz-Ständchen mit Geigen und Bratschen „bewaffnet“ dem König nähern, ihn im Takt des fahlen Orchesterklangs in die Enge treiben und schließlich mit dem Geigenbogen erstechen.
Das stimmliche Niveau aller Protagonisten war hoch. Ulf Paulsen wusste nach verhaltenem Start auch darstellerisch voll zu überzeugen, im Hass und der Rache wegen der vermeintlichen Untreue seiner Gattin lief er mit seinem kraftvollen Bariton zu großer Form auf. Die Amelia von Iordanka Derilova hatte alles, was man von einem dramatischen Verdi-Sopran erwarten kann: die leuchtende, kräftige Höhe ebenso wie die volle Mittellage und ein zartes Piano. Und der Regisseur hatte ihr die sonst Derilova-typischen weit ausholenden Armbewegungen ausgetrieben, so dass sie umso glaubhafter ihr Gewissensdrama um Liebe und Verzicht gestalten konnte.
Die Anhaltische Philharmonie unter Leitung ihres Generalmusikdirektors Antony Hermus klang zu Beginn zu verhalten und zu gemächlich. Im Verlauf der Aufführung kam die Spannung dann auch aus dem Orchestergraben, in den großen Ensemble-Szenen fanden die Musiker zu sattem Verdi-Klang, ebenso wie der Chor unter Leitung von Helmut Sonne.
Das Premieren-Publikum feierte alle Beteiligten, einschließlich des Regie-Teams, mit großem Beifall und Fuß-Trampeln. Ein oder zwei einsame Buh-Rufe animierten die übergroße Gegen-Fraktion zu umso kräftigere Bravo-Salven.
27.06.2010, 10:19 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
496
Thomas Starost, Main Post, 24.06.2010
SCHWEINFURT
Stimmfest mit furioser Durchschlagskraft
Sensationeller Gala-Abend beendet Schweinfurter Theatersaison
Das war's. Aus, Schluss, vorbei. Die Schweinfurter Theater-Saison 2009/ 2010 ist Vergangenheit. Nur wie und in welchem Stil sie beendet wurde, das wird noch lange Zeit unvergesslich bleiben.
Was da zum Abschluss geboten wurde war eine so furiose, sensationelle Aufführung, bei der wirklich alle kritischen Bremsen schwach werden. Einen Konzertabend mit solchen Beifalls-Tumulten zu toppen wird eine nur schwer zu meisternde Herausforderung für kommende Spielzeiten. Versprochen war eine „Festliche Operngala“ des Anhaltischen Theaters Dessau und es wurde ein grandioses, einzigartiges Stimmfest mit furioser Durchschlagskraft.
Um dem Geschehen nur annähernd gerecht zu werden, muss man tief in die Kiste mit den Superlativen greifen: sensationell, einzigartig, über Strecken absolute Weltklasse mit einer alles überragenden, überstrahlenden Starsolistin Iordanka Derilova. Was brauchen wir hier Bayreuth, Mailand, Verona oder Wien, wenn sich das Theater der Stadt ein solches Ensemble, ein solches Orchester, solche Solisten zumindest ab und zu leisten kann.
Iordanka Derilova ist ein Glücksfall für jeden Opernabend und immer wieder verblüfft, über welche Stimmgewalt und Gestaltungskraft diese Sängerin verfügt. Zum Abschluss des offiziellen Programms gibt es eine Gesangs-Demonstration mit der vertrackt schweren Arie „In questa reggia“ aus Puccinis Turandot. Und Derilova stellt eine schier unglaubliche Leistung der „eisgegürteten Prinzessin“ auf die Bühne, mit Gänsehaut-Garantie beim Publikum. Die Stimme ist nicht nur in jeder Lage sicher durchgebildet, sie produziert immenses Volumen mit Brillanz und Klangschönheit und liegt auch bei den gewaltigen Klang-Ausbrüchen der Arie immer absolut sicher im Fokus.
Gänsehaut-Garantie
Das gilt ebenso für das Duett Tosca - Cavaradossi aus Puccinis Tosca, bei dem das Publikum förmlich mit Klangwogen aus Farbe, Fülle und Volumen überflutet wird. Mit Pedro Velázquez Diaz in der Tenorpartie hat Iordanka Derilova einen Gegenpart, der problemlos mithalten kann, wenn es um pathetisches, konzentriert versammeltes Singen geht. Und endlich, endlich, endlich auch in Schweinfurt wieder mal ein Tenor, bei dem man nicht bei jedem Spitzenton mit schweißnassen Händen mitbangen muss, ob er nun getroffen wird oder zum Desaster verkommt.
Diaz verfügt beim tenoralen Gassenhauer „E lucevan le stelle“ („Und es blitzen die Sterne“) über eine wunderbar sicher anzuhörende Höhe mit dem nötigen „squillo“, dem metallischen Kern und prächtigem Volumen. Dritter im Bunde Bariton Ulf Paulsen, mit Weltklasse-Leistung bei der vertrackt schweren Arie „Nemico della Patria“ („Feind des Vaterlandes“) aus Umberto Giardanos Verismo - Reißer „Andera Chenier“: Con Forza Singen von fast einschüchternder Wucht, mit Eleganz in der Stimmführung.
Nicht ganz in der Klasse, aber immer noch im Bereich des Außerordentlichen der junge, baumlange Bariton Wlard Witholt mit einer wunderbar einfühlsamen Interpretation der Arie „An den Abendstern“ aus Wagners Tannhäuser und Angelina Ruzzafantes lyrischer Sopran mit „Einsam in trüben Tagen“ aus Wagners Lohengrin.
Unter der Leitung ihres neuen General-Musikdirektors Antony Hermus präsentierte sich zudem der gesamte Orchester-Apparat der Anhaltischen Philharmonie Dessau als prächtig homogener Klangkörper. Ein so gut aufgelegter Streich- und Blechbläser-Apparat ist auch bei den Bamberger Symphonikern nicht alle Tage zu hören. Wagners Walkürenritt geriet zur imposanten Blechbläser-Demonstration.
Am Ende Beifalls-Tumulte im Haus, Bravos, Blumen, minutenlange stehende Ovationen, rhythmisches Klatschen – und dann als Zugabe noch das „Brindisi“, das berühmte Trinklied aus Verdis „La Traviata“. Grenzüberschreitender Jubel vom Publikum auf die Bühne.
25.06.2010, 14:49 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
493
Schweinfurter Tagblatt, 18.06.2010
Interview: Die Sopranistin Iordanka Derilova ist am Dienstag bei der Operngala aus Dessau im Theater zu Gast
Besonders gefallen mir böse, fatale Frauen
Mit einer Operngala am Dienstag, 22. Juni, um 19.30 Uhr, beschließt das Anhaltische Theater Dessau die 43. Saison des Theaters Schweinfurt. Mit dabei die in Sofia geborene und in Schweinfurt schon oft gefeierte Sopranistin Iordanka Derilova. Sie erhielt 2003 ein Festengagement am Anhaltischen Theater. 2008 präsentierte sie sich in der Rolle der Turandot bei den Salzburgern Festtagen im Großen Festspielhaus. 2009 war sie in der Rolle der Aida zu hören. Die Höhepunkte 2009 waren die Auszeichnung des Titels Kammersängerin und die Rolle der Elektra. In der Spielzeit 2009/10 wird sie die Rollen Ortrud („Lohengrin“) und Amelia („Ein Maskenball“) am Anhaltischen Theater singen.
Frage: Wenn man Ihren künstlerischen Lebensweg betrachtet, fasziniert einerseits das beachtliche Rollenrepertoire aber auch die vielen Stationen Ihres Erfolgs in ganz Europa und auch im weiteren Ausland. Können Sie eine Lieblingsrolle benennen? Und eine Station Ihres Werdegangs, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Iordanka Derilova: Nur eine Rolle zu benennen, fällt mir schwer. Besonders gefallen mir böse, fatale Frauen (lacht), zum Beispiel Lady Macbeth, Abigaille, Turandot und Elektra mag ich sehr. Ich fühle mich eigentlich überall wohl. Elektra in Stockholm und Elektra in Catania und Aida in Japan – alles Große Häuser – haben mich schon sehr beeindruckt. Das verrückteste Publikum aber habe ich Japan erlebt. Das war eine ganz besondere Atmosphäre.
2003 wurden Sie unter der Intendanz von Johannes Felsenstein an das Anhaltische Theater Dessau engagiert. Sie haben auch in der Abschiedsproduktion von Felsenstein die Titelrolle der Elektra gesungen. Welche Erinnerungen haben Sie an die Zusammenarbeit mit ihm?
Derilova: Die Rolle der Elektra war eine schöne Herausforderung, die mich viel Kraft gekostet hat (zwei Kilogramm Körpergewicht pro Vorstellung), die mir aber auch unheimlich Freude und Spaß gemacht hat. Neben Elektra habe ich zahlreiche Partien mit Johannes Felsenstein erarbeitet. Er ist ein Mensch, der sehr viel fordert, und das ist gut so. Einmal sagte er zu mir: „Du bist wie Plastilin – ich kann Dich für jede Rolle formen.“ Ich habe von ihm viel gelernt.
Die neue Intendanz: ein neuer Generalintendant – André Bücker –, ein neuer GMD – Antony Hermus –, eine neue Chefregisseurin – Andrea Moses –, neue Kolleginnen und Kollegen. Wie sind Ihre ersten Erfahrungen?
Derilova: Sehr schön! Mit Antony Hermus und Andrea Moses zu arbeiten, war ein großes Vergnügen. Ich bin schon ungeduldig und kann die nächste Turandot-Produktion kaum erwarten. Mit André Bücker werde ich erst in der nächsten Spielzeit arbeiten „Der Protagonist/ Der Bajazzo“ – darauf freue ich mich sehr.
Das Anhaltische Theater Dessau gastiert seit fünf Jahren im Theater Schweinfurt. Am 22. Juni nun mit einer Operngala, die sich Wagner und dem italienischen Repertoire widmet. Welche Erinnerungen haben Sie an Schweinfurt?
Derilova: Wir freuen uns immer sehr auf Schweinfurt, etwas Schönes für das Publikum zu machen.
Im Mai 2011 werden Sie als Leonore in Beethovens Fidelio (Inszenierung: Johannes Felsenstein) zurückkehren. Liegt Ihnen die Rolle der Leonore?
Derilova: Es ist nicht eine meiner Lieblingspartien. Sie ist zwar eine starke Persönlichkeit, dennoch ist die Musik etwas trocken, zu wenig leidenschaftlich – zumindest für mich.
Sie haben die Elektra gesungen wie auch die Isolde und Kundry, Aida, Rusalka, Tosca oder Turandot. Von welchen Partien träumen Sie noch?
Derilova: Ich möchte gern Manon Lescaut von Puccini und Salomé von Strauss singen. Aber sicher gibt es noch viele andere faszinierende Rollen.
Schweinfurt und Dessau
Das Theater Schweinfurt gehört zu den fünf größten Gastspielhäusern im deutschsprachigen Raum. Fester Bestandteil der Arbeit ist die Kontinuität der Zusammenarbeit mit verlässlichen Partnern über Jahre hinweg. Die Bamberger Symphoniker spielen seit Oktober 1946 regelmäßig in Schweinfurt. Münchner Kammerspiele und Bayerisches Staatsschauspiel sind seit Jahrzehnten zu Gast.
Aktuelles Beispiel ist das freundschaftliche Verhältnis zum Anhaltischen Theater Dessau, das im Oktober 2004 begann. Mehr als 13 000 Menschen haben hier inzwischen Produktionen des Anhaltischen Theaters gesehen, darunter „Don Karlos“, „Die Hochzeit des Figaro“, „Don Giovanni“, „Landschaft mit Schatten“ (Tanztheater - Gregor Seyffert)oder „Land des Lächelns“.
Das Gespräch führte Christian Kreppel Leiter des Schweinfurter Theaters
23.06.2010, 15:26 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
487
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 21.06.2010
Maskenspiel im Spiegelbild
Roland Schwab beendet mit Verdis "Un ballo in maschera" die Dessauer Opern-Saison. Die Anhaltische Philharmonie trägt den Abend.
Der Tod schiebt eine ruhige Kugel: Langsam kreist das Geschoss an der Wand des Trichters abwärts zu dem leuchtenden Kreuz, das den Sitz des Lebens markiert. Und die Musik schweigt dazu – die doppelbödige Trivialität, die falsche Süße und das hysterische Gelächter verstummt in einer Totenstille, die nur vom mahlenden Geräusch des Balles grundiert wird. Alles fällt in diesem Moment zusammen – die unglückliche Liebe des schwedischen Königs Gustav zur Frau seines treuen Freunds Anckarström, der ungewollte Verrat seines Pagen und die Prophezeiung der Hexe Ulrica ...
Als das Anhaltische Theater Dessau Giuseppes Verdis „Un ballo in maschera" auf den Spielplan setzte, konnte man noch nicht ahnen, dass die Premiere am Vorabend einer Hochzeit im schwedischen Königshaus über die Bühne gehen würde. Von historischen Pomp aber ist Roland Schwabs Inszenierung ohnehin weit entfernt: Sein imaginäres Schweden ist eine Bühnenmaschine, auf dem die royale Rolle am Anfang ebenso per Los bestimmt wird wie die Partien der Verschwörer – und das Mittel zur öffentlichen Wahrnehmung ist ein gigantischer Spiegel, der den Zuschauern Einblicke in tote Winkel gewährt oder die Kehrseite der Pracht zeigt. Die Spielmacher aber sind der Diener und die Wahrsagerin, die sich ihrer Stellung in dieser Theatertruppe bewusst sind.
Fülle an Einfällen
Allein dieser aus der Theaterbegeisterung des realen Vorbilds Gustav III. entwickelte Ansatz hätte für einen spannenden Abend genügt, Schwab aber will mehr – und greift allzu oft in jene Kiste, auf die sein Bühnenbildner Hartmut Schörghofer das düstere Wort „Pandora" geschrieben hat. Da finden sich Clownsnasen und Blumensträuße, Brautschleier und Zauberkräuter... und als sich der König für seinen Besuch beim Orakel verkleidet, fällt das schon längst nicht mehr auf, weil hier alle Masken tragen. Es ist die Fülle an Einfällen, die der Idee im Wege steht und die zwischen der bösen Ironie und bloßen Illustration keine eindeutige Perspektive auf die Geschichte entwickelt. Bildgewaltig und überraschend aber ist der Abend allemal – und lediglich das dröhnende Gelächter, das der Regisseur seinen Figuren immer wieder in den Mund legt, muss man ihm wirklich übelnehmen. Denn das böse Lachen obliegt in dieser Oper dem Orchester – und die Anhaltische Philharmonie spielt unter ihrem Generalmusikdirektor Antony Hermus auch diesen Verdi auf einem unerhörten Niveau. Der Thrill der düster romantischen Friedhofsszene ist ihnen so geläufig wie der angeheiterte Taumel der Ballszenen, das innige Gebet Amelias ist hier so gut aufgehoben wie die aufgesetzte Fröhlichkeit des Hofstaats. Und wenn Anckarström seinen Nebenbuhler aus einer fratzenhaften Kapelle heraus schließlich mit einem Geigenbogen ersticht, dann ist dies nur konsequent: Im „Maskenball“, der in Dessau mittlerweile ganz selbstverständlich in Originalsprache über die Bühne geht, mordet die Musik. Und man genießt den Sog in die Katastrophe in jeder Sekunde. Das ist auch ein Verdienst der Solisten,
unter denen sich Iordanka Derilova und Ulf Paulsen im Furor ihrer Liebe und ihrer Verzweiflung den größten Applaus verdienen. Dieses stimmlich wie spielerisch todsichere Paar findet in Hector Sandovals König einen Mit- und Gegenspieler, der eher die leichtsinnige Lust als die drückende Last der Macht betont und dessen Würde in bester Theatermanier von den Anderen behauptet wird.
Meister des Totentanzes
Dafür ist vor allem Cornelia Marschall als bravouröser Zeremonienmeister des Totentanzes zuständig, der jedes Wort in eine Volte und jede Geste in einen Scherz verwandeln kann – und der in der Schicksalsgöttin der Rita Kapfhammer seinen dunkel getönten Widerpart findet. Auch Wiard Witholts Seemann und die Verschwörer von Nico Wouterse und Rosen Krastev balancieren sicher auf dem schmalen Grat zwischen dem raunenden Schicksal der Musik und dem mutwilligen Spiel der Inszenierung. Und Helmut Sonne zeigt mit seinem Opernchor, dass die zuletzt bemühte Verstärkung von außen vor allem quantitativ nötig ist – qualitativ genügt das hauseigene Ensemble höchsten Ansprüchen. Dass dieser Verdi die hauseigene Tradition auf neuer Höhe fortsetzt und zudem einen Spiegel als Mittel der Entlarvung benutzt, wo er zuletzt im „Macbeth“ der Denunziation diente, rundet sich zum würdigen Abschluss dieser Musiktheater-Saison – auch wenn der Doppelmord in der Applausordnung die Premieren-Begeisterung eine kurze Schrecksekunde beimischte.
23.06.2010, 14:50 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
486
Helmut Rohm, Volksstimme, 18.06.2010
Am Anhaltischen Theater Dessau hat heute Verdis "Ein Maskenball" Premiere / Regie führt Roland Schwab
"Tödliche Komödie" um Schwedenkönig
Eine "tödliche Komödie" sei das, bringt es Roland Schwab kurz und prägnant auf den Punkt. Er inszeniert die Verdi-Oper "Ein Maskenball" (Un ballo in Maschera), die heute um 19.30 Uhr im Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau ihre Premiere hat.
Roland Schwab (40), der in Dessau zum ersten Mal Regie führt, übrigens auch zum ersten Mal beim "Maskenball", kannte allerdings schon Dessaus Ruf, "eine der größten Bühnen Deutschlands" zu besitzen. Bedenken hatte er deswegen nicht: "Es ist für mich ein absoluter Reiz, diese Bühne mit Theater zu füllen."
Dennoch habe er Respekt vor dem Stück, so Roland Schwab. Diese Oper, die Verdi – das ist ganz selten – nicht nach einer Person benannt hat, sei durchaus reizvoll, werde bei Regisseuren aber oft als Problemstück "gehandelt".
Wo der besondere Reiz für den Zuschauer liege? Der "Maskenball" ist unglaublich multistilistisch. Es ist der merkwürdige Mix zwischen tragischer Oper und Komödie. Jedes Bild präsentiert sich in einer ganz anderen Sphäre, einer anderen Musiksprache. Der Zuschauer werde überrascht sein, wenn "auf einen 20-minütigen emotionalen Rausch plötzlich ein strahlender Buffo-Block folgt", macht Roland Schwab neugierig. Und wieder aus seiner Sicht, ein wenig mit Augenzwinkern: "Da musst du ganz schön aufpassen, dass dir als Regisseur die Oper nicht um die Ohren fliegt". In seiner Konzeption habe er eine "gewisse Leichtigkeit" entwickelt, in der alle verschiedenen Elemente "zusammengesponnen " werden.
" ... dass es dir nicht um die Ohren fliegt"
Am Anhaltischen Theater wird die Originalversion mit der Geschichte um Gustav Adolf III. von Schweden zu erleben sein. Es gebe, so der Regisseur, überhaupt keinen Grund, die Handlung "nach Boston zu transferieren. " Diese "Abwandlung" musste Verdi aus Zensurgründen für die Uraufführung im Februar 1859 neu schaffen. Außerdem, meint Roland Schwab, ist ja dieser schwedische König durch seine fast schon manisch ausgeprägte Theateraffinität recht bekannt, besser berühmt-berüchtigt.
Die Geschichte basiert auf dem realen Attentat auf den Schwedenkönig Gustav III. im Jahre 1792 während eines Maskenballes. Obwohl die Wahrsagerin Ulrika Arvedson das baldige Ende des Königs voraussagt und eine Verschwörung "in der Luft" liegt, lädt Gustav III. zu einem Maskenball ein. Amouröses, Freundschaft und Ehre, Treue... – letztendlich auch das tödlich endende Attentat sind Handlungsinhalte. Diese Oper ist, nach Meinung von Roland Schwab, für Verdi keine Identifikationsoper wie zum Beispiel "La Traviata", sondern hier ist Verdi "ein Jongleur mit Stilen". Ob er mit seiner Inszenierung auch der "Jongleur mit den Stilen" sein wolle? Roland Schwab lächelt: "Gewissermaßen natürlich schon, wobei eine solche Formulierung gefährlich anmaßend wirken könnte." In seinem bisherigen Regisseurleben hat er jedoch schon sehr gelungene und anerkannte Arbeiten "abgeliefert".
In der Nähe von Paris geboren, wuchs Roland Schwab in München auf. Nach kurzen "Studienausflügen" in die Germanistik und die Physik fand er schließlich den Weg zur Kunst. Ab 1992 studierte er überaus erfolgreich an der Hamburger Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Musiktheaterregie unter Prof. Götz Friedrich.
1998 wurde Roland Schwab in Meiningen Assistent von Christine Mielitz und wirkte dort ab 2002 als Oberspielleiter. Eine ganz wichtige und lehrreiche Station in seinem Leben sei Meiningen gewesen. Dort hat er mit "Cosi fan Tutte" die erste "richtige" selbstständige und Aufsehen erregende Inszenierung auf die Bühne gebracht. Auch seine Frau, die georgische Mezzosopranistin Khatuna Mikaberidze, hat er in Meiningen kennengelernt, fügt er strahlend an. Zur Familie, die derzeit in Hannover zu Hause ist, gehört der gemeinsame sechsjährige Sohn.
"Ein Jongleur mit den Stilen"
Der freischaffende Regisseur Roland Schwab inszenierte unter anderem am Berliner Ensemble, an den Theatern in Münster, Meißen, Freiburg, Gelsenkirchen, Innsbruck und Linz, am Niederbayrischen Landestheater, auch an der Oper Dortmund. Zu den kommenden Aufgaben zählt "Don Giovanni" an der Deutschen Oper Berlin.
In den letzten Wochen, die aber auch Zeit zum Beispiel für einen Bauhausbesuch ließen, haben er und das gesamte Dessauer Ensemble engagiert den "Maskenball" einstudiert.
Die Anhaltische Philharmonie leitet deren GMD Antony Hermus. In der Premiere wird die Hauptrolle Gustav III. von dem mexikanischen Tenor Hector Sandoval gesungen. Die Aufführung erfolgt in italienischer Sprache mit deutschen Untertiteln.
23.06.2010, 14:35 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
485
Christoph Suhre, „Der neue Merker“, Juni 2010
Dessau: "LA MUETTE DE PORTICI"
Unter Aubers Vornamen findet sich auch dieser: Esprit. Nur wenige seiner ca. 50 Bühnenwerke sind heute noch bekannt, aber die, die heute hauptsächlich durch CD-Angebote zugänglich sind, eint eines: Diese Musik besitzt Esprit. Der 1782 geborene Komponist galt zunächst als repräsentativer Vertreter der Opéra Comique, die er mit nicht weniger als 34 Stücken belieferte. Ab 1840 etwa war dann seine Annäherung an die ernste Oper zu erkennen. Auffällig ist, dass dabei Aubers Stil keinem größeren Wandel unterworfen war. »La Muette de Portici" wurde 1828 in der Opéra Paris uraufgeführt.
Das Libretto von Eugène Scribe greift einen historischen Vorgang aus dem Jahre 1647 auf Ein Fischer, Masaniello genannt, entfacht in Neapel einen Aufstand gegen die Steuerpolitik der spanischen Besatzungsmacht. Auch wenn die Fischer und Obsthändler Teilerfolge erzielen, scheitert der Aufstand. Zudem bricht auch noch der Vesuv aus. Bühnenwirksamer geht’s nimmer.
Regisseur André Bücker belässt die Handlung am Ort des historischen Geschehens, zeigt uns aber das Neapel der Gegenwart, in dem es bekanntermaßen genügend Zündstoff gibt. Der Camorra obliegt die totale wirtschaftliche Kontrolle der Region. Sie hat kriminelle Strukturen aufgebaut, die über die Bevölkerung und deren Leben bestimmen. Insofern sind die Vorgänge aus dem Jahre 1647 nach wie vor aktuell und brisant. Das opulente Bühnenbild von Jan Steigert spiegelt Hafenatmosphäre wider, die Kostüme, die Suse Tobisch entwarf, sind zeitgemäß. Videoclips, für die Christian Schrills verantwortlich zeichnet, werden nicht ausgespart. Das Geschehen spielt sich im Wesentlichen in einer Containerlandschaft ab – die Bühnenmaschinerie ist im Totaleinsatz und bis ins Letzte gefordert. In Aubers Oper gibt es große Chortableaus, die André Bücker bühnenwirksam arrangiert, es gibt Ensembles, die orchestersprachliche Feinheiten erfordern, sowie Arien und Duette, die von den Solisten Gesangstechnik, Kantabilität und Emotionalität erfordern. Die Dessauer Aufführung bleibt nichts davon schuldig. Zu lesen ist, dass von dieser Produktion eine DVD erstellt wird. Interessierte Opernbesucher werden dann Gelegenheit haben, ein Werk kennen zu lernen, dass zu Unrecht ein Schattendasein führt. Sie werden aber auch Gelegenheit haben, sich von der großartigen Leistungsfähigkeit des Dessauer Ensembles ein Bild zu machen.
Kurios ist. dass die Vertreterin der Titelpartie zwar permanent präsent ist, aber nichts zu singen hat. André Bücker entschied sich bei der Besetzung dieser Rolle für eine Tänzerin. Gabriella Gilardi verfügt über ein hohes Maß an Körperbeherrschung und Körpersprache und kann dadurch die Befindlichkeiten der stummen Fenella sehr gut zum Ausdruck bringen. Mitunter wirkt sie in ihren Bewegungen etwas abstrakt, aber das muss kein Nachteil sein, denn das Mädchen stößt aufgrund ihres Handicaps an Grenzen. Eine Tenorpartie ersten Ranges ist die des Masaniello. In einer Studioeinspielung drückt immerhin Alfredo Kraus dieser exponierten Partie sein Gütesiegel auf. In Dessau erlebten wir den mexikanischen Tenor Diego Torre als Masaniello. Am Anhaltischen Theater gab er zugleich sein Europadebüt. In den großen Ensembles ist er absolut präsent und wenn er zu Beginn des 4. Aktes seine Kavatine Spectacle affreux singt, dürfte auch der letzte Zuschauer zu der Erkenntnis gelangt sein, dass wir es hier mit einer Tenorstimme zu tun haben, die zu ganz großen Hoffnungen berechtigt. Der sympathische Sänger verfügt über eine Stimme, die über Glanz und Elastizität, Expressivität und Innigkeit, Klang und Volumen verfügt. Mit Oscar de la Torre hatte man für die Partie des Alphonse einen weiteren mexikanischen Tenor verpflichtet. Alphonse ist in der Vorlage der Sohn des spanischen Vizekönigs, in der Lesart von André Bücker Capo eines Clans. Auch dieser Sänger weiß zu begeistern, erleben wir doch in seinem Gesangspart viele Verzierungen, die an Rossini erinnern und Leichtigkeit, Höhe und Atem erfordern. Oscar de la Torre stellt sich souverän diesen Anforderungen.
Neben der Fenella ist die Elvire eine weitere zentrale Frauengestalt der Oper. Sie ist Alphonses Braut und wird durch dessen skrupelloses Tun und Lassen in unterschiedlichste Konfliktsituationen gestoßen. Das alles wird natürlich auch musikalisch untersetzt und erfordert von der Rollenvertreterin entsprechende gesangliche und darstellerische Mittel. Bei Angelina Ruzzafante ist diese Partie bestens aufgehoben. Einerseits setzt sie zarte, berührende Piani in den Raum, anderseits trumpft sie in den großen Ensembles eindrucksvoll auf, ohne dabei schrill zu klingen oder zu forcieren. Wiard Witholt beeindruckt mit gut geführter und kerniger Stimme als Pietro. Zunächst begegnen wir ihm als wahrem Freund Masaniellos. Später wendet er sich von ihm ab und vergiftet ihn gar. Wiard Witholt gestaltet diesen Wechsel absolut überzeugend. Obwohl Ulf Paulsen in dieser Oper eine relativ kleine Rolle zu gestalten hat, kann man sich ihm weder vokal noch darstellerisch entziehen. Er ist ein Verbündeter Alpbonses und damit Drahtzieher düsterer Machenschaften. Kostadin Aguirov als Borella, .Angus Wood als Vertraute Alfonses und Stephan Biener als Moreno runden ein absolut intaktes Ensemble ab. Mit Umsicht und Esprit wurde das Ensemble von Antony Hermus am Pult der engagiert spielenden Anhaltischen Philharmonie trefflich unterstützt. Der Dirigent weiß um die Schönheiten der packenden Musik und lässt sie deshalb entsprechend nuanciert und facettenreich erklingen. Ein Genuss! Der Opernchor des Anhaltischen Theaters wurde durch Mitglieder des Coruso Chores aus Berlin klangvoll unterstützt. Die Chorleitung oblag Helmut Sonne. Das konnte sich hören und sehen lassen. Ein Extralob verdienen auch die Mitglieder des Kinderballetts des Theaters, die in der Choreografie von Gabriella Gilardi die Intentionen des Regieteams wirkungsvoll unterstützten. Das Beispiel Dessau in Bezug auf Auber sollte Schule machen. Es lohnt sich!
23.06.2010, 14:00 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
484
23.06.2010, 14:00 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
483
Helmut Rohm, Volksstimme, 21. Juni 2010
Premiere von Verdis Oper "Ein Maskenball" in Dessau begeistert aufgenommen
Der Fall eines Schwedenkönigs: Tragisch und auch komisch
Der Schuss kam aus der vierten Reihe im Parkett. Der Darsteller von Gustav III., Hector Sandoval, sank auf offener Bühne, tödlich getroffen, zu Boden. Nachdem gerade die Premiere von Guiseppe Verdis Oper "Ein Maskenball" am Anhaltischen Theater Dessau bravourös zu Ende gegangen war. Verwirrung im Publikum, zunächst jedenfalls.
Alles nur gespielt. Ein letzter überraschender Einfall des Regisseurs Roland Schwab. Er wob in seine Inszenierung durchgängig eine spürbar komödiantische Note ein. Aufgesetzte Pseudomoderne? Werden Gefühle der Lächerlichkeit preisgegeben, wird Verdi gar verhunzt?
Kaum. Mehr wohl ist es eine Erzählweise, bei der Roland Schwab ganz dicht aus der realen Figur des schwedischen Königs "schöpfte". Mit seiner manischen "Theaterbesessenheit" machte sich der König in seinen Kreisen oft lächerlich. Bis in den Tod - eben auf einem Maskenball.
Gustav III. durchlebte, in der faszinierenden gesanglich und schauspielerisch trefflichen Darstellung von Hector Sandoval, einen wahren Gefühlstaumel. Er gab nichts auf Warnungen seiner Freunde, nahm das Leben, wie es kam. Er wollte die Freundschaft zu seinem Freund der Liebe zu dessen Gattin opfern. Tiefe Reue und Glauben an Treue, Verzicht und Verzeihung - hehre Haltungen, die letztendlich zu spät kamen, für ihn jedenfalls. Der König ist tot. Das Volk huldigt dem Sterbenden.
Mit in diese geheimnisvollen Verwirrungen hat Gustav III. Amelia, die Ehefrau seines Freundes René, gerissen. Leiden und Lieben - hinreißend präsentierte sie Iordanka Derilova, gesanglich mit scheinbarer Mühelosigkeit, Emotionen mit der letzten Faser ihres Körpers ausdrückend. Der Zuschauer litt mit.
Ulf Paulsen ließ den Gast die wechselvollen Gefühle und Tiefschläge des René Anckarström ebenso emotional nachvollziehen.
In ihrer Rolle als Page Oscar trumpfte Cornelia Marschall mächtig und erfrischend auf - ein bisschen Mephisto, die Fäden immer in der Hand und stets durchblickend.
Auch die Szenen der dreiaktigen, fast dreistündigen Oper, die karg an aktionsreicher Handlung, jedoch reich an Gefühlssprache, wie in den Arien und Duetten, waren, wurden durchweg spannend, letztendlich auch kurzweilig unterhaltend inszeniert. Die Dessauer Aufführung wählte das italienische Original mit deutschen Obertiteln.
Diese begeistert aufgenommene Premiere lebte von einer stimmigen Komplexität. Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus verinnerlichte die faszinierende Musik von Verdi. Sie spielte lustvoll beschwingt auf, traf mit genau solcher Präzision und emotionaler Ausstrahlung die dramatisch-tragischen Sequenzen.
Abrupte Handlungs- und Stimmungswechsel, fast von Bild zu Bild, gingen neben der wechselvollen Musikvielfalt oft mit fantasievollen Bühnenbild-Wechseln (Bühne Hartmut Schörghofer) einher. Ausgelebte Details, wie bei der schaurigen Zauberei der Wahrsagerin Ulrika - Rita Kapfhammer in einer Paraderolle - in Symbiose mit angedeuteter Symbolik prägten diese Inszenierung, forderten die Fantasie der Zuschauer. In ähnlicher Betrachtungsvariabilität waren die Kostüme von Frank Fellmann gestaltet.
Markantes Bühnenelement war ein großer geneigter Spiegel, der, dem Reflexionsgesetz folgend, ungewohnte Ansichten und "Einblicke" bot. Ein ebenso dominantes Rondell "spuckte" von Zeit zu Zeit, wie aus dem Nichts kommend, Figuren aller Couleur aus.
Apropos viele Menschen. Der Opernchor (Leitung Helmut Sonne) war nicht nur für den handlungsvorantreibenden Text verantwortlich. Die Damen und Herren waren "integriertes Leben" des Stückes.
In weiteren Rollen waren Wiard Witholt, Nico Wouterse, Rosen Krastev, Filippo Deledda und Alexander Dubnov zu erleben.
Die nächsten Aufführungen stehen am 27. Juni und am 3. Juli auf dem Spielplan.
20.06.2010, 23:59 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
480
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 21.06.2010
Anhaltisches Theater
Maskenspiel im Spiegelbild
Der Tod schiebt eine ruhige Kugel: Langsam kreist das Geschoss an der Wand des Trichters abwärts zu dem leuchtenden Kreuz, das den Sitz des Lebens markiert. Und die Musik schweigt dazu - die doppelbödige Trivialität, die falsche Süße und das hysterische Gelächter verstummt in einer Totenstille, die nur vom mahlenden Geräusch des Balles grundiert wird. Alles fällt in diesem Moment zusammen - die unglückliche Liebe des schwedischen Königs Gustav zur Frau seines treuen Freunds Anckarström, der ungewollte Verrat seines Pagen und die Prophezeiung der Hexe Ulrica.
Als das Anhaltische Theater Dessau Giuseppes Verdis "Un ballo in maschera" auf den Spielplan setzte, konnte man noch nicht ahnen, dass die Premiere am Vorabend einer Hochzeit im schwedischen Königshaus über die Bühne gehen würde. Von historischen Pomp aber ist Roland Schwabs Inszenierung ohnehin weit entfernt: Sein imaginäres Schweden ist eine Bühnenmaschine, auf dem die royale Rolle am Anfang ebenso per Los bestimmt wird wie die Partien der Verschwörer - und das Mittel zur öffentlichen Wahrnehmung ist ein gigantischer Spiegel, der den Zuschauern Einblicke in tote Winkel gewährt oder die Kehrseite der Pracht zeigt. Die Spielmacher aber sind der Diener und die Wahrsagerin, die sich ihrer Stellung in dieser Theatertruppe bewusst sind.
Fülle an Einfällen
Allein dieser aus der Theaterbegeisterung des realen Vorbilds Gustav. III entwickelte Ansatz hätte für einen spannenden Abend genügt, Schwab aber will mehr - und greift allzu oft in jene Kiste, auf die sein Bühnenbildner Hartmut Schörghöfer das düstere Wort "Pandora" geschrieben hat. Da finden sich Clownsnasen und Blumensträuße, Brautschleier und Zauberkräuter. und als sich der König für seinen Besuch beim Orakel verkleidet, fällt das schon längst nicht mehr auf, weil hier alle Masken tragen. Es ist die Fülle an Einfällen, die der Idee im Wege steht und die zwischen der bösen Ironie und bloßen Illustration keine eindeutige Perspektive auf die Geschichte entwickelt.
Bildgewaltig und überraschend aber ist der Abend allemal - und lediglich das dröhnende Gelächter, das der Regisseur seinen Figuren immer wieder in den Mund legt, muss man ihm wirklich übelnehmen. Denn das böse Lachen obliegt in dieser Oper dem Orchester - und die Anhaltische Philharmonie spielt unter ihrem Generalmusikdirektor Antony Hermus auch diesen Verdi auf einem unerhörten Niveau. Der Thrill der düster romantischen Friedhofsszene ist ihnen so geläufig wie der angeheiterte Taumel der Ballszenen, das innige Gebet Amelias ist hier so gut aufgehoben wie die aufgesetzte Fröhlichkeit des Hofstaats. Und wenn Anckarström seinen Nebenbuhler aus einer fratzenhaften Kapelle heraus schließlich mit einem Geigenbogen ersticht, dann ist dies nur konsequent: Im "Maskenball", der in Dessau mittlerweile ganz selbstverständlich in Originalsprache über die Bühne geht, mordet die Musik. Und man genießt den Sog in die Katastrophe in jeder Sekunde. Das ist auch ein Verdienst der Solisten, unter denen sich Iordanka Derilova und Ulf Paulsen im Furor ihrer Liebe und ihrer Verzweiflung den größten Applaus verdienen. Dieses stimmlich wie spielerisch todsichere Paar findet in Hector Sandovals König einen Mit- und Gegenspieler, der eher die leichtsinnige Lust als die drückende Last der Macht betont und dessen Würde in bester Theatermanier von den Anderen behauptet wird.
Meister des Totentanzes
Dafür ist vor allem Cornelia Marschall als bravouröser Zeremonienmeister des Totentanzes zuständig, der jedes Wort in eine Volte und jede Geste in einen Scherz verwandeln kann - und der in der Schicksalsgöttin der Rita Kapfhammer seinen dunkel getönten Widerpart findet. Auch Wiard Witholts Seemann und die Verschwörer von Nico Wouterse und Rosen Krastev balancieren sicher auf dem schmalen Grat zwischen dem raunenden Schicksal der Musik und dem mutwilligen Spiel der Inszenierung. Und Helmut Sonne zeigt mit seinem Opernchor, dass die zuletzt bemühte Verstärkung von außen vor allem quantitativ nötig ist - qualitativ genügt das hauseigene Ensemble höchsten Ansprüchen. Dass dieser Verdi die hauseigene Tradition auf neuer Höhe fortsetzt und zudem einen Spiegel als Mittel der Entlarvung benutzt, wo er zuletzt im "Macbeth" der Denunziation diente, rundet sich zum würdigen Abschluss dieser Musiktheater-Saison - auch wenn der Doppel-Mord in der Applausordnung die Premieren-Begeisterung eine kurze Schrecksekunde beimischte.
Nächste Vorstellungen: 27. Juni und 3. Juli, jeweils 17 Uhr
09.06.2010, 14:43 | tags:
Musiktheater
, Diverses
475
Pressemitteilung vom 09.06.2010
Theaterpredigt zur Oper „Ein Maskenball“ [Un ballo in maschera]
Am 19. Juni um 14.30 Uhr laden die Evangelische Landeskirche Anhalts, das Anhaltische Theater und die Kirchengemeinde St. Johannis und St. Marien zur Theaterpredigt zur Oper „Ein Maskenball“ [Un ballo in maschera] in die St.-Johannis-Kirche Dessau-Roßlau ein.
Die Dessauer Theaterpredigten dienen dem lebendigen Dialog zwischen Kunst und Religion und stehen so in der aufgeklärten und kulturfreundlichen Tradition Anhalts. In Religion und Kunst suchen Menschen Bilder für die Welt, die ihnen begegnet, deuten Erfahrungen, drücken Emotionen und Visionen aus.
Der Theologe Prof. Dr. Wilhelm Gräb von der Humboldt-Universität Berlin hält die Theaterpredigt. Gräb befasste sich in zahlreichen Publikationen unter anderem mit dem aktuellen Stellenwert von Religion in der Mediengesellschaft, war Studentenpfarrer in Göttingen, lehrte an den Hochschulen in Jena und Bochum und seit 1999 an der Humboldt-Universität Berlin. Er ist seit 2001 Universitätsprediger der Berliner Hochschulen.
Für die musikalische Ausgestaltung sorgen Sebastian Saß, Kreiskirchenmusikwart aus Bernburg und das Streichquartett der Anhaltischen Philharmonie.
Anschließend besteht die Möglichkeit zum Gespräch bei Kaffe und Kuchen.
09.06.2010, 11:53 | tags:
Musiktheater
474
Pressemitteilung vom 09.06.2010
Matinee zur Premiere „Ein Maskenball“ [Un ballo in maschera]
Vor der Premiere der Oper „Ein Maskenball“ (Un ballo in maschera) lädt das Anhaltische Theater am Sonntag 13. Juni um 10.30 Uhr zu einer Matinee ins Foyer des Großen Hauses ein.
Die Oper von Giuseppe Verdi handelt vom Mord Gustav III. von Schweden auf einem Maskenball durch seinen engsten Vertrauten Graf René Anckarström. Graf Anckarström schlägt sich auf die Seite der Verschwörer gegen Gustav III. als er glaubt zu erkennen, dass seine Ehefrau ihn mit dem König betrügt. Regisseur Roland Schwab inszeniert dieses Intrigenspiel als eine große Maskerade, in der Sein und Schein bald nicht mehr zu unterscheiden sind.
Heribert Germeshausen, Leitender Musikdramaturg/Operndirektion moderiert diese Matinee und gibt dem Regisseur und dem Generalmusikdirektor Antony Hermus Gelegenheit ihre Erlebnisse im Entstehungsprozess dieser Opernproduktion zu schildern. Iordanka Derilova, Cornelia Marschall, Nico Wouterse und Ulf Paulsen stellen Ausschnitte der Oper vor und stimmen die Besucher auf die Premiere am 18. Juni um 19:30 Uhr ein.
Für den Eintritt wird ein Obulus von 3,- € erhoben, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf den Kartenpreis angerechnet wird.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de.
08.06.2010, 16:48 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
473
Pressemitteilung vom 08.06.2010
Premiere Ein Maskenball [Un ballo in maschera]
- in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln -
Am 18. Juni um 19:30 Uhr hat die Oper „Ein Maskenball [Un ballo in maschera]“ im Großen Haus des Anhaltischen Theaters Premiere.
Erzählt wird in der Oper von Giuseppe Verdi ein Königsmord, ein Drama über Leben und Tod des schwedischen Königs Gustav III. Roland Schwab inszeniert dieses Intrigenspiel, als eine große Maskerade, in der Sein und Schein bald nicht mehr zu unterscheiden sind.
König Gustav III. von Schweden liebt Amelia, die Gattin seines treuen Freundes Anckarström. Dieser warnt ihn vor einer Verschwörung, doch Gustav schlägt alle Warnungen in den Wind. Nachdem Graf Anckarström erfahren hat, wer die geheimnisvolle Geliebte seines Königs ist, schlägt er sich auf die Seite der Verschwörer. Auf einem Maskenball tötet er Gustav. – Da ein Königsmord auf der Bühne für die italienische Zensur nicht in Frage kam, musste Verdi die Handlung nach Boston verlegen, um seine Oper 1859 in Rom zur Aufführung bringen zu können. »Un ballo in maschera« wurde ein triumphaler Erfolg, der dem dramatisch packenden und musikalisch ungemein reichen Werk bis heute treu geblieben ist.
Roland Schwab zählt zu den führenden Regisseuren der jüngeren Generation. Zu seinen wichtigsten Arbeiten der letzten Zeit zählen: MOZART - FRAGMENTE, ein Beitrag zum Mozartjahr 2006 und TIEFLAND von Eugen d`Albert (2007) beides an der Deutschen Oper Berlin, THE RAKE´S PROGRESS an der Oper Dortmund (2008), sowie AIDA am Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen (2008). Nächste Regiearbeiten führen Roland Schwab an die Oper Bonn (LA SONNAMBULA) und wiederum an die Deutsche Oper Berlin (DON GIOVANNI).
Inszenierung: Roland Schwab | Bühne und Kostüme: Frank Fellmann nach Entwürfen von Hartmut Schörghofer | Chor: Helmut Sonne | Dramaturgie: Heribert Germeshausen
Es spielt die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von GMD Antony Hermus.
Mit: Hector Sandoval (18.6.10) / Andrew Sritheran/ Angus Wood (König Gustav III. von Schweden), Ulf Paulsen (Graf René Anckarström), KS Iordanka Derilova (Amelia), Rita Kapfhammer (Ulrica Arvidson), Cornelia Marschall (Oscar, Page), Wiard Witholt (Christian, ein Seeman), Nico Wouterse (Graf Horn), Rosen Krastev/Pavel Shmulevich (Graf Ribbing), Filippo Deledda/Leszek Wypchlo (Arzt), Alexander Dubnov/Mikolaj Kapala (Diener Amelias)
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
08.06.2010, 16:33 | tags:
Musiktheater
472
Pressemitteilung vom 08.06.2010
Letztmalig „La Périchole“ - Operette in drei Akten von Jacques Offenbach
Das Anhaltische Theater Dessau zeigt letztmalig die Operette „La Périchole“ am Sonntag, 13. Juni um 17 Uhr im Großen Haus. Mit „La Périchole“ wird eines der Hauptwerke Jacques Offenbachs präsentiert, voller Witz, Ironie und überquellendem Melodienreichtum.
Die Operette spielt zur Zeit der spanischen Herrschaft am Hofe des Vizekönigs von Peru im 18. Jahrhundert. Dieser mag junge Frauen und entbrennt sogleich, als er die verarmte Straßensängerin Périchole entdeckt. Sie wird dem Vizekönig angetraut, obwohl sie den Straßensänger Piquillo liebt. Als Piquillo die Intrige durchschaut, rastet er aus und wird in ein Gefängnis für widerspenstige Ehemänner gesperrt. Péricholes List und Liebe befreien ihn aus der misslichen Lage.
Die Anhaltische Philharmonie spielt unter der Leitung von Kapellmeister Wolfgang Kluge. In der Inszenierung von Ana Christine Haffter sind in den Hauptrollen Ulrike Mayer (Périchole) und Angus Wood (Piquillo) sowie Kostadin Arguirov (Vizekönig) zu erleben.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
31.05.2010, 12:12 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
458
Stefan Mauß, Opernglas, Juni 2010
La Muette de Portici
Wenn ein privater Fernsehsender eine Show mit dem Titel "Die verrücktesten Opern" ausstrahlen würde, hätte Daniel Francois-Esprit Aubers »Die Stumme von Portici« ohne Zweifel Chancen auf den Gesamtsieg. Das 1828 in Paris uraufgeführte Stück hat eine Titelheldin, die überhaupt nicht singt und zudem den ungewöhnlichsten Opern-Tod sterben muss: Sie stürzt sich in die Lavamassen des ausbrechenden Vesuvs. Bekannt ist es aber bis heute durch einen anderen Umstand: Es löste im Jahr 1830 in Brüssel die Revolution aus und führte damit zur Gründung Belgiens. So dürfte »Die Stumme« wohl auch die einzige Oper sein, die nachhaltig Weltpolitik gemacht hat.
In den letzten Jahrzehnten ist es allerdings ruhig um dieses unruhige Werk geworden, das über 100 Jahre lang ein verlässlicher Publikumsknüller in den Spielplänen der großen europäischen Opernhäuser gewesen ist und das Genre der "Grand Opera" begründet hatte. Allerdings fordert es als solche auch einen enormen musikalischen und szenischen Aufwand und ist aus heutiger Sicht sicher nur beschränkt "regietheaterkompatibel", wenngleich der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull einige Tage vor der Premiere dem Stoff zumindest eine überraschende Aktualität verliehen hat.
Eugene Scribe ließ sein Original-Libretto im spanisch besetzten Neapel von 1647 spielen. Dort liebt Alphonse, Sohn des Vize-Königs, Fenella, die stumme Schwester des Fischers Masaniello, muss aber aus Gründen der Staatsräson Elvire heiraten. Masaniello will die Ehre seiner Schwester rächen und gleichzeitig einen Aufstand gegen die verhassten Spanier organisieren, der zunächst erfolgreich beginnt. Als Masaniello dem Morden aber doch ein Ende bereiten will, wird er vergiftet. Leider etwas zu früh, denn das Volk will sich nur von ihm in die letzte Schlacht gegen die Spanier führen lassen. Masaniello kann vor seinem Tod aber noch Alphonse und Elvire retten, seine stumme Schwester stürzt sich jedoch verzweifelt in den Tod.
In Dessau hatte man seit der dortigen Erstaufführung 1830 nie Angst vor diesem gewaltigen und gewalttätigen Stoff, was die insgesamt sechs (!) Neuinszenierungen der Oper zeigen. Die letzte fand zu DDR-Zeiten 1958 statt und wurde politisch etwas frisiert:
Weil eine scheiternde Revolution schlecht passte, wurden kurzerhand Tod und Vesuv gestrichen, und Fenella zog mit Masaniello mit fliegenden Fahnen in die Revolution. Derartig entstellende Eingriffe hatte Dessaus regieführender Intendant André Bücker nicht nötig, vor allem weil eine sehr tragfähige Idee das Werk in unsere Zeit transferierte. Dabei musste er lediglich die Camorra zu den Besatzern der Stadt Neapel machen. Und dieser Kunstgriff funktionierte fantastisch. Schon der Beginn zeigte mit Containern voll Schmuggelware und Bergen von Müllsäcken gleich sehr bildlich, dass es heute in Süditalien nicht mehr die friedlichen Fischer sind, denen die Häfen gehören. Eine Camorra-Jacht im Rohbau sowie geschickt eingebaute Video-Projektionen komplettieren das flexible Bühnenbild von Jan Steigert. Suse Tobischs in jeder Hinsicht farbigen Kostüme fügten sich perfekt in diese Szene, wenngleich manches doch etwas zu schrillbunt wirkte. Wenn eine Fischmarktfrau etwa keine Waffe, sondern einen Plastikhummer revolutionär in den Himmel streckt, wirkt das doch etwas zu billig. Aber auch in dieser Inszenierung ist die Revolution letztendlich eine Utopie: Nach dem Vulkanausbruch bleibt in seinem Rollstuhl satanisch lachend der Pate zurück. Gewalt und Unterdrückung überleben selbst Naturkatastrophen. Dem Regisseur gelingt es ausgezeichnet, die Handlungsstränge des Stückes sichtbar zu machen, ohne den untauglichen Versuch gestartet zu haben, der Oper einen ideologischen Überbau zu verpassen, den diese schlichtweg nicht besitzt. Auber hat sehr professionell und geschickt ein Werk geschrieben, das Opernunterhaltung auf hohem Niveau bietet - nicht mehr aber eben auch nicht weniger. Und diese Mischung aus Sex and Crime funktioniert auch beim heutigen Publikum noch.
Die Partitur zielt dabei musikalisch nicht auf Experimentelles ab, da waren Aubers Zeitgenossen schon viel weiter, wenn man sich vor Augen führt, dass Webers »Freischütz« sieben Jahre vor der »Stummen« das Licht der Opernbühne erblickt hat. Dennoch ist die Partitur sehr geschickt konzipiert und darin musikalische Formen wie Tarantella, Guarache, Barcarole oder Bolero verarbeitet, um der durch und durch französischen Tonsprache italienische und spanische Exotizismen einzuflechten. Die Ensemblekunst Aubers vermag auch heute noch restlos zu begeistern, während manche Arien doch eher wie Meterware daher kommen. Man kann nachvollziehen, dass diese Oper im 19. Jahrhundert einer der Blockbuster der europäischen Spielpläne war.
Bei GMD Antony Hermus lag die Musik in den allerbesten Händen. Schon im Vorspiel entfachte er ein musikalisches Feuer, nicht zuletzt durch die sehr sicher spielende und rhythmisch sehr präzise agierende Anhaltische Philharmonie am Lodern halten wurde. Hermus gelang es grandios, die Klangmassen im Graben und auf der Bühne zu koordinieren, dabei war er nicht nur dem gut einstudierten Chor (Helmut Sonne) eine große Stütze, sondern er nahm die Orchesterfluten auch augenblicklich zurück, sobald er merkte, dass einer der Solisten in dynamische Nöte geriet. Das Solistenensemble war allerdings nicht nur sehr gut ausgewählt, es harmonierte, beziehungsweise kontrastierte (Tenorpartien) hervorragend miteinander. Primus inter Pares war der mexikanische Tenor Diego Torre als Masaniello. Der Domingo-Zögling war in Los Angeles schon als Don José und Bacchus zu hören und steht bereits für kleinere Partien auch in der Met auf der Bühne. Für sein Europadebüt hatte er sich eine sehr fordernde Partie ausgesucht, die er mit Bravour bewältigte. Torres Tenor verfügt über nahezu endlose Kraftreserven und spricht in der Höhe tadellos an - und die Höhe ist hier sehr häufig oberhalb des hohen "A" gefordert. Der Registerwechsel ist manchmal noch etwas ruppig und die Mittellage etwas ungleichmäßig in der Klangqualität, unterm Strich aber ist das ein Tenor, der ohne jeden Zweifel bald an größeren Häusern auch in Europa seinen Platz finden wird.
Mit Angelina Ruzzafante hatte er eine EIvire zur Seite, die sängerisch durchaus mithalten konnte. Ihr warmer Sopran sprach in allen Lagen gut an und stellte sich auch den sehr anspruchsvollen Koloraturen und Septsprüngen der Auftrittsarie erfolgreich. Eric Laportes eleganter, nicht sehr großer, aber sicher und kontrolliert geführter Tenor passte perfekt zum Sohn des Vizekönigs und kontrastierte damit hervorragend mit dem schweren Tenor seines Gegenspielers.
Auch die kleineren Rollen waren sehr gut besetzt. Wiard Witholt als Masaniellos Freund und späterer Mörder Pietro blieb dabei besonders im Ohr. Witholt verfügte nicht nur über die benötigte dunkle Klangfarbe für diesen Charakter, sondern zudem auch über eine bombensichere Höhe, die es ihm ermöglichte, auch noch die Barcarole im 5. Akt zu bewältigen, die dem Sänger einiges an Fiorituren und großen Intervallsprüngen abverlangt. Den größten Applaus des Abends erhielt aber jemand, der gar nicht gesungen hatte: Gabriella Gilardi als stumme Fenella hatte mit bewegendem tänzerischen Ausdruck die Seelenqualen der betrogenen (und zum Schluss auch noch schwangeren) Fischerstochter auch ohne jeden Ton berührend dargestellt.
28.05.2010, 20:05 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
456
Pressemitteilung vom 28.05.2010
Letzte Aufführung „Die Stumme von Portici“ in dieser Spielzeit
Das Anhaltische Theater zeigt am Freitag, 4. Juni 2010 um 19.30 Uhr Aubers Oper „Die Stumme von Portici“ zum letzten Mal in dieser Spielzeit. Diese Vorstellung ist gleichzeitig der vorletzte Auftritt des mexikanischen Gastsängers Diego Torre auf der Dessauer Bühne. Hier gab er in der Rolle des Masaniello sein Europadebüt. Erst zum Kurt Weill Fest im kommenden Jahr wird er wieder zu erleben sein.
Die Liebesgeschichte zwischen Fenella, der stummen Schwester Masaniellos, und dem Sohn des Viezekönigs Alphonse sowie der Aufstand der Bürger Neapels gegen die spanische Besatzung angeführt von Masaniello, stehen im Mittelpunkt dieser Oper.
In der Inszenierung des Generalintendanten André Bücker spielen unter der Leitung des Generalmusikdirektors Antony Hermus außerdem Angelina Ruzzafante, Yulia Gerbyna, Eric Laporte, Kostadin Arguirov, Wiard Witholt, Angus Wood, Christian Most, die Anhaltische Philharmonie und das Kinderballett des Anhaltischen Theaters.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr sowie über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und auch an der Abendkasse.
28.05.2010, 20:03 | tags:
Musiktheater
454
Pressemitteilung vom 28.05.2010
Vorstellungen zum Kindertagspreis im alten Theater
Am Kindertag, 1. Juni bietet das Anhaltische Theater gleich zwei Vorstellungen „Schaf“ um 10 und um 15 Uhr zum Kindertagspreis für drei Euro sowohl für Kinder als auch für Erwachsene an.
„Schaf“ ist eine Musiktheaterproduktion für Kinder ab fünf Jahren und am Kindertag auch für die ganze Familie zu empfehlen.
Erzählt wird die Geschichte von Schaf. Schaf lebt auf einer Wiese zusammen mit anderen Schafen und ist glücklich. Lorenzo ist ein Prinz. Weil er König werden soll, ist er unglücklich. Deshalb flüchtet er sich in die Schafherde, um seine Krone dort zu verstecken. Schaf hilft ihm dabei und so werden die beiden Freunde. Lorenzo ist der Meinung: „Wenn man einen Freund hat, ist man ein spezieller Jemand. Anders als die anderen. Dann braucht man einen Namen!“ Nur hat Schaf den nicht, es ist einfach Schaf. Also macht es sich auf die Suche nach einem Namen und eine Reise voller Abenteuer beginnt! Es erklingt Musik von Henry Purcell, Georg Friedrich Händel und Claudio Monteverdi.
Karten und Informationen unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und an der Abendkasse. Für die 10 Uhr Vorstellung gibt es nur noch Restkarten.
25.05.2010, 18:15 | tags:
Musiktheater
448
Pressemitteilung vom 25.5.2010
DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK
Am Donnerstag, 27. Mai um 19:30 Uhr wird „Das Tagebuch der Anne Frank“ zum letzten Mal in dieser Spielzeit im Studio des Alten Theaters gezeigt. André Bücker inszenierte Grigori Frids Mono-Oper über das Schicksal einer von Nationalsozialisten verfolgten Familie und der Sehnsucht der sensiblen Anne Frank nach einem normalen Leben.
Die Sängerin Cornelia Marschall verleiht den originalen Tagebucheinträgen ihre Stimme und lässt so das Mädchen Anne in einem Erinnerungsraum aus Bildern, Licht und Ton wieder lebendig werden.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr sowie über die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de und auch an der Abendkasse.
21.05.2010, 10:51 | tags:
Schauspiel
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
443
Pressemitteilung vom 21.05.2010
Pfingsten im Anhaltischen Theater
Am Samstag, 22. Mai um 17 Uhr zeigt das Anhaltische Theater Dessau André Bückers gefeierte Operninszenierung „Die Stumme von Portici“. In der Rolle des Masaniello gibt der mexikanische Tenor Diego Torre sein Operndebüt in Europa. Unter Leitung des Generalmusikdirektors Antony Hermus singen und spielen außerdem Angelina Ruzzafante, Yulia Gerbyna, Oscar de la Torre, Kostadin Arguirov, Ulf Paulsen, Wiard Witholt, Angus Wood und die Anhaltische Philharmonie. Bereits um 15:45 Uhr ist das Theaterrestaurant geöffnet und lädt ein zum „Kaffee im Salon“. Für musikalische Untermalung sorgt das „Salonorchester Papillon“.
Zum letzten Mal wird um 19:30 Uhr die unterhaltsame Schauspielinszenierung „Gesänge aus 1001 Deutschen Nacht“ im Alten Theater zu sehen sein. Nach der Vorstellung können die Besucher des Alten Theaters den Abend im neu gestalteten Biergarten ausklingen lassen.
Am Sonntag, 23. Mai um 10:30 Uhr auf der Probebühne 1 (Eingang über Bühnenpforte) geben das Leitungsteam (Ballettdirektor Tomasz Kajdanski, Bühnenbildner Dorin Gal, Kapellmeister Wolfgang Kluge, Sophie Walz - Dramaturgie) und die Tänzer bei einer Matinee Einblick in die Ballettinszenierung „Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe“, die am 29. Mai Premiere und Uraufführung hat. Die Zuschauer erwartet spannendes Gespräch über die Hintergründe der Inszenierung und die Wahl der Musik. Ensemblemitglieder der Ballettkompanie werden Ausschnitte der Choreografie zeigen.
Ebenfalls am Pfingstsonntag findet in den Wörlitzer Anlagen ein Nachmittag mit Musik und Poesie unter dem Titel „Klingender Park – Lustwandeln und doppelter Genuss...“ statt. Den Pfingstspaziergang zwischen 14 und 17 Uhr können die Besucher im Vorübergehen mit dem Anhören eines Gedichts oder eines Musikstückes verbinden, dargeboten von Künstlern des Anhaltischen Theaters an den schönsten Stellen des Parks. Es wirken u.a. mit: Ensembles und Solisten der Anhaltischen Philharmonie, Dessauer Blechbläser (am Monument), Anhaltisches Streichquartett (am Gotischen Haus), Harfe (am Floratempel) und Schauspieler des Anhaltischen Theaters. Der Eintritt ist frei.
Im Großen Haus wird um 17 Uhr zum letzten Mal in dieser Spielzeit Mozarts „Die Zauberflöte“ mit gewohnt großartiger Sängerbesetzung gezeigt.
Im Alten Theater/ Foyer wird an diesem Abend um 19:30 Uhr die charmante Inszenierung „Mein wildes Herz in Deine Ruh“ zu erleben sein.
Pfingstmontag, 24. Mai lädt das Anhaltische Theater um 17:00 Uhr im Großen Haus zur italienischen Opern-Gala „Serata di Gala“ ein. Es wirken mit: KS Iordanka Derilova, Cornelia Marschall, Angelina Ruzzafante, Kostadin Arguirov, Ulf Paulsen, Pavel Shmulevich, Wiard Witholt, Angus Wood. Moderiert wird der Abend von Heribert Germeshausen/ Leitender Dramaturg Musiktheater/ Operndirektion.
Im Alten Theater ist um 19:30 Uhr Gerald Fiedler, alias Leo Polte der VIII,
mit einer neuen Folge von „Der letzte Einruf!!! zu erleben. Diesmal geht es um Verdi und seine Oper EIN MASKENBALL und natürlich um Fürst Leopold III., Richard Wagner, das Intendantenkarussell, Pferde auf der Bühne und noch so manche Überraschung. Ulf Paulsen wird Gast in der Show sein, am Klavier: Stefan Neubert.
Für alle Vorstellungen gibt es noch Karten an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr.
17.05.2010, 13:21 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
438
Helmut Rohm, Volksstimme/ Anhalt-Zerbster Nachrichten, 6.05.2010
Weltberühmter Bariton Leo Nucci im Theater
Einmaliges Konzert am 10. Mai in Dessau
Es war die Idee von Ursula Riccio, Präsidentin der Gesellschaft der "Verdi-Freunde in der Welt" ("Viva Verdi"), dass der weltbekannte italienische Opernsänger Leo Nucci (68) in Dessau einmal ein Konzert gibt.
"Diese Idee wurde vor etwa fünf Jahren geboren, als Ursula Riccio mit Mitgliedern ihrer Gesellschaft eines der hier in Dessau regelmäßig durchgeführten Meetings veranstaltete, die stets mit Besuchen des Anhaltischen Theaters verbunden werden" , erinnert sich Joachim Landgraf, Verwaltungsdirektor und Stellvertreter des Generalintendanten des Dessauer Theaters.
Der Traum wird nun, durch die Unterstützung der Associazione "Viva Verdi" und insbesondere eben deren Präsidentin Ursula Riccio, zur Realität. Leo Nucci gibt am kommenden Montag, dem 10. Mai, um 20 Uhr im Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau ein Gala-Solo-Konzert. Es ist ein Benefizkonzert zugunsten der Theaterstiftung des Anhaltischen Theaters Dessau.
Seit vielen Jahren wieder in Deutschland
Seit Mitte der 80er Jahre ist das wieder einer der ersten Auftritte Nuccis in Deutschland, übrigens der einzige des Jahres 2010.
Leo Nucci wurde in der Nähe von Bologna geboren und debütierte als Preisträger des dortigen Gesangswettbewerbes als Rossinis Figaro in Spoleto. Den ersten Rigoletto singt er 1973. "Er zählt heute zweifelsohne weltweit zu den besten Rigoletto- Darstellern", schätzt Joachim Landgraf ein.
Leo Nucci singt 1977 an der Mailänder Scala den Figaro. Er vertritt mit phänomenalem Erfolg einen erkrankten Kollegen als Miller am Royal Opera House Covent Garden London. Dieser Erfolg öffnet ihm die Tore aller bedeutenden Theater in Europa, Nord- und Südamerika und Japan, die Mailänder Scala ebenso wie die Wiener Oper oder die New Yorker Met. Leo Nucci gewinnt zahlreiche international renommierte Wettbewerbe. Er ist Träger bedeutender italienischer wie auch internationaler Auszeichnungen. Der Sänger hat mit den bedeutendsten Dirigenten zusammengearbeitet, wie unter anderem Herbert von Karajan, Sir Georg Solti, Lorin Maazel oder Bruno Bartoletti.
Philharmonie begleitet den Sänger
Leo Nuccis "Komponisten-Übersicht" reicht von Bellini über Puccini bis Verdi. Zu seinem umfangreichen, etwa 60 Rollen umfassendem Repertoire gehören unter anderem Rigoletto, Nabucco und Falstaff aus den gleichnamigen Verdi-Opern.
In seinem Dessauer Benefizkonzert singt der italienische Bariton Arien aus den VerdiOpern "La Traviata", "Rigoletto", "Un Ballo in Maschera", "Macbeth", "Nabucco", "Don Carlo" sowie aus Giordanos "Andrea Chenier".
Leo Nucci wird von der Anhaltischen Philharmonie unter Leitung ihres Generalmusikdirektors Antony Hermus begleitet. Das Dessauer Orchester wird unter anderem mit den Ouvertüren von "Vespri Siciliani", "Nabucco", "La Traviata" und "Forza" eine eigenständigen konzertanten Beitrag beisteuern.
Karten gibt es noch an den Theaterkassen oder unter Telefon (03 40) 2 5113 33.
10.05.2010, 09:39 | tags:
Musiktheater
432
Renate Freyeisen, Radiobeitrag für Radio Opera, 04.05.2010
Stumme von Portici
Anhaltisches Theater Dessau
Was für eine mitreißende Musik, Aubers „Die Stumme von Portici“! Aber warum erklingt sie heute so selten auf der Opernbühne? Diese Frage stellte sich mancher begeisterte Besucher nach der umjubelten Premiere im Anhaltischen Theater in Dessau. Dass „Die Stumme von Portici“ im 19. Jahrhundert eines der am meisten gespielten Musikdramen war, dass die Melodien und Chöre geradezu in die Beine fahren, fast zum Mitsingen auffordern, wurde dem Publikum an diesem rundum geglückten Abend deutlich.
Doch der Komponist ist heutzutage nahezu vergessen. Dabei war Daniel Francois Esprit Auber (1782-1871) einer der erfolgreichsten und produktivsten Komponisten zu seiner Zeit in Paris
07.05.2010, 16:32 | tags:
Ballett
, Musiktheater
427
Pressemitteilung vom 07.05.2010
Elbmusikfest vom 13. bis 16. Mai in Dessau-Roßlau
Das Elbmusikfest findet zum zweiten Mal vom 13. bis 16. Mai 2010 in Dessau-Roßlau statt. Im 19. Jahrhundert hatten die Elbmusikfeste eine große Bedeutung für die regionale Entwicklung des Chorwesens. Diese Tradition, Sänger und Chöre zusammenzuführen, soll nach einer Unterbrechung von 175 Jahren mit dem Elbmusikfest wiederbelebt und gestärkt werden. Neben dem „Scratch-Konzert“ werden an vier aufeinander folgenden Tagen zwei Inszenierungen des Musiktheaters und eine Inszenierung des Balletts gezeigt.
Den Auftakt macht am Donnerstag, 13. Mai 2010 um 18 Uhr Andrea Moses politisch umstrittene Inszenierung „Lohengrin“. Sie versetzt Wagners Stück in das Parlament einer heutigen Hauptstadt, dessen Volk sich nach einem Führer ins Glück sehnt. Lohengrin gelingt es durch seine Ausstrahlungskraft und mediale Präsenz das Volk für sich zu begeistern und für den Krieg, gegen wen auch immer. Es wirken mit, neben Andrew Sritheran als Lohngrin, Bettine Kampp, Iordanka Derilova, Pavel Shmulevich, Ulf Paulsen und Wiard Witholt.
Wann hat man eine so kluge, lebendige Wagner-Aufführung zuletzt in Berlin erlebt? Dem Theater Dessau ist mit "Lohengrin" ein großer Wurf gelungen.... Auf nach Dessau! (Jörg Königsdorf, Tagesspiegel, 6.10.2009)
Am Freitag, 14. Mai 2010 um 19.00 Uhr präsentiert das Ballettensemble Tomasz Kajdanskis Uraufführung „Lulu“. Frank Wedekinds Tragödie ist die Grundlage für die Auseinandersetzung mit diesem sinnlichen Sujet. Yulia Gerbyna tanzt die Lulu. Die Anhaltische Philharmonie spielt unter Leitung von Daniel Carlberg.
Ein besonderer Höhepunkt ist das „Scratch-Konzert“ am Sonnabend, 15. Mai. Über 300 begeisterte Sänger und Sängerinnen und ein stattlicher Kinderchor aus Dessau-Roßlau und Umgebung werden am Morgen mit den Proben zu Carl Orffs „Carmina Burana“ beginnen und das Stück bereits am Abend um 19 Uhr zur Aufführung bringen. Der Generalmusikdirektor Antony Hermus dirigiert den Scratch-Chor und die Anhaltische Philharmonie. Als Solisten sind am Abend Angelina Ruzzafante, Sopran
05.05.2010, 09:56 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
424
Zuschauermeinung, Peter Bilsing, Herausgeber und Chefredakteur „Der Opernfreund“, 01.05.2010
Wie immer in Dessau mindestens 5 Sterne, wenn nicht sogar 5*deluxe.
Spannendes, kluges Regietheater ohne Firlefanz. Klug gekürzt, das Ballett flog raus, auch kein Vulkan am Ende, wäre sowieso lächerlich. Bücker scheint wirklich einer der Großen zu sein. Hermus am Pult, den sollte man sich merken, nach seinem Lohengrin. Jetzt das. Die Sänger, wow, und das in der tiefsten anhaltischen Provinz. Man sollte mehr Reklame für dieses Theater machen, das um sein Überleben kämpft. Wenn man bedenkt welchen Scheiß sich Berlin, München und andere sogenannte große Häuser erlauben, dann lob ich mir die Provinz. Schickt alle die ihr kennt nach Dessau, da findet im Mai ein kleines Festival statt, es lohnt sich. Als Hotel rate ich zum Fürst Leopold, direkt gegenüber dem Theater.
In offener Begeisterung
Peter Bilsing
04.05.2010, 11:37 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
423
Udo Pacolt, http://www.der-neue-merker.eu/mod,criticism/id_menuitem,15/id_criticism,2911, 03.05.2010
Revolutionsoper in Dessau: „Die Stumme von Portici“ von Auber (Vorstellung: 2. 5.2010)
Im Anhaltischen Theater Dessau steht zurzeit die selten gespielte Revolutionsoper „Die Stumme von Portici“ von Daniel-François-Esprit Auber in französischer Sprache (mit deutschen Übertiteln) auf dem Programm, die nach einer Aufführung in Brüssel am 25. August 1830 so starke revolutionäre Impulse gegen die Fremdherrschaft der Niederländer setzte, dass es zur Gründung des Staates Belgien kam. Als während der Einführung zur Oper am 2. Mai auf diese historisch belegte Tatsache hingewiesen wurde, winkte ein Zuhörer mit einer belgischen Flagge und nach dem „Revolutionsduett“ von Masaniello und Pietro im 2. Akt schwenkten auf dem Rang sogar einige Zuschauer kleine belgische Fahnen!
„La muette de Portici“ („Die Stumme von Portici“) wurde 1828 in Paris uraufgeführt – der Text stammt von Eugène Scribe und Germain Delavigne – und war damals nicht zuletzt wegen der aufwendigen Inszenierung und der historisch getreuen Kostüme und Kulissen eine Sensation. In Deutschland war das Werk vor allem an der Berliner Hofoper sehr erfolgreich, wo es ab 1829 bis zum Jahrhundertende 285 Mal gespielt wurde!
Die Handlung der fünfaktigen Oper, die 1647 in Neapel und Portici spielt, in geraffter Form: Alphonse, Sohn des Vizekönigs von Neapel, quält vor seiner Hochzeit mit Elvire Gewissensbisse, weil er einst das stumme Fischermädchen Fenella verführt hat, das dann von seinem Vater in den Kerker geworfen wurde. Unmittelbar vor der Hochzeitszeremonie gelingt es Fenella, aus dem Gefängnis zu fliehen und bei Elvira Schutz zu suchen. Als sie in dem Bräutigam ihren einstigen Geliebten erkennt und ihn mit beredten Gesten als ihren Verführer vor aller Augen anklagt, kann sie im Schutz der Neapolitaner vor den Soldaten fliehen. – Am Strand von Portici erfährt Masaniello von seinem Freund Pietro, dass die spanischen Soldaten des Vizekönigs seine Schwester Fenella verschleppt haben. Beide schwören Rache. Da erblickt Masaniello Fenella, die sich aus Gram über Alphonses Verrat ins Meer stürzen will. Was sie ihm nach ihrer Rettung stumm zu verstehen gibt, schürt Masaniellos Hass. Er ruft die Fischer zur Revolte gegen die Willkür und Tyrannei des Vizekönigs auf. – Elvire und Alphonse versöhnen sich. Als Selva, der Offizier der Leibwache, Fenella erneut zu verhaften versucht, gibt Masaniello das lang erwartete Zeichen zum Aufstand und bittet Gott um Beistand für die Aufständischen. – Masaniello ist über die blutigen Ausschreitungen gegen die Spanier erschüttert. Alphonse und Elvire verschlägt es auf ihrer Flucht aus Neapel in Masaniellos Fischerhütte. Im Zwiespalt ihrer Gefühle entscheiden sich Masaniello und Fenella, den Flüchtigen zu helfen. In den Augen der Fischer wird dadurch Masaniello zum Verräter. Während eine Delegation Neapels Masaniello huldigt, beschließt Pietro mit den Seinen Masaniellos Tod. – Pietro hat Masaniello ein langsam wirkendes Gift verabreicht, das zum Wahnsinn führt. Als Masaniello die Neapolitaner im Kampf gegen den zurückgekehrten Alphonse anführt, wird das offensichtlich. Fenellas drastische Schilderung der Schrecken, die von den Spaniern angerichtet werden, lässt ihn dennoch an der Spitze seiner Leute in den Kampf ziehen, wobei ein Ausbruch des Vesuvs den schaurigen Hintergrund bildet. Die auf der Flucht befindliche Elvire versucht Fenella zu überzeugen, ihr zu folgen. Von Alphonse erfährt Fenella, dass Masaniello bei dem Versuch, Elvire zu schützen, von seinen eigenen Gefolgsleuten umgebracht wurde, worauf sich Fenella aus Verzweiflung tötet.
Alphonse, Elvire und Fenella sind erfundene Figuren, wobei das literarische Vorbild für sie in Walter Scotts Peveril of the Peak aus dem Jahr 1823 zu finden ist. Die pantomimisch dargestellte Titelfigur, die einst von berühmten Primaballerinen wie Maria Taglioni und Fanny Elßler dargestellt wurde, ähnelt der Silvana aus Webers gleichnamiger Oper. Masaniello, 1620 in Neapel geboren, hieß in Wirklichkeit Tommaso Aniello. Als Anführer des Aufstandes 1647 gegen die spanische Regierung in Neapel ging er in die Geschichte ein.
André Bücker verlegte die Handlung der Oper in die heutige Zeit, wobei die Fischer ihrem Tagewerk auf der Werft nachgehen, die Besetzer Neapels Mafiosi sind und der Vizekönig ein Pate der Camorra ist, der im Rollstuhl sitzt. Dass die Mafiosi allesamt mit Gewehren bewaffnet sind und Alphonse mit einem Revolver, passt in diese Inszenierung. Als sich die „Verschwörer“ auf dem Markt von Portici versammeln, kommen deren Frauen gerade vom Shopping und zeigen einander ihre Einkäufe. In jeder Szene stolpern die Darsteller über nicht geleerte Müllsäcke – wohl eine Anspielung auf die hygienischen Zustände vor einigen Monaten in Neapel, wo es durch die wirtschaftliche Kontrolle der Camorra keine demokratische Rechtsordnung gibt, sondern eher besatzungsähnliche Zustände herrschen.
Das Bühnenbild von Jan Steigert vermittelte mit den Containern, die für die jeweilige Szene umgestellt werden konnten, die Atmosphäre einer Werft in einer Stadt am Meer ebenso wie die dazu passenden Videos von Christian Schrills und die über Lautsprecher tönenden Möwenlaute. Die auf die jetzige Zeit abgestimmten Kostüme stammen von Suse Tobisch.
Mit mächtiger metallischer Tenorstimme sang der Mexikaner Diego Torre, der in Dessau sein Europadebüt gibt, den Masaniello. Leider legte er zu viel Kraft in seine Stimme, wodurch er zwar manchmal sogar den stimmgewaltigen Chor übertönte, aber auch an seine Grenzen stieß. Der Tenor Eric Laporte als Alphonse und die Sopranistin Angelina Ruzzafante als Elvire gaben stimmlich und darstellerisch ein ideales Paar. Von den Gefährten Masaniellos überzeugten der Bass Wiard Witholt als Pietro und der Bariton Kostadin Aguirov als Borella sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch. Die Titelrolle wurde von der Solotänzerin Gabriella Gilardi mit ausdrucksstarken Gesten, Sprüngen und Bewegungen blendend gespielt. Als Leiterin des kürzlich gegründeten Kinderballetts am Anhaltischen Theater gelang es ihr auch, immer wieder ihre Schützlinge in verschiedenen Szenen zu präsentieren. Der Opernchor des Anhaltischen Theaters (Leitung: Helmut Sonne) erfüllte seine in dieser Oper tragende Funktion voll und ganz und agierte sowohl als neapolitanisches Volk und als Werftarbeiter wie auch als Revolutionäre auf beeindruckende Weise. An Stimmkraft fehlte es ihm keinesfalls, nur schien die Personenführung in manchen Szenen zu kurz gekommen zu sein.
Die mit südländischem Kolorit, dramatischen Ensembles und Chorszenen versehene Partitur Aubers wurde von der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von Antony Hermus – er ist seit 2009 Generalmusikdirektor des Anhaltischen Theaters – packend und mitreißend wiedergegeben. Wenn auch manches an der Inszenierung missfiel, an der musikalischen Qualität des Abends konnte man seine Freude haben! Die unkonventionelle musikalische Gestaltung der Oper „La muette de Portici“ bezeichnete übrigens Richard Wagner als „heiß bis zum Brennen, unterhaltend bis zum Hineinbeißen“. Und in seinen Erinnerungen an Auber schrieb er u. a.: „Wie dem Sujet am Schrecklichsten, aber auch am Zartesten nichts fehlte, so ließ Auber seine Musik jeden Kontrast, jede Mischung in Konturen und in einem Kolorit von so drastischer Deutlichkeit ausführen, dass man sich nicht entsinnen konnte, eben diese Deutlichkeit je so greifbar wahrgenommen zu haben.“
Das Publikum in Dessau, das schon nach dem 2. Akt in frenetischen Beifall verfallen war, feierte am Schluss der Vorstellung das gesamte Ensemble, den Chor, den Dirigenten und das Orchester mit minutenlangem, nicht enden wollendem Applaus! Bravorufe gab es für Diego Torre, die Tänzerin Gabriella Gilardi und die Anhaltische Philharmonie, die unter Antony Hermus groß aufgespielt hatte.
03.05.2010, 14:39 | tags:
Musiktheater
, Kurt-Weill-Fest
421
Andreas Hillger, Die deutsche Bühne, 05/10
Broadway in Dessau
Das Dessauer Kurt-Weill-Fest in seinem letzten Jahr unter dem Intendanten Clernens Birnbaum begann mit Protesten gegen Sparpläne der Stadt gegenüber dem gerade mit neuer Mannschaft gestarteten Anhaltischen Theater. Und überzeugte dann künstlerisch vor allem mit Weills amerikanischem Stück "One Touch of Venus".
Als künstlerisches Motto hatte sich das Dessauer Kurt-Weill-Fest in diesem Jahr die Formel. „New Art is True Art" aus dem Musical "One Touch of Venus" entliehen, vor dem Festakt aber stand eine nicht minder brisante These im öffentlichen Raum: "Land braucht Stadt" hieß die Aktion, bei der es die Dessauer und ihre Gäste 20 Jahre nach der Wende wieder auf die Straße trieb aus Protest gegen die radikalen Kürzungen im kulturellen Bereich, die angesichts der kommunalen Finanznot auch in Sachsen-Anhalt drohen. Den unmittelbaren Anlass lieferte Oberbürgermeister Klemens Koschig mit seiner „Blut-und-Tränen“-Liste, die er kurz vor Beginn des Festivals veröffentlicht hatte. Dass der Generalintendant des Anhaltischen Theaters, André Bücker, auf die darin angedrohte Streichung von rund drei Millionen Euro allein beim städtischen Anteil seines Hauses nicht anders als mit Widerstand reagieren konnte, hätte dem Stadtoberhaupt klar sein müssen. Und welcher Termin wäre dafür besser geeignet gewesen als die überregional beachtete Fest-Eröffnung?
Dennoch brauchte das Fest nach diesem politisch gemeinten, aber nicht polemisch vorgetragenen Prolog einige Zeit, bis es zu sich selbst fand. Die Verstörung war auch der Tatsache geschuldet, dass der scheidende Intendant Clemens Birnbaum einen Artist in Residence verpflichtet hatte, der die vom Posaunisten Nils Landgren oder der Stimm-Artistin Salome Kammer in den vergangenen Jahren gewohnte Charme-Offensive verweigerte. Helmut Oehrings Songspiel "Die Wunde Heine", mit dessen Uraufführung der Komponist das Fest eröffnete, war vielmehr eine Kampfansage: Texte von Rio Reiser und Heinrich Heine standen hier im Kontrast zum Urbild des Genres, dem "Mahagonny-Songspiel" von Weill und Brecht. Die Lyrik dieser beiden Schmerzensmänner aber, die zu verschiedenen Zeiten am gleichen Land bis zur ironisch maskierten Verzweiflung gelitten hatten, wollte nicht recht zur zynischen Dollar- und Whisky-Pose der modernen Klassiker passen, obwohl sich das Ensemble Modern unter Frank Ollu eindeutig als Anwalt des neuen Werks verstand. Da half auch die szenische Klammer kaum, durch die Oehring seine Chöre und Solisten, seinen pochenden Jazz und seine expressive Linienführung mit dem "Mahagonny"Material verband: Die "Wunde Heine", die über das reine Adorno-Zitat hinaus wohl auch auf den Umgang mit dem Werk des Emigranten Weill verweisen wollte, blieb eine Behauptung -obwohl sie in ihrem Gestus den vorangegangenen Protest ästhetisch fortschrieb. Konzentrierter und damit ergreifender wirkte das Porträtkonzert, zu dem der Resident Oehring gegen Ende des Festivals ältere Arbeiten auf die Bauhausbühne brachte.
Als zweiter Erneuerungs-Versuch der Songspiel-Tradition war die "Bordellballade" annonciert, deren Auftragnehmer Franzobel als Librettist und Moritz Eggert als Komponist waren. Dieses Duo gab sich zunächst traditionsbewusster: An der Geschichte aus einem "Menschenhaus", in dem die Huren sich für Naturalien prostituieren, um dem kapitalistischen Kreislauf aus erotischer Wertschöpfung und erpresserischer Abschöpfung zu entkommen, hätte sicher auch Brecht seine Freude gehabt, zumal sie sich den von ihm als "Laxheit in Fragen geistigen Eigentums" gepflegten Parodie-Gestus zu eigen machte. Allerdings krankte die Koproduktion mit dem Theater Koblenz und der Neuköllner Oper an jenem Überbietungs-Ehrgeiz, mit dem Franzobel seinem Vorbild begegnete: Dort, wo Brecht stets die Balance zwischen dem Zarten und dem Harten zu halten wusste, ließ der Österreicher seinen Text eindeutig auf die pornografische Seite fallen, was den selbst ernannten "Bad Boy" Eggert in die Rolle des "Good Guy" drängte, der dem ermüdenden Text immerhin musikalisch Schärfe und Schmelz gab.
Während man über die Zukunftsfähigkeit des Songspiels also auch nach diesem Weill-Fest trefflich streiten kann, ist die Heimkehr des Amerikaners Weill - neben gefeierten Auftritten von Angelika Kirchschlager und Helen Schneider sowie den traditionellen Jazz- und Rockkonzerten - als eindeutiger Gewinn des Weil I-Festes 2010 zu verbuchen. Mit seinem Broadway-Erfolg "One Touch of Venus" bescherte das Anhaltische Theater dem Jahrgang ein Finale, auf das man vor Ort spätestens seit der verheerenden Wirkung des "Kuhhandels" gewartet hatte. Zehn Jahre nach diesem Desaster, mit dem der damalige Hausherr Johannes Felsenstein den Dessauer Kontakt zur New Yorker Kurt Weill Foundation for Music auf eine extreme Zerreißprobe gestellt hatte, wirkte die Inszenierung von Klaus Seiffert wie die überfällige Rehabilitation. Hier wurde nicht in eitler Selbstüberhebung aktualisiert und repariert, sondern mit jener konservatorischen Sorgfalt gearbeitet, die einem selten gespielten Werk erst den Weg ins Repertoire ebnen kann, was ja die vornehmste Aufgabe eines solchen Festivals zu sein hat. Dass die Ausstatterin Imme Kachel augenzwinkernde Verweise auf die Bauhaus-Meister platzierte, dass Mario Mariano den Chor und das Ballett des Anhaltischen Theaters zu tänzerischen Höchstleistungen trieb, dass Musical-Studenten der Berliner Universität der Künste das Ensemble verstärkten und dass man einen bemerkenswerten Solisten-Cast aus überwiegend hauseigenen Kräften präsentieren konnte - all dies sorgte für eine gefeierte Premiere, die beiläufig auch die Tauglichkeit des amerikanischen Weill-Oeuvres für ein deutsches Abonnenten-Publikum offenbarte. Unter der musikalischen Leitung von Daniel Carlberg stellte die Anhaltische Philharmonie zudem unter Beweis, dass eine fast 250-jährige Orchestertradition auch zu Ausflügen in ein Fach befähigen kann, dem man an vielen deutschen Stadttheatern noch immer mit Skepsis begegnet. Als augenzwinkernde Pointe durfte man schließlich registrieren, dass ausgerechnet eine Parabel auf den Umgang mit einer alten Götter-Statue für diese sorgfältige Vergegenwärtigung Weills in seiner Geburtsstadt sorgte. Ein schöneres Abschiedsgeschenk hätte Intendant Birnbaum, der demnächst sein erstes Händel-Fest in der Nachbarstadt Halle präsentieren wird, der Stadt kaum machen können.
Sein Dessauer Nachfolger Michael Kaufmann hat unterdessen bereits Einblicke in die Pläne für das Jahr 2011 gegeben. Sicher ist, dass mit dem Ensemble Modern erstmals ein Orchester den "Artist in Residence"-Status beanspruchen und zugleich den bis 2013 geplanten Themen-Triptychon Berlin-Paris-New York eröffnen darf. Das Anhaltische Theater wird sich - unter André Bückers Regie - mit einer Kombination aus dem "Bajazzo" und dem "Protagonist" beteiligen sowie ein Sinfoniekonzert unter Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus zum Festival beisteuern. Als wichtige, nicht unumstrittene Neuerung gilt die Ausweitung des Zeitraums auf zwei Wochen, mit der Kaufmann das dicht gepackte Programm entzerren und mehr auswärtiges Publikum gewinnen möchte. Die größte Hoffnung setzt man allerdings auf 2013: Dann will man in Dessau eine Landesausstellung ausrichten, die dem berühmten Gropius-Motto "Kunst und Technik - eine neue Einheit" folgen und die lokalen Traditionen von Bauhaus und Junkers verbindend darstellen soll.
Den Auftakt könnte Kurt Weill setzen - als Dritter im Bunde.
03.05.2010, 13:53 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
419
Alexander Hauer, Der Opernfreund (Print), http://www.deropernfreund.de/pageID_4251591.html und http://www.musenblaetter.de, 28.04.20210
Theater Dessau
La Muette de Portici
André Bückers Einstand als Opernregisseur an seinem Hause muss man als großen Wurf bezeichnen. Die Grand opéra wird zwar in gekürzter Form, ohne Ballett, gegeben, zeichnet sich aber durch eine kluge Neudeutung auf höchstem musikalischen Niveau aus.
Bücker verlegt die Handlung aus dem frühen 17. Jahrhundert in die Jetztzeit, aus den spanischen Besatzern werden Mafiaangehörige, aus den revoltierenden Fischern Werftarbeiter. Der Verlust pittoresker Bilder machen aber das Bühnenbild Jan Steigerts und die stimmigen Kostüme von Suse Tobisch wieder wett. Jene Oper um Macht und Ohnmacht, um die Kraft der Schwächeren, wenn sie sich zusammenschließen, wurde bei der Uraufführung eher delektiert, hatte einen sensationellen Erfolg weltweit, und führte, der Legende nach zur Ablösung Belgiens von den Niederlanden. Dieser revolutionäre Gedanke ging in der heutigen Zeit verloren, Bücker schafft aber einen stimmigen Einblick in das System Camorra, in deren Machtstrukturen, die unter anderem auch auf der stillschweigenden Duldung und der Angst der Bürger, basiert. Schon in der Ouvertüre zeigt Bücker die Unbarmherzigkeit dieses Systems auf, wenn die Mafiaschergen um Selva ein Kind entführen, um Fenella in ihre Fänge zu bekommen.
Fenella, diese Einmaligkeit in der Operngeschichte, in der die Titelfigur nicht singt, wird von Gabriella Gilardi mit größter Expressivität getanzt. Ihr Ausdruck und ihre beseelte Körpersprache korrespondiert auf dem gleichen, höchsten Niveau ihrer Sängerkollegen.
Antony Hermus zaubert mit der Anhaltischen Philharmonie feinsten französischen Klang aus dem Graben. Das Ensemble um die beiden Tenöre Diego Torre als Fanellas Bruder Masaniello, schafft es den hohen Ansprüchen seiner Partie das Beste herauszuholen. Sein Gegenspieler, ebenfalls Tenor, Alphonse, Eric Laporte ist ihm ebenbürtig. Alphonse Braut Elvira, jenes naive, weltfremde Mädchen, das die Beziehungen zwischen ihrem Bräutigam und Fanella nicht kennt oder wissentlich verdrängt, wird von Angelina Ruzzafante mit scheinbarer Mühelosigkeit interpretiert.
Angus Wood gestaltet seine kleine Rolle als Lorenzo spannend und konzentriert. Der Star unter den Bösen ist aber Ulf Paulsen der aus Selva einen Furcht erregenden, mit eiskaltem Bariton ausgestatteten, Mafioso macht.
Auf der Seite der „Guten“ kämpfen Kostadin Arguirov, Stephan Biener und Wiard Witholt mit Masaniello gegen das System. Dieses geschlossen gute Ensemble singt auf einem Niveau, dass man nicht alle Tage zu hören bekommt.
Neben den erstklassischen Solisten sei aber auch noch der von Helmut Sonne perfekt einstudierte Chor der Anhaltischen Oper erwähnt. Verstärkt durch Gäste des Coruso Chores, Berlin, unterstreicht er den mehr als perfekten Gesamteindruck des Abends.
Die Premiere endete unter frenetischem Applaus, sowohl für das Regieteam als auch für die musikalischen und tänzerischen Leistungen. Auf die DVD-Veröffentlichung sollte man sich freuen.
26.04.2010, 18:14 | tags:
Musiktheater
411
Pressemitteilung vom 26.04.2010
„Die Stumme von Portici“ [La Muette de Portici]
Nach der gefeierten Opernpremiere am vergangenen Sonnabend zeigt das Anhaltische Theater „Die Stumme von Portici“ am Freitag, 30. April um 19.30 Uhr und am Sonntag, 2. Mai um 17.00 Uhr.
Generalintendant André Bücker bringt mit Daniel-François-Esprit Aubers Grand Opera Revolte und Leidenschaft auf die Bühne. In der zentralen Rolle des Masaniello gibt der dreißigjährige Tenor Diego Torre sein Europadebüt. Seine stumme Schwester Fenella wird von Gabriella Gilardi getanzt.
Die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus, der Opernchor und die Solisten zeigen, dass „sich Dessau musikalisch nicht hinter Stuttgart oder Hamburg verstecken muss.“ (Manuel Brug, Die Welt, 26. April 2010)
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr sowie über
die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr |
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
26.04.2010, 12:33 | tags:
Musiktheater
410
Helmut Rohm, Volksstimme, 26.04.2010
Anhaltisches Theater Dessau führt "Die Stumme von Portici" auf
Publikum schenkt bewegender Inszenierung langen Beifall
Dessau-Roßlau. Die Premiere der Oper "Die Stumme von Portici" im Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau am Samstagabend war nicht nur schlechthin beeindruckend - sie war begeisternd. Es wäre, bei gebotenem sparsamem Umgang mit Superlativen, sicher selbst der französische Komponist Daniel Francois Esprit Auber (1782-1871) bei dieser Inszenierung tief bewegt gewesen. Auch oder gerade weil Generalintendant André Bücker in seiner ersten Dessauer Operninszenierung die originale Handlung aus der Mitte des 17. Jahrhunderts ins Heute, am gleichen historischem Ort um Portici und Neapel angesiedelt hat.
Apropos Ort. Bühnenbildner Jan Steigert nutzte die wahrlich vielfältigen technischen Ressourcen der schier unendlich großen Dessauer Bühne, um ein dem Spannungsbogen zwischen den Hafenarbeitern und der im Untergrund – weitab von jeder Demokratie – machtbesessen kriminell agierenden Camorra einen realistisch nahen Handlungshintergrund zu bieten. Die wahrlich räumlich hoch projizierten Übertitel halfen gut, der durchweg in der französischen Originalsprache aufgeführten Oper – der ersten in Dessau – inhaltlich leichter folgen zu können.
Jedoch nicht nur deshalb trifft die Bezeichnung "Grand Opera" als aufführungscharakterisierende Klassifizierung zu. Die Anhaltische Philharmonie unter Stabführung des GMD Antony Hermus präsentierte die facettenreiche Musik Aubers mit strahlendem Esprit wie ebenso bewegender Emotionalität - ganz eng, kongenial zu den Darstellern - alles wie aus einem Stück.
Und - die Darsteller haben es an Dramatik, Tragik, Gefühlsfülle in aller menschlichen Bandbreite, in ihren Entwicklungen, auch Ausuferung, nicht fehlen lassen. Macht und Freiheit, Liebe, Rache, Mord und Vergebung, ebenso das letztendliche Scheitern erfahren in der Bücker-Inszenierung erlebbare Nähe.
Der Gast-Tenor Diego Torre als Anführer der Hafenarbeiter Masaniello und Bruder der stummen Fenella, dargestellt von der Dessauer Ballettsolistin Gabriella Gilardi, standen mit ihren bewegenden Darstellungen ganz besonders in der Gunst des Premierenpublikums.
Das - jedoch verdientermaßen - ausnahmslos dem gesamten Ensemble mit langanhaltendem Beifall für das Gezeigte dankte. Dennoch gebührt noch ein besonderes Lob dem Chor, für seine umfangreiche sowohl gesangliche wie ebenso aktionsreiche darstellerische Mitwirkung unter Helmut Sonne.
Diese gelungene Dessauer Inszenierung wird sicher in der Theatergeschichte einen geachteten Platz finden. Umso mehr sollte sie schon im Jetzt und Heute viele Besucher haben.
Die nächste Aufführung findet am 30. April statt.
26.04.2010, 12:05 | tags:
Musiktheater
409
Manuel Brug, Die Welt, 26.04.2010
Der Theatertrotz von Dessau
Jetzt erst Recht. Im Dessauer Theater kontert die neue, mit Intendant André Bücker angetretene Mannschaft durch Qualität. Schließlich gilt es, sich gegen die Streichliste des Bürgermeisters zu stellen, der der verschuldeten, zudem schrumpfenden Stadt weitere Kürzungen zumutet. Um 3,5 Millionen sollen kommunale Zuschüsse für die Anhaltische Bühne verringert werden. Sie gibt es seit 215 Jahren, momentan bekommt sie 15 Millionen Euro Subvention.
Und spielt jetzt - eindrucksvoll - Aubers Grand Opéra "Die Stumme von Portici". Das war eine der berühmtesten Opern des 19. Jahrhunderts, selbst in Dessau liegt Auber bis heute - nach Wagner, Verdi, Mozart, Lortzing, und Puccini- auf Platz sechs der Aufführungsstatistik. Obwohl das Werk um einen Prinzen, der ein stummes Fischermädchen schändet und damit einen Aufstand auslöst, seit dem Krieg erst zum fünften Mal in Deutschland gegeben wird. Aus der ganzen Republik haben sich zu dieser Rarität Opernfreaks angesagt, sogar aus Brüssel, wo diese Oper 1830 die Revolution einleitete, kommt ein Bus.
Sie alle werden nicht enttäuscht werden. Bücker hat bei seiner ersten Opernregie wenig für Personenführung übrig, setzt auf den Trashfaktor von Werftcontainern, die die "Stumme" nicht ungeschickt in eine Mafia-Geschichte umdeuten. Musikalisch muss sich Dessau nicht hinter Stuttgart oder Hamburg verstecken. Die Sänger sind exzellent, angeführt vom mexikanischen Tenor Diego Torre (30). Der gibt sein Europadebüt, eine größere Karriere deutet sich an. Wenn es solche Häuser nicht mehr gibt, wenn sich Sänger nicht ausprobieren können, dann stirbt die Oper. Langsam, aber sicher.
25.04.2010, 22:55 | tags:
Musiktheater
408
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 26.04.2010
Anhaltisches Theater
Menschen in der Maschine
Das Fischer-Idyll mit den kleinen Holzbooten und den handgeknüpften Netzen ist längst verschwunden, am Fuße des Vulkans hat sich ein moderner Container-Hafen angesiedelt. Wie von Geisterhand werden hier gigantische Metallkisten bewegt, die Choreografie dieses globalisierten Umschlagplatzes bleibt dem Außenstehenden ein Rätsel.
Und auch die Menschen sind ihrer Arbeit und sich selbst entfremdet - ein Haufen von Tagelöhnern, der sich dem Diktat einer mafiösen Macht beugt. Eine Revolution muss her! Und Masaniello soll sie führen...
Fesselndes Musiktheater
Man darf sich nach der umjubelten Premiere von Daniel Francois Esprit Aubers "La Muette di Portici" am Anhaltischen Theater fragen, warum seit der letzten Dessauer Aufführung dieser Oper 52 Jahre vergehen mussten. Dass die Gründe nicht in der musikalischen Qualität zu suchen sind, steht nach diesem großen Abend jedenfalls fest. Denn was die Anhaltische Philharmonie unter ihrem Generalmusikdirektor Antony Hermus hier präsentiert, ist ein ungemein suggestives und fesselndes Musiktheater, das die Inszenierung von André Bücker in jedem Augenblick beglaubigt: Wenn diese gewaltige Maschinerie einmal angelaufen ist, lässt sie sich bis zum bitteren Ende nicht mehr stoppen. Und dass das Schöne dabei dicht beim Schrecklichen liegt, dass das Gebet unmittelbar in den Schlachtruf mündet, steigert die Faszination dieses Werkes zusätzlich.
Mit seinem Bühnenbildner Jan Steigert und mit seiner Kostümbildnerin Suse Tobisch verdichtet Bücker die Milieus und verwischt so die historischen Standesgrenzen: Wenn sich die Hochzeitsgesellschaft am Hofe des Vizekönigs von Neapel aus denselben Unterdrückten rekrutiert, die wenig später gegen diesen Herrscher aufbegehren, dann ist deren Not nicht mehr gänzlich unverschuldet.
Man blickt vielmehr auf das System der Camorra, deren Macht sich auch der schweigenden Duldung durch ihre Opfer verdankt. Dass sie sich freilich mit Vorliebe an den Schwächsten vergreift, zeigt sich bereits in der Ouvertüre, in der Selva und seine Schergen ein Kind als Geisel nehmen, um Fenella in ihre Gewalt zu bekommen.
Diese Rolle ist der Geniestreich des Autors - eine stumme Titelheldin in einer Oper, die ansonsten von Chören und Tenören dominiert wird. Gabriella Gilardi tanzt die Partie mit großer Expressivität, ihre Körpersprache ist so beredt und beseelt wie der Gesang ihrer Partner und Gegner.
Dass ihr mit dem jungen Mexikaner Diego Torre ein Bruder zur Seite steht, dessen schier unerschöpfliche Kraft mit einer wunderbar klaren Höhe korrespondiert, bildet den besten Kontrast - hier ist ein Tenor zu bewundern, der schon bald in den Metropolen für Furore sorgen dürfte.
Ensemble auf höchstem Niveau
Und weil sich alle anderen Solisten an dieser Norm orientieren, erlebt man eine Besetzung im Superlativ: Eric Laporte ist als Alphonse so souverän wie Angelina Ruzzafante als seine Braut Elvire, Ulf Paulsen und Angus Wood komplettieren die Partei der Mächtigen kongenial. An Masaniellos Seite singen und kämpfen Wiard Witholt, Kostadin Aguirov und Stephan Biener - ein auf höchstem Niveau ausgeglichenes Ensemble, wie man es vor Ort selten zu hören bekam. Der eigentliche Star aber ist der erneut um Gäste des Coruso-Ensembles verstärkte Chor - von Helmut Sonne perfekt einstudiert und von Antony Hermus zu akribisch kontrollierter Höchstleistung geführt.
Dieser individuell geführten Masse verdankt Bückers Inszenierung ihre Sinnlichkeit, ihr aus Blut, Schweiß und Tränen gemischtes Odeur. Es ist gewiss kein reines Wohlgefallen, mit dem man dieser im französischen Original präsentierten Tragödie folgt.
Aber ihre Faszination verdankt sich eben auch und gerade der konsequenten Erzählweise, die ein religiös verbrämtes und vom Elend entwertetes Leben zeigt - in einer Wirklichkeit, die als Kehrseite des europäischen Wohlstands reale Bezüge hat.
Nächste Vorstellungen: 30. April, 19.30 Uhr
23.04.2010, 12:52 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
407
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 23.04.2010
Der mexikanische Tenor Diego Torre ist Masaniello in Auber-Oper / Morgen ist Premiere in Dessau
Europa-Debüt an der Mulde-Bühne
Zugegeben, diese aktuelle Beziehung ist weit hergeholt, auch fragwürdig. Gegenwärtig hält ein in Island ausgebrochener Vulkan fast ganz Europa in Atem. In der Oper „Die Stumme von Portici“ stürzt sich die Hauptperson, eben das stumme Mädchen Fenella, total verzweifelt, in den gerade ausgebrochenen Vulkan Vesuv. Am Anhaltischen Theater Dessau hat in der Regie von André Bücker diese Oper von Daniel- Francois-Esprit Auber am Sonnabend Premiere. Diego Torre ist als Fenellas Bruder Masaniello zu erleben.
Die ursprünglich 1647 in Portici und Neapel angesiedelte Handlung hat nach der Uraufführung am 25. August 1830 die Belgische Revolution ausgelöst. Die Aktualität der Oper liegt also doch wohl mehr auf anderen Ebenen. „Das Thema Freiheit, das Thema Befreiung von Unterdrückung aus den Fesseln einer stärkeren Macht, das Thema Rache – das sind natürlich zutiefst urmenschliche Themen, die immer wiederkehren und deswegen immer wieder in der Kunst auch behandelt werden“, hebt Generalintendant Bücker hervor. In seiner ersten Dessauer Operninszenierung möchte er seinem Publikum den Kern der Geschichte spannend erzählen, die Zuschauer interessieren, bewegen, mitreißen und begeistern.
Die Machtkonstellationen des Aufstandes armer neapolitanischer Fischer gegen die spanischen Besatzer und ihren Unterdrückungsapparat transformiert Bücker in das Neapel der Gegenwart. Weg vom meist verklärten Urlaubsblick, stellt er den Aspekt der totalen wirtschaftlichen Kontrolle dieser Region durch eine Macht außerhalb der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung – der Camorra – in das Zentrum der Geschichte.
Die Clan-übergreifende Hochzeit aus strategisch- machtpolitischen Gründen zwischen Elvire und Alphonse, dem Sohn eines Paten, ist arrangiert. Dieser hatte kurz zuvor eine Liaison mit Fenella, die er liebt oder glaubt zu lieben, die er verführt hat? Dennoch wird er aus "Vernunftsgründen" Elvire heiraten (müssen). Masaniello ist Anführer der Fischer - bei Bücker der Hafenarbeiter. Er ist aber auch Bruder der stummen Fenella, deren Ehre er wiederherstellen, die er rächen möchte.
Masaniello, die zentrale Figur der Geschichte, wiegelt auf, stachelt "das Volk" zum Umsturz an. An seiner Seite ist sein bester Freund Pietro, zunächst jedenfalls. Und es wird kein letztendlich kein gutes Ende geben.
In der Rolle des Masaniello wird das Dessauer Publikum den mexikanischen Tenor Diego Torre (30) bei seinem Europa-Debüt erleben.
Sein Grundschullehrer hatte ihn "entdeckt", den Eltern angeboten, ihn sängerisch zu unterrichten. "Musik und Singen gehören bei uns in Mexiko an sich zum ständigen Leben“, erzählt Diego Torre. Möglicherweise wäre er auch Mathematiker geworden, dieser Bereich interessiere ihn ebenfalls. Er hat sich aber letztendlich für Gesang entschieden. Auch vielleicht, weil viele immer wieder gesagt haben: „Das kannst du ganz toll, das musst du machen“, erinnert er sich lachend.
Diego Torre studierte an der Mexico‘s National School of Music. Sein Debüt gab er an der National Opera of Mexico in Verdis „La Traviata“ als Gaston. An der Los Angeles Opera war er zwei Jahre als Domingo-Thornton Young Artist, wo er in der vergangenen Spielzeit erstmals als Don José
in „Carmen“ auftrat. In dieser Spielzeit debütierte er bereits an der Metropolitan Opera New York.
Diego Torre belegte 2008 beim Wettbewerb „Neue Stimmen“ in Gütersloh den dritten Platz. Heribert Germeshausen, Leitender Dramaturg/Operndirektion des Anhaltischen Theaters, bot ihm die Rolle des Masaniello in Dessau an. "Ich kannte weder die Rolle noch die Oper", erzählt Diego Torre. Als er jedoch die Noten hatte, war ihm nach einer Woche klar, dass es "eine anspruchsvolle Rolle ist" und "dass ich sie singen möchte".
In weiteren zentralen Rollen sind Angelina Ruzzafante, Wiard Witholt und Eric Laporte/Oscar de la Torre zu hören. Die Oper wird in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln gezeigt.
Die musikalische Leitung liegt bei GMD Antony Hermus. Fenella, die Titelfigur, ist mit der Tänzerin Gabriella Gilardi besetzt. Erstmalig wirkt auch das Kinderballett unter der Leitung von Gabriella Gilardi an einer Inszenierung mit. Die Premiere ist am Sonn- abend, dem 24. April, um 19.30 Uhr. Die nächsten Aufführungen finden am 30. April und 2. Mai statt.
15.04.2010, 21:42 | tags:
Ballett
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
397
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 16.04.2010
Am 15. Mai in Dessau
Carmina Burana für ganz Eilige passt ins Fest-Quartett
"Wir haben noch Platz für viel mehr Leute." Ja, die Dessauer Theaterbühne ist groß und Antony Hermus weiß das. 500 Menschen, so der Generalmusikdirektor, würde man unter bekommen. Viele fehlen dafür nicht mehr. Mit Stand von Donnerstagmittag haben sich bislang 327 Sängerinnen und Sänger für das Scratch-Konzert am 15. Mai im Anhaltischen Theater angemeldet.
Mitten in das erste Elbmusikfest der Neuzeit ist dieses Scratch-Konzert eingebettet. Das Prinzip ist schnell erklärt. "80 Prozent des Ergebnisses erreichen wir in 20 Prozent der Zeit", lacht Hermus, und tatsächlich ist die Zeit knapp. Nur einen Tag Probe gesteht man den Sängern zu. Denn die Idee des Scratch-Konzertes besteht darin, mit einem Chor aus Hobby-Sängern innerhalb von 24 Stunden Carl Orffs Chorwerk "Carmina Burana" einzustudieren und das Ergebnis in einer öffentlichen Aufführung zu präsentieren.
Dass so etwas geht und dabei auch noch gut klingt, vor allem aber jede Menge Spaß macht, Mitwirkenden wie Zuhörern gleichermaßen, hat Antony Hermus schon andernorts erlebt. Drei Mal leitete er solche Scratch-Konzerte bereits in Hagen. Bis zu 450 Hagener konnte man mobilisieren, mitzumachen.
Dass dies auch in Dessau zu schaffen ist, ist Hermus zuversichtlich. Schon jetzt ist das Konzert eine Sache der gesamten Region, aus Städten ringsum sind Anmeldungen eingegangen, von Kinderchören bis zu singenden Senioren. "Man muss sich einfach rantrauen und muss gar keine ausgebildete Stimme haben", erklärt Hermus, der sich einen "Tag der genussvollen Musik" erhofft.
Er zieht auch den Hut vor den Musikern der Anhaltischen Philharmonie, denn normalerweise hätten die stets den Anspruch, ein perfektes Konzert zu spielen. Diesmal aber seien die Wagnisse weitaus größer. "Alle wissen, dass wir nur einen Tag Zeit haben, das ist ein ganz anderes Arbeiten", sagt der Dirigent, der sich auf die Energie freut, die von so vielen Sängern und dem Orchester ausgehen wird. "Wir werden erleben, was Musik ausmacht: das selbst Mitmachen."
Ohnehin ist das Elbmusikfest, das es als Fest regionaler Chöre schon einmal im 19. Jahrhundert in Dessau gab, ein Fest des Gesangs. So sind es die Wagner-Chöre des "Lohengrin" mit denen das Fest am 13. Mai beginnt. "Ich bin stolz und froh, dass das Elbmusikfest mit dieser Oper eröffnet wird", so Regisseurin Andrea Moses, die deutschlandweit für ihre politische Lesart des Stoffes von der Kritik gelobt wurde. "Wir brauchen sehr viel mehr politisches Theater, um die Leute zum Mitdenken zu ermutigen", findet Dessaus Chefregisseurin, die sich mit ihren Arbeiten auch in der Tradition von Walter Felsenstein sieht.
So wie das Elbmusikfest mit großen Chören beginnt, endet es auch am 16. Mai, allerdings mit großer französischer Choroper: "Die Stumme von Portici". Noch kennt niemand diese Aufführung, mit der sich Generalintendant André Bücker auch als Opernregisseur dem Publikum vorstellt. Die Premiere der Oper von Daniel F. E. Auber ist am 24. April. Ein "dankbares Stück für unser Sängerensemble" nennt André Bücker das Werk und freut sich über seine erste Zusammenarbeit mit Antony Hermus im Musiktheater. Mit Diego Torre habe man zudem einen hervorragenden jungen Tenor verpflichten können, der während der Probenzeit sein Debüt an der Metropolitan Opera New York in "Aida" gab.
Ohne einen Chor, dafür aber mit den Ausdrucksmitteln des Tanzes, kommt die vierte Aufführung des Elbmusikfestes aus, die das Quartett komplettiert. Am 14. Mai wird im Anhaltischen Theater das Ballett "Lulu" gezeigt, das Tomasz Kajdanski choreographierte. "Ich habe mir vorgenommen, dass unser Ballettensemble ein Gesicht bekommt", so Kajdanski. Mit "Lulu" sei dies gelungen. Die Musik für "Lulu" kommt von der Anhaltischen Philharmonie, die tatsächlich keinen Abend des Elbmusikfestes auslässt und sich ein paar aufführungsfreie Tage nach diesem verlängerten musikalischen Wochenende vor Pfingsten verdient haben dürfte.
Karten für das Elbmusikfest 2010 mit "Lohengrin" (13. Mai, 18 Uhr), "Lulu" (14. Mai, 19 Uhr), Scratch-Konzert "Carmina Burana" (15. Mai, 19 Uhr) und "Die Stumme von Portici" (16. Mai, 17 Uhr) gibt es an der Theaterkasse im Rathaus-Center, Telefon 0340 / 2 40 02 58.
14.04.2010, 14:51 | tags:
Musiktheater
393
Pressemitteilung vom 14.04.2010
Premiere „Die Stumme von Portici“ [La Muette de Portici]
Große Oper in fünf Akten. Dichtung von Eugène Scribe und Germain Delavigne
Daniel-François-Esprit Aubers Oper „Die Stumme von Portici“ [La Muette de Portici] hat am Samstag, 24. April 2010, um 19:30 Uhr Premiere im Großen Haus des Anhaltischen Theaters. Mit diesem Werk kehrt nach jahrzehntelanger Abwesenheit eine der erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts auf die Dessauer Opernbühne zurück. Generalintendant André Bücker stellt sich mit dieser Inszenierung in Dessau erstmalig als Opernregisseur vor.
In der zentralen Rolle des Masaniello gibt der dreißigjährige Tenor Diego Torre sein Europadebüt. Torre ist einer der vielversprechendsten dramatischen Tenöre seiner Generation. Diese Spielzeit debütierte er bereits an der Metropolitan Opera New York. In weiteren zentralen Rollen sind Angelina Ruzzafante, Wiard Witholt und Eric Laporte/ Oscar de la Torre zu hören. Die Oper wird in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln gezeigt. Die musikalische Leitung liegt bei GMD Antony Hermus. Fenella, die Titelfigur, ist mit der Tänzerin Gabriella Gilardi besetzt. Erstmalig wirkt auch das Kinderballett unter der Leitung von Gabriella Gilardi an einer Inszenierung mit.
Zur Handlung: Fenella, die stumme Schwester Masaniellos, wird von Alphonse, dem Sohn des Vizekönigs von Neapel, kurz vor dessen standesgemäßer Heirat mit Elvire verführt und daraufhin vom Vizekönig ohne Alphonses Wissen eingekerkert. Fenella gelingt die Flucht. Als Masaniello von der Entführung erfährt, gibt er das von seinen Anhängern lange ersehnte Zeichen für den Aufstand.
Musikalische Leitung: GMD Antony Hermus | Inszenierung: André Bücker | Bühne: Jan Steigert
Kostüme: Suse Tobisch | Dramaturgie: Heribert Germeshausen | Chor: Helmut Sonne
Mit Angelina Ruzzafante (Elvire), Diego Torre (Masaniello), Gabriella Gilardi (Fenella), Eric Laporte/ Oscar de la Torre (Alphonse), Wiard Witholt (Pietro), Angus Wood (Lorenzo), Ulf Paulsen (Selva) u.a.
Premiere am 24.04.2010 um 19:30, Großes Haus
Weitere Vorstellungen am 30.04.2010, 19:30 Uhr | 02.05.2010, 17 Uhr | 16.05.2010, 17 Uhr | 22.05.2010, 17 Uhr | 04.06.19:30 Uhr.
08.04.2010, 15:00 | tags:
Musiktheater
385
Pressemitteilung vom 08.04.2010
Matinee zur Premiere „Die Stumme von Portici“ [La Muette de Portici]
Vor der Premiere der Oper „Die Stumme von Portici“ [La Muette de Portici] lädt das Anhaltische Theater Dessau zu einer Matinee am Sonntag, d. 11. April um 10:30 Uhr ins Foyer des Großen Hauses ein. Mit »Die Stumme von Portici« kehrt nach jahrzehntelanger Abwesenheit eine der
erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts auf die Dessauer Opernbühne zurück.
„Die Stumme von Portici“ gilt als die erste Grand Opéra mit allen typischen Merkmalen
dieser Gattung: Eine tragische Liebesgeschichte in historischem Umfeld,
Massenszenen mit großem Aufwand von Maschinerie, Bühnenbild und Kostüm.
Neben dem Inszenierungsteam (André Bücker/ Regie, GMD Antony Hermus/ Musikalische Leitung und Heribert Germeshausen/ Leitender Dramaturg Musiktheater/ Operndirektion), das einen Einblick in den Entstehungsprozess der Inszenierung geben wird, werden die Solisten Diego Torre, Oscar de la Torre, Angelina Ruzzafante, Wiard Witholt Ausschnitte aus der Oper vorstellen. Hintergründiges und Wissenswertes zum Werk wird ebenso geliefert wie Details zur Umsetzung und Interpretation durch die Inszenierung.
Moderiert wird die Matinee von Heribert Germeshausen. Wolfgang Kluge am Klavier und Myra van Campen-Bálint/ 1. Konzertmeisterin werden die Solisten musikalisch begleiten.
Für den Eintritt wird ein Obulus von 3,- € erhoben, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf den Kartenpreis angerechnet wird.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Abendkasse und unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de.
30.03.2010, 15:31 | tags:
Musiktheater
379
Pressemitteilung vom 30.03.2010
Freundschaft siegt
Wiederaufnahme der Kinderoper Brundibár
Die Kinderoper Brundibár ist noch einmal am Sonntag, 11. April um 10 und 12 Uhr und am Montag, 12. April um 9 und 11 Uhr im Alten Theater zu erleben. Die Kinder Aninka und Pepícek müssen erfinderisch sein, um das Milchgeld zu verdienen. Der hartherzige Leierkastenmann Brundibár verjagt die beiden. Mit Hilfe der Tiere gelingt es ihnen schließlich, sich mit anderen Kindern gegen Brundibár zu verbünden. Die Kinder feiern ihren Sieg mit einem Chor der Freundschaft und des Zueinanderstehns. Es spielen und singen in der Inszenierung von Jana Eimer die Kinder des Kinderchors des Anhaltischen Theaters unter der Leitung von Dorislava Kuntscheva und die Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie, Musikalische Leitung: Stefan Neubert.
Tickets und Informationen erhalten Sie an der Abendkasse und an der Theaterkasse im Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr sowie über
die Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr |
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
29.03.2010, 13:20 | tags:
Musiktheater
377
26.03.2010, 15:15 | tags:
Musiktheater
370
Pressemitteilung vom 26.03.2010
Cornelia Marschall feiert mit „Anne Frank“ 10-jähriges Bühnenjubiläum
Am Karfreitag, den 2. April zeigt das Anhaltische Theater „Das Tagebuch der Anne Frank“ um 19:30 Uhr im Studio des Alten Theaters.
In der Mono-Oper von Grigori Frid stellt die Sopranistin Cornelia Marschall das Schicksal des jungen Mädchens und ihre Persönlichkeitsentwicklung zur jungen Frau eindrucksvoll dar. Annes Gedanken, ihre Angst, die aufkeimende Liebe zu Peter, die Hoffnung auf Freiheit und Menschlichkeit, all das findet Ausdruck auch in der Musik, ohne dabei Annes Sinn für Situationskomik, ihre Freude und Zuversicht zu vergessen. Cornelia Marschall feiert in diesem Jahr ihr 10-jähriges Bühnenjubiläum. Nach Engagements in Halle (Oper und Händel-Festspiele), in Magdeburg (Oper und Magdeburger Telemann-Festtage), in Berlin (Komische Oper, Staatsoper unter den Linden) ist sie seit der Spielzeit 2006/07 fest am Anhaltischen Theater Dessau engagiert.
26.03.2010, 15:09 | tags:
Musiktheater
368
Pressemitteilung vom 26.03.2010
Ostern in die Oper
Im Anhaltischen Theater sind am Ostersamstag "Lohengrin" und am Ostersonntag die italienische Operngala "Serata di Gala" jeweils um 17 Uhr zu erleben.
Andrea Moses verlegt die Handlung des Lohengrins in das Parlament einer heutigen Hauptstadt. Ihre Inszenierung als aktueller Politkrimi erlang deutschlandweit Beachtung.
Bei der Operngala am Ostersonntag erklingen neben Ausschnitten aus bekannten italienischen Opern wie "La Traviata", "Tosca" und "La Bohéme" auch Raritäten aus Leoncavallos "Zazá". Dieser Konzertabend zeigt, wie leidenschaftlich und lebendig Oper auch 400 Jahre nach Entstehen der Gattung sein kann.
Unter der musikalischen Leitung des Generalmusikdirektors Antony Hermus wirken als Solisten mit Iordanka Derilova, Cornelia Marschall, Angelina Ruzzafante, Kostadin Arguirov, Andrew Sritheran, Ulf Paulsen, Wiard Witholt und Angus Wood. Heribert Germeshausen / Leitender Dramaturg Musiktheater/ Operndirektion wird den Abend moderieren.
26.03.2010, 14:01 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
367
23.03.2010, 14:34 | tags:
Ballett
, Schauspiel
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
361
Pressemitteilung vom 23.03.2010
Zum Osterspezialpreis ins Theater
Das Anhaltische Theater bietet zu Ostern drei Stücke zum Spezial Preis von jeweils 8,- Euro an.
Am Dienstag und Mittwoch, den 30. und 31. März, um 19.30 Uhr wird im Alten Theater das Schauspiel von Einar Schleef „Abschlussfeier“ in der Regie von Armin Petras aufgeführt. Das Stück nimmt die Zuschauer mit in eine DDR-Jugendherberge am Ende der 70er Jahre. Die Inszenierung entstand als Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin.
Ballett gibt es auf der Bauhausbühne zu sehen am Karfreitag, Ostersamstag und -sonntag. Tänzer und Tänzerinnen des Anhaltischen Theaters präsentieren mit „Hermes in der Stadt“ erstmals eigene Choreographien, acht kurze und kraftvolle Szenen in einer Koproduktion mit der Stiftung Bauhaus Dessau. Inspiration hierfür waren die Texte von Lothar Trolle, der am 2. April für Gespräche mit dem Publikum anwesend sein wird. Moderiert wird das Gespräch von Andreas Hillger, Kulturredakteur der Mitteldeutschen Zeitung.
Mit „Candide“, Regie Cordula Däuper, wird am Ostermontag im Großen Haus Leonard Bernsteins kühnste Schöpfung für die Musiktheaterbühne gezeigt, eine Mischung aus Musical, klassischer Operette und komischer Oper. Die Vorstellung beginnt um 17 Uhr.
Tickets zu 8,- Euro erhalten Sie ab sofort über:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
22.03.2010, 15:12 | tags:
Ballett
, Schauspiel
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
358
Pressemitteilung vom 22.03.2010
Theaterwelten - Festliche Konzertgala zum Welttheatertag
Am 27. März 2010 findet im Anhaltischen Theater um 19.30 Uhr eine Festliche Konzertgala unter dem Motto „Theaterwelten“ statt. Seit 1961 ist dieser Tag vom Internationalen Theaterinstitut der UNESCO zum Welttag des Theaters ausgerufen.
Alle vier Sparten des Anhaltischen Theaters (Musiktheater, Ballett, Schauspiel und die Philharmonie) nehmen ihr Publikum mit auf eine unterhaltsame Reise durch verschiedene Länder dieser Erde und zeigen die große Vielfalt ihres künstlerischen Spektrums. Unterwegs erklingt unter anderem Musik von Wagner, Dvorák, Elgar, Offenbach, Strauß, Abraham, Weill. Der musikalische Reiseleiter heißt Generalmusikdirektor Antony Hermus, der Moderator Thorsten Köhler.
Als Solisten wirken mit: Angelina Ruzzafante, Ulf Paulsen, Andrew Sritheran, Angus Wood Jan Kersjes, Matthieu Svetchine und Karl Thiele.
Die Initiative „Land braucht Stadt“ hat zu einer großen Demonstration gegen die Sparpläne der Stadt Dessau aufgerufen. Diese beginnt am Welttheatertag um 15 Uhr am Tierpark und endet vor dem Anhaltischen Theater, wo weitere sportliche und kulturelle Aktionen geplant sind.
13.03.2010, 16:50 | tags:
Musiktheater
, Kurt-Weill-Fest
344
Manuel Brug, Die Welt, 13.03.2010
Weill-Fest Dessau: Die Liebesgöttin im Vorgarten
Zunächst wurde sie von der Mary Martin, Larry Hagmans Mutter am Broadway geboren.Das war 1943.Im (schlechten) Hollywood-Film spielte sie Ava Gardner. Und nun ist die Titelfigur von Kurt Weills erfolgreichsten Musical "One Touch of Venus" anlässlich des dortigen Weill-Festivals im Anhaltischen Theater Dessau gelandet.
Zunächst wurde sie von der Mary Martin, Larry Hagmans Mutter am Broadway geboren. Das war 1943. Im (schlechten) Hollywood-Film spielte sie Ava Gardner. Und nun ist die Titelfigur von Kurt Weills erfolgreichsten Musical "One Touch of Venus" anlässlich des dortigen Weill-Festivals im Anhaltischen Theater Dessau gelandet. Etwas altmodisch aufgerüscht, aber das geht schon wieder als liebevolle Broadway-Nostalgie durch. Obwohl doch gleich zu Anfang die Parole ausgegeben wird: "New Art is True Art".
Das freilich sieht die mit Argusaugen über die Werktreue wachende Weill-Foundation natürlich anders. So hat man dieser immerhin eine flotte neue Übersetzung untergeschmuggelt, die berühmten, längst ein Repertoireeigenleben führenden Songs wie "Speak low" oder "Folish Heart" blieben sprachlich unangetastet. Regisseur Klaus Seiffert belässt die nette Geschichte vom Kunstsammler, dessen Venusstatue lebendig wird und sich musiktheaterüblich ausgerechnet in einen Figaro verliebt, im Zeitgeist ihres Geburtsjahrs. Da tuffen sich blonde Löckchen auf den Damenköpfen, wird klickerig gesteppt (Choreografie: Mario Mariano) und glitzert es immer wieder verschämt in sonst strengen Bauhaus-Ambiente der Drehbühne, wo Imme Kachel, Kunstsalon, Frisörstudio und Gefängnis rotieren lässt.
Die verliebte Venus (ein wenig gipsern: Ute Gfrerer) glaubt allen Ernstes, sie könnte sich als irdisches, wenn auch noch nicht desperates Housewife in einen US-Vorgarten verpflanzen lassen, und noch dazu mit einem hübsch armlosen, ihr endlich mal keinen heldenmäßigen Ärger machenden Coiffeur (den Angus Wood ebenfalls hübsch harmlos gibt). In einer von diversen großformatigen Balletteinlagen holen sie freilich die bocksbeinigen wie flügelhelmigen himmlischen Heerscharen heim auf den Olymp.
Am schwer gefährdeten Dessau Theater wird für Weill groß aufgefahren. Das Orchester unter James Holmes macht ordentlich Dampf, die knackigen Chargen wie Ulf Paulsens bilderverrückter Millionär, seine patente Sekretärin Ulrike Mayer und Rodneys kreischige Verlobte Kristina Baran legen sich kess ins Zeug. So verbreitet diese ansehnliche "Venus" mehr als nur einen Hauch Musical. Beim nächsten Weill-Fest soll es mit der "Der Protagonist" wieder klassenkämpferischer zugehen. Und dann ist der französische Exil-Kurt dran.
Termine: 13., 19. März, 8. April; Karten: (0340) 25 11 333
13.03.2010, 11:25 | tags:
Musiktheater
343
Manuel Brug, Die Welt, 13.03.2010
Weill-Fest Dessau: Die Liebesgöttin im Vorgarten
Zunächst wurde sie von der Mary Martin, Larry Hagmans Mutter am Broadway geboren.Das war 1943.Im (schlechten) Hollywood-Film spielte sie Ava Gardner. Und nun ist die Titelfigur von Kurt Weills erfolgreichsten Musical "One Touch of Venus" anlässlich des dortigen Weill-Festivals im Anhaltischen Theater Dessau gelandet.
Zunächst wurde sie von der Mary Martin, Larry Hagmans Mutter am Broadway geboren. Das war 1943. Im (schlechten) Hollywood-Film spielte sie Ava Gardner. Und nun ist die Titelfigur von Kurt Weills erfolgreichsten Musical "One Touch of Venus" anlässlich des dortigen Weill-Festivals im Anhaltischen Theater Dessau gelandet. Etwas altmodisch aufgerüscht, aber das geht schon wieder als liebevolle Broadway-Nostalgie durch. Obwohl doch gleich zu Anfang die Parole ausgegeben wird: "New Art is True Art".
Das freilich sieht die mit Argusaugen über die Werktreue wachende Weill-Foundation natürlich anders. So hat man dieser immerhin eine flotte neue Übersetzung untergeschmuggelt, die berühmten, längst ein Repertoireeigenleben führenden Songs wie "Speak low" oder "Folish Heart" blieben sprachlich unangetastet. Regisseur Klaus Seiffert belässt die nette Geschichte vom Kunstsammler, dessen Venusstatue lebendig wird und sich musiktheaterüblich ausgerechnet in einen Figaro verliebt, im Zeitgeist ihres Geburtsjahrs. Da tuffen sich blonde Löckchen auf den Damenköpfen, wird klickerig gesteppt (Choreografie: Mario Mariano) und glitzert es immer wieder verschämt in sonst strengen Bauhaus-Ambiente der Drehbühne, wo Imme Kachel, Kunstsalon, Frisörstudio und Gefängnis rotieren lässt.
Die verliebte Venus (ein wenig gipsern: Ute Gfrerer) glaubt allen Ernstes, sie könnte sich als irdisches, wenn auch noch nicht desperates Housewife in einen US-Vorgarten verpflanzen lassen, und noch dazu mit einem hübsch armlosen, ihr endlich mal keinen heldenmäßigen Ärger machenden Coiffeur (den Angus Wood ebenfalls hübsch harmlos gibt). In einer von diversen großformatigen Balletteinlagen holen sie freilich die bocksbeinigen wie flügelhelmigen himmlischen Heerscharen heim auf den Olymp.
Am schwer gefährdeten Dessau Theater wird für Weill groß aufgefahren. Das Orchester unter James Holmes macht ordentlich Dampf, die knackigen Chargen wie Ulf Paulsens bilderverrückter Millionär, seine patente Sekretärin Ulrike Mayer und Rodneys kreischige Verlobte Kristina Baran legen sich kess ins Zeug. So verbreitet diese ansehnliche "Venus" mehr als nur einen Hauch Musical. Beim nächsten Weill-Fest soll es mit der "Der Protagonist" wieder klassenkämpferischer zugehen. Und dann ist der französische Exil-Kurt dran.
09.03.2010, 20:21 | tags:
Musiktheater
, Kurt-Weill-Fest
335
Helmut Rohm, Volksstimme, 09.03.2010
Kurt-Weill-Musical begeistert am Anhaltischen Theater Dessau
Ein Hauch von Venus und mehr als nur ein Hauch von Broadway
Dessau-Roßlau. Weit mehr als nur einen Hauch von Broadway bringt " One Touch of Venus " ( Ein Hauch von Venus ) auf die Bühne des Anhaltischen Theaters Dessau. Die Inszenierung des lange nicht in Deutschland aufgeführten erfolgreichsten Broadway-Musicals von Kurt Weill ( Buch Sidney Joseph Perelman und Ogden Nash, Uraufführung 1943 ) war wohl der Höhepunkt des 18. Kurt-Weill-Festivals. Wie die Premiere am Freitag war auch die zweite Aufführung am Sonnabend ausverkauft.
Eine mehr unbedachte Handlung des Friseurs Rodney Hatch löst eine turbulente Geschichte aus. Er steckt den Verlobungsring, der eigentlich seiner Gloria gebührt, einer Statue auf den Finger. Donner, Lichteffekte, Zauber : Die Statue erwacht zum Leben. Es ist die über 3000 Jahre alte, aus Anatolien stammende Figur der Venus. Göttliche Verhaltensauffassungen von vor Jahrtausenden treffen auf die facettenreichen der Heutezeit ...
Die Dessauer Aufführung in Kooperation des Anhaltischen Theaters und des Kurt-Weill-Festes, gefördert von der Kurt Weill Foundation for Music New York, wurde von Klaus Seiffert inszeniert.
Kurzweilig und unterhaltend
Gewiss ist " One Touch of Venus " zeitkritisch, geißelt mit satirisch-humorvollen Blicken kleinbürgerliche Lebensweisen ebenso wie überhebliche Großspurigkeit. Das Musical ist aber vor allem ungemein kurzweilig und unterhaltend. Ein tragendes Moment ist Weills Musik in ihrer verblüffenden Vielfalt. Das Publikum war vom ersten Ton des Vorspiels an fasziniert in deren Bann gezogen.
Die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von James Holmes präsentiert die motivreichen und auf Tanzrhythmen der 1920 er Jahre basierenden Melodien mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit und vielen effektvollen Nuancen.
Songtexte und Kompositionen wie Swing, Tango, Rumba, Boogie, auch Walzer verschmolzen ausdrucksstark miteinander. Überhaupt ist ein stimmiges Miteinander im Ensemble insgesamt wohl das Geheimnis des Dessauer Erfolges. Die Anhaltische Philharmonie, die Gesangssolisten, der Dessauer Opernchor, teils auch mit solistischen Partien und die Dessauer Ballettcompagnie gestalten dieses Musical in begeisternder Broadway-Manier. Unterstützt werden sie von Gastsolisten sowie Studenten der Universität der Künste Berlin. Die ideenreich genutzte, vielfältige Bühnentechnik ( Bühne und Kostüme Imme Kachel ) ermöglicht wahre Showacts.
Angus Wood ( Hatch ) in seiner liebevollen Unbedarftheit und Ute Gfrerer ( Venus ) mit göttlicher Bestimmtheit, beide mit letztendlich trennenden Liebesauffassungen, sind fantastisch in Spiel und Gesang. Nicht minder souverän, als Figur zwischen geckenhaft und machtverliebt, brilliert Ulf Paulsen als Kunstsammler und Millionär Whitelaw Savory. Ihm zur Seite, mehr mit souveränem Durchblick, agiert Ulrike Mayer als Savorys Sekretärin.
Überhaupt treten viele verschiedene, trefflich gezeichnete Charaktere auf. Die knapp 20 einfühlsamen Songs lassen die Gäste am Gefühlsleben der Akteure Anteil nehmen. Darunter das dem Kurt-Weill-Fest 2010 das Motto gebende " New Art is True Art " sowie das zum Hit gewordene " Speak Low ".
" One Touch of Venus " wird im Spielplan des Anhaltischen Theaters bleiben. Die Rolle der Venus übernimmt Ulrike Mayer. Am Pult der Anhaltischen Philharmonie Dessau wird deren stellvertretender GMD Daniel Carlberg stehen.
Die nächsten Aufführungen sind am dem 13. März um 17 Uhr und am 19. März um 19. 30 Uhr.
08.03.2010, 11:26 | tags:
Musiktheater
329
Dr. Kevin Clarke, http://magazin.klassik.com/konzerte/reviews.cfm?TASK=review, 06.03.2010
Dessau > Anhaltisches Theater - 05.03.2010
Amerikanischer Weill wird neu präsentiert > Ute Gfrerer als Titelheldin
'Speak Low When You Speak Love'
Soviel gleich vorweg: Kurt Weills Broadwaymusical 'One Touch of Venus', 1943 uraufgeführt mit Superstar Mary Martin als sexy Titelheldin (in einer Produktion von Hollywood-Legende Elia Kazan) war ein Riesenhit. Mehr noch, es war das erfolgreichste Musical Weills überhaupt, das es auf 567 En suite-Vorstellungen in New York brachte, anschließend mit Ava Gardner verfilmt wurde und einige der wunderbarsten Weill-Nummern überhaupt enthält: das verführerische 'Speak Low (When You Speak Love)', den rauschenden Walzer 'Foolish Heart', das freche 'I'm a Stranger Here Myself', die Comedy Nummern 'The Trouble with Women' und 'Way Out West (in Jersey)' und natürlich den bewegenden 'West Wind'. Ganz zu schweigen von zwei grandiosen Ballettsequenzen, die ursprünglich von Agnes de Mille choreographiert wurden, 'Forty Minutes for Lunch' über das betriebsame Chaos in Manhattan zur Mittagspausenzeit, in das Venus unverhofft stürzt, und 'Venus in Ozone Hights', wo der Titelheldin die Freuden des Unteren-Mittelklasse-Lebens nahe gebracht werden sollen – woraufhin sie sich verständlicherweise entschließt, doch lieber eine göttliche Statue zu bleiben.
Das Werk – mit einem Textbuch von S. J. Perelman und Ogden Nash, der auch die witzigen Liedtexte schrieb – spielt geschickt mit der bekannten Story der Statue, die zu neuem Leben erweckt wird (à la 'Schöne Galathée' bzw. 'Pygmalion') und mischt sie mit modernen Elementen à la ‚Sex and the City’. Während 'Venus' im anglo-amerikanischen Raum ein etablierter Klassiker ist, der regelmäßig gespielt wird (zuletzt u.a. bei Opera North in England), ist das Stück in Deutschland fast unbekannt, weil ja – laut herkömmlicher Meinung einiger angeblicher Fachleute – Weill sich nach dem Weggang aus Deutschland 1933 an den amerikanischen Kommerz verkauft habe und Musicals sowieso nichts taugten. Nun, die anglo-amerikanische Theaterwelt und Theater- bzw. Musikwissenschaft denkt da anders drüber (Gott sei Dank). Und erfreulicherweise die Intendanz des Anhaltischen Theaters Dessau auch, die 'One Touch of Venus' nun in Koproduktion mit dem Kurt-Weill-Fest der Stadt auf den Spielplan setzte. Soweit, so wunderbar.
Denn das Haus hat ein ausreichend großes Orchester, das man für Weills geniale Instrumentation braucht, es hat ein Ballett, was man für 'Venus' ebenfalls braucht. Und Dank der Unterstützung des Weill-Fests und der Weill Foundation konnten auch Gäste eingekauft werden für die Produktion, die ‚Erfahrung’ mit Musical und dem Stück haben. Darauf hatte, nebenbei bemerkt, die Weill Foundation in New York auch bestanden bei Vergabe der Aufführungsrechte. Es wurde sogar eine Repräsentantin nach Dessau geschickt, um die ‚Werktreue’ zu überprüfen.
High School Aufführung
Extrem unglücklicherweise sind durch die vielen Einschränkungen und Kontroll-Momente der Foundation in New York scheinbar alle innovativen Kräfte, die das Theater in Dessau sonst so schätzenswert machen, erlahmt. Und statt der famosen Hausregisseurin Andrea Moses, die kürzlich mit einem funkensprühenden 'Lohengrin' so beeindruckte, übergab man die Regie an Klaus Seiffert. Der ist zwar privat ein äußerst sympathischer Zeitgenosse, hat auch viel persönliche Erfahrung mit Musicals als Darsteller, aber seine Herangehensweise an die Kunstform ist – wirklich sehr zurückhaltend formuliert – derart bieder, dass diese kesse Geschlechterkomödie mit den vielen immer noch aktuellen Themen älter wirkt, als die 3000 Jahre alte ‚Anatolische Venus’, um die es geht. Das Bühnenbild wirkt, als wäre es Originalentwürfen von 1943 nachempfunden, ebenso die Kostüme. Nur: Was 1943 bei Mary Martin & Co. gut und schick aussah, das sieht hier einfallslos kopiert bei Ute Gfrerer als Venus und Angus Wood als Friseur Rodney Hatch aus. Von Glamour keine Spur. Kein Vergleich etwa mit Jerry Zaks’ Broadway-Neufassung von 'Guys and Dolls', die ebenfalls in einem 40er Jahre Ambiente spielen, aber das Vorbild auf viel brillantere Weise ins Heute übersetzen. So eine Übersetzung findet in Dessau nicht statt (Kostüme und Bühne: Imme Kachel), so dass die Produktion größtenteils aussieht wie eine High School Aufführung in Ozone Hights (um im Bezugsrahmen des Stücks zu bleiben). Das ist tragisch, weil dadurch viele der tollen Stellen des Stücks einfach im Leeren verpuffen: die Szenen, in denen es um Moderne Kunst geht, die Verbindung der antiken Welt der Götter (lächerlich banal umherhüpfend: das Ballettensemble des Anhaltischen Theaters in der Choreographie von Mario Mariano) mit den Gegenwart usw. usf. Nur einmal findet die Inszenierung zu wirklich packenden Bildern und Gesten, nämlich für die 'Ozone Hights'-Nummer, die ganz stilisiert getanzt wird – von den Studenten des Studiengangs Musical der Universität der Künste. Wenn die nicht gerade dazu verdonnert sind, dumm in der Gegend herum zu stehen (wie in der Eröffnungsszene), dann sind sie die eigentlichen Stars dieser Produktion, denn sie tanzen und singen so, wie ich das bei einem klassischen Broadwaymusical erwarte: mit Klasse und Leidenschaft und Witz und Sexappeal.
Schach matt
Wieso das Haus diese Studenten – von denen einige kürzlich den Bundeswettbewerb Gesang gewonnen haben – nicht für die Hauptrollen genommen hat, wo sie doch sowieso schon engagiert sind, ist mir ein Rätsel (Johanna Spantzel, Jörn Felix Alt, Maximilian Mann z.B. wären ein fabelhaftes Trio für 'Venus' gewesen). Immerhin: Haus-Heldenbariton Ulf Paulsen als Kunstsammler Whitelaw Savory schlägt sich wacker und mit Spaß an der Rolle, ist aber als Charakter nicht wirklich glaubhaft. Das gilt auch für den lyrischen Tenor Angus Wood aus Australien. Zwar produziert der etliche schöne Töne (besonders in 'Speak Low'), aber das Musicalidiom liegt ihm grundsätzlich nicht in der Stimme, stilistisch gesprochen. Ute Gfrerer als Venus trifft den Weill-Tonfall zwar in den musikalischen Nummern hervorragend (teils so, als sei sie eine 1:1 Kopie von Mary Martin), aber sie sieht in ihrer Kostümierung viel zu alt(backen) aus für einen antiken Vamp, dem die Männer reihenweise und seit Jahrtausenden zu Füßen liegen. Und sie ist viel zu steif. Das Verblüffende: Als ich Gfrerer nach der Vorstellung privat erlebte, erschrak ich, weil sie in Echt so viel besser aussieht und wie eine so viel quirligere Persönlichkeit hat als auf der Bühne in dieser Inszenierung. Wie konnte die Regie diese übersprudelnde Künstlerin nur derart Schach-matt setzen?
Immerhin war Gfrerer genauso wie der Dirigent der ausdrückliche Wunsch der Weill Foundation, die sonst die Aufführungsrechte nicht nach Dessau vergeben hätten. James Holmes ist der Mann, der 'Venus' bereits bei der (erfolgreichen) Opera North Produktion geleitet hat; insofern ist es verständlich, dass die Foundation ‚auf Nummer Sicher’ gehen und das Stück in erfahrene Hände legen wollte, wo Musicals in Deutschland gern unter Leitung von Dritten Kapellmeistern die schlimmsten aller Martertode erleiden. Aber: Holmes ist ganz sicher kein begnadeter Weill-Interpret. Man hört aus dem Orchestergaben fast nur Partykeller-artiges Schlagzeug, was auch schon bei den Opera North-Aufführungen der Fall war, also nichts mit dem Können des Orchesters in Dessau zu tun hat. Die brillanten Instrumentationsdetails, die wunderbar eingesetzten opulenten Streicher (hier auf ausdrücklichen Wunsch Holmes’ reduziert auf ein Minimum!), all das klingt in Dessau einfach billig. Jedenfalls weit entfernt vom polierten Weill Sound, den man beispielsweise auf der CD mit dem Original Broadway Cast hören kann, wo übrigens das Schlagwerk niemals (!) in den Vordergrund tritt.
Mehr Vertrauen
Dennoch großer Applaus vom Publikum, vermutlich auch, weil viele in Deutschland sich Musical als Kunstform genauso altbacken vorstellen, wie hier dargeboten, als Pendant zu André Rieu sozusagen. Dagegen ist nichts einzuwenden, und meine Begleitung an dem Abend in Dessau fand die Aufführung auch ‚sehr ansprechend’ (‚nur manchmal ein bisschen zäh’). Für mich war es eine vergeudete Chance, den ‚Amerikanischen Weill’ in Deutschland mit einem Splash neu zur Diskussion zu stellen und damit vielleicht auch fürs hiesige Repertoire neu zu gewinnen. Stattdessen wurden in Dessau nur alle Vorbehalte, die viele ohnehin schon gegen Broadwaymusicals haben, aufs schlimmste (und unnötigste) bestätigt. Leider.
Vielleicht lohnt es, die Produktion nach Ablauf des Weill-Fests nochmals zu sehen, wenn Ulrike Mayer die Venus übernimmt, statt wie bei der Premiere eine schauspielerisch und stimmlich sehr präsente Privatsekretärin Molly Grant zu sein? Ab der dritten Vorstellung dirigiert auch Kapellmeister Daniel Carlberg, der schon 'Candide' schmissig präsentierte und somit Hoffnungen weckt, dass sein Weill besser klingen könnte, als der des Gastes aus England. Unbedingt erwähnt werden muss noch, dass es eine Darstellerin gab, die allen anderen die Show stahl und schlichtweg umwerfend war: Kristina Baran als Verlobte-des-Friseurs, Gloria Kramer. Wie sie diese blonde Zicke spielte, war es zum Schreien komisch, sie sang toll und war für mich die Entdeckung des Abends. Neben den Musicalstudenten D.h., in Dessau wäre durchaus das Potenzial vorhanden, um eine famose ‚Venus’ auf die Bühne zu stellen. Man hätte sich nur trauen müssen. Und die Kurt Weill Foundation hätte etwas mehr Vertrauen in die kreativen Eigenkräfte des Hauses haben sollen. Andrea Moses, bitte übernehmen Sie das nächste Mal!
07.03.2010, 20:54 | tags:
Musiktheater
, Kurt-Weill-Fest
326
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 08.03.2010
Liebesgrüße aus dem Olymp
Anhaltisches Theater in Dessau-Roßlau bietet mit «One Touch of Venus» eine glanzvolle Musical-Inszenierung
Es ist ein Museum, in dem man lauter gute Bekannte trifft - und darunter sogar ein paar alte Dessauer: Neben Picasso und Miró nämlich dienen auch die Bauhäusler Klee und Kandinsky dem Kunstsammler Whitelaw Savory zum Beweis seiner These "New Art is True Art", die er der Jugend mit agitatorischer Ungeduld eintrichtern will. Dass er in das Zentrum seiner Sammlung dann aber doch eine 3 000 Jahre alte Statue stellt, dient weniger der Wahrheitsfindung als der Nostalgie: Sie erinnert ihn an eine verlorene Liebe, der ein Hauch von Venus anhaftete.
Überfällige Punktlandung
Es war eine längst überfällige Punktlandung, die das Anhaltische Theater dem Kurt-Weill-Fest in diesem Jahr bescherte: Mit dem 1943 uraufgeführten Broadway-Musical "One Touch of Venus" kam Weills erfolgreichstes amerikanisches Stück endlich in seiner Geburtsstadt an - und wurde mit jener konservatorischen Sorgfalt behandelt, die sich die New Yorker Weill-Foundation für das Erbe des Meisters wünscht. Dass ausgerechnet dieses Stück über weite Strecken in einer Galerie der klassischen Moderne spielt und auch den respektlosen Umgang mit unersetzlichem Kunstgut zeigt - wer wollte das nicht als versteckten Kommentar auf Diskussionen verstehen, die vor Ort lange geführt wurden? Nun aber stecken Regisseur Klaus Seiffert und Dirigent James Holmes der Weill-Statue den Ring auf den Finger - und sie erwacht zum Leben!
Genau so weckt der Friseur Rodney Hatch die Göttin der Liebe aus ihrem Marmor-Schlaf - und holt sich damit einen Plagegeist von olympischer Hartnäckigkeit auf den Hals. Nicht nur seine Verlobte Gloria, für die das Schmuckstück eigentlich bestimmt war, wird durch die Begegnung mit dieser Extremistin des Begehrens zeitweise außer Gefecht gesetzt. Auch dem Sammler Savory und Hatch selbst drohen von einer anatolischen Untergrundorganisation tödliche Konsequenzen .
Natürlich ist diese "Pygmalion"-Adaption in ihren Dialogen gelegentlich von rührender Harmlosigkeit, der Gipfel des Frivolen bleibt der Vergleich zwischen einer schluchzenden Geige und einer quietschenden Bettfeder. Und so tut Ausstatterin Imme Kachel gut daran, den Zeitgeist zu beschwören: Im New-Style-Dekor des Greyhound-Busbahnhofs und des Bloomingdale's-Kaufhauses begegnen sich Eisverkäufer und Ladenmädchen, Geschäftsmänner und Gattinnen - und gelegentlich mischen sich einige schräge Village People unter das Volk.
Schwungvolle Straßenszenen
Choreograf Mario Mariano führt das um Berliner Musical-Studenten verstärkte Ballett des Dessauer Theaters zu schwungvollen Straßenszenen und in das genormte Glück von "Ozone Heights" - und steuert Intermezzi bei, in der sich all die antiken Alphatierchen begegnen und begehren: Amor und Artemis, Ares und Athene. Aus ihrer Mitte stammt die schaumgeborene Aphrodite, die für ihr irdisches Intermezzo das römische Pseudonym Venus gewählt hat. Ute Gferer gibt der Figur die statuarische Würde der Göttin und die biegsame Hingabe der Liebenden, das weise "Speak Low" ist bei ihr so gut aufgehoben wie das schmachtende "Foolish Heart" oder das übermütige "That's Him".
Angus Wood präsentiert seinen Hatch mit treuherziger Naivität und einem eher glänzenden als stechenden Tenor, der auch im Kontrast zu Ulf Paulsens - bei "West Wind" schier unerschöpflicher - Stimmkraft als Savory überzeugt. Ein Star aber ist Ulrike Mayers Molly Grant - ein glamouröses Material Girl in "Very, very, very" und eine intelligente Spielmacherin mit ironischer Distanz. Dass man auch kleinere Rollen wie den Privatdetektiv Taxi Black (David Ameln) und seinen Assistenten Stanley (Jan-Pieter Fuhr), vor allem aber die quietschblonde Gloria (Kristina Baran) mit hauseigenen Kräften adäquat besetzen konnte, dürfte die Gäste aus New York von der Dessauer Eignung für das Broadway-Fach überzeugt haben - ebenso wie die individuell geführte Leistung des Chores (Leitung: Helmut Sonne) und die scharfe Geschmeidigkeit der sparsam besetzten Anhaltischen Philharmonie.
Dass die Verjüngung durch die Universität der Künste selbst einer "Venus" ein paar Falten glätten kann, steht außer Frage. Und wenn es jetzt im Programm oder über der Bühne noch eine Handreichung zu den englischen Songs gäbe - dann wäre das Glück wohl auch für den Nicht-Weillianer perfekt.
Nächste Vorstellungen: 13. März, 17 Uhr; 19. März, 19.30 Uhr
07.03.2010, 17:25 | tags:
Musiktheater
324
Axel Göritz, http://www.opernnetz.de/seiten/rezensionen/dess_venus.htm, 06.03.2010
Alles hat (wieder) seine Ordnung
Am Broadway feierte der Dessauer Emigrant einen Erfolg nach dem anderen. Doch hierzulande ist und bleibt Kurt Weill mit seiner Dreigroschenoper und allenfalls Mahagonny verbunden. Seine Musicals, die er nach der Flucht vor den Nazis in London und vor allem in New York schuf, fristen in seinem Heimatland ein kümmerliches Schattendasein. So kam One Touch of Venus nach der Uraufführung 1943 auf über 500 Vorstellungen, die deutsche Erstaufführung gab es erst 1994 in Meiningen. Anlässlich des Kurt Weill Musikfestes feierte seine Heimatstadt den Komponisten nun mit einer Neu-Inszenierung von One Touch of Venus im Opernhaus. Mit großem Erfolg, wenn auch zwiespältigem Ergebnis.
Das Grundgerüst der Handlung ist schnell erzählt: Der Millionär und Kunstsammler Savory begeistert sich gerade an einer frisch erworbenen antiken Venus-Statue. Als sein Friseur Rodney in einem unbeachteten Augenblick der steinernen Schönheit den für seine Verlobte Gloria gedachten Ring an den Finger steckt, erwacht diese zum Leben und verliebt sich sofort in den Barbier. Es folgt ein buntes Intrigen-, Kriminal- und Liebesspiel, in dessen Verlauf auf der Suche nach der verschwundenen Statue Detektive angeheuert werden, der Friseur erst an seiner Verlobten festhält, sie schließlich fallen lässt, mit Venus, die ihn immer mehr anhimmelt, im Gefängnis landet, wieder freikommt, sich schließlich doch in Venus verliebt - bis dieser dann dämmert, dass eine spießbürgerliche eheliche Zweisamkeit mit dem durch und durch geradlinig treu tumben Friseur doch nicht das ist, was sie sich unter menschlichem Liebes-Leben vorstellt. Also wird sie wieder Göttin, verwandelt sich zurück in die steinerne Venus auf dem Podest beim Kunstsammler, alles hat wieder seine Ordnung und dem Friseur läuft just eine Kunststudentin über den Weg, die aufs Haar seiner verschwundenen Venus gleicht.... Happy End.
Dazu hat Weill einen typischen Broadway-Musical-Sound der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Big Band-Besetzung mit opulentem Streicherklang, über zwei Dutzend Songs und mehreren Ballett-Stücken komponiert. Das ist spritzig, fetzig, auch mal elegisch verhalten, die Musik jedenfalls überzeugt immer noch und mehr als die manch einer eher seichten und eindimensionalen vermeintlich modernen Musical-Komposition. Es ist Gebrauchsmusik, aber auf hohem Niveau, von einem großen Musikdramatiker geschaffen. Musikalisch war also alles bestens bestellt, auch dank der energischen und gleichwohl straffen und punktgenauen Leitung der Anhaltischen Philharmonie durch den Kurt Weill-Spezialisten James Holmes.
Zum Problem wurde nicht die scheinbar an die Zeit gebundene Musik, sondern die neue Inszenierung. Musical will auch Glitzer, Glamour, Show - die Regie von Klaus Seiffert lässt aber genau das vermissen, sie ist allzu bieder, brav und zahm. Es wird eigentlich nichts falsch gemacht, die Geschichte wird nachvollziehbar auf der Bühne erzählt, aber das ist zu wenig. Und wenn dann mal auf den Putz gehauen wird, kommen ein paar Knall-, Keif- und Schrei-Chargen rüber, wie die Verlobte Gloria (Kristina Baran) und ihre Mutter (Ulrike Hoffmann) oder der Privatdetektiv Taxi (David Ameln). Für die großen Songs wiederum ist der Regie nicht mehr eingefallen als Auftritt im Punkt-Scheinwerfer an der Rampe vor abgedunkeltem Hintergrund. Regie-Theater mag es ja manches mal etwas übertreiben mit der Interpretation, aber nur Eins-zu-Eins das Stück bebildern und abliefern ist denn doch zu wenig. Das wirkt hausbacken und platt. Schon der Wortwitz, obwohl in neuer Übersetzung, will nicht so richtig zünden (gesungen wird auf englisch), die Drehbühne mit ihrer Bauhaus-Fassade ist praktikabel, aber die Kostüme in ihrer Alltagskleidung (Imme Kachel) machen jegliches Hineinträumen in die große Show zunichte. Nur in wenigen Szenen kommt der Show-Charakter zur Geltung. So im großen Song von Molly, der Sekretärin des Kunstsammlers, wenn diese vor dem Glitzer-Vorhang von den Lover-Boys des Balletts umschwärmt wird und in der wunderschön treffenden und entlarvenden Ballett-Choreograhie (Mario Mariano) über die Hausfrauen-Zukunft der Venus mit Putztuch und Besen.
Die tragenden Rollen waren gut besetzt, gesungen und gesprochen wurde musical-üblich mit Microports. Ute Gfrerer, die sich bereits als Weill-Interpretin einen Namen gemacht hat, gab eine stimmlich und darstellerisch überzeugende Venus, ebenso wie Angus Wood als Friseur Rodney gefiel. Ulf Paulsen, ansonsten als Wagner-Bariton im Einsatz, verkörperte den Kunstsammler Savory und als dessen handfeste Sekretärin Molly glänzte Ulrike Mayer.
Das Publikum zeigte sich schon nach den einzelnen Songs und Ballett-Einlagen angetan und feierte zum Schluss alle Beteiligten, einschließlich des Regie-Teams, mit großem Beifall, Trampeln und anerkennenden Pfiffen.
24.02.2010, 16:04 | tags:
Musiktheater
293
Pressemitteilung Anhaltisches Theater Dessau
Matinee Premiere „One Touch of Venus“
Kurz vor der Premiere des Musicals von Kurt Weill „One Touch of Venus“ lädt das Anhaltische Theater Dessau zu einer Matinee am Sonntag, d. 28. Februar um 10:30 Uhr ins Foyer des Großen Hauses ein. Mit der Premiere wird gleichzeitig die 5000. Premiere seit 1794 am Anhaltischen Theater gefeiert.
Neben dem Inszenierungsteam (Klaus Seiffert/Regie, James Holmes/Musikalische Leitung), das einen Einblick in den Entstehungsprozess der Inszenierung geben wird, werden die Solisten Ute Gfrerer, Angus Wood und Ulf Paulsen kleine Kostproben der wunderbaren Songs darbieten. Hintergründiges und Wissenswertes zum Werk wird ebenso geliefert wie Details zur Umsetzung und Interpretation durch die Inszenierung.
Moderiert wird die Matinee von Ronald Müller (Musikdramaturg). Boris Cepeda wird die Solisten am Klavier begleiten.
Für den Eintritt wird ein Obulus von 3,- € erhoben, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf den Kartenpreis angerechnet wird.
17.02.2010, 17:45 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
282
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 16.02.2010
Namenlos auf großer Tour
ALTES THEATER Musiktheater für Kinder stellt „Schaf“ in den Mittelpunkt. Dirk Schmeding inszeniert eine abenteuerliche Reise, die die Zuschauer begeistert
Alles beginnt mit einem Handschlag und ordentlich Spucke drauf. Was gemeinhin feucht eine Freundschaft besiegelt, stürzt Schaf in tiefste Ratlosigkeit. Bis zum folgenschweren Händedruck war das Leben für das Tier in Ordnung. Es war eben ein Schaf, eines unter vielen. So ist das, wenn man in Herden lebt. Nun aber hat Schaf einen Freund, Lorenzo heißt der, ist Prinz und schon des Thrones überdrüssig, obwohl er noch gar nicht darauf saß. Schaf hilft ihm, die Krone zu verstecken, und dies ist dem Königssohn die Freundschaftsanfrage wert. Weil Mensch aber nicht nur einfach Katze und Hund oder Junge und Mädchen zum Freund hat, weil alles einen Namen hat, meint Lorenzo, dass dies auch für Schaf gelten müsse. Also zieht Schaf in die Welt, um dazu zu gehören.
Die Suche startet auf der Studiobühne des Alten Theaters. Schaf zieht sich die Reiseschuhe über, wickelt den Schal um den Hals, schnürt den Rucksack, setzt den Helm auf - aus einem Strohballen wird ein Reisegefährt und am Horizont führt die Straße ins Unendliche und eine ungewisse Reise. Dirk Schmeding nimmt Kinder ab fünf Jahren auf dieser Schaf-Tour mit. Er hat „Schaf“, ein Musiktheaterstück für Kinder von Sophie Kassies, inszeniert, und das Publikum damit in Begeisterung versetzt.
Nicole Bergmanns Bühne atmet mit ihren rustikalen Brettern geradezu die Landluft, kann Tanzboden gleichermaßen wie später auch Friedhof sein. Darin agiert mit größter Spielfreude ein bunt gemischtes Ensemble mehrerer Sparten: zwei Schauspieler, zwei Sängerinnen und zwei Musiker. All diese braucht’s in Schaf, denn das Stück ist reich versehen mit barocker Musik von Händel, Purcell und Monteverdi. Autorin Kassies hat den Arien neue Texte gegeben, die die Handlung forcieren und kommentieren. Schmeding lässt die Sängerinnen Cornelia Marschall und Anne Weinkauf indes nicht nur singen, sondern bezieht sie auch wie die beiden Musiker Stefan Neubert und Timm Carnarius in das Spiel mit ein. Mal sind sie das Personal einer ausgelassenen Kostümparty mit Schaf im Mittelpunkt, mal applaudierendes Volk beim Aufritt des Prinzen. Dessen Darsteller Hajo Tuschy ist gleich in fünf Rollen zu erleben und darin verblüffend wandelbar. Er tanzt als Wolf mit dem Schaf, empört sich am Grab, wenn Schaf überlegt, dort den Namen eines Toten zu übernehmen und bringt letztlich dem Titelhelden des Stücks als Engel
eine gute Botschaft.
Da aber will Eva Marianne Bergers Schaf von all der Namenssuche schon nichts mehr wissen. Vom Mähen hat es zu einer eigenen Sprache gefunden, hat viel erlebt, wurde gejagt und missverstanden. Berger gibt ihr Schaf gleichermaßen entschlossen und verletzlich, lässt es ratlos und euphorisch sein, ausgelassen tanzen oder erschöpft ruhen. So viele Facetten, wie sie spielt, gehen kaum auf eine Schafhaut. Am Ende aber überwiegt nur eine Erkenntnis: „Man braucht keinen besonderen Namen, um ein besonderes Schaf zu sein“. Darauf gibt es noch mal einen Handschlag mit Lorenzo. Der Umschlag, in dem ein Engel schließlich den Namen von Schaf nach all seinen Mühen brachte, bleibt verschlossen. Es geht auch ohne Namen.
Besetzung:
Musiker, Sänger und Schauspieler
In der Inszenierung „Schaf“ von Regisseur Dirk Schmeding im Alten Theater spielen, musizieren und singen Eva Marianne Berger (Schaf), Hajo Tuschy (Lorenzo, Torwächter, Dolores, Gastgeber, Engel), Cornelia Marschall (Sopran), Anne Weinkauf (Mezzosopran), Stefan Neubert (Cembalo) und Timm Carnarius (Cello). Die Bühne entwarf Nicole Bergmann, die Kostüme stammen von Katja Schröpfer.
17.02.2010, 17:29 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Diverses
281
Pressemitteilung vom 17.02.2010
KLANG-KOSMOS DESSAU / Elbmusikfest 2010
Vier Aufführungen an vier aufeinander folgenden Tagen
Das Anhaltische Theater Dessau nimmt in seiner 215. Spielzeit die Tradition der Elbmusikfeste, einem Vorläufer der Anhaltischen Musikfeste, wieder auf und veranstaltet am Himmelfahrtswochenende 2010, vom 13. bis zum 16. Mai, nach einer Unterbrechung von 175 Jahren das nunmehr zweite in Dessau stattfindende Elbmusikfest. Für die regionale Entwicklung des Chorwesens im 19. Jahrhundert hatten die Elbmusikfeste eine große Bedeutung.
Diese Tradition, Sänger und Chöre zusammenzuführen, soll mit dem Elbmusikfest wiederbelebt und gestärkt werden.
An vier aufeinander folgenden Tagen werden zwei Inszenierungen des Musiktheaters und eine Inszenierung des Balletts gezeigt sowie ein SCRATCH-KONZERT aufgeführt.
„SCRATCH“ heißt diese Form deshalb, weil man „from scratch“, also bei Null anfängt und innerhalb eines Tages das Werk zur Aufführung bringt. Die Idee des SCRATCH-KONZERTES besteht darin, mit einem Chor aus Hobby-Sängern innerhalb von 24 Stunden Carl Orffs Chorwerk »Carmina Burana« einzustudieren und das Ergebnis in einer öffentlichen Aufführung zu präsentieren. Der Weg ist dabei das Ziel. Mitmachen kann jeder, der Spaß am Singen hat. Erfahrung im Chorgesang ist natürlich von Vorteil, eine individuelle Vorbereitung erwünscht.
Jeder Mitwirkende muss im Besitz einer Teilnehmerkarte sein, die an der Theaterkasse Rathaus-Center gegen eine Gebühr von 10,- Euro (Ermäßigungsberechtigte 5,- Euro) erworben werden kann. Die Theaterkasse nimmt gleichzeitig die ebenfalls notwendigen schriftlichen Anmeldungen entgegen.
Die Anmeldung für die Teilnahme an diesem Projekt läuft bereits – Anmeldeschluss ist der 22. April. In der Teilnahmegebühr enthalten ist eine Versorgung mit Speisen und Getränken während der Probenpausen am 15. Mai. Selbstverständlich können die Karten auch über das Internet bestellt werden.
Das benötigte Notenmaterial muss jeder Teilnehmer selbst besorgen. Chorpartituren [16,95 Euro] oder Klavierauszüge [39,95 Euro] sind im Fachgeschäft »Musik-Erber« in der Askanischen Straße 55, in 06842 Dessau-Roßlau erhältlich.
Am Freitag, d. 14. Mai finden von 19 - 21 Uhr separate Stimmproben [Teilnahme freiwillig] statt.
Die Gesamtchorprobe mit Klavier findet am Sonnabend, d. 15. Mai von 9:30 - 12:30 Uhr und eine Generalprobe mit Solisten und Orchester um 14 - 17 Uhr statt.
Am 15. Mai, um 19 Uhr lädt das Anhaltische Theater zum Konzert ins Große Haus.
Ausführliche Informationen zum Scratch-Konzert unter www.anhaltisches-theater.de/scratch, mehr Informationen zum Elbmusikfest 2010 unter www.anhaltisches-theater.de/elbmusikfest
- Mai – 16. Mai 2010
KLANG-KOSMOS DESSAU / Elbmusikfest 2010
Vier Aufführungen an vier aufeinander folgenden Tagen
Eröffnung: Donnerstag, 13. Mai 2010, 18 Uhr RICHARD WAGNER LOHENGRIN
Anhaltisches Theater, Großes Haus
Freitag, 14. Mai 2010, 19 Uhr LULU BALLETT VON TOMASZ KAJDANSKI (MIT ORCHESTER), Anhaltisches Theater, Großes Haus
Samstag, 15. Mai 2010, 19 Uhr CARMINA BURANA SCRATCH-KONZERT, Anhaltisches Theater, Großes Haus
Sonntag, 16. Mai 2010, 17 Uhr DANIEL-FRANÇOIS-ESPRIT AUBER
DIE STUMME VON PORTICI / LA MUETTE DE PORTICI, Anhaltisches Theater, Großes Haus
Tickets und Informationen erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
15.02.2010, 16:50 | tags:
Musiktheater
, Diverses
, Neue Formate
274
Pressemitteilung vom 15.02.2010
Oper Verstehen – Die Geschichte der Oper in 24 Teilen
[Teil 1] Die Florentiner Camerata und Claudio Monteverdi
Wie ist die Kunstform Oper entstanden? Wieso wird in der Oper manchmal gesprochen? Was ist ein Secco-Rezitativ? Wenn Sie sich für Oper interessieren, aber die eine oder andere unbeantwortete Frage haben, sind Sie bei Oper-Verstehen genau richtig.
Heribert Germeshausen [Leitender Musikdramaturg/ Operndirektion] wird einmal monatlich in dieser musikhistorisch chronologisch angelegten Reihe über die Entstehung des Musiktheaters sprechen. Zahlreiche Musikbeispiele, teils vom Tonband, teils live von Ensemblemitgliedern dargeboten, dienen der plastischen Veranschaulichung des Vortrags.
Die Reihe ist auf 24 Sitzungen und drei Spielzeiten konzipiert, beginnt bei der Florentiner Camerata
14.02.2010, 10:58 | tags:
Musiktheater
, Diverses
272
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 11.02.2010
Ein Podium für die Verwandlungen
Weill-Gesellschaft stellt das Fest-Programm in der Landesvertretung in Berlin vor
Das Kurt-Weill-Fest rührt die Werbetrommel in Berlin. Wenige Tage bevor das 18. Musikfest, das den Dessauer Komponisten in seiner Geburtsstadt ehrt, am 26. Februar eröffnet wird, luden die Veranstalter in dieser Woche traditionell in die sachsen-anhaltische Landesvertretung in der Hauptstadt ein, um dort das Programm vorzustellen.
Mit Festintendant Michael Kaufmann, Theaterintendant André Bücker und Philipp Oswalt, dem Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, lernten die zahlreichen Besucher im Dessau-Saal gleich drei neue Akteure der Stadt kennen, die die Geschicke der drei großen Kultur-Leuchttürme leiten. Man sei freilich "weit davon entfernt, nur ein Podiumtrio zu sein", formulierte es André Bücker. Das gemeinsame Arbeiten an Programmen und Aktionen habe sich von den Köpfen der Institutionen längst bis in die Arbeitsebenen verfestigt.
Deutlich macht sich dies auch im Programm des Weill-Festes, das dessen Intendant Michael Kaufmann angesichts der Fülle von über 40 Veranstaltungen an zehn Tagen vom 26. Februar bis zum 7. März nur in Ausschnitten näher vorstellen konnte. "Mein Vorgänger Clemens Birnbaum hat dieses Fest erfunden und geplant. An mir ist es, alle Kraft darin zu setzen, es zu einem Erfolg werden zu lassen und die Weichen für die Zukunft zu stellen", sagte Kaufmann. "New Art is True Art", der Titel der 18. Fest-Auflage, inkludiert gleich zwei Uraufführungen. "Zwei Kompositionsaufträge zu vergeben, ist für ein so kleines Festival wie das unsrige sehr bedeutend und zeugt von Mut zum Risiko", so Kaufmann.
Die bereits ausverkaufte Uraufführung von Moritz Eggerts "Bordellballade. Ein Dreigroscherlnstück" im Bauhaus und die gut gebuchte Fest-Eröffnung mit Helmut Oehrings "Die WUNDE Heine" gespielt vom Ensemble Modern seien indes Beweis, dafür, dass die "fantastische Entscheidung bei der Programmplanung richtig getroffen wurde". Da sich beide Komponisten auf Weills "Mahagony Songspiel" beziehen, würden sich spannenden Lesarten ergeben.
Den szenischen Höhepunkt des Weill-Festes verortete Michael Kaufmann im zweiten Fest-Wochenende mit der Premiere von "One Touch of Venus" am Anhaltischen Theater. Das Konzert des MDR-Sinfonieorchesters sei zudem von Clemens Birnbaum als inoffizielle Ouvertüre zur Internationalen Bauausstellung 2010 gedacht, die ab April in Dessau beginnt. Damit kamen auch die Kooperationspartner des Festes ins Boot, die zur Podiumsrunde gehörten. "Diese Zusammenarbeit ist für uns schiere Notwendigkeit", erklärte Michael Kaufmann. Kooperation hätte das Fest gewissermaßen im Geburtsgen verankert.
Die Aktion "Jetzt wird gedessauert!" kam zur Sprache und der langwierige Prozess, auch die Bevölkerung vom Sinn derartiger Zusammenschlüsse zu überzeugen. Außerhalb Dessaus wird auf solche Initiativen freilich mit großem Wohlwollen geblickt. "Was hier passiert, war lange überfällig", sagte in Berlin Patricia Werner, die als stellvertretende Geschäftsführerin der Ostdeutschen Sparkassenstiftung die weibliche Seite und gleichermaßen die der Förderer vertrat. "Verwandlungen sind ein Thema, das uns interessiert, und genau dies passiert gerade in Dessau. Unser Geld kann für sich nichts bewirken, erst wenn es auf Partner trifft, die es verwandeln, passiert etwas", so Werner. Sie ließ - ohne konkret zu werden - verlauten, dass bereits Gespräche über künftige Projekte laufen, die die Sparkassenstiftung unterstützen will.
05.02.2010, 16:53 | tags:
Musiktheater
, Theaterpaedagogik
259
Pressemitteilung vom 05.02.2010
SCHAF feiert Premiere im Alten Theater
„Schaf“ ist eine Musiktheaterproduktion von Sophie Kassies für Kinder ab 5 Jahren aber auch für Erwachsene absolut empfehlenswert. Im Studio des Alten Theaters feiert die Inszenierung in der Regie von Dirk Schmeding am 14. Februar um 10:30 Uhr Premiere. Eine Schauspielerin, ein Schauspieler, zwei Sängerinnen und zwei Musiker spielen und besingen die abenteuerliche Reise von Schaf.
Eingebettet wird sie in Musik von Henry Purcell, Georg Friedrich Händel und Claudio Monteverdi. Erleben Sie diese humorvolle, phantastische, leicht melancholische, freche und liebevolle Geschichte!
Wie der Titel schon vermuten lässt -geht es um ein Schaf. Schaf lebt auf einer Wiese zusammen mit anderen Schafen und ist glücklich. Lorenzo ist ein Prinz. Weil er König werden soll, ist er unglücklich. Deshalb flüchtet er sich in die Schafherde, um seine Krone dort zu verstecken. Schaf hilft ihm dabei und so werden die beiden Freunde. Lorenzo ist der Meinung: „Wenn man einen Freund hat, ist man ein spezieller Jemand. Anders als die anderen. Dann braucht man einen Namen!“ Nur hat Schaf den nicht, es ist einfach Schaf. Also macht es sich auf die Suche nach einem Namen und eine Reise voller Abenteuer beginnt!
Im Anschluss an die Premiere bieten die Theaterpädagogin Imme Heiligendorff und die Bühnenbildnerin Nicole Bergmann einen Premieren-Workshop „Schaf“ an, eine spielerische Nachbereitung des Vorstellungsbesuchs. Natürlich kann jedes Kind seine Bastelarbeit mit nach Hause nehmen!
Musikalische Leitung: Stefan Neubert |
Regie: Dirk Schmeding
Bühne: Nicole Bergmann |
Kostüme: Katja Schröpfer
Mit: Eva-Marianne Berger, Cornelia Marschall, Anne Weinkauf; Timm Carnarius/Gerald Manske, Stefan Neubert/Boris Cepeda, Hajo Tuschy
Weitere Vorstellungen: 18.02. 10.00 Uhr; 21.02. 10.30 Uhr; 21.03. 14.30 Uhr; 29.03.;10.00 Uhr [Karten zum Kinderpreis von 4,50 €, Erwachsene zahlen 6,- €!]
Aufführungsdauer: ca. 1 h |
Premieren-Workshop „Schaf“ max. 1 h
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
05.02.2010, 10:36 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Diverses
255
Pressemitteilung vom 05.02.2010
Weltstar Leo Nucci in Dessau
Erster Auftritt in Deutschland seit über 20 Jahren und einziger Deutschlandauftritt 2010
Seit seinem Debüt an der Mailänder Scala 1977 zählt er zu den größten seines Faches. Leo Nucci kann auf eine einzigartige, über 30 Jahre währende Weltkarriere zurückblicken, die ihn an die Zentren des internationalen Opernbetriebes führte: Salzburger Festspiele (mit Herbert von Karajan), Metropolitan Opera New York (mit James Levine), Mailänder Scala (mit Claudio Abbado, Riccardo Muti), Wiener Staatsoper, Opernhaus Zürich, Teatro Regio di Parma.
Erstmals seit Ende der 1980er Jahre tritt Leo Nucci wieder in Deutschland auf: Am Anhaltischen Theater Dessau, das sich 2010 Nucci mit Mailand, Wien, Parma und Zürich teilt. Begleitet von der Anhaltischen Philharmonie Dessau unter der Leitung von GMD Antony Hermus singt Leo Nucci Höhepunkte aus seinem Repertoire.
In der Großen Operngala am 10. Mai, um 20 Uhr im Großen Haus werden Ausschnitte u.a. aus „La Traviata“, „Un Ballo in Maschera“, „Rigoletto“, „Macbeth“, „Nabucco“, „Don Carlo“, „Andrea Chenier“ erklingen. Das Konzert ist als Benefizkonzert zugunsten der Theaterstiftung ausgewiesen. Mit jedem Kauf eines Tickets unterstützen Sie also maßgeblich künftige künstlerische Vorhaben des Theaters, die durch die Stiftung finanziell unterstützt werden.
Der Auftritt Leo Nuccis in Dessau wird ermöglicht durch die Associazione „Viva Verdi“, insbesondere durch deren Präsidentin Ursula Riccio aus Nürnberg.
Tickets und Informationen unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
01.02.2010, 17:43 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
248
Udo Badelt, Opernwelt/ Februar 2010
Antwerpen/Dessau
Bernstein: Candide
Die beste aller Welten
Um herauszufinden, ob dies tatsächlich die beste aller möglichen Welten ist, kommen die Protagonisten in Leonard Bernsteins „Candide“ ganz schön rum: Westfalen, Bulgarien, Lissabon, Paris, Südamerika, Eldorado. Das Stück selbst reist nicht annähernd so viel: Es gilt, auch wegen der vielen Ortswechsel, als schwierig zu inszenieren und steht - zu Unrecht - im Schatten der „West Side Story“. Insofern ist es nicht ohne Reiz, dass „Candide“ jetzt in zwei Städten gleichzeitig auf die Bühne kommt (in beiden Fällen unter neuer Intendanz) und damit Anlass bietet, zwei verschiedene mögliche Theaterwelten und ihre Bedingungen kennenzulernen.
Antwerpen: Weltstadt der Renaissance, Hafenstadt, 470 000 Einwohner. Seit Januar 2009 ist der 35-jährige Schweizer Aviel Cahn Intendant der Vlaamse Opera. Sein Hauptanliegen ist es, Oper als Kunstform stärker zur Diskussion zu stellen und in die Stadt zu tragen. Zu dieser Strategie gehört ein Zusatzprogramm aus Filmen, Lesungen und Diskussionen. Es scheint zu funktionieren: Als Cahn vergangenes Jahr Saint-Saëns' „Samson und Dalila“ von einem israelisch-palästinensischen Regieduo inszenieren ließ, wurde heiß diskutiert in einer Kommune, in der so viele orthodoxe Juden leben wie nirgends sonst in Europa. „Candide“ soll diejenigen anlocken, die sonst eher ins Musical gehen. „Oper darf nicht nur für die Happy Few sein“, sagt Cahn, der dabei auf manche belgische Gefühligkeit Rücksicht nehmen muss. So gehen die Wallonen nicht nach Flandern in die Oper, sondern nach Brüssel. Die selbstbewussten Besucher aus Lilie dagegen müssen sich ihrer französischen Identität nicht versichern und fahren gern nach Antwerpen.
In Dessau wäre man wahrscheinlich froh, wenn man diese Probleme hätte. Deindustrialisierung, das Verschwinden der Junkers-Werke, ein Bevölkerungsrückgang von 130 000 (1940) auf zur Zeit rund 70 000 Einwohner und in der Folge mehrere Eingemeindungen haben dazu geführt, dass die Stadt inzwischen offiziell unter der Bindestrich-Scheußlichkeit „Dessau-Roßlau“ fungiert. Dennoch spürt André Bücker, seit dieser Spielzeit Intendant des Anhaltischen Theaters (als Nachfolger von Johannes Felsenstein), einen tief verwurzelten Stolz auf die reiche kulturelle Vergangenheit des mitteldeutschen Kernraums. An seinem Haus wird seit 1794 ununterbrochen Theater gespielt. Anders als Aviel Cahn in Antwerpen hat Bücker einen inhaltlichen Grund, „Candide“ auf den Spielplan zu setzen: Das nach einer Vorlage von Voltaire entstandene Stück soll die aufklärerische Tradition von Dessau als Geburtsstadt von Moses Mendelssohn zitieren. Deshalb ist auch Lessings „Nathan der Weise“ im Programm, und - als Kehrseite der Aufklärung - „Lohengrin“.
Musikalisch sind beide „Candide“-Abende auf ähnlich hohem Niveau. Daniel Carlberg in Dessau ist ein Dirigent mit äußerst präziser Zeichengebung; das Tempo legt er breiter und langsamer an - aber nicht langweiliger - als Yannis Pouspourikas in Antwerpen. Dort trifft das Orchester ziemlich genau den Geist jenes britischen Humors, mit dem Regisseur Nigel Lowery das Stück angegangen ist. In der kindlichen Idylle des Beginns laufen Candide und seine Liebe Kunigunde hinter einer Wand, davor baumeln Beinchen, die sie sich umgehängt haben, so dass sie aussehen wie Puppen. Erzähler ist hier ein Sendemast mit der Anmutung des Computers HAL in Stanley Kubricks Film „2001“. In Dessau nimmt Regisseurin Cordula Däuper die Figuren ernster, und nicht zuletzt deshalb ist ihre Inszenierung die ruhigere und menschlichere. Der Erzähler ist hier aus Fleisch und Blut, allerdings wechselt die Rolle mehrmals zwischen den Figuren, was eine Schwäche der Inszenierung ist. In bei den Häusern wird Dr. Pangloss, der die Lehre von Gottfried Wilhelm Leibniz vertritt - dass wir in der besten aller möglichen Welten leben würden - von Schauspielern verkörpert (Graham Valentine in Antwerpen, Stephan Lohse in Dessau), die zwar charakteristische Würze einbringen, als Sänger aber schwache Leistungen bieten.
Was man von der übrigen Besetzung nicht sagen kann. Herausragend: Jane Archibald (Antwerpen) und Angelina Ruzzafante(Dessau), die beide als Kunigunde nicht nur die Bravour-Nummer „Glitter And Be Gay“ souverän meistern, sowie Renate Dasch als Alte Frau in Dessau, die sich nach den internationalen Erfolgen ihrer Tochter Annette jetzt im Alter von 64 Jahren mit Noblesse noch einmal ein ganz neues Berufsfeld eröffnet hat. Früher war sie Ärztin - was für sie eindeutig nicht die beste aller möglichen Welten war.
Bernstein: Candide
Antwerpen
Premiere am 15., besuchte Vorstellung am 29. Dezember 2009.
Musikalische Leitung: Yannis Pouspourikas, Inszenierung und Ausstattung: Nigel Lowery. Solisten: Michael Spyres (Candide), Jane Archibald (Kunigunde), Karan Armstrong (Alte Frau), Graham Valentine (Pangloss/Martin) u. a.
Dessau
Premiere am 4. Dezember 2009, besuchte Vorstellung am 9. Januar 2010.
Musikalische Leitung: Daniel Carlberg, Inszenierung: Cordula Däuper, Bühne: Jochen Schmitt, Kostüme: Mareile Krettek. Solisten: David Ameln (Candide), Angelina Ruzzafante (Kunigunde), Renate Dasch (Alte Frau), Stephan Lohse (Erzähler/Pangloss/ Martin) u.a.
27.01.2010, 21:43 | tags:
Musiktheater
241
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 28.01.2010
Eine Göttin unterm Turnhallendach
Theater: Probenzeit für das Weill-Musical «One Touch of Venus» hat begonnen
Venus steigt die Treppe hinab und Withelaw Savory ist durchaus angetan. Aug in Aug mit einer leibhaftigen Göttin, da bliebe wohl jedem Mann die Spucke weg. Im konkreten Fall erwischt es Ulf Paulsen. Dabei ist die frühere Turnhalle in der Oechelhaeuser Straße gar nicht der rechte Platz für einen göttlichen Auftritt. Hier aber befindet sich nun einmal die Probebühne des Anhaltischen Theaters, und hier fanden schon Ende vergangenen Jahres die ersten Treffen des Ensembles statt, das am 5. März "One Touch of Venus" zur Premiere im Theater bringen wird. Am zweiten Wochenende während des 18. Kurt Weill Festes hat das Musical des in Dessau geborenen Komponisten seine erste Vorstellung.
Ein Musical mit allem, was zu diesem Genre gehört, will Regisseur Klaus Seiffert an diesem Abend auf die Bühne bringen. Dafür versammelt er zunächst einmal ein junges, spielfreudiges Ensemble. Ute Gfrerer ist in der Hauptrolle zu sehen. Bereits im vergangenen Jahr feierte sie das Publikum des Weill-Festes in "Die sieben Todsünden" in der Rolle der Anna. Gleichermaßen als Gast am Haus ist Ulrike Mayer zu erleben, die Sekretärin Molly ist ihre Rolle. Die Herzen der Zuschauer eroberte die Mezzosopranistin bereits in der Operette "La Pericole". Und der Mann zwischen diesen beiden Damen ist in dieser ersten Probenszene schließlich Ulf Paulsen, ein blasierter Kunstsammler. Friseur Rodney, gespielt von Angus Wood, erweckt dessen neueste Errungenschaft, eine Venus-Statue, zum Leben, weil er ihr einen Ring auf den Finger steckt.
Auf der Probebühne lässt Klaus Seiffert das Trio Venus, Molly und Savory nun aufeinander treffen und sagt klar, was er sehen will. "Das Denver-Clan-Prinzip - je strahlender wir lächeln, desto bösartiger sind wir", ist seine klare Regieanweisung für Ulrike Mayer, die Venus fortan herrlich schnippisch angiftet. Die Konstellation birgt wahrlich Zündstoff für eine ganze Reihe von herrlichen Verwicklungen und Missverständnissen. Nicht umsonst gehört "One Touch of Venus" zu den erfolgreichsten Werken Kurt Weills, die dieser in Amerika schuf. Nachdem die musikalische Komödie 1943 ihre Uraufführung in New York hatte, folgten mehr als 560 Aufführungen. Bis heute gehören die daraus stammenden Songs wie "Speak Low" und "That's Him" zu den Standards der großen klassischen amerikanischen Songs.
"Solche Stücke sind aber auch schwer zu machen", weiß Regisseur Seiffert. Tanz, Spiel, Singen, Komik, Slapstick zählt er auf. "Jeder muss alles machen und können." Für Seiffert ist das Musical, das der szenische Beitrag des Anhaltischen Theater zum diesjährigen Weill-Fest ist, eine "Komödie mit Biss und wunderbarer Musik". Er vergleicht das Stück ein wenig mit dem "Sommernachtstraum", denn "jeder will den, den er nicht bekommen kann". Der Witz des Textes von Ogden Nash sei auch in den Übersetzungen erhalten geblieben. Allerdings habe man sich entschieden, bei den Songtexten im Englischen zu bleiben. "Damit sind wir näher am Original dran. Wir werden in den Choreografien einiges an gespielten Witz umsetzen", erklärt der Regisseur.
Für Klaus Seiffert ist es das erste Mal, dass er ein Werk von Kurt Weill inszeniert. Umso mehr hat ihn überrascht, wie gut vorbereitet seine Darsteller an die Arbeit gingen. "Es ist erstaunlich, was die Leute hier alles über Weill wissen, aber es ist ja auch seine Geburtsstadt und der Ort des Festivals", sagt er. Zu diesem Wissen geselle sich eine große Spielfreude, die man den Solisten schon bei dieser frühen Probe anmerkt. Und James Holmes, der amerikanische Dirigent, steht dem am Klavier in nichts nach.
Parallel zur Arbeit mit den Solisten, hat sich längst auch das Ballett zusammengefunden, um mit Choreograph Maria Mariano die Choreografien einzustudieren. "Es gibt Szenen, da tanzen 24 Leute", verspricht Seiffert, der für die Produktion zehn Musical-Absolventen aus Berlin gewinnen konnte. Mit dem Chor des Theaters dürfte das Stück fürwahr "recht opulent" werden, wie es der Regisseur im Sinn hat. Drehbühne und Versenkungen will er nutzen, das volle Programm also für eine musikalische Gattung, die nach all diesen Zutaten lechzt. Und mit großen Gefühlen wie Liebe, Eifersucht und Geltungssucht bedient "One Touch of Venus" schließlich auch alles, was ein gutes Musical braucht. Klaus Seiffert wird in wenigen Tagen wieder in Dessau eintreffen und dann nicht mehr nur auf der Probebühne in der Oechelhaeuser Straße, sondern auch auf der großen Bühne weiter den Zauber der Venus entfalten, damit ihm am 5. März auch das Publikum bei der Premier erliegt.
Kartenvorbestellungen an den Theaterkassen und unter der Tickethotline des Weill-Festes 0180 / 5 56 45 64.
22.01.2010, 09:49 | tags:
Musiktheater
236
Pressemitteilung vom 21.01.2010
Winterreise – Liederzyklus von Franz Schubert
Passend zur Jahreszeit erklingt am 2. Februar um 19.30 Uhr im Anhaltischen Theater Franz Schuberts großartiger Liederzyklus „Die Winterreise“ auf Texte des in Dessau geborenen Dichters Wilhelm Müller. Ulf Paulsen, das langjährige Ensemblemitglied zeigt sich an diesem Abend von einer anderen Seite. Nach den großen Erfolgen als Telramund (Lohengrin) und Pizarro (Fidelio) stellt er sich im Großen Haus als Liedinterpret vor. Begleitet wir er von Kapellmeister und Studienleiter Wolfgang Kluge am Flügel.
Tickets und Informationen erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
13.01.2010, 10:55 | tags:
Musiktheater
227
Pressemitteilung vom 13. Januar 2010
Künstler-Porträt
Heribert Germeshausen stellt Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters vor
In der Reihe Künstler-Porträt wird Heribert Germeshausen, leitender Dramaturg Musiktheater / Operndirektion am Samstag, den 16. Januar um 20 Uhr den holländischen Bariton Wiard Witholt vorstellen. Das Anhaltische Theater Dessau lädt hierzu ins Foyer des Großen Hauses ein.
Neben zahlreichen Informationen zum Künstler erwartet das Publikum ein umfangreiches Liedprogramm aus dem romantischen Liedrepertoire u.a. Franz Schubert „Der Erlkönig“, Robert Schumann „Die beiden Grenadiere“ sowie die Arie „Rivolgete a lui lo sguardo“ aus Wolfgang Amadeus Mozart "Così fan tutte". Boris Cepeda wird den Sänger am Klavier begleiten.
Tickets zu 3,- Euro erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
11.01.2010, 15:28 | tags:
Musiktheater
, Theaterpaedagogik
225
Pressemitteilung vom 5. Januar 2010
Senioren werden Paten der Inszenierung „Die Stumme von Portici“
Für die Mitglieder des Seniorenclubs am Anhaltischen Theater Dessau beginnt im Januar 2010 ein besonderes Projekt: Sie begleiten den Entstehungsprozess der Opern-Inszenierung „Die Stumme von Portici“ [Musikalische Leitung: Antony Hermus, Regie: André Bücker] von der Konzeption bis zur Premiere. Dabei verfolgen sie gemeinsam mit Theaterpädagogin Imme Heiligendorff, wie die technischen und künstlerischen Fäden der Produktion zusammenlaufen, besuchen die Werkstätten, nehmen an Proben teil und setzen sich in Gesprächen mit den Künstlern, dem Werk und der Umsetzung auf der Bühne auseinander. Alle interessierten Senioren [60 plus], die sich dazu anmelden möchten, sind herzlich zum Informationstreffen am 13. Januar 2010, um 15.00 Uhr ins Alte Theater eingeladen.
Kontakt: Imme Heiligendorff | Telefon 0340-2511216|
theaterpaedagogik@anhaltisches-theater.de
28.12.2009, 12:50 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Diverses
216
Pressemitteilung vom 28.12.2009
„Fidelio“ – Zum letzten Mal in Dessau
Ludwig van Beethovens „Fidelio“ wird am Samstag, dem 16. Januar, um 17 Uhr zum letzten Mal im Großen Haus des Anhaltischen Theaters zu sehen sein. Anschließend gastiert das Anhaltische Theater mit „Fidelio“ am 23. und 24. Januar am Theater in Winterthur / Schweiz.
In veränderter Besetzung wurde die von Johannes Felsenstein inszenierte Oper in dieser Spielzeit wieder aufgenommen. Beethoven zeichnete in seiner einzigen, mehrfach überarbeiteten Oper schonungslose Bilder vom deformierenden Umgang mit Macht.
Marzelline, das einzige Kind des Kerkermeisters Rocco, weist die Heiratsanträge des Gefängnispförtners Jaquino zurück, weil sie sich in Fidelio verliebt hat. Niemand ahnt, dass dieser Fidelio, der zu aller Zufriedenheit Hilfsdienste im Staatsgefängnis versieht, in Wirklichkeit Leonore ist. Sie ist – als Mann verkleidet – auf der Suche nach ihrem Gatten Don Florestan, den der verfeindete Gouverneur Pizarro im Gefängnis verschwinden ließ. Leonore gelingt es, in die geheimsten Kerker vorzudringen und dort Pizarros Mord an Florestan zu verhindern.
Es spielt die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Daniel Carlberg. Als Solisten hören Sie KS Iordanka Derilova (Leonore), Cornelia Marschall (Marzeline), Kostadin Arguirov (Don Fernando), Andrew Sritheran (Florestan) Ulf Paulsen (Don Pizarro), Daniel Golossov (Rocco), David Ameln (Jaquino).
Für diese Vorstellung bietet das Anhaltische Theater Tickets zum Sonderpreis für 8,- EURO.
Dieses Angebot gilt vom 04. bis 16. Januar 2010.
Tickets erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
12.12.2009, 08:56 | tags:
Spielzeit
, Musiktheater
, Diverses
202
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 12.12.2009
Auch Sinatra-Songs im Repertoire
Operndirektor plaudert am Freitagabend mit dem Sänger Pavel Shmulevich
"Noble Wucht" hat ihm die Kritik attestiert. Von einem "russischen Bass mit unendlicher Tiefe" war die Rede. "Der kraftvolle König Heinrich war bei Pavel Shmulevich in guten Händen", heißt es an anderer Stelle. Shmulevichs Auftritt in der ersten Operninszenierung des Anhaltischen Theaters dieser Spielzeit - Wagners Oper "Lohengrin", inszeniert von Andrea Moses - sorgte für Aufmerksamkeit.
Sarastro in der Zauberflöte
Wie perfekt er sein Fach beherrscht, stellt Pavel Shmulevich als Gastsänger nun bald wieder im Dessauer Theater unter Beweis. In der kommenden Woche singt er in der Mozart-Oper "Die Zauberflöte" den Sarastro. Zuvor jedoch, schon am Freitagabend, wird der junge Russe die ganze Breite seiner stimmlichen Möglichkeiten den Dessauern vorstellen. Im Foyer des Anhaltischen Theaters wird das Spektrum um 20 Uhr "Von Wagner bis Sinatra" reichen, wenn Shmulevich Gast beim Sängerporträt ist und die Fragen von Operndirektor Heribert Germeshausen beantwortet.
Dort wird es wohl erst einmal um St. Petersburg gehen, der Heimat des 1982 geborenen Sängers. Der Gesang, so erzählt er, habe ihn schon sein Leben lang begleitet. In der Musikschule fing seine Profession mit fünf Jahren im Chor an. Seit er 13 ist nimmt Pavel Shmulevich Gesangsunterricht. Schon zu Beginn seines Studiums am St. Petersburger Rimsky-Korsakov-Konservatorium wurde Shmulevich in die Young Singers Academy des Mariinski Theaters aufgenommen. Seit einem Auftritt 2001 als Antonio in "Il viaggio a Reims" sang der Bass Titelrollen in verschiedenen Produktionen am Mariinski Theater und wirkte dort bislang in rund 60 Inszenierungen mit. Mit seinem Haus gastierte er unter Leitung von Valery Gergiev in Frankreich, Japan, den USA, Finnland und London. Neben seiner Arbeit in St. Petersburg gastiert Shmulevich sowohl an Opernhäusern als auch bei Konzerten.
Bis zu seinem Gast-Engagement in Dessau kannte der Sänger Deutschland vor allem von Gesangswettbewerben. Beim Wettbewerb "Neue Stimmen" 2007 kam er in die Endauswahl. Bei einem Meisterkurs im Jahr darauf wurde die Dessauer Bühne auf ihn aufmerksam. Inzwischen pendelt der junge Russe zwischen seiner Heimatstadt und Dessau, am Donnerstag kam er gerade von einem Auftritt in Frankreich wieder zurück in die Muldestadt, wo am Montag die Wiederaufnahmeproben für "Die Zauberflöte" beginnen.
Wunsch sind Wagner-Rollen
Im kommenden Sommer wird Pavel Shmulevich mit seiner Familie Dessau als festen Wohnsitz nehmen, denn ab der kommenden Spielzeit gehört er fest zum Sängerensemble des Anhaltischen Theaters. Nachdem er im "Lohengrin" erstmals Wagner auf der Bühne sang, hofft der Bassist nun auf weitere Rollen in Opern des Komponisten. "Ich würde gern alle Wagner-Rollen meines Faches singen", sagt er. In Dessau werde es künftig so viel Wagner geben, um diesem Traum sehr nahe zu kommen. "Mit den Kollegen hier am Haus herrscht eine tolle Atmosphäre", freut sich Shmulevich schon auf die weitere Zusammenarbeit. Dann wird man den Sänger wohl öfter von einer musikalischen Seite hören, die er gleichermaßen wie das klassische Repertoire schätzt. "Ich liebe den Jazz und die Musik aus Hollywood." So singt er am Freitagabend denn auch Frank Sinatra, zuvor aber gibt er Kostproben seines Könnens mit Arien und Liedern von Mozart, Schubert, Tschaikowski und Bruckner.
Sängerporträt mit Pavel Shmulevich, heute, 20 Uhr, im Foyer des Anhaltischen Theaters
10.12.2009, 17:05 | tags:
Spielzeit
, Ballett
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
198
Pressemitteilung vom 10.12.2009
Geschenkideen rund ums Theater
10.12.2009, 17:04 | tags:
Spielzeit
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
197
Pressemitteilung vom 10.12.2009
Weihnachten und Jahreswechsel im Anhaltischen Theater
Für die gesamte Familie bietet das Anhaltische Theater am 1. Weihnachtsfeiertag, dem 25. Dezember um 16 Uhr das Grimmsche Märchen „Sechse kommen durch die Welt“. Dieses Stück über die Freundschaft wird mit viel Witz und Komik erzählt, so dass bei großen und kleinen Besuchern wohl kein Auge trocken bleibt.
„La Périchole“ eines der Hauptwerke Jacques Offenbachs voller Witz und überquellendem Melodienreichtum steht am 2. Weihnachtsfeiertag, dem 26. Dezember um 17 Uhr auf dem Spielplan. Gespielt wird eine neue deutsche Textfassung von Stefan A. Trossbach mit Dialogen von Peter Ensikat. Eine reisende Theatertruppe gastiert in der Stadt und präsentiert die lustige, aber auch zu Herzen gehende Geschichte der Straßensängerin Périchole und ihres Geliebten Piquillo.
Am 27. Dezember, um 16 Uhr lädt das Theater zu einem Besuch der Inszenierung „Lohengrin“ – Romantische Oper von Richard Wagner ein. Mit Wagners vermutlich populärster Oper wurde im Musiktheater die 215. Spielzeit fulminant eröffnet und zieht seit dem Gäste aus ganz Deutschland nach Dessau. Der zwischen Juni 1846 und März 1848 komponierte „Lohengrin“ nimmt in Wagners Oeuvre in mehrer Hinsicht eine Schlüsselstellung ein: Zum einen verwirklichte Wagner, der „vollkommenste Revolutionär“ nach eigenem Zeugnis, in ihm erstmals weitgehend sein Konzept eines durchkomponierten Musikdramas, zum anderen wollte er am avisierten Uraufführungsort Dresden mit der Oper 1849 auch die Gesellschaft revolutionieren. Freuen Sie sich darauf, neben etablierten Publikumslieblingen wie Iordanka Derilova und Ulf Paulsen unsere neuen stimmgewaltigen Ensemblemitglieder kennenzulernen.
Nach fünf Jahren Abstinenz erklingt im Anhaltischen Theater zum Jahreswechsel 2009/2010 wieder Beethovens IX. Sinfonie. Am Silvestertag finden die beiden Aufführungen um 17 und um 20 Uhr statt. Unter der Leitung von GMD Antony Hermus spielt die Anhaltische Philharmonie. Es singen die Damen und Herren des Opern- und des Extrachores sowie Mitglieder des Coruso-Chores. Als Solisten wirken mit: Angelina Ruzzafante (Sopran), Carola Günther (Mezzosopran), Andrew Sritheran / Angus Wood (Tenor) und Ulf Paulsen (Bariton).
Tickets und Informationen erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
10.12.2009, 09:53 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
196
Alessandro Anghinoni, www.operamagazine.nl, 07.12.2009
Nederlanders vallen op in ‘gewone’ Candide
Dessau 7 december 2009 Geen reacties
Na een bejubelde Lohengrin waren de verwachtingen rond de volgende première van het Anhaltisches Theater uit Dessau hooggespannen. De productie van Candide viel echter tegen. Niettemin waren de solisten, waaronder de Nederlandse bariton Wiard Witholt, goed.
Van mijn niet-Duitse vrienden heeft iedereen wel een idee wat Bauhaus is, maar slechts een paar weten waar Dessau ligt. Vaak halen ze de naam van de hoofdstad van het Bauhaus door de war met de naam van een concentratiekamp in Zuid-Duitsland.
Maar de stad heeft niet direct zulke gruwelijke herinneringen. Er is slechts één goed zichtbaar spoor van de Nazi-tijd: het enorme, buitensporige theater dat door Adolf Hitler in 1938 geopend werd en uitgerust is met Duitslands grootste roterende toneel.
Vandaag heet dit 1100 plaatsen tellende huis het Anhaltisches Theater en de nieuwe muzikale directeur is de Nederlandse workaholic Antony Hermus, die het seizoen op 4 oktober opende met een alom geprezen Lohengrin.
Zulke creatieve persoonlijkheden zijn welkom. Niet alleen bij culturele instituties, maar in de hele stad. Dessau probeert namelijk haar status als ‘kreisfreie Stadt’ (een onafhankelijke stad, die zo’n 100.000 inwoners moet hebben) te behouden en wil daarvoor de populatieafname die sinds de hereniging van Duitsland aan de gang is in bedwang houden.
In zo’n moeizame situatie kun je het programma van het operahuis zien als een oproep tot een revolutie: Lohengrin, Candide, Un ballo in Maschera, One touch of Venus en La muette de Portici zijn de grootste premières die gepland staan in het Antony Hermus-tijdperk. Alle opera’s gaan in meer of mindere mate over rebellie.
Lohengrin was een groot succes, op een paar wrijvingen met halsstarrige aanhangers van het traditionalisme na.
De tweede première, Candide van Leonard Bernstein, is slechts ten dele een voortzetting van het gladde pad van de roem. We zagen de laatste versie van het stuk, gebaseerd op een tekst van Hugh Weeler, in een Duitse vertaling, met dialogen die herzien waren door de jonge regisseur Cordula Däuper.
Hoewel ik een supporter ben van de jonge mensen die in het theater in Dessau werken, moet ik jammer genoeg zeggen dat Däuper niet aan mijn verwachtingen kon voldoen. Niet dat de voorstelling het zien niet waard was, maar ik kon me gemakkelijk een veel verrassender, onderhoudender vertolking voorstellen. Dessau heeft meer nodig dan ‘gewone’ producties om uit haar depressieve situatie te klimmen.
Maar net als Candide geef ik mijn optimisme niet zo makkelijk op en probeer ik de goede punten eruit te halen. Allereerst de vurige en nauwgezette directie van Daniel Carlberg, onder wiens leiding het orkest momenten van zo’n meeslepende intensiteit bereikte, dat het me moeite kostte om mijn zelfbeheersing te bewaren en niet op te staan en rond te gaan dansen. Al direct bij de ouverture!
Van de hoofdrollen wil ik David Ameln noemen, een knappe en ervaren buffo-tenor, die een zachte en lyrische Candide neerzette. Hij verpersoonlijkte de onschuld.
De briljante Nederlands-Italiaanse Angelina Ruzzafante – een mooie coloratuursopraan met prachtig lyrisch potentieel – zong Cunegonde zonder zichtbare moeite met de hoge e’s in de showaria ‘Glitter and be gay’. Helaas werd die aria geregisseerd als een magere en niet-originele kopie van ‘Diamonds are a girl’s best friends’.
De spelbreker Maximilian was de veelbelovende Nederlandse bariton Wiard Witholt, die zijn kleine rol uitstekend zong, met een preciesie in zijn uitspraak en gemak in zijn zang waarmee hij alle anderen overtrof.
Voor mij blijft het onbegrijpelijk waarom de operazangers uitgerust werden met microfoons. De onnatuurlijke klank stond in onaangenaam contrast met de rijkheid van de muziek uit de orkestbak. Een microfoon was misschien nodig voor de grotendeels gesproken rollen van Voltaire en dr. Pangloss, maar moest de rest van de cast daar dan door verpest worden?
Zoals ik al zei, heeft Dessau het grootste roterende toneel in Duitsland. Dus verwijt het me niet als ik zeg dat ik verwachtte dat er iets zou gaan gebeuren tijdens het laatste lied met koor, ‘Make our Garden Grow’. De klank was geweldig, maar het ijzeren gordijn was neergelaten en alles werd overgelaten aan de verbeelding van de toeschouwer. Een nogal minimalistische, koude, geenszins entertainende enscenering voor het slot van een show.
Niettemin, ik ben vol vertrouwen dat er meer over Dessau en zijn opera’s te vertellen zal zijn op basis van de volgende premières.
Alessandro Anghinoni doet regelmatig verslag van interessante producties in Berlijn. Hij is Italiaans maar woont sinds 2000 in Berlijn. Hij is vertaler van beroep en schrijft regelmatig over opera. Voorheen voor bladen als Opernwelt, tegenwoordig op zijn blog Operello
10.12.2009, 09:24 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
195
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 08.12.2009
Cordula Däuper bringt Bernsteins „Candide“ auf die Bühne des Anhaltischen Theaters Dessau
Wenn die „beste aller Welten“ auf die Wirklichkeit trifft
Trist und grau verwehrt der sogenannte Eiserne Vorhang den Blick auf die Bühne. Aus
dem Orchestergraben dagegen schallt temporeiche Musik, mit viel Blech, auch fließend schönen Passagen. Diese Ouvertüre von „Candide“, dem Musical von Leonhard Bernstein, ist sehr bekannt. Das Musical selbst dagegen ist recht selten auf der Bühne zu erleben. Jetzt hatte es in der Inszenierung von Cordula Däuper am Anhaltischen Theater Dessau Premiere.
Nach dem furiosen Auftakt durch die mitreißend aufspielende Anhaltische Philharmonie unter Leitung des 1. Kapellmeisters Daniel Carlberg tut sich eine weit in die Tiefe reichende Bühne
mit oft nur skizzenhaft angedeuteten Requisiten auf. Eine ganz in Weiß gekleidete große Menschengruppe (Chor unter der Leitung von Helmut Sonne) vermittelt ein „Schön-Gut-
Sauber“-Gefühl. Idylle „von früher“ steuert ein großes Mosaikbild bei (Bühne: Jochen
Schmitt, Kostüme: Mareile Krettek). Gerade eben um und über diese „beste aller möglichen
Welten“ geht es. Literarische Grundlage ist der Voltaire-Roman „Candide oder der Optimismus“, in dem sich der Autor mit der Leibniz- These von „der besten aller
möglichen Welten“ auseinandersetzt.
Die Geschichte: Auf einem westfälischen Schloss Thunderten- Tronck werden die halbwüchsigen Kinder des Barons, Maximilian und Cunegunde, sowie Candide, ein unehelich geborener Neffe der beiden, und das Dienstmädchen Paquette vom Lehrer Pangloss erzogen. Abgeschirmt von der Realität, in der „besten aller Welten“. Wegen eines innerfamiliären Vorfalls wird der „Bastard“ Candide aus dem Schloss gejagt – und muss die reale schonungslose Vielfalt schrecklicher Erfahrungen durchleben.
Cordula Däuper hat sich dem schwierigen Unterfangen erfolgreich gestellt, den Zuschauer auf die handlungs-, handlungsort- und personalreiche Irrfahrt des Candide durch ganz Europa, hin bis in die „Neue Welt“, mitzunehmen. Ihr Angebot: Eine Spielanordnung als Experiment, spannend und flott unterhaltend gestaltet. Zentrale Frage: Wie lange wird der
Candide‘sche Optimismus Bestand haben? Eine von der Regisseurin geschaffene „allwissende Figur“ (ungemein variabel Stephan Lohse) wandelt zwischen Personen und Zeiten, ist Voltaire, Lehrer Pangloss, Mulatte Cacambo, auch Martin.
Mitdenken und Nachdenken
Dem Zuschauer, von dem viel Konzentration, Mit- und am besten auch Nachdenken abverlangt wird, hilft er, dem Geschehen, oft auch nur in ganz kurz erwähnten Episoden, stringent folgen zu können. Ein wenig Toleranz beim Publikum natürlich vorausgesetzt. Die Erzählweise von Cordula Däuper reflektiert die menschliche Gefühlspalette trefflich: dubios verwirrend, persiflierend, derb direkt, verletzend zynisch, satirisch, auch hintergründig humorvoll, ebenso emotional nahegehend. Auffallend, ohne vordergründig hervorgehoben
zu werden, sind die vielen Parallelen im menschlichen Handlungsmuster von „früher und heute“. All diese Wahrheiten und Andeutungen, das aktionsreiche Spiel, die tolle Musik, verdankt das Publikum dem rundum engagierten Ensemble.
Herausragend sind die Protagonisten.
Faszinierend mit Stimme, Spiel und einem wahren „Koloraturen-Gewitter“ Angelina Ruzzafante als Cunegunde. David Ameln war der immer gescholtene, doch liebenswerte,
ewig suchende Candide. Renate Dasch überzeugte als souverän mondäne Old Lady.
Ob das abschließende Sich- Wiederfinden aller Figuren, das Haus bauen und warten, „bis unser Garten blüht“, die nun „beste aller Welten“ ist, bleibt offen. Diese Frage kann sich
wohl nur jeder Zuschauer selbst beantworten.
Die nächsten Aufführungen sind am 10. Dezember um 16 Uhr und 20. Dezember um 17.30 Uhr zu erleben.
08.12.2009, 18:32 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Lohengrin
, Pressestimmen
193
Alexander Hauer, http://www.deropernfreund.de/pageID_7953294.html,
http://www.musenblaetter.de/liste.php?bid=28, Dezember 2009
Anhaltisches Theater Dessau
Lohengrin
Der von vielen herbeigesehnte, von vielen befürchtete, Führungswechsel in Dessau blieb ohne große Folgen. Ja, es weht ein neuer Wind, aber die Qualität der Inszenierungen und die musikalische Leistung blieben auf dem gleichen, hohen Niveau. Dies ist mein Eindruck nach Andrea Moses’ klug durchdachten, und von Antony Hermus außergewöhnlich transparent geführten, Lohengrin am 22. November.
Zusammen mit Andrea Moses befreite er den Lohengrin von seiner romantischen Last, Wagner, ohne seine Schwere, bekam Swing.
Andrea Moses betrachtete den Text genau, mit chirurgischer Präzision sezierte sie die Textinhalte, setzte sich auf das genaueste mit dem musikalischen Subtext auseinander und schuf so zusammen mit ihrem Team einen höchst aktuellen, politischen Opernabend: Der heilige Gral als Heilsversprechen um einen Krieg im Osten zu führen ( ganz aktuell, seit einiger Zeit wird Deutschland auch am Hindukusch verteidigt, Danke, Herr Struck!). Nachdem die Brabanter Heinrich zunächst die Gefolgschaft für seinen Krieg gegen Ungarn verweigern, zaubert er eine weitere politische Marionette herbei.
Lohengrin erscheint aus der Unterbühne, Videoeinspielungen (Chris Kondek und Jens Crull) im Stil deutscher und amerikanischer Wahlspots, unterstreichen seinen Auftritt. Andrew Sritheran ist ein stimmlich sicherer, seine Kräfte klug einteilender, baritonal gefärbter Lohengrin. Er gestaltet seine Rolle als eiskalter Machtpolitiker, durchaus bereit seine Gegner zu töten, ist sich aber seiner Rolle als Marionette von Heinrich durchaus bewusst. Dieser Lohengrin weiß schon zu Beginn an, dass er Elsa verlassen muss und wird.
Bettine Kampp ist eine psychisch labile Elsa, durch jahrelange Gefangenschaft tablettenabhängig. Sie erkennt, wenn sie sich retten will, muss sie diesen Lohengrin heiraten, egal unter welchen Bedingungen. Spätestens aber, seit der Fragestellung im Brautgemach, beginnt aber ihre Emanzipation, und am Ende der Oper sieht sie als einzige das Unheil mit klaren Augen. Frau Kampps warmes Timbre und die klare Textverständlichkeit lassen diese Elsa auch musikalisch zu einem Hochgenuss werden.
Die Gegenspieler, Ortrud und Telramund (hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein ehrgeizige Frau), Iordanka Derilova und Ulf Paulsen, sind, wie erwartet, einfach sensationell. Die schauspielerische Leistung der beiden steht der Gesanglichen in nichts nach. Ulf Paulsen eher lyrischer Bariton hat Möglichkeit zu schon fast brutalen Ausbrüchen, Derilovas glockenklarer Sopran, der Rolle angepasst, eiskalt und wunderbar verständlich (zum ersten Mal, nach vielen, vielen Lohengrinen habe ich verstanden, was Ortrud bei der Anrufung der alten Götter singt).
Pavel Shmulevich als Heinrich, steht in Moses’ Deutung im Mittelpunkt der Inszenierung. Seine Erscheinung ist fast zu sympathisch und seinem sonoren Bass fehlt das letzte Quäntchen an teuflischer Bösartigkeit.
Wiard Withold überzeugt als Heerrufer. Im Erscheinungsbild eines Priesters, ist er ein Einpeitscher, der es schafft, die Volksmassen auf Kriegskurs zu trimmen.
Der, durch den Coruso Chor und Extrachor verstärkte, Chor des Stadttheaters unter Helmut Sonne brilliert, wie man es sich nicht besser wünschen könnte.
Andrea Moses gelingt in der Ausstattung von Christian Wiehle ein zeitloses hochpolitisches Werk. Die Verführung des Volkes, die Abhängigkeit durch Lobbyisten und politische Willkür, waren und sind immer tagesaktuell.
Boshaft könnte man auch sagen: Nach der Wahl ist vor der Wahl.
In ihrem Schlussbild erscheint auf Heinrichs Befehl eine weitere Marionette, Gottfried, schnell zu recht geschustert mit Kindermaske. Während das Volk nun wie paralysiert gen Osten marschiert steht eine geistig nun völlig klare Elsa am Rand, die alle Avancen von Heinrich und dem Heerrufer ablehnt.
Der Abend endete unter einhelligen Jubel für Sänger und Orchester in einer klug durchleuchteten, romantikfreien Inszenierung.
Das Stadttheater lud im Anschluss an die Aufführung zu einer Diskussion ein. Rege Beteiligung des Publikums führte zu einer Auseinandersetzung mit dem Abend für beide Seiten. Regie, Dirigent und Sänger stellten sich den Fragen der Zuschauer. Kontroverse Auffassungen prallten aufeinander, blieben aber an diesem Abend von Seiten der Wagnerianer (noch) sachlich.
08.12.2009, 18:27 | tags:
Musiktheater
, Lohengrin
, Pressestimmen
192
Oliver Hohlbach, http://www.operapoint.com, 07.12.2009
Anhaltisches Theater Dessau
Lohengrin
von Richard Wagner (1813-1883); Romantische Oper in drei Aufzügen; Dichtung vom Komponisten; Uraufführung: 28. August 1850 in Weimar.
Regie: Andrea Moses, Bühne: Christian Wiehle, Video: Chris Kondek
Dirigent: Antony Hermus, Anhaltische Philharmonie, Opernchor, Kinderchor und Extrachor des Anhaltischen Theaters Dessau
Solisten: Pavel Shmulevich (König Heinrich), Andrew Sritheran (Lohengrin), Bettine Kampp (Elsa), Ulf Paulsen (Telramund), Iordanka Derilova (Ortrud), Wiard Witholt (Heerrufer).
Besuchte Aufführung: 22.November 2009 (Premiere)
Kurzinhalt
König Heinrich ruft die Brabanter zum Feldzug. Graf Telramund, von seiner Gattin Ortrud angestachelt, beschuldigt Elsa von Brabant des Mordes an ihrem Bruder Gottfried. Ein Gottesgericht in Form eines Zweikampfs soll über Elsas Schuld entscheiden. Da erscheint ein Fremder im Boot, gezogen von einem Schwan, und besiegt Telramund. Dieser Fremde will Elsa heiraten unter der Bedingung, daß sie nie nach seinem Namen und seiner Herkunft fragen würde. Elsa willigt ein. Am Hochzeitstag bezichtigen Ortrud und Telramund vor dem Münster den Fremden der Zauberei und des Betruges. Doch Elsa vertraut ihrem Bräutigam. Später, als sie allein sind, bricht Elsa ihr Versprechen und stellt die Fragen. Im gleichen Moment dringt Telramund in das Brautgemach ein, im Zweikampf stirbt er. Danach offenbart Lohengrin Namen und Herkunft. Ortrud triumphiert, aber durch sein Gebet bewirkt Lohengrin die Rückkehr Gottfrieds, des rechtmäßigen Thronfolgers.
Aufführung
Die Regisseurin Andrea Moses verlegt die Handlung in das Parlament einer heutigen Hauptstadt. Die Abgeordneten versammeln sich um König Heinrich zu begrüßen. Die Fraktionsführerin Elsa reagiert auf die Angriffe des Oppositionsführers Telramund, ihren Bruder Gottfried ermordet zu haben, kindlich naiv linkisch. Das taucht der Führer der Schwanen-Bewegung auf, der mit modernem Marketing die Massen hinter sich bringt: Dynamisches Auftreten, Schwanen-Logo und seine Info-Broschüre wird von adretten Damen verteilt: Ihn ernennt König Heinrich gerne zum Anführer. Die Hochzeit zwischen Elsa und Lohengrin versuchen Telramund und Ortrud zu verhindern, indem sie aufdecken, daß Lohengrin Bestechungsgelder angenommen hat. Aber Lohengrin beantwortet alle Fragen (auch zu seiner Identität) nicht. Im Brautgemach will sich Elsa endlich Klarheit über die Mediengestalt Lohengrin verschaffen. Nachdem er Telramund das Genick gebrochen hat, erzählt Lohengrin seine wahre Geschichte, verschwindet in der politischen Versenkung. Sein Nachfolger als Führer ist ein Statist mit Gottfried-Maske. Selbst Elsa will nicht wissen wer er ist, die politische Elite aber feiert den Neubeginn – so als wäre nichts gewesen.
Sänger und Orchester
Das Haus in Dessau hat 1.200 Plätze, aber der umbaute Raum ist mit anderen Staatsopern vergleichbar, somit muß man ähnliche Maßstäbe wie an eine Staatsoper anlegen: Die KS Iordanka Derilova ist der hochdramatische Sopran, der die Hexe Ortrud wortverständlich singt und ohne zu Fokussieren erreicht sie eine phänomenale Durchschlagskraft - besonders in den hohen Registern. Andrew Sritheran wird in den Olymp der Wagner-Tenöre aufsteigen: baritonal-samtig fundiert kann er in den Höhen mit scheinbarer Leichtigkeit glänzen. Außerdem ist jeder Lohengrin, der beide Teile der Gralserzählung voll aussingen kann, über jede Kritik erhaben. Pavel Shmulevich ist ein russischer Baß mit unendlicher Tiefe. Nach diesem Rollendebüt als König Heinrich wird er seinen Weg zu den großen Bässen sicherlich finden. Ulf Paulsen ist der Hausbariton, der die schwierige Rolle des Telramund ohne jede Anstrengung meistert und den schleimigen Demagogen nicht nur stimmlich überwältigend verkörpert. Bettine Kampp ist ein lyrischer Sopran mit kindlich leuchtender Stimme, sie benötigt nur etwas Zeit um sich frei zu singen. Antony Hermus ist der neue, fast blutjunge GMD des Hauses, der die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen der Partitur steuert. Besonders, da das Tempo durchwegs flott ist und dies die technischen Ansprüche in die Höhe treibt. Trotzdem können die Streicher mit viel Schmelz viel Herzschmerz ausdrücken: Ein Meisterstück der frühen Romantik!
Fazit
Auf der ersten Produktion einer neuen Theaterführung liegt immer besonderes Augenmerk. Besonders da ein junges Team Johannes Felsenstein abgelöst hat, der mit seinen konservativen Produktionen durchaus eine Fangemeinde hatte. Und dennoch wurde diese moderne Produktion mit einhelligem stürmischen Applaus bejubelt. Zum einen weil das Stück mit vielen Details und viel Pfiff handwerklich ausgefeilt auf die Bühne gestellt wurde – und doch die Handlung, wie sie der Komponist wollte, erkennbar war. Zum anderen weil die politischen Fragen, die um die Auswahl der Politiker für ein Amt und die Verantwortung der Medien in der Politik kreisen, sehr im Interesse der Zuschauer liegen: Der Revoluzzer Richard Wagner hätte seine Freude gehabt.
07.12.2009, 16:12 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
190
Dr. Kevin Clarke, http://magazin.klassik.com/konzerte/reviews.cfm?task=review
07.12.2009, 12:32 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
189
Franz R. Stuke, http://www.opernnetz.de/seiten/rezensionen/dess_cand.htm, 7.12.2009
Zeitlose Gültigkeit
Es ist das Stück zur verlogenen Gegenwart – Voltaires philosophische Satire über „die Beste aller Welten“! Mit Bernsteins anspielungsreicher Musik entwickelt sich „Aufklärung mit den Mitteln der Unterhaltung“ (Brecht).
Ganz in diesem verkappten Lehrstück-Verständnis inszeniert Cordula Däuber – trifft den ironischen Duktus Voltaires mit seinem apokryphen Humor punktgenau, setzt auf die „system-persiflierende“ Musik Bernsteins als handlungsstrukturierendes Element. Die Geschichte der Reise Candides durch die Unbilden der Welt mit Krieg, gewalttätigen Ideologien, gnadenlosem Reichtum und schnöselhafter Unmoral bis zu seinem „Garten“, den er pflegen will – sie gerät zur tour d’horizon durch die Globalisierungs-Katastrophen, kommentiert vom Voltaire-Pangloss, mit personen-bezogenem Bühnenhandeln, realisiert durch ideenreiche Konstellationen der agierenden Personen - solo, in Ensembles und als „Masse“. Und dies permanent sowohl der Botschaft Voltaires als auch der hinreißenden musikalischen Piècen Bernsteins szenisch-subtil gerecht werdend!
Das alles geschieht auf einer Bühne mit grauen Wänden, die sich zerlegen lassen, zu Stufen aufbauend, mit sparsamen Requisiten arbeitend – Jochen Schmitts Bühnen-Elemente schaffen die kommunikativen Räume der Ausweglosigkeit für die Personen, die immer wieder durch Versenkungen stimuliert werden. Mareile Kretteks phantasievolle Kostüme korrespondieren mit dem ironisierenden Duktus des überzeugenden Inszenierungskonzepts.
Daniel Carlberg stürzt sich mit der brillanten Anhaltischen Philharmonie fulminant in die „spritzige“ Ouvertüre, interpretiert die so faszinierend wechselnden Stil-Anleihen Bernsteins mit bewundernswerter Flexibilität, gibt den Solo-Instrumenten Raum für virtuose Passagen – und nutzt die Chance zu etwas Einmaligem: die „hinterlistige“ Umsetzung ironisch-klingender Musik!
Für die Solisten ein prima Angebot für inspirierendes Spiel und distanziert-interpretierenden Gesang, mit Chancen zum Demonstrieren stimmlicher Virtuosität. Stephan Lohse gibt dem Voltaire/Pangloss ambivalenten Charakter, agiert reaktionssicher, spricht enorm ausdrucksstark und singt mit beeindruckender Intensität. David Ameln gelingt ein naiv-leidender Candide, ein ästhimierender Archetyp gläubigen Vertrauens, stimmlich hellwach, variabel im Ausdruck. Renate Dasch ist die lustvoll-stimulierende Alte Dame, darstellerisch flexibel, mit chansonhafter stimmlicher Attitüde! Angelina Ruzzafante kostet die Rolle der Kunigunde ironisch-lustvoll aus, brilliert mit perlenden Koloraturen, fasziniert mit stimmlicher Variabilität. Das Dessauer Ensemble überzeugt mit attraktivem Spiel, gesanglich perfekt positioniert - so wie der Opernchor, geleitet von Helmut Sonne: individualisiert im kollektiven Spiel, famos im differenzierenden Gesang der von Bernstein geforderten Stil-Mixtur!
Der nicht nur intellektuelle Spaß an der aufklärerischen Geschichte fand zur Premiere kein volles Haus in Dessau mit seinem riesigen Auditorium - doch die Zustimmung wächst von Szene zu Szene, endet mit nachhaltiger Zustimmung.
Prognose: Der Dessauer Candide wird zur Attraktion der Besucher aus Berlin, Leipzig, Magdeburg!
06.12.2009, 19:09 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Pressestimmen
188
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 7.12.2009
Anhaltisches Theater
Witze am Scheiterhaufen
Cordula Däuper betont die Unzulänglichkeiten des Librettos von Bernsteins Musical «Candide»
Die beste aller möglichen Welten ist ein fauler Kompromiss: Wir müssen unseren Garten pflegen, erkennt Candide am Ende seiner Grand Tour durch Gottes Schöpfung. Damit scheint er die höchste Stufe im Dreisatz der menschlichen Bildung erreicht zu haben: Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten. Doch ob der reine Tor aus dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck tatsächlich weise geworden ist, darf bezweifelt werden. Schließlich entscheidet er sich ausgerechnet jetzt, seine Geliebte Kunigunde zu heiraten.
Was Leonard Bernstein bewogen hat, Voltaires Roman "Candide" um die Mitte des 20. Jahrhunderts zur Basis für ein Musical zu wählen, vermag auch die Inszenierung am Anhaltischen Theater Dessau nicht abschließend zu beantworten. Zwar lässt das musikalische Material keinen Zweifel am Wert des Werks, das Libretto aber bleibt auch hier eine Zumutung für die Darsteller wie für das Publikum.
Hastige Nachrichtensendung
Daran kann Cordula Däupers Lesart nichts ändern: Die Kurzatmigkeit der Geschichte verhindert jede Empathie für ihre Akteure, Candides Klagen rühren ebenso wenig wie die Opfer des Krieges und des Erdbebens, durch die der Philosoph seine Probanden hetzt. Das Ganze wirkt eher wie eine Nachrichtensendung, in der ferne Katastrophen zur hastig durchgewunkenen Mitteilung verkommen. Dieser Eindruck wird durch Regie und Ausstattung sogar noch verstärkt.
Denn anstatt die historische Entfernung als plausible Perspektive zu akzeptieren, aus der sich die unglaublichen Abenteuer betrachten ließen, sucht man in Dessau die Nähe einer unmittelbaren Gegenwart. Und die bekommt der Geschichte schon deshalb nicht, weil dabei grundsätzliche Verabredungen aufgegeben werden: Wo ließe sich heute noch das Eldorado finden, das Voltaire als utopischen Ort in einer Neuen Welt behaupten konnte? Und wie lässt sich ein Autodafé als Besänftigung göttlichen Zorns übersetzen? Nachdem die Regisseurin mit dem Bühnenbildner Jochen Schmitt und der Kostümdesignerin Mareile Krettek eine Optik etabliert hat, die mit seitlich aufragenden Hochhausfassaden sowie mit der Tennis-Mode der Tanglewood-Bohème eine westliche Warenwelt beschwört, muss sie die ganze Geschichte auf diese Ästhetik herunterbrechen - und verlegt etwa die Opferung von Candides Lehrer Pangloss in eine Stadion-Fankurve, die zudem mit der sozial tolerierten Selbstschädigung durch Tabakgenuss kurzgeschlossen wird. Raucherwitze am Scheiterhaufen - O sancta Simplicitas!
Auch sonst hat man gelegentlich den Eindruck, dass die Regie der Ironie der Vorlage misstraut und sie durch schale Scherze ins Unmissverständliche überzeichnen will. Dabei findet sich alles, was man für das Verständnis von "Candide" braucht, im Graben: Die in doppelbödiger Harmonie schwelgenden Streicher, die mutwillig stampfenden Blech- und die arrogant näselnden Holzbläser agieren unter Daniel Carlbergs raumgreifendem und forderndem Dirigat so wunderbar geschlossen, dass jeder Einsatz der Anhaltischen Philharmonie die Ansetzung des Stückes rechtfertigt. Und auch die Sängerbesetzung lässt kaum Wünsche offen: David Ameln hat den naiven Ton des Titelhelden verinnerlicht, Angelina Ruzzafante ist mit dem hoch dramatischen Gestus ihrer Kunigunde bestens vertraut, Renate Dasch zeigt als Old Lady so viel augenzwinkernde Selbstironie wie Wiard Witholt als Maximilian - und in den kleineren Rollen bewähren sich neben Kostadin Arguirov und David Schroeder die Solisten jenes Chores, den Helmut Sonne generell ausgezeichnet präpariert hat.
Narrensprüche und Werbeslogans
Doch dass man von keinem dieser Darsteller wesentlich mehr zu sagen weiß, ist symptomatisch für die mangelnde Tiefenschärfe: Lediglich Stephan Lohse, der als Voltaire und Pangloss, als Cacambo und Martin durch die Geschichte führt, entwickelt dank seiner tänzerischen Eleganz und seiner darstellerischen Kraft ein Identifikations-Angebot. Allerdings beneidet man ihn schon bald um die 3D-Brille, mit der er dem Geschehen offenbar eine Dimension abgewinnen kann, die man vom Parkett aus vergeblich sucht. Dass diverse Narrensprüche und Werbeslogans zudem gelegentlich wie eine unfreiwillige Parodie auf jenen "Lohengrin" wirken, den Andrea Moses jüngst so ungleich plausibler und konsequenter auf die selbe Bühne gebracht hat, ist ein fataler Nebeneffekt. Denn nun kann man in Dessau neben der subversiven Kraft auch die affirmative Belanglosigkeit von verschriftlichten Regie-Einfällen studieren. Im Finale aber, als alle Figuren vor dem Eisernen Vorhang zur Ruhe kommen, wird man plötzlich überwältigt - und ahnt, was man drei Stunden lang verpasst hat.
Nächste Vorstellungen: 10. Dezember, 16 Uhr; 20. Dezember, 17 Uhr
03.12.2009, 11:52 | tags:
Spielzeit
, Musiktheater
, Pressestimmen
187
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 03.12.2009
Musical „Candide“ von Leonard Bernstein hat in der Regie von Cordula Däuper Premiere am Anhaltischen Theater Dessau
Trugschlüsse um die „beste aller Welten
Der Roman ist mehr unbekannt, obwohl der Buchautor dagegen umso mehr bekannt ist. Auch das darauf beruhende Musical wird recht selten gespielt, trotz des berühmten Komponisten. Am Anhaltischen Theater Dessau hat am Freitag, dem 4. Dezember, um 19.30 Uhr das Musical
„Candide“ von Leonard Bernstein seine Premiere. Es basiert auf dem satirischen Roman „Candide oder der Optimismus“ des französischen Philosophen Voltaire.
Ein Musical in der bekannt klassischen Art sei es eigentlich nicht, mehr schon „ein Musiktheater“, erklärt Cordula Däuper (32), die als Gastregisseurin „Candide“ in Dessau in der von ihr geschaffenen Fassung inszeniert. Die absolute Zuordnung zu einem bestimmten Genre passe nicht so richtig, weil es eine große Bandbreite im Wechsel von Spiel- und Musikszenen gibt, mal Operette, mal komische Oper, auch mal Musical, aber kein Ballett, mal Schauspiel.
Selbst der Inhalt, so Cordula Däuper, erscheint auf den ersten Blick zumindest irreführend. Auf dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck wachsen Candide, seine heimliche Liebe Cunegunde, deren Bruder Maximilian und Paquette in der optimistischen Lebensphilosophie ihres Lehrers Pangloss von der „besten aller Welten“ auf.
Die Idylle wird zerstört, als Candide vom Grafen Thunderten- Tronck beim Liebesspiel mit Cunegunde ertappt und aus dem Schloss verbannt wird. Auf seiner Reise durch die Welt muss Candide am eigenen Leib erfahren, dass die „beste aller Welten“ nur in der Philosophie und ohne Bezug zur Realität existiert.
„Ich mache es immer für heute“
„Der Zuschauer wird auf der Bühne eine interessante und humorvolle, ebenso satirische, zynische und überzeichnete Auseinandersetzung mit unserem Planeten erleben können“, bringt die Regisseurin ihre Arbeit auf den Punkt, macht aber damit auch neugierig.
Cordula Däuper wählt für ihre Inszenierung eine „heutige Spielanordnung“ – und macht wiederum neugierig. Doch sie begründet auch. „Ich mache es immer für heute“, das sei spannend und nicht „museal“. Original gehe eigentlich ja auch nicht, weil man nicht genau wisse, wie die Leute
vor 200 Jahren gedacht haben. Und – gerade auf „Candide“ bezogen: „Die Welt ist seither (leider) nicht besser geworden. Für alles, was im Buch beschrieben ist, lässt sich heute mehr als ein Pendant
finden.“
Cordula Däuper, geboren in Wiesbaden, lebt in Stuttgart. Von klein auf ist sie mit dem Theater verbunden, hat im Theaterchor Wiesbaden mitgesungen und viele Aufführungen miterlebt. „Es hätte auch ein Geigenstudium werden können“, erinnert sie sich. Doch die Entscheidung fiel fürs Theater: Studium der Theater- und Kulturwissenschaften in Berlin, 2004 Regiediplom, von 2003 bis 2005 Stipendiatin an der „Akademie Musiktheater heute“.
„Am liebsten Musiktheater“
Musiktheater mache sie am liebsten, weil „sich Musik und Inhalt zusammenfügen“, aber auch, bei allem Respekt vor der Arbeit anderer Kollegen, sollen ihre Inszenierungen „interessanter und spannender sein“ als manche von ihr gesehene. Auf ihrem erfolgreichen künstlerischen „Habenkonto“
stehen unter anderem das Musikmärchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ und „Der Vetter aus Dingsda“ (beide an der Komischen Oper Berlin), die Telemann-Oper „Flavius Bertaridus“ in Magdeburg, das
Open-Air-Spektakel „Eichbaumoper“ in der Essener U-Bahn und „Wiener Blut“ in Berlin.
„Die Welt ist nicht
besser geworden“
Sie mache sich schon Gedanken, wie man auch andere, jüngere Zuschauerschichten ansprechen könne, „wie sie sich angesprochen fühlen“, sagt die Regisseurin. Deshalb ist Cordula Däuper auch froh, in Dessau an einem Haus arbeiten zu können, an dem ein neues Ensemble startet, wo Aufbruchstimmung herrscht.
Und noch einmal zum Stück. Ihre „Candide“-Aufführung sieht sie als eine Art „Lehrstück“ oder „Emanzipationsgeschichte“, jedoch ganz ohne moralisieren zu wollen. Von „glauben“ zum „Sich-selbstein- Bild-machen“, hin zur Entwicklung einer „Selbstverantwortlichkeit für das eigene
Leben“.
Zu ihrem Team gehören Jochen Schmitt (Bühne) und Mareile Krettek (Kostüme). Die Titelrolle in der Premiere singt David Ameln, festes Ensemblemitglied am Anhaltischen Theater. Die musikalische Leitung hat Daniel Carlberg.
Die zweite Vorstellung ist am kommenden Sonntag, dem 6. Dezember, um 17 Uhr zu sehen.
27.11.2009, 14:17 | tags:
Spielzeit
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
182
Pressemitteilung vom 27.11.2009
Wiederaufnahme von „Die Zauberflöte“
Die wohl beliebteste Oper der Musikgeschichte, „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart, steht ab dem 19. Dezember wieder auf dem Spielplan des Anhaltischen Theaters.
Unter der Leitung von Daniel Carlberg werden in fast allen Hauptrollen neue Sänger zu hören sein, so dass der Opernbesuch auch jedem empfohlen werden kann, der die Inszenierung von Johannes Felsenstein bereits gesehen hat.
Der junge russische Bassist Pavel Shmulevich, sowohl als Heinrich in „Lohengrin“ als auch bei der „Serata di Gala“ gleichermaßen umjubelt, wird die Partie des Sarastro übernehmen, die er bereits in einer Neuinszenierung am traditionsreichen Marinskii Theater gesungen hat. Eine Paraderolle ist der Papageno für Wiard Witholt, der im „Lohengrin“ der Partie des Heerrufers nicht nur ungewöhnliche stimmliche Brillanz, sondern auch ungewöhnliches darstellerisches Profil verliehen hatte. Angus Wood erwies sich bereits Ende der letzten Spielzeit als Piquillo in der Premiere von „La Périchole“ als absoluter Publikumsliebling.
Er wird ab dem 19.12. den Prinzen Tamino verkörpern. David Ameln singt den Monostatos. Und als Königin der Nacht kommt mit Diana Tomsche vom Staatstheater Karlsruhe eine profilierte Koloratursopranistin als Gast nach Dessau. Die Pamina wird in bewährter Weise von Cornelia Marschall verkörpert, der Sprecher ist Kostadin Arguirov.
Weitere Termine: 17.01.10, 17 Uhr | 11.04.10, 17 Uhr | 23.05.10, 17 Uhr
Karten unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 – 20 Uhr
Theaterkasse - Nur Telefonisch 0340 2511 – 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
25.11.2009, 16:45 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
179
Pressemitteilung vom 25.11.2009
Premiere Musiktheater
Candide - Musical von Leonard Bernstein
Mit „Candide“ schuf der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein 1956, nur ein Jahr vor „West Side Story“ einen der ungewöhnlichsten Beiträge zum modernen Musiktheater. Das Anhaltische Theater Dessau lädt am 4. Dezember, um 19:30 Uhr ins Große Haus zur Premiere „Candide“.
Auf dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck wachsen Candide, seine heimliche Liebe Cunegunde, deren Bruder Maximilian und Paquette in der optimistischen Lebensphilosophie ihres Lehrers Pangloss von der „besten aller Welten“ auf. Die Idylle wird zerstört, als Candide vom Grafen Thunder-ten-Tronck beim Liebesspiel mit Cunegunde ertappt und aus dem Schloss verbannt wird. Auf seiner Reise durch die Welt muss Candide am eigenen Leib erfahren, dass die „beste aller Welten“ nur in der Philosophie und ohne Bezug zur Realität existiert. Mit Witz, beißendem Spott und Ironie werden der überhebliche Adel, die kirchliche Inquisition, Krieg, Sklaverei und die naive Utopie des einfachen Manns von einem sorglosen Leben angeprangert. Doch im Unterschied zu Voltaires Erzählung, die bei allem Humor ein bitterböses negatives Märchen ist, findet Bernsteins Werk einen versöhnlichen Abschluss, in einem Hymnus auf das bescheidene private Glück, den eigenen Garten zu bestellen.
Wenn „West Side Story“ auch die größere Bekanntheit erlangte, so ist „Candide“ doch das komplexere, genialere Werk, Bernsteins kühnste Schöpfung für die Musiktheaterbühne überhaupt, eine Mischung aus Musical, klassischer Operette und komischer Oper. Das Libretto ist eine geschickte Dramatisierung von Voltaires berühmtem Roman „Candide ou l’Optimisme“ [Candide oder der Optimismus]. Die musikalische Leitung liegt beim 1. Kapellmeister des Anhaltischen Theaters Daniel Carlberg, der einen bravourösen Einstand mit dem Ballett LULU feiern konnte. Als Regisseurin konnte Cordula Däuper gewonnen werden, die zuletzt mit großem Erfolg an der Komischen Oper in Berlin gearbeitet hat.
Inszenierung: Cordula Däuper I Musikalische Leitung: Daniel Carlberg I Bühne: Jochen Schmitt I Kostüme: Mareile Krettek I Chor: Helmut Sonne
Solisten: Angelina Ruzzafante (Cunegunde), Kristina Baran (Paquette), Renate Dasch (Alte Lady), David Ameln/ Angus Wood (Candide), Stephan Lohse (Voltaire/ Pangloss/ Martin), Wiard Witholt (Maximilian), Kostadin Arguirov (Captain), David Schroeder (Vardendendour/ Ragotski/ Governor)
Nächste Termine: 6.12.09, 17 Uhr I 10.12.09, 16 Uhr I 20.12.09, 17 Uhr | 09.01.10, 17 Uhr | 28.01.10, 19:30 Uhr
Am 28.1. im Anschluss an die Vorstellung „Nachgefragt“ mit Regisseurin Cordula Däuper und Ensemble-Mitgliedern
16.11.2009, 13:05 | tags:
Musiktheater
, Lohengrin
, Pressestimmen
165
Jörg Königsdorf, opernwelt november 2009
Dessau / Wagner: Lohengrin
Die Zukunft hat begonnen
Den neuen Stil merkt man auf den ersten Blick: << Menschen gestalten – Zukunft bewegen >>, heißt es in großen weißen Lettern über der Bühne des Dessauer Theaters. Nachdem das Haus unter der Leitung von Johannes Felsenstein eine Trutzburg konservativer Repertoirepflege war, setzt das neue Leitungsteam auf Regietheater mit Aktualitätsanspruch. Auf den Tag der deutschen Einheit hatte man die << Lohengrin >>- Premiere angesetzt, und spätestens im dritten Akt, wenn über der Brautgemach-Szene der Slogan << Vertrauen in Deutschland >> hängt, ist klar, dass Regisseurin Andrea Moses die Moral von der Geschicht' durchaus auch auf die Berliner Republik bezogen wissen will. Vertrauen will man den Volksführern auf der Bühne zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr: Dass mit dem schmierigen Jungpolitiker Lohengrin etwas nicht stimmt, deuteten schon sein mit viel PR inszenierter Auftritt und erst recht sein unsauberes Verhaltes beim Duell an.
In Dessau wird << Lohengrin >> zum handfesten Politkrimi. Und wie in einem guten Krimi sind die scheinbar Guten am Ende die Bösen. Das ist verblüffend stringent, weil Andrea Moses ganz nah am Text bleibt. Das Negativ-Image Lohengrins etwa verträgt sich ausgezeichnet mit der vokalen Anlage der Partie: Was unter anderen Umständen wie Reinheit wirken könnte, ist hier eine Oberflächenpolitur und ganz auf die Verblendung der Massen angelegt. Für emotionalen Tiefgang sorgt Elsa, der allmählich dämmert, dass sie nur eine Marionette im abgekarteten Spiel zwischen Lohengrin und dem König ist. Ihre Entwicklung von der treuherzigen dummen Gans (die dem charismatischen Heilsbringer ebenso auf den Leim geht wie das brabantische Volk) zur hellsichtigen Frau gibt dieser Aufführung menschliche Dimension und Tragik. Am Ende steht Elsa da wie Kassandra unter den Trojanern und muss erkennen, dass das Volk die schönen Lügen gern glauben will.
Dass die Rechnung in Dessau so glatt aufgeht, liegt freilich nicht nur an Andrea Moses´ (manchmal fast zu detailverliebt umgesetzten) Konzept, sondern auch daran, dass hier alle an einem Strang ziehen. Bettine Kampp kann Elsas Wandlung nicht nur grandios spielen, sondern singt ihre Partie auch so: << Einsam in trüben Tagen >> mit mädchenhafter Naivität, dann den Schlussakt mit dramatischer Größe. Andrew Sritheran legt seinen Lohengrin mit schmetternden Trompetentönen ganz auf Außenwirkung hin an und phrasiert seine Gralserzählung wie eine spontane Erweckungspredigt – so singt einer, der sich als Visionär inszeniert. Dass ein Haus wie Dessau einen Lohengrin im Ensemble hat, ist fast unglaublich – zumal Sritheran die Partie (inklusive zweiter Strophe der Gralserzählung) bis auf zwei, drei Wackler gegen Ende und einige gestemmte Höhen erstaunlich gut durchsteht. Stimmige Porträts liefern auch Pavel Shmulevichs markiger König, Iordanka Derilovas sexy Ortrud und Ulf Paulsens Telramund, der seinen hellen Bariton im zweiten Akt zu beachtlicher dramatischer Wucht steigert.
Dazu lässt der neue Chefdirigent Antony Hermus mit der Anhaltisches Philharmonie hören, was man auf der Bühne sieht: ekstatischen Jubel und inbrünstige Chorszenen, krachende Dramatik und farbenreiches Melos. So klinkt Wagner als Theatermusik: natürlich, lebendig und ausdrucksvoll. Besser kann die Zukunft kaum beginnen.
Wagner: Lohengrin
Premiere am 03. Oktober 2009. Musikalische Leitung: Antony Hermus, Inszenierung: Andrea Moses, Ausstattung: Christian Wiehle, Chöre: Helmut Sonne. Solisten: Andrew Sritheran (Lohengrin), Bettine Kampp (Elsa), Pavel Shmulevich (König Heinrich), Ulf Paulsen (Telramund), Iordanka Derilova (Ortrud), Wiard Witholt (Heerrufer).
11.11.2009, 16:13 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Lohengrin
, Pressestimmen
155
Herbert Henning, Orpheus Nov./ Dez. 2009
DESSAU
Keine Zeiten für Romantik
Das Anhaltische Theater Dessau startet nach der Ära von Johannes Felsenstein in die 215. Spielzeit mit Wagners LOHENGRIN in der Inszenierung von ANDREA MOSES, die in emanzipatorischer Absicht eine hochinteressante Sicht auf die irrationale Welt des „Schwanenritters“ eröffnet und dabei aus der Sicht von Elsa eine Geschichte von Macht und Machterhaltung, Täuschung, Versprechen und Manipulation von Menschen, denen die Ideale abhanden gekommen sind, spannend und überraschend aktuell erzählt.
Von Anfang an hat die angesichts der Anklage von Ortrud und Telramund traumatisierte Elsa keine Chance und erst im Brautgemach, dass wie in einem „Wolkenkuckucksheim“ überirdisch schwebt (Ausstattung: CHRISTIAN WIEHLE) emanzipiert sich diese Frau und stellt die verbotenen Frage nach „Herkunft und Stand“ dieses Mannes. Moses beleuchtet die Figuren mit großer Genauigkeit, inszeniert die Auseinandersetzungen zwischen Ortrud, Telramund und Elsa fast intim als Kammerspiel mit großer Genauigkeit. Die Sänger agieren als Schauspieler mit außerordentlicher darstellerischer Präzision.
Dies gilt vor allem für IORDANKA DEVRILOVA als Ortrud mit lodernder, expressiver Stimme und dämonischer Intensität im Spiel wider dem Wahn des Schwanenkults und der Einlullung der Massen durch das König Heinrich/Lohengrin-Bündnis. Für ihre Rache opfert diese raffiniert handelnde „femme fatale“ ihren Mann, den ULF PAULSEN mit markanter Stimme singt. Große musikalische Momente für PAVEL SHMULEVICH als König Heinrich und als einziger Verbündeter an der Seite von Elsa WIARD WITHOLT als kraftvoller Heerufer.
BETTINE KAMPP macht mit jugendlich - dramatischer Stimme überzeugend die Wandlung vom ahnungslosen Mädchen, das in den Sog politischer Ränke gerät, zur emanzipierten Frau deutlich. Dass der neuseeländische Sänger ANDREW SRITHERAN nach stimmlichen Aussetzern in der Brautgemach-Szene in der selten gehörten vollständigen Gralserzählung zu wunderbarem piano findet, zeigt das stimmliche Potential dieses jungen und attraktiven Sängers.
Für die Anhaltische Philharmonie unter ANTONY HERMUS und die von HELMUT SONNE einstudierten, Chöre gilt nach dieser Lohengrin-Premiere uneingeschränkt das musikalische Prädikat „Bayreuth des Nordens“. Selten hat man das Vorspiel zum 3. Akt und den Hochzeitsmarsch mit soviel musikalischer „Ironie“ und orchestraler Präzision erlebt. Ein fulminanter Auftakt des Dirigenten mit dem Orchester, enthusiastisch gefeiert. Das außerordentlich heftige Buh-Konzert für das Inszenierungsteam sollte nicht vom Besuch dieses Dessauer LOHENGRIN abhalten.
06.11.2009, 15:38 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Pressestimmen
152
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 6.11.2009
Anhaltisches Theater: „Das Tagebuch der Anne Frank“ als Monooper
Bewegendes Schicksal im Damals und Heute
Auf dem Blatt eines großen Abreißkalenders steht: „12. Juni 1942“. Zwischen großformatigen Bildern über die Nazidiktatur und den Holocaust an den Ausstellungswänden fallen Fotos auf, die ein junges, dunkelhaariges Mädchen zeigen. Ein Bild, das weltweit bekannt ist: Anne
Frank. Ihr Schicksal und das ihrer jüdischen Familie kennt die Welt. Ihr Tagebuch aus den Jahren des Verstecks vor den Nazis bewegt die Menschen.
Generalintendant André Bücker hat die Monooper „Das Tagebuch der Anne Frank“ am Anhaltischen Theater Dessau inszeniert.
Es gibt über Anne Frank zahlreiche Literaturveröffentlichungen, Bühnenwerke und andere Ver- und Bearbeitungen. In engster Anlehnung an den Originaltext komponierte der russische Komponist Grigori Frid (geb. 1915) die 1969 uraufgeführte Monooper. Das Dessauer Publikum erlebt die Klavierfassung mit der Sopranistin Cornelia Marschall und Stefan Neubert am Flügel.
André Bücker spannt einen dramatischen Bogen vom Damals zum Heute. Ins Zentrum stellt er das Tagebuch selbst. Symbolisch als Objekt in einer Art Schrein. Die „Handlung“ manifestiert sich in Anne Frank, deren Gedanken, ihren Erlebnissen.
Eine Betrachterin von Heute schaut sich die Bilder und Dokumente an, liest im veröffentlichten Tagebuch. Beeindruckt und gefesselt versetzt sie sich in die junge, 13-jährige Anne, lebt und fühlt wie sie, wird selbst zu Anne Frank.
Der Zuschauer ist mittendrin. Cornelia Marschalls variabler Gesang mit stets bestem Textverständnis und vor allem ihr situativ stimmiges Spiel lässt den Zuschauer nachdrücklich
teilhaben am Wechselspiel der Hoffnungen und Ängste, an Freude und Verzweiflung, an Träumen und Konflikten der jungen Anne Frank. Die Musik von Frid in einer bewegenden Bandbreite von stiller Epik bis aufrüttelnder Dramatik wird von Stefan Neubert gefühlvoll und hochkonzentriert in bewundernswerter Übereinstimmung mit der Darstellerin ausdrucksstark
interpretiert.
In 21 Episoden – knappen Bildern und kurzen, prägenden Augenblicken des Lebens dieser
kurzen Zeit – wird die Tragik des Erlebten der Anne Frank zwischen Kindsein und Erwachsenwerden für den Zuschauer selbst erlebbar, geht nahe. Die Darstellerin wird am Ende der einstündigen Oper wieder zur Betrachterin, ist im Heute. In einer Zeit, in der die Realität des Rechtsradikalismus, des Rassismus, der Gewalt gegenwärtig ist. Bückers Inszenierung macht darauf nachdrücklich aufmerksam – fordert geradezu auf zum Nachdenken und zum Handeln gegen diese reale Gefahr. Mitten unter uns. Als der leise Schlusston im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau im Kulturzentrum „Altes Theater“ verklungen ist, dauert es bei der Premiere eine geraume Zeit des Betroffen-, wohl auch Ergriffenseins, ehe diese denkwürdige Inszenierung mit viel Beifall bedacht wurde.
Die nächsten Vorstellungen finden am kommenden Montag, dem 9. November, um 18.30 Uhr und am Dienstag, dem 10. November, um 11 Uhr statt.
05.11.2009, 12:17 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Lohengrin
, Pressestimmen
149
Karsten Pietsch, Leipziger Internetzeitung/ Kultur. Theater, 04.11.2009
Theaterbrief aus Dessau:
Wagners „Lohengrin“ und zwei Stunden warten auf den Kuss von Elsa und Ortrud
Kaum dass die ersten Ouvertüren-Takte verklingen, dämmert es hinter dem Vorhang. Menschen in heutiger Kleidung lümmeln auf den Tischen und Stühlen einer Konferenz-Arena. Die Strukturen der Macht, der Akteure und der Reagierenden sind klar erkennbar, ein trefflicher und machtsicherer Ort auch für Befragungen und Urteile.
Elsa hat Gleichgewichts- und Bewusstseinsstörungen, greift zur Pulverdose, die man ihr wegnimmt. Mit Rausch kämpft sie den Abend lang.
„Offenes Land“ ist die Spielzeit übertitelt, die Leitung des Anhaltischen Theaters hat gewechselt. Im Spielzeitheft gibt es vornehmlich Foto-Schnappschüsse aus der Region.
Kein Regisseur muss an dem anknüpfen, was von gleichen Autoren vorher am selben Haus inszeniert wurde, mag es das Publikum tun, wenn ihm danach ist. Johannes Felsensteins Wagner-Sicht auf „Parsifal“ hatte so viel Kunst, wie nötig war, dass man nichts mehr weglassen konnte. Aus einem Holz geschnitzt. Der tote Baum lag auf der Bühne, war Höhle und, wenn er aufgerichtet war, auch Kruzifix in der Gralsburg.
Andrea Moses geht einen anderen Weg, zeigt pures Heute, setzt als Regisseurin, und in der neuen Dessauer Theaterleitung Schauspielchefin, beim Publikum keine Kenntnisse um Wagner und irgendwelche Zeitereignisse voraus, sie erzählt alles.
Lohengrin 2009: Menschen gestalten -Zukunft bewegen
Über der Bühne von Christian Wiehle hängt in großen Lettern, die sich grafisch nicht akkurat zu einem Gesamtbild fügen „Menschen gestalten - Zukunft bewegen“. Mit einer solchen Parole, um zwei Worte verdreht, zogen ja tatsächlich Politiker in den Wahlkampf. In dieser Form nun ist sie nicht eine harmoniesüchtige esoterische Anwandlung, sondern Gehirnwäsche, totalitärer Anspruch, ein Apparat. Stilisiert mit einem Schwanenhals, Gefieder und grellem Lichtstrahl. Leider kommt die Regie nicht auf die Idee, die vier Worte der Losung ein paar Mal sinnstiftend zu verändern.
Da kommt einer daher, meint man müsse ihm folgen, dürfe aber nie fragen, woher er käme. In der Regie von Andrea Moses sieht man auf der Bühne nicht viel andere Kleidung, ebenfalls von Christian Wiehle gestaltet, als die des Publikums, Frisuren und Brillen im Chor scheinen auf Menschenmengen zu verweisen, die auch bei früheren Inthronisierungen schon dabei waren. Ein neuer Heilsbringer kommt auch auf die Zuschauer zu, denn der Chor agitiert mit seinen wappendekorierten Liederbüchern im Saal. Überdeutlich ist der Zeigefinger: Vorsicht vor Uniformitäten, Wappen, Liederbüchern, Vereinnahmungen.
Goldglitzer und Luftballons sichern der Putzfrau Arbeit
Andrew Sritheran singt und spielt den Lohengrin, schwarzhaarig, dunkelhäutig, weltmännisch daherkommend, auf extra eingefahrenem Podest wie in einem eigens errichteten Tempel. Bettine Kampp als Elsa von Brabant und Iordanka Derilova als Ortrud sind Stimmen, die sich schon längst im Wagner-Fach zu Hause fühlen dürfen. Von der Regie kriegen sie interessante Momente. Nach zwei Stunden Spielzeit dürfen sie sich sogar küssen. Am Ende des ersten Aktes gibt es Goldglitzer von oben und Luftballons, eine unvermeidliche Zutat aus dem Werkzeugkasten cooler Ausstatter und Spielleiter. Bleibt für die Phantasie sonst nur noch der Zwischenraum zwischen Schwarz und Weiss, Schatten und Dämmerung?
Immerhin gibt das einer Putzfrau Arbeit, der wir danach zusehen dürfen.
Man sieht sicher auch ohne Kenntnis der Handlungsbeschreibungen, dass es sich hier um einen Intrigantenstadel handelt. Programmhefttexte erzählen mit Namen von Personen und Firmen etwas von heutigen Lobbyismus genannten Einflüssen und Abhängigkeiten zwischen Wirtschaft und Politik. „Du bist Brabant“ steht über der Szene des zweiten Aktes, „Vertrauen in Deutschland“ wird im dritten Akt per Losung eingefordert.
Im Brautgemach sehen wir unter anderem auf am Fenster vorbeiziehende Wolken; landläufig ist das der Alptraum der Darsteller vieler Naturbühnen, dass sich das Publikum vom Bühnengeschehen abwenden könnte, um den vorbeiziehenden Wolken nachzuschauen.
Man ist schon über Leichen gegangen, hat Fahnen geschwungen wenn Gottfried, wir sind wieder bei Wagners Mythos-Stoff, aus dem Schnürboden herunterschwebt. Dabei werden die Scheinwerfer zum Blenden ins Publikum gerichtet.
Martin Gregor-Dellin schloss seinen Wälzer der Wagner-Biografie mit den Worten: „Was folgte, ist Nachwelt, eine andere Geschichte, ohne Wagner, und fern ist Heute, von ihm getrennt durch Katastrophen.“ In den Anmerkungen findet sich Gregor-Dellins Kommentar zu Deutungen der Figuren aus dem „Ring des Nibelungen“: „Hagen als Wiedergeburt wäre Hitler usw., aber wozu gibt es Inszenierungen?“ Man kann hinzufügen: „Und dann ist in jedem Fall der alte Wagner an allem Schuld!“
Dessauer Unikat
Zeitreisen auf mehreren Ebenen sind im Theater üblich. Bei Richard Wagners „Lohengrin“ im Anhaltischen Theater Dessau schmilzt der von Wagner geschriebene Mythos zur großen Gefahr in Form von wieder einmal neuen Leitfiguren und Aufmärschen, die mit Wappen und Liederbüchern Seelen fangen. Musiktheater, bei dem zum alten Soundtrack sehr viel zu sehen ist. Sänger sind zu hören, deren Namen man sich merken kann, weil die wagnersingende Reisegemeinde überschaubar ist. Immerhin eine Version anno jetzt, 2009, ein Dessauer Unikat.
Nächste Vorstellungen im Anhaltischen Theater Dessau: 22. November, 27. Dezember 2009, 4. Februar, 3. April, 13. Mai 2010
www.anhaltisches-theater.de
03.11.2009, 13:36 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
148
Raus aus der Vergangenheit
André Bücker vollbringt am Anhaltischen Theater in Dessau einen auf ganzer Linie überzeugenden Neustart als Nachfolger von Johannes Felsenstein
Eine Putzfrau, ausgerechnet eine Putzfrau ist es, die zur Augenzeugin der Verschwörung wird: Im verwüsteten Plenarsaal, wo Luftballons zwischen umgeworfenen Stühlen liegen, blickt sie schweigend auf den abgesetzten Herrscher und seine First Lady herab. Und während sich die Anhänger des Gewesenen spätestens in diesem Augenblick auf radikale Ablehnung einigen, sehen all jene, die auf das Kommende gehofft haben: Hier findet tatsächlich ein Akt der Reinigung statt, ein Kehraus jener Tradition, die auf dem Anhaltischen Theater zuletzt bleischwer lastete.
Nichts weniger hatte André Bücker für seine erste Dessauer Spielzeit angekündigt, nichts weniger hat sein Team mit dem ersten Premierenwochenende gehalten: Der Premieren-Hattrick aus Einar Schleefs „Abschlussfeier“, Richard Wagners „Lohengrin“ und Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ war eine politische und poetische Ansage, die in ihrer programmatischen Geschlossenheit wie in ihren ästhetischen Differenzen zu schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigte. Dass sich der neue Generalintendant dabei in nobler Zurückhaltung übte und seine eigene Inszenierung an den Schluss des großen Theater-Festes stellte, durfte nach den Tagen des Patriarchen Johannes Felsenstein als Bekenntnis zum demokratischen Miteinander verstanden werden.
Die Fallhöhe seines „Nathan“ aber ist gleichwohl himmlisch: Rechas Vision, die einen Engel statt des Tempelherrn für ihre Rettung aus dem Feuer verantwortlich macht, wird als Prolog auf der großen Showtreppe zwischen Erde und Wasser, Feuer und Luft sichtbar beglaubigt. Im elementaren Bühnenbild von Suse Tobisch, die auch für die sakrale Haute Couture der Kostüme verantwortlich zeichnet, liest das neue Ensemble fortan einen alten Text, als wäre er ein Stück von heute. Uwe Fischers Nathan ist kein statuarischer Weiser, sondern ein von Kleinmut und Zweifeln getriebener Mensch, der sich seine Güte mühsam erarbeiten muss – und eigentlich lieber sein Gärtchen bestellen würde. Doch seitdem der selbstbewusste, kraftstrotzende Tempelherr (Sebastian Müller-Stahl) seine traumverlorene Adoptivtochter Recha (Ines Schiller) aus den Flammen getragen hat, bleibt ihm weder Zeit für seinen skurrilen Derwisch-Freund (Thorsten Köhler) noch für die Glaubensnöte seiner Dienerin Daja (Eva-Marianne Berger), die unter der Last ihrer Kruzifixe zusammenzubrechen droht und vom vielen Beten schon Pflaster an den Knien hat. Zwischen dem bigotten Patriarchen (Gerald Fiedler) und dem leichtsinnig toleranten Kampfsportler Saladin (Stephan Korves) muss der Jude sein höchstes Gut verteidigen – und gleichzeitig die Begehrlichkeiten von Sittah (Antje Weber) abwehren. Wie gut, dass wenigstens der Klosterbruder (Henning Kober) als Deus ex machina hält, was sein mit Heiligenbildchen bestickter Kittel verspricht …
André Bücker glückt es auf überraschende Weise, den Humor des Lessing-Textes als Geschmacksverstärker für die Bitterkeit freizulegen, er schlägt in der überwältigenden Körperlichkeit seines Ensembles einen gleichermaßen natürlichen wie hohen Ton an – und läuft am Ende in einhellige Begeisterung, nachdem sich am Vorabend ein Sturm aus Buh- und Bravo-Rufen über seine neue Chefregisseurin ergossen hatte. Dabei war auch Andrea Moses mit ihrem „Lohengrin“ ein großer Wurf gelungen: Sie hatte nicht nur den schimmernden Helden als Demagogen entzaubert, der mit seinem Frageverbot einen esoterischen Faschismus etabliert. Sie hatte zugleich den Hochbunker aus dem Jahr 1938 in all seinen gigantischen Möglichkeiten ausgeschöpft – und mit dem Haus auch die Menschen bewegt.
Denn dies war die frappierendste Neuerung ihres Abends, der in Christian Wiehles Ausstattung Schnürboden und Versenkung, Hinter- und Seitenbühne beansprucht: Ihre individuelle und präzise Figurenführung löste endlich jene musiktheatralische Qualität ein, die in den letzten Jahren vor Ort meist zur bloßen Behauptung verkommen war. Der Chor, verstärkt um Mitglieder des Extrachores und des freien Coruso-Ensembles, zeigte sich unter der Leitung von Helmut Sonne sängerisch wie darstellerisch in der Form seines Lebens, die Anhaltische Philharmonie spielte unter Antony Hermus gar weit über ihren bisherigen Möglichkeiten. Wie hier die Szene aus dem Klang geschöpft und in den Ton zurückgeführt wurde – das hatte Charme und Kraft, das war eine Verführung zum Denken und ein Bekenntnis zum „Bayreuth des Nordens“.
Dass sich neben den verlässlichen Konstanten Ulf Paulsen (Telramund) und Iordanka Derilova (Ortrud) ein neues Sängerensemble behauptete, von dem man sich künftig viel erwarten darf, rundete den positiven Eindruck: Pavel Shmulevich ist ein viriler König Heinrich, neben dem auch sein Heerrufer Wiard Witholt glänzende Figur macht. Und während Bettine Kampp als zunächst narkotisiertes Opfer Elsa allmählich zur selbstbewussten Frau reift, die als Einzige dem militanten Sog der New-Age-Gemeinde entrinnt, muss Andrew Sritheran in seinem Rollendebüt als Lohengrin zwar Lehrgeld zahlen. Er rettet sich – von Antony Hermus treulich geführt – aber mit Bravour über den Abend und wird an dieser Rolle gewiss weiter wachsen. Dass das gesamte Ensemble am Ende zudem wie ein Mann applaudierend hinter seiner Regisseurin stand, die drei Tage nach ihrem Dessauer Einstand mit der Berufung an die Staatsoper Stuttgart bereits die nächste Karriere-Stufe nahm, war ein Beweis für den neuen Geist, der auf dieser großen Bühne weht – und der Andrea Moses auch darin bestärkt, ihren Dessauer Vertrag bis 2011 zu erfüllen.
Dass Armin Petras schließlich ein besonderes Geschenk zum Einstand mitbringen würde, hatte man angesichts seiner Affinität zum Werk von Einar Schleef vermuten dürfen. Und tatsächlich geriet die „Abschlussfeier“, die vom Clash der Kulturen in einer DDR-Jugendherberge erzählt, zu einem Schauspielerfest voll überdrehter, traurig grundierter Heiterkeit: Ursula Werner und Hilke Altefrohne, Julischka Eichel und Sabine Weibel gaben als Gorki-Gäste hier das Niveau vor, zu dem sich auch die Ensemblemitglieder Regula Steiner-Tomic und Christel Ortmann sowie der Jugendklub des Anhaltischen Theaters streckten. Aus der kleinen Spielstätte wuchs und öffnete sich dieser so kluge wie sentimentale Abend in die Stadt hinein. Und am Ende der großen Party in einem kleinen Land konnte man wissen, dass dort vielleicht nicht alles schlecht – aber ganz gewiss gar nichts gut war.
Dass bereits in der ersten „Lohengrin“-Pause das neue Gästebuch mit dem Eintrag „André Bücker absetzen“ eröffnet worden war, erzählte viel über die Aufnahmebereitschaft der Alten für das Neue. Das letzte Wort aber hatte der Hausherr selbst: Nachdem ein Kinderchor die drakonische Strafe für Menschlichkeit zunächst noch mit „Hallelujah“ bejubelt hatte, schwebte am Ende eine bunte Leuchtschrift über der Szene: Ein roter Halbmond bildete das „C“, ein Davidsstern das „X“ und ein Kreuz das „T“ in dieser Aufforderung, die sich insgesamt als „Coexist“ lesen ließ. Und Nathan, dieser Mensch von Hier und Heute, pflanzte endlich seinen Baum. Was für ein Bild, welch ein Versprechen!
02.11.2009, 20:35 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
147
Ute van der Sanden, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 03.11.2009
Triumphzug des Belcanto
Neue und alte Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters übertrumpfen sich in «Serata di Gala»
Beide Konzertmeister der Anhaltischen Philharmonie lächelten beim Betreten der Bühne ins Publikum. Man müsste den Satz glatt noch einmal hinschreiben, so außerordentlich erschien, was sich am Freitag im Theater zutrug. Dabei wurden die frohen Gesichter von Myra van Campen-Bálint und ihrem Stellvertreter Martin Schulze, so imposant sie zunächst wirken mochten, mehr und mehr zur Marginalie. Knapp 900 Menschen erlebten im beinahe ausverkauften Großen Saal die Premiere der "Serata di Gala". Sie genossen eine Vorstellung der romantisch-dramatischen Oper, die italienischer geriet, als man zu hoffen gewagt hatte, und die somit die meisten Erwartungen übertroffen haben dürfte.
Nicht, dass man das Dessauer Publikum mit einem Gefälligkeitsprogramm aus Bravourarien und Ohrwürmern geködert hätte. Neben Ausschnitten aus Verdis "Traviata" und "Don Carlo", aus Puccinis "Manon Lescaut" und "La Bohéme" erklangen Raritäten, etwa aus Leoncavallos "Zazà". Gewiss gilt die italienische Oper den Sängern als willkommene Herausforderung. Sie zeigen, was sie drauf haben, und das Publikum liebt sie dafür. Hier kam es noch besser, denn zunehmend war den Solisten ihr Auftreten mehr Vergnügen als Dienst.
Con fuoco ließ Generalmusikdirektor Antony Hermus schon Verdis "Sizilianische Vesper" von der Bühne zischen. Was nach der Ouvertüre geschah, sprach für sich. Ulf Paulsen sang mit wie durch ein Wunder erholter Stimme aus "Andrea Chenier", bekam Bravos und lief lachend in die Gasse. Cornelia Marschall brillierte in Mascagnis "Lodoletta" mit lupenreinen Sprüngen und gab eine herrlich vitale Musette in "La Bohéme", auch sie klang ausgeruht. Als Iordanka Derilova in tomatenroter Robe gen Rampe wehte, ging ein Raunen durch Publikum und Orchester. Sie sang mit Andrew Sritheran aus "Tosca", dass einem das Herz aufgehen wollte, und ihre "Turandot" war die reinste Raserei. Kostadin Arguirov gestaltete den Auftritt des besorgten Germont mit stimmlicher und szenischer Kraft. Ob sie alle sich und ihre Stimmen neu gefunden haben? Oder wieder?
Die kürzlich engagierten Solisten taten das Ihrige. Angelina Ruzzafante begeisterte mit strahlender oberer Lage und exzellenten Koloraturen. Das Finale des ersten "Traviata"-Akts krönte sie mit dem hohen Es aller wahrhaften Primadonnen. Bassist Pavel Shmulevich ist, wie seine "Don Carlo"-Arie "Ella gaimmai m'amo" zeigte, ein Filippo, wie er im Buche steht. Andrew Sritheran und Wiard Witholt, der neue lyrische Bariton mit ungewöhnlich weichem Timbre, begegneten sich im vierten Akt der "Bohème" auf erfrischende Weise "in un coupé". Schließlich das "Libiamo" aus der "Traviata" zum Mitklatschen und Mitsingen - da war's für alle ein großer Spaß. Antony Hermus atmete mit den Sängern und verführte seine Musiker mit liebenswertem Enthusiasmus zu rasantem, federndem oder kantablem Spiel. Nicht unerwähnt dürfen die Glanzvorstellungen des Solocellisten Matthias Wilde im "Manon"-Vorspiel und in der Arienbegleitung zu "Don Carlo" bleiben.
Kein Wunder also, dass sich das Publikum von Auftritt zu Auftritt in seine Begeisterung hineinjubelte und lostobte, kaum dass die Sänger ausgeatmet hatten. Die kurzweilige Gala mit einer Dauer von drei Stunden hatte zwar keine Längen, war nach der Pause allerdings auch nicht mehr steigerungsfähig.
Heribert Germeshausen, neu am Haus als leitender Musikdramaturg, kam ebenfalls auf den Punkt. Er sprach über Libretti, Orchestrierung und Personalstile - kurz und bündig, ernsthaft und kundig. Seine Moderation trug er auswendig vor, nur ein Bellini-Zitat las er ab: "Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen". In diesem Sinn ist das Ensemble des Anhaltischen Theaters vor sein Publikum getreten. Mit Superlativen soll man bekanntlich vorsichtig sein, hier sind sie angemessen: Ein Wettstreit der Sänger, ein Fest der Stimmen, ein Triumphzug des Belcanto, in und für Dessau - bravissimo!
Nächste Vorstellung am Sonnabend, 14. November, 17 Uhr.
02.11.2009, 20:06 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Lohengrin
, Pressestimmen
145
Roberto Becker, Freies Wort, 15.10.2009
Macht haben immer die anderen
Oper | Andrea Moses gelingt mit ihrem „Lohengrin“ ein fulminanter Einstieg als Chefregisseurin in Dessau
Es ist fast schon unheimlich: Genau am Tag der Premiere von Andrea Moses‘ „Lohengrin“ in Dessau stirbt Reinhard Mohn, Gründer und spiritus rector der Bertelsmann-Stiftung. Aus solchen Denkfabriken beziehen politische Eliten heute einen Gutteil ihres geistigen Strategie-Dopings. Und das ist in Andrea Moses‘ ersten großen Wagner-Inszenierung ein Thema. Wenn man genau hinsieht, dann liefert der Wunderritter, der aus dem Nichts auftaucht, sich jede Nachfrage nach seiner Herkunft und Legitimierung verbittet, aber Liebe und Gefolgschaft einfordert,
tatsächlich die Steilvorlage für eine Analyse der Manipulationsmechanismen, die die Politik heute selbst dann braucht, wenn sie, wie Barack Obama, glaubwürdig an einer Wende zum
Besseren interessiert ist.
Wenn der Dessauer Lohengrin schließlich mit einem Gefolge adretter Helferinnen, die ein
geistiges Geschenkpaket für jeden dabei haben, genau zum richtigen Zeitpunkt aus der Versenkungauftaucht, und erst dem König und dann Elsa die Hand reicht, dann sieht das in einem Glitzer- und Luftballonregen nicht von ungefähr so aus wie auf einem amerikanischen Wahlkongress. Auch in diesem modernen Bühnenbrabant
sind die tatsächlichen Strippenzieher (König Heinrich und sein Vize, der Heerrufer) bestens
via Handy mit ihrer Zentrale vernetzt. Und auch hier werden sie durch die diskreten Herren mit Sonnenbrille, Mitschreib-Laptop und Pistolen im Gurt geschützt. Vor Wackelkandidatinnen wie die psychisch offenbar etwas labile Thronerbin Elsa oder vor immer noch vergleichsweise klar denkenden Quertreibern, wie
Ortrud und Telramund. Weil die beiden sich als einzige nicht von der verteilten, neuen Bibel mit dem Schwanenlogo drauf oder dem Spruch über der Bühne „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ einwickeln lassen, werden sie bei Andrea Moses zu fast schon positiven Helden. Wobei natürlich auch die beiden der Manipulation
Widerstand entgegensetzen, um selbst beim Kampf um die Köpfe im Spiel zu bleiben.
Spannende Geschichte
Am Ende behalten die Mächte, die aus dem Hintergrund und ohne Legitimation herrschen, und ihre militärischen Expansionspläne mit Zustimmung der Massen umsetzen wollen, die Oberhand. Wenn Lohengrin im Brautgemach als eine Art Superberater und Politschauspieler im Solde der Herrschenden auffliegt (Telramund hat eine Filmkopie von der Geldübergabe!), zieht der zwar ab, sorgt aber für einen Ersatzmann, der aus dem Schnürboden einschwebt.
Vor diesem noch etwas unfertigen, willfährigen Gottfried freilich ist Elsa dann so entsetzt,
dass sie zu guter letzt doch noch zu sich kommt und aus dem Stück und von der Bühne flieht.
Was Andrea Moses abgeliefert hat, ist einen spannend erzählte Geschichte, die mit der
klassischen eine zweite, in ihr verborgene miterzählt, ohne die erste zu ignorieren. Das hat in
Christian Wiehles Bühne, zwischen dem Auditorium, dem sakralen Hochzeitsgerüst und dem
Hochzeitsbungalow über den Wolken einen Raum für spannende, durchweg exzellent erspielte Figurenporträts. Mit Sängerdarstellern von Format. Wie der schon in Meiningen gut bekannten Bettina Kampp, die die Elsa tatsächlich als eine etwas seltsam traumatisierte Frau durch die Welt taumeln lässt. Am Ende aber ist sie die einzige, die sich der um sich greifenden Kriegshysterie entziehen kann.
Andrew Sritheran hat als Lohengrin am Ende genügend Kraft für die sonst fast nie zu hörende komplette Gralserzählung. Der erweiterte Chor wächst stimmlich und darstellerisch über sich hinaus, und auch der neue GMD der Anhaltischen Philharmonie, Antony Hermus, kann den Abend als Erfolg für sich verbuchen. Sicher ging da auch manches schief, und ein so aufgemischter Hochzeitsmarsch ist
Geschmacksache – doch insgesamt gab es in Dessau nicht nur auf der Bühne, sondern auch aus dem Graben spannenden, faszinierenden Wagner. Dass Andrea Moses am Ende neben Begeisterung auch Widerspruch erntete, gehört bei Wagner irgendwie dazu. Ihr „Lohengrin“ jedenfalls knüpft an ihr Strauss-Doppel in Meiningen und ihre Weimarer „Turandot“ an. In Dessau jedenfalls sind spannende Theaterzeiten
angebrochen.
www.anhaltisches-theater.de
29.10.2009, 08:56 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Pressestimmen
135
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 29.10.2009
Premiere
Ein Mädchen im Erinnerungsraum
André Bücker inszeniert im Alten Theater die Mono-Oper «Das Leben der Anne Frank»
Rechts zeigt ein Abreißkalender den Tag ihres 13. Geburtstages, an allen Wänden hängen Fotos und Plakate, in der Mitte aber ruht in einer blau glühenden Vitrine ihr Vermächtnis - das Tagebuch der Anne Frank. Wäre da nicht ein Fenster, das an den Dachboden im Hinterhaus der Prinsengracht Nummer 263 gemahnt - man könnte meinen, man wäre in einem Museum für die Amsterdamer Jüdin gefangen, deren Schicksal längst zum Synonym für den Holocaust geworden ist. Und tatsächlich ist die junge Frau, die hier noch einmal die berühmten Texte memoriert, nicht nur eine historische Gestalt, sondern auch ein Mensch der Gegenwart. Alles andere, das weiß man nach diesem Abend, wäre pietätlose Anmaßung.
Wie konnte man "Das Tagebuch der Anne Frank" nur all die Jahre im Gestus einer nachträglich betroffenen Schreckstarre darstellen, der ein politisch korrektes Kritik-Verbot eingeschrieben war? Was Generalintendant André Bücker mit der ideal besetzten Cornelia Marschall und dem kongenialen Pianisten Stefan Neubert jetzt aus Grigori Frids Mono-Oper herausgelesen hat, straft all diese Interpretationen Lügen. Denn die Inszenierung im Alten Theater denkt die Rezeptionsgeschichte immer mit: Anne Frank geht hier durch einen Erinnerungsraum, der nationalsozialistische Propaganda unmittelbar mit den Zeugnissen der Shoa konfrontiert. Da hängen Werbeplakate von Gestapo und Hitlerjugend neben den Bildern des Mädchens mit dem schwarzen Haar, das so fröhlich und offen in die Kamera blickt. Und da hängt eine Textpassage aus dem Tagebuch neben den Fotos von Massengräbern und vom Schienenstrang zur Gaskammer, während sich auf dem Boden Exemplare des millionenfach vervielfältigten Tagebuchs finden.
Das ist die unterschwellig mitlaufende Botschaft dieses kleinen, großen Abends in der Ausstattung von Katja Schröpfer: Anne Franks Leben, das sich nur von ihrem Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen her begreifen lässt, ist unwiederbringlich seiner Privatheit beraubt worden. Dass das junge Mädchen dies mitgedacht hat, als es seine Memoiren für eine Veröffentlichung nach dem Krieg vorbereitete, ändert nichts an diesem Befund: Die Kinder der Täter haben ihre Reue an einem exemplarischen Opfer abgearbeitet, das Dilemma der Besinnung auf die Schuld bleibt unauflöslich. Das zeigt auch die subtile Collage aus Licht, Toneinspielungen und Video, die den Zuschauer nicht in die Anonymität eines abgedunkelten Auditoriums entlässt.
Über dieser ambivalenten Grundierung aber erlebt man eine Sängerin, die viele Farben und Gesichter in sich vereint: Cornelia Marschall kann übermütiges Kind und erwachende Liebende sein, sie parodiert und karikiert ihre Mitmenschen oder träumt gedankenverloren unter dem Fensterhimmel. Dass Stefan Neubert sie beruhigend und alarmierend, aber nie nur illustrierend durch diesen stimmlich wie darstellerisch bravourös gemeisterten Kraftakt begleitet, ohne dass sie Sichtkontakt hätten, ist bewundernswert. Am Ende aber, nachdem der Abreißkalender unabänderlich auf den 1. August 1944 - den Tag der letzten Eintragung - fixiert ist, nimmt Anne im Publikum Platz. Und es dauert eine gefühlte Ewigkeit der Stille, ehe begeisterter Applaus aufbrandet.
Nächste Vorstellungen: 9. November, 18.30 Uhr; 10. / 19. / 20. November, jeweils 10 Uhr
27.10.2009, 09:33 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Lohengrin
131
Reinhard Wengierek, Die Welt, 27.10.2009
Massen im Gleichschritt
Heute Dessau, übermorgen Stuttgart: Andrea Moses inszeniert einen fulminanten "Lohengrin"
Die sagenhaft 215. Spielzeit am Anhaltischen Theater zu Dessau wurde trompetenschrill und violinensüß eröffnet. Die komplett neue Führung unter Generalintendant André Bücker will den zuletzt ziemlich angestauten Muff hinwegfegen, den Ex-Intendant Johannes Felsenstein - Sohn des Opernavantgardisten Walter Felsenstein - in seiner Amtszeit von geradezu stalinistischem Ausmaß hinterließ.
Das Opern-Opening, flankiert von zwei Mal Schauspiel - eine Schleef-Uraufführung unter Armin Petras und Lessings "Nathan" unter Bücker -, dieser Start mit Wagners "Lohengrin" in Regie von Andrea Moses (Opern- und Schauspielchefin) und Antony Hermus (Generalmusikdirektor) war, um es gleich zu sagen, ein Paukenschlag von metropolitaner Kraft, der obendrein anspielt auf die Geschichte des einst von fürstlichen Gnaden gegründeten Instituts, das als ein "Bayreuth des Nordens" galt. Und das auch aus diesem Grunde (und um den "wehrwirtschaftlich" bedeutenden Standort zu umglänzen) von den Wagnerianern an der Nazi-Spitze 1938 einen deutlich überdimensionierten Neubau spendiert bekam.
"Lohengrin" handelt von der verbreiteten Sehnsucht nach einem machtvollen Führer ins Glück, einem verlässlichen Daseinsbeschützer - und obendrein selig machenden Liebhaber. Der Ritter Lohengrin - Andrew Sritheran als starker Mann im Business-Dress mit knallroter Krawatte - als Retter aus verfahrenen Situationen im Sozial-Politischen wie Privat-Erotischen, der jedoch, Wagners dramatischer Kniff, nur zu funktionieren imstande ist bei bedingungsloser Hingabe der sich ihm Anvertrauten: das Volk von Brabant in Kostüm und Anzug sowie die unglücklich einsame Elsa (Bettine Kampp).
Doch es klappt nicht, obgleich schicke Lohengrin-Hostessen unentwegt indoktrinäre Anleitungen zum rechten Glauben an den großen Meister verteilen. Weil: Die Glückseligkeit, die sich die formierte Mehrheitsgesellschaft durch blinde Gefolgschaft erkaufen will, wird von einer kritischen, dabei allerdings auch nicht froh werdenden Minderheit (Elsa; Ortrud: Iordanka Derilova; Telramund: Ulf Paulsen) unmöglich gemacht. Der gebückte Gang unterm Zwang gottgleich sich erhebender Führerfiguren führt nicht ins Heil - das erzählt Andrea Moses so schlüssig wie überraschend heutig. In psychedelisch-sakralen, düster schicken Versammlungsräumen von Christian Wiehle, nicht unähnlich den Hallen der Scientology-Church. Überm Bühnenportal prangt in knalligen Lettern die perfide Losung: "Menschen gestalten, Zukunft bewegen".
Es ist die Beschwörung einer böse dräuenden, quasi-religiös faschistoiden Dunkelwelt. Unheimlich gerade auch dadurch, dass sie in märchenhaftem Schönklang der Anhaltischen Philharmonie sowie nicht ohne menschelnde Komik erscheint. Ein präzis geführtes Spiel, das stringent aufs Tragödische zielt. Auf das wuchtige Warnbild vorm heillosen Gleichschritt-Marsch der Masse ins Manipulierte, Fremdbestimmte, der renitente Individuen überrennt und ausstößt.
Großes Gegenwartstheater mit Wagner als frappierend selbstverständlichem Zeitgenossen. Eine der plausibelsten "Lohengrin"-Produktionen hierzulande; Bayreuth aufgemerkt. Und obendrein die allerbeste Empfehlung für Regisseurin Moses, die in zwei Jahren gemeinsam mit Intendant Jossi Wieler Stuttgarts Staatsoper als Hausregisseurin beglücken wird.
Termine: 22. November, 27. Dezember; Karten: (0340) 25 11 333
22.10.2009, 07:33 | tags:
Schauspiel
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Pressestimmen
119
Joachim Lange, Dresdner Neueste Nachrichten, 20.10.2009
Lohengrin, übernehmen Sie!
Das Anhaltische Theater wagt mit einer Schleef Uraufführung und einem Wagner Klassiker den Neustart.
Das Anhaltische Theater in Dessau gehört zu jenen Häusern, für die aktuelle Spielzeitauftakt zugleich ein Neustart ist. André Bücker ist der neue Intendant, Andrea Moses die neue Chefregisseurin, Antony Hermus der neue GMD der Anhaltischen Philharmonie. Johannes Felsenstein hat dieses Haus als Intendant fast zwei Jahrzehnte durch alle Nachwendegefährdungen sicher geführt und als Regisseur bewusst neben dem Mainstream der ästhetischen Aufbrüche geprägt. Er gehört wohl zu den letzten Opern-Patriarchen dieser Art. Dass man in Dessau tatsächlich die Kraft zu einem ästhetischen Neuanfang hat, der auf dem Ererbten aufbaut, belegte jetzt vor allem der neue „Lohengrin“, der am Samstag in einem mit Buhs gewürzten Publikumsjubel endete.
Als Auftakt gab es am Tag zuvor die Uraufführung eines Textes von Einar Schleef. Armin Petras, der Intendant des Maxim Gorki Theaters in Berlin, der nebenbei als Regisseur und (Pseudonym-)Autor Fritz Kater längst ein ausgewiesener Bühnenverarbeiter der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte ist, hat in einer Koproduktion mit seinem Haus, jetzt die dramatisierte Version von Schleefs „Abschlussfeier“ ins frisch hergerichtete neue Alte Theater inszeniert. Da wird 1978 in Kühlungsborn das Ende eines Aufenthalts von französischen Jugendlichen in der DDR gefeiert.
Eigentlich geht es aber um den ernüchternden Blick auf sich selbst, den die Besucher bei den (nicht so ganz freiwillig) Daheimbleibenden provozieren. Da monologisieren die Heimleiterin, ihre viel jüngere Stellvertreterin und zwei Küchenkräfte über das Leben. Mit seiner Wärme, die beim notgedrungenen Zusammenrücken oder beim pragmatischen Umgang mit dem Unvollkommenen entstand. Und mit der Kälte, die aus dem Misstrauen erwuchs. Auch wenn das in der Rückschau vielleicht ein paar Mal zu oft und direkt beim seinem Stasi-Namen genannt wird, das Prinzip stimmt schon, nach dem was man heute so weiß.
Den Heimleiterinnen- und Stellvertreterinnen monolog und das Küchenfrauengeplänkel gibt es in der intimen Studio Bühne. Den unbeaufsichtig, enthüllenden Nach-Fete-Kater, inklusive heimlichem Westfernsehgucken im auf Jugendclub der Endziebziger getrimmten Foyer.
Und eine Abschiedsgaudi vor dem Theater mit etwas Ostseesand und einem Barkas draußen, mitten in der Dessauer Abendwirklichkeit von heute. Das ist nun auch durch Petras‘ raumgreifende und aufmotzende Inszenierung noch keine Tiefenanalyse der DDR, aber doch ein Blick auf einen Alltagsausschnitt, der vor allem durch die wunderbare Ursula Werner als Heimleiterin für sich einnimmt. Wie sie ihr Selbstbild vom zufriedenen Leben in der Andeutung von Gesten bricht, den Zweifel nicht zulässt, sich fügt, ohne sich aufzugeben, die Sympathie auf sich zieht – das ist ein Kabinettstück großer Schauspielkunst, das allein diesen Abend lohnt. Und doch spielt sie als Chefin weder ihre beiden herrlich weggedrückten Küchenhilfen (Christel Ortmann und Regual Steiner-Tomic), noch ihre nölig ehrgeizige Stellvertreterin Hilke Altefrohne oder die beiden Mädels Gisela (Julischka Eichel) und Gerda (Sabine Waibel) an die Wand. Da wird die Reise in die Internationale Jugendherberge zu einem herzerwärmenden Besuch einer hinreißend, jungen alten Dame.
Mit dem Lohengrin dann knüpfte das große Haus an die Dessauer Wagnertradition an (wovon Gottfried Wagners Vorgänger-Lohengrin, kurz nach der Wende, eher eine seitliche Eventarabeske war). Überm Bühnenportal prangt jetzt mit „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ eine „human coaching“ Losung, die einem im Laufe des Abends immer klarer und unheimlicher wird.
Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle haben Wagners Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um die Macht und auch die Frage, ob die Freiheit Brabants an der ungarischen Grenze verteidigt werden muss. Am Ende marschieren denn auch alle im Gleichschritt unter wehenden Fahnen im wahrsten Wortsinn rückwärts in den Krieg und nur Elsa entkommt dem triumphierenden Wahnsinn über den Zuschauerraum.
Hatten Katharina Wagner in Budapest in ihrem Wende – Lohengrin den 89er Bruch verarbeitet und Florian Lutz, in Gera-Altenburg, die Nachwende-Zeit im Osten Deutschlands thematisiert, so verlängert Moses dieses Lohengrin-Potential sozusagen in die drohende Zukunft einer durchmanipulierten, von nicht legitimierten Mächten gelenkten Gesellschaft. Ohne auf eine allzu direkte politische Metaphorik auszuweichen. „Du bist Brabant“ überm Traualtar und ein eher ironisches „Vertrauen in Deutschland“ über dem Brautgemach-Bungalow auf der ebenso ironischen Wolke Sieben reichen.
Es beginnt in einem Auditorium mit modernen, noch ziemlich individuellen, Zeitung lesenden, strickenden oder miteinander redenden Brabantern. Bei denen verlassen sich der König und sein Heerrufer nicht auf bedingungslose Gefolgschaft oder strategische Argumente. Sie haben einen Plan und der heißt Lohengrin. Der Superheld, der Strahlemann mit Charisma, der hochgepuschte Messias. Er wird installiert mit einem medialen Brimborium von Obamascher Perfektion, mit Schwanen-Auftritts-Video, Schaukampf und einer ganzen Truppe von ideologischen Hostessen, samt neuer Bibel mit aggressivem Schwanenlogo in der Geschenktüte.
Der Heerrufer ist hier dafür verantwortlich, dass Elsa, die sich diesmal tatsächlich so seltsam bewegt, wie sie redet, nicht aus der Rolle fällt. Als Telramund sie in aller Öffentlichkeit auffordert, das Frageverbot zu brechen, reicht ihr der Heerrufer schon mal sein Minidisplay mit dem Text zu. Bis eben auch sie im Brautgemacht nicht mehr „funktioniert“. Hier lässt Telramund schließlich auch Lohengrin auffliegen. Er hat einen Mitschnitt, auf dem man sieht, wie dieser Charismatiker für seinen „Auftrag Brabant“ abkassiert. Zusammen mit der ausgefeilten Personenführung ist das eine Enthüllungsstory mit Thriller-Qualitäten.
Schließlich ist es der gescheiterte Lohengrin, der den Strippenziehern eine Telefonnummer zusteckt, über die sie den Ersatz-Jungen (noch ziemlich „unfertig“ und mit Maske) aus dem Schnürboden einschweben lassen können. Da für diese Pointe das Wissen Lohengrins über Gottfrieds Verbleib Voraussetzung ist, gibt es auch die selten zu hörende zweite Strophe der Gralserzählung. Für die hat der junge neuseeländische Tenor Andrew Sritheran genügend Kraft. Die kleinen Angestrengtheiten lagen zum Glück vor dem „In fernem Land…“
Auch sonst bietet Dessau ein Ensemble von Sängerdarstellern auf, das sich hören und sehen lassen kann. So sind Iordanka Derilova und Ulf Paulsen, als Ortrud und Telramund, fulminant; Bettine Kampp eine so wunderbar klare wie neben sich stehende Elsa; Pavel Shmulevich als Heinrich ein stimmnobler, moderner Manager der Macht und der junge Heerrufer Wiard Witholt ein seiner Rolle als Coach Elsas in jeder Hinsicht gewachsener Strippenzieher! Die Spielfreude des aufgestockten Chores war allenthalben spürbar.
Nicht zuletzt überzeugte auch die Anhaltische Philharmonie. Obwohl das beim Vorspiel noch nicht so klar war, etliche Patzer dazwischenfunkten und Antony Hermus aus dem Hochzeits- einen Geschwindmarsch machte, der (vielleicht ja bewusst) mehr einer Parodie dieses Ohrwurms glich. Doch im Ganzen fand das Orchester überzeugend zu seinen Qualitäten, lieferte im dramatischen Auftrumpfen der Massenszenen das martialisch Enthüllende ebenso mit, wie dann doch noch die betörenden Gralsklänge. Damit ist Dessau ein spannender und lohnender Neustart gelungen.
Übrigens liegt das Anhaltische Theater zum Glück ja nicht in fernem Land…..
Nächste Vorstellungen: 22.11.; 27.12. 2009
www.anhaltisches-theater.de
21.10.2009, 13:57 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
118
Pressemitteilung vom 21.10.2009
Premiere Musiktheater
DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK op.60
Mono-Oper in zwei Akten von Grigori Frid
Deutsch von Ulrike Patow
Die Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ des russischen Komponisten Grigori Frid wurde erstmals 1993 in Deutschland aufgeführt und hat sich seither wie nur wenige zeitgenössische Werke dieses Genres im Repertoire durchgesetzt. In der Inszenierung von André Bücker wird das einstündige Werk in der Fassung für Singstimme und Klavier erstmals in Dessau aufgeführt.
Zur Premiere am 27. Oktober um 19:30 Uhr im Studio des Alten Theaters können die Zuschauer erleben, wie die Sopranistin Cornelia Marschall in 21 knappen Bildern [wie z.B. „Geburtstag“, „Das Versteck“, „Ich denke an Peter“ ] das Schicksal des jungen Mädchens und ihre Persönlichkeitsentwicklung zur jungen Frau eindrucksvoll darstellt. Annes tiefgründige Gedanken, ihre Angst, die aufkeimende Liebe zu Peter, die Hoffnung auf Freiheit und Menschlichkeit, all das findet Ausdruck auch in der Musik, ohne dabei Annes Sinn für Situationskomik, ihre Freude und Zuversicht zu vergessen.
Das weltberühmte „Tagebuch der Anne Frank“ ist ein ergreifendes Dokument über das Schicksal einer von den Nationalsozialisten verfolgten Familie und der Sehnsucht einer sensiblen Jugendlichen nach einem normalen Leben jenseits des Terrors. Anne Frank wurde 1929 geboren. 1933 emigrierte die deutsch-jüdische Familie Frank nach Amsterdam. Nachdem die Niederlande 1940 durch die deutsche Wehrmacht besetzt und die Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung zunehmend verschärft wurden, versteckte sich die Familie mit Freunden 1942 in einem Amsterdamer Hinterhaus. Anne vertraute fortan nicht nur die Geschehnisse, sondern auch ihre Träume, Ängste, Sehnsüchte und Freude ihrem Tagebuch an. 1944 wurden die Untergetauchten verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Anne Frank starb im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.
Die Inszenierung richtet sich insbesondere an Zuschauer ab 13 Jahren und junge Erwachsene.
Inszenierung: André Bücker | Musikalische Leitung und Klavier: Stefan Neubert |
Bühne und Kostüme: Katja Schröpfer | Anne Frank: Cornelia Marschall
Dramaturgie: Imme Heiligendorff
Termine: 27.10.09, 19.30 Uhr; 09.11.09, 18.30 Uhr | 10.11.09, 11.00 Uhr | 20.11.09, 10.00 Uhr im Alten Theater/ Studio
14.10.2009, 15:01 | tags:
Spielzeit
, Musiktheater
110
Pressemitteilung vom 14.10.2009
Künstler-Porträt: Angelina Ruzzafante
Heribert Germeshausen stellt Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters vor
Mit „Glitter and be Gay“ hat sich Angelina Ruzzafante bereits anlässlich des Open Air Konzertes zum Farbfest in die Herzen der Dessauer gesungen. Die Cunegunde in Bernsteins „Candide“ wird ihre erste große Opernrolle in Dessau sein. Bevor am 20.10. die Proben für „Candide“ beginnen wird Heribert Germeshausen, leitender Dramaturg Musiktheater / Operndirektion am 17. Oktober um 20:00 Uhr im Foyer des Großen Hauses die Sopranistin Angelina Ruzzafante vorstellen.
Karten zu 3,- Euro :
Theaterkasse Rathaus-Center
Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 – 20 Uhr
Theaterkasse
Nur Telefonisch 0340 2511 – 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
07.10.2009, 09:29 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
103
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 06.10.2009
Weg zum perfekten Klang
Im Dessauer Liborius-Gymnasium treffen sich die Chöre der Stadt zur gemeinsamen Probe
Am Samstag im "Lohengrin" beflügelte er das Orchester, trieb es auf Schwanes Schwingen zu ungeahnten Höhen, bereitete den Chören und Solisten ein Notenhimmelbett. Antony Hermus, Dessaus neuer Generalmusikdirektor, ist gerade heftig dabei, die Stadt musikalisch zu verzaubern. Was mit der ersten Opernpremiere am Wochenende im Anhaltischen Theater beim Publikum funktionierte, das hat der Dirigent bei rund 260 Dessauern schon längst geschafft. Wie das gelang, hört man nicht nur, das sieht man auch: am vergangenen Donnerstag in der Aula des Liborius-Gymnasiums.
Es ist kurz vor halb acht am Abend, da strömen vom Teenie bis zu Männern und Frauen in den frühen Achtzigern die Sängerinnen und Sänger in die Schule. Es ist die zweite gemeinsame Probe von Dessauer Chören, die beim ersten Sinfoniekonzert dieser Saison am Donnerstag und Freitag vor die Zuhörer im Theater treten. In den Taschen hat jeder die Noten, Dvorák steht drauf. Das "Te Deum" aus seiner Feder soll den zweiten Teil des Abends bilden. Bislang haben die Chöre jeder für sich geprobt, einmal nur traf man sich bisher gemeinsam auf der Probebühne im Theater, nun gilt es, erneut zueinander zu finden.
"Meine Damen und Herren vom großen gemeinsamen Dessauer Chor", derart begrüßt Antony Hermus die große Runde und lässt gar nicht viel Zeit vergehen, sondern kommt gleich zum Wesentlichen: Es wird gesungen. Aus rund 250 Kehlen. Wäre der Neubau des Gymnasiums nicht so solide, man könnte sagen, dass die Wände wackeln. Doch ach, es geht noch viel, viel besser. Darauf arbeitet Hermus hin und lässt die Mühen bis zum perfekten Klang folgen. Er feilt an den Tenorstimmen und bringt sie in neue Höhen, bemüht sein Handy, um zu demonstrieren, wie sich ein Ton halten lässt, klettert vom Stuhl aufs Podest auf den Boden, und der große Chor tut es ihm stimmlich nach bis zum zartesten Flüsterton. Er droht droht lachend damit, gelbe Karten zu verteilen, wenn zur falschen Zeit geatmet wird, denn "das hört man". Kritik übt er, wenn Einsätze nicht kommen, Konsonanten nicht artikuliert sind. Doch wie er dies tut, das ist so charmant, so anspornend, dass die Singenden und neugierigen Zuhörer gleichermaßen Dauerlächeln und mit großer Lust diesem Mann und seiner Idee von Musik folgen. "Sie singen alles richtig, ich kann gar nichts sagen, aber es fehlt das Feuer", sagt Hermus, gleich darauf bekommt er es und strahlt gemeinsam mit den Sängerinnen und Sängern, als dann die Flamme lodert.
Chorübergreifend machen sich die Mitwirkenden miteinander bekannt, kommen ins Gespräch und verschmelzen zu einer Einheit, über die sich beim Gesang immer wieder die Stimmen der beiden Solisten Angelina Ruzzafante und Wiard Witholt erheben. Bei den Proben in dieser Woche kommt nun noch das Orchester hinzu. Doch Bange ist niemanden vor dem Zusammentreffen zweier so großer Klangapparate.
Nahezu ausverkauft sind inzwischen beide Konzerte, und ob des "Te Deum" vergisst man leicht, dass es noch mehr zu hören gibt: Johannes Brahms' 2. Sinfonie mit ihren pastoralen Klängen und dem jubelnden Finale eröffnet den Konzertabend, ihr folgt die Orchesterfantasie "Levenszomer" (Lebenssommer) des holländischen Organisten und Komponisten Johan Wagenaar (1862-1941). Dann aber, nach der Pause, wird es eng auf der Dessauer Bühne.
07.10.2009, 09:23 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, das neue Team
102
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 07.10.2009
Wechsel nach Stuttgart und Treue zu Dessau
Regisseurin zählt ab 2011 zu Jossi Wielers Team
Am vergangenen Wochenende hat die Dessauer Chefregisseurin Andrea Moses mit ihrer Inszenierung von Richard Wagners "Lohengrin" noch für einen ebenso umstrittenen wie umjubelten Einstand am Anhaltischen Theater gesorgt, am Dienstag nun wurde sie bereits vom designierten Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler als seine neue Hausregisseurin ab der Spielzeit 2011/12 vorgestellt. Der international renommierte Regisseur Wieler lobte Andrea Moses nicht zuletzt für ihr Dessauer Debüt als "Persönlichkeit, die unsere Vorstellungen von Musiktheater teilt und uns dabei helfen wird, sie umzusetzen."
Für die 1972 in Dresden geborene Moses, die nach großen Erfolgen im Schauspiel erst vor drei Jahren mit "Salome" im Musiktheater debütierte und schon zwei Jahre später für den deutschen Theaterpreis "Faust" nominiert wurde, ist der Wechsel nach Stuttgart der Schritt auf internationales Parkett. Immerhin war die Staatsoper bereits sechsmal "Opernhaus des Jahres", das Erfolgskonzept des früheren Intendanten Klaus Zehelein will Jossi Wieler nun in die Zukunft verlängern. Mit einer handverlesenen Schar von Künstlern soll hier wieder ein Ensemble-Theater aufgebaut werden, das seine Urform in der Komischen Oper von Walter Felsenstein hatte.
Ihren Zwei-Jahres-Vertrag mit dem Anhaltischen Theater will Andrea Moses aber nicht nur erfüllen, sie versprach am Dienstag auch, dem Haus über diese Zeit hinaus verbunden zu bleiben. "Ich liebe die Arbeit und die Menschen an diesem Theater", sagte sie. "Und ich werde vollenden, was wir gerade begonnen haben." Für die kommende Saison habe sie daher alle Gastverpflichtungen abgesagt, in der aktuellen Spielzeit hingegen werde sie noch den "Don Giovanni" in Bremen und die Uraufführung von Marton Illes‘ "Die weiße Fürstin" bei der Münchner Musik-Biennale inszenieren. In Dessau will Andrea Moses ihre erste Saison mit einem Schauspielprojekt im Stadtpark beschließen, das die Stücke "Der Park" von Botho Strauss sowie "Peter Squenz" von Andreas Gryphius verbindet und für den 8. Juli 2010 angekündigt ist.
07.10.2009, 07:28 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
100
Pressemitteilung vom 06.10.2009
Andrea Moses wechselt ab 2011/ 2012 als Hausregisseurin an die Staatsoper Stuttgart
Andrea Moses, Chefregisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater in Dessau, wird im Herbst 2011 an die mehrfach als Opernhaus des Jahres ausgezeichnete Staatsoper Stuttgart als Hausregisseurin wechseln.
Andrea Moses bleibt über ihren bis 2011 andauernden Vertrag auch weiterhin dem Anhaltischen Theater Dessau als Gast verbunden. Letzten Samstag feierte ihre Inszenierung „Lohengrin“ (Musikalische Leitung GMD Antony Hermus) erfolgreich Premiere und erhielt deutschlandweit starke Presseresonanz.
06.10.2009, 08:53 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
96
Joachim Lange, http://www.festspiele.de/startseite/news, 05.10.2009
Lohengrin, übernehmen Sie!
Andrea Moses macht in Dessau aus Wagners „Lohengrin“ eine spannende Studie über eine manipulierte Gesellschaft
DESSAU: „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ prangt in großen Lettern über dem gewaltigen Bühnenportal des Dessauer Opernhauses.
Im Laufe des Abends wird einem diese griffige „human coaching“ Losung immer klarer und immer unheimlicher. Die neue Chefregisseurin des Hauses, Andrea Moses, macht in ihrer Einstandsinszenierung nämlich aus Wagners „Lohengrin“ vor allem eine packende Studie über die Manipulierbarkeit der Massen und über die Undurchschaubarkeit von Machtstrukturen. Sie zeigt, wie Menschen, die dagegen kämpfen, nicht mehr funktionieren oder auf der Strecke bleiben, aussortiert oder ersetzt werden. Das war nach den fast zwei Jahrzehnten, in denen Walter Felsensteins Sohn Johannes hier das (Theater erhaltende) Intendanten-Zepter führte, als Regisseur aber demonstrativ eine eher konservative Opernästhetik pflegte, für einen Teil des Publikums ziemlich neu und zu viel.
Dabei haben Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle Wagners Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um die Macht und die Frage, ob die Freiheit Brabants an der ungarischen Grenze verteidigt werden muss. Dass bei dieser Regisseurin (nach ihrem atemberaubend gegenwärtigen Nahost-Strauss Doppel mit „Salome“ und „Elektra“ in Meiningen und ihrer nicht minder packenden US-Fernsehshow „Turandot“ in Weimar) „Lohengrin“ vom Märchen zum Gegenwartsstück werden würde, war nicht anders zu erwarten. Am Ende marschieren sie denn auch alle im Gleichschritt unter wehenden Fahnen im wahrsten Wortsinn rückwärts in den Krieg und nur Elsa entkommt dem triumphierenden Wahnsinn über den Zuschauerraum.
Wo Katharina Wagner in Budapest in ihrem „Wende“ – Lohengrin den 89er Bruch verarbeitet und der junge Regisseur Florian Lutz in Gera-Altenburg die Nachwende-Zeit im Osten Deutschlands thematisiert hat, da verlängert Moses dieses Lohengrin-Potential sozusagen in die drohende Zukunft einer durchmanipulierten, von nicht legitimierten Mächten gelenkten Gesellschaft. Ohne auf eine allzu direkte politische Metaphorik auszuweichen. Das bleibt mit „Du bist Brabant“ überm Traualtar und einem eher ironischen „Vertrauen in Deutschland“ über dem Brautgemach-Bungalow mit seinem ebenso ironischen Wolke Sieben Video und etwas Bühnennebel eher in der Andeutung.
Zu Beginn sieht man in einer Art Auditorium, das Hörsaal oder auch Parlament sein könnte, die Brabanter noch als ziemlich individuelle und offensichtlich in verschiedene Lager differenzierte Zeitgenossen. Manche lesen Zeitung, einige stricken, andere reden miteinander und ein paar smarte Herren verstecken sich hinter ihren Sonnenbrillen und füttern ihre Laptops.
Und auch als der König und sein Heerrufer eintreffen und mit Friedrichs Anklage gegen Elsa der Kampf um die Macht beginnt, ist das Pro und Kontra noch deutlich wahrnehmbar. Doch der zum Krieg rüstende Heinrich und sein Heerrufer verlassen sich nicht auf die bedingungslose Gefolgschaft der Brabanter oder strategische Argumente. Sie haben einen Plan und der heißt Lohengrin. Der Superheld, der Strahlemann mit Charisma, der hochgepuschte Messias. Er wird mit einem medialen Brimborium von Obamascher Perfektion denn auch installiert. Da greift der König selbst zum Handy und setzt seinen backstage wartenden Kandidaten punktgenau in Marsch, da gibt es mit Schwanen-Auftritts-Video, Schaukampf und einer ganzen Truppe von ideologischen Hostessen, samt neuer Bibel mit aggressivem Schwanenlogo in der Geschenktüte, eine Art von fingierter Kandidatenkür.
Der Heerrufer ist in diesem Spiel dafür verantwortlich, dass Elsa, die sich hier tatsächlich so seltsam bewegt, wie sie redet, nicht aus der ihr zugedachten Rolle fällt. Als Telramund sie in aller Öffentlichkeit auffordert, das Frageverbot zu brechen, reicht ihr der Heerrufer schon mal auf seinem Minidisplay den Text. Er dirigiert das Verhalten der Massen und überwacht und lenkt Elsa. Bis eben auch sie im Brautgemacht nicht mehr „funktioniert“. Hier lässt Telramund schließlich auch Lohengrin auffliegen. Er hat einen Mitschnitt, auf dem man sieht, wie der Held für seinen „Auftrag Brabant“ abkassiert…
Diese enthüllende Sichtweise ist nahezu konsequent und läuft im szenischen Detail mit einer bis zum letzten Choristen durchgestalteten Personenregie als spannender Thriller ab. Dass es dann Lohengrin ist, der dem König und dem Heerrufer eine Telefonnummer zusteckt, über die sie den Ersatz-Jungen (noch ziemlich „unfertig“ und mit Maske) aus dem Schnürboden einschweben lassen können, ist mit Blick auf das Wissen Lohengrins über Gottfrieds Verbleib zwar einleuchtend, wäre aber in der Logik der erzählten Geschichte auch als Plan B der beiden Strippenzieher denkbar gewesen. Sei‘s drum.
Für die hier mitgelieferte, äußerst selten zu hörende zweite Strophe der Gralserzählung, die über Gottfrieds Schicksal aufklärt, hat der junge neuseeländische Tenor Andrew Sritheran jedenfalls genügend Kraft. Die kleinen Angestrengtheiten lagen zum Glück vor dem „In fernem Land…“ Auch sonst kann Dessau (das ja ein Theater mit großer Wagnervergangenheit und nie ganz abgerissener –Gegenwart ist) ein Ensemble von Sängerdarstellern aufbieten, das sich hören und sehen lassen kann. Es ist imponierend mit welcher darstellerischen Intensität und stimmlichen Wucht Iordanka Derilova eine mit allen Mittel kämpfende Power-Ortrud liefert und Ulf Paulsen als Telramund auch in seiner Niederlage souverän der Mann an der Seite seiner strategisch denkenden Frau ist. Bettine Kampp ergänzt ihre wunderbar klare Elsa um eine Studie einer stets manipulierten Frau, die sich erst am Ende aus dem Alptraum dieses Lebens befreien kann. Pavel Shmulevich macht aus dem König mit nobler Wucht einen modernen Manager der Macht und der junge Wiard Witholt ist seiner Rolle als Sprecher und Coach Elsas in jeder Hinsicht gewachsen! Die Spielfreude auch des aufgestockten Chores war allenthalben spürbar.
Alles in allem überzeugte auch die Anhaltische Philharmonie unter ihrem neuen Chef Antony Hermus. Obwohl das beim Vorspiel noch nicht so klar war, etliche Patzer dazwischenfunkten und Hermus aus dem Hochzeitsmarsch zum Beginn des dritten Aufzug einen Geschwindmarsch machte, der (vielleicht ja bewusst) mehr einer Parodie dieses Ohrwurms glich. Doch im Ganzen fand das Orchester überzeugend zu seinen Qualitäten, lieferte im dramatischen Auftrumpfen der Massenszenen das martialisch Enthüllende ebenso mit, wie dann doch noch die betörenden Gralsklänge.
Alles in allem ist Dessau ein spannender und lohnender Neustart gelungen. Und das Anhaltische Theater liegt ja nun keineswegs in fernem Land.
06.10.2009, 08:42 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
95
Jörg Königsdorf, Tagesspiegel, 06.10.2009
Wann hat man eine so kluge, lebendige Wagner-Aufführung zuletzt in Berlin erlebt? Dem Theater Dessau ist mit "Lohengrin" ein großer Wurf gelungen.
Dieser Lohengrin arbeitet mit allen Tricks: Inszeniert sich mit Schwanenlogo und großem Auftritt als Retter des Brabantischen Volks, macht der treudoofen Elsa den Traumprinzen vor und schreckt auch nicht davor zurück, seinen Duellgegner Telramund mit einem fiesen Foul zu Fall zu bringen. Die Geschichte schreiben die Sieger, weiß dieser skrupellose Politprofi – und falls seine Hinterzimmer-Kungeleien mit dem König irgendwann doch rauskommen sollten, kann er immer noch sein Erweckungsprediger-Charisma spielen lassen und die Massen auf sich einschwören.
Es ist schon ein starkes Stück, das das neue Team des Dessauer Theaters dem Publikum zur Saisoneröffnung zumutet. Nachdem hier unter Altintendant Johannes Felsenstein anderthalb Jahrzehnte lang – durchaus erfolgreich – Oper gemacht wurde, die meist genauso aussah, wie man es nach der Lektüre des Opernführers erwarten durfte, kehren sein Nachfolger André Bücker und die neue Chefregisseurin Andrea Moses ostentativ das Unterste zuoberst. Von jetzt an soll in der Bauhausstadt brandaktuelles Musiktheater stattfinden und die Kunst wieder das Gewissen der Gesellschaft sein. „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ lautet das ehrgeizig optimistische Motto, das sich die Dessauer Theatermacher auf die Fahnen und in großen Lettern auch übers Bühnenportal geschrieben haben.
In Dessau wird die Geschichte zum Politkrimi mit menschlichem Tiefgang
Sympathisch ist solche Aufbruchstimmung allemal, und wer weder durch diesen Leitspruch noch durch die Platzierung der „Lohengrin“-Premiere auf den „Tag der deutschen Einheit“ stutzig geworden ist, der merkt sehr schnell, dass das neue Team seinen Anspruch mit Volldampf einlöst: In Dessau wird die Geschichte vom scheiternden Heilsbringer zum Politkrimi mit menschlichem Tiefgang. Systematisch werden die gewählten Schicksalslenker demontiert, werden Glanz und Gloria der wagnerschen Musik als höchst wirksame PR-Mittel interpretiert. Mit dem Resultat, dass die Rollen von Gut und Böse sich völlig neu verteilen, ohne dass dies je gegen Text und Musik verstoßen würde.
So ist der Graf Telramund, der die Herrschaft über Brabant erstrebt, kein bloßer Ehrgeizling, sondern der letzte Politiker, der noch einen Begriff von Anstand und Ehre hat. Und Elsa ist kein verzagtes Mäuschen, sondern wird zur eigentlichen Heldin des Dramas: Wenn sie schließlich die verbotene Frage stellt, um die Wahrheit über ihren Helden zu erfahren, ist das der Moment, in dem sie den Betrug Lohengrins durchschaut. Am Ende wird sie unter den heilsgläubigen Brabantern umherwanken wie Kassandra unter den Trojanern – ebenso wenig wie die Wahrheit hat sie selbst hier noch einen Platz.
Schon fast überscharf behält Moses den ganzen Abend über jede ihrer Figuren im Fokus: den steif-korrekten Recken Telramund (Ulf Paulsen), die sexy bitch Ortrud (Iordanka Derilova), den windigen Business-König Heinrich (Pavel Shmulevich), den Politkandidaten Lohengrin und vor allem Elsa, die zu Beginn fast als dumme Gans im Jackie-Kennedy- Outfit erscheint. Dass diese lebensunerfahrene Tussi für die Heilsbotschaften der Gralssekte empfänglich ist, glaubt man jedenfalls sofort – auch weil Bettine Kampp diese naive Verschrobenheit auch wirklich singt und darstellt: Ihr „Einsam in trüben Tagen“ ist die trotzige Traumerzählung eines gealterten Kindes, das erst durch die Enttäuschung erwachsen werden wird.
Echtes Hörtheater
Dieser Dessauer „Lohengrin“ ist ein großer Wurf und vermutlich die spannendste Deutung seit Peter Konwitschnys legendärer Hamburger Inszenierung. Dass ein solcher Kraftakt an einem vergleichsweise kleinen Haus wie Dessau gelingt, liegt allerdings nicht nur an einem gescheiten, minutiös umgesetzten Konzept, sondern daran, dass Moses mit ihren Sängern und nicht gegen sie inszeniert. Andrew Sritherans Lohengrin beispielsweise hat nicht nur das schmierig-süßliche Sektenführer-Grinsen perfekt drauf, sondern singt seinen Schwanenmann auch so: Selbst sein „Elsa, ich liebe dich“ trompetet er mit gleißend metallischem Forte heraus –kein Liebesgeständnis, sondern ein Showact fürs sensationsgierige Volk und die Presse. Oder auch die Gralserzählung: Statt einer weihevollen Legato-Suada singt Sritheran das Stück als spontane Erweckungspredigt.
Und dann ist da Dessaus neuer Chefdirigent Antony Hermus, der mit seiner Anhaltischen Philharmonie keinen Schönklang ohne szenische Anbindung produziert, sondern mit offenen Augen und Ohren dirigiert. Das ist echtes Hörtheater: Jubelndes Volk und Konfettiregen in den ekstatischen Fanfaren der Trompeten, treuherziger Kirchenlied-Tonfall in den andächtigen großen Chorpassagen, dann wieder, im Brautchor, angenehm leichtfüßig.
Wann hat man eine so kluge, lebendige Wagner-Aufführung zuletzt in Berlin erlebt? Auf nach Dessau!
05.10.2009, 15:49 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
92
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/Dessau, 04.10.2009
Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit
Lohengrin auf der Bühne des Anhaltischen Theaters
In der Original-Fassung konnte man es als noble Absicht verstehen, bei Vertauschung der Verben aber wird daraus pure Esoterik: "Menschen gestalten - Zukunft bewegen" steht in großen Buchstaben über der Bühne des Anhaltischen Theaters. Und wer diese kleine Korrektur bemerkt hat, wird später auch die Parole "Vertrauen in Deutschland" mit anderen Augen lesen: Meint der inzwischen abgewählte Slogan wirklich noch, dass man auf diese Nation bauen kann? Oder fragt er nicht vielmehr, wie es um das Vertrauen in diesem Land bestellt ist?
Größtmöglicher Umkehrschluss
Andrea Moses versucht mit ihrem Dessauer Debüt den größtmöglichen Umkehrschluss: Ausgerechnet "Lohengrin", diesen grundguten Wagner-Helden in blendender Rüstung, will sie in seinem ehernen Selbstbewusstsein erschüttern, sein märchenhaftes Frageverbot als demagogische Geste entlarven. Dass dies nur mit Gewalt funktionieren kann, war von vornherein klar - ebenso wie die Tatsache, dass die Fraktion der Fraglosen diese Verstörung mit Empörung quittieren würde. Doch dass ein Gewitter aus Buh- und Bravo-Rufen einen elektrisierenden Abend krönt, war als Ausdruck einer Selbstverständigung des Publikums über sein Theater vor Ort bisher ja ein unerhörter Vorgang.
Dies ist der neuen Chefregisseurin gelungen: Sie hat das Brabant von Telramund und Ortrud in eine träge Demokratie verwandelt, deren Parlament anfällig ist für den Angriff des Irrationalen. Ihr Lohengrin ist ein charismatischer Sektenführer, der statt eines politischen Programms Gesangbücher und Autogramm-Oblaten verteilt - und dessen messianische Pose entzaubert wird, als die zunächst traumverlorene Prophetin Elsa ihn nach seiner wahren Art befragt. Dass ein kurzes Video zudem eine Verschwörung des Helden mit König Heinrich andeutet, überdehnt die Lesart freilich - selbst wenn der fragwürdige Heilsbringer dem Herrscher zum Abschied eine goldene Brücke in den Krieg baut.
Das eigentliche Sakrileg für die Gralshüter aber bleibt wohl, dass an diesem Abend nicht nur gedacht, sondern auch gelacht werden darf. Dabei ist der Auftritt einer Putzfrau als Verletzung der verkaterten Intimität zwischen den Verschwörern so schlüssig wie Telramunds lächerliche "Schwanensee"-Etüde vor der Kirche, die als Verspottung auf ihren Urheber zurückfällt - wenn man denn bereit ist, sich auf diese Aktualisierung einzulassen. Als visuelle Verführung bewährt sich die Ausstattung von Christian Wiehle: Wann wurden die grandiosen Möglichkeiten der Dessauer Wagner-Bühne zuletzt so raumgreifend ausgeschöpft? Wann gab es zuletzt derart überwältigende Verwandlungen, mit denen sich auch die Technik des Hauses höchstes Lob verdient?
Der Star sitzt im Graben
Der Star des Abends freilich sitzt im Graben: Antony Hermus hat die Anhaltische Philharmonie in kürzester Zeit verzaubert, er schöpft bereits im Vorspiel die Szene buchstäblich aus dem Klang und trägt die Sänger wie die Musiker durch eine fast makellose Vorstellung zum atemberaubenden Finale. Was hier an Elastizität und Dynamik, an Farbenreichtum und Nuancen zu hören ist, hätte man bislang kaum für möglich gehalten, dies ist ein Aufbruch, der einhellige Begeisterung findet. Und auch der Chor, den Helmut Sonne um Mitglieder des Extrachores und des freien Coruso-Ensembles bereichert hat, zeigt sich dank individueller Figurenzeichnung bei maximaler musikalischer Geschlossenheit in Topform. So kann, so muss es weitergehen im "Bayreuth des Nordens". Dafür steht zudem ein Solisten-Ensemble, in dem Ulf Paulsen als sinistrer Machtmensch Telramund sowie Iordanka Derilova als furiose First Lady Ortrud mit starken Stimmen und scharf konturierten Charakteren für Qualität sorgen. Neben ihnen führt sich eine Gruppe neuer Sänger ein, die sich sehen und hören lassen kann: Pavel Shmulevich ist ein König von wahrhaft majestätischem Ausdruck, Wiard Witholt ein Heerrufer mit verführerischer Verlässlichkeit.
Bettine Kampp steigert - als einziger Gast - ihre Elsa vom Opfer stimmlich wie darstellerisch zur selbstbewussten Frau, die als Einzige dem Gleichschritt entkommt. Andrew Sritheran schließlich muss bei seinem Rollen-Debüt im dritten Aufzug Lehrgeld zahlen, zeigt dann aber - von Antony Hermus geführt - in der ungekürzten Gralserzählung, dass in ihm ein echter Schwanenritter steckt. Im Dessauer "Lohengrin" wird Wagners Forderung "Kinder, schafft Neues!" also nicht - wie jüngst an der Berliner Staatsoper - plakatiert. Es wird einfach gemacht.
Nächste Vorstellungen: 10. Oktober und 22. November, jeweils 17 Uhr
05.10.2009, 15:41 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
91
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 04.10.2009
Publikum fiebert mit und ist begeistert
Spielzeit-Auftakt am Anhaltischen Theater kommt gut an - Prominente Besucher loben neues Team
Nur ein paar Takte reichten aus und Klemens Koschigs Ängste waren am Samstagabend verflogen. Noch am Abend zuvor war der Oberbürgermeister unsicher ob des Ausgangs der Opernpremiere von "Lohengrin". "Ich habe Angst", gestand er da. 24 Stunden später, nach viereinhalb Stunden Wagner am Anhaltischen Theater, war Koschig jedoch überzeugt: "Genau für solch ein Theater haben wir André Bücker nach Dessau geholt. Es gibt so viele jüngere Leute im Publikum, das haben wir uns gewünscht".
Beginn mit Abschlussfeier
Erstmals bestätigt sah sich das Stadtoberhaupt schon am Freitagabend im Alten Theater. Dort begann das Eröffnungswochenende unter der neuen Intendanz von André Bücker mit der Premiere von "Abschlussfeier" in der Regie von Armin Petras. Petras, Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, schickte sein Publikum durch das ganze Haus und schließlich vor die Tür. Nach einer bejubelten Premiere blieben viele gern, denn das bislang so kühl wirkende Foyer des Alten Theaters hatte sich durch das Bühnenbild in einen Partykeller verwandelt, der sich perfekt für eine Premierenfeier mit Live-Musik und Tanz eignete.
Im Restaurant sprach derweil die lokale Prominenz über das Gesehene. Mit der "Abschlussfeier" habe er ein Stück erlebt, dass nicht besser zum Tag der Deutschen Einheit hätte passen können, sagte Klemens Koschig. Er wertete die Inszenierung vor allem angesichts der Verklärung von Erinnerungen als besonders wichtig. "Es ist gut, dass es solche Stücke gibt, die uns immer wieder vorführen, wie es in der DDR war." Autor Einar Schleef, der mit seiner Erzählung die Vorlage für die Theaterfassung der Dessauer Uraufführung lieferte, war ein Meister im Schildern des ostdeutschen Alltags. Dass sich dies adäquat auf der Bühne widerspiegelte, fanden auch Gäste aus Sangerhausen. Mit zehn Leuten war der Schleef-Arbeitskreis aus der Geburtsstadt des Autors angereist. "Die Fahrt hat sich gelohnt. Es war ein toller Abend", freute sich Dieter Wrobbel vom Arbeitskreis, der zugleich auch einen Bekannten in Dessau wiedertraf: André Bücker inszenierte beim "Schleef-Block I" 2004 in Sangerhausen den Schleef-Abend "Kein schöner Land", und auch Petras kam damals mit einer Produktion in die Rosenstadt. "Eigentlich schließt sich hier heute in Dessau ein Kreis", befand Wrobbel
Eine Zuschauerin der "Abschlussfeier" konnte am Freitag nicht ganz so gelassen in die Premierenfeier gehen, denn ihre eigene fand erst am Abend darauf statt. Andrea Moses, Regisseurin des "Lohengrin", verabschiedete sich bald und sammelte Kraft für ihr Dessau-Debüt.
18 Uhr sah man sie am Sonnabend ganz außen in Reihe 5 im Parkett sitzen. Angespannt, mitfiebernd, lachend und begeistert von Solisten, Chören und Orchester, blieb für die Regisseurin nun nicht mehr viel zu tun. Zwei Pausen gab es während der Oper, danach eine bis in die Morgenstunden dauernde Premierenfeier, Zeit also für Diskussionen über die Lesart der Regisseurin, Zeit für erste negative und positive Einträge in das neue Gästebuch des Hauses. Bevor gefeiert wurde, galt das Wort des Generalintendanten jedoch allen Mitwirkenden. André Bücker dankte im Rangfoyer nicht nur den Solisten und Chören, er hob auch alle Gewerke und die Technik des Hauses hervor. "Aus einem Stab kommt kein Klang." Mehr musste Dirigent Antony Hermus als Wertschätzung für Orchester und Ensemble nicht sagen.
Auffallend viele auswärtige Besucher waren am Sonnabend nach Dessau gekommen. Theaterleute, die den Dessauer Neustart miterleben wollten. So auch Ulrich Katzer, Betriebsdirektor der halleschen Oper und Orchester GmbH, der alle drei Eröffnungspremieren sah. "Ich bin neidisch", war sein Kommentar nach der Opern-Premiere. "Dessau kann stolz sein auf seine neue Mannschaft."
Christoph Werner, Intendant des "Neuen Theaters" in Halle und gebürtiger Dessauer, hat neben den Besuchen bei seinen Eltern nun noch einen weiteren Grund ausgemacht, wieder öfter nach Dessau zu kommen. "Das war ein Großstadttheaterabend, wie man ihn auch in Dresden erleben kann. Als Dessauer bin ich stolz, dass man solches Theater jetzt auch in meiner Heimatstadt sehen kann", sagte er. Werner, der in Halle die Nachfolge von Peter Sodann antrat, weiß um die Probleme und Ängste, die mit einem Wechsel der Intendanz verbunden sind. "In Gesprächen und beim Publikum habe ich gemerkt, wie verfelsensteint noch manches ist. Die jetzigen Premieren sind eine klare Ansage. Ich wünsche dem neuen Team viel Kraft und komme jetzt öfter."
Zurück an den früheren Wirkungsort kehrte auch Clemens Birnbaum. Der ehemalige Weill-Fest-Intendant verantwortet nun in Halle die Händel-Festspiele. "Lohengrin war ein großartiger Saisonauftakt und eine phantastische musikalische Leistung", lobte er vor allem die Arbeit von Generalmusikdirektor Antony Hermus. Und in der Inszenierung von Andreas Moses habe er sich "keine Minute gelangweilt".
Gäste kommen wieder
Ein besonders kritisches Auge auf den Opernabend warfen mehr als 40 Besucher aus Bremen, die nach Dessau gereist waren. Nicht zum ersten Mal kamen Mitglieder des Bremer Richard-Wagner-Verbandes in die Muldestadt. "Der erste Eindruck war gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich erst einmal gewöhnt hatte, dann war es toll", resümierte Hannelore Pöpper. Die Bremer werden Dessaus Theater weiter besuchen, versicherte sie.
"Wir kommen wieder", befand auch ein anderer prominenter Premierengast: Bernd Junkers, der nur Stunden zuvor eine Ju 52 auf den Namen "Dessau" getauft hatte, will fortan öfter die Strecke München-Dessau fahren, um hier ins Theater zu gehen.
04.10.2009, 10:43 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
89
Wladimir Kleschtschow, Mitteldeutsche Zeitung/ Köthen, 12.09.2009
Aphrodite und Lohengrin
Ein weißer Schwan aus dem Köthener Tierpark steht vor der Kamera
Stellt es sich bald heraus, dass der bescheidene Schwan Aphrodite aus dem Köthener Tierpark in Wirklichkeit ein Star ist? Natürlich nicht im ornithologischen Sinne, sondern auf dem Gebiet der darstellenden Kunst. Der erste Schritt in diese Richtung ist jedenfalls getan. Zwei Kameraleute waren im Auftrag des Anhaltischen Theaters Dessau in Köthen, um den schneeweißen Vogel zu filmen. Die Aufnahmen sollen in die romantische Oper "Lohengrin" von Richard Wagner integriert werden, deren Premiere am 3. Oktober stattfindet. In der Oper kommt bekanntlich ein Schwan vor.
"Der Schwan muss aggressiv, mit ausgebreiteten Flügeln auf uns zukommen", erklärten die Kameraleute Jens Crull und Chris Kondek die Aufgabe. Die beiden Männer aus Berlin produzieren Videos im Auftrag verschiedener Theater. Kondek stammt aus den USA, lebt jedoch seit neun Jahren in der deutschen Hauptstadt. Er hat bereits für solche renommierten Spielstätten wie die Semper-Oper in Dresden und das Maxim-Gorki-Theater in Berlin sowie für den ZDF-Theaterkanal gearbeitet. Auch Crull hat einen Namen in der Branche.
Der Schwan Aphrodite verdankt seine "Entdeckung" durch das Anhaltische Theater der Tatsache, dass es im Dessauer Tierpark keine weißen Schwäne gibt. Dort hatte sich nämlich das Theater zuerst erkundigt. Die Dessauer Tierpark-Leiterin wusste aber, dass der Köthener Tierpark Schwäne hat und gab den Theaterleuten den Tipp. So bekam Aphrodite eine große Chance, von der viele junge Talente träumen - meist vergebens. Sie hatte sogar doppeltes Glück: Der andere Höckerschwan, der mit Aphrodite im selben Teich schwimmt, zeigte seine tiefe Abneigung zum Show-Geschäft, indem er sich für die Aufnahmen nicht fangen ließ.
In einer hinteren Ecke des Köthener Tierparks befindet sich ein kleines Gehege, das für Quarantäne-Zwecke genutzt wird, wenn neue Tiere eingeliefert werden. Dort wurden für Aphrodite jene Bretter aufgebaut, die die Welt bedeuten. Genauer gesagt waren das keine Bretter, sondern ein breiter Streifen blauen Papiers. Diese Farbe ist für die Kameraleute für die spätere Montage der Aufnahmen besonders geeignet. Die Köthener Tierpflegerinnen Angela Andreae und Gabriele Berger bildeten das Betreuungsteam des geflügelten Darstellers.
Zu Beginn der Aufnahmen zeigte Aphrodite, dass in ihr ein großes Talent schlummert. Fauchend und mit den Flügeln schlagend ging der Schwan sofort auf die Kameraleute los. Diese haben nicht mit solch einem schnellen Ausbruch der Leidenschaften gerechnet und räumten erschrocken das Terrain. Offenbar dachten sie dabei an die Warnung der Tierpflegerinnen, dass ein erwachsener Schwan mit seinem Flügelschlag einen menschlichen Arm brechen kann.
Dann fassten Crull und Kondek Mut und richteten ihre Kameras auf den Schwan. Und warteten. Und warteten. Und warteten. Das gefiederte Talent wollte nicht mehr so richtig. Ab und zu ließ es sich überreden und lief auf die Kameras zu. Es tat das aber nicht aggressiv genug und der gewünschte Flügelschlag blieb aus. Offenbar hatte Aphrodite von der Anstrengung schnell die Nase voll und war einfach müde.
Alle Bemühungen der Tierpflegerinnen, sie aufzumuntern, schlugen fehl. Ab und zu fauchte der Schwan zwar die Umstehenden an und lief in Richtung der Kameras. Ihm fehlte dabei aber die Energie. Diese zeigte Aphrodite nur, wenn sie versuchte, von der "Bühne" zu verschwinden und das Gelände zu verlassen. Offenbar dachte sie weniger an den künstlerischen Ruhm als vielmehr an den kleinen Teich, in dem die vertraute "Clique" aus einem weiteren weißen Schwan und einer Kanada-Gans auf sie wartete.
Ein paar Aufnahmen brachten Jens Crull und Cris Kondek aber irgendwie doch zustande. Sie waren sogar der Meinung, es werde reichen, um die gewünschten Motive zu montieren. Das wird sich bei der "Lohengrin"-Premiere am 3. Oktober zeigen. Bevor die Kameraleute aber den Köthener Tierpark verließen, nahmen sie hier allerdings noch schwarze Trauerschwäne auf. Sozusagen für den Fall der Fälle.
Und Aphrodite? Gabriele Berger brachte den Schwan wieder zu seinem Teich zurück. Das Federvieh lebte auf, plumpste ins etwas muffige Wasser und plätscherte vergnüglich darin. Der andere Schwan und die Kanada-Gans warteten schon. Das Leben im Areal ging weiter - abseits der großen Kunst.
04.10.2009, 10:04 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
87
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 01.10.2009
Andrea Moses ist neue Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater Dessau / Am 3. Oktober hat ihre „Lohengrin“ -Inszenierung Premiere
„Regie führen ist ein bisschen auch wie Lehrer sein“
„Regie führen, Stücke inszenieren ist ein bisschen auch wie Lehrer sein“, glaubt Andrea Moses, Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater Dessau. Für das große Eröffnungspremierenwochenende vom 2. bis
4. Oktober inszeniert sie die Wagner-Oper „Lohengrin“.
Im Leben von Andrea Moses, die 1972 in Dresden geboren wurde, spielen Lehrer an bestimmten Schnittstellen ihrer Entwicklung eine besondere Rolle. Ihr Vater war Lehrer, die Mutter war Sekretärin. „Meine Abi- Zeit fiel in die Wendewirren. Da war vieles offen. Außerdem waren wir oft mehr auf der Straße, als die Zeit fürs Lernen
zu nutzen“, erinnert sie sich. Ein gutes Abi sei es dennoch geworden. Was nun tun? Da war wieder ein Lehrer, ihrer für Deutsch und Geschichte. Er konnte so toll die differenzierten gesellschaftlichen Zusammenhänge erklären. Das gab Andrea Moses den Anstoß, in Leipzig und Berlin Germanistik und Geschichte studieren.
„Vielleicht wäre ich auch Lehrerin geworden“, zuckt sie mit den Schultern und lacht. Sie hat dann parallel noch Theaterwissenschaften „dazu genommen“. Doch das war auch alles „so theoretisch, wo ich doch überhaupt kein Schreibtischmensch bin“, erzählt sie, wie eine Art Suchende damals. Mitsingen im Unichor war gut. 1990 mal so eine Tanztheaterszene zu machen, mit moderner Musik und Tänzern aus Cottbus, gefiel ihr. Ohne es eigentlich zu können, ohne es gelernt zu haben. Bauchgefühl, Ist es Talent? Andrea Moses lässt diese Frage offen.
„Ich bin überhaupt kein Schreibtischmensch“
Zum Glück für sie – wohl auch für die bisherigen und noch kommenden Zuschauer ihrer Inszenierungen – war wieder eine Lehrerin zur Stelle.
Ihre Klavierlehrerin meinte: „Bewirb dich doch mal in Berlin bei der Ernst-Busch-Schule“. Gesagt, getan. „Und es war irre. Die haben mich genommen!“, strahlt sie noch heute. Gerade auch weil sie, inzwischen selbst als Dozentin (seit 2004) an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ tätig, weiß, welche hohen Anforderungen gestellt werden und dass sich Jahr für Jahr Hunderte bewerben.
Nun hatte Andrea Moses wohl ihren Weg gefunden. Ihre erste Station war, gleich als
Regisseurin, die jedoch auch alle anderen Arbeiten an einem Theater erledigte, das Dresdner TiF („Theater in der Fabrik“), die an das Staatsschauspiel Dresden angegliederte, deutschlandweit beachtete und geschätzte Experimentierbühne. 1999 hatte sie in Kiel dann ihr erste große Inszenierung: „Medea“.
Die Inszenierungsliste von Andrea Moses, die ohne Zweifel zu den interessantesten jungen Regisseurinnen des deutschsprachigen Raumes gehört, ist lang, beinhaltet viele Bühnen und Stücke. Zu denen sie jeweils etwas sagen könnte und eigentlich auch wollte. Darauf muss hier aus Platzgründen, verzichtet werden. 2004/2005 habe sie sich an das Musiktheater „gewagt“. Herausragend waren „Salome“ (Strauss) 2006 und ein Jahr später auch noch „Elektra“, beide im Staatstheater Meiningen. Für ihre „Elektra“ - Inszenierung war sie für den hochbeachteten „Faust-Preis“ des Deutschen Bühnenvereins in der Kategorie „Beste Regie im Musiktheater 2008“ nominiert.
Den „Leitungsanteil“ ihrer neuen Tätigkeit, die sie aber nicht getrennt betrachtet wissen möchte, sieht Andrea Moses vor allem in der Verantwortung gegenüber dem gesamten Ensemble und für die Entwicklung der Schauspieler und Sänger. Das werde sie mit und durch die Eröffnung eines „großen vertrauenvollen Gesprächsfeldes“, der Spielplangestaltung, der Rollenzuteilung, eben der gemeinsamen Umsetzung der künstlerischen Visionen in Angriff nehmen.
„Alle sind unheimlich engagiert“
Sie selbst bringt sich zum Spielzeitstart direkt ein, mit ihrer Inszenierung von Richard Wagners Oper „Lohengrin“. „Ich möchte, dass sich der Zuschauer mit sich und seiner Zeit auseinandersetzen soll, zumindest möchte ich dazu die Anregungen geben“, umreißt sie ihre Regie-Intensionen. Es geht um Wünsche und um Wunder. Um einen Menschen, der Wunder vollbringt, andere rettet, der selbst nicht erlöst wird. Welche Art von Wünschen und Wundern haben/erwarten wir im Heute, im menschlichen Miteinander, auch im aktuellen politischen Geschehen? „Dass Richard Wagner in der Zeit, als er ,Lohengrin‘ komponierte, ein Art ‚Weltveränderungsoptimist‘ war, ist einer meiner Ansatzpunkte“, erzählt Andrea Moses. Und fügt als Anliegen an: „Nahe an Wagner erzählen, mit den Intensionen von Wagner und trotzdem heute – ohne das Stück zu zerstören“. „Alle sind unheimlich engagiert. Tolle Sängerinnen und Sänger, ein toller Chor, ein durchweg tolles Ensemble“, aus Andrea Moses strömt purer Optimismus und unerschütterliche Zuversicht.
Für die Rolle der Elsa hat Andrea Moses die Sopranistin Bettine Kampp verpflichtet,
die die Hauptpartien in ihren Erfolgsinszenierungen „Salome“ und „Elektra“ gesungen hat. Lohengrin ist Andrew Sritheran. Die musikalische Leitung hat GMD Antony Hermus. Die Ausstattung übernimmt Christian Wiehle.
Premiere ist am Sonnabend, dem 3. Oktober, um 18 Uhr.
30.09.2009, 08:19 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
82
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung / Dessau, 16.09.2009
Neues Ensemble probt für die ersten Premieren
Mit Wagners «Lohengrin» wird am 3. Oktober die Spielzeit am Anhaltischen Theater offiziell eröffnet
Der Einstand am ersten Septembersamstag war gelungen. Wer an diesem Abend zum Vorplatz des Anhaltischen Theaters kam und aufmerksam lauschte, der hörte beim traditionellen Eröffnungskonzert der neuen Spielzeit eine Menge neuer Stimmen von Sängerinnen und Sängern, die fortan zum Ensemble des Musiktheaters gehören. Viele von ihnen stehen in diesen Tagen auf der Bühne und bereiten die erste Premiere dieser Sparte vor.
Konfrontation mit "Wunder"
Zur Spielzeiteröffnung inszeniert Chefregisseurin Andrea Moses mit "Lohengrin" (3. Oktober, 18 Uhr) erstmals ein Werk von Richard Wagner. Der zwischen Juni 1846 und März 1848 komponierte "Lohengrin" nimmt in Wagners Oeuvre eine Schlüsselstellung ein: Zum einen verwirklichte Wagner, der "vollkommenste Revolutionär" nach eigenem Zeugnis, in ihm erstmals weitgehend sein Konzept eines durchkomponierten Musikdramas, zum anderen wollte er am avisierten Uraufführungsort Dresden mit der Oper 1849 auch die Gesellschaft revolutionieren. Diese gesellschaftspolitische Zielsetzung und ihre Verortung im Heute bildet den Ausgangspunkt für Andrea Moses' Interpretation: Eine desillusionierte und in Apathie verfallene Gesellschaft, deren politische Eliten in Machtkämpfe verstrickt und durch Berater fremdbestimmt sind, wird mit einem "Wunder" konfrontiert, das den Ausbruch aus einer verfahrenen Situation zu gewährleisten scheint.
Unter dem Motto "Utopie und Wahnsinn" begegnen den Theatergängern in dieser Saison noch eine ganze Reihe weiterer Stücke, die den Versuch der Realisierung und das Scheitern politischer Utopien thematisieren, und im Einzelfall, wie bei "Die Stumme von Portici", tatsächlich politische Veränderungen auslösten. Daniel-François-Esprit Aubers Große Oper in fünf Akten inszeniert André Bücker. Der Generalintendant des Anhaltischen Theaters stellt sich mit "La Muette de Portici" am 24. April in Dessau als Opernregisseur vor.
Viel früher geht es auch in Leonard Bernsteins Musical "Candide" um Utopien, denn es basiert auf Voltaires Text aus der französischen Aufklärung. "Candide" bringt Gastregisseurin Cordula Däuper am 4. Dezember zur Premiere. Allein die Musik und der Gesang stehen bereits am 30. Oktober im Mittelpunkt, wenn "Serata di Gala", eine italienische Operngala, Premiere hat.
In das neue Jahr startet die Musiktheatersparte des Anhaltischen Theaters am 5. März mit einer Koproduktion mit dem Kurt Weill Fest Dessau 2010: Kurt Weills "One touch of Venus". Klaus Seiffert nimmt sich dieser musikalischen Komödie an. Er ließ sich am Musicalstudio Theater an der Wien zum Sänger, Tänzer und Schauspieler ausbilden. Seitdem spielte er in Produktionen wie "A Chorus Line" (Wien), "Cats" (Hamburg), "Les Miserables" (Duisburg), "Rocky Horror Show" (Saarbrücken), "Hair" (Dortmund) und in über 20 weiteren Musicals. Zu seinen Erfolgen als Regisseur und Choreograph zählen "Love is...", "Godspell", "Madame Pompadour", "Die Fledermaus", "Die verkaufte Braut" und, als Co-Regisseur, "Victor / Victoria" in Bremen, Karlsruhe, München und Dortmund.
Roland Schwab heißt der Regiegast, der am 18. Juni in Dessau einen Giuseppe Verdi zur Premiere bringt. Die große Oper des Italieners "Un ballo in maschera", dieser Maskenball wird in italienischer Originalsprache zu hören sein, wie auch schon "Die Stumme von Portici" in Französisch erklingt.
Debüt an Deutscher Oper
Schwab, der bei Götz Friedrich studierte, gab anlässlich des Mozartjahrs mit "Fragmente" von Mozart sein erfolgreiches Regiedebüt an der Deutschen Oper Berlin, an der er mittlerweile auch "Tiefland" inszenierte und 2010 eine Neuproduktion von "Don Giovanni" herausbringen wird.
30.06.2009, 14:16 | tags:
Schauspiel
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, das neue Team
56
Anhaltisches Theater Dessau:
André Bücker stellt mit Andrea Moses Leitende Regisseurin vor
ANDREA MOSES wird mit der Spielzeit 2009/2010 Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater Dessau. Mit ihren Inszenierungen wird die Absolventin der renommierten Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ zum neuen künstlerischen Profil des Schauspiels und des Musiktheaters maßgeblich beitragen.
André Bücker: „Ich bin sehr glücklich darüber, dass ANDREA MOSES der Einladung, dem Anhaltischen Theater Dessau als Chefregisseurin verbunden zu sein, gefolgt ist. Mit inhaltlich genauen Regiearbeiten und ihrer konzeptionellen Mitarbeit in der Theaterleitung wird sie in den kommenden Jahren dem Theater Dessau ein eindeutiges Profil verleihen.“ „ANDREA MOSES“, so André Bücker, „gehört zu den interessantesten jungen Regisseurinnen des deutschsprachigen Raumes. Mit ihren verbindlich-politischen Deutungen, insbesondere den beiden Richard-Strauss-Einaktern Salome und Elektra in Meiningen sowie Giacomo Puccinis Turandot in Weimar, hat sie in bemerkenswerter Weise den historischen Stoff mit den Konflikten der Gegenwart in Bezug setzen können“.
In der Spielzeit 2009/2010 wird MOSES am Anhaltischen Theater die Eröffnungsinszenierung in der Sparte Musiktheater, Richard Wagners „Lohengrin“ sowie die Schauspielproduktion „Sommer-Nacht-Traum“, eine Kombination aus „Der Park“ von Botho Strauß sowie „Herr Peter Squentz“ von Andreas Gryphius inszenieren.
ANDREA MOSES wurde 1972 in Dresden geboren. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft an der Karl-Marx-Universität Leipzig und der Humboldt-Universität in Berlin. Von 1993 bis 1996 folgte das Studium der Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und ein Gaststudium an der GITIS in Moskau.
Seit 1996 inszenierte sie an den Staatstheatern in Dresden, Cottbus, Stuttgart, Schwerin, den Bühnen in Kiel, Rostock, Altenburg-Gera, Erlangen, beim Kunstprojekt Superumbau in Hoyerswerda und am Maxim-Gorki-Theater Berlin. Mit den Schauspielproduktionen „Demetrius“ nach Puschkin/Schiller/Hebbel mit dem Faust-Ensemble von Peter Stein am Schauspiel Hannover/ Expo 2000 und „Clavigo“ von Goethe am Linnatheater in Tallinn (Estland) gastierte sie auch in Berlin und Stuttgart. Die Deutsche Erstaufführung „Schwarze Milch“ von Wassilij Sigarew am Maxim Gorki Theater Berlin gastierte in Nowosibirsk und Omsk (Russland).
Seit 2004 unterrichtet ANDREA MOSES als Dozentin für Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin.
Nach der Operette „Der Graf von Luxemburg“ (Franz Lehár) 2005 am Südthüringischen Staatstheater Meiningen debütierte ANDREA MOSES ebenda erfolgreich mit „Salome“ von Richard Strauss im Musiktheater. Opern an der Semperoper Dresden (u.a. „Gadzo - eine Zigeuneroper“ von Johannes Wulff-Woesten) und am Staatstheater Braunschweig („Die Schönheitsfalle“ von Karen Rehnqvist) folgten. Nach Strauss’ „Elektra“ in Meiningen inszenierte sie die Deutsche Erstaufführung von „Zaide-Adama“ (Wolfgang Amadeus Mozart / Chaya Czernowin) am Theater Bremen und gastierte mit dieser Arbeit beim Mozart-Sommer in Mannheim. In der Spielzeit 2008/2009 inszenierte sie Brechts „Mutter“ in Oberhausen, „Turandot“ (Giacomo Puccini) am Nationaltheater Weimar und „The good soldier Schwejk“ (Robert Kurka) an der Oper Halle. Kommende Produktionen führen ANDREA MOSES nach Bremen und zur Biennale nach München.
ANDREA MOSES war für den Faust-Preis des Deutschen Bühnenvereins in der Kategorie „Beste Regie im Musiktheater 2008“ für ihre Inszenierung „Elektra“ von Richard Strauss am Südthüringischen Staatstheater Meiningen nominiert. Weiterhin erhielt MOSES mehrere Nominierungen zur Regisseurin des Jahres im Jahrbuch 2008 der Zeitschrift „Opernwelt“.
02.06.2009, 09:24 | tags:
Musiktheater
47
Andrew Sritheran
Am 3.10. 2010 wird Andrew Sritheran in der musikalischen Eröffnungspremiere der Intendanz von André Bücker als Lohengrin unter der Leitung von GMD Antony Hermus in der Inszenierung von Andrea Moses erstmals auf der Bühne des Anhaltischen Theaters stehen. Der junge neuseeländische Tenor, der mit Beginn der Spielzeit 2009/2010 als Heldentenor zum Dessauer Opernensemble zählt, gibt an diesem Tag gleichzeitig sein Rollendebüt. Zu seinen weiteren Partien in der Spielzeit 2009/2010 zählen Florestan in „Fidelio“ und Gustav/Riccardo in „Un Ballo in Maschera“.
Andrew Sritheran begann sein Gesangsstudium am Musikkonservatorium seiner Heimatstadt Wellington. Weitere Stationen seiner Ausbildung waren die Eastman School of Music in New York, die Music Academy in Santa Barbara, wo er intensiv von Marilyn Horne betreut wurde, und das Royal Northern College of Music in Manchester. Hier konnte er unter anderem mit szenischen Ausschnitten als Florestan und als Otello auf sein großes Talent aufmerksam machen.
Andrew Sritheran ist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe. So gewann er 2002 den nationalen Mozart-Wettbewerb in Großbritannien und 2004 den ersten Preis der britischen Richard-Wagner-Gesellschaft. Zudem war er 2006 Finalist des Internationalen Wagner-Wettbewerbs in Seattle.
Von 2005 bis 2007 war Andrew Sritheran Mitglied des „Jette Parker Young Artists Programme” am Royal Opera House Covent Garden in London, wo er als Malcolm in „Macbeth“ und als Snout in „A Midsummer Night’s Dream“ zu erleben war. Außerdem fungierte er als Cover für zahlreiche große Partien wie Cavaradossi in „Tosca“ und Calaf in „Turandot“.
Sein Deutschland Debüt gab Sritheran mit großem Erfolg bei Publikum und Presse in der Spielzeit 2008/09 als Siegmund in einer Neuproduktion von „Die Walküre am Theater Lübeck.
Wichtige Partien 2009/2010 am Anhaltischen Theater Dessau:
Neuinszenierungen
· Titelrolle in „Lohgenrin“
· Gustav III. in „Ein Maskenball“
Wiederaufnahmen
· Florestan in „Fidelio“
02.06.2009, 09:22 | tags:
Musiktheater
46
Neue Sänger bereits jetzt in Dessau
Hochgeschätztes Publikum,
an dieser Stelle werde ich Ihnen in den nächsten Wochen in kurzen Abständen die neuen Mitglieder unseres Musiktheaterensembles im Interview oder Porträt vorstellen, sowie Gäste, die ab der Spielzeit 2009/2010 prägend am Anhaltischen Theater Dessau wirken werden.
Zwei unserer Künstler sind bereits seit dem 18.5. in Dessau und nehmen an den Proben für „La Périchole“ teil, der letzten Musiktheaterproduktion in der Intendanz von Johannes Felsenstein. Möglich wurde dies, weil die meisten Aufführungen von „La Périchole“ als Wiederaufnahme in der Amtszeit des neuen Generalintendanten André Bücker gezeigt werden:
Ulrike Mayer, die sich am Theater Magdeburg u.a. mit den Partien des Orfeo und Idamanthes auch überregional einen hervorragenden Ruf erworben hat, singt die Titelpartie, den Piquillo übernimmt Angus Wood vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden, der ab 2009/2010 der erste lyrische Tenor Ihres und unseres Hauses sein wird.
Mit herzlichem Gruß
Heribert Germeshausen
(Leitender Musikdramaturg/Operndirektion)
Ulrike Mayer
Ulrike Mayer, geboren in Stuttgart, studierte bei Thomas Quasthoff an der Musikhochschule in Detmold und Klesie Kelly in Köln. Neben zahlreichen Opernproduktionen an der Musikhochschule Detmold gastierte die junge Sängerin u. a. als Holofernes (Vivaldis „Juditha triumphans“) an der Kammeroper Schloss Rheinsberg und am Staatstheater Mainz sowie als Cornet („Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ von Siegfried Matthus) an der Deutschen Oper Berlin und in Kaliningrad. Nachdem sie im Sommer 2006 in der Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Oper „Da gelo a gelo“ bei den Schwetzinger Festspielen mitwirkte, debütierte sie im Herbst als Page („Salome“) an der Pariser Opéra. Daneben hat die Mezzosopranistin ein breites Lied- und Oratorienrepertoire und sang u. a. bei der Wiedereröffnung der Dresdner Frauenkirche (Uraufführung von Siegfried Matthus’ „Te Deum“). In der Spielzeit 2004/2005 wurde sie an das theater magdeburg engagiert, wo sie u. a. Olga („Eugen Onegin“), Dorabella („Così fan tutte“), Orpheus („Orpheus und Eurydike“), Alcina („Orlando furioso“), Idamante („Idomeneo“) sowie Sonjetka („Lady Macbeth von Mzensk“) sang. Mit dem szenischen Liederabend „Mozart Lieder Licht“ war sie zum Mannheimer Mozartsommer nach Schwetzingen eingeladen.
Wichtige Partien 2009/2010 am Anhaltischen Theater Dessau:
Neuinszenierungen
· Alternierend die Partien der Venus und Molly in „Ein Hauch von Venus“
Wiederaufnahmen
· Titelrolle in der Wiederaufnahme von „La Périchole"
Angus Wood
Angus Wood wurde in Australien geboren und zog mit seinen Eltern bald nach London. Dort erhielt er Gesangsunterricht am ‚Royal College of Music’, bevor er wieder nach Australien zurück ging und in Melbourne/Victoria Gesang studierte. Er war Meisterschüler von Malena Malas, Dame Joan Sutherland und Luigi Alva. Er war Mitglied des Förderprogramms der ‚Victoria State Opera’ und der ‚Opera Australia’. Er vollendete sein Gesangstudium in den USA. An der ‚Opera Australia’ sang er zunächst Baritonrollen wie Papageno, Yamadori, Figaro, Fiorello, Schaunard, Albert und Mercutio, bevor er ins Tenorfach wechselte. Als Konzertsänger war er u.a. in Melbourne, Sydney und Singapore zu hören. Er gastierte bei der Pinchgut Opera Sydney, Canterbury Opera New Zealand und an der Michigan Opera. 2005 wurde er Sieger des ‚German-Australian Opera Grant’ und kam zunächst als Stipendiat ans Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Seit der Spielzeit 2007/2008 gehört er hier fest zum Ensemble. Zu seinen Rollen zählen hier u.a. Tamino in ‚Die Zauberflöte’, Arbace in ‚Idomeneo’, Alfredo in ‚La Traviata’, Sou-Chong in ‚Das Land des Lächelns’, Otto Siedler in ‚Im Weißen Rössl’, Spalanzani/Nathanael in ‚Hoffmanns Erzählungen’, 1. Jude in ‚Salome’, Dancairo in ‚Carmen’ und Schmidt in ‚Werther’. Gastspiele führten in mehrfach in die USA und nach Australien, wo er zuletzt u.a. Cavaradossi und die Tenorpartie in Händels ‚The Messiah’ sang.
Wichtige Partien 2009/2010 am Anhaltischen Theater Dessau:
Neuinszenierungen
· Titelrolle in „Candide“
· Rodney Hatch in „Ein Hauch von Venus“
· Alphonse in „Die Stumme von Portici“
Wiederaufnahmen
· Tamino in „Die Zauberflöte“
· Jaquino in „Fidelio“
· Piquillo in „La Périchole“
21.05.2009, 16:12 | tags:
Musiktheater
, das neue Team
44
André Bücker nimmt an der Diskussionsveranstaltung „Wer hält uns zusammen? Das gepflegte Desinteresse an der Bürgergesellschaft“ teil, die von der Politikwerkstatt Sachsen-Anhalt in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung am Mittwoch, den 27. Mai 2009, 19.00 bis 21.00 Uhr im Forum Gestaltung (Brandenburger Str. 10, 39104 Magdeburg) ausgerichtet wird.
Weitere Diskussionspartner der von Prälat Stephan Dorgerloh (Wittenberg, Beauftragter des Rates der EKD) moderierten Veranstaltung sind Björn Engholm (Ministerpräsident a.D. und Ehemaliger Parteivorsitzender der SPD) und Dr. Rüdiger Fikentscher (Vizepräsident des Landtages von Sachsen-Anhalt).
21.05.2009, 16:10 | tags:
Musiktheater
43
Dessaus kommender Generalmusikdirektor Antony Hermus ist der Dirigent eines Live-„Don Giovanni“ als 3D-Kinoerlebnis. In der französischen Stadt Rennes kommt es zu einer technologischen Weltpremiere: Eine Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“ aus der Oper der Stadt wird live als 3D-Produktion in verschiedene Kinosäle übertragen. Die Aufführung vom 2. Juni der Opéra de Rennes wird überdies in ein Freiluftkino und via Internet ausgestrahlt. Für das Projekt werfen die Region Bretagne und die Telco-Firma Orange 820.000 Euro auf. Die Inszenierung des deutschen Regisseurs Achim Freyer wird unter freiem Himmel vor dem Rathaus der Stadt Rennes ausgestrahlt. TV Rennes 35 überträgt sie überdies im Internet. In Kinosälen von Rennes und Paris wird sie mit Hilfe spezieller Brillen als dreidimensionales Spektakel zu erleben sein. Dabei kommt auch eine spezielle Raumklangtechnik zum Einsatz.
www.rennes.fr
24.04.2009, 11:00 | tags:
Schauspiel
, Musiktheater
25
ANDREA MOSES IM GESPRÄCH MIT HOLGER KUHLA
ANDREA MOSES, Dessaus neue Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel inszeniert seit 1996 in den Sparten Musiktheater und Schauspiel an deutschen und internationalen Theatern. Zudem unterrichtet sie als Dozentin für Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Im Jahr 2008 war Andrea Moses für den Faust-Preis des Deutschen Bühnenvereins in der Kategorie „Beste Regie im Musiktheater“ nominiert.
Du bist seit Jahren erfolgreich als freischaffende Regisseurin für Oper und Schauspiel im deutschsprachigen Raum wie Ausland unterwegs. Ebenso arbeitest Du als Dozentin für Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Du kommst auf angenehme Weise viel herum. Was bewegt Dich, nun eine feste Bindung mit einem Theater einzugehen?
Es reizt mich, für eine bestimmte, längere Zeit mit einem bewusst zusammengesetzten Team, mit Mit-streitern an einem Ort gemeinsam und kontinuierlich zu arbeiten, Entwicklungen konzentriert zu verfolgen. Eine Weile mal innehalten und sich prüfen. Natürlich ist auch die Aussicht verlockend, langfristig denken zu dürfen, ganz konkret für eine Region, für eine Stadt zu arbeiten. Hier habe ich die Chance, nicht nur die Menschen mit denen ich arbeiten werde, kennenzulernen, sondern auch die Menschen, für die wir diese Arbeit tun. Doch heißt, einen Punkt zu fokussieren, nicht die Bewegung einzuschränken oder einzustellen. Es gilt, den eigenen Kosmos in Dessau nicht zu verkleinern, sondern ihn mit hineinzubringen in diese Stadt, nicht nur sich selbst sondern auch sie als Quelle für die Kunst zu begreifen.
Warum Dessau?
Auf die Frage kann man nur antworten: Darum! Ich habe eine ostdeutsche Biografie, deshalb berührt mich besonders, was mit dieser Region geschieht. Ostdeutsche Städte wie Dessau wirken wie aus dem Fokus gefallen, hier interessiert keine Metropolendebatte, hier muss man anarbeiten gegen die Zeichen der Versteppung. Es wird keine einfache Aufgabe, hier Theater zu machen. Andererseits ist Theater nie eine einfache Aufgabe. Und: Gerade hier, gerade in dieser Landschaft, in diesem historischen Konfliktfeld, in diesem aktuell politischen Druckraum muss Theater gemacht werden. Wo, wenn nicht hier? Was an Dessau einzigartig ist, das liegt in seiner Geschichte. In kaum einer anderen Stadt liegen die Schichten der deutschen Vergangenheit so schmerzhaft offen wie in Dessau. Wobei Vergangenheit immer auch Gegenwart ist und die Zukunft beeinflusst. Hier lagert ein großes Archiv von politisch-sozialen Konflikten, aber auch ein poetisches Potential. Dessaus Geschichte erzählt die Krisengeschichte des Kapitalismus, die deutsche Misere, es erzählt vom Überleben, von Avantgarden der Kunst, der Moderne. Ein engagiertes Theater als Ort der Kommunikation kann den Faden von damals wiederaufnehmen ... wer weiß, was aus diesem Synergieeffekt alles entsteht!
Die Spielzeit 2009/2010 bedeutet einen Neustart. Was kommt auf Dessau zu? Alles anders?
Konzepte sind schnell Makulatur. Zuerst einmal heißt es, sich kennenlernen, wir das Publikum, das Publikum uns. Das ist wie bei einem Flirt mit tieferen Absichten – Hauptsache, wir sind und bleiben gespannt aufeinander. Theater ist, wenn es gut ist, immer konkret. „Alles anders“ ist ein rein formales Kriterium, das mich nicht interessiert. Das Dessauer Theater soll zu einem Ort werden, an dem sich möglichst viele Menschen vertreten und ernst genommen fühlen. Ich würde mich freuen, wenn es uns gelänge, aus diesem Theater eine Bühne zu machen, die politisch Brisantes und Drängendes anpackt, zur Diskussion freigibt. Dazu gehört im Theater inhaltlich immer der lebendige Austausch von Tradition und Innovation. Wir leben von der reichen Tradition an Texten, an Musik. Diese Tradition kann nur dann für junge Menschen interessant bleiben und werden, wenn sie immer wieder neu interpretiert wird. Das Theater muss sich ständig neu erfinden. Ich freue mich besonders, dass es uns gelungen ist, junge Regisseure und Autoren an das Haus zu binden, die mit uns versuchen werden, eine Theatersprache für Dessau zu entwickeln.
Glaubst Du an die Chance des Theaters, in den Herzen und Köpfen der Zuschauer heute etwas be- wirken zu können?
Na klar! Ich finde es schon toll, wenn sich freiwillig wildfremde Menschen in einem Saal versammeln und an etwas teilnehmen möchten, von dem sie nicht wissen, was es bringen wird. Anders gesagt: Solange Theater auf neugierige Menschen trifft, funktioniert es – vorausgesetzt, das Theater erweckt die Neu-Gier.
Wir wissen, Du bist eine politisch denkende Regisseurin, was bedeutet „politisch“ in Deinen Arbeiten, Deinem Leben?
„Politisch“ bedeutet den Versuch in die öffentlichen Vorgänge und Prozesse, in die Gestaltung einer Gesellschaft einzugreifen, indem man darum ringt, Mehrheiten für seine Absichten zu gewinnen, Wider-stände zu überwinden. Meine Arbeit besteht darin, das Funktionieren von Politik deutlich zu machen. Theater sollte letztlich eine Lust am Verändern machen, am Mitreden, an der Korrektur. Das heißt in Bezug auf das Politische: es ist privat und das Private ist politisch.
HOLGER KUHLA [LEITENDER DRAMATURG FÜR SCHAUSPIEL UND PUPPENTHEATER]
arbeitete von 1996 bis 2003 als Schauspieldramaturg am Staatstheater Cottbus. Seit 2006 ist er als freischaffender Regisseur und Dramaturg für das Theater sowie als Autor und Regisseur für den Hörfunk tätig und lehrt an der Berliner Humboldt-Universität, der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig.