Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 21.09.2010
Der ideologische Hirntod über der Mördergrube
"Man fragt sich manchmal, wenn man das Buch liest: Wieso haben wir uns denn trotzdem so erfolgreich entwickelt?" So aber fragt nur, wer aus seinem Kopf eine Mördergrube gemacht hat, wer funktionierend im Gefüge der Macht klemmt und die "objektive Wahrheit in künstlerischem Sinne" der angewiesenen Tagesideologie anzupassen hat, um einen Roman, der vielmehr Chronologie als Dichtung ist, aufgrund der gelenkten Wahrnehmung der Wirklichkeit abzulehnen. In dieser Position könne man "unter Umständen schizophren werden", sagte Eberhard Günther, Leiter des Mitteldeutschen Verlages, am 26. Januar 1979 in der guten Stube des Schriftstellers Werner Steinberg. Die Erkrankung blieb ein frommer Wunsch, das Gespräch taumelnde Tatsache.
Aufgezeichnete Ablehung
Steinberg hatte an diesem Tag keck nach Art der Stasi gehandelt, ein Mikrophon hinter der Verkleidung der Heizung versteckt, im Nebenzimmer eine Tonbandgerät aufgestellt und das Ablehnungsgespräch seines Romans "Die Mördergrube" seitens des Mitteldeutschen Verlages mitgeschnitten. Angereist waren neben dem eingangs zitierten Verlagsleiter noch Cheflektorin Helga Duty und Lektor Gerd Noglik. Der Mitschnitt wurde 1990 in der Literaturzeitschrift "konkret" publiziert. Auszüge des ewigen Wechsels aus Dogmen und Identitätsproblemen, aus Hysterie und Eigenliebe wurden am Sonnabend im Alten Theater gelesen, in Folge 6 des Formats "Die Nacht, die Lichter", welches sich Literaturen zum Thema gesetzt hat und den Plural benötigt.
"Es ist ein Dokument der Erbärmlichkeit", sagt der Sohn des Schriftstellers, Thomas Steinberg, der gebeten wurde, einiges zur Person des Vaters zu sagen. Er tut es aus einer offenen und distanzierten Position. Die Literatur des einstigen Auflagenmillionärs "spielt heute keine Rolle mehr", sagt er und gibt dem Werk des Vaters Attribute wie pathetisch oder unterhaltend.
Werner Steinberg wurde 1913 in Neuberg geboren und starb 1992 in Dessau. Er trat in die KPD ein, gründete 1934 eine Widerstandgruppe, wurde drei Jahre inhaftiert, veröffentlichte dennoch im Dritten Reich Bücher, ging nach dem Krieg in den Westen, trat wieder der KPD bei, arbeitete für Zeitungen, gab Zeitungen heraus. 1956 ging er in den Osten, erst nach Leipzig, dann nach Dessau.
Wetter recherchiert
"Die Mördergrube" dokumentiert den Weg des erfolgreichen Opportunismus von der Weimarer Republik bis in die nachstalinistische DDR. Der Roman-Vater, Karl-Heinz Trojandt, meistert jeden Machtwechsel und der Sohn, Heinz Trojandt, gibt den Musterzögling sozialistischer Jugendlichkeit, bis er von der Unaufrichtigkeit des Vaters erfährt, mit der Fahne geradeaus läuft und von der Schule fliegt. Dennoch wird er sich arrangieren, der junge Schriftsteller. Sogar das Wetter solle Steinberg recherchiert haben, und so trifft man im Buch auf umbenannte Bekannte, etwa auf den Bauhausschüler Carl Marx. Aber wer spielt die Hauptrolle? Im heimlichen Mitschnitt erzählt Werner Steinberg, dass er sich über den Roman "Johanna oder Die Wege des Dr. Kanuga" von Manfred Jendryschik geärgert habe. Seinem ehemaligen Schüler im Zirkel schreibender Arbeiter wirft er neben literarischen Mängeln Unaufrichtigkeit vor und diese habe er thematisiert.
Der Mitschnitt des Gesprächs wirkt wie die Fortschreibung des nur noch antiquarisch verfügbaren, 1989 bei Rowohlt erschienenen Romans mit anderen, völlig abstrusen Mitteln. Schauspielerin Christel Ortmann holt aus der Cheflektorin, die keinen Satz beisammen bekommt, alles heraus: gähnendes hysterisches Gefasel. Thorsten Köhler gibt als Lektor bündig kurz entschlossen Kurzschlüsse von sich. Hans-Jürgen Müller-Hohensee bringt Steinberg mit Bedacht. Und Karl Thiele liest so herrlich, dass man ihm ins Gesäß treten möchte, diesem selbstverliebten und selbstmitleidigen amputierten Arm der Macht, der gerne intellektuell, schlimmer noch, menschlich ankommen möchte. Schön, dass dessen Philosophie aus der Latrine beinah Mitleid zu erwecken mag, beinah.
Dank des Tonbandes hat Werner Steinberg ein wichtiges Dokument der Geschichte überliefert. Ein Trost vielleicht: Gut, dass die DDR genau so war, sonst wäre sie anders untergegangen.