09.03.2010, 20:21 | tags: Musiktheater, Kurt-Weill-Fest | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Volksstimme, 09.03.2010
Kurt-Weill-Musical begeistert am Anhaltischen Theater Dessau
Ein Hauch von Venus und mehr als nur ein Hauch von Broadway
Dessau-Roßlau. Weit mehr als nur einen Hauch von Broadway bringt " One Touch of Venus " ( Ein Hauch von Venus ) auf die Bühne des Anhaltischen Theaters Dessau. Die Inszenierung des lange nicht in Deutschland aufgeführten erfolgreichsten Broadway-Musicals von Kurt Weill ( Buch Sidney Joseph Perelman und Ogden Nash, Uraufführung 1943 ) war wohl der Höhepunkt des 18. Kurt-Weill-Festivals. Wie die Premiere am Freitag war auch die zweite Aufführung am Sonnabend ausverkauft.
Eine mehr unbedachte Handlung des Friseurs Rodney Hatch löst eine turbulente Geschichte aus. Er steckt den Verlobungsring, der eigentlich seiner Gloria gebührt, einer Statue auf den Finger. Donner, Lichteffekte, Zauber : Die Statue erwacht zum Leben. Es ist die über 3000 Jahre alte, aus Anatolien stammende Figur der Venus. Göttliche Verhaltensauffassungen von vor Jahrtausenden treffen auf die facettenreichen der Heutezeit ...
Die Dessauer Aufführung in Kooperation des Anhaltischen Theaters und des Kurt-Weill-Festes, gefördert von der Kurt Weill Foundation for Music New York, wurde von Klaus Seiffert inszeniert.
Kurzweilig und unterhaltend
Gewiss ist " One Touch of Venus " zeitkritisch, geißelt mit satirisch-humorvollen Blicken kleinbürgerliche Lebensweisen ebenso wie überhebliche Großspurigkeit. Das Musical ist aber vor allem ungemein kurzweilig und unterhaltend. Ein tragendes Moment ist Weills Musik in ihrer verblüffenden Vielfalt. Das Publikum war vom ersten Ton des Vorspiels an fasziniert in deren Bann gezogen.
Die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von James Holmes präsentiert die motivreichen und auf Tanzrhythmen der 1920 er Jahre basierenden Melodien mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit und vielen effektvollen Nuancen.
Songtexte und Kompositionen wie Swing, Tango, Rumba, Boogie, auch Walzer verschmolzen ausdrucksstark miteinander. Überhaupt ist ein stimmiges Miteinander im Ensemble insgesamt wohl das Geheimnis des Dessauer Erfolges. Die Anhaltische Philharmonie, die Gesangssolisten, der Dessauer Opernchor, teils auch mit solistischen Partien und die Dessauer Ballettcompagnie gestalten dieses Musical in begeisternder Broadway-Manier. Unterstützt werden sie von Gastsolisten sowie Studenten der Universität der Künste Berlin. Die ideenreich genutzte, vielfältige Bühnentechnik ( Bühne und Kostüme Imme Kachel ) ermöglicht wahre Showacts.
Angus Wood ( Hatch ) in seiner liebevollen Unbedarftheit und Ute Gfrerer ( Venus ) mit göttlicher Bestimmtheit, beide mit letztendlich trennenden Liebesauffassungen, sind fantastisch in Spiel und Gesang. Nicht minder souverän, als Figur zwischen geckenhaft und machtverliebt, brilliert Ulf Paulsen als Kunstsammler und Millionär Whitelaw Savory. Ihm zur Seite, mehr mit souveränem Durchblick, agiert Ulrike Mayer als Savorys Sekretärin.
Überhaupt treten viele verschiedene, trefflich gezeichnete Charaktere auf. Die knapp 20 einfühlsamen Songs lassen die Gäste am Gefühlsleben der Akteure Anteil nehmen. Darunter das dem Kurt-Weill-Fest 2010 das Motto gebende " New Art is True Art " sowie das zum Hit gewordene " Speak Low ".
" One Touch of Venus " wird im Spielplan des Anhaltischen Theaters bleiben. Die Rolle der Venus übernimmt Ulrike Mayer. Am Pult der Anhaltischen Philharmonie Dessau wird deren stellvertretender GMD Daniel Carlberg stehen.
Die nächsten Aufführungen sind am dem 13. März um 17 Uhr und am 19. März um 19. 30 Uhr.
08.03.2010, 11:26 | tags: Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Dr. Kevin Clarke, http://magazin.klassik.com/konzerte/reviews.cfm?TASK=review, 06.03.2010
Dessau > Anhaltisches Theater - 05.03.2010
Amerikanischer Weill wird neu präsentiert > Ute Gfrerer als Titelheldin
'Speak Low When You Speak Love'
Soviel gleich vorweg: Kurt Weills Broadwaymusical 'One Touch of Venus', 1943 uraufgeführt mit Superstar Mary Martin als sexy Titelheldin (in einer Produktion von Hollywood-Legende Elia Kazan) war ein Riesenhit. Mehr noch, es war das erfolgreichste Musical Weills überhaupt, das es auf 567 En suite-Vorstellungen in New York brachte, anschließend mit Ava Gardner verfilmt wurde und einige der wunderbarsten Weill-Nummern überhaupt enthält: das verführerische 'Speak Low (When You Speak Love)', den rauschenden Walzer 'Foolish Heart', das freche 'I'm a Stranger Here Myself', die Comedy Nummern 'The Trouble with Women' und 'Way Out West (in Jersey)' und natürlich den bewegenden 'West Wind'. Ganz zu schweigen von zwei grandiosen Ballettsequenzen, die ursprünglich von Agnes de Mille choreographiert wurden, 'Forty Minutes for Lunch' über das betriebsame Chaos in Manhattan zur Mittagspausenzeit, in das Venus unverhofft stürzt, und 'Venus in Ozone Hights', wo der Titelheldin die Freuden des Unteren-Mittelklasse-Lebens nahe gebracht werden sollen – woraufhin sie sich verständlicherweise entschließt, doch lieber eine göttliche Statue zu bleiben.
Das Werk – mit einem Textbuch von S. J. Perelman und Ogden Nash, der auch die witzigen Liedtexte schrieb – spielt geschickt mit der bekannten Story der Statue, die zu neuem Leben erweckt wird (à la 'Schöne Galathée' bzw. 'Pygmalion') und mischt sie mit modernen Elementen à la ‚Sex and the City’. Während 'Venus' im anglo-amerikanischen Raum ein etablierter Klassiker ist, der regelmäßig gespielt wird (zuletzt u.a. bei Opera North in England), ist das Stück in Deutschland fast unbekannt, weil ja – laut herkömmlicher Meinung einiger angeblicher Fachleute – Weill sich nach dem Weggang aus Deutschland 1933 an den amerikanischen Kommerz verkauft habe und Musicals sowieso nichts taugten. Nun, die anglo-amerikanische Theaterwelt und Theater- bzw. Musikwissenschaft denkt da anders drüber (Gott sei Dank). Und erfreulicherweise die Intendanz des Anhaltischen Theaters Dessau auch, die 'One Touch of Venus' nun in Koproduktion mit dem Kurt-Weill-Fest der Stadt auf den Spielplan setzte. Soweit, so wunderbar.
Denn das Haus hat ein ausreichend großes Orchester, das man für Weills geniale Instrumentation braucht, es hat ein Ballett, was man für 'Venus' ebenfalls braucht. Und Dank der Unterstützung des Weill-Fests und der Weill Foundation konnten auch Gäste eingekauft werden für die Produktion, die ‚Erfahrung’ mit Musical und dem Stück haben. Darauf hatte, nebenbei bemerkt, die Weill Foundation in New York auch bestanden bei Vergabe der Aufführungsrechte. Es wurde sogar eine Repräsentantin nach Dessau geschickt, um die ‚Werktreue’ zu überprüfen.
High School Aufführung
Extrem unglücklicherweise sind durch die vielen Einschränkungen und Kontroll-Momente der Foundation in New York scheinbar alle innovativen Kräfte, die das Theater in Dessau sonst so schätzenswert machen, erlahmt. Und statt der famosen Hausregisseurin Andrea Moses, die kürzlich mit einem funkensprühenden 'Lohengrin' so beeindruckte, übergab man die Regie an Klaus Seiffert. Der ist zwar privat ein äußerst sympathischer Zeitgenosse, hat auch viel persönliche Erfahrung mit Musicals als Darsteller, aber seine Herangehensweise an die Kunstform ist – wirklich sehr zurückhaltend formuliert – derart bieder, dass diese kesse Geschlechterkomödie mit den vielen immer noch aktuellen Themen älter wirkt, als die 3000 Jahre alte ‚Anatolische Venus’, um die es geht. Das Bühnenbild wirkt, als wäre es Originalentwürfen von 1943 nachempfunden, ebenso die Kostüme. Nur: Was 1943 bei Mary Martin & Co. gut und schick aussah, das sieht hier einfallslos kopiert bei Ute Gfrerer als Venus und Angus Wood als Friseur Rodney Hatch aus. Von Glamour keine Spur. Kein Vergleich etwa mit Jerry Zaks’ Broadway-Neufassung von 'Guys and Dolls', die ebenfalls in einem 40er Jahre Ambiente spielen, aber das Vorbild auf viel brillantere Weise ins Heute übersetzen. So eine Übersetzung findet in Dessau nicht statt (Kostüme und Bühne: Imme Kachel), so dass die Produktion größtenteils aussieht wie eine High School Aufführung in Ozone Hights (um im Bezugsrahmen des Stücks zu bleiben). Das ist tragisch, weil dadurch viele der tollen Stellen des Stücks einfach im Leeren verpuffen: die Szenen, in denen es um Moderne Kunst geht, die Verbindung der antiken Welt der Götter (lächerlich banal umherhüpfend: das Ballettensemble des Anhaltischen Theaters in der Choreographie von Mario Mariano) mit den Gegenwart usw. usf. Nur einmal findet die Inszenierung zu wirklich packenden Bildern und Gesten, nämlich für die 'Ozone Hights'-Nummer, die ganz stilisiert getanzt wird – von den Studenten des Studiengangs Musical der Universität der Künste. Wenn die nicht gerade dazu verdonnert sind, dumm in der Gegend herum zu stehen (wie in der Eröffnungsszene), dann sind sie die eigentlichen Stars dieser Produktion, denn sie tanzen und singen so, wie ich das bei einem klassischen Broadwaymusical erwarte: mit Klasse und Leidenschaft und Witz und Sexappeal.
Schach matt
Wieso das Haus diese Studenten – von denen einige kürzlich den Bundeswettbewerb Gesang gewonnen haben – nicht für die Hauptrollen genommen hat, wo sie doch sowieso schon engagiert sind, ist mir ein Rätsel (Johanna Spantzel, Jörn Felix Alt, Maximilian Mann z.B. wären ein fabelhaftes Trio für 'Venus' gewesen). Immerhin: Haus-Heldenbariton Ulf Paulsen als Kunstsammler Whitelaw Savory schlägt sich wacker und mit Spaß an der Rolle, ist aber als Charakter nicht wirklich glaubhaft. Das gilt auch für den lyrischen Tenor Angus Wood aus Australien. Zwar produziert der etliche schöne Töne (besonders in 'Speak Low'), aber das Musicalidiom liegt ihm grundsätzlich nicht in der Stimme, stilistisch gesprochen. Ute Gfrerer als Venus trifft den Weill-Tonfall zwar in den musikalischen Nummern hervorragend (teils so, als sei sie eine 1:1 Kopie von Mary Martin), aber sie sieht in ihrer Kostümierung viel zu alt(backen) aus für einen antiken Vamp, dem die Männer reihenweise und seit Jahrtausenden zu Füßen liegen. Und sie ist viel zu steif. Das Verblüffende: Als ich Gfrerer nach der Vorstellung privat erlebte, erschrak ich, weil sie in Echt so viel besser aussieht und wie eine so viel quirligere Persönlichkeit hat als auf der Bühne in dieser Inszenierung. Wie konnte die Regie diese übersprudelnde Künstlerin nur derart Schach-matt setzen?
Immerhin war Gfrerer genauso wie der Dirigent der ausdrückliche Wunsch der Weill Foundation, die sonst die Aufführungsrechte nicht nach Dessau vergeben hätten. James Holmes ist der Mann, der 'Venus' bereits bei der (erfolgreichen) Opera North Produktion geleitet hat; insofern ist es verständlich, dass die Foundation ‚auf Nummer Sicher’ gehen und das Stück in erfahrene Hände legen wollte, wo Musicals in Deutschland gern unter Leitung von Dritten Kapellmeistern die schlimmsten aller Martertode erleiden. Aber: Holmes ist ganz sicher kein begnadeter Weill-Interpret. Man hört aus dem Orchestergaben fast nur Partykeller-artiges Schlagzeug, was auch schon bei den Opera North-Aufführungen der Fall war, also nichts mit dem Können des Orchesters in Dessau zu tun hat. Die brillanten Instrumentationsdetails, die wunderbar eingesetzten opulenten Streicher (hier auf ausdrücklichen Wunsch Holmes’ reduziert auf ein Minimum!), all das klingt in Dessau einfach billig. Jedenfalls weit entfernt vom polierten Weill Sound, den man beispielsweise auf der CD mit dem Original Broadway Cast hören kann, wo übrigens das Schlagwerk niemals (!) in den Vordergrund tritt.
Mehr Vertrauen
Dennoch großer Applaus vom Publikum, vermutlich auch, weil viele in Deutschland sich Musical als Kunstform genauso altbacken vorstellen, wie hier dargeboten, als Pendant zu André Rieu sozusagen. Dagegen ist nichts einzuwenden, und meine Begleitung an dem Abend in Dessau fand die Aufführung auch ‚sehr ansprechend’ (‚nur manchmal ein bisschen zäh’). Für mich war es eine vergeudete Chance, den ‚Amerikanischen Weill’ in Deutschland mit einem Splash neu zur Diskussion zu stellen und damit vielleicht auch fürs hiesige Repertoire neu zu gewinnen. Stattdessen wurden in Dessau nur alle Vorbehalte, die viele ohnehin schon gegen Broadwaymusicals haben, aufs schlimmste (und unnötigste) bestätigt. Leider.
Vielleicht lohnt es, die Produktion nach Ablauf des Weill-Fests nochmals zu sehen, wenn Ulrike Mayer die Venus übernimmt, statt wie bei der Premiere eine schauspielerisch und stimmlich sehr präsente Privatsekretärin Molly Grant zu sein? Ab der dritten Vorstellung dirigiert auch Kapellmeister Daniel Carlberg, der schon 'Candide' schmissig präsentierte und somit Hoffnungen weckt, dass sein Weill besser klingen könnte, als der des Gastes aus England. Unbedingt erwähnt werden muss noch, dass es eine Darstellerin gab, die allen anderen die Show stahl und schlichtweg umwerfend war: Kristina Baran als Verlobte-des-Friseurs, Gloria Kramer. Wie sie diese blonde Zicke spielte, war es zum Schreien komisch, sie sang toll und war für mich die Entdeckung des Abends. Neben den Musicalstudenten D.h., in Dessau wäre durchaus das Potenzial vorhanden, um eine famose ‚Venus’ auf die Bühne zu stellen. Man hätte sich nur trauen müssen. Und die Kurt Weill Foundation hätte etwas mehr Vertrauen in die kreativen Eigenkräfte des Hauses haben sollen. Andrea Moses, bitte übernehmen Sie das nächste Mal!
07.03.2010, 20:54 | tags: Musiktheater, Kurt-Weill-Fest | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 08.03.2010
Liebesgrüße aus dem Olymp
Anhaltisches Theater in Dessau-Roßlau bietet mit «One Touch of Venus» eine glanzvolle Musical-Inszenierung
Es ist ein Museum, in dem man lauter gute Bekannte trifft - und darunter sogar ein paar alte Dessauer: Neben Picasso und Miró nämlich dienen auch die Bauhäusler Klee und Kandinsky dem Kunstsammler Whitelaw Savory zum Beweis seiner These "New Art is True Art", die er der Jugend mit agitatorischer Ungeduld eintrichtern will. Dass er in das Zentrum seiner Sammlung dann aber doch eine 3 000 Jahre alte Statue stellt, dient weniger der Wahrheitsfindung als der Nostalgie: Sie erinnert ihn an eine verlorene Liebe, der ein Hauch von Venus anhaftete.
Überfällige Punktlandung
Es war eine längst überfällige Punktlandung, die das Anhaltische Theater dem Kurt-Weill-Fest in diesem Jahr bescherte: Mit dem 1943 uraufgeführten Broadway-Musical "One Touch of Venus" kam Weills erfolgreichstes amerikanisches Stück endlich in seiner Geburtsstadt an - und wurde mit jener konservatorischen Sorgfalt behandelt, die sich die New Yorker Weill-Foundation für das Erbe des Meisters wünscht. Dass ausgerechnet dieses Stück über weite Strecken in einer Galerie der klassischen Moderne spielt und auch den respektlosen Umgang mit unersetzlichem Kunstgut zeigt - wer wollte das nicht als versteckten Kommentar auf Diskussionen verstehen, die vor Ort lange geführt wurden? Nun aber stecken Regisseur Klaus Seiffert und Dirigent James Holmes der Weill-Statue den Ring auf den Finger - und sie erwacht zum Leben!
Genau so weckt der Friseur Rodney Hatch die Göttin der Liebe aus ihrem Marmor-Schlaf - und holt sich damit einen Plagegeist von olympischer Hartnäckigkeit auf den Hals. Nicht nur seine Verlobte Gloria, für die das Schmuckstück eigentlich bestimmt war, wird durch die Begegnung mit dieser Extremistin des Begehrens zeitweise außer Gefecht gesetzt. Auch dem Sammler Savory und Hatch selbst drohen von einer anatolischen Untergrundorganisation tödliche Konsequenzen .
Natürlich ist diese "Pygmalion"-Adaption in ihren Dialogen gelegentlich von rührender Harmlosigkeit, der Gipfel des Frivolen bleibt der Vergleich zwischen einer schluchzenden Geige und einer quietschenden Bettfeder. Und so tut Ausstatterin Imme Kachel gut daran, den Zeitgeist zu beschwören: Im New-Style-Dekor des Greyhound-Busbahnhofs und des Bloomingdale's-Kaufhauses begegnen sich Eisverkäufer und Ladenmädchen, Geschäftsmänner und Gattinnen - und gelegentlich mischen sich einige schräge Village People unter das Volk.
Schwungvolle Straßenszenen
Choreograf Mario Mariano führt das um Berliner Musical-Studenten verstärkte Ballett des Dessauer Theaters zu schwungvollen Straßenszenen und in das genormte Glück von "Ozone Heights" - und steuert Intermezzi bei, in der sich all die antiken Alphatierchen begegnen und begehren: Amor und Artemis, Ares und Athene. Aus ihrer Mitte stammt die schaumgeborene Aphrodite, die für ihr irdisches Intermezzo das römische Pseudonym Venus gewählt hat. Ute Gferer gibt der Figur die statuarische Würde der Göttin und die biegsame Hingabe der Liebenden, das weise "Speak Low" ist bei ihr so gut aufgehoben wie das schmachtende "Foolish Heart" oder das übermütige "That's Him".
Angus Wood präsentiert seinen Hatch mit treuherziger Naivität und einem eher glänzenden als stechenden Tenor, der auch im Kontrast zu Ulf Paulsens - bei "West Wind" schier unerschöpflicher - Stimmkraft als Savory überzeugt. Ein Star aber ist Ulrike Mayers Molly Grant - ein glamouröses Material Girl in "Very, very, very" und eine intelligente Spielmacherin mit ironischer Distanz. Dass man auch kleinere Rollen wie den Privatdetektiv Taxi Black (David Ameln) und seinen Assistenten Stanley (Jan-Pieter Fuhr), vor allem aber die quietschblonde Gloria (Kristina Baran) mit hauseigenen Kräften adäquat besetzen konnte, dürfte die Gäste aus New York von der Dessauer Eignung für das Broadway-Fach überzeugt haben - ebenso wie die individuell geführte Leistung des Chores (Leitung: Helmut Sonne) und die scharfe Geschmeidigkeit der sparsam besetzten Anhaltischen Philharmonie.
Dass die Verjüngung durch die Universität der Künste selbst einer "Venus" ein paar Falten glätten kann, steht außer Frage. Und wenn es jetzt im Programm oder über der Bühne noch eine Handreichung zu den englischen Songs gäbe - dann wäre das Glück wohl auch für den Nicht-Weillianer perfekt.
Nächste Vorstellungen: 13. März, 17 Uhr; 19. März, 19.30 Uhr
07.03.2010, 17:25 | tags: Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Axel Göritz, http://www.opernnetz.de/seiten/rezensionen/dess_venus.htm, 06.03.2010
Alles hat (wieder) seine Ordnung
Am Broadway feierte der Dessauer Emigrant einen Erfolg nach dem anderen. Doch hierzulande ist und bleibt Kurt Weill mit seiner Dreigroschenoper und allenfalls Mahagonny verbunden. Seine Musicals, die er nach der Flucht vor den Nazis in London und vor allem in New York schuf, fristen in seinem Heimatland ein kümmerliches Schattendasein. So kam One Touch of Venus nach der Uraufführung 1943 auf über 500 Vorstellungen, die deutsche Erstaufführung gab es erst 1994 in Meiningen. Anlässlich des Kurt Weill Musikfestes feierte seine Heimatstadt den Komponisten nun mit einer Neu-Inszenierung von One Touch of Venus im Opernhaus. Mit großem Erfolg, wenn auch zwiespältigem Ergebnis.
Das Grundgerüst der Handlung ist schnell erzählt: Der Millionär und Kunstsammler Savory begeistert sich gerade an einer frisch erworbenen antiken Venus-Statue. Als sein Friseur Rodney in einem unbeachteten Augenblick der steinernen Schönheit den für seine Verlobte Gloria gedachten Ring an den Finger steckt, erwacht diese zum Leben und verliebt sich sofort in den Barbier. Es folgt ein buntes Intrigen-, Kriminal- und Liebesspiel, in dessen Verlauf auf der Suche nach der verschwundenen Statue Detektive angeheuert werden, der Friseur erst an seiner Verlobten festhält, sie schließlich fallen lässt, mit Venus, die ihn immer mehr anhimmelt, im Gefängnis landet, wieder freikommt, sich schließlich doch in Venus verliebt - bis dieser dann dämmert, dass eine spießbürgerliche eheliche Zweisamkeit mit dem durch und durch geradlinig treu tumben Friseur doch nicht das ist, was sie sich unter menschlichem Liebes-Leben vorstellt. Also wird sie wieder Göttin, verwandelt sich zurück in die steinerne Venus auf dem Podest beim Kunstsammler, alles hat wieder seine Ordnung und dem Friseur läuft just eine Kunststudentin über den Weg, die aufs Haar seiner verschwundenen Venus gleicht.... Happy End.
Dazu hat Weill einen typischen Broadway-Musical-Sound der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Big Band-Besetzung mit opulentem Streicherklang, über zwei Dutzend Songs und mehreren Ballett-Stücken komponiert. Das ist spritzig, fetzig, auch mal elegisch verhalten, die Musik jedenfalls überzeugt immer noch und mehr als die manch einer eher seichten und eindimensionalen vermeintlich modernen Musical-Komposition. Es ist Gebrauchsmusik, aber auf hohem Niveau, von einem großen Musikdramatiker geschaffen. Musikalisch war also alles bestens bestellt, auch dank der energischen und gleichwohl straffen und punktgenauen Leitung der Anhaltischen Philharmonie durch den Kurt Weill-Spezialisten James Holmes.
Zum Problem wurde nicht die scheinbar an die Zeit gebundene Musik, sondern die neue Inszenierung. Musical will auch Glitzer, Glamour, Show - die Regie von Klaus Seiffert lässt aber genau das vermissen, sie ist allzu bieder, brav und zahm. Es wird eigentlich nichts falsch gemacht, die Geschichte wird nachvollziehbar auf der Bühne erzählt, aber das ist zu wenig. Und wenn dann mal auf den Putz gehauen wird, kommen ein paar Knall-, Keif- und Schrei-Chargen rüber, wie die Verlobte Gloria (Kristina Baran) und ihre Mutter (Ulrike Hoffmann) oder der Privatdetektiv Taxi (David Ameln). Für die großen Songs wiederum ist der Regie nicht mehr eingefallen als Auftritt im Punkt-Scheinwerfer an der Rampe vor abgedunkeltem Hintergrund. Regie-Theater mag es ja manches mal etwas übertreiben mit der Interpretation, aber nur Eins-zu-Eins das Stück bebildern und abliefern ist denn doch zu wenig. Das wirkt hausbacken und platt. Schon der Wortwitz, obwohl in neuer Übersetzung, will nicht so richtig zünden (gesungen wird auf englisch), die Drehbühne mit ihrer Bauhaus-Fassade ist praktikabel, aber die Kostüme in ihrer Alltagskleidung (Imme Kachel) machen jegliches Hineinträumen in die große Show zunichte. Nur in wenigen Szenen kommt der Show-Charakter zur Geltung. So im großen Song von Molly, der Sekretärin des Kunstsammlers, wenn diese vor dem Glitzer-Vorhang von den Lover-Boys des Balletts umschwärmt wird und in der wunderschön treffenden und entlarvenden Ballett-Choreograhie (Mario Mariano) über die Hausfrauen-Zukunft der Venus mit Putztuch und Besen.
Die tragenden Rollen waren gut besetzt, gesungen und gesprochen wurde musical-üblich mit Microports. Ute Gfrerer, die sich bereits als Weill-Interpretin einen Namen gemacht hat, gab eine stimmlich und darstellerisch überzeugende Venus, ebenso wie Angus Wood als Friseur Rodney gefiel. Ulf Paulsen, ansonsten als Wagner-Bariton im Einsatz, verkörperte den Kunstsammler Savory und als dessen handfeste Sekretärin Molly glänzte Ulrike Mayer.
Das Publikum zeigte sich schon nach den einzelnen Songs und Ballett-Einlagen angetan und feierte zum Schluss alle Beteiligten, einschließlich des Regie-Teams, mit großem Beifall, Trampeln und anerkennenden Pfiffen.
24.02.2010, 16:04 | tags: Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung Anhaltisches Theater Dessau
Matinee Premiere „One Touch of Venus“
Kurz vor der Premiere des Musicals von Kurt Weill „One Touch of Venus“ lädt das Anhaltische Theater Dessau zu einer Matinee am Sonntag, d. 28. Februar um 10:30 Uhr ins Foyer des Großen Hauses ein. Mit der Premiere wird gleichzeitig die 5000. Premiere seit 1794 am Anhaltischen Theater gefeiert.
Neben dem Inszenierungsteam (Klaus Seiffert/Regie, James Holmes/Musikalische Leitung), das einen Einblick in den Entstehungsprozess der Inszenierung geben wird, werden die Solisten Ute Gfrerer, Angus Wood und Ulf Paulsen kleine Kostproben der wunderbaren Songs darbieten. Hintergründiges und Wissenswertes zum Werk wird ebenso geliefert wie Details zur Umsetzung und Interpretation durch die Inszenierung.
Moderiert wird die Matinee von Ronald Müller (Musikdramaturg). Boris Cepeda wird die Solisten am Klavier begleiten.
Für den Eintritt wird ein Obulus von 3,- € erhoben, der beim Besuch der entsprechenden Veranstaltung auf den Kartenpreis angerechnet wird.
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
17.02.2010, 17:45 | tags: Musiktheater, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 16.02.2010
Namenlos auf großer Tour
ALTES THEATER Musiktheater für Kinder stellt „Schaf“ in den Mittelpunkt. Dirk Schmeding inszeniert eine abenteuerliche Reise, die die Zuschauer begeistert
Alles beginnt mit einem Handschlag und ordentlich Spucke drauf. Was gemeinhin feucht eine Freundschaft besiegelt, stürzt Schaf in tiefste Ratlosigkeit. Bis zum folgenschweren Händedruck war das Leben für das Tier in Ordnung. Es war eben ein Schaf, eines unter vielen. So ist das, wenn man in Herden lebt. Nun aber hat Schaf einen Freund, Lorenzo heißt der, ist Prinz und schon des Thrones überdrüssig, obwohl er noch gar nicht darauf saß. Schaf hilft ihm, die Krone zu verstecken, und dies ist dem Königssohn die Freundschaftsanfrage wert. Weil Mensch aber nicht nur einfach Katze und Hund oder Junge und Mädchen zum Freund hat, weil alles einen Namen hat, meint Lorenzo, dass dies auch für Schaf gelten müsse. Also zieht Schaf in die Welt, um dazu zu gehören.
Die Suche startet auf der Studiobühne des Alten Theaters. Schaf zieht sich die Reiseschuhe über, wickelt den Schal um den Hals, schnürt den Rucksack, setzt den Helm auf - aus einem Strohballen wird ein Reisegefährt und am Horizont führt die Straße ins Unendliche und eine ungewisse Reise. Dirk Schmeding nimmt Kinder ab fünf Jahren auf dieser Schaf-Tour mit. Er hat „Schaf“, ein Musiktheaterstück für Kinder von Sophie Kassies, inszeniert, und das Publikum damit in Begeisterung versetzt.
Nicole Bergmanns Bühne atmet mit ihren rustikalen Brettern geradezu die Landluft, kann Tanzboden gleichermaßen wie später auch Friedhof sein. Darin agiert mit größter Spielfreude ein bunt gemischtes Ensemble mehrerer Sparten: zwei Schauspieler, zwei Sängerinnen und zwei Musiker. All diese braucht’s in Schaf, denn das Stück ist reich versehen mit barocker Musik von Händel, Purcell und Monteverdi. Autorin Kassies hat den Arien neue Texte gegeben, die die Handlung forcieren und kommentieren. Schmeding lässt die Sängerinnen Cornelia Marschall und Anne Weinkauf indes nicht nur singen, sondern bezieht sie auch wie die beiden Musiker Stefan Neubert und Timm Carnarius in das Spiel mit ein. Mal sind sie das Personal einer ausgelassenen Kostümparty mit Schaf im Mittelpunkt, mal applaudierendes Volk beim Aufritt des Prinzen. Dessen Darsteller Hajo Tuschy ist gleich in fünf Rollen zu erleben und darin verblüffend wandelbar. Er tanzt als Wolf mit dem Schaf, empört sich am Grab, wenn Schaf überlegt, dort den Namen eines Toten zu übernehmen und bringt letztlich dem Titelhelden des Stücks als Engel
eine gute Botschaft.
Da aber will Eva Marianne Bergers Schaf von all der Namenssuche schon nichts mehr wissen. Vom Mähen hat es zu einer eigenen Sprache gefunden, hat viel erlebt, wurde gejagt und missverstanden. Berger gibt ihr Schaf gleichermaßen entschlossen und verletzlich, lässt es ratlos und euphorisch sein, ausgelassen tanzen oder erschöpft ruhen. So viele Facetten, wie sie spielt, gehen kaum auf eine Schafhaut. Am Ende aber überwiegt nur eine Erkenntnis: „Man braucht keinen besonderen Namen, um ein besonderes Schaf zu sein“. Darauf gibt es noch mal einen Handschlag mit Lorenzo. Der Umschlag, in dem ein Engel schließlich den Namen von Schaf nach all seinen Mühen brachte, bleibt verschlossen. Es geht auch ohne Namen.
Besetzung:
Musiker, Sänger und Schauspieler
In der Inszenierung „Schaf“ von Regisseur Dirk Schmeding im Alten Theater spielen, musizieren und singen Eva Marianne Berger (Schaf), Hajo Tuschy (Lorenzo, Torwächter, Dolores, Gastgeber, Engel), Cornelia Marschall (Sopran), Anne Weinkauf (Mezzosopran), Stefan Neubert (Cembalo) und Timm Carnarius (Cello). Die Bühne entwarf Nicole Bergmann, die Kostüme stammen von Katja Schröpfer.
17.02.2010, 17:29 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Diverses | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 17.02.2010
KLANG-KOSMOS DESSAU / Elbmusikfest 2010
Vier Aufführungen an vier aufeinander folgenden Tagen
Das Anhaltische Theater Dessau nimmt in seiner 215. Spielzeit die Tradition der Elbmusikfeste, einem Vorläufer der Anhaltischen Musikfeste, wieder auf und veranstaltet am Himmelfahrtswochenende 2010, vom 13. bis zum 16. Mai, nach einer Unterbrechung von 175 Jahren das nunmehr zweite in Dessau stattfindende Elbmusikfest. Für die regionale Entwicklung des Chorwesens im 19. Jahrhundert hatten die Elbmusikfeste eine große Bedeutung.
Diese Tradition, Sänger und Chöre zusammenzuführen, soll mit dem Elbmusikfest wiederbelebt und gestärkt werden.
An vier aufeinander folgenden Tagen werden zwei Inszenierungen des Musiktheaters und eine Inszenierung des Balletts gezeigt sowie ein SCRATCH-KONZERT aufgeführt.
„SCRATCH“ heißt diese Form deshalb, weil man „from scratch“, also bei Null anfängt und innerhalb eines Tages das Werk zur Aufführung bringt. Die Idee des SCRATCH-KONZERTES besteht darin, mit einem Chor aus Hobby-Sängern innerhalb von 24 Stunden Carl Orffs Chorwerk »Carmina Burana« einzustudieren und das Ergebnis in einer öffentlichen Aufführung zu präsentieren. Der Weg ist dabei das Ziel. Mitmachen kann jeder, der Spaß am Singen hat. Erfahrung im Chorgesang ist natürlich von Vorteil, eine individuelle Vorbereitung erwünscht.
Jeder Mitwirkende muss im Besitz einer Teilnehmerkarte sein, die an der Theaterkasse Rathaus-Center gegen eine Gebühr von 10,- Euro (Ermäßigungsberechtigte 5,- Euro) erworben werden kann. Die Theaterkasse nimmt gleichzeitig die ebenfalls notwendigen schriftlichen Anmeldungen entgegen.
Die Anmeldung für die Teilnahme an diesem Projekt läuft bereits – Anmeldeschluss ist der 22. April. In der Teilnahmegebühr enthalten ist eine Versorgung mit Speisen und Getränken während der Probenpausen am 15. Mai. Selbstverständlich können die Karten auch über das Internet bestellt werden.
Das benötigte Notenmaterial muss jeder Teilnehmer selbst besorgen. Chorpartituren [16,95 Euro] oder Klavierauszüge [39,95 Euro] sind im Fachgeschäft »Musik-Erber« in der Askanischen Straße 55, in 06842 Dessau-Roßlau erhältlich.
Am Freitag, d. 14. Mai finden von 19 - 21 Uhr separate Stimmproben [Teilnahme freiwillig] statt.
Die Gesamtchorprobe mit Klavier findet am Sonnabend, d. 15. Mai von 9:30 - 12:30 Uhr und eine Generalprobe mit Solisten und Orchester um 14 - 17 Uhr statt.
Am 15. Mai, um 19 Uhr lädt das Anhaltische Theater zum Konzert ins Große Haus.
Ausführliche Informationen zum Scratch-Konzert unter www.anhaltisches-theater.de/scratch, mehr Informationen zum Elbmusikfest 2010 unter www.anhaltisches-theater.de/elbmusikfest
- Mai – 16. Mai 2010
KLANG-KOSMOS DESSAU / Elbmusikfest 2010
Vier Aufführungen an vier aufeinander folgenden Tagen
Eröffnung: Donnerstag, 13. Mai 2010, 18 Uhr RICHARD WAGNER LOHENGRIN
Anhaltisches Theater, Großes Haus
Freitag, 14. Mai 2010, 19 Uhr LULU BALLETT VON TOMASZ KAJDANSKI (MIT ORCHESTER), Anhaltisches Theater, Großes Haus
Samstag, 15. Mai 2010, 19 Uhr CARMINA BURANA SCRATCH-KONZERT, Anhaltisches Theater, Großes Haus
Sonntag, 16. Mai 2010, 17 Uhr DANIEL-FRANÇOIS-ESPRIT AUBER
DIE STUMME VON PORTICI / LA MUETTE DE PORTICI, Anhaltisches Theater, Großes Haus
Tickets und Informationen erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
15.02.2010, 16:50 | tags: Musiktheater, Diverses, Neue Formate | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 15.02.2010
Oper Verstehen – Die Geschichte der Oper in 24 Teilen
[Teil 1] Die Florentiner Camerata und Claudio Monteverdi
Wie ist die Kunstform Oper entstanden? Wieso wird in der Oper manchmal gesprochen? Was ist ein Secco-Rezitativ? Wenn Sie sich für Oper interessieren, aber die eine oder andere unbeantwortete Frage haben, sind Sie bei Oper-Verstehen genau richtig.
Heribert Germeshausen [Leitender Musikdramaturg/ Operndirektion] wird einmal monatlich in dieser musikhistorisch chronologisch angelegten Reihe über die Entstehung des Musiktheaters sprechen. Zahlreiche Musikbeispiele, teils vom Tonband, teils live von Ensemblemitgliedern dargeboten, dienen der plastischen Veranschaulichung des Vortrags.
Die Reihe ist auf 24 Sitzungen und drei Spielzeiten konzipiert, beginnt bei der Florentiner Camerata
14.02.2010, 10:58 | tags: Musiktheater, Diverses, neuer Tag | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 11.02.2010
Ein Podium für die Verwandlungen
Weill-Gesellschaft stellt das Fest-Programm in der Landesvertretung in Berlin vor
Das Kurt-Weill-Fest rührt die Werbetrommel in Berlin. Wenige Tage bevor das 18. Musikfest, das den Dessauer Komponisten in seiner Geburtsstadt ehrt, am 26. Februar eröffnet wird, luden die Veranstalter in dieser Woche traditionell in die sachsen-anhaltische Landesvertretung in der Hauptstadt ein, um dort das Programm vorzustellen.
Mit Festintendant Michael Kaufmann, Theaterintendant André Bücker und Philipp Oswalt, dem Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, lernten die zahlreichen Besucher im Dessau-Saal gleich drei neue Akteure der Stadt kennen, die die Geschicke der drei großen Kultur-Leuchttürme leiten. Man sei freilich "weit davon entfernt, nur ein Podiumtrio zu sein", formulierte es André Bücker. Das gemeinsame Arbeiten an Programmen und Aktionen habe sich von den Köpfen der Institutionen längst bis in die Arbeitsebenen verfestigt.
Deutlich macht sich dies auch im Programm des Weill-Festes, das dessen Intendant Michael Kaufmann angesichts der Fülle von über 40 Veranstaltungen an zehn Tagen vom 26. Februar bis zum 7. März nur in Ausschnitten näher vorstellen konnte. "Mein Vorgänger Clemens Birnbaum hat dieses Fest erfunden und geplant. An mir ist es, alle Kraft darin zu setzen, es zu einem Erfolg werden zu lassen und die Weichen für die Zukunft zu stellen", sagte Kaufmann. "New Art is True Art", der Titel der 18. Fest-Auflage, inkludiert gleich zwei Uraufführungen. "Zwei Kompositionsaufträge zu vergeben, ist für ein so kleines Festival wie das unsrige sehr bedeutend und zeugt von Mut zum Risiko", so Kaufmann.
Die bereits ausverkaufte Uraufführung von Moritz Eggerts "Bordellballade. Ein Dreigroscherlnstück" im Bauhaus und die gut gebuchte Fest-Eröffnung mit Helmut Oehrings "Die WUNDE Heine" gespielt vom Ensemble Modern seien indes Beweis, dafür, dass die "fantastische Entscheidung bei der Programmplanung richtig getroffen wurde". Da sich beide Komponisten auf Weills "Mahagony Songspiel" beziehen, würden sich spannenden Lesarten ergeben.
Den szenischen Höhepunkt des Weill-Festes verortete Michael Kaufmann im zweiten Fest-Wochenende mit der Premiere von "One Touch of Venus" am Anhaltischen Theater. Das Konzert des MDR-Sinfonieorchesters sei zudem von Clemens Birnbaum als inoffizielle Ouvertüre zur Internationalen Bauausstellung 2010 gedacht, die ab April in Dessau beginnt. Damit kamen auch die Kooperationspartner des Festes ins Boot, die zur Podiumsrunde gehörten. "Diese Zusammenarbeit ist für uns schiere Notwendigkeit", erklärte Michael Kaufmann. Kooperation hätte das Fest gewissermaßen im Geburtsgen verankert.
Die Aktion "Jetzt wird gedessauert!" kam zur Sprache und der langwierige Prozess, auch die Bevölkerung vom Sinn derartiger Zusammenschlüsse zu überzeugen. Außerhalb Dessaus wird auf solche Initiativen freilich mit großem Wohlwollen geblickt. "Was hier passiert, war lange überfällig", sagte in Berlin Patricia Werner, die als stellvertretende Geschäftsführerin der Ostdeutschen Sparkassenstiftung die weibliche Seite und gleichermaßen die der Förderer vertrat. "Verwandlungen sind ein Thema, das uns interessiert, und genau dies passiert gerade in Dessau. Unser Geld kann für sich nichts bewirken, erst wenn es auf Partner trifft, die es verwandeln, passiert etwas", so Werner. Sie ließ - ohne konkret zu werden - verlauten, dass bereits Gespräche über künftige Projekte laufen, die die Sparkassenstiftung unterstützen will.
05.02.2010, 16:53 | tags: Musiktheater, Theaterpädagogik | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 05.02.2010
SCHAF feiert Premiere im Alten Theater
„Schaf“ ist eine Musiktheaterproduktion von Sophie Kassies für Kinder ab 5 Jahren aber auch für Erwachsene absolut empfehlenswert. Im Studio des Alten Theaters feiert die Inszenierung in der Regie von Dirk Schmeding am 14. Februar um 10:30 Uhr Premiere. Eine Schauspielerin, ein Schauspieler, zwei Sängerinnen und zwei Musiker spielen und besingen die abenteuerliche Reise von Schaf.
Eingebettet wird sie in Musik von Henry Purcell, Georg Friedrich Händel und Claudio Monteverdi. Erleben Sie diese humorvolle, phantastische, leicht melancholische, freche und liebevolle Geschichte!
Wie der Titel schon vermuten lässt -geht es um ein Schaf. Schaf lebt auf einer Wiese zusammen mit anderen Schafen und ist glücklich. Lorenzo ist ein Prinz. Weil er König werden soll, ist er unglücklich. Deshalb flüchtet er sich in die Schafherde, um seine Krone dort zu verstecken. Schaf hilft ihm dabei und so werden die beiden Freunde. Lorenzo ist der Meinung: „Wenn man einen Freund hat, ist man ein spezieller Jemand. Anders als die anderen. Dann braucht man einen Namen!“ Nur hat Schaf den nicht, es ist einfach Schaf. Also macht es sich auf die Suche nach einem Namen und eine Reise voller Abenteuer beginnt!
Im Anschluss an die Premiere bieten die Theaterpädagogin Imme Heiligendorff und die Bühnenbildnerin Nicole Bergmann einen Premieren-Workshop „Schaf“ an, eine spielerische Nachbereitung des Vorstellungsbesuchs. Natürlich kann jedes Kind seine Bastelarbeit mit nach Hause nehmen!
Musikalische Leitung: Stefan Neubert |
Regie: Dirk Schmeding
Bühne: Nicole Bergmann |
Kostüme: Katja Schröpfer
Mit: Eva-Marianne Berger, Cornelia Marschall, Anne Weinkauf; Timm Carnarius/Gerald Manske, Stefan Neubert/Boris Cepeda, Hajo Tuschy
Weitere Vorstellungen: 18.02. 10.00 Uhr; 21.02. 10.30 Uhr; 21.03. 14.30 Uhr; 29.03.;10.00 Uhr [Karten zum Kinderpreis von 4,50 €, Erwachsene zahlen 6,- €!]
Aufführungsdauer: ca. 1 h |
Premieren-Workshop „Schaf“ max. 1 h
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
05.02.2010, 10:36 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Diverses | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 05.02.2010
Weltstar Leo Nucci in Dessau
Erster Auftritt in Deutschland seit über 20 Jahren und einziger Deutschlandauftritt 2010
Seit seinem Debüt an der Mailänder Scala 1977 zählt er zu den größten seines Faches. Leo Nucci kann auf eine einzigartige, über 30 Jahre währende Weltkarriere zurückblicken, die ihn an die Zentren des internationalen Opernbetriebes führte: Salzburger Festspiele (mit Herbert von Karajan), Metropolitan Opera New York (mit James Levine), Mailänder Scala (mit Claudio Abbado, Riccardo Muti), Wiener Staatsoper, Opernhaus Zürich, Teatro Regio di Parma.
Erstmals seit Ende der 1980er Jahre tritt Leo Nucci wieder in Deutschland auf: Am Anhaltischen Theater Dessau, das sich 2010 Nucci mit Mailand, Wien, Parma und Zürich teilt. Begleitet von der Anhaltischen Philharmonie Dessau unter der Leitung von GMD Antony Hermus singt Leo Nucci Höhepunkte aus seinem Repertoire.
In der Großen Operngala am 10. Mai, um 20 Uhr im Großen Haus werden Ausschnitte u.a. aus „La Traviata“, „Un Ballo in Maschera“, „Rigoletto“, „Macbeth“, „Nabucco“, „Don Carlo“, „Andrea Chenier“ erklingen. Das Konzert ist als Benefizkonzert zugunsten der Theaterstiftung ausgewiesen. Mit jedem Kauf eines Tickets unterstützen Sie also maßgeblich künftige künstlerische Vorhaben des Theaters, die durch die Stiftung finanziell unterstützt werden.
Der Auftritt Leo Nuccis in Dessau wird ermöglicht durch die Associazione „Viva Verdi“, insbesondere durch deren Präsidentin Ursula Riccio aus Nürnberg.
Tickets und Informationen unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
01.02.2010, 17:43 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Udo Badelt, Opernwelt/ Februar 2010
Antwerpen/Dessau
Bernstein: Candide
Die beste aller Welten
Um herauszufinden, ob dies tatsächlich die beste aller möglichen Welten ist, kommen die Protagonisten in Leonard Bernsteins „Candide“ ganz schön rum: Westfalen, Bulgarien, Lissabon, Paris, Südamerika, Eldorado. Das Stück selbst reist nicht annähernd so viel: Es gilt, auch wegen der vielen Ortswechsel, als schwierig zu inszenieren und steht - zu Unrecht - im Schatten der „West Side Story“. Insofern ist es nicht ohne Reiz, dass „Candide“ jetzt in zwei Städten gleichzeitig auf die Bühne kommt (in beiden Fällen unter neuer Intendanz) und damit Anlass bietet, zwei verschiedene mögliche Theaterwelten und ihre Bedingungen kennenzulernen.
Antwerpen: Weltstadt der Renaissance, Hafenstadt, 470 000 Einwohner. Seit Januar 2009 ist der 35-jährige Schweizer Aviel Cahn Intendant der Vlaamse Opera. Sein Hauptanliegen ist es, Oper als Kunstform stärker zur Diskussion zu stellen und in die Stadt zu tragen. Zu dieser Strategie gehört ein Zusatzprogramm aus Filmen, Lesungen und Diskussionen. Es scheint zu funktionieren: Als Cahn vergangenes Jahr Saint-Saëns' „Samson und Dalila“ von einem israelisch-palästinensischen Regieduo inszenieren ließ, wurde heiß diskutiert in einer Kommune, in der so viele orthodoxe Juden leben wie nirgends sonst in Europa. „Candide“ soll diejenigen anlocken, die sonst eher ins Musical gehen. „Oper darf nicht nur für die Happy Few sein“, sagt Cahn, der dabei auf manche belgische Gefühligkeit Rücksicht nehmen muss. So gehen die Wallonen nicht nach Flandern in die Oper, sondern nach Brüssel. Die selbstbewussten Besucher aus Lilie dagegen müssen sich ihrer französischen Identität nicht versichern und fahren gern nach Antwerpen.
In Dessau wäre man wahrscheinlich froh, wenn man diese Probleme hätte. Deindustrialisierung, das Verschwinden der Junkers-Werke, ein Bevölkerungsrückgang von 130 000 (1940) auf zur Zeit rund 70 000 Einwohner und in der Folge mehrere Eingemeindungen haben dazu geführt, dass die Stadt inzwischen offiziell unter der Bindestrich-Scheußlichkeit „Dessau-Roßlau“ fungiert. Dennoch spürt André Bücker, seit dieser Spielzeit Intendant des Anhaltischen Theaters (als Nachfolger von Johannes Felsenstein), einen tief verwurzelten Stolz auf die reiche kulturelle Vergangenheit des mitteldeutschen Kernraums. An seinem Haus wird seit 1794 ununterbrochen Theater gespielt. Anders als Aviel Cahn in Antwerpen hat Bücker einen inhaltlichen Grund, „Candide“ auf den Spielplan zu setzen: Das nach einer Vorlage von Voltaire entstandene Stück soll die aufklärerische Tradition von Dessau als Geburtsstadt von Moses Mendelssohn zitieren. Deshalb ist auch Lessings „Nathan der Weise“ im Programm, und - als Kehrseite der Aufklärung - „Lohengrin“.
Musikalisch sind beide „Candide“-Abende auf ähnlich hohem Niveau. Daniel Carlberg in Dessau ist ein Dirigent mit äußerst präziser Zeichengebung; das Tempo legt er breiter und langsamer an - aber nicht langweiliger - als Yannis Pouspourikas in Antwerpen. Dort trifft das Orchester ziemlich genau den Geist jenes britischen Humors, mit dem Regisseur Nigel Lowery das Stück angegangen ist. In der kindlichen Idylle des Beginns laufen Candide und seine Liebe Kunigunde hinter einer Wand, davor baumeln Beinchen, die sie sich umgehängt haben, so dass sie aussehen wie Puppen. Erzähler ist hier ein Sendemast mit der Anmutung des Computers HAL in Stanley Kubricks Film „2001“. In Dessau nimmt Regisseurin Cordula Däuper die Figuren ernster, und nicht zuletzt deshalb ist ihre Inszenierung die ruhigere und menschlichere. Der Erzähler ist hier aus Fleisch und Blut, allerdings wechselt die Rolle mehrmals zwischen den Figuren, was eine Schwäche der Inszenierung ist. In bei den Häusern wird Dr. Pangloss, der die Lehre von Gottfried Wilhelm Leibniz vertritt - dass wir in der besten aller möglichen Welten leben würden - von Schauspielern verkörpert (Graham Valentine in Antwerpen, Stephan Lohse in Dessau), die zwar charakteristische Würze einbringen, als Sänger aber schwache Leistungen bieten.
Was man von der übrigen Besetzung nicht sagen kann. Herausragend: Jane Archibald (Antwerpen) und Angelina Ruzzafante(Dessau), die beide als Kunigunde nicht nur die Bravour-Nummer „Glitter And Be Gay“ souverän meistern, sowie Renate Dasch als Alte Frau in Dessau, die sich nach den internationalen Erfolgen ihrer Tochter Annette jetzt im Alter von 64 Jahren mit Noblesse noch einmal ein ganz neues Berufsfeld eröffnet hat. Früher war sie Ärztin - was für sie eindeutig nicht die beste aller möglichen Welten war.
Bernstein: Candide
Antwerpen
Premiere am 15., besuchte Vorstellung am 29. Dezember 2009.
Musikalische Leitung: Yannis Pouspourikas, Inszenierung und Ausstattung: Nigel Lowery. Solisten: Michael Spyres (Candide), Jane Archibald (Kunigunde), Karan Armstrong (Alte Frau), Graham Valentine (Pangloss/Martin) u. a.
Dessau
Premiere am 4. Dezember 2009, besuchte Vorstellung am 9. Januar 2010.
Musikalische Leitung: Daniel Carlberg, Inszenierung: Cordula Däuper, Bühne: Jochen Schmitt, Kostüme: Mareile Krettek. Solisten: David Ameln (Candide), Angelina Ruzzafante (Kunigunde), Renate Dasch (Alte Frau), Stephan Lohse (Erzähler/Pangloss/ Martin) u.a.
27.01.2010, 21:43 | tags: Musiktheater
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 28.01.2010
Eine Göttin unterm Turnhallendach
Theater: Probenzeit für das Weill-Musical «One Touch of Venus» hat begonnen
Venus steigt die Treppe hinab und Withelaw Savory ist durchaus angetan. Aug in Aug mit einer leibhaftigen Göttin, da bliebe wohl jedem Mann die Spucke weg. Im konkreten Fall erwischt es Ulf Paulsen. Dabei ist die frühere Turnhalle in der Oechelhaeuser Straße gar nicht der rechte Platz für einen göttlichen Auftritt. Hier aber befindet sich nun einmal die Probebühne des Anhaltischen Theaters, und hier fanden schon Ende vergangenen Jahres die ersten Treffen des Ensembles statt, das am 5. März "One Touch of Venus" zur Premiere im Theater bringen wird. Am zweiten Wochenende während des 18. Kurt Weill Festes hat das Musical des in Dessau geborenen Komponisten seine erste Vorstellung.
Ein Musical mit allem, was zu diesem Genre gehört, will Regisseur Klaus Seiffert an diesem Abend auf die Bühne bringen. Dafür versammelt er zunächst einmal ein junges, spielfreudiges Ensemble. Ute Gfrerer ist in der Hauptrolle zu sehen. Bereits im vergangenen Jahr feierte sie das Publikum des Weill-Festes in "Die sieben Todsünden" in der Rolle der Anna. Gleichermaßen als Gast am Haus ist Ulrike Mayer zu erleben, die Sekretärin Molly ist ihre Rolle. Die Herzen der Zuschauer eroberte die Mezzosopranistin bereits in der Operette "La Pericole". Und der Mann zwischen diesen beiden Damen ist in dieser ersten Probenszene schließlich Ulf Paulsen, ein blasierter Kunstsammler. Friseur Rodney, gespielt von Angus Wood, erweckt dessen neueste Errungenschaft, eine Venus-Statue, zum Leben, weil er ihr einen Ring auf den Finger steckt.
Auf der Probebühne lässt Klaus Seiffert das Trio Venus, Molly und Savory nun aufeinander treffen und sagt klar, was er sehen will. "Das Denver-Clan-Prinzip - je strahlender wir lächeln, desto bösartiger sind wir", ist seine klare Regieanweisung für Ulrike Mayer, die Venus fortan herrlich schnippisch angiftet. Die Konstellation birgt wahrlich Zündstoff für eine ganze Reihe von herrlichen Verwicklungen und Missverständnissen. Nicht umsonst gehört "One Touch of Venus" zu den erfolgreichsten Werken Kurt Weills, die dieser in Amerika schuf. Nachdem die musikalische Komödie 1943 ihre Uraufführung in New York hatte, folgten mehr als 560 Aufführungen. Bis heute gehören die daraus stammenden Songs wie "Speak Low" und "That's Him" zu den Standards der großen klassischen amerikanischen Songs.
"Solche Stücke sind aber auch schwer zu machen", weiß Regisseur Seiffert. Tanz, Spiel, Singen, Komik, Slapstick zählt er auf. "Jeder muss alles machen und können." Für Seiffert ist das Musical, das der szenische Beitrag des Anhaltischen Theater zum diesjährigen Weill-Fest ist, eine "Komödie mit Biss und wunderbarer Musik". Er vergleicht das Stück ein wenig mit dem "Sommernachtstraum", denn "jeder will den, den er nicht bekommen kann". Der Witz des Textes von Ogden Nash sei auch in den Übersetzungen erhalten geblieben. Allerdings habe man sich entschieden, bei den Songtexten im Englischen zu bleiben. "Damit sind wir näher am Original dran. Wir werden in den Choreografien einiges an gespielten Witz umsetzen", erklärt der Regisseur.
Für Klaus Seiffert ist es das erste Mal, dass er ein Werk von Kurt Weill inszeniert. Umso mehr hat ihn überrascht, wie gut vorbereitet seine Darsteller an die Arbeit gingen. "Es ist erstaunlich, was die Leute hier alles über Weill wissen, aber es ist ja auch seine Geburtsstadt und der Ort des Festivals", sagt er. Zu diesem Wissen geselle sich eine große Spielfreude, die man den Solisten schon bei dieser frühen Probe anmerkt. Und James Holmes, der amerikanische Dirigent, steht dem am Klavier in nichts nach.
Parallel zur Arbeit mit den Solisten, hat sich längst auch das Ballett zusammengefunden, um mit Choreograph Maria Mariano die Choreografien einzustudieren. "Es gibt Szenen, da tanzen 24 Leute", verspricht Seiffert, der für die Produktion zehn Musical-Absolventen aus Berlin gewinnen konnte. Mit dem Chor des Theaters dürfte das Stück fürwahr "recht opulent" werden, wie es der Regisseur im Sinn hat. Drehbühne und Versenkungen will er nutzen, das volle Programm also für eine musikalische Gattung, die nach all diesen Zutaten lechzt. Und mit großen Gefühlen wie Liebe, Eifersucht und Geltungssucht bedient "One Touch of Venus" schließlich auch alles, was ein gutes Musical braucht. Klaus Seiffert wird in wenigen Tagen wieder in Dessau eintreffen und dann nicht mehr nur auf der Probebühne in der Oechelhaeuser Straße, sondern auch auf der großen Bühne weiter den Zauber der Venus entfalten, damit ihm am 5. März auch das Publikum bei der Premier erliegt.
Kartenvorbestellungen an den Theaterkassen und unter der Tickethotline des Weill-Festes 0180 / 5 56 45 64.
22.01.2010, 09:49 | tags: Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 21.01.2010
Winterreise – Liederzyklus von Franz Schubert
Passend zur Jahreszeit erklingt am 2. Februar um 19.30 Uhr im Anhaltischen Theater Franz Schuberts großartiger Liederzyklus „Die Winterreise“ auf Texte des in Dessau geborenen Dichters Wilhelm Müller. Ulf Paulsen, das langjährige Ensemblemitglied zeigt sich an diesem Abend von einer anderen Seite. Nach den großen Erfolgen als Telramund (Lohengrin) und Pizarro (Fidelio) stellt er sich im Großen Haus als Liedinterpret vor. Begleitet wir er von Kapellmeister und Studienleiter Wolfgang Kluge am Flügel.
Tickets und Informationen erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
13.01.2010, 10:55 | tags: Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 13. Januar 2010
Künstler-Porträt
Heribert Germeshausen stellt Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters vor
In der Reihe Künstler-Porträt wird Heribert Germeshausen, leitender Dramaturg Musiktheater / Operndirektion am Samstag, den 16. Januar um 20 Uhr den holländischen Bariton Wiard Witholt vorstellen. Das Anhaltische Theater Dessau lädt hierzu ins Foyer des Großen Hauses ein.
Neben zahlreichen Informationen zum Künstler erwartet das Publikum ein umfangreiches Liedprogramm aus dem romantischen Liedrepertoire u.a. Franz Schubert „Der Erlkönig“, Robert Schumann „Die beiden Grenadiere“ sowie die Arie „Rivolgete a lui lo sguardo“ aus Wolfgang Amadeus Mozart "Così fan tutte". Boris Cepeda wird den Sänger am Klavier begleiten.
Tickets zu 3,- Euro erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
11.01.2010, 15:28 | tags: Musiktheater, Theaterpädagogik | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 5. Januar 2010
Senioren werden Paten der Inszenierung „Die Stumme von Portici“
Für die Mitglieder des Seniorenclubs am Anhaltischen Theater Dessau beginnt im Januar 2010 ein besonderes Projekt: Sie begleiten den Entstehungsprozess der Opern-Inszenierung „Die Stumme von Portici“ [Musikalische Leitung: Antony Hermus, Regie: André Bücker] von der Konzeption bis zur Premiere. Dabei verfolgen sie gemeinsam mit Theaterpädagogin Imme Heiligendorff, wie die technischen und künstlerischen Fäden der Produktion zusammenlaufen, besuchen die Werkstätten, nehmen an Proben teil und setzen sich in Gesprächen mit den Künstlern, dem Werk und der Umsetzung auf der Bühne auseinander. Alle interessierten Senioren [60 plus], die sich dazu anmelden möchten, sind herzlich zum Informationstreffen am 13. Januar 2010, um 15.00 Uhr ins Alte Theater eingeladen.
Kontakt: Imme Heiligendorff | Telefon 0340-2511216|
theaterpaedagogik@anhaltisches-theater.de
28.12.2009, 12:50 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Diverses | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 28.12.2009
„Fidelio“ – Zum letzten Mal in Dessau
Ludwig van Beethovens „Fidelio“ wird am Samstag, dem 16. Januar, um 17 Uhr zum letzten Mal im Großen Haus des Anhaltischen Theaters zu sehen sein. Anschließend gastiert das Anhaltische Theater mit „Fidelio“ am 23. und 24. Januar am Theater in Winterthur / Schweiz.
In veränderter Besetzung wurde die von Johannes Felsenstein inszenierte Oper in dieser Spielzeit wieder aufgenommen. Beethoven zeichnete in seiner einzigen, mehrfach überarbeiteten Oper schonungslose Bilder vom deformierenden Umgang mit Macht.
Marzelline, das einzige Kind des Kerkermeisters Rocco, weist die Heiratsanträge des Gefängnispförtners Jaquino zurück, weil sie sich in Fidelio verliebt hat. Niemand ahnt, dass dieser Fidelio, der zu aller Zufriedenheit Hilfsdienste im Staatsgefängnis versieht, in Wirklichkeit Leonore ist. Sie ist – als Mann verkleidet – auf der Suche nach ihrem Gatten Don Florestan, den der verfeindete Gouverneur Pizarro im Gefängnis verschwinden ließ. Leonore gelingt es, in die geheimsten Kerker vorzudringen und dort Pizarros Mord an Florestan zu verhindern.
Es spielt die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Daniel Carlberg. Als Solisten hören Sie KS Iordanka Derilova (Leonore), Cornelia Marschall (Marzeline), Kostadin Arguirov (Don Fernando), Andrew Sritheran (Florestan) Ulf Paulsen (Don Pizarro), Daniel Golossov (Rocco), David Ameln (Jaquino).
Für diese Vorstellung bietet das Anhaltische Theater Tickets zum Sonderpreis für 8,- EURO.
Dieses Angebot gilt vom 04. bis 16. Januar 2010.
Tickets erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
12.12.2009, 08:56 | tags: Spielzeit, Musiktheater, Diverses | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 12.12.2009
Auch Sinatra-Songs im Repertoire
Operndirektor plaudert am Freitagabend mit dem Sänger Pavel Shmulevich
"Noble Wucht" hat ihm die Kritik attestiert. Von einem "russischen Bass mit unendlicher Tiefe" war die Rede. "Der kraftvolle König Heinrich war bei Pavel Shmulevich in guten Händen", heißt es an anderer Stelle. Shmulevichs Auftritt in der ersten Operninszenierung des Anhaltischen Theaters dieser Spielzeit - Wagners Oper "Lohengrin", inszeniert von Andrea Moses - sorgte für Aufmerksamkeit.
Sarastro in der Zauberflöte
Wie perfekt er sein Fach beherrscht, stellt Pavel Shmulevich als Gastsänger nun bald wieder im Dessauer Theater unter Beweis. In der kommenden Woche singt er in der Mozart-Oper "Die Zauberflöte" den Sarastro. Zuvor jedoch, schon am Freitagabend, wird der junge Russe die ganze Breite seiner stimmlichen Möglichkeiten den Dessauern vorstellen. Im Foyer des Anhaltischen Theaters wird das Spektrum um 20 Uhr "Von Wagner bis Sinatra" reichen, wenn Shmulevich Gast beim Sängerporträt ist und die Fragen von Operndirektor Heribert Germeshausen beantwortet.
Dort wird es wohl erst einmal um St. Petersburg gehen, der Heimat des 1982 geborenen Sängers. Der Gesang, so erzählt er, habe ihn schon sein Leben lang begleitet. In der Musikschule fing seine Profession mit fünf Jahren im Chor an. Seit er 13 ist nimmt Pavel Shmulevich Gesangsunterricht. Schon zu Beginn seines Studiums am St. Petersburger Rimsky-Korsakov-Konservatorium wurde Shmulevich in die Young Singers Academy des Mariinski Theaters aufgenommen. Seit einem Auftritt 2001 als Antonio in "Il viaggio a Reims" sang der Bass Titelrollen in verschiedenen Produktionen am Mariinski Theater und wirkte dort bislang in rund 60 Inszenierungen mit. Mit seinem Haus gastierte er unter Leitung von Valery Gergiev in Frankreich, Japan, den USA, Finnland und London. Neben seiner Arbeit in St. Petersburg gastiert Shmulevich sowohl an Opernhäusern als auch bei Konzerten.
Bis zu seinem Gast-Engagement in Dessau kannte der Sänger Deutschland vor allem von Gesangswettbewerben. Beim Wettbewerb "Neue Stimmen" 2007 kam er in die Endauswahl. Bei einem Meisterkurs im Jahr darauf wurde die Dessauer Bühne auf ihn aufmerksam. Inzwischen pendelt der junge Russe zwischen seiner Heimatstadt und Dessau, am Donnerstag kam er gerade von einem Auftritt in Frankreich wieder zurück in die Muldestadt, wo am Montag die Wiederaufnahmeproben für "Die Zauberflöte" beginnen.
Wunsch sind Wagner-Rollen
Im kommenden Sommer wird Pavel Shmulevich mit seiner Familie Dessau als festen Wohnsitz nehmen, denn ab der kommenden Spielzeit gehört er fest zum Sängerensemble des Anhaltischen Theaters. Nachdem er im "Lohengrin" erstmals Wagner auf der Bühne sang, hofft der Bassist nun auf weitere Rollen in Opern des Komponisten. "Ich würde gern alle Wagner-Rollen meines Faches singen", sagt er. In Dessau werde es künftig so viel Wagner geben, um diesem Traum sehr nahe zu kommen. "Mit den Kollegen hier am Haus herrscht eine tolle Atmosphäre", freut sich Shmulevich schon auf die weitere Zusammenarbeit. Dann wird man den Sänger wohl öfter von einer musikalischen Seite hören, die er gleichermaßen wie das klassische Repertoire schätzt. "Ich liebe den Jazz und die Musik aus Hollywood." So singt er am Freitagabend denn auch Frank Sinatra, zuvor aber gibt er Kostproben seines Könnens mit Arien und Liedern von Mozart, Schubert, Tschaikowski und Bruckner.
Sängerporträt mit Pavel Shmulevich, heute, 20 Uhr, im Foyer des Anhaltischen Theaters
10.12.2009, 17:05 | tags: Spielzeit, Ballett, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 10.12.2009
Geschenkideen rund ums Theater
10.12.2009, 17:04 | tags: Spielzeit, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 10.12.2009
Weihnachten und Jahreswechsel im Anhaltischen Theater
Für die gesamte Familie bietet das Anhaltische Theater am 1. Weihnachtsfeiertag, dem 25. Dezember um 16 Uhr das Grimmsche Märchen „Sechse kommen durch die Welt“. Dieses Stück über die Freundschaft wird mit viel Witz und Komik erzählt, so dass bei großen und kleinen Besuchern wohl kein Auge trocken bleibt.
„La Périchole“ eines der Hauptwerke Jacques Offenbachs voller Witz und überquellendem Melodienreichtum steht am 2. Weihnachtsfeiertag, dem 26. Dezember um 17 Uhr auf dem Spielplan. Gespielt wird eine neue deutsche Textfassung von Stefan A. Trossbach mit Dialogen von Peter Ensikat. Eine reisende Theatertruppe gastiert in der Stadt und präsentiert die lustige, aber auch zu Herzen gehende Geschichte der Straßensängerin Périchole und ihres Geliebten Piquillo.
Am 27. Dezember, um 16 Uhr lädt das Theater zu einem Besuch der Inszenierung „Lohengrin“ – Romantische Oper von Richard Wagner ein. Mit Wagners vermutlich populärster Oper wurde im Musiktheater die 215. Spielzeit fulminant eröffnet und zieht seit dem Gäste aus ganz Deutschland nach Dessau. Der zwischen Juni 1846 und März 1848 komponierte „Lohengrin“ nimmt in Wagners Oeuvre in mehrer Hinsicht eine Schlüsselstellung ein: Zum einen verwirklichte Wagner, der „vollkommenste Revolutionär“ nach eigenem Zeugnis, in ihm erstmals weitgehend sein Konzept eines durchkomponierten Musikdramas, zum anderen wollte er am avisierten Uraufführungsort Dresden mit der Oper 1849 auch die Gesellschaft revolutionieren. Freuen Sie sich darauf, neben etablierten Publikumslieblingen wie Iordanka Derilova und Ulf Paulsen unsere neuen stimmgewaltigen Ensemblemitglieder kennenzulernen.
Nach fünf Jahren Abstinenz erklingt im Anhaltischen Theater zum Jahreswechsel 2009/2010 wieder Beethovens IX. Sinfonie. Am Silvestertag finden die beiden Aufführungen um 17 und um 20 Uhr statt. Unter der Leitung von GMD Antony Hermus spielt die Anhaltische Philharmonie. Es singen die Damen und Herren des Opern- und des Extrachores sowie Mitglieder des Coruso-Chores. Als Solisten wirken mit: Angelina Ruzzafante (Sopran), Carola Günther (Mezzosopran), Andrew Sritheran / Angus Wood (Tenor) und Ulf Paulsen (Bariton).
Tickets und Informationen erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
10.12.2009, 09:53 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Alessandro Anghinoni, www.operamagazine.nl, 07.12.2009
Nederlanders vallen op in ‘gewone’ Candide
Dessau 7 december 2009 Geen reacties
Na een bejubelde Lohengrin waren de verwachtingen rond de volgende première van het Anhaltisches Theater uit Dessau hooggespannen. De productie van Candide viel echter tegen. Niettemin waren de solisten, waaronder de Nederlandse bariton Wiard Witholt, goed.
Van mijn niet-Duitse vrienden heeft iedereen wel een idee wat Bauhaus is, maar slechts een paar weten waar Dessau ligt. Vaak halen ze de naam van de hoofdstad van het Bauhaus door de war met de naam van een concentratiekamp in Zuid-Duitsland.
Maar de stad heeft niet direct zulke gruwelijke herinneringen. Er is slechts één goed zichtbaar spoor van de Nazi-tijd: het enorme, buitensporige theater dat door Adolf Hitler in 1938 geopend werd en uitgerust is met Duitslands grootste roterende toneel.
Vandaag heet dit 1100 plaatsen tellende huis het Anhaltisches Theater en de nieuwe muzikale directeur is de Nederlandse workaholic Antony Hermus, die het seizoen op 4 oktober opende met een alom geprezen Lohengrin.
Zulke creatieve persoonlijkheden zijn welkom. Niet alleen bij culturele instituties, maar in de hele stad. Dessau probeert namelijk haar status als ‘kreisfreie Stadt’ (een onafhankelijke stad, die zo’n 100.000 inwoners moet hebben) te behouden en wil daarvoor de populatieafname die sinds de hereniging van Duitsland aan de gang is in bedwang houden.
In zo’n moeizame situatie kun je het programma van het operahuis zien als een oproep tot een revolutie: Lohengrin, Candide, Un ballo in Maschera, One touch of Venus en La muette de Portici zijn de grootste premières die gepland staan in het Antony Hermus-tijdperk. Alle opera’s gaan in meer of mindere mate over rebellie.
Lohengrin was een groot succes, op een paar wrijvingen met halsstarrige aanhangers van het traditionalisme na.
De tweede première, Candide van Leonard Bernstein, is slechts ten dele een voortzetting van het gladde pad van de roem. We zagen de laatste versie van het stuk, gebaseerd op een tekst van Hugh Weeler, in een Duitse vertaling, met dialogen die herzien waren door de jonge regisseur Cordula Däuper.
Hoewel ik een supporter ben van de jonge mensen die in het theater in Dessau werken, moet ik jammer genoeg zeggen dat Däuper niet aan mijn verwachtingen kon voldoen. Niet dat de voorstelling het zien niet waard was, maar ik kon me gemakkelijk een veel verrassender, onderhoudender vertolking voorstellen. Dessau heeft meer nodig dan ‘gewone’ producties om uit haar depressieve situatie te klimmen.
Maar net als Candide geef ik mijn optimisme niet zo makkelijk op en probeer ik de goede punten eruit te halen. Allereerst de vurige en nauwgezette directie van Daniel Carlberg, onder wiens leiding het orkest momenten van zo’n meeslepende intensiteit bereikte, dat het me moeite kostte om mijn zelfbeheersing te bewaren en niet op te staan en rond te gaan dansen. Al direct bij de ouverture!
Van de hoofdrollen wil ik David Ameln noemen, een knappe en ervaren buffo-tenor, die een zachte en lyrische Candide neerzette. Hij verpersoonlijkte de onschuld.
De briljante Nederlands-Italiaanse Angelina Ruzzafante – een mooie coloratuursopraan met prachtig lyrisch potentieel – zong Cunegonde zonder zichtbare moeite met de hoge e’s in de showaria ‘Glitter and be gay’. Helaas werd die aria geregisseerd als een magere en niet-originele kopie van ‘Diamonds are a girl’s best friends’.
De spelbreker Maximilian was de veelbelovende Nederlandse bariton Wiard Witholt, die zijn kleine rol uitstekend zong, met een preciesie in zijn uitspraak en gemak in zijn zang waarmee hij alle anderen overtrof.
Voor mij blijft het onbegrijpelijk waarom de operazangers uitgerust werden met microfoons. De onnatuurlijke klank stond in onaangenaam contrast met de rijkheid van de muziek uit de orkestbak. Een microfoon was misschien nodig voor de grotendeels gesproken rollen van Voltaire en dr. Pangloss, maar moest de rest van de cast daar dan door verpest worden?
Zoals ik al zei, heeft Dessau het grootste roterende toneel in Duitsland. Dus verwijt het me niet als ik zeg dat ik verwachtte dat er iets zou gaan gebeuren tijdens het laatste lied met koor, ‘Make our Garden Grow’. De klank was geweldig, maar het ijzeren gordijn was neergelaten en alles werd overgelaten aan de verbeelding van de toeschouwer. Een nogal minimalistische, koude, geenszins entertainende enscenering voor het slot van een show.
Niettemin, ik ben vol vertrouwen dat er meer over Dessau en zijn opera’s te vertellen zal zijn op basis van de volgende premières.
Alessandro Anghinoni doet regelmatig verslag van interessante producties in Berlijn. Hij is Italiaans maar woont sinds 2000 in Berlijn. Hij is vertaler van beroep en schrijft regelmatig over opera. Voorheen voor bladen als Opernwelt, tegenwoordig op zijn blog Operello
10.12.2009, 09:24 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 08.12.2009
Cordula Däuper bringt Bernsteins „Candide“ auf die Bühne des Anhaltischen Theaters Dessau
Wenn die „beste aller Welten“ auf die Wirklichkeit trifft
Trist und grau verwehrt der sogenannte Eiserne Vorhang den Blick auf die Bühne. Aus
dem Orchestergraben dagegen schallt temporeiche Musik, mit viel Blech, auch fließend schönen Passagen. Diese Ouvertüre von „Candide“, dem Musical von Leonhard Bernstein, ist sehr bekannt. Das Musical selbst dagegen ist recht selten auf der Bühne zu erleben. Jetzt hatte es in der Inszenierung von Cordula Däuper am Anhaltischen Theater Dessau Premiere.
Nach dem furiosen Auftakt durch die mitreißend aufspielende Anhaltische Philharmonie unter Leitung des 1. Kapellmeisters Daniel Carlberg tut sich eine weit in die Tiefe reichende Bühne
mit oft nur skizzenhaft angedeuteten Requisiten auf. Eine ganz in Weiß gekleidete große Menschengruppe (Chor unter der Leitung von Helmut Sonne) vermittelt ein „Schön-Gut-
Sauber“-Gefühl. Idylle „von früher“ steuert ein großes Mosaikbild bei (Bühne: Jochen
Schmitt, Kostüme: Mareile Krettek). Gerade eben um und über diese „beste aller möglichen
Welten“ geht es. Literarische Grundlage ist der Voltaire-Roman „Candide oder der Optimismus“, in dem sich der Autor mit der Leibniz- These von „der besten aller
möglichen Welten“ auseinandersetzt.
Die Geschichte: Auf einem westfälischen Schloss Thunderten- Tronck werden die halbwüchsigen Kinder des Barons, Maximilian und Cunegunde, sowie Candide, ein unehelich geborener Neffe der beiden, und das Dienstmädchen Paquette vom Lehrer Pangloss erzogen. Abgeschirmt von der Realität, in der „besten aller Welten“. Wegen eines innerfamiliären Vorfalls wird der „Bastard“ Candide aus dem Schloss gejagt – und muss die reale schonungslose Vielfalt schrecklicher Erfahrungen durchleben.
Cordula Däuper hat sich dem schwierigen Unterfangen erfolgreich gestellt, den Zuschauer auf die handlungs-, handlungsort- und personalreiche Irrfahrt des Candide durch ganz Europa, hin bis in die „Neue Welt“, mitzunehmen. Ihr Angebot: Eine Spielanordnung als Experiment, spannend und flott unterhaltend gestaltet. Zentrale Frage: Wie lange wird der
Candide‘sche Optimismus Bestand haben? Eine von der Regisseurin geschaffene „allwissende Figur“ (ungemein variabel Stephan Lohse) wandelt zwischen Personen und Zeiten, ist Voltaire, Lehrer Pangloss, Mulatte Cacambo, auch Martin.
Mitdenken und Nachdenken
Dem Zuschauer, von dem viel Konzentration, Mit- und am besten auch Nachdenken abverlangt wird, hilft er, dem Geschehen, oft auch nur in ganz kurz erwähnten Episoden, stringent folgen zu können. Ein wenig Toleranz beim Publikum natürlich vorausgesetzt. Die Erzählweise von Cordula Däuper reflektiert die menschliche Gefühlspalette trefflich: dubios verwirrend, persiflierend, derb direkt, verletzend zynisch, satirisch, auch hintergründig humorvoll, ebenso emotional nahegehend. Auffallend, ohne vordergründig hervorgehoben
zu werden, sind die vielen Parallelen im menschlichen Handlungsmuster von „früher und heute“. All diese Wahrheiten und Andeutungen, das aktionsreiche Spiel, die tolle Musik, verdankt das Publikum dem rundum engagierten Ensemble.
Herausragend sind die Protagonisten.
Faszinierend mit Stimme, Spiel und einem wahren „Koloraturen-Gewitter“ Angelina Ruzzafante als Cunegunde. David Ameln war der immer gescholtene, doch liebenswerte,
ewig suchende Candide. Renate Dasch überzeugte als souverän mondäne Old Lady.
Ob das abschließende Sich- Wiederfinden aller Figuren, das Haus bauen und warten, „bis unser Garten blüht“, die nun „beste aller Welten“ ist, bleibt offen. Diese Frage kann sich
wohl nur jeder Zuschauer selbst beantworten.
Die nächsten Aufführungen sind am 10. Dezember um 16 Uhr und 20. Dezember um 17.30 Uhr zu erleben.
08.12.2009, 18:32 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Lohengrin, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Alexander Hauer, http://www.deropernfreund.de/pageID_7953294.html,
http://www.musenblaetter.de/liste.php?bid=28, Dezember 2009
Anhaltisches Theater Dessau
Lohengrin
Der von vielen herbeigesehnte, von vielen befürchtete, Führungswechsel in Dessau blieb ohne große Folgen. Ja, es weht ein neuer Wind, aber die Qualität der Inszenierungen und die musikalische Leistung blieben auf dem gleichen, hohen Niveau. Dies ist mein Eindruck nach Andrea Moses’ klug durchdachten, und von Antony Hermus außergewöhnlich transparent geführten, Lohengrin am 22. November.
Zusammen mit Andrea Moses befreite er den Lohengrin von seiner romantischen Last, Wagner, ohne seine Schwere, bekam Swing.
Andrea Moses betrachtete den Text genau, mit chirurgischer Präzision sezierte sie die Textinhalte, setzte sich auf das genaueste mit dem musikalischen Subtext auseinander und schuf so zusammen mit ihrem Team einen höchst aktuellen, politischen Opernabend: Der heilige Gral als Heilsversprechen um einen Krieg im Osten zu führen ( ganz aktuell, seit einiger Zeit wird Deutschland auch am Hindukusch verteidigt, Danke, Herr Struck!). Nachdem die Brabanter Heinrich zunächst die Gefolgschaft für seinen Krieg gegen Ungarn verweigern, zaubert er eine weitere politische Marionette herbei.
Lohengrin erscheint aus der Unterbühne, Videoeinspielungen (Chris Kondek und Jens Crull) im Stil deutscher und amerikanischer Wahlspots, unterstreichen seinen Auftritt. Andrew Sritheran ist ein stimmlich sicherer, seine Kräfte klug einteilender, baritonal gefärbter Lohengrin. Er gestaltet seine Rolle als eiskalter Machtpolitiker, durchaus bereit seine Gegner zu töten, ist sich aber seiner Rolle als Marionette von Heinrich durchaus bewusst. Dieser Lohengrin weiß schon zu Beginn an, dass er Elsa verlassen muss und wird.
Bettine Kampp ist eine psychisch labile Elsa, durch jahrelange Gefangenschaft tablettenabhängig. Sie erkennt, wenn sie sich retten will, muss sie diesen Lohengrin heiraten, egal unter welchen Bedingungen. Spätestens aber, seit der Fragestellung im Brautgemach, beginnt aber ihre Emanzipation, und am Ende der Oper sieht sie als einzige das Unheil mit klaren Augen. Frau Kampps warmes Timbre und die klare Textverständlichkeit lassen diese Elsa auch musikalisch zu einem Hochgenuss werden.
Die Gegenspieler, Ortrud und Telramund (hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein ehrgeizige Frau), Iordanka Derilova und Ulf Paulsen, sind, wie erwartet, einfach sensationell. Die schauspielerische Leistung der beiden steht der Gesanglichen in nichts nach. Ulf Paulsen eher lyrischer Bariton hat Möglichkeit zu schon fast brutalen Ausbrüchen, Derilovas glockenklarer Sopran, der Rolle angepasst, eiskalt und wunderbar verständlich (zum ersten Mal, nach vielen, vielen Lohengrinen habe ich verstanden, was Ortrud bei der Anrufung der alten Götter singt).
Pavel Shmulevich als Heinrich, steht in Moses’ Deutung im Mittelpunkt der Inszenierung. Seine Erscheinung ist fast zu sympathisch und seinem sonoren Bass fehlt das letzte Quäntchen an teuflischer Bösartigkeit.
Wiard Withold überzeugt als Heerrufer. Im Erscheinungsbild eines Priesters, ist er ein Einpeitscher, der es schafft, die Volksmassen auf Kriegskurs zu trimmen.
Der, durch den Coruso Chor und Extrachor verstärkte, Chor des Stadttheaters unter Helmut Sonne brilliert, wie man es sich nicht besser wünschen könnte.
Andrea Moses gelingt in der Ausstattung von Christian Wiehle ein zeitloses hochpolitisches Werk. Die Verführung des Volkes, die Abhängigkeit durch Lobbyisten und politische Willkür, waren und sind immer tagesaktuell.
Boshaft könnte man auch sagen: Nach der Wahl ist vor der Wahl.
In ihrem Schlussbild erscheint auf Heinrichs Befehl eine weitere Marionette, Gottfried, schnell zu recht geschustert mit Kindermaske. Während das Volk nun wie paralysiert gen Osten marschiert steht eine geistig nun völlig klare Elsa am Rand, die alle Avancen von Heinrich und dem Heerrufer ablehnt.
Der Abend endete unter einhelligen Jubel für Sänger und Orchester in einer klug durchleuchteten, romantikfreien Inszenierung.
Das Stadttheater lud im Anschluss an die Aufführung zu einer Diskussion ein. Rege Beteiligung des Publikums führte zu einer Auseinandersetzung mit dem Abend für beide Seiten. Regie, Dirigent und Sänger stellten sich den Fragen der Zuschauer. Kontroverse Auffassungen prallten aufeinander, blieben aber an diesem Abend von Seiten der Wagnerianer (noch) sachlich.
08.12.2009, 18:27 | tags: Musiktheater, Lohengrin, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Oliver Hohlbach, http://www.operapoint.com, 07.12.2009
Anhaltisches Theater Dessau
Lohengrin
von Richard Wagner (1813-1883); Romantische Oper in drei Aufzügen; Dichtung vom Komponisten; Uraufführung: 28. August 1850 in Weimar.
Regie: Andrea Moses, Bühne: Christian Wiehle, Video: Chris Kondek
Dirigent: Antony Hermus, Anhaltische Philharmonie, Opernchor, Kinderchor und Extrachor des Anhaltischen Theaters Dessau
Solisten: Pavel Shmulevich (König Heinrich), Andrew Sritheran (Lohengrin), Bettine Kampp (Elsa), Ulf Paulsen (Telramund), Iordanka Derilova (Ortrud), Wiard Witholt (Heerrufer).
Besuchte Aufführung: 22.November 2009 (Premiere)
Kurzinhalt
König Heinrich ruft die Brabanter zum Feldzug. Graf Telramund, von seiner Gattin Ortrud angestachelt, beschuldigt Elsa von Brabant des Mordes an ihrem Bruder Gottfried. Ein Gottesgericht in Form eines Zweikampfs soll über Elsas Schuld entscheiden. Da erscheint ein Fremder im Boot, gezogen von einem Schwan, und besiegt Telramund. Dieser Fremde will Elsa heiraten unter der Bedingung, daß sie nie nach seinem Namen und seiner Herkunft fragen würde. Elsa willigt ein. Am Hochzeitstag bezichtigen Ortrud und Telramund vor dem Münster den Fremden der Zauberei und des Betruges. Doch Elsa vertraut ihrem Bräutigam. Später, als sie allein sind, bricht Elsa ihr Versprechen und stellt die Fragen. Im gleichen Moment dringt Telramund in das Brautgemach ein, im Zweikampf stirbt er. Danach offenbart Lohengrin Namen und Herkunft. Ortrud triumphiert, aber durch sein Gebet bewirkt Lohengrin die Rückkehr Gottfrieds, des rechtmäßigen Thronfolgers.
Aufführung
Die Regisseurin Andrea Moses verlegt die Handlung in das Parlament einer heutigen Hauptstadt. Die Abgeordneten versammeln sich um König Heinrich zu begrüßen. Die Fraktionsführerin Elsa reagiert auf die Angriffe des Oppositionsführers Telramund, ihren Bruder Gottfried ermordet zu haben, kindlich naiv linkisch. Das taucht der Führer der Schwanen-Bewegung auf, der mit modernem Marketing die Massen hinter sich bringt: Dynamisches Auftreten, Schwanen-Logo und seine Info-Broschüre wird von adretten Damen verteilt: Ihn ernennt König Heinrich gerne zum Anführer. Die Hochzeit zwischen Elsa und Lohengrin versuchen Telramund und Ortrud zu verhindern, indem sie aufdecken, daß Lohengrin Bestechungsgelder angenommen hat. Aber Lohengrin beantwortet alle Fragen (auch zu seiner Identität) nicht. Im Brautgemach will sich Elsa endlich Klarheit über die Mediengestalt Lohengrin verschaffen. Nachdem er Telramund das Genick gebrochen hat, erzählt Lohengrin seine wahre Geschichte, verschwindet in der politischen Versenkung. Sein Nachfolger als Führer ist ein Statist mit Gottfried-Maske. Selbst Elsa will nicht wissen wer er ist, die politische Elite aber feiert den Neubeginn – so als wäre nichts gewesen.
Sänger und Orchester
Das Haus in Dessau hat 1.200 Plätze, aber der umbaute Raum ist mit anderen Staatsopern vergleichbar, somit muß man ähnliche Maßstäbe wie an eine Staatsoper anlegen: Die KS Iordanka Derilova ist der hochdramatische Sopran, der die Hexe Ortrud wortverständlich singt und ohne zu Fokussieren erreicht sie eine phänomenale Durchschlagskraft - besonders in den hohen Registern. Andrew Sritheran wird in den Olymp der Wagner-Tenöre aufsteigen: baritonal-samtig fundiert kann er in den Höhen mit scheinbarer Leichtigkeit glänzen. Außerdem ist jeder Lohengrin, der beide Teile der Gralserzählung voll aussingen kann, über jede Kritik erhaben. Pavel Shmulevich ist ein russischer Baß mit unendlicher Tiefe. Nach diesem Rollendebüt als König Heinrich wird er seinen Weg zu den großen Bässen sicherlich finden. Ulf Paulsen ist der Hausbariton, der die schwierige Rolle des Telramund ohne jede Anstrengung meistert und den schleimigen Demagogen nicht nur stimmlich überwältigend verkörpert. Bettine Kampp ist ein lyrischer Sopran mit kindlich leuchtender Stimme, sie benötigt nur etwas Zeit um sich frei zu singen. Antony Hermus ist der neue, fast blutjunge GMD des Hauses, der die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen der Partitur steuert. Besonders, da das Tempo durchwegs flott ist und dies die technischen Ansprüche in die Höhe treibt. Trotzdem können die Streicher mit viel Schmelz viel Herzschmerz ausdrücken: Ein Meisterstück der frühen Romantik!
Fazit
Auf der ersten Produktion einer neuen Theaterführung liegt immer besonderes Augenmerk. Besonders da ein junges Team Johannes Felsenstein abgelöst hat, der mit seinen konservativen Produktionen durchaus eine Fangemeinde hatte. Und dennoch wurde diese moderne Produktion mit einhelligem stürmischen Applaus bejubelt. Zum einen weil das Stück mit vielen Details und viel Pfiff handwerklich ausgefeilt auf die Bühne gestellt wurde – und doch die Handlung, wie sie der Komponist wollte, erkennbar war. Zum anderen weil die politischen Fragen, die um die Auswahl der Politiker für ein Amt und die Verantwortung der Medien in der Politik kreisen, sehr im Interesse der Zuschauer liegen: Der Revoluzzer Richard Wagner hätte seine Freude gehabt.
07.12.2009, 16:12 | tags: Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Dr. Kevin Clarke, http://magazin.klassik.com/konzerte/reviews.cfm?task=review
07.12.2009, 12:32 | tags: Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Franz R. Stuke, http://www.opernnetz.de/seiten/rezensionen/dess_cand.htm, 7.12.2009
Zeitlose Gültigkeit
Es ist das Stück zur verlogenen Gegenwart – Voltaires philosophische Satire über „die Beste aller Welten“! Mit Bernsteins anspielungsreicher Musik entwickelt sich „Aufklärung mit den Mitteln der Unterhaltung“ (Brecht).
Ganz in diesem verkappten Lehrstück-Verständnis inszeniert Cordula Däuber – trifft den ironischen Duktus Voltaires mit seinem apokryphen Humor punktgenau, setzt auf die „system-persiflierende“ Musik Bernsteins als handlungsstrukturierendes Element. Die Geschichte der Reise Candides durch die Unbilden der Welt mit Krieg, gewalttätigen Ideologien, gnadenlosem Reichtum und schnöselhafter Unmoral bis zu seinem „Garten“, den er pflegen will – sie gerät zur tour d’horizon durch die Globalisierungs-Katastrophen, kommentiert vom Voltaire-Pangloss, mit personen-bezogenem Bühnenhandeln, realisiert durch ideenreiche Konstellationen der agierenden Personen - solo, in Ensembles und als „Masse“. Und dies permanent sowohl der Botschaft Voltaires als auch der hinreißenden musikalischen Piècen Bernsteins szenisch-subtil gerecht werdend!
Das alles geschieht auf einer Bühne mit grauen Wänden, die sich zerlegen lassen, zu Stufen aufbauend, mit sparsamen Requisiten arbeitend – Jochen Schmitts Bühnen-Elemente schaffen die kommunikativen Räume der Ausweglosigkeit für die Personen, die immer wieder durch Versenkungen stimuliert werden. Mareile Kretteks phantasievolle Kostüme korrespondieren mit dem ironisierenden Duktus des überzeugenden Inszenierungskonzepts.
Daniel Carlberg stürzt sich mit der brillanten Anhaltischen Philharmonie fulminant in die „spritzige“ Ouvertüre, interpretiert die so faszinierend wechselnden Stil-Anleihen Bernsteins mit bewundernswerter Flexibilität, gibt den Solo-Instrumenten Raum für virtuose Passagen – und nutzt die Chance zu etwas Einmaligem: die „hinterlistige“ Umsetzung ironisch-klingender Musik!
Für die Solisten ein prima Angebot für inspirierendes Spiel und distanziert-interpretierenden Gesang, mit Chancen zum Demonstrieren stimmlicher Virtuosität. Stephan Lohse gibt dem Voltaire/Pangloss ambivalenten Charakter, agiert reaktionssicher, spricht enorm ausdrucksstark und singt mit beeindruckender Intensität. David Ameln gelingt ein naiv-leidender Candide, ein ästhimierender Archetyp gläubigen Vertrauens, stimmlich hellwach, variabel im Ausdruck. Renate Dasch ist die lustvoll-stimulierende Alte Dame, darstellerisch flexibel, mit chansonhafter stimmlicher Attitüde! Angelina Ruzzafante kostet die Rolle der Kunigunde ironisch-lustvoll aus, brilliert mit perlenden Koloraturen, fasziniert mit stimmlicher Variabilität. Das Dessauer Ensemble überzeugt mit attraktivem Spiel, gesanglich perfekt positioniert - so wie der Opernchor, geleitet von Helmut Sonne: individualisiert im kollektiven Spiel, famos im differenzierenden Gesang der von Bernstein geforderten Stil-Mixtur!
Der nicht nur intellektuelle Spaß an der aufklärerischen Geschichte fand zur Premiere kein volles Haus in Dessau mit seinem riesigen Auditorium - doch die Zustimmung wächst von Szene zu Szene, endet mit nachhaltiger Zustimmung.
Prognose: Der Dessauer Candide wird zur Attraktion der Besucher aus Berlin, Leipzig, Magdeburg!
06.12.2009, 19:09 | tags: Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 7.12.2009
Anhaltisches Theater
Witze am Scheiterhaufen
Cordula Däuper betont die Unzulänglichkeiten des Librettos von Bernsteins Musical «Candide»
Die beste aller möglichen Welten ist ein fauler Kompromiss: Wir müssen unseren Garten pflegen, erkennt Candide am Ende seiner Grand Tour durch Gottes Schöpfung. Damit scheint er die höchste Stufe im Dreisatz der menschlichen Bildung erreicht zu haben: Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten. Doch ob der reine Tor aus dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck tatsächlich weise geworden ist, darf bezweifelt werden. Schließlich entscheidet er sich ausgerechnet jetzt, seine Geliebte Kunigunde zu heiraten.
Was Leonard Bernstein bewogen hat, Voltaires Roman "Candide" um die Mitte des 20. Jahrhunderts zur Basis für ein Musical zu wählen, vermag auch die Inszenierung am Anhaltischen Theater Dessau nicht abschließend zu beantworten. Zwar lässt das musikalische Material keinen Zweifel am Wert des Werks, das Libretto aber bleibt auch hier eine Zumutung für die Darsteller wie für das Publikum.
Hastige Nachrichtensendung
Daran kann Cordula Däupers Lesart nichts ändern: Die Kurzatmigkeit der Geschichte verhindert jede Empathie für ihre Akteure, Candides Klagen rühren ebenso wenig wie die Opfer des Krieges und des Erdbebens, durch die der Philosoph seine Probanden hetzt. Das Ganze wirkt eher wie eine Nachrichtensendung, in der ferne Katastrophen zur hastig durchgewunkenen Mitteilung verkommen. Dieser Eindruck wird durch Regie und Ausstattung sogar noch verstärkt.
Denn anstatt die historische Entfernung als plausible Perspektive zu akzeptieren, aus der sich die unglaublichen Abenteuer betrachten ließen, sucht man in Dessau die Nähe einer unmittelbaren Gegenwart. Und die bekommt der Geschichte schon deshalb nicht, weil dabei grundsätzliche Verabredungen aufgegeben werden: Wo ließe sich heute noch das Eldorado finden, das Voltaire als utopischen Ort in einer Neuen Welt behaupten konnte? Und wie lässt sich ein Autodafé als Besänftigung göttlichen Zorns übersetzen? Nachdem die Regisseurin mit dem Bühnenbildner Jochen Schmitt und der Kostümdesignerin Mareile Krettek eine Optik etabliert hat, die mit seitlich aufragenden Hochhausfassaden sowie mit der Tennis-Mode der Tanglewood-Bohème eine westliche Warenwelt beschwört, muss sie die ganze Geschichte auf diese Ästhetik herunterbrechen - und verlegt etwa die Opferung von Candides Lehrer Pangloss in eine Stadion-Fankurve, die zudem mit der sozial tolerierten Selbstschädigung durch Tabakgenuss kurzgeschlossen wird. Raucherwitze am Scheiterhaufen - O sancta Simplicitas!
Auch sonst hat man gelegentlich den Eindruck, dass die Regie der Ironie der Vorlage misstraut und sie durch schale Scherze ins Unmissverständliche überzeichnen will. Dabei findet sich alles, was man für das Verständnis von "Candide" braucht, im Graben: Die in doppelbödiger Harmonie schwelgenden Streicher, die mutwillig stampfenden Blech- und die arrogant näselnden Holzbläser agieren unter Daniel Carlbergs raumgreifendem und forderndem Dirigat so wunderbar geschlossen, dass jeder Einsatz der Anhaltischen Philharmonie die Ansetzung des Stückes rechtfertigt. Und auch die Sängerbesetzung lässt kaum Wünsche offen: David Ameln hat den naiven Ton des Titelhelden verinnerlicht, Angelina Ruzzafante ist mit dem hoch dramatischen Gestus ihrer Kunigunde bestens vertraut, Renate Dasch zeigt als Old Lady so viel augenzwinkernde Selbstironie wie Wiard Witholt als Maximilian - und in den kleineren Rollen bewähren sich neben Kostadin Arguirov und David Schroeder die Solisten jenes Chores, den Helmut Sonne generell ausgezeichnet präpariert hat.
Narrensprüche und Werbeslogans
Doch dass man von keinem dieser Darsteller wesentlich mehr zu sagen weiß, ist symptomatisch für die mangelnde Tiefenschärfe: Lediglich Stephan Lohse, der als Voltaire und Pangloss, als Cacambo und Martin durch die Geschichte führt, entwickelt dank seiner tänzerischen Eleganz und seiner darstellerischen Kraft ein Identifikations-Angebot. Allerdings beneidet man ihn schon bald um die 3D-Brille, mit der er dem Geschehen offenbar eine Dimension abgewinnen kann, die man vom Parkett aus vergeblich sucht. Dass diverse Narrensprüche und Werbeslogans zudem gelegentlich wie eine unfreiwillige Parodie auf jenen "Lohengrin" wirken, den Andrea Moses jüngst so ungleich plausibler und konsequenter auf die selbe Bühne gebracht hat, ist ein fataler Nebeneffekt. Denn nun kann man in Dessau neben der subversiven Kraft auch die affirmative Belanglosigkeit von verschriftlichten Regie-Einfällen studieren. Im Finale aber, als alle Figuren vor dem Eisernen Vorhang zur Ruhe kommen, wird man plötzlich überwältigt - und ahnt, was man drei Stunden lang verpasst hat.
Nächste Vorstellungen: 10. Dezember, 16 Uhr; 20. Dezember, 17 Uhr
03.12.2009, 11:52 | tags: Spielzeit, Musiktheater, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 03.12.2009
Musical „Candide“ von Leonard Bernstein hat in der Regie von Cordula Däuper Premiere am Anhaltischen Theater Dessau
Trugschlüsse um die „beste aller Welten
Der Roman ist mehr unbekannt, obwohl der Buchautor dagegen umso mehr bekannt ist. Auch das darauf beruhende Musical wird recht selten gespielt, trotz des berühmten Komponisten. Am Anhaltischen Theater Dessau hat am Freitag, dem 4. Dezember, um 19.30 Uhr das Musical
„Candide“ von Leonard Bernstein seine Premiere. Es basiert auf dem satirischen Roman „Candide oder der Optimismus“ des französischen Philosophen Voltaire.
Ein Musical in der bekannt klassischen Art sei es eigentlich nicht, mehr schon „ein Musiktheater“, erklärt Cordula Däuper (32), die als Gastregisseurin „Candide“ in Dessau in der von ihr geschaffenen Fassung inszeniert. Die absolute Zuordnung zu einem bestimmten Genre passe nicht so richtig, weil es eine große Bandbreite im Wechsel von Spiel- und Musikszenen gibt, mal Operette, mal komische Oper, auch mal Musical, aber kein Ballett, mal Schauspiel.
Selbst der Inhalt, so Cordula Däuper, erscheint auf den ersten Blick zumindest irreführend. Auf dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck wachsen Candide, seine heimliche Liebe Cunegunde, deren Bruder Maximilian und Paquette in der optimistischen Lebensphilosophie ihres Lehrers Pangloss von der „besten aller Welten“ auf.
Die Idylle wird zerstört, als Candide vom Grafen Thunderten- Tronck beim Liebesspiel mit Cunegunde ertappt und aus dem Schloss verbannt wird. Auf seiner Reise durch die Welt muss Candide am eigenen Leib erfahren, dass die „beste aller Welten“ nur in der Philosophie und ohne Bezug zur Realität existiert.
„Ich mache es immer für heute“
„Der Zuschauer wird auf der Bühne eine interessante und humorvolle, ebenso satirische, zynische und überzeichnete Auseinandersetzung mit unserem Planeten erleben können“, bringt die Regisseurin ihre Arbeit auf den Punkt, macht aber damit auch neugierig.
Cordula Däuper wählt für ihre Inszenierung eine „heutige Spielanordnung“ – und macht wiederum neugierig. Doch sie begründet auch. „Ich mache es immer für heute“, das sei spannend und nicht „museal“. Original gehe eigentlich ja auch nicht, weil man nicht genau wisse, wie die Leute
vor 200 Jahren gedacht haben. Und – gerade auf „Candide“ bezogen: „Die Welt ist seither (leider) nicht besser geworden. Für alles, was im Buch beschrieben ist, lässt sich heute mehr als ein Pendant
finden.“
Cordula Däuper, geboren in Wiesbaden, lebt in Stuttgart. Von klein auf ist sie mit dem Theater verbunden, hat im Theaterchor Wiesbaden mitgesungen und viele Aufführungen miterlebt. „Es hätte auch ein Geigenstudium werden können“, erinnert sie sich. Doch die Entscheidung fiel fürs Theater: Studium der Theater- und Kulturwissenschaften in Berlin, 2004 Regiediplom, von 2003 bis 2005 Stipendiatin an der „Akademie Musiktheater heute“.
„Am liebsten Musiktheater“
Musiktheater mache sie am liebsten, weil „sich Musik und Inhalt zusammenfügen“, aber auch, bei allem Respekt vor der Arbeit anderer Kollegen, sollen ihre Inszenierungen „interessanter und spannender sein“ als manche von ihr gesehene. Auf ihrem erfolgreichen künstlerischen „Habenkonto“
stehen unter anderem das Musikmärchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ und „Der Vetter aus Dingsda“ (beide an der Komischen Oper Berlin), die Telemann-Oper „Flavius Bertaridus“ in Magdeburg, das
Open-Air-Spektakel „Eichbaumoper“ in der Essener U-Bahn und „Wiener Blut“ in Berlin.
„Die Welt ist nicht
besser geworden“
Sie mache sich schon Gedanken, wie man auch andere, jüngere Zuschauerschichten ansprechen könne, „wie sie sich angesprochen fühlen“, sagt die Regisseurin. Deshalb ist Cordula Däuper auch froh, in Dessau an einem Haus arbeiten zu können, an dem ein neues Ensemble startet, wo Aufbruchstimmung herrscht.
Und noch einmal zum Stück. Ihre „Candide“-Aufführung sieht sie als eine Art „Lehrstück“ oder „Emanzipationsgeschichte“, jedoch ganz ohne moralisieren zu wollen. Von „glauben“ zum „Sich-selbstein- Bild-machen“, hin zur Entwicklung einer „Selbstverantwortlichkeit für das eigene
Leben“.
Zu ihrem Team gehören Jochen Schmitt (Bühne) und Mareile Krettek (Kostüme). Die Titelrolle in der Premiere singt David Ameln, festes Ensemblemitglied am Anhaltischen Theater. Die musikalische Leitung hat Daniel Carlberg.
Die zweite Vorstellung ist am kommenden Sonntag, dem 6. Dezember, um 17 Uhr zu sehen.
27.11.2009, 14:17 | tags: Spielzeit, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 27.11.2009
Wiederaufnahme von „Die Zauberflöte“
Die wohl beliebteste Oper der Musikgeschichte, „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart, steht ab dem 19. Dezember wieder auf dem Spielplan des Anhaltischen Theaters.
Unter der Leitung von Daniel Carlberg werden in fast allen Hauptrollen neue Sänger zu hören sein, so dass der Opernbesuch auch jedem empfohlen werden kann, der die Inszenierung von Johannes Felsenstein bereits gesehen hat.
Der junge russische Bassist Pavel Shmulevich, sowohl als Heinrich in „Lohengrin“ als auch bei der „Serata di Gala“ gleichermaßen umjubelt, wird die Partie des Sarastro übernehmen, die er bereits in einer Neuinszenierung am traditionsreichen Marinskii Theater gesungen hat. Eine Paraderolle ist der Papageno für Wiard Witholt, der im „Lohengrin“ der Partie des Heerrufers nicht nur ungewöhnliche stimmliche Brillanz, sondern auch ungewöhnliches darstellerisches Profil verliehen hatte. Angus Wood erwies sich bereits Ende der letzten Spielzeit als Piquillo in der Premiere von „La Périchole“ als absoluter Publikumsliebling.
Er wird ab dem 19.12. den Prinzen Tamino verkörpern. David Ameln singt den Monostatos. Und als Königin der Nacht kommt mit Diana Tomsche vom Staatstheater Karlsruhe eine profilierte Koloratursopranistin als Gast nach Dessau. Die Pamina wird in bewährter Weise von Cornelia Marschall verkörpert, der Sprecher ist Kostadin Arguirov.
Weitere Termine: 17.01.10, 17 Uhr | 11.04.10, 17 Uhr | 23.05.10, 17 Uhr
Karten unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 – 20 Uhr
Theaterkasse - Nur Telefonisch 0340 2511 – 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
25.11.2009, 16:45 | tags: Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 25.11.2009
Premiere Musiktheater
Candide - Musical von Leonard Bernstein
Mit „Candide“ schuf der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein 1956, nur ein Jahr vor „West Side Story“ einen der ungewöhnlichsten Beiträge zum modernen Musiktheater. Das Anhaltische Theater Dessau lädt am 4. Dezember, um 19:30 Uhr ins Große Haus zur Premiere „Candide“.
Auf dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck wachsen Candide, seine heimliche Liebe Cunegunde, deren Bruder Maximilian und Paquette in der optimistischen Lebensphilosophie ihres Lehrers Pangloss von der „besten aller Welten“ auf. Die Idylle wird zerstört, als Candide vom Grafen Thunder-ten-Tronck beim Liebesspiel mit Cunegunde ertappt und aus dem Schloss verbannt wird. Auf seiner Reise durch die Welt muss Candide am eigenen Leib erfahren, dass die „beste aller Welten“ nur in der Philosophie und ohne Bezug zur Realität existiert. Mit Witz, beißendem Spott und Ironie werden der überhebliche Adel, die kirchliche Inquisition, Krieg, Sklaverei und die naive Utopie des einfachen Manns von einem sorglosen Leben angeprangert. Doch im Unterschied zu Voltaires Erzählung, die bei allem Humor ein bitterböses negatives Märchen ist, findet Bernsteins Werk einen versöhnlichen Abschluss, in einem Hymnus auf das bescheidene private Glück, den eigenen Garten zu bestellen.
Wenn „West Side Story“ auch die größere Bekanntheit erlangte, so ist „Candide“ doch das komplexere, genialere Werk, Bernsteins kühnste Schöpfung für die Musiktheaterbühne überhaupt, eine Mischung aus Musical, klassischer Operette und komischer Oper. Das Libretto ist eine geschickte Dramatisierung von Voltaires berühmtem Roman „Candide ou l’Optimisme“ [Candide oder der Optimismus]. Die musikalische Leitung liegt beim 1. Kapellmeister des Anhaltischen Theaters Daniel Carlberg, der einen bravourösen Einstand mit dem Ballett LULU feiern konnte. Als Regisseurin konnte Cordula Däuper gewonnen werden, die zuletzt mit großem Erfolg an der Komischen Oper in Berlin gearbeitet hat.
Inszenierung: Cordula Däuper I Musikalische Leitung: Daniel Carlberg I Bühne: Jochen Schmitt I Kostüme: Mareile Krettek I Chor: Helmut Sonne
Solisten: Angelina Ruzzafante (Cunegunde), Kristina Baran (Paquette), Renate Dasch (Alte Lady), David Ameln/ Angus Wood (Candide), Stephan Lohse (Voltaire/ Pangloss/ Martin), Wiard Witholt (Maximilian), Kostadin Arguirov (Captain), David Schroeder (Vardendendour/ Ragotski/ Governor)
Nächste Termine: 6.12.09, 17 Uhr I 10.12.09, 16 Uhr I 20.12.09, 17 Uhr | 09.01.10, 17 Uhr | 28.01.10, 19:30 Uhr
Am 28.1. im Anschluss an die Vorstellung „Nachgefragt“ mit Regisseurin Cordula Däuper und Ensemble-Mitgliedern
16.11.2009, 13:05 | tags: Musiktheater, Lohengrin, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Jörg Königsdorf, opernwelt november 2009
Dessau / Wagner: Lohengrin
Die Zukunft hat begonnen
Den neuen Stil merkt man auf den ersten Blick: << Menschen gestalten – Zukunft bewegen >>, heißt es in großen weißen Lettern über der Bühne des Dessauer Theaters. Nachdem das Haus unter der Leitung von Johannes Felsenstein eine Trutzburg konservativer Repertoirepflege war, setzt das neue Leitungsteam auf Regietheater mit Aktualitätsanspruch. Auf den Tag der deutschen Einheit hatte man die << Lohengrin >>- Premiere angesetzt, und spätestens im dritten Akt, wenn über der Brautgemach-Szene der Slogan << Vertrauen in Deutschland >> hängt, ist klar, dass Regisseurin Andrea Moses die Moral von der Geschicht' durchaus auch auf die Berliner Republik bezogen wissen will. Vertrauen will man den Volksführern auf der Bühne zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr: Dass mit dem schmierigen Jungpolitiker Lohengrin etwas nicht stimmt, deuteten schon sein mit viel PR inszenierter Auftritt und erst recht sein unsauberes Verhaltes beim Duell an.
In Dessau wird << Lohengrin >> zum handfesten Politkrimi. Und wie in einem guten Krimi sind die scheinbar Guten am Ende die Bösen. Das ist verblüffend stringent, weil Andrea Moses ganz nah am Text bleibt. Das Negativ-Image Lohengrins etwa verträgt sich ausgezeichnet mit der vokalen Anlage der Partie: Was unter anderen Umständen wie Reinheit wirken könnte, ist hier eine Oberflächenpolitur und ganz auf die Verblendung der Massen angelegt. Für emotionalen Tiefgang sorgt Elsa, der allmählich dämmert, dass sie nur eine Marionette im abgekarteten Spiel zwischen Lohengrin und dem König ist. Ihre Entwicklung von der treuherzigen dummen Gans (die dem charismatischen Heilsbringer ebenso auf den Leim geht wie das brabantische Volk) zur hellsichtigen Frau gibt dieser Aufführung menschliche Dimension und Tragik. Am Ende steht Elsa da wie Kassandra unter den Trojanern und muss erkennen, dass das Volk die schönen Lügen gern glauben will.
Dass die Rechnung in Dessau so glatt aufgeht, liegt freilich nicht nur an Andrea Moses´ (manchmal fast zu detailverliebt umgesetzten) Konzept, sondern auch daran, dass hier alle an einem Strang ziehen. Bettine Kampp kann Elsas Wandlung nicht nur grandios spielen, sondern singt ihre Partie auch so: << Einsam in trüben Tagen >> mit mädchenhafter Naivität, dann den Schlussakt mit dramatischer Größe. Andrew Sritheran legt seinen Lohengrin mit schmetternden Trompetentönen ganz auf Außenwirkung hin an und phrasiert seine Gralserzählung wie eine spontane Erweckungspredigt – so singt einer, der sich als Visionär inszeniert. Dass ein Haus wie Dessau einen Lohengrin im Ensemble hat, ist fast unglaublich – zumal Sritheran die Partie (inklusive zweiter Strophe der Gralserzählung) bis auf zwei, drei Wackler gegen Ende und einige gestemmte Höhen erstaunlich gut durchsteht. Stimmige Porträts liefern auch Pavel Shmulevichs markiger König, Iordanka Derilovas sexy Ortrud und Ulf Paulsens Telramund, der seinen hellen Bariton im zweiten Akt zu beachtlicher dramatischer Wucht steigert.
Dazu lässt der neue Chefdirigent Antony Hermus mit der Anhaltisches Philharmonie hören, was man auf der Bühne sieht: ekstatischen Jubel und inbrünstige Chorszenen, krachende Dramatik und farbenreiches Melos. So klinkt Wagner als Theatermusik: natürlich, lebendig und ausdrucksvoll. Besser kann die Zukunft kaum beginnen.
Wagner: Lohengrin
Premiere am 03. Oktober 2009. Musikalische Leitung: Antony Hermus, Inszenierung: Andrea Moses, Ausstattung: Christian Wiehle, Chöre: Helmut Sonne. Solisten: Andrew Sritheran (Lohengrin), Bettine Kampp (Elsa), Pavel Shmulevich (König Heinrich), Ulf Paulsen (Telramund), Iordanka Derilova (Ortrud), Wiard Witholt (Heerrufer).
11.11.2009, 16:13 | tags: Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Lohengrin, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Herbert Henning, Orpheus Nov./ Dez. 2009
DESSAU
Keine Zeiten für Romantik
Das Anhaltische Theater Dessau startet nach der Ära von Johannes Felsenstein in die 215. Spielzeit mit Wagners LOHENGRIN in der Inszenierung von ANDREA MOSES, die in emanzipatorischer Absicht eine hochinteressante Sicht auf die irrationale Welt des „Schwanenritters“ eröffnet und dabei aus der Sicht von Elsa eine Geschichte von Macht und Machterhaltung, Täuschung, Versprechen und Manipulation von Menschen, denen die Ideale abhanden gekommen sind, spannend und überraschend aktuell erzählt.
Von Anfang an hat die angesichts der Anklage von Ortrud und Telramund traumatisierte Elsa keine Chance und erst im Brautgemach, dass wie in einem „Wolkenkuckucksheim“ überirdisch schwebt (Ausstattung: CHRISTIAN WIEHLE) emanzipiert sich diese Frau und stellt die verbotenen Frage nach „Herkunft und Stand“ dieses Mannes. Moses beleuchtet die Figuren mit großer Genauigkeit, inszeniert die Auseinandersetzungen zwischen Ortrud, Telramund und Elsa fast intim als Kammerspiel mit großer Genauigkeit. Die Sänger agieren als Schauspieler mit außerordentlicher darstellerischer Präzision.
Dies gilt vor allem für IORDANKA DEVRILOVA als Ortrud mit lodernder, expressiver Stimme und dämonischer Intensität im Spiel wider dem Wahn des Schwanenkults und der Einlullung der Massen durch das König Heinrich/Lohengrin-Bündnis. Für ihre Rache opfert diese raffiniert handelnde „femme fatale“ ihren Mann, den ULF PAULSEN mit markanter Stimme singt. Große musikalische Momente für PAVEL SHMULEVICH als König Heinrich und als einziger Verbündeter an der Seite von Elsa WIARD WITHOLT als kraftvoller Heerufer.
BETTINE KAMPP macht mit jugendlich - dramatischer Stimme überzeugend die Wandlung vom ahnungslosen Mädchen, das in den Sog politischer Ränke gerät, zur emanzipierten Frau deutlich. Dass der neuseeländische Sänger ANDREW SRITHERAN nach stimmlichen Aussetzern in der Brautgemach-Szene in der selten gehörten vollständigen Gralserzählung zu wunderbarem piano findet, zeigt das stimmliche Potential dieses jungen und attraktiven Sängers.
Für die Anhaltische Philharmonie unter ANTONY HERMUS und die von HELMUT SONNE einstudierten, Chöre gilt nach dieser Lohengrin-Premiere uneingeschränkt das musikalische Prädikat „Bayreuth des Nordens“. Selten hat man das Vorspiel zum 3. Akt und den Hochzeitsmarsch mit soviel musikalischer „Ironie“ und orchestraler Präzision erlebt. Ein fulminanter Auftakt des Dirigenten mit dem Orchester, enthusiastisch gefeiert. Das außerordentlich heftige Buh-Konzert für das Inszenierungsteam sollte nicht vom Besuch dieses Dessauer LOHENGRIN abhalten.
06.11.2009, 15:38 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 6.11.2009
Anhaltisches Theater: „Das Tagebuch der Anne Frank“ als Monooper
Bewegendes Schicksal im Damals und Heute
Auf dem Blatt eines großen Abreißkalenders steht: „12. Juni 1942“. Zwischen großformatigen Bildern über die Nazidiktatur und den Holocaust an den Ausstellungswänden fallen Fotos auf, die ein junges, dunkelhaariges Mädchen zeigen. Ein Bild, das weltweit bekannt ist: Anne
Frank. Ihr Schicksal und das ihrer jüdischen Familie kennt die Welt. Ihr Tagebuch aus den Jahren des Verstecks vor den Nazis bewegt die Menschen.
Generalintendant André Bücker hat die Monooper „Das Tagebuch der Anne Frank“ am Anhaltischen Theater Dessau inszeniert.
Es gibt über Anne Frank zahlreiche Literaturveröffentlichungen, Bühnenwerke und andere Ver- und Bearbeitungen. In engster Anlehnung an den Originaltext komponierte der russische Komponist Grigori Frid (geb. 1915) die 1969 uraufgeführte Monooper. Das Dessauer Publikum erlebt die Klavierfassung mit der Sopranistin Cornelia Marschall und Stefan Neubert am Flügel.
André Bücker spannt einen dramatischen Bogen vom Damals zum Heute. Ins Zentrum stellt er das Tagebuch selbst. Symbolisch als Objekt in einer Art Schrein. Die „Handlung“ manifestiert sich in Anne Frank, deren Gedanken, ihren Erlebnissen.
Eine Betrachterin von Heute schaut sich die Bilder und Dokumente an, liest im veröffentlichten Tagebuch. Beeindruckt und gefesselt versetzt sie sich in die junge, 13-jährige Anne, lebt und fühlt wie sie, wird selbst zu Anne Frank.
Der Zuschauer ist mittendrin. Cornelia Marschalls variabler Gesang mit stets bestem Textverständnis und vor allem ihr situativ stimmiges Spiel lässt den Zuschauer nachdrücklich
teilhaben am Wechselspiel der Hoffnungen und Ängste, an Freude und Verzweiflung, an Träumen und Konflikten der jungen Anne Frank. Die Musik von Frid in einer bewegenden Bandbreite von stiller Epik bis aufrüttelnder Dramatik wird von Stefan Neubert gefühlvoll und hochkonzentriert in bewundernswerter Übereinstimmung mit der Darstellerin ausdrucksstark
interpretiert.
In 21 Episoden – knappen Bildern und kurzen, prägenden Augenblicken des Lebens dieser
kurzen Zeit – wird die Tragik des Erlebten der Anne Frank zwischen Kindsein und Erwachsenwerden für den Zuschauer selbst erlebbar, geht nahe. Die Darstellerin wird am Ende der einstündigen Oper wieder zur Betrachterin, ist im Heute. In einer Zeit, in der die Realität des Rechtsradikalismus, des Rassismus, der Gewalt gegenwärtig ist. Bückers Inszenierung macht darauf nachdrücklich aufmerksam – fordert geradezu auf zum Nachdenken und zum Handeln gegen diese reale Gefahr. Mitten unter uns. Als der leise Schlusston im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau im Kulturzentrum „Altes Theater“ verklungen ist, dauert es bei der Premiere eine geraume Zeit des Betroffen-, wohl auch Ergriffenseins, ehe diese denkwürdige Inszenierung mit viel Beifall bedacht wurde.
Die nächsten Vorstellungen finden am kommenden Montag, dem 9. November, um 18.30 Uhr und am Dienstag, dem 10. November, um 11 Uhr statt.
05.11.2009, 12:17 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Lohengrin, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Karsten Pietsch, Leipziger Internetzeitung/ Kultur. Theater, 04.11.2009
Theaterbrief aus Dessau:
Wagners „Lohengrin“ und zwei Stunden warten auf den Kuss von Elsa und Ortrud
Kaum dass die ersten Ouvertüren-Takte verklingen, dämmert es hinter dem Vorhang. Menschen in heutiger Kleidung lümmeln auf den Tischen und Stühlen einer Konferenz-Arena. Die Strukturen der Macht, der Akteure und der Reagierenden sind klar erkennbar, ein trefflicher und machtsicherer Ort auch für Befragungen und Urteile.
Elsa hat Gleichgewichts- und Bewusstseinsstörungen, greift zur Pulverdose, die man ihr wegnimmt. Mit Rausch kämpft sie den Abend lang.
„Offenes Land“ ist die Spielzeit übertitelt, die Leitung des Anhaltischen Theaters hat gewechselt. Im Spielzeitheft gibt es vornehmlich Foto-Schnappschüsse aus der Region.
Kein Regisseur muss an dem anknüpfen, was von gleichen Autoren vorher am selben Haus inszeniert wurde, mag es das Publikum tun, wenn ihm danach ist. Johannes Felsensteins Wagner-Sicht auf „Parsifal“ hatte so viel Kunst, wie nötig war, dass man nichts mehr weglassen konnte. Aus einem Holz geschnitzt. Der tote Baum lag auf der Bühne, war Höhle und, wenn er aufgerichtet war, auch Kruzifix in der Gralsburg.
Andrea Moses geht einen anderen Weg, zeigt pures Heute, setzt als Regisseurin, und in der neuen Dessauer Theaterleitung Schauspielchefin, beim Publikum keine Kenntnisse um Wagner und irgendwelche Zeitereignisse voraus, sie erzählt alles.
Lohengrin 2009: Menschen gestalten -Zukunft bewegen
Über der Bühne von Christian Wiehle hängt in großen Lettern, die sich grafisch nicht akkurat zu einem Gesamtbild fügen „Menschen gestalten - Zukunft bewegen“. Mit einer solchen Parole, um zwei Worte verdreht, zogen ja tatsächlich Politiker in den Wahlkampf. In dieser Form nun ist sie nicht eine harmoniesüchtige esoterische Anwandlung, sondern Gehirnwäsche, totalitärer Anspruch, ein Apparat. Stilisiert mit einem Schwanenhals, Gefieder und grellem Lichtstrahl. Leider kommt die Regie nicht auf die Idee, die vier Worte der Losung ein paar Mal sinnstiftend zu verändern.
Da kommt einer daher, meint man müsse ihm folgen, dürfe aber nie fragen, woher er käme. In der Regie von Andrea Moses sieht man auf der Bühne nicht viel andere Kleidung, ebenfalls von Christian Wiehle gestaltet, als die des Publikums, Frisuren und Brillen im Chor scheinen auf Menschenmengen zu verweisen, die auch bei früheren Inthronisierungen schon dabei waren. Ein neuer Heilsbringer kommt auch auf die Zuschauer zu, denn der Chor agitiert mit seinen wappendekorierten Liederbüchern im Saal. Überdeutlich ist der Zeigefinger: Vorsicht vor Uniformitäten, Wappen, Liederbüchern, Vereinnahmungen.
Goldglitzer und Luftballons sichern der Putzfrau Arbeit
Andrew Sritheran singt und spielt den Lohengrin, schwarzhaarig, dunkelhäutig, weltmännisch daherkommend, auf extra eingefahrenem Podest wie in einem eigens errichteten Tempel. Bettine Kampp als Elsa von Brabant und Iordanka Derilova als Ortrud sind Stimmen, die sich schon längst im Wagner-Fach zu Hause fühlen dürfen. Von der Regie kriegen sie interessante Momente. Nach zwei Stunden Spielzeit dürfen sie sich sogar küssen. Am Ende des ersten Aktes gibt es Goldglitzer von oben und Luftballons, eine unvermeidliche Zutat aus dem Werkzeugkasten cooler Ausstatter und Spielleiter. Bleibt für die Phantasie sonst nur noch der Zwischenraum zwischen Schwarz und Weiss, Schatten und Dämmerung?
Immerhin gibt das einer Putzfrau Arbeit, der wir danach zusehen dürfen.
Man sieht sicher auch ohne Kenntnis der Handlungsbeschreibungen, dass es sich hier um einen Intrigantenstadel handelt. Programmhefttexte erzählen mit Namen von Personen und Firmen etwas von heutigen Lobbyismus genannten Einflüssen und Abhängigkeiten zwischen Wirtschaft und Politik. „Du bist Brabant“ steht über der Szene des zweiten Aktes, „Vertrauen in Deutschland“ wird im dritten Akt per Losung eingefordert.
Im Brautgemach sehen wir unter anderem auf am Fenster vorbeiziehende Wolken; landläufig ist das der Alptraum der Darsteller vieler Naturbühnen, dass sich das Publikum vom Bühnengeschehen abwenden könnte, um den vorbeiziehenden Wolken nachzuschauen.
Man ist schon über Leichen gegangen, hat Fahnen geschwungen wenn Gottfried, wir sind wieder bei Wagners Mythos-Stoff, aus dem Schnürboden herunterschwebt. Dabei werden die Scheinwerfer zum Blenden ins Publikum gerichtet.
Martin Gregor-Dellin schloss seinen Wälzer der Wagner-Biografie mit den Worten: „Was folgte, ist Nachwelt, eine andere Geschichte, ohne Wagner, und fern ist Heute, von ihm getrennt durch Katastrophen.“ In den Anmerkungen findet sich Gregor-Dellins Kommentar zu Deutungen der Figuren aus dem „Ring des Nibelungen“: „Hagen als Wiedergeburt wäre Hitler usw., aber wozu gibt es Inszenierungen?“ Man kann hinzufügen: „Und dann ist in jedem Fall der alte Wagner an allem Schuld!“
Dessauer Unikat
Zeitreisen auf mehreren Ebenen sind im Theater üblich. Bei Richard Wagners „Lohengrin“ im Anhaltischen Theater Dessau schmilzt der von Wagner geschriebene Mythos zur großen Gefahr in Form von wieder einmal neuen Leitfiguren und Aufmärschen, die mit Wappen und Liederbüchern Seelen fangen. Musiktheater, bei dem zum alten Soundtrack sehr viel zu sehen ist. Sänger sind zu hören, deren Namen man sich merken kann, weil die wagnersingende Reisegemeinde überschaubar ist. Immerhin eine Version anno jetzt, 2009, ein Dessauer Unikat.
Nächste Vorstellungen im Anhaltischen Theater Dessau: 22. November, 27. Dezember 2009, 4. Februar, 3. April, 13. Mai 2010
www.anhaltisches-theater.de
03.11.2009, 13:36 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Die Deutsche Bühne, 11 | 2009
Raus aus der Vergangenheit
André Bücker vollbringt am Anhaltischen Theater in Dessau einen auf ganzer Linie überzeugenden Neustart als Nachfolger von Johannes Felsenstein
Eine Putzfrau, ausgerechnet eine Putzfrau ist es, die zur Augenzeugin der Verschwörung wird: Im verwüsteten Plenarsaal, wo Luftballons zwischen umgeworfenen Stühlen liegen, blickt sie schweigend auf den abgesetzten Herrscher und seine First Lady herab. Und während sich die Anhänger des Gewesenen spätestens in diesem Augenblick auf radikale Ablehnung einigen, sehen all jene, die auf das Kommende gehofft haben: Hier findet tatsächlich ein Akt der Reinigung statt, ein Kehraus jener Tradition, die auf dem Anhaltischen Theater zuletzt bleischwer lastete.
Nichts weniger hatte André Bücker für seine erste Dessauer Spielzeit angekündigt, nichts weniger hat sein Team mit dem ersten Premierenwochenende gehalten: Der Premieren-Hattrick aus Einar Schleefs „Abschlussfeier“, Richard Wagners „Lohengrin“ und Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ war eine politische und poetische Ansage, die in ihrer programmatischen Geschlossenheit wie in ihren ästhetischen Differenzen zu schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigte. Dass sich der neue Generalintendant dabei in nobler Zurückhaltung übte und seine eigene Inszenierung an den Schluss des großen Theater-Festes stellte, durfte nach den Tagen des Patriarchen Johannes Felsenstein als Bekenntnis zum demokratischen Miteinander verstanden werden.
Die Fallhöhe seines „Nathan“ aber ist gleichwohl himmlisch: Rechas Vision, die einen Engel statt des Tempelherrn für ihre Rettung aus dem Feuer verantwortlich macht, wird als Prolog auf der großen Showtreppe zwischen Erde und Wasser, Feuer und Luft sichtbar beglaubigt. Im elementaren Bühnenbild von Suse Tobisch, die auch für die sakrale Haute Couture der Kostüme verantwortlich zeichnet, liest das neue Ensemble fortan einen alten Text, als wäre er ein Stück von heute. Uwe Fischers Nathan ist kein statuarischer Weiser, sondern ein von Kleinmut und Zweifeln getriebener Mensch, der sich seine Güte mühsam erarbeiten muss – und eigentlich lieber sein Gärtchen bestellen würde. Doch seitdem der selbstbewusste, kraftstrotzende Tempelherr (Sebastian Müller-Stahl) seine traumverlorene Adoptivtochter Recha (Ines Schiller) aus den Flammen getragen hat, bleibt ihm weder Zeit für seinen skurrilen Derwisch-Freund (Thorsten Köhler) noch für die Glaubensnöte seiner Dienerin Daja (Eva-Marianne Berger), die unter der Last ihrer Kruzifixe zusammenzubrechen droht und vom vielen Beten schon Pflaster an den Knien hat. Zwischen dem bigotten Patriarchen (Gerald Fiedler) und dem leichtsinnig toleranten Kampfsportler Saladin (Stephan Korves) muss der Jude sein höchstes Gut verteidigen – und gleichzeitig die Begehrlichkeiten von Sittah (Antje Weber) abwehren. Wie gut, dass wenigstens der Klosterbruder (Henning Kober) als Deus ex machina hält, was sein mit Heiligenbildchen bestickter Kittel verspricht …
André Bücker glückt es auf überraschende Weise, den Humor des Lessing-Textes als Geschmacksverstärker für die Bitterkeit freizulegen, er schlägt in der überwältigenden Körperlichkeit seines Ensembles einen gleichermaßen natürlichen wie hohen Ton an – und läuft am Ende in einhellige Begeisterung, nachdem sich am Vorabend ein Sturm aus Buh- und Bravo-Rufen über seine neue Chefregisseurin ergossen hatte. Dabei war auch Andrea Moses mit ihrem „Lohengrin“ ein großer Wurf gelungen: Sie hatte nicht nur den schimmernden Helden als Demagogen entzaubert, der mit seinem Frageverbot einen esoterischen Faschismus etabliert. Sie hatte zugleich den Hochbunker aus dem Jahr 1938 in all seinen gigantischen Möglichkeiten ausgeschöpft – und mit dem Haus auch die Menschen bewegt.
Denn dies war die frappierendste Neuerung ihres Abends, der in Christian Wiehles Ausstattung Schnürboden und Versenkung, Hinter- und Seitenbühne beansprucht: Ihre individuelle und präzise Figurenführung löste endlich jene musiktheatralische Qualität ein, die in den letzten Jahren vor Ort meist zur bloßen Behauptung verkommen war. Der Chor, verstärkt um Mitglieder des Extrachores und des freien Coruso-Ensembles, zeigte sich unter der Leitung von Helmut Sonne sängerisch wie darstellerisch in der Form seines Lebens, die Anhaltische Philharmonie spielte unter Antony Hermus gar weit über ihren bisherigen Möglichkeiten. Wie hier die Szene aus dem Klang geschöpft und in den Ton zurückgeführt wurde – das hatte Charme und Kraft, das war eine Verführung zum Denken und ein Bekenntnis zum „Bayreuth des Nordens“.
Dass sich neben den verlässlichen Konstanten Ulf Paulsen (Telramund) und Iordanka Derilova (Ortrud) ein neues Sängerensemble behauptete, von dem man sich künftig viel erwarten darf, rundete den positiven Eindruck: Pavel Shmulevich ist ein viriler König Heinrich, neben dem auch sein Heerrufer Wiard Witholt glänzende Figur macht. Und während Bettine Kampp als zunächst narkotisiertes Opfer Elsa allmählich zur selbstbewussten Frau reift, die als Einzige dem militanten Sog der New-Age-Gemeinde entrinnt, muss Andrew Sritheran in seinem Rollendebüt als Lohengrin zwar Lehrgeld zahlen. Er rettet sich – von Antony Hermus treulich geführt – aber mit Bravour über den Abend und wird an dieser Rolle gewiss weiter wachsen. Dass das gesamte Ensemble am Ende zudem wie ein Mann applaudierend hinter seiner Regisseurin stand, die drei Tage nach ihrem Dessauer Einstand mit der Berufung an die Staatsoper Stuttgart bereits die nächste Karriere-Stufe nahm, war ein Beweis für den neuen Geist, der auf dieser großen Bühne weht – und der Andrea Moses auch darin bestärkt, ihren Dessauer Vertrag bis 2011 zu erfüllen.
Dass Armin Petras schließlich ein besonderes Geschenk zum Einstand mitbringen würde, hatte man angesichts seiner Affinität zum Werk von Einar Schleef vermuten dürfen. Und tatsächlich geriet die „Abschlussfeier“, die vom Clash der Kulturen in einer DDR-Jugendherberge erzählt, zu einem Schauspielerfest voll überdrehter, traurig grundierter Heiterkeit: Ursula Werner und Hilke Altefrohne, Julischka Eichel und Sabine Weibel gaben als Gorki-Gäste hier das Niveau vor, zu dem sich auch die Ensemblemitglieder Regula Steiner-Tomic und Christel Ortmann sowie der Jugendklub des Anhaltischen Theaters streckten. Aus der kleinen Spielstätte wuchs und öffnete sich dieser so kluge wie sentimentale Abend in die Stadt hinein. Und am Ende der großen Party in einem kleinen Land konnte man wissen, dass dort vielleicht nicht alles schlecht – aber ganz gewiss gar nichts gut war.
Dass bereits in der ersten „Lohengrin“-Pause das neue Gästebuch mit dem Eintrag „André Bücker absetzen“ eröffnet worden war, erzählte viel über die Aufnahmebereitschaft der Alten für das Neue. Das letzte Wort aber hatte der Hausherr selbst: Nachdem ein Kinderchor die drakonische Strafe für Menschlichkeit zunächst noch mit „Hallelujah“ bejubelt hatte, schwebte am Ende eine bunte Leuchtschrift über der Szene: Ein roter Halbmond bildete das „C“, ein Davidsstern das „X“ und ein Kreuz das „T“ in dieser Aufforderung, die sich insgesamt als „Coexist“ lesen ließ. Und Nathan, dieser Mensch von Hier und Heute, pflanzte endlich seinen Baum. Was für ein Bild, welch ein Versprechen!
02.11.2009, 20:35 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Ute van der Sanden, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 03.11.2009
Triumphzug des Belcanto
Neue und alte Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters übertrumpfen sich in «Serata di Gala»
Beide Konzertmeister der Anhaltischen Philharmonie lächelten beim Betreten der Bühne ins Publikum. Man müsste den Satz glatt noch einmal hinschreiben, so außerordentlich erschien, was sich am Freitag im Theater zutrug. Dabei wurden die frohen Gesichter von Myra van Campen-Bálint und ihrem Stellvertreter Martin Schulze, so imposant sie zunächst wirken mochten, mehr und mehr zur Marginalie. Knapp 900 Menschen erlebten im beinahe ausverkauften Großen Saal die Premiere der "Serata di Gala". Sie genossen eine Vorstellung der romantisch-dramatischen Oper, die italienischer geriet, als man zu hoffen gewagt hatte, und die somit die meisten Erwartungen übertroffen haben dürfte.
Nicht, dass man das Dessauer Publikum mit einem Gefälligkeitsprogramm aus Bravourarien und Ohrwürmern geködert hätte. Neben Ausschnitten aus Verdis "Traviata" und "Don Carlo", aus Puccinis "Manon Lescaut" und "La Bohéme" erklangen Raritäten, etwa aus Leoncavallos "Zazà". Gewiss gilt die italienische Oper den Sängern als willkommene Herausforderung. Sie zeigen, was sie drauf haben, und das Publikum liebt sie dafür. Hier kam es noch besser, denn zunehmend war den Solisten ihr Auftreten mehr Vergnügen als Dienst.
Con fuoco ließ Generalmusikdirektor Antony Hermus schon Verdis "Sizilianische Vesper" von der Bühne zischen. Was nach der Ouvertüre geschah, sprach für sich. Ulf Paulsen sang mit wie durch ein Wunder erholter Stimme aus "Andrea Chenier", bekam Bravos und lief lachend in die Gasse. Cornelia Marschall brillierte in Mascagnis "Lodoletta" mit lupenreinen Sprüngen und gab eine herrlich vitale Musette in "La Bohéme", auch sie klang ausgeruht. Als Iordanka Derilova in tomatenroter Robe gen Rampe wehte, ging ein Raunen durch Publikum und Orchester. Sie sang mit Andrew Sritheran aus "Tosca", dass einem das Herz aufgehen wollte, und ihre "Turandot" war die reinste Raserei. Kostadin Arguirov gestaltete den Auftritt des besorgten Germont mit stimmlicher und szenischer Kraft. Ob sie alle sich und ihre Stimmen neu gefunden haben? Oder wieder?
Die kürzlich engagierten Solisten taten das Ihrige. Angelina Ruzzafante begeisterte mit strahlender oberer Lage und exzellenten Koloraturen. Das Finale des ersten "Traviata"-Akts krönte sie mit dem hohen Es aller wahrhaften Primadonnen. Bassist Pavel Shmulevich ist, wie seine "Don Carlo"-Arie "Ella gaimmai m'amo" zeigte, ein Filippo, wie er im Buche steht. Andrew Sritheran und Wiard Witholt, der neue lyrische Bariton mit ungewöhnlich weichem Timbre, begegneten sich im vierten Akt der "Bohème" auf erfrischende Weise "in un coupé". Schließlich das "Libiamo" aus der "Traviata" zum Mitklatschen und Mitsingen - da war's für alle ein großer Spaß. Antony Hermus atmete mit den Sängern und verführte seine Musiker mit liebenswertem Enthusiasmus zu rasantem, federndem oder kantablem Spiel. Nicht unerwähnt dürfen die Glanzvorstellungen des Solocellisten Matthias Wilde im "Manon"-Vorspiel und in der Arienbegleitung zu "Don Carlo" bleiben.
Kein Wunder also, dass sich das Publikum von Auftritt zu Auftritt in seine Begeisterung hineinjubelte und lostobte, kaum dass die Sänger ausgeatmet hatten. Die kurzweilige Gala mit einer Dauer von drei Stunden hatte zwar keine Längen, war nach der Pause allerdings auch nicht mehr steigerungsfähig.
Heribert Germeshausen, neu am Haus als leitender Musikdramaturg, kam ebenfalls auf den Punkt. Er sprach über Libretti, Orchestrierung und Personalstile - kurz und bündig, ernsthaft und kundig. Seine Moderation trug er auswendig vor, nur ein Bellini-Zitat las er ab: "Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen". In diesem Sinn ist das Ensemble des Anhaltischen Theaters vor sein Publikum getreten. Mit Superlativen soll man bekanntlich vorsichtig sein, hier sind sie angemessen: Ein Wettstreit der Sänger, ein Fest der Stimmen, ein Triumphzug des Belcanto, in und für Dessau - bravissimo!
Nächste Vorstellung am Sonnabend, 14. November, 17 Uhr.
02.11.2009, 20:06 | tags: Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Lohengrin, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Roberto Becker, Freies Wort, 15.10.2009
Macht haben immer die anderen
Oper | Andrea Moses gelingt mit ihrem „Lohengrin“ ein fulminanter Einstieg als Chefregisseurin in Dessau
Es ist fast schon unheimlich: Genau am Tag der Premiere von Andrea Moses‘ „Lohengrin“ in Dessau stirbt Reinhard Mohn, Gründer und spiritus rector der Bertelsmann-Stiftung. Aus solchen Denkfabriken beziehen politische Eliten heute einen Gutteil ihres geistigen Strategie-Dopings. Und das ist in Andrea Moses‘ ersten großen Wagner-Inszenierung ein Thema. Wenn man genau hinsieht, dann liefert der Wunderritter, der aus dem Nichts auftaucht, sich jede Nachfrage nach seiner Herkunft und Legitimierung verbittet, aber Liebe und Gefolgschaft einfordert,
tatsächlich die Steilvorlage für eine Analyse der Manipulationsmechanismen, die die Politik heute selbst dann braucht, wenn sie, wie Barack Obama, glaubwürdig an einer Wende zum
Besseren interessiert ist.
Wenn der Dessauer Lohengrin schließlich mit einem Gefolge adretter Helferinnen, die ein
geistiges Geschenkpaket für jeden dabei haben, genau zum richtigen Zeitpunkt aus der Versenkungauftaucht, und erst dem König und dann Elsa die Hand reicht, dann sieht das in einem Glitzer- und Luftballonregen nicht von ungefähr so aus wie auf einem amerikanischen Wahlkongress. Auch in diesem modernen Bühnenbrabant
sind die tatsächlichen Strippenzieher (König Heinrich und sein Vize, der Heerrufer) bestens
via Handy mit ihrer Zentrale vernetzt. Und auch hier werden sie durch die diskreten Herren mit Sonnenbrille, Mitschreib-Laptop und Pistolen im Gurt geschützt. Vor Wackelkandidatinnen wie die psychisch offenbar etwas labile Thronerbin Elsa oder vor immer noch vergleichsweise klar denkenden Quertreibern, wie
Ortrud und Telramund. Weil die beiden sich als einzige nicht von der verteilten, neuen Bibel mit dem Schwanenlogo drauf oder dem Spruch über der Bühne „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ einwickeln lassen, werden sie bei Andrea Moses zu fast schon positiven Helden. Wobei natürlich auch die beiden der Manipulation
Widerstand entgegensetzen, um selbst beim Kampf um die Köpfe im Spiel zu bleiben.
Spannende Geschichte
Am Ende behalten die Mächte, die aus dem Hintergrund und ohne Legitimation herrschen, und ihre militärischen Expansionspläne mit Zustimmung der Massen umsetzen wollen, die Oberhand. Wenn Lohengrin im Brautgemach als eine Art Superberater und Politschauspieler im Solde der Herrschenden auffliegt (Telramund hat eine Filmkopie von der Geldübergabe!), zieht der zwar ab, sorgt aber für einen Ersatzmann, der aus dem Schnürboden einschwebt.
Vor diesem noch etwas unfertigen, willfährigen Gottfried freilich ist Elsa dann so entsetzt,
dass sie zu guter letzt doch noch zu sich kommt und aus dem Stück und von der Bühne flieht.
Was Andrea Moses abgeliefert hat, ist einen spannend erzählte Geschichte, die mit der
klassischen eine zweite, in ihr verborgene miterzählt, ohne die erste zu ignorieren. Das hat in
Christian Wiehles Bühne, zwischen dem Auditorium, dem sakralen Hochzeitsgerüst und dem
Hochzeitsbungalow über den Wolken einen Raum für spannende, durchweg exzellent erspielte Figurenporträts. Mit Sängerdarstellern von Format. Wie der schon in Meiningen gut bekannten Bettina Kampp, die die Elsa tatsächlich als eine etwas seltsam traumatisierte Frau durch die Welt taumeln lässt. Am Ende aber ist sie die einzige, die sich der um sich greifenden Kriegshysterie entziehen kann.
Andrew Sritheran hat als Lohengrin am Ende genügend Kraft für die sonst fast nie zu hörende komplette Gralserzählung. Der erweiterte Chor wächst stimmlich und darstellerisch über sich hinaus, und auch der neue GMD der Anhaltischen Philharmonie, Antony Hermus, kann den Abend als Erfolg für sich verbuchen. Sicher ging da auch manches schief, und ein so aufgemischter Hochzeitsmarsch ist
Geschmacksache – doch insgesamt gab es in Dessau nicht nur auf der Bühne, sondern auch aus dem Graben spannenden, faszinierenden Wagner. Dass Andrea Moses am Ende neben Begeisterung auch Widerspruch erntete, gehört bei Wagner irgendwie dazu. Ihr „Lohengrin“ jedenfalls knüpft an ihr Strauss-Doppel in Meiningen und ihre Weimarer „Turandot“ an. In Dessau jedenfalls sind spannende Theaterzeiten
angebrochen.
www.anhaltisches-theater.de
29.10.2009, 08:56 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 29.10.2009
Premiere
Ein Mädchen im Erinnerungsraum
André Bücker inszeniert im Alten Theater die Mono-Oper «Das Leben der Anne Frank»
Rechts zeigt ein Abreißkalender den Tag ihres 13. Geburtstages, an allen Wänden hängen Fotos und Plakate, in der Mitte aber ruht in einer blau glühenden Vitrine ihr Vermächtnis - das Tagebuch der Anne Frank. Wäre da nicht ein Fenster, das an den Dachboden im Hinterhaus der Prinsengracht Nummer 263 gemahnt - man könnte meinen, man wäre in einem Museum für die Amsterdamer Jüdin gefangen, deren Schicksal längst zum Synonym für den Holocaust geworden ist. Und tatsächlich ist die junge Frau, die hier noch einmal die berühmten Texte memoriert, nicht nur eine historische Gestalt, sondern auch ein Mensch der Gegenwart. Alles andere, das weiß man nach diesem Abend, wäre pietätlose Anmaßung.
Wie konnte man "Das Tagebuch der Anne Frank" nur all die Jahre im Gestus einer nachträglich betroffenen Schreckstarre darstellen, der ein politisch korrektes Kritik-Verbot eingeschrieben war? Was Generalintendant André Bücker mit der ideal besetzten Cornelia Marschall und dem kongenialen Pianisten Stefan Neubert jetzt aus Grigori Frids Mono-Oper herausgelesen hat, straft all diese Interpretationen Lügen. Denn die Inszenierung im Alten Theater denkt die Rezeptionsgeschichte immer mit: Anne Frank geht hier durch einen Erinnerungsraum, der nationalsozialistische Propaganda unmittelbar mit den Zeugnissen der Shoa konfrontiert. Da hängen Werbeplakate von Gestapo und Hitlerjugend neben den Bildern des Mädchens mit dem schwarzen Haar, das so fröhlich und offen in die Kamera blickt. Und da hängt eine Textpassage aus dem Tagebuch neben den Fotos von Massengräbern und vom Schienenstrang zur Gaskammer, während sich auf dem Boden Exemplare des millionenfach vervielfältigten Tagebuchs finden.
Das ist die unterschwellig mitlaufende Botschaft dieses kleinen, großen Abends in der Ausstattung von Katja Schröpfer: Anne Franks Leben, das sich nur von ihrem Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen her begreifen lässt, ist unwiederbringlich seiner Privatheit beraubt worden. Dass das junge Mädchen dies mitgedacht hat, als es seine Memoiren für eine Veröffentlichung nach dem Krieg vorbereitete, ändert nichts an diesem Befund: Die Kinder der Täter haben ihre Reue an einem exemplarischen Opfer abgearbeitet, das Dilemma der Besinnung auf die Schuld bleibt unauflöslich. Das zeigt auch die subtile Collage aus Licht, Toneinspielungen und Video, die den Zuschauer nicht in die Anonymität eines abgedunkelten Auditoriums entlässt.
Über dieser ambivalenten Grundierung aber erlebt man eine Sängerin, die viele Farben und Gesichter in sich vereint: Cornelia Marschall kann übermütiges Kind und erwachende Liebende sein, sie parodiert und karikiert ihre Mitmenschen oder träumt gedankenverloren unter dem Fensterhimmel. Dass Stefan Neubert sie beruhigend und alarmierend, aber nie nur illustrierend durch diesen stimmlich wie darstellerisch bravourös gemeisterten Kraftakt begleitet, ohne dass sie Sichtkontakt hätten, ist bewundernswert. Am Ende aber, nachdem der Abreißkalender unabänderlich auf den 1. August 1944 - den Tag der letzten Eintragung - fixiert ist, nimmt Anne im Publikum Platz. Und es dauert eine gefühlte Ewigkeit der Stille, ehe begeisterter Applaus aufbrandet.
Nächste Vorstellungen: 9. November, 18.30 Uhr; 10. / 19. / 20. November, jeweils 10 Uhr
27.10.2009, 09:33 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Lohengrin | Autor: Franziska Blech
Reinhard Wengierek, Die Welt, 27.10.2009
Massen im Gleichschritt
Heute Dessau, übermorgen Stuttgart: Andrea Moses inszeniert einen fulminanten "Lohengrin"
Die sagenhaft 215. Spielzeit am Anhaltischen Theater zu Dessau wurde trompetenschrill und violinensüß eröffnet. Die komplett neue Führung unter Generalintendant André Bücker will den zuletzt ziemlich angestauten Muff hinwegfegen, den Ex-Intendant Johannes Felsenstein - Sohn des Opernavantgardisten Walter Felsenstein - in seiner Amtszeit von geradezu stalinistischem Ausmaß hinterließ.
Das Opern-Opening, flankiert von zwei Mal Schauspiel - eine Schleef-Uraufführung unter Armin Petras und Lessings "Nathan" unter Bücker -, dieser Start mit Wagners "Lohengrin" in Regie von Andrea Moses (Opern- und Schauspielchefin) und Antony Hermus (Generalmusikdirektor) war, um es gleich zu sagen, ein Paukenschlag von metropolitaner Kraft, der obendrein anspielt auf die Geschichte des einst von fürstlichen Gnaden gegründeten Instituts, das als ein "Bayreuth des Nordens" galt. Und das auch aus diesem Grunde (und um den "wehrwirtschaftlich" bedeutenden Standort zu umglänzen) von den Wagnerianern an der Nazi-Spitze 1938 einen deutlich überdimensionierten Neubau spendiert bekam.
"Lohengrin" handelt von der verbreiteten Sehnsucht nach einem machtvollen Führer ins Glück, einem verlässlichen Daseinsbeschützer - und obendrein selig machenden Liebhaber. Der Ritter Lohengrin - Andrew Sritheran als starker Mann im Business-Dress mit knallroter Krawatte - als Retter aus verfahrenen Situationen im Sozial-Politischen wie Privat-Erotischen, der jedoch, Wagners dramatischer Kniff, nur zu funktionieren imstande ist bei bedingungsloser Hingabe der sich ihm Anvertrauten: das Volk von Brabant in Kostüm und Anzug sowie die unglücklich einsame Elsa (Bettine Kampp).
Doch es klappt nicht, obgleich schicke Lohengrin-Hostessen unentwegt indoktrinäre Anleitungen zum rechten Glauben an den großen Meister verteilen. Weil: Die Glückseligkeit, die sich die formierte Mehrheitsgesellschaft durch blinde Gefolgschaft erkaufen will, wird von einer kritischen, dabei allerdings auch nicht froh werdenden Minderheit (Elsa; Ortrud: Iordanka Derilova; Telramund: Ulf Paulsen) unmöglich gemacht. Der gebückte Gang unterm Zwang gottgleich sich erhebender Führerfiguren führt nicht ins Heil - das erzählt Andrea Moses so schlüssig wie überraschend heutig. In psychedelisch-sakralen, düster schicken Versammlungsräumen von Christian Wiehle, nicht unähnlich den Hallen der Scientology-Church. Überm Bühnenportal prangt in knalligen Lettern die perfide Losung: "Menschen gestalten, Zukunft bewegen".
Es ist die Beschwörung einer böse dräuenden, quasi-religiös faschistoiden Dunkelwelt. Unheimlich gerade auch dadurch, dass sie in märchenhaftem Schönklang der Anhaltischen Philharmonie sowie nicht ohne menschelnde Komik erscheint. Ein präzis geführtes Spiel, das stringent aufs Tragödische zielt. Auf das wuchtige Warnbild vorm heillosen Gleichschritt-Marsch der Masse ins Manipulierte, Fremdbestimmte, der renitente Individuen überrennt und ausstößt.
Großes Gegenwartstheater mit Wagner als frappierend selbstverständlichem Zeitgenossen. Eine der plausibelsten "Lohengrin"-Produktionen hierzulande; Bayreuth aufgemerkt. Und obendrein die allerbeste Empfehlung für Regisseurin Moses, die in zwei Jahren gemeinsam mit Intendant Jossi Wieler Stuttgarts Staatsoper als Hausregisseurin beglücken wird.
Termine: 22. November, 27. Dezember; Karten: (0340) 25 11 333
22.10.2009, 07:33 | tags: Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Joachim Lange, Dresdner Neueste Nachrichten, 20.10.2009
Lohengrin, übernehmen Sie!
Das Anhaltische Theater wagt mit einer Schleef Uraufführung und einem Wagner Klassiker den Neustart.
Das Anhaltische Theater in Dessau gehört zu jenen Häusern, für die aktuelle Spielzeitauftakt zugleich ein Neustart ist. André Bücker ist der neue Intendant, Andrea Moses die neue Chefregisseurin, Antony Hermus der neue GMD der Anhaltischen Philharmonie. Johannes Felsenstein hat dieses Haus als Intendant fast zwei Jahrzehnte durch alle Nachwendegefährdungen sicher geführt und als Regisseur bewusst neben dem Mainstream der ästhetischen Aufbrüche geprägt. Er gehört wohl zu den letzten Opern-Patriarchen dieser Art. Dass man in Dessau tatsächlich die Kraft zu einem ästhetischen Neuanfang hat, der auf dem Ererbten aufbaut, belegte jetzt vor allem der neue „Lohengrin“, der am Samstag in einem mit Buhs gewürzten Publikumsjubel endete.
Als Auftakt gab es am Tag zuvor die Uraufführung eines Textes von Einar Schleef. Armin Petras, der Intendant des Maxim Gorki Theaters in Berlin, der nebenbei als Regisseur und (Pseudonym-)Autor Fritz Kater längst ein ausgewiesener Bühnenverarbeiter der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte ist, hat in einer Koproduktion mit seinem Haus, jetzt die dramatisierte Version von Schleefs „Abschlussfeier“ ins frisch hergerichtete neue Alte Theater inszeniert. Da wird 1978 in Kühlungsborn das Ende eines Aufenthalts von französischen Jugendlichen in der DDR gefeiert.
Eigentlich geht es aber um den ernüchternden Blick auf sich selbst, den die Besucher bei den (nicht so ganz freiwillig) Daheimbleibenden provozieren. Da monologisieren die Heimleiterin, ihre viel jüngere Stellvertreterin und zwei Küchenkräfte über das Leben. Mit seiner Wärme, die beim notgedrungenen Zusammenrücken oder beim pragmatischen Umgang mit dem Unvollkommenen entstand. Und mit der Kälte, die aus dem Misstrauen erwuchs. Auch wenn das in der Rückschau vielleicht ein paar Mal zu oft und direkt beim seinem Stasi-Namen genannt wird, das Prinzip stimmt schon, nach dem was man heute so weiß.
Den Heimleiterinnen- und Stellvertreterinnen monolog und das Küchenfrauengeplänkel gibt es in der intimen Studio Bühne. Den unbeaufsichtig, enthüllenden Nach-Fete-Kater, inklusive heimlichem Westfernsehgucken im auf Jugendclub der Endziebziger getrimmten Foyer.
Und eine Abschiedsgaudi vor dem Theater mit etwas Ostseesand und einem Barkas draußen, mitten in der Dessauer Abendwirklichkeit von heute. Das ist nun auch durch Petras‘ raumgreifende und aufmotzende Inszenierung noch keine Tiefenanalyse der DDR, aber doch ein Blick auf einen Alltagsausschnitt, der vor allem durch die wunderbare Ursula Werner als Heimleiterin für sich einnimmt. Wie sie ihr Selbstbild vom zufriedenen Leben in der Andeutung von Gesten bricht, den Zweifel nicht zulässt, sich fügt, ohne sich aufzugeben, die Sympathie auf sich zieht – das ist ein Kabinettstück großer Schauspielkunst, das allein diesen Abend lohnt. Und doch spielt sie als Chefin weder ihre beiden herrlich weggedrückten Küchenhilfen (Christel Ortmann und Regual Steiner-Tomic), noch ihre nölig ehrgeizige Stellvertreterin Hilke Altefrohne oder die beiden Mädels Gisela (Julischka Eichel) und Gerda (Sabine Waibel) an die Wand. Da wird die Reise in die Internationale Jugendherberge zu einem herzerwärmenden Besuch einer hinreißend, jungen alten Dame.
Mit dem Lohengrin dann knüpfte das große Haus an die Dessauer Wagnertradition an (wovon Gottfried Wagners Vorgänger-Lohengrin, kurz nach der Wende, eher eine seitliche Eventarabeske war). Überm Bühnenportal prangt jetzt mit „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ eine „human coaching“ Losung, die einem im Laufe des Abends immer klarer und unheimlicher wird.
Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle haben Wagners Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um die Macht und auch die Frage, ob die Freiheit Brabants an der ungarischen Grenze verteidigt werden muss. Am Ende marschieren denn auch alle im Gleichschritt unter wehenden Fahnen im wahrsten Wortsinn rückwärts in den Krieg und nur Elsa entkommt dem triumphierenden Wahnsinn über den Zuschauerraum.
Hatten Katharina Wagner in Budapest in ihrem Wende – Lohengrin den 89er Bruch verarbeitet und Florian Lutz, in Gera-Altenburg, die Nachwende-Zeit im Osten Deutschlands thematisiert, so verlängert Moses dieses Lohengrin-Potential sozusagen in die drohende Zukunft einer durchmanipulierten, von nicht legitimierten Mächten gelenkten Gesellschaft. Ohne auf eine allzu direkte politische Metaphorik auszuweichen. „Du bist Brabant“ überm Traualtar und ein eher ironisches „Vertrauen in Deutschland“ über dem Brautgemach-Bungalow auf der ebenso ironischen Wolke Sieben reichen.
Es beginnt in einem Auditorium mit modernen, noch ziemlich individuellen, Zeitung lesenden, strickenden oder miteinander redenden Brabantern. Bei denen verlassen sich der König und sein Heerrufer nicht auf bedingungslose Gefolgschaft oder strategische Argumente. Sie haben einen Plan und der heißt Lohengrin. Der Superheld, der Strahlemann mit Charisma, der hochgepuschte Messias. Er wird installiert mit einem medialen Brimborium von Obamascher Perfektion, mit Schwanen-Auftritts-Video, Schaukampf und einer ganzen Truppe von ideologischen Hostessen, samt neuer Bibel mit aggressivem Schwanenlogo in der Geschenktüte.
Der Heerrufer ist hier dafür verantwortlich, dass Elsa, die sich diesmal tatsächlich so seltsam bewegt, wie sie redet, nicht aus der Rolle fällt. Als Telramund sie in aller Öffentlichkeit auffordert, das Frageverbot zu brechen, reicht ihr der Heerrufer schon mal sein Minidisplay mit dem Text zu. Bis eben auch sie im Brautgemacht nicht mehr „funktioniert“. Hier lässt Telramund schließlich auch Lohengrin auffliegen. Er hat einen Mitschnitt, auf dem man sieht, wie dieser Charismatiker für seinen „Auftrag Brabant“ abkassiert. Zusammen mit der ausgefeilten Personenführung ist das eine Enthüllungsstory mit Thriller-Qualitäten.
Schließlich ist es der gescheiterte Lohengrin, der den Strippenziehern eine Telefonnummer zusteckt, über die sie den Ersatz-Jungen (noch ziemlich „unfertig“ und mit Maske) aus dem Schnürboden einschweben lassen können. Da für diese Pointe das Wissen Lohengrins über Gottfrieds Verbleib Voraussetzung ist, gibt es auch die selten zu hörende zweite Strophe der Gralserzählung. Für die hat der junge neuseeländische Tenor Andrew Sritheran genügend Kraft. Die kleinen Angestrengtheiten lagen zum Glück vor dem „In fernem Land…“
Auch sonst bietet Dessau ein Ensemble von Sängerdarstellern auf, das sich hören und sehen lassen kann. So sind Iordanka Derilova und Ulf Paulsen, als Ortrud und Telramund, fulminant; Bettine Kampp eine so wunderbar klare wie neben sich stehende Elsa; Pavel Shmulevich als Heinrich ein stimmnobler, moderner Manager der Macht und der junge Heerrufer Wiard Witholt ein seiner Rolle als Coach Elsas in jeder Hinsicht gewachsener Strippenzieher! Die Spielfreude des aufgestockten Chores war allenthalben spürbar.
Nicht zuletzt überzeugte auch die Anhaltische Philharmonie. Obwohl das beim Vorspiel noch nicht so klar war, etliche Patzer dazwischenfunkten und Antony Hermus aus dem Hochzeits- einen Geschwindmarsch machte, der (vielleicht ja bewusst) mehr einer Parodie dieses Ohrwurms glich. Doch im Ganzen fand das Orchester überzeugend zu seinen Qualitäten, lieferte im dramatischen Auftrumpfen der Massenszenen das martialisch Enthüllende ebenso mit, wie dann doch noch die betörenden Gralsklänge. Damit ist Dessau ein spannender und lohnender Neustart gelungen.
Übrigens liegt das Anhaltische Theater zum Glück ja nicht in fernem Land…..
Nächste Vorstellungen: 22.11.; 27.12. 2009
www.anhaltisches-theater.de
21.10.2009, 13:57 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 21.10.2009
Premiere Musiktheater
DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK op.60
Mono-Oper in zwei Akten von Grigori Frid
Deutsch von Ulrike Patow
Die Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ des russischen Komponisten Grigori Frid wurde erstmals 1993 in Deutschland aufgeführt und hat sich seither wie nur wenige zeitgenössische Werke dieses Genres im Repertoire durchgesetzt. In der Inszenierung von André Bücker wird das einstündige Werk in der Fassung für Singstimme und Klavier erstmals in Dessau aufgeführt.
Zur Premiere am 27. Oktober um 19:30 Uhr im Studio des Alten Theaters können die Zuschauer erleben, wie die Sopranistin Cornelia Marschall in 21 knappen Bildern [wie z.B. „Geburtstag“, „Das Versteck“, „Ich denke an Peter“ ] das Schicksal des jungen Mädchens und ihre Persönlichkeitsentwicklung zur jungen Frau eindrucksvoll darstellt. Annes tiefgründige Gedanken, ihre Angst, die aufkeimende Liebe zu Peter, die Hoffnung auf Freiheit und Menschlichkeit, all das findet Ausdruck auch in der Musik, ohne dabei Annes Sinn für Situationskomik, ihre Freude und Zuversicht zu vergessen.
Das weltberühmte „Tagebuch der Anne Frank“ ist ein ergreifendes Dokument über das Schicksal einer von den Nationalsozialisten verfolgten Familie und der Sehnsucht einer sensiblen Jugendlichen nach einem normalen Leben jenseits des Terrors. Anne Frank wurde 1929 geboren. 1933 emigrierte die deutsch-jüdische Familie Frank nach Amsterdam. Nachdem die Niederlande 1940 durch die deutsche Wehrmacht besetzt und die Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung zunehmend verschärft wurden, versteckte sich die Familie mit Freunden 1942 in einem Amsterdamer Hinterhaus. Anne vertraute fortan nicht nur die Geschehnisse, sondern auch ihre Träume, Ängste, Sehnsüchte und Freude ihrem Tagebuch an. 1944 wurden die Untergetauchten verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Anne Frank starb im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.
Die Inszenierung richtet sich insbesondere an Zuschauer ab 13 Jahren und junge Erwachsene.
Inszenierung: André Bücker | Musikalische Leitung und Klavier: Stefan Neubert |
Bühne und Kostüme: Katja Schröpfer | Anne Frank: Cornelia Marschall
Dramaturgie: Imme Heiligendorff
Termine: 27.10.09, 19.30 Uhr; 09.11.09, 18.30 Uhr | 10.11.09, 11.00 Uhr | 20.11.09, 10.00 Uhr im Alten Theater/ Studio
14.10.2009, 15:01 | tags: Spielzeit, Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 14.10.2009
Künstler-Porträt: Angelina Ruzzafante
Heribert Germeshausen stellt Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters vor
Mit „Glitter and be Gay“ hat sich Angelina Ruzzafante bereits anlässlich des Open Air Konzertes zum Farbfest in die Herzen der Dessauer gesungen. Die Cunegunde in Bernsteins „Candide“ wird ihre erste große Opernrolle in Dessau sein. Bevor am 20.10. die Proben für „Candide“ beginnen wird Heribert Germeshausen, leitender Dramaturg Musiktheater / Operndirektion am 17. Oktober um 20:00 Uhr im Foyer des Großen Hauses die Sopranistin Angelina Ruzzafante vorstellen.
Karten zu 3,- Euro :
Theaterkasse Rathaus-Center
Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 – 20 Uhr
Theaterkasse
Nur Telefonisch 0340 2511 – 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
07.10.2009, 09:29 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 06.10.2009
Weg zum perfekten Klang
Im Dessauer Liborius-Gymnasium treffen sich die Chöre der Stadt zur gemeinsamen Probe
Am Samstag im "Lohengrin" beflügelte er das Orchester, trieb es auf Schwanes Schwingen zu ungeahnten Höhen, bereitete den Chören und Solisten ein Notenhimmelbett. Antony Hermus, Dessaus neuer Generalmusikdirektor, ist gerade heftig dabei, die Stadt musikalisch zu verzaubern. Was mit der ersten Opernpremiere am Wochenende im Anhaltischen Theater beim Publikum funktionierte, das hat der Dirigent bei rund 260 Dessauern schon längst geschafft. Wie das gelang, hört man nicht nur, das sieht man auch: am vergangenen Donnerstag in der Aula des Liborius-Gymnasiums.
Es ist kurz vor halb acht am Abend, da strömen vom Teenie bis zu Männern und Frauen in den frühen Achtzigern die Sängerinnen und Sänger in die Schule. Es ist die zweite gemeinsame Probe von Dessauer Chören, die beim ersten Sinfoniekonzert dieser Saison am Donnerstag und Freitag vor die Zuhörer im Theater treten. In den Taschen hat jeder die Noten, Dvorák steht drauf. Das "Te Deum" aus seiner Feder soll den zweiten Teil des Abends bilden. Bislang haben die Chöre jeder für sich geprobt, einmal nur traf man sich bisher gemeinsam auf der Probebühne im Theater, nun gilt es, erneut zueinander zu finden.
"Meine Damen und Herren vom großen gemeinsamen Dessauer Chor", derart begrüßt Antony Hermus die große Runde und lässt gar nicht viel Zeit vergehen, sondern kommt gleich zum Wesentlichen: Es wird gesungen. Aus rund 250 Kehlen. Wäre der Neubau des Gymnasiums nicht so solide, man könnte sagen, dass die Wände wackeln. Doch ach, es geht noch viel, viel besser. Darauf arbeitet Hermus hin und lässt die Mühen bis zum perfekten Klang folgen. Er feilt an den Tenorstimmen und bringt sie in neue Höhen, bemüht sein Handy, um zu demonstrieren, wie sich ein Ton halten lässt, klettert vom Stuhl aufs Podest auf den Boden, und der große Chor tut es ihm stimmlich nach bis zum zartesten Flüsterton. Er droht droht lachend damit, gelbe Karten zu verteilen, wenn zur falschen Zeit geatmet wird, denn "das hört man". Kritik übt er, wenn Einsätze nicht kommen, Konsonanten nicht artikuliert sind. Doch wie er dies tut, das ist so charmant, so anspornend, dass die Singenden und neugierigen Zuhörer gleichermaßen Dauerlächeln und mit großer Lust diesem Mann und seiner Idee von Musik folgen. "Sie singen alles richtig, ich kann gar nichts sagen, aber es fehlt das Feuer", sagt Hermus, gleich darauf bekommt er es und strahlt gemeinsam mit den Sängerinnen und Sängern, als dann die Flamme lodert.
Chorübergreifend machen sich die Mitwirkenden miteinander bekannt, kommen ins Gespräch und verschmelzen zu einer Einheit, über die sich beim Gesang immer wieder die Stimmen der beiden Solisten Angelina Ruzzafante und Wiard Witholt erheben. Bei den Proben in dieser Woche kommt nun noch das Orchester hinzu. Doch Bange ist niemanden vor dem Zusammentreffen zweier so großer Klangapparate.
Nahezu ausverkauft sind inzwischen beide Konzerte, und ob des "Te Deum" vergisst man leicht, dass es noch mehr zu hören gibt: Johannes Brahms' 2. Sinfonie mit ihren pastoralen Klängen und dem jubelnden Finale eröffnet den Konzertabend, ihr folgt die Orchesterfantasie "Levenszomer" (Lebenssommer) des holländischen Organisten und Komponisten Johan Wagenaar (1862-1941). Dann aber, nach der Pause, wird es eng auf der Dessauer Bühne.
07.10.2009, 09:23 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, das neue Team | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 07.10.2009
Wechsel nach Stuttgart und Treue zu Dessau
Regisseurin zählt ab 2011 zu Jossi Wielers Team
Am vergangenen Wochenende hat die Dessauer Chefregisseurin Andrea Moses mit ihrer Inszenierung von Richard Wagners "Lohengrin" noch für einen ebenso umstrittenen wie umjubelten Einstand am Anhaltischen Theater gesorgt, am Dienstag nun wurde sie bereits vom designierten Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler als seine neue Hausregisseurin ab der Spielzeit 2011/12 vorgestellt. Der international renommierte Regisseur Wieler lobte Andrea Moses nicht zuletzt für ihr Dessauer Debüt als "Persönlichkeit, die unsere Vorstellungen von Musiktheater teilt und uns dabei helfen wird, sie umzusetzen."
Für die 1972 in Dresden geborene Moses, die nach großen Erfolgen im Schauspiel erst vor drei Jahren mit "Salome" im Musiktheater debütierte und schon zwei Jahre später für den deutschen Theaterpreis "Faust" nominiert wurde, ist der Wechsel nach Stuttgart der Schritt auf internationales Parkett. Immerhin war die Staatsoper bereits sechsmal "Opernhaus des Jahres", das Erfolgskonzept des früheren Intendanten Klaus Zehelein will Jossi Wieler nun in die Zukunft verlängern. Mit einer handverlesenen Schar von Künstlern soll hier wieder ein Ensemble-Theater aufgebaut werden, das seine Urform in der Komischen Oper von Walter Felsenstein hatte.
Ihren Zwei-Jahres-Vertrag mit dem Anhaltischen Theater will Andrea Moses aber nicht nur erfüllen, sie versprach am Dienstag auch, dem Haus über diese Zeit hinaus verbunden zu bleiben. "Ich liebe die Arbeit und die Menschen an diesem Theater", sagte sie. "Und ich werde vollenden, was wir gerade begonnen haben." Für die kommende Saison habe sie daher alle Gastverpflichtungen abgesagt, in der aktuellen Spielzeit hingegen werde sie noch den "Don Giovanni" in Bremen und die Uraufführung von Marton Illes‘ "Die weiße Fürstin" bei der Münchner Musik-Biennale inszenieren. In Dessau will Andrea Moses ihre erste Saison mit einem Schauspielprojekt im Stadtpark beschließen, das die Stücke "Der Park" von Botho Strauss sowie "Peter Squenz" von Andreas Gryphius verbindet und für den 8. Juli 2010 angekündigt ist.
07.10.2009, 07:28 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 06.10.2009
Andrea Moses wechselt ab 2011/ 2012 als Hausregisseurin an die Staatsoper Stuttgart
Andrea Moses, Chefregisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater in Dessau, wird im Herbst 2011 an die mehrfach als Opernhaus des Jahres ausgezeichnete Staatsoper Stuttgart als Hausregisseurin wechseln.
Andrea Moses bleibt über ihren bis 2011 andauernden Vertrag auch weiterhin dem Anhaltischen Theater Dessau als Gast verbunden. Letzten Samstag feierte ihre Inszenierung „Lohengrin“ (Musikalische Leitung GMD Antony Hermus) erfolgreich Premiere und erhielt deutschlandweit starke Presseresonanz.
06.10.2009, 08:53 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Joachim Lange, http://www.festspiele.de/startseite/news, 05.10.2009
Lohengrin, übernehmen Sie!
Andrea Moses macht in Dessau aus Wagners „Lohengrin“ eine spannende Studie über eine manipulierte Gesellschaft
DESSAU: „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ prangt in großen Lettern über dem gewaltigen Bühnenportal des Dessauer Opernhauses.
Im Laufe des Abends wird einem diese griffige „human coaching“ Losung immer klarer und immer unheimlicher. Die neue Chefregisseurin des Hauses, Andrea Moses, macht in ihrer Einstandsinszenierung nämlich aus Wagners „Lohengrin“ vor allem eine packende Studie über die Manipulierbarkeit der Massen und über die Undurchschaubarkeit von Machtstrukturen. Sie zeigt, wie Menschen, die dagegen kämpfen, nicht mehr funktionieren oder auf der Strecke bleiben, aussortiert oder ersetzt werden. Das war nach den fast zwei Jahrzehnten, in denen Walter Felsensteins Sohn Johannes hier das (Theater erhaltende) Intendanten-Zepter führte, als Regisseur aber demonstrativ eine eher konservative Opernästhetik pflegte, für einen Teil des Publikums ziemlich neu und zu viel.
Dabei haben Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle Wagners Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um die Macht und die Frage, ob die Freiheit Brabants an der ungarischen Grenze verteidigt werden muss. Dass bei dieser Regisseurin (nach ihrem atemberaubend gegenwärtigen Nahost-Strauss Doppel mit „Salome“ und „Elektra“ in Meiningen und ihrer nicht minder packenden US-Fernsehshow „Turandot“ in Weimar) „Lohengrin“ vom Märchen zum Gegenwartsstück werden würde, war nicht anders zu erwarten. Am Ende marschieren sie denn auch alle im Gleichschritt unter wehenden Fahnen im wahrsten Wortsinn rückwärts in den Krieg und nur Elsa entkommt dem triumphierenden Wahnsinn über den Zuschauerraum.
Wo Katharina Wagner in Budapest in ihrem „Wende“ – Lohengrin den 89er Bruch verarbeitet und der junge Regisseur Florian Lutz in Gera-Altenburg die Nachwende-Zeit im Osten Deutschlands thematisiert hat, da verlängert Moses dieses Lohengrin-Potential sozusagen in die drohende Zukunft einer durchmanipulierten, von nicht legitimierten Mächten gelenkten Gesellschaft. Ohne auf eine allzu direkte politische Metaphorik auszuweichen. Das bleibt mit „Du bist Brabant“ überm Traualtar und einem eher ironischen „Vertrauen in Deutschland“ über dem Brautgemach-Bungalow mit seinem ebenso ironischen Wolke Sieben Video und etwas Bühnennebel eher in der Andeutung.
Zu Beginn sieht man in einer Art Auditorium, das Hörsaal oder auch Parlament sein könnte, die Brabanter noch als ziemlich individuelle und offensichtlich in verschiedene Lager differenzierte Zeitgenossen. Manche lesen Zeitung, einige stricken, andere reden miteinander und ein paar smarte Herren verstecken sich hinter ihren Sonnenbrillen und füttern ihre Laptops.
Und auch als der König und sein Heerrufer eintreffen und mit Friedrichs Anklage gegen Elsa der Kampf um die Macht beginnt, ist das Pro und Kontra noch deutlich wahrnehmbar. Doch der zum Krieg rüstende Heinrich und sein Heerrufer verlassen sich nicht auf die bedingungslose Gefolgschaft der Brabanter oder strategische Argumente. Sie haben einen Plan und der heißt Lohengrin. Der Superheld, der Strahlemann mit Charisma, der hochgepuschte Messias. Er wird mit einem medialen Brimborium von Obamascher Perfektion denn auch installiert. Da greift der König selbst zum Handy und setzt seinen backstage wartenden Kandidaten punktgenau in Marsch, da gibt es mit Schwanen-Auftritts-Video, Schaukampf und einer ganzen Truppe von ideologischen Hostessen, samt neuer Bibel mit aggressivem Schwanenlogo in der Geschenktüte, eine Art von fingierter Kandidatenkür.
Der Heerrufer ist in diesem Spiel dafür verantwortlich, dass Elsa, die sich hier tatsächlich so seltsam bewegt, wie sie redet, nicht aus der ihr zugedachten Rolle fällt. Als Telramund sie in aller Öffentlichkeit auffordert, das Frageverbot zu brechen, reicht ihr der Heerrufer schon mal auf seinem Minidisplay den Text. Er dirigiert das Verhalten der Massen und überwacht und lenkt Elsa. Bis eben auch sie im Brautgemacht nicht mehr „funktioniert“. Hier lässt Telramund schließlich auch Lohengrin auffliegen. Er hat einen Mitschnitt, auf dem man sieht, wie der Held für seinen „Auftrag Brabant“ abkassiert…
Diese enthüllende Sichtweise ist nahezu konsequent und läuft im szenischen Detail mit einer bis zum letzten Choristen durchgestalteten Personenregie als spannender Thriller ab. Dass es dann Lohengrin ist, der dem König und dem Heerrufer eine Telefonnummer zusteckt, über die sie den Ersatz-Jungen (noch ziemlich „unfertig“ und mit Maske) aus dem Schnürboden einschweben lassen können, ist mit Blick auf das Wissen Lohengrins über Gottfrieds Verbleib zwar einleuchtend, wäre aber in der Logik der erzählten Geschichte auch als Plan B der beiden Strippenzieher denkbar gewesen. Sei‘s drum.
Für die hier mitgelieferte, äußerst selten zu hörende zweite Strophe der Gralserzählung, die über Gottfrieds Schicksal aufklärt, hat der junge neuseeländische Tenor Andrew Sritheran jedenfalls genügend Kraft. Die kleinen Angestrengtheiten lagen zum Glück vor dem „In fernem Land…“ Auch sonst kann Dessau (das ja ein Theater mit großer Wagnervergangenheit und nie ganz abgerissener –Gegenwart ist) ein Ensemble von Sängerdarstellern aufbieten, das sich hören und sehen lassen kann. Es ist imponierend mit welcher darstellerischen Intensität und stimmlichen Wucht Iordanka Derilova eine mit allen Mittel kämpfende Power-Ortrud liefert und Ulf Paulsen als Telramund auch in seiner Niederlage souverän der Mann an der Seite seiner strategisch denkenden Frau ist. Bettine Kampp ergänzt ihre wunderbar klare Elsa um eine Studie einer stets manipulierten Frau, die sich erst am Ende aus dem Alptraum dieses Lebens befreien kann. Pavel Shmulevich macht aus dem König mit nobler Wucht einen modernen Manager der Macht und der junge Wiard Witholt ist seiner Rolle als Sprecher und Coach Elsas in jeder Hinsicht gewachsen! Die Spielfreude auch des aufgestockten Chores war allenthalben spürbar.
Alles in allem überzeugte auch die Anhaltische Philharmonie unter ihrem neuen Chef Antony Hermus. Obwohl das beim Vorspiel noch nicht so klar war, etliche Patzer dazwischenfunkten und Hermus aus dem Hochzeitsmarsch zum Beginn des dritten Aufzug einen Geschwindmarsch machte, der (vielleicht ja bewusst) mehr einer Parodie dieses Ohrwurms glich. Doch im Ganzen fand das Orchester überzeugend zu seinen Qualitäten, lieferte im dramatischen Auftrumpfen der Massenszenen das martialisch Enthüllende ebenso mit, wie dann doch noch die betörenden Gralsklänge.
Alles in allem ist Dessau ein spannender und lohnender Neustart gelungen. Und das Anhaltische Theater liegt ja nun keineswegs in fernem Land.
06.10.2009, 08:42 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Jörg Königsdorf, Tagesspiegel, 06.10.2009
Wann hat man eine so kluge, lebendige Wagner-Aufführung zuletzt in Berlin erlebt? Dem Theater Dessau ist mit "Lohengrin" ein großer Wurf gelungen.
Dieser Lohengrin arbeitet mit allen Tricks: Inszeniert sich mit Schwanenlogo und großem Auftritt als Retter des Brabantischen Volks, macht der treudoofen Elsa den Traumprinzen vor und schreckt auch nicht davor zurück, seinen Duellgegner Telramund mit einem fiesen Foul zu Fall zu bringen. Die Geschichte schreiben die Sieger, weiß dieser skrupellose Politprofi – und falls seine Hinterzimmer-Kungeleien mit dem König irgendwann doch rauskommen sollten, kann er immer noch sein Erweckungsprediger-Charisma spielen lassen und die Massen auf sich einschwören.
Es ist schon ein starkes Stück, das das neue Team des Dessauer Theaters dem Publikum zur Saisoneröffnung zumutet. Nachdem hier unter Altintendant Johannes Felsenstein anderthalb Jahrzehnte lang – durchaus erfolgreich – Oper gemacht wurde, die meist genauso aussah, wie man es nach der Lektüre des Opernführers erwarten durfte, kehren sein Nachfolger André Bücker und die neue Chefregisseurin Andrea Moses ostentativ das Unterste zuoberst. Von jetzt an soll in der Bauhausstadt brandaktuelles Musiktheater stattfinden und die Kunst wieder das Gewissen der Gesellschaft sein. „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ lautet das ehrgeizig optimistische Motto, das sich die Dessauer Theatermacher auf die Fahnen und in großen Lettern auch übers Bühnenportal geschrieben haben.
In Dessau wird die Geschichte zum Politkrimi mit menschlichem Tiefgang
Sympathisch ist solche Aufbruchstimmung allemal, und wer weder durch diesen Leitspruch noch durch die Platzierung der „Lohengrin“-Premiere auf den „Tag der deutschen Einheit“ stutzig geworden ist, der merkt sehr schnell, dass das neue Team seinen Anspruch mit Volldampf einlöst: In Dessau wird die Geschichte vom scheiternden Heilsbringer zum Politkrimi mit menschlichem Tiefgang. Systematisch werden die gewählten Schicksalslenker demontiert, werden Glanz und Gloria der wagnerschen Musik als höchst wirksame PR-Mittel interpretiert. Mit dem Resultat, dass die Rollen von Gut und Böse sich völlig neu verteilen, ohne dass dies je gegen Text und Musik verstoßen würde.
So ist der Graf Telramund, der die Herrschaft über Brabant erstrebt, kein bloßer Ehrgeizling, sondern der letzte Politiker, der noch einen Begriff von Anstand und Ehre hat. Und Elsa ist kein verzagtes Mäuschen, sondern wird zur eigentlichen Heldin des Dramas: Wenn sie schließlich die verbotene Frage stellt, um die Wahrheit über ihren Helden zu erfahren, ist das der Moment, in dem sie den Betrug Lohengrins durchschaut. Am Ende wird sie unter den heilsgläubigen Brabantern umherwanken wie Kassandra unter den Trojanern – ebenso wenig wie die Wahrheit hat sie selbst hier noch einen Platz.
Schon fast überscharf behält Moses den ganzen Abend über jede ihrer Figuren im Fokus: den steif-korrekten Recken Telramund (Ulf Paulsen), die sexy bitch Ortrud (Iordanka Derilova), den windigen Business-König Heinrich (Pavel Shmulevich), den Politkandidaten Lohengrin und vor allem Elsa, die zu Beginn fast als dumme Gans im Jackie-Kennedy- Outfit erscheint. Dass diese lebensunerfahrene Tussi für die Heilsbotschaften der Gralssekte empfänglich ist, glaubt man jedenfalls sofort – auch weil Bettine Kampp diese naive Verschrobenheit auch wirklich singt und darstellt: Ihr „Einsam in trüben Tagen“ ist die trotzige Traumerzählung eines gealterten Kindes, das erst durch die Enttäuschung erwachsen werden wird.
Echtes Hörtheater
Dieser Dessauer „Lohengrin“ ist ein großer Wurf und vermutlich die spannendste Deutung seit Peter Konwitschnys legendärer Hamburger Inszenierung. Dass ein solcher Kraftakt an einem vergleichsweise kleinen Haus wie Dessau gelingt, liegt allerdings nicht nur an einem gescheiten, minutiös umgesetzten Konzept, sondern daran, dass Moses mit ihren Sängern und nicht gegen sie inszeniert. Andrew Sritherans Lohengrin beispielsweise hat nicht nur das schmierig-süßliche Sektenführer-Grinsen perfekt drauf, sondern singt seinen Schwanenmann auch so: Selbst sein „Elsa, ich liebe dich“ trompetet er mit gleißend metallischem Forte heraus –kein Liebesgeständnis, sondern ein Showact fürs sensationsgierige Volk und die Presse. Oder auch die Gralserzählung: Statt einer weihevollen Legato-Suada singt Sritheran das Stück als spontane Erweckungspredigt.
Und dann ist da Dessaus neuer Chefdirigent Antony Hermus, der mit seiner Anhaltischen Philharmonie keinen Schönklang ohne szenische Anbindung produziert, sondern mit offenen Augen und Ohren dirigiert. Das ist echtes Hörtheater: Jubelndes Volk und Konfettiregen in den ekstatischen Fanfaren der Trompeten, treuherziger Kirchenlied-Tonfall in den andächtigen großen Chorpassagen, dann wieder, im Brautchor, angenehm leichtfüßig.
Wann hat man eine so kluge, lebendige Wagner-Aufführung zuletzt in Berlin erlebt? Auf nach Dessau!
05.10.2009, 15:49 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/Dessau, 04.10.2009
Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit
Lohengrin auf der Bühne des Anhaltischen Theaters
In der Original-Fassung konnte man es als noble Absicht verstehen, bei Vertauschung der Verben aber wird daraus pure Esoterik: "Menschen gestalten - Zukunft bewegen" steht in großen Buchstaben über der Bühne des Anhaltischen Theaters. Und wer diese kleine Korrektur bemerkt hat, wird später auch die Parole "Vertrauen in Deutschland" mit anderen Augen lesen: Meint der inzwischen abgewählte Slogan wirklich noch, dass man auf diese Nation bauen kann? Oder fragt er nicht vielmehr, wie es um das Vertrauen in diesem Land bestellt ist?
Größtmöglicher Umkehrschluss
Andrea Moses versucht mit ihrem Dessauer Debüt den größtmöglichen Umkehrschluss: Ausgerechnet "Lohengrin", diesen grundguten Wagner-Helden in blendender Rüstung, will sie in seinem ehernen Selbstbewusstsein erschüttern, sein märchenhaftes Frageverbot als demagogische Geste entlarven. Dass dies nur mit Gewalt funktionieren kann, war von vornherein klar - ebenso wie die Tatsache, dass die Fraktion der Fraglosen diese Verstörung mit Empörung quittieren würde. Doch dass ein Gewitter aus Buh- und Bravo-Rufen einen elektrisierenden Abend krönt, war als Ausdruck einer Selbstverständigung des Publikums über sein Theater vor Ort bisher ja ein unerhörter Vorgang.
Dies ist der neuen Chefregisseurin gelungen: Sie hat das Brabant von Telramund und Ortrud in eine träge Demokratie verwandelt, deren Parlament anfällig ist für den Angriff des Irrationalen. Ihr Lohengrin ist ein charismatischer Sektenführer, der statt eines politischen Programms Gesangbücher und Autogramm-Oblaten verteilt - und dessen messianische Pose entzaubert wird, als die zunächst traumverlorene Prophetin Elsa ihn nach seiner wahren Art befragt. Dass ein kurzes Video zudem eine Verschwörung des Helden mit König Heinrich andeutet, überdehnt die Lesart freilich - selbst wenn der fragwürdige Heilsbringer dem Herrscher zum Abschied eine goldene Brücke in den Krieg baut.
Das eigentliche Sakrileg für die Gralshüter aber bleibt wohl, dass an diesem Abend nicht nur gedacht, sondern auch gelacht werden darf. Dabei ist der Auftritt einer Putzfrau als Verletzung der verkaterten Intimität zwischen den Verschwörern so schlüssig wie Telramunds lächerliche "Schwanensee"-Etüde vor der Kirche, die als Verspottung auf ihren Urheber zurückfällt - wenn man denn bereit ist, sich auf diese Aktualisierung einzulassen. Als visuelle Verführung bewährt sich die Ausstattung von Christian Wiehle: Wann wurden die grandiosen Möglichkeiten der Dessauer Wagner-Bühne zuletzt so raumgreifend ausgeschöpft? Wann gab es zuletzt derart überwältigende Verwandlungen, mit denen sich auch die Technik des Hauses höchstes Lob verdient?
Der Star sitzt im Graben
Der Star des Abends freilich sitzt im Graben: Antony Hermus hat die Anhaltische Philharmonie in kürzester Zeit verzaubert, er schöpft bereits im Vorspiel die Szene buchstäblich aus dem Klang und trägt die Sänger wie die Musiker durch eine fast makellose Vorstellung zum atemberaubenden Finale. Was hier an Elastizität und Dynamik, an Farbenreichtum und Nuancen zu hören ist, hätte man bislang kaum für möglich gehalten, dies ist ein Aufbruch, der einhellige Begeisterung findet. Und auch der Chor, den Helmut Sonne um Mitglieder des Extrachores und des freien Coruso-Ensembles bereichert hat, zeigt sich dank individueller Figurenzeichnung bei maximaler musikalischer Geschlossenheit in Topform. So kann, so muss es weitergehen im "Bayreuth des Nordens". Dafür steht zudem ein Solisten-Ensemble, in dem Ulf Paulsen als sinistrer Machtmensch Telramund sowie Iordanka Derilova als furiose First Lady Ortrud mit starken Stimmen und scharf konturierten Charakteren für Qualität sorgen. Neben ihnen führt sich eine Gruppe neuer Sänger ein, die sich sehen und hören lassen kann: Pavel Shmulevich ist ein König von wahrhaft majestätischem Ausdruck, Wiard Witholt ein Heerrufer mit verführerischer Verlässlichkeit.
Bettine Kampp steigert - als einziger Gast - ihre Elsa vom Opfer stimmlich wie darstellerisch zur selbstbewussten Frau, die als Einzige dem Gleichschritt entkommt. Andrew Sritheran schließlich muss bei seinem Rollen-Debüt im dritten Aufzug Lehrgeld zahlen, zeigt dann aber - von Antony Hermus geführt - in der ungekürzten Gralserzählung, dass in ihm ein echter Schwanenritter steckt. Im Dessauer "Lohengrin" wird Wagners Forderung "Kinder, schafft Neues!" also nicht - wie jüngst an der Berliner Staatsoper - plakatiert. Es wird einfach gemacht.
Nächste Vorstellungen: 10. Oktober und 22. November, jeweils 17 Uhr
05.10.2009, 15:41 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 04.10.2009
Publikum fiebert mit und ist begeistert
Spielzeit-Auftakt am Anhaltischen Theater kommt gut an - Prominente Besucher loben neues Team
Nur ein paar Takte reichten aus und Klemens Koschigs Ängste waren am Samstagabend verflogen. Noch am Abend zuvor war der Oberbürgermeister unsicher ob des Ausgangs der Opernpremiere von "Lohengrin". "Ich habe Angst", gestand er da. 24 Stunden später, nach viereinhalb Stunden Wagner am Anhaltischen Theater, war Koschig jedoch überzeugt: "Genau für solch ein Theater haben wir André Bücker nach Dessau geholt. Es gibt so viele jüngere Leute im Publikum, das haben wir uns gewünscht".
Beginn mit Abschlussfeier
Erstmals bestätigt sah sich das Stadtoberhaupt schon am Freitagabend im Alten Theater. Dort begann das Eröffnungswochenende unter der neuen Intendanz von André Bücker mit der Premiere von "Abschlussfeier" in der Regie von Armin Petras. Petras, Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, schickte sein Publikum durch das ganze Haus und schließlich vor die Tür. Nach einer bejubelten Premiere blieben viele gern, denn das bislang so kühl wirkende Foyer des Alten Theaters hatte sich durch das Bühnenbild in einen Partykeller verwandelt, der sich perfekt für eine Premierenfeier mit Live-Musik und Tanz eignete.
Im Restaurant sprach derweil die lokale Prominenz über das Gesehene. Mit der "Abschlussfeier" habe er ein Stück erlebt, dass nicht besser zum Tag der Deutschen Einheit hätte passen können, sagte Klemens Koschig. Er wertete die Inszenierung vor allem angesichts der Verklärung von Erinnerungen als besonders wichtig. "Es ist gut, dass es solche Stücke gibt, die uns immer wieder vorführen, wie es in der DDR war." Autor Einar Schleef, der mit seiner Erzählung die Vorlage für die Theaterfassung der Dessauer Uraufführung lieferte, war ein Meister im Schildern des ostdeutschen Alltags. Dass sich dies adäquat auf der Bühne widerspiegelte, fanden auch Gäste aus Sangerhausen. Mit zehn Leuten war der Schleef-Arbeitskreis aus der Geburtsstadt des Autors angereist. "Die Fahrt hat sich gelohnt. Es war ein toller Abend", freute sich Dieter Wrobbel vom Arbeitskreis, der zugleich auch einen Bekannten in Dessau wiedertraf: André Bücker inszenierte beim "Schleef-Block I" 2004 in Sangerhausen den Schleef-Abend "Kein schöner Land", und auch Petras kam damals mit einer Produktion in die Rosenstadt. "Eigentlich schließt sich hier heute in Dessau ein Kreis", befand Wrobbel
Eine Zuschauerin der "Abschlussfeier" konnte am Freitag nicht ganz so gelassen in die Premierenfeier gehen, denn ihre eigene fand erst am Abend darauf statt. Andrea Moses, Regisseurin des "Lohengrin", verabschiedete sich bald und sammelte Kraft für ihr Dessau-Debüt.
18 Uhr sah man sie am Sonnabend ganz außen in Reihe 5 im Parkett sitzen. Angespannt, mitfiebernd, lachend und begeistert von Solisten, Chören und Orchester, blieb für die Regisseurin nun nicht mehr viel zu tun. Zwei Pausen gab es während der Oper, danach eine bis in die Morgenstunden dauernde Premierenfeier, Zeit also für Diskussionen über die Lesart der Regisseurin, Zeit für erste negative und positive Einträge in das neue Gästebuch des Hauses. Bevor gefeiert wurde, galt das Wort des Generalintendanten jedoch allen Mitwirkenden. André Bücker dankte im Rangfoyer nicht nur den Solisten und Chören, er hob auch alle Gewerke und die Technik des Hauses hervor. "Aus einem Stab kommt kein Klang." Mehr musste Dirigent Antony Hermus als Wertschätzung für Orchester und Ensemble nicht sagen.
Auffallend viele auswärtige Besucher waren am Sonnabend nach Dessau gekommen. Theaterleute, die den Dessauer Neustart miterleben wollten. So auch Ulrich Katzer, Betriebsdirektor der halleschen Oper und Orchester GmbH, der alle drei Eröffnungspremieren sah. "Ich bin neidisch", war sein Kommentar nach der Opern-Premiere. "Dessau kann stolz sein auf seine neue Mannschaft."
Christoph Werner, Intendant des "Neuen Theaters" in Halle und gebürtiger Dessauer, hat neben den Besuchen bei seinen Eltern nun noch einen weiteren Grund ausgemacht, wieder öfter nach Dessau zu kommen. "Das war ein Großstadttheaterabend, wie man ihn auch in Dresden erleben kann. Als Dessauer bin ich stolz, dass man solches Theater jetzt auch in meiner Heimatstadt sehen kann", sagte er. Werner, der in Halle die Nachfolge von Peter Sodann antrat, weiß um die Probleme und Ängste, die mit einem Wechsel der Intendanz verbunden sind. "In Gesprächen und beim Publikum habe ich gemerkt, wie verfelsensteint noch manches ist. Die jetzigen Premieren sind eine klare Ansage. Ich wünsche dem neuen Team viel Kraft und komme jetzt öfter."
Zurück an den früheren Wirkungsort kehrte auch Clemens Birnbaum. Der ehemalige Weill-Fest-Intendant verantwortet nun in Halle die Händel-Festspiele. "Lohengrin war ein großartiger Saisonauftakt und eine phantastische musikalische Leistung", lobte er vor allem die Arbeit von Generalmusikdirektor Antony Hermus. Und in der Inszenierung von Andreas Moses habe er sich "keine Minute gelangweilt".
Gäste kommen wieder
Ein besonders kritisches Auge auf den Opernabend warfen mehr als 40 Besucher aus Bremen, die nach Dessau gereist waren. Nicht zum ersten Mal kamen Mitglieder des Bremer Richard-Wagner-Verbandes in die Muldestadt. "Der erste Eindruck war gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich erst einmal gewöhnt hatte, dann war es toll", resümierte Hannelore Pöpper. Die Bremer werden Dessaus Theater weiter besuchen, versicherte sie.
"Wir kommen wieder", befand auch ein anderer prominenter Premierengast: Bernd Junkers, der nur Stunden zuvor eine Ju 52 auf den Namen "Dessau" getauft hatte, will fortan öfter die Strecke München-Dessau fahren, um hier ins Theater zu gehen.
04.10.2009, 10:43 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Wladimir Kleschtschow, Mitteldeutsche Zeitung/ Köthen, 12.09.2009
Aphrodite und Lohengrin
Ein weißer Schwan aus dem Köthener Tierpark steht vor der Kamera
Stellt es sich bald heraus, dass der bescheidene Schwan Aphrodite aus dem Köthener Tierpark in Wirklichkeit ein Star ist? Natürlich nicht im ornithologischen Sinne, sondern auf dem Gebiet der darstellenden Kunst. Der erste Schritt in diese Richtung ist jedenfalls getan. Zwei Kameraleute waren im Auftrag des Anhaltischen Theaters Dessau in Köthen, um den schneeweißen Vogel zu filmen. Die Aufnahmen sollen in die romantische Oper "Lohengrin" von Richard Wagner integriert werden, deren Premiere am 3. Oktober stattfindet. In der Oper kommt bekanntlich ein Schwan vor.
"Der Schwan muss aggressiv, mit ausgebreiteten Flügeln auf uns zukommen", erklärten die Kameraleute Jens Crull und Chris Kondek die Aufgabe. Die beiden Männer aus Berlin produzieren Videos im Auftrag verschiedener Theater. Kondek stammt aus den USA, lebt jedoch seit neun Jahren in der deutschen Hauptstadt. Er hat bereits für solche renommierten Spielstätten wie die Semper-Oper in Dresden und das Maxim-Gorki-Theater in Berlin sowie für den ZDF-Theaterkanal gearbeitet. Auch Crull hat einen Namen in der Branche.
Der Schwan Aphrodite verdankt seine "Entdeckung" durch das Anhaltische Theater der Tatsache, dass es im Dessauer Tierpark keine weißen Schwäne gibt. Dort hatte sich nämlich das Theater zuerst erkundigt. Die Dessauer Tierpark-Leiterin wusste aber, dass der Köthener Tierpark Schwäne hat und gab den Theaterleuten den Tipp. So bekam Aphrodite eine große Chance, von der viele junge Talente träumen - meist vergebens. Sie hatte sogar doppeltes Glück: Der andere Höckerschwan, der mit Aphrodite im selben Teich schwimmt, zeigte seine tiefe Abneigung zum Show-Geschäft, indem er sich für die Aufnahmen nicht fangen ließ.
In einer hinteren Ecke des Köthener Tierparks befindet sich ein kleines Gehege, das für Quarantäne-Zwecke genutzt wird, wenn neue Tiere eingeliefert werden. Dort wurden für Aphrodite jene Bretter aufgebaut, die die Welt bedeuten. Genauer gesagt waren das keine Bretter, sondern ein breiter Streifen blauen Papiers. Diese Farbe ist für die Kameraleute für die spätere Montage der Aufnahmen besonders geeignet. Die Köthener Tierpflegerinnen Angela Andreae und Gabriele Berger bildeten das Betreuungsteam des geflügelten Darstellers.
Zu Beginn der Aufnahmen zeigte Aphrodite, dass in ihr ein großes Talent schlummert. Fauchend und mit den Flügeln schlagend ging der Schwan sofort auf die Kameraleute los. Diese haben nicht mit solch einem schnellen Ausbruch der Leidenschaften gerechnet und räumten erschrocken das Terrain. Offenbar dachten sie dabei an die Warnung der Tierpflegerinnen, dass ein erwachsener Schwan mit seinem Flügelschlag einen menschlichen Arm brechen kann.
Dann fassten Crull und Kondek Mut und richteten ihre Kameras auf den Schwan. Und warteten. Und warteten. Und warteten. Das gefiederte Talent wollte nicht mehr so richtig. Ab und zu ließ es sich überreden und lief auf die Kameras zu. Es tat das aber nicht aggressiv genug und der gewünschte Flügelschlag blieb aus. Offenbar hatte Aphrodite von der Anstrengung schnell die Nase voll und war einfach müde.
Alle Bemühungen der Tierpflegerinnen, sie aufzumuntern, schlugen fehl. Ab und zu fauchte der Schwan zwar die Umstehenden an und lief in Richtung der Kameras. Ihm fehlte dabei aber die Energie. Diese zeigte Aphrodite nur, wenn sie versuchte, von der "Bühne" zu verschwinden und das Gelände zu verlassen. Offenbar dachte sie weniger an den künstlerischen Ruhm als vielmehr an den kleinen Teich, in dem die vertraute "Clique" aus einem weiteren weißen Schwan und einer Kanada-Gans auf sie wartete.
Ein paar Aufnahmen brachten Jens Crull und Cris Kondek aber irgendwie doch zustande. Sie waren sogar der Meinung, es werde reichen, um die gewünschten Motive zu montieren. Das wird sich bei der "Lohengrin"-Premiere am 3. Oktober zeigen. Bevor die Kameraleute aber den Köthener Tierpark verließen, nahmen sie hier allerdings noch schwarze Trauerschwäne auf. Sozusagen für den Fall der Fälle.
Und Aphrodite? Gabriele Berger brachte den Schwan wieder zu seinem Teich zurück. Das Federvieh lebte auf, plumpste ins etwas muffige Wasser und plätscherte vergnüglich darin. Der andere Schwan und die Kanada-Gans warteten schon. Das Leben im Areal ging weiter - abseits der großen Kunst.
04.10.2009, 10:04 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 01.10.2009
Andrea Moses ist neue Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater Dessau / Am 3. Oktober hat ihre „Lohengrin“ -Inszenierung Premiere
„Regie führen ist ein bisschen auch wie Lehrer sein“
„Regie führen, Stücke inszenieren ist ein bisschen auch wie Lehrer sein“, glaubt Andrea Moses, Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater Dessau. Für das große Eröffnungspremierenwochenende vom 2. bis
4. Oktober inszeniert sie die Wagner-Oper „Lohengrin“.
Im Leben von Andrea Moses, die 1972 in Dresden geboren wurde, spielen Lehrer an bestimmten Schnittstellen ihrer Entwicklung eine besondere Rolle. Ihr Vater war Lehrer, die Mutter war Sekretärin. „Meine Abi- Zeit fiel in die Wendewirren. Da war vieles offen. Außerdem waren wir oft mehr auf der Straße, als die Zeit fürs Lernen
zu nutzen“, erinnert sie sich. Ein gutes Abi sei es dennoch geworden. Was nun tun? Da war wieder ein Lehrer, ihrer für Deutsch und Geschichte. Er konnte so toll die differenzierten gesellschaftlichen Zusammenhänge erklären. Das gab Andrea Moses den Anstoß, in Leipzig und Berlin Germanistik und Geschichte studieren.
„Vielleicht wäre ich auch Lehrerin geworden“, zuckt sie mit den Schultern und lacht. Sie hat dann parallel noch Theaterwissenschaften „dazu genommen“. Doch das war auch alles „so theoretisch, wo ich doch überhaupt kein Schreibtischmensch bin“, erzählt sie, wie eine Art Suchende damals. Mitsingen im Unichor war gut. 1990 mal so eine Tanztheaterszene zu machen, mit moderner Musik und Tänzern aus Cottbus, gefiel ihr. Ohne es eigentlich zu können, ohne es gelernt zu haben. Bauchgefühl, Ist es Talent? Andrea Moses lässt diese Frage offen.
„Ich bin überhaupt kein Schreibtischmensch“
Zum Glück für sie – wohl auch für die bisherigen und noch kommenden Zuschauer ihrer Inszenierungen – war wieder eine Lehrerin zur Stelle.
Ihre Klavierlehrerin meinte: „Bewirb dich doch mal in Berlin bei der Ernst-Busch-Schule“. Gesagt, getan. „Und es war irre. Die haben mich genommen!“, strahlt sie noch heute. Gerade auch weil sie, inzwischen selbst als Dozentin (seit 2004) an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ tätig, weiß, welche hohen Anforderungen gestellt werden und dass sich Jahr für Jahr Hunderte bewerben.
Nun hatte Andrea Moses wohl ihren Weg gefunden. Ihre erste Station war, gleich als
Regisseurin, die jedoch auch alle anderen Arbeiten an einem Theater erledigte, das Dresdner TiF („Theater in der Fabrik“), die an das Staatsschauspiel Dresden angegliederte, deutschlandweit beachtete und geschätzte Experimentierbühne. 1999 hatte sie in Kiel dann ihr erste große Inszenierung: „Medea“.
Die Inszenierungsliste von Andrea Moses, die ohne Zweifel zu den interessantesten jungen Regisseurinnen des deutschsprachigen Raumes gehört, ist lang, beinhaltet viele Bühnen und Stücke. Zu denen sie jeweils etwas sagen könnte und eigentlich auch wollte. Darauf muss hier aus Platzgründen, verzichtet werden. 2004/2005 habe sie sich an das Musiktheater „gewagt“. Herausragend waren „Salome“ (Strauss) 2006 und ein Jahr später auch noch „Elektra“, beide im Staatstheater Meiningen. Für ihre „Elektra“ - Inszenierung war sie für den hochbeachteten „Faust-Preis“ des Deutschen Bühnenvereins in der Kategorie „Beste Regie im Musiktheater 2008“ nominiert.
Den „Leitungsanteil“ ihrer neuen Tätigkeit, die sie aber nicht getrennt betrachtet wissen möchte, sieht Andrea Moses vor allem in der Verantwortung gegenüber dem gesamten Ensemble und für die Entwicklung der Schauspieler und Sänger. Das werde sie mit und durch die Eröffnung eines „großen vertrauenvollen Gesprächsfeldes“, der Spielplangestaltung, der Rollenzuteilung, eben der gemeinsamen Umsetzung der künstlerischen Visionen in Angriff nehmen.
„Alle sind unheimlich engagiert“
Sie selbst bringt sich zum Spielzeitstart direkt ein, mit ihrer Inszenierung von Richard Wagners Oper „Lohengrin“. „Ich möchte, dass sich der Zuschauer mit sich und seiner Zeit auseinandersetzen soll, zumindest möchte ich dazu die Anregungen geben“, umreißt sie ihre Regie-Intensionen. Es geht um Wünsche und um Wunder. Um einen Menschen, der Wunder vollbringt, andere rettet, der selbst nicht erlöst wird. Welche Art von Wünschen und Wundern haben/erwarten wir im Heute, im menschlichen Miteinander, auch im aktuellen politischen Geschehen? „Dass Richard Wagner in der Zeit, als er ,Lohengrin‘ komponierte, ein Art ‚Weltveränderungsoptimist‘ war, ist einer meiner Ansatzpunkte“, erzählt Andrea Moses. Und fügt als Anliegen an: „Nahe an Wagner erzählen, mit den Intensionen von Wagner und trotzdem heute – ohne das Stück zu zerstören“. „Alle sind unheimlich engagiert. Tolle Sängerinnen und Sänger, ein toller Chor, ein durchweg tolles Ensemble“, aus Andrea Moses strömt purer Optimismus und unerschütterliche Zuversicht.
Für die Rolle der Elsa hat Andrea Moses die Sopranistin Bettine Kampp verpflichtet,
die die Hauptpartien in ihren Erfolgsinszenierungen „Salome“ und „Elektra“ gesungen hat. Lohengrin ist Andrew Sritheran. Die musikalische Leitung hat GMD Antony Hermus. Die Ausstattung übernimmt Christian Wiehle.
Premiere ist am Sonnabend, dem 3. Oktober, um 18 Uhr.
30.09.2009, 08:19 | tags: Spielzeit, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung / Dessau, 16.09.2009
Neues Ensemble probt für die ersten Premieren
Mit Wagners «Lohengrin» wird am 3. Oktober die Spielzeit am Anhaltischen Theater offiziell eröffnet
Der Einstand am ersten Septembersamstag war gelungen. Wer an diesem Abend zum Vorplatz des Anhaltischen Theaters kam und aufmerksam lauschte, der hörte beim traditionellen Eröffnungskonzert der neuen Spielzeit eine Menge neuer Stimmen von Sängerinnen und Sängern, die fortan zum Ensemble des Musiktheaters gehören. Viele von ihnen stehen in diesen Tagen auf der Bühne und bereiten die erste Premiere dieser Sparte vor.
Konfrontation mit "Wunder"
Zur Spielzeiteröffnung inszeniert Chefregisseurin Andrea Moses mit "Lohengrin" (3. Oktober, 18 Uhr) erstmals ein Werk von Richard Wagner. Der zwischen Juni 1846 und März 1848 komponierte "Lohengrin" nimmt in Wagners Oeuvre eine Schlüsselstellung ein: Zum einen verwirklichte Wagner, der "vollkommenste Revolutionär" nach eigenem Zeugnis, in ihm erstmals weitgehend sein Konzept eines durchkomponierten Musikdramas, zum anderen wollte er am avisierten Uraufführungsort Dresden mit der Oper 1849 auch die Gesellschaft revolutionieren. Diese gesellschaftspolitische Zielsetzung und ihre Verortung im Heute bildet den Ausgangspunkt für Andrea Moses' Interpretation: Eine desillusionierte und in Apathie verfallene Gesellschaft, deren politische Eliten in Machtkämpfe verstrickt und durch Berater fremdbestimmt sind, wird mit einem "Wunder" konfrontiert, das den Ausbruch aus einer verfahrenen Situation zu gewährleisten scheint.
Unter dem Motto "Utopie und Wahnsinn" begegnen den Theatergängern in dieser Saison noch eine ganze Reihe weiterer Stücke, die den Versuch der Realisierung und das Scheitern politischer Utopien thematisieren, und im Einzelfall, wie bei "Die Stumme von Portici", tatsächlich politische Veränderungen auslösten. Daniel-François-Esprit Aubers Große Oper in fünf Akten inszeniert André Bücker. Der Generalintendant des Anhaltischen Theaters stellt sich mit "La Muette de Portici" am 24. April in Dessau als Opernregisseur vor.
Viel früher geht es auch in Leonard Bernsteins Musical "Candide" um Utopien, denn es basiert auf Voltaires Text aus der französischen Aufklärung. "Candide" bringt Gastregisseurin Cordula Däuper am 4. Dezember zur Premiere. Allein die Musik und der Gesang stehen bereits am 30. Oktober im Mittelpunkt, wenn "Serata di Gala", eine italienische Operngala, Premiere hat.
In das neue Jahr startet die Musiktheatersparte des Anhaltischen Theaters am 5. März mit einer Koproduktion mit dem Kurt Weill Fest Dessau 2010: Kurt Weills "One touch of Venus". Klaus Seiffert nimmt sich dieser musikalischen Komödie an. Er ließ sich am Musicalstudio Theater an der Wien zum Sänger, Tänzer und Schauspieler ausbilden. Seitdem spielte er in Produktionen wie "A Chorus Line" (Wien), "Cats" (Hamburg), "Les Miserables" (Duisburg), "Rocky Horror Show" (Saarbrücken), "Hair" (Dortmund) und in über 20 weiteren Musicals. Zu seinen Erfolgen als Regisseur und Choreograph zählen "Love is...", "Godspell", "Madame Pompadour", "Die Fledermaus", "Die verkaufte Braut" und, als Co-Regisseur, "Victor / Victoria" in Bremen, Karlsruhe, München und Dortmund.
Roland Schwab heißt der Regiegast, der am 18. Juni in Dessau einen Giuseppe Verdi zur Premiere bringt. Die große Oper des Italieners "Un ballo in maschera", dieser Maskenball wird in italienischer Originalsprache zu hören sein, wie auch schon "Die Stumme von Portici" in Französisch erklingt.
Debüt an Deutscher Oper
Schwab, der bei Götz Friedrich studierte, gab anlässlich des Mozartjahrs mit "Fragmente" von Mozart sein erfolgreiches Regiedebüt an der Deutschen Oper Berlin, an der er mittlerweile auch "Tiefland" inszenierte und 2010 eine Neuproduktion von "Don Giovanni" herausbringen wird.
30.06.2009, 14:16 | tags: Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, das neue Team | Autor: Frank Orbons
Anhaltisches Theater Dessau:
André Bücker stellt mit Andrea Moses Leitende Regisseurin vor
ANDREA MOSES wird mit der Spielzeit 2009/2010 Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater Dessau. Mit ihren Inszenierungen wird die Absolventin der renommierten Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ zum neuen künstlerischen Profil des Schauspiels und des Musiktheaters maßgeblich beitragen.
André Bücker: „Ich bin sehr glücklich darüber, dass ANDREA MOSES der Einladung, dem Anhaltischen Theater Dessau als Chefregisseurin verbunden zu sein, gefolgt ist. Mit inhaltlich genauen Regiearbeiten und ihrer konzeptionellen Mitarbeit in der Theaterleitung wird sie in den kommenden Jahren dem Theater Dessau ein eindeutiges Profil verleihen.“ „ANDREA MOSES“, so André Bücker, „gehört zu den interessantesten jungen Regisseurinnen des deutschsprachigen Raumes. Mit ihren verbindlich-politischen Deutungen, insbesondere den beiden Richard-Strauss-Einaktern Salome und Elektra in Meiningen sowie Giacomo Puccinis Turandot in Weimar, hat sie in bemerkenswerter Weise den historischen Stoff mit den Konflikten der Gegenwart in Bezug setzen können“.
In der Spielzeit 2009/2010 wird MOSES am Anhaltischen Theater die Eröffnungsinszenierung in der Sparte Musiktheater, Richard Wagners „Lohengrin“ sowie die Schauspielproduktion „Sommer-Nacht-Traum“, eine Kombination aus „Der Park“ von Botho Strauß sowie „Herr Peter Squentz“ von Andreas Gryphius inszenieren.
ANDREA MOSES wurde 1972 in Dresden geboren. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft an der Karl-Marx-Universität Leipzig und der Humboldt-Universität in Berlin. Von 1993 bis 1996 folgte das Studium der Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und ein Gaststudium an der GITIS in Moskau.
Seit 1996 inszenierte sie an den Staatstheatern in Dresden, Cottbus, Stuttgart, Schwerin, den Bühnen in Kiel, Rostock, Altenburg-Gera, Erlangen, beim Kunstprojekt Superumbau in Hoyerswerda und am Maxim-Gorki-Theater Berlin. Mit den Schauspielproduktionen „Demetrius“ nach Puschkin/Schiller/Hebbel mit dem Faust-Ensemble von Peter Stein am Schauspiel Hannover/ Expo 2000 und „Clavigo“ von Goethe am Linnatheater in Tallinn (Estland) gastierte sie auch in Berlin und Stuttgart. Die Deutsche Erstaufführung „Schwarze Milch“ von Wassilij Sigarew am Maxim Gorki Theater Berlin gastierte in Nowosibirsk und Omsk (Russland).
Seit 2004 unterrichtet ANDREA MOSES als Dozentin für Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin.
Nach der Operette „Der Graf von Luxemburg“ (Franz Lehár) 2005 am Südthüringischen Staatstheater Meiningen debütierte ANDREA MOSES ebenda erfolgreich mit „Salome“ von Richard Strauss im Musiktheater. Opern an der Semperoper Dresden (u.a. „Gadzo - eine Zigeuneroper“ von Johannes Wulff-Woesten) und am Staatstheater Braunschweig („Die Schönheitsfalle“ von Karen Rehnqvist) folgten. Nach Strauss’ „Elektra“ in Meiningen inszenierte sie die Deutsche Erstaufführung von „Zaide-Adama“ (Wolfgang Amadeus Mozart / Chaya Czernowin) am Theater Bremen und gastierte mit dieser Arbeit beim Mozart-Sommer in Mannheim. In der Spielzeit 2008/2009 inszenierte sie Brechts „Mutter“ in Oberhausen, „Turandot“ (Giacomo Puccini) am Nationaltheater Weimar und „The good soldier Schwejk“ (Robert Kurka) an der Oper Halle. Kommende Produktionen führen ANDREA MOSES nach Bremen und zur Biennale nach München.
ANDREA MOSES war für den Faust-Preis des Deutschen Bühnenvereins in der Kategorie „Beste Regie im Musiktheater 2008“ für ihre Inszenierung „Elektra“ von Richard Strauss am Südthüringischen Staatstheater Meiningen nominiert. Weiterhin erhielt MOSES mehrere Nominierungen zur Regisseurin des Jahres im Jahrbuch 2008 der Zeitschrift „Opernwelt“.
02.06.2009, 09:24 | tags: Musiktheater | Autor: Heribert Germeshausen
Andrew Sritheran
Am 3.10. 2010 wird Andrew Sritheran in der musikalischen Eröffnungspremiere der Intendanz von André Bücker als Lohengrin unter der Leitung von GMD Antony Hermus in der Inszenierung von Andrea Moses erstmals auf der Bühne des Anhaltischen Theaters stehen. Der junge neuseeländische Tenor, der mit Beginn der Spielzeit 2009/2010 als Heldentenor zum Dessauer Opernensemble zählt, gibt an diesem Tag gleichzeitig sein Rollendebüt. Zu seinen weiteren Partien in der Spielzeit 2009/2010 zählen Florestan in „Fidelio“ und Gustav/Riccardo in „Un Ballo in Maschera“.
Andrew Sritheran begann sein Gesangsstudium am Musikkonservatorium seiner Heimatstadt Wellington. Weitere Stationen seiner Ausbildung waren die Eastman School of Music in New York, die Music Academy in Santa Barbara, wo er intensiv von Marilyn Horne betreut wurde, und das Royal Northern College of Music in Manchester. Hier konnte er unter anderem mit szenischen Ausschnitten als Florestan und als Otello auf sein großes Talent aufmerksam machen.
Andrew Sritheran ist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe. So gewann er 2002 den nationalen Mozart-Wettbewerb in Großbritannien und 2004 den ersten Preis der britischen Richard-Wagner-Gesellschaft. Zudem war er 2006 Finalist des Internationalen Wagner-Wettbewerbs in Seattle.
Von 2005 bis 2007 war Andrew Sritheran Mitglied des „Jette Parker Young Artists Programme” am Royal Opera House Covent Garden in London, wo er als Malcolm in „Macbeth“ und als Snout in „A Midsummer Night’s Dream“ zu erleben war. Außerdem fungierte er als Cover für zahlreiche große Partien wie Cavaradossi in „Tosca“ und Calaf in „Turandot“.
Sein Deutschland Debüt gab Sritheran mit großem Erfolg bei Publikum und Presse in der Spielzeit 2008/09 als Siegmund in einer Neuproduktion von „Die Walküre am Theater Lübeck.
Wichtige Partien 2009/2010 am Anhaltischen Theater Dessau:
Neuinszenierungen
· Titelrolle in „Lohgenrin“
· Gustav III. in „Ein Maskenball“
Wiederaufnahmen
· Florestan in „Fidelio“
02.06.2009, 09:22 | tags: Musiktheater | Autor: Heribert Germeshausen
Neue Sänger bereits jetzt in Dessau
Hochgeschätztes Publikum,
an dieser Stelle werde ich Ihnen in den nächsten Wochen in kurzen Abständen die neuen Mitglieder unseres Musiktheaterensembles im Interview oder Porträt vorstellen, sowie Gäste, die ab der Spielzeit 2009/2010 prägend am Anhaltischen Theater Dessau wirken werden.
Zwei unserer Künstler sind bereits seit dem 18.5. in Dessau und nehmen an den Proben für „La Périchole“ teil, der letzten Musiktheaterproduktion in der Intendanz von Johannes Felsenstein. Möglich wurde dies, weil die meisten Aufführungen von „La Périchole“ als Wiederaufnahme in der Amtszeit des neuen Generalintendanten André Bücker gezeigt werden:
Ulrike Mayer, die sich am Theater Magdeburg u.a. mit den Partien des Orfeo und Idamanthes auch überregional einen hervorragenden Ruf erworben hat, singt die Titelpartie, den Piquillo übernimmt Angus Wood vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden, der ab 2009/2010 der erste lyrische Tenor Ihres und unseres Hauses sein wird.
Mit herzlichem Gruß
Heribert Germeshausen
(Leitender Musikdramaturg/Operndirektion)
Ulrike Mayer
Ulrike Mayer, geboren in Stuttgart, studierte bei Thomas Quasthoff an der Musikhochschule in Detmold und Klesie Kelly in Köln. Neben zahlreichen Opernproduktionen an der Musikhochschule Detmold gastierte die junge Sängerin u. a. als Holofernes (Vivaldis „Juditha triumphans“) an der Kammeroper Schloss Rheinsberg und am Staatstheater Mainz sowie als Cornet („Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ von Siegfried Matthus) an der Deutschen Oper Berlin und in Kaliningrad. Nachdem sie im Sommer 2006 in der Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Oper „Da gelo a gelo“ bei den Schwetzinger Festspielen mitwirkte, debütierte sie im Herbst als Page („Salome“) an der Pariser Opéra. Daneben hat die Mezzosopranistin ein breites Lied- und Oratorienrepertoire und sang u. a. bei der Wiedereröffnung der Dresdner Frauenkirche (Uraufführung von Siegfried Matthus’ „Te Deum“). In der Spielzeit 2004/2005 wurde sie an das theater magdeburg engagiert, wo sie u. a. Olga („Eugen Onegin“), Dorabella („Così fan tutte“), Orpheus („Orpheus und Eurydike“), Alcina („Orlando furioso“), Idamante („Idomeneo“) sowie Sonjetka („Lady Macbeth von Mzensk“) sang. Mit dem szenischen Liederabend „Mozart Lieder Licht“ war sie zum Mannheimer Mozartsommer nach Schwetzingen eingeladen.
Wichtige Partien 2009/2010 am Anhaltischen Theater Dessau:
Neuinszenierungen
· Alternierend die Partien der Venus und Molly in „Ein Hauch von Venus“
Wiederaufnahmen
· Titelrolle in der Wiederaufnahme von „La Périchole"
Angus Wood
Angus Wood wurde in Australien geboren und zog mit seinen Eltern bald nach London. Dort erhielt er Gesangsunterricht am ‚Royal College of Music’, bevor er wieder nach Australien zurück ging und in Melbourne/Victoria Gesang studierte. Er war Meisterschüler von Malena Malas, Dame Joan Sutherland und Luigi Alva. Er war Mitglied des Förderprogramms der ‚Victoria State Opera’ und der ‚Opera Australia’. Er vollendete sein Gesangstudium in den USA. An der ‚Opera Australia’ sang er zunächst Baritonrollen wie Papageno, Yamadori, Figaro, Fiorello, Schaunard, Albert und Mercutio, bevor er ins Tenorfach wechselte. Als Konzertsänger war er u.a. in Melbourne, Sydney und Singapore zu hören. Er gastierte bei der Pinchgut Opera Sydney, Canterbury Opera New Zealand und an der Michigan Opera. 2005 wurde er Sieger des ‚German-Australian Opera Grant’ und kam zunächst als Stipendiat ans Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Seit der Spielzeit 2007/2008 gehört er hier fest zum Ensemble. Zu seinen Rollen zählen hier u.a. Tamino in ‚Die Zauberflöte’, Arbace in ‚Idomeneo’, Alfredo in ‚La Traviata’, Sou-Chong in ‚Das Land des Lächelns’, Otto Siedler in ‚Im Weißen Rössl’, Spalanzani/Nathanael in ‚Hoffmanns Erzählungen’, 1. Jude in ‚Salome’, Dancairo in ‚Carmen’ und Schmidt in ‚Werther’. Gastspiele führten in mehrfach in die USA und nach Australien, wo er zuletzt u.a. Cavaradossi und die Tenorpartie in Händels ‚The Messiah’ sang.
Wichtige Partien 2009/2010 am Anhaltischen Theater Dessau:
Neuinszenierungen
· Titelrolle in „Candide“
· Rodney Hatch in „Ein Hauch von Venus“
· Alphonse in „Die Stumme von Portici“
Wiederaufnahmen
· Tamino in „Die Zauberflöte“
· Jaquino in „Fidelio“
· Piquillo in „La Périchole“
21.05.2009, 16:12 | tags: Musiktheater, das neue Team | Autor: Frank Orbons
André Bücker nimmt an der Diskussionsveranstaltung „Wer hält uns zusammen? Das gepflegte Desinteresse an der Bürgergesellschaft“ teil, die von der Politikwerkstatt Sachsen-Anhalt in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung am Mittwoch, den 27. Mai 2009, 19.00 bis 21.00 Uhr im Forum Gestaltung (Brandenburger Str. 10, 39104 Magdeburg) ausgerichtet wird.
Weitere Diskussionspartner der von Prälat Stephan Dorgerloh (Wittenberg, Beauftragter des Rates der EKD) moderierten Veranstaltung sind Björn Engholm (Ministerpräsident a.D. und Ehemaliger Parteivorsitzender der SPD) und Dr. Rüdiger Fikentscher (Vizepräsident des Landtages von Sachsen-Anhalt).
21.05.2009, 16:10 | tags: Musiktheater | Autor: Frank Orbons
Dessaus kommender Generalmusikdirektor Antony Hermus ist der Dirigent eines Live-„Don Giovanni“ als 3D-Kinoerlebnis. In der französischen Stadt Rennes kommt es zu einer technologischen Weltpremiere: Eine Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“ aus der Oper der Stadt wird live als 3D-Produktion in verschiedene Kinosäle übertragen. Die Aufführung vom 2. Juni der Opéra de Rennes wird überdies in ein Freiluftkino und via Internet ausgestrahlt. Für das Projekt werfen die Region Bretagne und die Telco-Firma Orange 820.000 Euro auf. Die Inszenierung des deutschen Regisseurs Achim Freyer wird unter freiem Himmel vor dem Rathaus der Stadt Rennes ausgestrahlt. TV Rennes 35 überträgt sie überdies im Internet. In Kinosälen von Rennes und Paris wird sie mit Hilfe spezieller Brillen als dreidimensionales Spektakel zu erleben sein. Dabei kommt auch eine spezielle Raumklangtechnik zum Einsatz.
www.rennes.fr
24.04.2009, 11:00 | tags: Schauspiel, Musiktheater | Autor: Holger Kuhla
ANDREA MOSES IM GESPRÄCH MIT HOLGER KUHLA
ANDREA MOSES, Dessaus neue Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel inszeniert seit 1996 in den Sparten Musiktheater und Schauspiel an deutschen und internationalen Theatern. Zudem unterrichtet sie als Dozentin für Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Im Jahr 2008 war Andrea Moses für den Faust-Preis des Deutschen Bühnenvereins in der Kategorie „Beste Regie im Musiktheater“ nominiert.
Du bist seit Jahren erfolgreich als freischaffende Regisseurin für Oper und Schauspiel im deutschsprachigen Raum wie Ausland unterwegs. Ebenso arbeitest Du als Dozentin für Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Du kommst auf angenehme Weise viel herum. Was bewegt Dich, nun eine feste Bindung mit einem Theater einzugehen?
Es reizt mich, für eine bestimmte, längere Zeit mit einem bewusst zusammengesetzten Team, mit Mit-streitern an einem Ort gemeinsam und kontinuierlich zu arbeiten, Entwicklungen konzentriert zu verfolgen. Eine Weile mal innehalten und sich prüfen. Natürlich ist auch die Aussicht verlockend, langfristig denken zu dürfen, ganz konkret für eine Region, für eine Stadt zu arbeiten. Hier habe ich die Chance, nicht nur die Menschen mit denen ich arbeiten werde, kennenzulernen, sondern auch die Menschen, für die wir diese Arbeit tun. Doch heißt, einen Punkt zu fokussieren, nicht die Bewegung einzuschränken oder einzustellen. Es gilt, den eigenen Kosmos in Dessau nicht zu verkleinern, sondern ihn mit hineinzubringen in diese Stadt, nicht nur sich selbst sondern auch sie als Quelle für die Kunst zu begreifen.
Warum Dessau?
Auf die Frage kann man nur antworten: Darum! Ich habe eine ostdeutsche Biografie, deshalb berührt mich besonders, was mit dieser Region geschieht. Ostdeutsche Städte wie Dessau wirken wie aus dem Fokus gefallen, hier interessiert keine Metropolendebatte, hier muss man anarbeiten gegen die Zeichen der Versteppung. Es wird keine einfache Aufgabe, hier Theater zu machen. Andererseits ist Theater nie eine einfache Aufgabe. Und: Gerade hier, gerade in dieser Landschaft, in diesem historischen Konfliktfeld, in diesem aktuell politischen Druckraum muss Theater gemacht werden. Wo, wenn nicht hier? Was an Dessau einzigartig ist, das liegt in seiner Geschichte. In kaum einer anderen Stadt liegen die Schichten der deutschen Vergangenheit so schmerzhaft offen wie in Dessau. Wobei Vergangenheit immer auch Gegenwart ist und die Zukunft beeinflusst. Hier lagert ein großes Archiv von politisch-sozialen Konflikten, aber auch ein poetisches Potential. Dessaus Geschichte erzählt die Krisengeschichte des Kapitalismus, die deutsche Misere, es erzählt vom Überleben, von Avantgarden der Kunst, der Moderne. Ein engagiertes Theater als Ort der Kommunikation kann den Faden von damals wiederaufnehmen ... wer weiß, was aus diesem Synergieeffekt alles entsteht!
Die Spielzeit 2009/2010 bedeutet einen Neustart. Was kommt auf Dessau zu? Alles anders?
Konzepte sind schnell Makulatur. Zuerst einmal heißt es, sich kennenlernen, wir das Publikum, das Publikum uns. Das ist wie bei einem Flirt mit tieferen Absichten – Hauptsache, wir sind und bleiben gespannt aufeinander. Theater ist, wenn es gut ist, immer konkret. „Alles anders“ ist ein rein formales Kriterium, das mich nicht interessiert. Das Dessauer Theater soll zu einem Ort werden, an dem sich möglichst viele Menschen vertreten und ernst genommen fühlen. Ich würde mich freuen, wenn es uns gelänge, aus diesem Theater eine Bühne zu machen, die politisch Brisantes und Drängendes anpackt, zur Diskussion freigibt. Dazu gehört im Theater inhaltlich immer der lebendige Austausch von Tradition und Innovation. Wir leben von der reichen Tradition an Texten, an Musik. Diese Tradition kann nur dann für junge Menschen interessant bleiben und werden, wenn sie immer wieder neu interpretiert wird. Das Theater muss sich ständig neu erfinden. Ich freue mich besonders, dass es uns gelungen ist, junge Regisseure und Autoren an das Haus zu binden, die mit uns versuchen werden, eine Theatersprache für Dessau zu entwickeln.
Glaubst Du an die Chance des Theaters, in den Herzen und Köpfen der Zuschauer heute etwas be- wirken zu können?
Na klar! Ich finde es schon toll, wenn sich freiwillig wildfremde Menschen in einem Saal versammeln und an etwas teilnehmen möchten, von dem sie nicht wissen, was es bringen wird. Anders gesagt: Solange Theater auf neugierige Menschen trifft, funktioniert es – vorausgesetzt, das Theater erweckt die Neu-Gier.
Wir wissen, Du bist eine politisch denkende Regisseurin, was bedeutet „politisch“ in Deinen Arbeiten, Deinem Leben?
„Politisch“ bedeutet den Versuch in die öffentlichen Vorgänge und Prozesse, in die Gestaltung einer Gesellschaft einzugreifen, indem man darum ringt, Mehrheiten für seine Absichten zu gewinnen, Wider-stände zu überwinden. Meine Arbeit besteht darin, das Funktionieren von Politik deutlich zu machen. Theater sollte letztlich eine Lust am Verändern machen, am Mitreden, an der Korrektur. Das heißt in Bezug auf das Politische: es ist privat und das Private ist politisch.
HOLGER KUHLA [LEITENDER DRAMATURG FÜR SCHAUSPIEL UND PUPPENTHEATER]
arbeitete von 1996 bis 2003 als Schauspieldramaturg am Staatstheater Cottbus. Seit 2006 ist er als freischaffender Regisseur und Dramaturg für das Theater sowie als Autor und Regisseur für den Hörfunk tätig und lehrt an der Berliner Humboldt-Universität, der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig.