13.12.2010, 12:37 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
728
Wolf - D. Kröning, Bild, 13.12.2010
„Die Drei von der Tankstelle“
Dessaus Klamauk-Show
Da ist er ja wieder, der gute alte DDR-Geruch! Im Alten Theater, einem Neubau mit Kita- Feeling, hat man offenbar Wofasept ins Wischwasser gekippt, anders ist das Fluidum schwer hinzukriegen.
Klamauk in Dessau: „Die Drei von der Tankstelle" - nach dem Film-Klassiker von 1930 - als rasante Comedyshow: ein echter Brüller! Silvester kommste nich mehr rin.
Die Premiere ging schon mal gut los: Es wurden mehr Karten verkauft als Plätze vorhanden. Da hieß es: nix wie rein! Zig Zuschauer drängelten sich unerlaubt über den Personaleingang hinauf in den Saal – die Garderobiere wurde bleich vor Entsetzen.
Die Stimmung: prächtig! Ein großer Autovermieter (den Namen sag ich nicht) hatte 14 Mitarbeiter ins Theater geschickt; einige von ihnen hatten sich auf dem Weihnachtsmarkt heftigst Mut angetrunken. Man winkte sich zu („Huhu, hier sitz ich!") und versuchte, den Schauspielern mit dazwischengeblökten Tipps hilfreich zu sein - als wäre man in einer Mitmach-Show.
Was so ganz abwegig nicht ist. Regisseurin & Comedy-Fan Maria Linke machte aus der an sich rührenden Komödie eine rohe Klamaukveranstaltung - angeschickert ist die Gaudi um so größer. Die spucken sich sogar an, auf der Bühne, haha!
Susanne Hessel als Babydoll in Hotpants - der Knaller, auch wenn sie nicht singen kann! Stephan Korves als Riesen-Mutti mit ausgestopftem BH? Einfach supa! Und dass Jan Kersjes, Thorsten Köhler und Matthieu Svetchine sich wie besessen abrackern, das imponiert!
Die schönen Songs („Ein Freund, ein guter Freund", „Erst kommt ein großes Fragezeichen , „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen") werden so gefühllos heruntergeschmettert, wie's sich für Comedy gehört. Nichts greift hier ans Herz - soll's ja aber auch nicht. Spaß will man haben!
08.12.2010, 16:07 | tags:
Puppentheater
, Pressestimmen
720
Helmut Rohm, Volksstimme, 30.11.2010
„Mäuseken Wackelohr" und die Botschaft vom Nicht-Alleinsein
Premiere am Puppentheater des Anhaltischen Theaters Dessau
Und sie tanzen einen Tango - der Hausherr und seine Nachbarin. Gemeinsam mit dem Mäusejungen Roderich und dem Mäuseken Wackelohr. Mäuse können auf Dauer nicht allein sein - auch Menschen nicht.
Das ist wohl die Botschaft, die das Stück „Mäuseken Wackelohr" seinen kleinen und großen Zuschauern vermitteln möchte. Das Puppenspiel von Ronald Merwitz nach Hans Fallada hatte am Sonntagnachmittag auf der ausverkauften Puppenbühne des Anhaltischen Theaters Dessau seine gelungene Premiere.
Mäuseken Wackelohr ist die einzig Verbliebene ihrer Familie. Alle anderen hat der böse Kater Klitschko schon gefressen. Sie selbst ist mit einem angefressenen Ohr gerade davon gekommen. Und sie ist sehr allein. Auch der Speck aus der Speisekammer des Hausherrn hilft da nicht wirklich.
Da gibt die mit im Haus wohnende Ameise einen heißen Tipp: Im Nebenhaus lebt ein prächtiger Mäuserich. Wie das Mäuschen hinüberkommen könne, ohne von Klitschko gefressen zu werden? Die Ameise hat noch einen Tipp. Allerdings nur, wenn die Maus den großen Lutscher des Hausherrn für sie besorgt. Mäuseken unternimmt den gefährlichen Akt. Das turtelnde Taubenehepaar Kurt und Ruth könnten helfen. Doch die hinterhältige, nur auf ihren Vorteil bedachte Ameise verrät an Klitschko den Plan der Tauben und des Mäuseken.
Es kommt fast zum Fanal. Doch zum Glück passiert nichts ernsthaft Böses. Der Hausherr jagt den Roderich aus dem Haus. Die beiden Mäuse finden zusammen: Das Leben hat wieder einen Sinn.
Die Puppenspieler Uta Krieg und Helmut Parthier präsentieren diese Handlung in einem auf das Geschehen konzentrierten Bühnenbild, ungemein spannend. Die von ihnen geführten sehr schönen, die handelnden „Personen" trefflich charakterisierenden Figuren (Ausstattung Rainer Schicktanz) strahlen pulsierendes Leben aus, machen deren Gefühle und Denken gut erlebbar.
Ganz ohne erhobenen Zeigefinger ist eindrücklich zu erfahren, dass man im Leben gut aufpassen muss, wer Freund und/oder Feind ist, wem man vertrauen kann. Oder vor wem man sich hüten muss, auch wenn er, wie hier die Ameise, scheinbar gute selbstlose Tipps gibt.
Die kommenden Aufführungen gibt es am Dienstag, dem 30. November, um 9 Uhr und 10.30 Uhr und ab 1. Dezember fast täglich.
10.11.2010, 11:46 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Pressestimmen
664
Herbert Henning, Orpheus 11/12 2010
Dessau
Mörderische Rätsel-Show
Als Neueinstudierung der Inszenierung am Nationaltheater Weimar stellte ANDREA MOSES am Anhaltischen Theater ihre Sicht auf Puccinis Oper TURANDOT vor und wurde vom Publikum wie auch das herausragende Sängerensemble, Chor und Anhaltische Philharmonie unter ANTONY HERMUS gefeiert. Nichts von exotischer fernöstlicher Nostalgie auf der Bühne. Akribisch genau in der Personenführung inszenierte Moses die Story von der „eisumgürteten“ Prinzessin als eine mörderische Quiz-Show, in der eine sich über und mit dem Tod amüsierende Spaßgesellschaft einen Macht- und Geschlechterkampf erlebt. Die Szenerie mit den unisono in Schwarz/Weiß gekleideten Massen (Bühne und Kostüme; CHRISTIAN WIEHLE) erinnert an eine (Kampf-)Arena oder ein TV-Studio. Turandot hat als femme fatale alle Fäden und den todbringenden Dolch in der Hand. Unter dem frenetischen Jubel des auf den Traversen sich amüsierenden „Volk von Peking“ meuchelt sie eigenhändig den smarten Prinz von Persien, eh sie sich mit laszivem, provokantem Charme auf der Showbühne dem unbekannten Prinzen Calaf zuwendet.
Das Quiz wird zum mörderischen Showdown. Man erlebt einen Kampf auf Leben und Tod. Vom furiosen Beginn bis zum Finale trägt mit leidenschaftlichem Musizieren das Orchester musikalisch den Abend. Der Dirigent arbeitet die Melodiengewalt der Oper überzeugend heraus, profiliert das Spiel einzelner Instrumentengruppen, macht das Chinesische der Partitur in vielen Feinheiten hörbar. Dieses hohe musikalische Niveau bestimmt auch die Leistungen des Sängerensembles mit einer im Dramatischen wie Lyrischen überragenden IORDANKA DERILOVA als Turandot, die im schwarzen Cocktail-Kleid wie eine „schwarze Witwe“ ihre großen Auftritte hat.
SERGEY DROBYSHEVSKIY ist in diesem Geschlechterkampf ein Partner auf „Augenhöhe“, strahlend sein „Nessun dorma“, ausdrucksstark sein Spiel. Berührend in ihrer bedingungslosen Liebe ist ANGELINA RUZZAFANTE die Liu an der Seite von PAVEL SHMULEVICH als blinder Timur, Als Spielmacher fungieren WIARD WITHOLT, ANGUS WOOD und DAVID AMELN als Ping, Pang und Pong. Die von HELMUT SONNE geführten Chormassen präsentieren sich einmal mehr mit Klangwucht und in der Bewegungschoreografie sehr differenziert geführt.
03.11.2010, 15:06 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
647
Dr. med. Henning Friebel, Ärzteblatt Sachen-Anhalt, November 2010
Turandot
07. + 20. November 17:00 Uhr
Auch wenn man diesem Land noch keinen Besuch abgestattet hat, China, das Land der aufgehenden Sonne hat sich verändert.
Kenner sagen, es ist amerikanisch geworden. Hektik und Business bestimmen den Alltag. Der Grundgedanke von Andrea Moses Inszenierung der Oper ,,Turandot“ von Giacomo Puccini am Anhaltischen Theater in Dessau spiegelt die Veränderung wider, versucht die Wandlung sich zu Eigen zu machen. Keine Trippelschritte, keine kleinteilige Interpretation der Musik durch den GMD Anthony Hermus. Das vermeintliche asiatische Klischee wird nicht bedient! Der alte König ist z. B. von der Amerikanisierung so begeistert, dass er die wenigen Dinge, die er zu singen hat, es im Kostüm des legendären Ölmulti G.R. Ewing tut, natürlich geschmückt mit einem feschen Texanerhut.
Christian Wiehle (Bühne und Kostüme) stellt eine Stahlkonstruktion auf die Bühne, die Assoziationen zum Fernsehstudio von Günter Jauchs „Wer wird Millionär“ herstellt. Der Eindruck verstärkt sich, als der fremde Prinz die Fragen der Prinzessin Turandot beantwortet.
Die Geschichte, sicher bekannt, wird logisch und verständlich erzählt. Die Verhaltensmuster des Volkes entsprechen Erfahrungswerten, auch dann, wenn in Turandot's Riddle Club junge Männer mit den abgeschlagenen Köpfen der Vorbewerber Golf spielen. Dient so etwas als Vorbild oder als Abschreckung in einer beispielgebenden Kultureinrichtung? lordanka Derilova ist eine machtbesessene Turandot, im äußeren Erscheinungsbild an Marylin Monroe erinnernd, mit einer fantastischen Stimme und einer absolut überzeugenden Darstellung. Ein Genuss, ihr zuzuhören. Sergei Drobyschewski ist der fremde Prinz Kalaf, der ein hohes Maß an Gelassenheit ausstrahlt. Er ist von seinem Sieg überzeugt, nicht zuletzt durch sein sensibles Eingehen auf die Macken der Prinzessin.
Stimmlich erste Sahne! Ebenso Angelina Ruzzafante, die als Sklavin Liu viel Leid auf sich nimmt und glücklos enden muss. Ping (Wiard Witholt), Pang (Angus Wood), Pong (David Ameln) sind keine verschlagene Intriganten, wohl aber Menschen, die in jedem System nur ihre Pflicht tun. Die Rechtfertigung für jedwede Grausamkeit. Sie gestalten ihre Rollen mit viel hektischer Bewegung und angemessenen Gesang. Großes Lob dem hervorragend einstudierten Chor (Helmut Sonne), der mit bravourösen Leistung aufwartet. Auch alle anderen Rollen fügen sich in die beeindruckende Inszenierung ein und runden das positive Bild ab. Antony Hermus führt seine Anhaltische Philharmonie mit viel Elan und Impetus zum Erfolg. Das fernöstliche Kolorit geht dabei verloren. Das Premierenpublikum belohnte Sänger, Chor, Orchester und alle an der Aufführung beteiligten mit wohlverdientem, stürmischem Applaus.
02.11.2010, 13:07 | tags:
Theaterpaedagogik
, Pressestimmen
643
Joachim Lange, Die Deutsche Bühne, 11/2010
Andrea Moses
Ein Zukunftsstück. „Lohengrin“ am Anhaltischen Theater Dessau
Andrea Moses hat aus Richard Wagners „Lohengrin“ eine packende Studie über die Manipulierbarkeit der Massen und die Undurchschaubarkeit von allgegenwärtigen Strukturen gemacht. In der ästhetisch offenen Ausstattung von Christian Wiehle hat sie dabei der Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um Macht und Liebe. Wie schon ihr Meininger Nahost-Strauss-Doppel („Salome“ und „Elektra“) und ihre US-Fernsehshow „Turandot“ in Weimar ist auch ihr Dessauer „Lohengrin“ ein Gegenwarts-, ja sogar ein Zukunftsstück. Überprüft sie doch den Stoff auch auf sein Potential hin, eine drohende, durchmanipulierte, von nicht legitimierten Mächten gelenkte Gesellschaft zu zeigen.
Damit weitet sie das Frageverbot ins Gesellschaftliche. Ihr gelingt das in sich stimmig und mit einer sozusagen intellektuellen Opulenz meisterhaft. Auch, weil alles, was auf der Bühne geschieht, mit einer virtuosen Personenregie bis ins kleinste Detail aus der Musik heraus entwickelt wird. Hier herrscht Hochspannung durch eine psychologisch ausgeleuchtete Figurenzeichnung bei den Protagonisten und bei den differenziert geführten Chören! Vom Porträt des Heerrufers als notorischem Strippenzieher, über die psychologische Studie des Kampfes um die Macht bei Ortrud und Telramund bis hin zur erst verstörten, am Ende aber hellsichtigen Elsa. Der „Lohengrin“ von Andrea Moses ist ein Wurf!
28.09.2010, 09:34 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
572
Irene Constantin, Neues Deutschland, 28.09.2010
Blut, unsichtbar
Puccinis »Turandot« in Dessau
T urandot's Riddle Club« ist eine einzige große Show. Die ganz Schönen und fast ganz Reichen sind dort unter sich. Underdogs, die vor den Toren lungern, werden nicht mit dem Baseballschläger abgewehrt, sondern mit edlem Golfgerät. Die Rätsel sind auch nicht der eigentliche Kick. Man gefällt sich im Ekel-Dandytum, spielt mit abgeschlagenen Köpfen Fußball und lässt sich auch mal gern in Schönheit erdolchen.
Blondmähnig wie Marilyn, sportiv wie Madonna, im schwarzen Glitzerkleid unter samtenem Henkersmantel, hantiert die Königin des Clubs mit ihrem Dolch. Flecken macht das alles nicht auf den von Christian Wiehle erdachten arenaförmigen Showtheater-Rängen oder den schicken weißen Kostümen. Man tut ja nur so. Oder hat Regisseurin Andrea Moses das Theaterblut aus ästhetischen Gründen der Fantasie der Zuschauer anheimgegeben und es ist doch alles letaler Ernst? Man weiß es nicht. Wer weiß auch schon, wo er aufwacht nach 72 Stunden Party?
Calaf will rein in diesen Club und nicht nur das, er will der Größte werden. Die Sentimentalitäten der plötzlich auftauchenden Reste seiner Familie, Liu und der Vater, stören ihn nur, mit Mühe bliebt er höflich. Was selbst die beinahe netten Zyniker Ping, Pang und Pong und den Rest des Clubs für einen Moment in seiner nie erlebten Gefühlsechtheit rühren kann, Lius opferbereiter Liebestod, lässt ihn kalt.
In dem Punkt versteht er sich mit Turandot. Und er kriegt sie ganz, weil er clever erahnt, dass Turandot in ihm – wie er in ihr – den ebenbürtigen Partner erkennt. Er hat keine Angst vor ihrem an seinem Hals entlangstrichelnden Dolch. Papa Altoum, gehobener Texaslook in Cremeweiß, ist zufrieden. Der makellos singende und noch im kollektiven Rausch individualisiert spielende Chor hat einen neuen Vorturner.
Nichts kann stimmiger sein als diese Inszenierung. Puccinis letzte Oper muss einfach so aussehen, wie sie bei Andrea Moses und Christian Wiehle aussieht, jede pseudo-chinesische Verkleidung wird in Zukunft nur noch albern wirken. Das ganze Stück ist ein Spiel mit abgefeimten Gewaltfantasien, ob in Fernost oder Mittelwest bleibt sich in hermetischen Nächten gleich.
Für die aufpeitschenden schwarzen Klangfantasien sorgt die geradezu unheimlich aufspielende Anhaltische Philharmonie unter Anthony Hermus. Ob er den pseudochinesischen Singsang des wunderbaren Kinderchors zart untermalt, das perfekt singende und spielende Ping-Pang-Pong-Trio an der Grenze zur musikalischen Parodie spazieren führt, den grandiosen Sergej Drobyschewsky beim »Nessun dorma« auf seinem Klangteppich geradezu davonfliegen lässt, Angelina Ruzzafantes sentimental-gefühlvolle Liu-Töne noch inniger klingen lässt oder der lodernd auftrumpfenden Iordanka Derilova in der Titelpartie rasant Feuer gibt, Hermus tut immer das genau Richtige und gleichzeitig das Äußerste.
Diese mit Weimar koproduzierte Inszenierung ist unverkrampft großes und zeitgemäßes Musiktheater und hat in Dessau durchweg erstklassige Protagonisten gefunden. Diesem Haus den Finanzmangel-Strick um den Hals zu legen, würde einen gigantischen Kulturverlust bedeuten.
Auf der Heimfahrt dann, im Autoradio eine kleine Meldung, dass ein dem Doping freundlich zugeneigter Sportbund in Deutschland mit genau den Steuermillionen finanziert wird, die das Theater auf sichere Wege geleiten könnten. Aber man muss die deutsche Geld-Welt nicht verstehen.
Nächste Vorstellung: 3. Oktober
28.09.2010, 09:11 | tags:
Diverses
, Pressestimmen
571
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 28.09.2010
Und endlich heiter in den Tod
Im "Neuen Krug" am Kleinen Wannsee hatten sie sich eingemietet. Den Wirt baten sie, Tisch und Stühle ans andere Ufer zu tragen, für den Kaffee am Nachmittag, Ende November. Sie waren fröhlich, warfen Steine ins Wasser. Zwei Schüsse fielen. Heinrich von Kleist schoss Henriette Vogel in die Brust und sich selber in den Mund. Welches Leben kennt einen Tod, voller "Freude und unaussprechlicher Heiterkeit"? Es scheint, als führe das unaufrichtige Wort Freitod eine wahrhaftige Entsprechung.
Keineswegs: Es ist ein Reigen der Reibungen, der krampfhaft zelebrierten Manifestationen und bodenlosen Irritationen bei Verlassen der Zentralperspektive, und am Ende liegen alle Gedanken auf dem Bühnenboden. Ungemein haushälterisch gleitet das Leben aus den Händen. Blatt für Blatt legt, wirft, lässt Ulrich Matthes (Deutsches Theater Berlin) die Brieffragmente fallen. Fiebrig konzentriert bleiben die wenigen Gesten der szenischen Lesung "Geschichte einer Seele", ein Gastspiel am vergangenen Sonntag im Anhaltischen Theater.
Die Textfassung von Hermann Beil blättert ununterbrochen Brieffragmente auf, hält sich an die Chronologie und schafft als fragmentarische Biografie eine unwiderstehlich intime Begegnung mit Heinrich von Kleist, obgleich gemeinhin angenommen wird, dass Briefpartnerinnen wie die Halbschwester Ulrike, die Verlobte auf Zeit Wilhelmine von Zenge und die angeheiratete Verwandte Marie von Kleist ihre Post kritisch sichteten und einiges der Öffentlichkeit vorenthielten. Briefe an Kleist haben sich wenige erhalten. Die Adressen wechselten. Das Gepäck blieb handlich, die Seele heimatlos ".und immer an einem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin".
"Ach", das Schlusswort der Alkmene im Lustspiel "Amphitryon", die viel interpretierte Interjektion häuft sich. Die Achs bilden keine Lücke im Text, keine Verlegenheit, eher ein Zuviel, einen Zusammenprall der Gegensätze, eine nicht auslotbare Ungewissheit, Erschöpfung, Zerrissenheit und immer moduliert Matthes jenseits des Pathos, so wie man ununterbrochene zwei Stunden lang Blatt für Blatt, Brief um Brief anders fallen hört. Die Adressaten werden nicht mitgeliefert. So entsteht ein Dialog mit schweigenden Partnern, ein Lebensmonolog in ruhiger, zerrissener Atemlosigkeit.
"Noch ist nichts bestimmt, und alles möglich - Noch spielt die Hand, mutwillig zögernd, mit den Losen in der Urne des Schicksal", schrieb Kleist über die Jugend an Adolfine von Werdeck. Er brach mit der militärischen Familientradition, hielt eine Heirat für möglich, auch die Laufbahn eines Wissenschaftlers, eines Beamten, eines Schriftstellers. Kleist suchte Lebenspläne, mauerte sie zu Fluchtwegen aus und floh vor ihnen, vor der Mittelmäßigkeit, vor sich selbst und vor der Verlobten, aus welcher er "ein vollkommenes Wesen zu bilden" beabsichtigte. Für die eigene leidvolle Kompromisslosigkeit mag das Ringen um das Trauerspiel "Robert Guiskard" stehen, ein Fragment. Und in der "Penthesilea" läge "der ganze Schmutz zugleich und Glanz meiner Seele".
Die Briefe sind voller Energie, die sich nach innen entlädt. Kleist erscheint maßlos rational und maßlos emotional. Zwei Stunden knistert es auf der Bühne, raschelt und rauscht mit dem Papier die Seele zu Boden. Briefe hören ist selten so infizierend. Matthes fällt still in alle Krisen und balanciert genial über die Kanten von Tradition und Moderne. Altbacken sind die Rollen der Geschlechter und ihre sozialen Definitionen, modern die strauchelnden Versuche eines Menschen, sich selbst zu erfinden. Kleist schwankt standhaft in seinen Briefen. Seinen Bühnenfiguren entreißt er den Boden unter den Füßen. Mögen sie fallend erkennen.
"Es muss leer und öde und traurig sein, später zu sterben, als das Herz", schrieb Kleist 1801 an Adolfine von Werdeck und 1811 an Ulrike: "Nun lebe wohl; möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit, dem meinigen gleich: das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für Dich aufzubringen weiß. / Stimmings bei Potsdam / d. - am Morgen meines Todes".
27.09.2010, 12:20 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
569
Helmut Rohm, Volksstimme, 27.09.2010
Puccinis Oper "Turandot" am Anhaltischen Theater Dessau
Kampf der Geschlechter und ein Kampf um die Macht
Dessau-Roßlau. Die neue Dessauer Spielzeit leitete Regisseurin Andrea Moses mit Giacomo Puccinis Oper "Turandot" ein, einer Neueinstudierung ihrer Inszenierung am Nationaltheater Weimar. Am Sonnabend gab es eine stürmisch gefeierte Premiere.
Kraftvoll und intensiv, aus dem Vollen schöpfend, beginnt die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus die Aufführung.
Eine riesig große, mehretagige, aus Stahlgerüsten errichtete Arena (Bühne und Kostüme Christian Wiehle), an ein modernes Fernsehstudio oder eine Freilichtbühne erinnernd, füllt die gewaltige Dessauer Bühne. Nichts von exotisch fernöstlicher Nostalgie. Andrea Moses nimmt den Zuschauer mit Ironie und Spielfreude mit ins Heute. Und es passt. Weil die Probleme, so wie sie in Puccinis kaiserlichem China herrschten, noch immer, teils noch drastischer aktuell sind.
Dominantes Schwarz-Weiß in der Kostümgestaltung und schlichtes Grau für die wenigen "Außenseiter" symbolisieren Machtkonstellationen.
Dass die Prinzessin Turandot nur demjenigen ihr Ja-Wort gibt, der drei schwierige Rätsel zu lösen vermag, ist eine vordergründige Mache, ein Vorwand. Diese nutzt die eiskalte und grausame Turandot, um ihre Macht zu demonstrieren, ihre todbringende Macht sogar abstoßend genüsslich auszuleben. Denn, wer sich bewirbt, die drei Rätsel nicht löst - wird getötet. Späte Rache für das Schicksal einer Vorfahrin soll genommen werden.
Drei Fragen bis zum Tod, ohne Joker. Kürzlich war es ein persischer Prinz, der durch das Messer Turandots selbst in einer öffentlich inszenierten Show in "Turandot‘s Riddle Club" sein Leben lassen musste. Das Volk tobt, huldigt der Prinzessin, lässt sich, für den Zuschauer erschreckend und nachdenkenswert zugleich, regelrecht manipulieren. Gänsehaut stellt sich ein. Und versnobte junge Männer spielen mit dem Kopf des gemeuchelten Prinzen Golf ...
Den Tod vor Augen, vielfach gewarnt, verfällt der nächste Bewerber, ein zunächst unbekannter Prinz (Kalaf), der Schönheit Turandots. Er glaubt an seine eigene Stärke, an die Macht der Liebe. Der personifizierte Geschlechterkampf nimmt, einem Thriller gleich, packend dramatisch inszeniert, seinen Lauf.
Iordanka Derilova als Turandot begeistert mit fantastischer Stimme und facettenreichem Spiel in fast übermenschlichen Ausbrüchen, nicht minder eindrucksvoll in den emotional nahegehenden Momenten. Kalaf wird durch den ausdrucksstarken und stimmgewaltigen Tenor Sergey Drobyshevskiy zu einem sympathischen "Siegertyp". Wunderschön und einfühlsam "lebt", mit bezaubernder Stimme und glaubhaftem Spiel, Angelina Ruzzafante die Sklavin Liù, die aus Liebe zu Kalaf den Freitod wählt, statt ihn zu verraten. Als letztendlich gefährliche aktive Mitläufer, von Andrea Moses als ein wenig skurril und erheiternd gezeichnet, agieren Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln als Ping, Pang und Pong. Pavel Shmulevich als Timur und Klaus Gerber als Turandots Vater Altoum sind ebenfalls überzeugend.
Seine große Partie hat der Chor (Leitung Helmut Sonne) mit viel Engagement bravourös bewältigt.
Antony Hermus bleibt mit der Anhaltischen Philharmonie dem furiosen Auftakt treu. Sie bringen die ungemein vielseitige kraftvolle und fantasiereiche Musik mit fernöstlichem Anklang stets auf den Punkt in bester Harmonie mit der Handlung.
Das Premierenpublikum feiert alle Akteure wie auch das Inszenierungsteam mit frenetischem Beifall.
27.09.2010, 08:00 | tags:
Musiktheater
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568
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.09.2010
Anhaltisches Quiz
Eine mörderische Quiz-Show
Es war vor drei Jahren, als ein Underdog die Welt zu Tränen rührte - dank einer Melodie von Giacomo Puccini, die sich eigentlich nicht für eine Castingshow eignete. Doch als Paul Potts sein "Nessun dorma" in "Britain's Got Talent" schmachtete, wurde nicht nur die hart gesottene Jury schwach. Spätestens im Telekom-Werbespot sprengte das Bravourstück jedes Tenors dann alle Genregrenzen. Was also läge näher, als die "Turandot" in jenes Genre zu verlegen, in der sie damit gelandet war? Genau dies tut Andrea Moses mit ihrer Inszenierung, die nach einer ersten Version am Deutschen Nationaltheater Weimar nun ihre umjubelte Premiere am Anhaltischen Theater Dessau feierte.
Schreckliche Spaßgesellschaft
Man durfte am Samstag über die musikalische Qualität wie über die dramaturgische Konsequenz des Abends staunen, das eigentliche Wunder aber war die Publikumsreaktion. Ein Jahr nach ihrem "Lohengrin"-Debüt, das von hartnäckigen Buh-Rufern skandalisiert worden war und inzwischen für den Deutschen Theaterpreis "Faust" nominiert ist, konnte sich die Regisseurin diesmal fast einhellige Zustimmung abholen. Und dabei ist ihre "Turandot" keineswegs moderater als ihre Lesart des Wagner-Werks. Aber die Radikalität, mit der sie die Geschichte einer grausamen Spaßgesellschaft erzählt, wird vor Ort inzwischen mit Spannung und Interesse quittiert.
Gespielt wird am Hofe der "Principessa di morte" mit höchstem Einsatz: Wer ihre Rätsel nicht lösen kann, bezahlt mit seinem Leben. Dass aber das Volk in "Turandot's Riddle Club" jubelnd die Emporen füllt, wenn sie einem weiteren Freier die Kehle durchschneidet - das ist die eigentliche Perversion dieses schrecklichen Märchens. Die logische Konsequenz liegt daher im Wechsel der Fronten, als die schwarze Witwe zur weißen Braut werden soll: Die Masse ist nun auf Seiten des Siegers Calaf, der seinen Triumph seinerseits mit einer Rätselfrage krönt - und sich von der faschistoid uniformierten Menge als ihr neuer Führer feiern lässt.
Mit ihrem Ausstatter Christian Wiehle findet Andrea Moses eine Fülle von Details, die ihre Lesart bekräftigen. Das kollektive Warmup und die Cheerleader, die zum Siegeszeichen gestreckten Arme und die zur Waffe umgewidmeten Golfschläger - all dies sind Zeichen einer dekadenten Zeit, die das Quiz auf Leben und Tod als ultimativen Kick versteht. Dass die Betonung des Spiels nicht nur den Ernst der Lage steigert, sondern auch für Momente der Komik sorgt, ist die große Kunst dieses Abends. Es darf gelacht werden - und das macht alles noch viel schlimmer.
Das zeigt sich vor allem in den Figuren der Hofschranzen Ping, Pang und Pong, die Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln als fideles Trio von Spielmachern und Strippenziehern zeigen. Schnaps und Kokain helfen ihnen dabei, den letzten Rest von Gewissen zu betäuben - und selbst der Kaiser (Klaus Gerber) tanzt nach ihrer Pfeife. Diesen aalglatten Männern mit ihren perfekt sitzenden Anzügen und Stimmen muss der Einbruch des Elends in Gestalt von Timur (Pavel Shmulevich) und Li (Angelina Ruzzafante) wie eine pure Provokation erscheinen - zumal beide ihre verletzliche Unschuld auf höchstem sängerischen Niveau verteidigen. Diese Fremden sind in das Modell der betäubten Society nicht integrierbar, an ihren echten Gefühlen zerbricht das Talmi-Pathos - und folgerichtig werden ihre Wiedergänger am Ende von grausamen Kindern hingerichtet. Da bewirbt sich die nächste Generation um die Rolle der Turandot ...
Müde Boxer im Clinch
Die ist zu diesem Zeitpunkt bereits vakant: Überwältigt vom Beispiel der Sklavin, die lieber sterben als ihre Liebe verraten will, hat sich die grausame Prinzessin zumindest scheinbar in Calaf verliebt. Iordanka Derilova aber trägt das klingenscharfe Metall bis zum Schluss in der Hand und in der Kehle, ihr Lachen bleibt schrecklich - und am Ende wirkt ihre Umarmung mit dem Bräutigam wie der Clinch zweier erschöpfter Boxer. Das selbstsichere "Vincero", das Sergey Drobyshevskiy so lässig in den aufbrandenden Beifall gestemmt hatte, erweist sich also als Trugschluss. In dieser Geschichte gibt es keinen eindeutigen Sieger.
Gewinner aber gibt es dennoch viele - auch und vor allem die Anhaltische Philharmonie, die unter ihrem Generalmusikdirektor Antony Hermus erneut auf dem mittlerweile gewohnt hohen Niveau musiziert. Hier werden neben den fahlen und grellen Farben des Werks auch jene eigentümlichen Chinoiserien höchst kompetent präsentiert, die man auf der Szene konsequent verweigert und die dem Werk aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts seine zeitlose Schönheit geben - auch wenn es als Puccinis Schwanengesang immer den Nimbus des nicht ganz Bewältigten, nicht Vollendeten wahrt.
Doch auf dieser Basis entfaltet sich - im Zusammenspiel mit den aus mehreren Chören rekrutierten und von Helmut Sonne sowie Dorislava Kuntscheva einstudierten Massen - auch die ganze existenzielle Wucht des Geschehens. Ein großer, spannender Abend!
Nächste Vorstellungen: 3. Oktober, 17 Uhr; 8. Oktober, 19.30 Uhr
20.09.2010, 22:31 | tags:
Neue Formate
, Pressestimmen
565
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 21.09.2010
Der ideologische Hirntod über der Mördergrube
"Man fragt sich manchmal, wenn man das Buch liest: Wieso haben wir uns denn trotzdem so erfolgreich entwickelt?" So aber fragt nur, wer aus seinem Kopf eine Mördergrube gemacht hat, wer funktionierend im Gefüge der Macht klemmt und die "objektive Wahrheit in künstlerischem Sinne" der angewiesenen Tagesideologie anzupassen hat, um einen Roman, der vielmehr Chronologie als Dichtung ist, aufgrund der gelenkten Wahrnehmung der Wirklichkeit abzulehnen. In dieser Position könne man "unter Umständen schizophren werden", sagte Eberhard Günther, Leiter des Mitteldeutschen Verlages, am 26. Januar 1979 in der guten Stube des Schriftstellers Werner Steinberg. Die Erkrankung blieb ein frommer Wunsch, das Gespräch taumelnde Tatsache.
Aufgezeichnete Ablehung
Steinberg hatte an diesem Tag keck nach Art der Stasi gehandelt, ein Mikrophon hinter der Verkleidung der Heizung versteckt, im Nebenzimmer eine Tonbandgerät aufgestellt und das Ablehnungsgespräch seines Romans "Die Mördergrube" seitens des Mitteldeutschen Verlages mitgeschnitten. Angereist waren neben dem eingangs zitierten Verlagsleiter noch Cheflektorin Helga Duty und Lektor Gerd Noglik. Der Mitschnitt wurde 1990 in der Literaturzeitschrift "konkret" publiziert. Auszüge des ewigen Wechsels aus Dogmen und Identitätsproblemen, aus Hysterie und Eigenliebe wurden am Sonnabend im Alten Theater gelesen, in Folge 6 des Formats "Die Nacht, die Lichter", welches sich Literaturen zum Thema gesetzt hat und den Plural benötigt.
"Es ist ein Dokument der Erbärmlichkeit", sagt der Sohn des Schriftstellers, Thomas Steinberg, der gebeten wurde, einiges zur Person des Vaters zu sagen. Er tut es aus einer offenen und distanzierten Position. Die Literatur des einstigen Auflagenmillionärs "spielt heute keine Rolle mehr", sagt er und gibt dem Werk des Vaters Attribute wie pathetisch oder unterhaltend.
Werner Steinberg wurde 1913 in Neuberg geboren und starb 1992 in Dessau. Er trat in die KPD ein, gründete 1934 eine Widerstandgruppe, wurde drei Jahre inhaftiert, veröffentlichte dennoch im Dritten Reich Bücher, ging nach dem Krieg in den Westen, trat wieder der KPD bei, arbeitete für Zeitungen, gab Zeitungen heraus. 1956 ging er in den Osten, erst nach Leipzig, dann nach Dessau.
Wetter recherchiert
"Die Mördergrube" dokumentiert den Weg des erfolgreichen Opportunismus von der Weimarer Republik bis in die nachstalinistische DDR. Der Roman-Vater, Karl-Heinz Trojandt, meistert jeden Machtwechsel und der Sohn, Heinz Trojandt, gibt den Musterzögling sozialistischer Jugendlichkeit, bis er von der Unaufrichtigkeit des Vaters erfährt, mit der Fahne geradeaus läuft und von der Schule fliegt. Dennoch wird er sich arrangieren, der junge Schriftsteller. Sogar das Wetter solle Steinberg recherchiert haben, und so trifft man im Buch auf umbenannte Bekannte, etwa auf den Bauhausschüler Carl Marx. Aber wer spielt die Hauptrolle? Im heimlichen Mitschnitt erzählt Werner Steinberg, dass er sich über den Roman "Johanna oder Die Wege des Dr. Kanuga" von Manfred Jendryschik geärgert habe. Seinem ehemaligen Schüler im Zirkel schreibender Arbeiter wirft er neben literarischen Mängeln Unaufrichtigkeit vor und diese habe er thematisiert.
Der Mitschnitt des Gesprächs wirkt wie die Fortschreibung des nur noch antiquarisch verfügbaren, 1989 bei Rowohlt erschienenen Romans mit anderen, völlig abstrusen Mitteln. Schauspielerin Christel Ortmann holt aus der Cheflektorin, die keinen Satz beisammen bekommt, alles heraus: gähnendes hysterisches Gefasel. Thorsten Köhler gibt als Lektor bündig kurz entschlossen Kurzschlüsse von sich. Hans-Jürgen Müller-Hohensee bringt Steinberg mit Bedacht. Und Karl Thiele liest so herrlich, dass man ihm ins Gesäß treten möchte, diesem selbstverliebten und selbstmitleidigen amputierten Arm der Macht, der gerne intellektuell, schlimmer noch, menschlich ankommen möchte. Schön, dass dessen Philosophie aus der Latrine beinah Mitleid zu erwecken mag, beinah.
Dank des Tonbandes hat Werner Steinberg ein wichtiges Dokument der Geschichte überliefert. Ein Trost vielleicht: Gut, dass die DDR genau so war, sonst wäre sie anders untergegangen.
15.09.2010, 22:52 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
560
Mitteldeutsche Zeitung, 16.09.2010
Theaterpreis
Andrea Moses ist für «Faust» nominiert
Die Inszenierung von Richard Wagners "Lohengrin" am Anhaltischen Theater Dessau ist für den Deutschen Theaterpreis "Faust" nominiert worden, der am 27. November im Aalto-Theater Essen verliehen wird. Für Regisseurin Andrea Moses ist es bereits die zweite Nominierung, die zugleich das Votum der Fachzeitschrift "Die Deutsche Bühne" bestätigt. Dort hatten Kritiker die erste Spielzeit des Dessauer Generalintendanten André Bücker als "überzeugendste Theaterarbeit abseits großer Zentren" gewürdigt. Nach ihrem "Lohengrin" wird Andrea Moses in dieser Saison in Dessau auch ihre Lesarten der Opern "Turandot" und "Chowanschtschina" präsentieren.
Der Deutsche Theaterpreis "Der Faust" ist eine undotierte und in acht Kategorien verliehene Ehrung für Künstler, deren Arbeit wegweisend für das deutsche Theater ist. Die Preisträger werden von den Mitgliedern des Deutschen Bühnenvereins bestimmt. Zu den Nominierten in der Kategorie Regie Schauspiel zählen diesmal Thomas Ostermeier, Jan Steinbach und Roger Vontobel, bei der Opern-Regie sind neben Andrea Moses auch Claus Guth und Immo Karaman im Rennen. Der Preis für das Lebenswerk geht an Wilfried Minks, der Preis des Präsidenten an die deutschen Landesbühnen.
Mehr Informationen auf der Seite des Bühnenvereins
09.08.2010, 22:34 | tags:
Ballett
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
530
Vesna Mlakar, danceforyou! - Magazin, Juli/August 2010
Abgrund Mensch
Tomasz Kajdanski und Dorin Gal gelingt in Dessau nach Maxim Gorkis "Nachtasyl" ein berührend zeitloser Totentanz.
Wer wagt, gewinnt! - diesen Ausruf haben sich Ballettchef Tomasz Kajdanski und sein Intendant André Bücker ganz offensichtlich seit Amtsantritt zu Beginn dieser Spielzeit auf die Fahnen geschrieben. Ihr 1250 Plätze fassendes Anhaltisches Theater Dessau steht - und das merkt man erst, wenn einen das Navi auf Schleichwegen an verfallenen ruinösen Fabrikpalästen und tristen Wohnblöcken vorbei an das Dreispartenhaus heranführt - am Rand einer ehemals blühenden Stadt. Die Abwanderung der Bevölkerung heute ist enorm, doch verständlich angesichts des nach massiven Zerstörungen Ende des 2. Weltkriegs und teils vermurkstem Wiederaufbau nun mangelnden urbanen Charmes. Wer nicht ausharren muss oder seine Zeit mit Shoppen in den schicken neuen Ladenpassagen verbringt, flüchtet jede freie Minute ins paradiesische Grün der Elbanlagen - oder gleich bis nach Wörlitz. Nur das Weltkulturerbe Bauhaus und die benachbarten Meisterhäuser fungieren für das zusammengeführte Dessau-Roßlau als studentischer und touristischer Rettungsanker.
Angesichts dessen - und weil aufrütteln bzw. das Publikum mit Maß herausfordern dem Denker Kajdanski mehr liegen als bloß hübsche Variationen - passt seine zweite abendfüllende Premiere (nach Wedekinds Lulu) hierher wie "die Faust aufs Auge". Massive globale Krisenherde in Wirtschaft und Ökologie sowie das wachsende Auseinanderklaffen der sozialen Unterschiede verleihen seiner getanzten Adaption von Maxim Gorkis düsterem Drama Nachtasyl aus dem Jahr 1902 darüber hinaus brisante Aktualität:
Wie anno dazumal im zaristischen Russland finden sich auch in unseren Metropolen jene wild zusammengewürfelten Häuflein verlorener, in sich verzagter und gebrochener Existenzen, die sich - während der letzte Halt um sie herum zerfällt - in ihrer Verzweiflung aneinander klammern und ein Entkommen aus dem oft selbst verschuldeten Desaster suchen. Ein - so bringen es der Choreograf, seine höchst motivierte elfköpfige Tänzercrew und Kajdanskis kongenialer Partner in Sachen Ausstattung, Dorin Gal, auf die Bühne - durch permanente Frustration in (Auto-)Aggression umschlagendes, letztendlich vergebliches Aufbäumen.
Für die Tristesse der Ausweglosen, unfähig, selbst eine Erfolg versprechende Initiative zu ergreifen, hat das Produktionsteam ein atmosphärisch den gesamten, ohne Pause 75 Minuten langen Abend tragendes Bild gefunden: Ganz im Sinne des Originaltitels Na dne (übersetzt: Szenen aus der Tiefe) spielt sich alles am Grunde eines verfallenen Schwimmbassins ab. Die in der Mitte prangende, riesige, aus dem Loch führende Leiter, wagt keiner der Insassen zu erklimmen. Stattdessen toben sie - anfangs vereinzelt, dann durcheinander, verwickeln sich in Duette, dass die Fetzen fliegen, rennen kopflos gegen Wände, wälzen sich auf Matratzen oder hängen resignierend auf Stühlen ab. Dazu tönt live aus dem Orchestergraben in seiner eindrücklichen Klangereignishaftigkeit Detlev Glanerts Theatrum bestiarum.
Die Welt von außen - wie der Himmel über dem Becken aller Farben beraubt - zieht nur mehr in Form von Projektionen (Angela Zumpe) an ihnen vorbei: Häuser, Gemäuerreste, Graffitis, volle Supermarktregale. .. Unerreichbar für die an Gorkis Vierakter angelehnten Charaktere: .Asylbesitzer" Kostylew (Gordon Wannhoff), seine Frau Wassilissa (Yun-Ju Chen), deren Schwester Natascha (Laura Costa Chaud), den in sie verliebten Taugenichts Pepel (Juan Pablo Lastras-Sanchez), den gewalttätigen Handwerker Kleschtsch (Rai-Hilmar Kirchner) und seine am Ende zu Tode gequälte Anna (Einspringerin Anna Maria Tasarz), Nastja (Yuliya Gerbyna), eine Prostituierte, den alkohol süchtig-lebensmüden Schauspieler (Ion Beitia - ab nächster Spielzeit in München bei H. H. Paar engagiert), einen heruntergekommenen Baron (Jonathan Augereau) und das junge Mädchen (Denise Evrard).
Jedem von ihnen hat Kajdanski versucht, die rollentypischen Eigenarten in Körper und Requisiten zu legen. Einer Exposition gleich beginnt deshalb sein erster "Rasend vor Ohnmacht" betitelter Handlungsteil. Seine Bewegungsfindungen dazu sind heftig, verquirlt zwischen Klassik und Streetdance, impulsiv. Die fatale Getriebenheit seiner Interpreten nimmt das im finalen Countdown "Endzeit" zu Glanerts Mahler/Skizzen noch gesteigerte Tempo der Inszenierung vorweg. Vor allem aber nach dem berückenden, choreografisch am ausgefeiltesten gelösten Mittelteil "Hoffnung", dem Kajdanski Schönbergs Verklärte Nacht unterlegt, wünschte man sich mehr Zeit, um von den Gestalten Abschied zu nehmen.
Kajdanski aber lässt das Geschehen nach einem Moment der Erstarrung am Boden in einen Wust aus Unordnung eskalieren - angereichert mit so vielen parallelen, bildhaften Spielszenen um Selbstmord, Mord und gegenseitige Quälereien, dass das Auge unter Papierfetzen, die in die Luft gewirbelt werden und kübelweise über Anna ausgeleerter Erde kaum folgen kann. In einer monströs von vorn nach hinten wallenden Welle wird alles unter schwarzem Stoff begraben.
Katharsis für das Publikum! Die Tänzer entlassen uns nicht etwa bedrückt, sondern (vielleicht unserer Distanz) positiv gestärkt. Da glimmt nach, was der Solist des Abends Joe Monaghan in der Rolle des die Nacht zum Tag, die Wüste zur grünen Wiese und alles Grau in leuchtende Farben verwandelnde Pilger Luka bei seinem Besuch im Abgrund an Hoffnungen ausgelöst hat. Ein Blickfang in seiner akademischen Andersartigkeit bringt er - virtuos beredt und überzeugend sanft - alle an einen Tisch sowie die angespannten Beziehungskonstellationen in Harmonie zum Schwingen: ein Gipfel an Gefühlen, die überspringen - ob man Gorkis russischen Bestseller nun kennt oder nicht!
05.08.2010, 11:25 | tags:
Pressestimmen
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Pressemitteilung, Die Deutsche Bühne - Theatermagazin, 29.07.2010
Theaterumfrage:
Anhaltisches Theater Dessau erreicht Spitzenplatz
Das Anhaltische Theater in Dessau hat bei der Autorenumfrage zur Saison 2009/10 des Theatermagazins Die Deutsche Bühne den Spitzenplatz in der Kategorie Ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren erobert. Mit drei Nennungen plus fünf weiteren in den Kategorien Gesamtleistung, Oper und Tanz konnte es sich deutlich vom Staatstheater Saarbrücken und dem Theater Aachen absetzen.
Sieger der Kategorie Überzeugende Gesamtleistung wurde das seit 2007 von Karin Beier geleitete Kölner Schauspielhaus, das hier sechs Nennungen sowie sechs weitere in der Kategorie Herausragender Beitrag zur aktuellen Entwicklung des Schauspiels erreichte.
Auf Platz zwei unter Gesamtleistung kam die Oper Frankfurt mit insgesamt acht Nennungen, darunter drei für herausragende künstlerische Einzelleistungen.
Alljährlich befragt das vom Deutschen Bühnenverein in Köln herausgegebene Magazin seine ständigen Theater-Fachautoren in acht verschiedenen Kategorien nach ihrer Einschätzung der vergangenen Theatersaison, wobei großer Wert auf die Berücksichtigung kleinerer Theater abseits der Zentren gelegt wird. Mit etwa 50 ständigen Teilnehmern ist die Theaterumfrage die am breitesten aufgestellte im deutschsprachigen Raum.
In der Off-Theater-Kategorie bekam das Junge Ensemble Stuttgart die meisten Stimmen. Meistgenannter Schauspiel-Regisseur ist Andreas Kriegenburg, in der Oper votierten die meisten Teilnehmer für Christoph Marthaler, beim Tanz steht Martin Schläpfer vorn. Unter Enttäuschung der Saison belegt die Verärgerung der Autoren über sinn- und konzeptlose Sparpläne der Kommunen und Länder mit weitem Abstand einen traurigen Spitzenplatz.
Der wichtigste Trend in der Umfrage war diesmal die Vielfalt – und damit die Abwesenheit eines Trends. In den ausführlichen Begründungen ihrer Nennungen verwiesen die Autoren immer wieder darauf, dass Häuser, die ihrem Publikum eine Mannigfaltigkeit verschiedener Theaterformen und künstlerischer Handschriften präsentieren, sie am stärksten überzeugt hätten – gerade auch da, wo die Häuser diese Vielfalt nutzen, um unterschiedliche Zuschauergruppen zu erreichen. Unter der Überschrift Die große Diversifizierung wird dieses Ergebnis der Umfrage im Augustheft der Deutschen Bühne beleuchtet.
Köln, den 29. Juli 2010
30.07.2010, 16:26 | tags:
Pressestimmen
528
Bild, 30.07.2010
Dessau hat das beste Theater
Dessau - Trotz Spar-Maßnahmen: Die Darbietungen auf der Bühne sind immer noch klasse.
Das Anhaltische Theater liegt in der Gunst der Kritiker ganz weit vorn. Die in ihrer Existenz bedrohte Bühne schnitt bei einer Befragung des Magazins "Die Deutsche Bühne" in der Kategorie "Ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren" am besten ab. Das in Köln erscheinende Magazin befragt jedes Jahr 50 Kritiker aus ganz Deutschland.
30.07.2010, 11:45 | tags:
Pressestimmen
527
FOCUS online, http://www.focus.de/kultur/kunst/theater-theaterkritiker-spitzenplatz-fuer-schauspiel-koeln_aid_535841.html, 30.07.2010
Theater
Theaterkritiker: Spitzenplatz für Schauspiel Köln
Das Kölner Schauspiel hat in einer Kritikerumfrage einen Spitzenplatz erreicht. Bei der Autorenbefragung des Theatermagazins „Die Deutsche Bühne“ zur Saison 2009/10 habe das Schauspiel allein in der Kategorie „Überzeugende Gesamtleistungen“ sechs Nennungen erhalten, teilte das vom Deutschen Bühnenverein mit.
Zudem wurden in der Kategorie „Herausragender Beitrag zur aktuellen Entwicklung des Schauspiels“ weitere sechsmal Kölner Inszenierungen genannt. Erst vor zwei Wochen hatten Kritiker das Schauspiel unter Intendanz von Karin Beier zum besten Theater in Nordrhein-Westfalen gewählt.
Einen weiteren Bestplatz in der aktuellen Umfrage erreichte die Oper Frankfurt unter Leitung von Bernd Loebe. Sie kam auf insgesamt acht Nennungen, darunter fünf in der Rubrik „Überzeugende Gesamtleistung“.
In der Kategorie „Ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren“ schnitt das Anhaltische Theater in Dessau am besten ab.
30.07.2010, 11:38 | tags:
Pressestimmen
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Volksstimme, 30.07.2010
Theaterkritiker loben Anhaltisches Theater Dessau
Dessau-Roßlau/Köln - Das Anhaltische Theater Dessau liegt in der Gunst der Theaterkritiker weit vorn. Bei der Autorenbefragung des Theatermagazins "Die Deutsche Bühne" zur Saison 2009/10 schnitt die von der Existenz bedrohte Bühne in der Kategorie "Ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren" am besten ab. Das teilte das vom Deutschen Bühnenverein in Köln herausgegebene Magazin am Donnerstag mit. Das mehr als 200 Jahre alte Theater ist gefährdet, weil die Stadt Dessau-Roßlau Mittel in großer Höhe einsparen muss.
Das Magazin "Die Deutsche Bühne" befragt jährlich seine ständigen Theater-Fachautoren in acht verschiedenen Kategorien. Beteiligt haben sich rund 50 Kritiker. Die kompletten Ergebnisse sind in der August- Ausgabe veröffentlicht.
30.07.2010, 11:37 | tags:
Pressestimmen
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Mitteldeutsche Zeitung, Köln/Dessau/DDP, 30.07.2010
Anhaltisches Theater überzeugt mit Theaterarbeit
Das Schauspiel Köln und die Oper Frankfurt am Main haben bei einer Umfrage zur Saison 2009/10 des Theatermagazins «Die Deutsche Bühne» am besten abgeschnitten. Das seit 2007 von Karin Beier geleitete Kölner Schauspielhaus erreichte in der Kategorie «Überzeugende Gesamtleistung» sechs Nennungen, wie das Magazin am Donnerstag in Köln mitteilte.
Alljährlich befragt das Magazin des Deutschen Bühnenvereins seine ständigen Theater-Fachautoren in acht verschiedenen Kategorien nach ihrer Einschätzung der vergangenen Theatersaison. Dabei wird auch Wert auf die Berücksichtigung kleinerer Theater gelegt. In der Kategorie «Ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren» konnte sich das Anhaltische Theater in Dessau an die Spitze setzen, gefolgt vom Staatstheater Saarbrücken und dem Theater Aachen.
In der Off-Theater-Kategorie bekam das Junge Ensemble Stuttgart die meisten Stimmen. Meistgenannter Schauspiel-Regisseur ist Andreas Kriegenburg, in der Oper votierten die meisten Teilnehmer für Christoph Marthaler, beim Tanz steht Martin Schläpfer vorn.
20.07.2010, 22:11 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
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Joachim Lange, Dresdner Neueste Nachrichten, 16.07.2010
Wenn es im Stadtpark spukt
Andrea Moses inszeniert im Dessauer Stadtpark mit „Sommer Nacht Traum“ ein lustvoll hintersinnig Nachspiel zu einer erfolgreichen Saison des Neustarts
Es ist ein Spuk, von dem man am Ende nicht so genau weiß, wie er ausgegangen ist. Dass er aber nicht im Theater selbst, sondern im Dessauer Stadtpark stattfand, muss man, trotz der bedrängten Lage des Anhaltischen Theaters, nicht gleich als böses Omen deuten. Noch spielen sie freiwilligaußer Haus. „Sommer Nacht Traum“ heißt das Freiluft- Spektakel im Park. Und so dicht wie der collagierte Titel, unter den Regisseurin Andrea Moses und Dramaturg Holger Kuhla ihre Melange aus Botho Strauß’ Shakespeare-Adaption „Der Park“ und Andreas Gryphius’ „Herr Peter Squenz“ stellen, beim populären Vorbild bleibt, so dicht bleibt auch die letzte Premiere des Anhaltischen Theater dem berühmten mittsommernächtlichem Täuschungs- und Selbsterkenntnistrip des großen Briten auf den Fersen.
Die finsteren Geister allerdings, die die sagenhafte, metaphorische Sommernacht ja auch weckt, hatten in diesem Park vor zehn Jahren zu einem ganz realen Mord am Mosambikaner Alberto Adriano geführt und die Stadt im Mark erschüttert. Jetzt ist ein smarter „schwarzer Junge“ (Derek Nowak) das Objekt der Begierde des schmierigen Showmasters Cyprian (Matthieu Svetchine), der wie ein später Nachfahre des Spielmachers Puck daherkommt, aber nicht mit Zauberkräutern, sondern mit seiner Show und modernen Voodoo-Püppchen Beziehungs- und Begierde-Verwirrung stiftet. Dass er von dem Schwarzen erschlagen wird, als er sein Begehren nach dessen Körper mit
einem Bündel Geldscheinen bekräftigt, gehört zu den finsteren Pointen genau dieses Spielortes. Der Schwarze Junge ist zugleich die Projektionsfläche eines diffusen rassistischen Ressentiments jener Helen, die beim Endausscheid des von Cyprian im Baumarkt oder Billig-TV-Stil veranstalteten Sänger-Castings „Goldener Mund 2010“ gegen ihn verloren hatte, mit der das Spiel beginnt.
Christan Wiehle hat seine Kussmund-Bühne mit Zungenlaufsteg mit einem Wohnwagen und einem Kiosk eingerahmt. Mit wankenden Biertrinkern und lungernden Jugendlichen gibt das eine perfekte Campingplatztristesse. Hier geistern die Feengötter Oberon (Stephan Corves) und Titania (Antje Weber) wie Außerirdische herum. Wenn auch auf ziemlich verlorenem Posten. Im göttlichen Pelz, mit nichts drunter und voller Verzweiflung über ihre abnehmende Fähigkeit, die Menschen zu irritieren und zur Sinnlichkeit zu verführen. Wobei vor allem Titania die Kontrolle über ihre Triebe verliert und mit der Frage nach der Uhrzeit so gut wie jeden Mann in ihrer Reichweite verführen will.
In dem, was sonst noch passiert an Beziehungskrisen, an Handwerker-Theaterjux im Spiel um Pyramus und Thisbe, an Verführung und entfesselter Gier, greift das Personal des Paarspezialisten Botho Strauß ebenso auf die Beziehungskrisen-Gegenwart durch, wie die schauspielernden Handwerker auf die Casting-Show-meets-HartzIV-Wirklichkeit mit ihren Du-hast-keine-Chance-
darum-nutze-sie-Angeboten. Im Hin- und Her zwischen Helen (Katja Sieder) und Georg (Thorsten Köhler) und Helma (Susanne Hessel) und Wolf (Sebastian Müller-Stahl). Und bei den Okkupations- versuche der Bühne durch die schauspielernde HartzIV-Truppe, mit denen Uwe Fischer, Jan Kersjes, Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Boris Malré, Gerald Fiedler, Harald Thiemann, Christel Ortmann natürlich nach Kräften abräumen.
Sicher ist bei diesem Spiel die Kenntnis von Shakespeares Sommernachtstraum hilfreich. Aber eine Unterforderung der Zuschauer gehört in der neuen Dessauer Dramaturgie ohnehin nicht zum Programm. Zumal sich die Schauspieler allesamt mit Komödiantenlust ins hochsommerliche Theatervergnügen werfen und selbst dann einen sinnlich packenden Theaterabend behaupten,
wenn sie die Einzelszene genauer im Auge haben, als den großen Bogen.
Nächste Vorstellungen: 16. bis 18. Juli, 19.30 Uhr
12.07.2010, 10:50 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
515
Helmut Rohm, Volksstimme, 12.07.2010
Anhaltisches Theater Dessau zeigt "Sommer Nacht Traum" im Stadtpark
Vielfältige Geschichten in der Parkmenschenwelt
Eine herausgestreckte Zunge - man denke nur an das weltbekannte Einstein-Porträt - hat Symbolcharakter für Frechheit, Dreistigkeit, auch Spott und Komik. So wie in der Sommer-Theaterinszenierung des Anhaltischen Theaters Dessau. Im Dessauer Stadtpark hatte "Sommer Nacht Traum" eine gefeierte Premiere.
Ein weit geöffneter Mund mit eben der langen herausgestreckten knallroten Zunge ist eine Showbühne (Ausstattung Christian Wiehle). "Hallo Dessau! ", schallt es in das Stadtparkareal. Der smarte Showmaster Cyprian (Matthieu Svetchine) ruft zum Finale Song-Contest "Goldener Mund Dessau 2010". Einen tollen Gesangsvortrag gestalten Helen (Katja Sieder) und Norman (Deren Nowak) und Band mit Harald Thiemann, Jan Kerjes und Gerald Fiedler. Sonderbar dann nur, dass statt Publikumsfavoritin Helen der dunkelhäutige Norman gewinnt.
Aus dem Gesangswettbewerb heraus entwickelt Regisseurin Andrea Moses verschiedene eigenständige, nur andeutungsweise locker miteinander verbundene Spielebenen. Für "Sommer Nacht Traum" verwebt sie "Der Park" von Botho Strauß und "Herr Peter Squenz" von Andreas Gryphius.
Die nach dem Konzert zum Säubern in den Park geschickte Hartz-IV-Truppe arbeitsloser Dessauer Handwerker um deren Koordinator Peter Squenz (Uwe Fischer) hat die Idee, auf eben der Showbühne ein Theaterstück zu "tragieren", nämlich "Piramus und Thisbe". Es gehe ihnen um öffentliche Anerkennung, denn "Kunst ist auch Arbeit". Köstlich und durchaus einfallsreich ist ihr fast mittelloses, letztlich aber erfolgreiches Bemühen. Die total enttäuschte Helen trifft derweil auf das mit Wohnwagen und Pkw angereiste Paar Helma und Wolf sowie dessen Freund Georg. Der Zuschauer erlebt lebensnah zwischenmenschliche Beziehungen - teils "über Kreuz" - die von Liebe und Freundschaft, derb-wildem Sex, jedoch auch von Eifersucht, Hass und handfestem Streit mit deftiger Fäkalsprache geprägt sind. Norman indes gewann den "Goldenen Mund", weil Cyprian, ein verkappter Götterbote, von ihm noch viel mehr haben wollte. Er wird später sein hocherotisches Verlangen mit dem Tod zu bezahlen haben. Aber erst später.
Denn einen weiteren, sehr surreal anmutenden Handlungsstrang hat Andrea Moses in ihre Inszenierung "eingezogen". Oberon (Stephan Korves) und Titania (Antje Weber) sind in Dessau "heruntergekommene" Götter. Sie finden jedoch nicht den "Draht" zu den Parkmenschen. Die Oberon und Titania an- und zugedachte Liebesmission für die irdische Menschheit artet aus in eigenem Streit, in wörtlich zu nehmender Entblößung. Antje Weber lässt den Zuschauer eine durch und durch laszive Göttin erleben, mit viel Frivolität - hart an der erträglichen Grenze, ohne bei der Betrachtung penibel sein zu wollen. Natürlich gibt es im Park auch eine Jugendszene. Ein "aufmerksamer Inspizient" versucht jedoch, sie vom Geschehen wegzudrängen.
In zweieinhalb Stunden Sommertheater folgt der Zuschauer den abwechselnd dominierenden Geschichten. Das durchweg vergnügliche und unterhaltsame Stück, für Dessauer Befindlichkeiten vom Dramaturgen Holger Kuhla geschrieben, trägt auch einen bitteren Beigeschmack. Wenn der schwarze Junge im Stück durch den Park gejagt wird, erinnert das sehr an Alberto Adriano, der in diesem Stadtpark getötet wurde. Andrea Moses inszenierte auf klassischer Grundlage ein Stück "aus, für und in Dessau". Und das gesamte Dessauer Schauspielensemble war bravourös zu Gange. Bleibt nur zu hoffen, dass manch Gesehenes nur "schlechte Träume" in heißen Sommernächten sind und bleiben. Die kommenden Aufführungen finden vom Mittwoch, dem 14. Juli, bis einschließlich Sonntag, dem 18. Juli, jeweils um 19.30 Uhr statt.
09.07.2010, 10:34 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
512
Orpheus, Herbert Henning, Juli/August 2010
Sehnsucht nach Freiheit
Die Zeit der Grand Opéra ist vorbei. Vielleicht ist dies ja ein Grund dafür, dass die Oper La Muette de Portici von Auber von den Spielplänen nahezu ganz verschwunden ist obwohl sie einst zu den berühmtesten Opern des 19. Jahrhunderts zählte. Vor 52 Jahren war sie das letzte Mal in Dessau zu sehen. Für André Bücker wurde seine emotionsgeladene Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Antony Hermus und Chordirektor Helmut Sonne zu einem nicht nur musikalischen Triumph mit einem erstklassigen Sängerensemble, das keinen Vergleich mit großen Opernhäusern zu scheuen braucht. Packendes Musiktheater, das ungemein fesselt und die Geschichte um den Aufstand der Fischer in einem neapolitanischen Fischerort am Fuße des Vesuvs neu erzählt und auf ganz besondere Weise jene politische Dimension des Stückes freilegt, die bei einer Aufführung 1830 in Brüssel eine Revolution einleitete. In dieser monumentalen Inszenierung mit der phänomenal eingesetzten und präzise funktionierenden Bühnenmaschinerie sind Menschen und Maschinen in einer Container-“Landschaft" eines Hafendocks allgegenwärtig. In unaufhörlicher, wie von Geisterhand gesteuerte Verwandlung mit dem auf Videowänden immer präsenten Meer und einer Werftszenerie, die fernab jeglicher Idylle ist, wird in starken Bildern voller Dramatik und Leidenschaft das Geschehen erzählt. Dabei leistet der durch den Coruso-Chor e.V. verstärkte Opernchor mit einer großen Statisterie vereint, musikalisch und darstellerisch Herausragendes. André Bücker gelingt die Gratwanderung zwischen eindrucksvollen, der Grand Opéra ähnlichen Massenszenen und sehr genau gezeichneten individuellen Charakteren der Figuren. Das stumme Mädchen Fenella wird von Gabriella Gilardi mit einer ausdrucksstarken und expressiven Körpersprache getanzt und emotionalisiert die Inszenierung ganz besonders. Es sind vor allem aber die Sänger im Ensemble, die diese Aufführung dominieren und zu einem musikalischen Triumph werden lassen. Allen voran der junge mexikanische Tenor Diego Torre, der mit unglaublicher Energie und sängerischer Präsenz nahezu mühelos die heikle Höhe der Partie das Masaniello meistert. Makellos der Gesang von Eric Laporte als Alphonse und Angelina Ruzzafante als Elvire. Ulf Paulsen und Angus Wood sind die gewalttätigen Handlanger der Camorra. Vor allem Wiard Witholt als nach Rache dürstender Pietro, ungestümer Gefährte des Masaniello, hat sängerisch und darstellerisch Format. Jan Steigert (Bühne) und Christian Schrills (Video) lassen zum Finale den Vesuv flammende Lava speien - Metapher für die unbändige Kraft und Leidenschaft des Volkes, das das Schicksal der Stummen von Portici zum Fanal wider Terror und Gewalt nimmt. Das Leben jenseits von Wohlstand und Freiheit hat nicht zuletzt durch die leidenschaftliche und packende Musizierweise der Anhaltischen Philharmonie in dieser umjubelten Inszenierung ein Gesicht.
09.07.2010, 10:28 | tags:
Musiktheater
, das neue Team
, Anhaltische Philharmonie
, Diverses
, Pressestimmen
511
Orpheus, Kevin Clarke, Juli/August 2010
Sänger sind wie Diamanten, die man zum Funkeln bringen muss!
Antony Hermus
Der Dirigent und neue GMD von Dessau im Gespräch mit Kevin Clarke
Antony Hermus, 1973 in den Niederlanden geboren, studierte an der Musikhochschule Tilburg. 2003 bis 2008 war er GMD in Hagen, seit dieser Saison ist er GMD des Anhaltischen Theaters Dessau, wo seine erste Produktion (Lohengrin) überregional positive Reaktionen hervorrief.
Aubers Stumme von Portici ist ein unbekanntes Werk, eine Grand Opéra mit spektakulären Effekten. Wie seid ihr an so ein Werk herangegangen?
Das war eine spannende Arbeit, vor allem, weil es kaum Vorbilder gibt. Aubers Stumme ist vor allem bekannt wegen ihrer revolutionären Inhalte. Es geht um Unterdrückung und Rache, wobei Persönliches und Politisches vermischt werden. Bis 1882 gab es 505 (!) Vorstellungen der Stummen an der Pariser Oper, heutzutage wird das Stück nur sehr selten gespielt, trotz der packenden, nach wie vor aktuellen Geschichte und berückend schönen Musik. Faszinierend ist auch die Figur der Stummen selbst, Fenella, die bei uns von einer Tänzerin dargestellt wird. Sie macht eine große Entwicklung durch, sagt nichts, kommuniziert aber viel, unterstützt von schillernden Orchesterzwischenspielen. Außerdem haben wir für die Hauptrollen eine super Besetzung.
Historische Dirigenten haben mit Solisten Rollen Satz für Satz probiert, um eine ideale Interpretation zu finden. Ist das auch Dein Ideal?
Ich arbeite unglaublich gern mit Sängern, weil sie wie Diamanten sind, die man schleifen und zum Funkeln bringen muss. Die Erkenntnis, dass Dirigenten Sängern helfen sollten, ist bei mir relativ früh gekommen. Ich war bei einer Pelléas-Produktion Studienleiter und hatte mit allen Sängern die Rollen einstudiert. Ich kannte das Stück also ziemlich gut. Bei einer Durchlaufprobe auf der Bühne mit Orchester fehlte ein Nebenrollendarsteller, und mein damaliger GMD bat mich, für eine Szene einzuspringen und auf der Bühne singend die Stichworte zu geben. Ich dachte „kein Problem“. Der Dirigent seinerseits dachte „ach, der Antony kennt das Stück ja, der hat's schließlich einstudiert, dem muss ich keine Zeichen geben“. Und ich stand da oben auf einer Schräge und hörte nur ein flirrendes Orchesterrauschen, von ganz weit weg. Alle meine Einsätze waren falsch, ich kam dauernd aus dem Takt. Der GMD guckte mich irritiert an. Und ich merkte, aha, das ist also das Gefühl, das ein Sänger hat, wenn er auf der Bühne steht und ein Dirigent ihm nicht hilft! Vorher habe ich mich immer geärgert über Sänger, die geschleppt oder Einsätze verpasst haben. Aber seit diesem Schlüsselerlebnis weiß ich, dass es meine wichtigste Aufgabe ist, Sängern zu helfen durch den Abend zu kommen, darauf zu achten, dass ihnen die Puste (oder Stimme) nicht wegbleibt. Als Dirigent muss ich für sie die richtigen Tempi finden, bei denen sie sich wohl fühlen. Und ich muss ein Band mit ihnen entwickeln. Nur dann entsteht Vertrauen und fühlt sich ein Sänger getragen. Orchester und Dirigent sollten einen Teppich für Sänger ausrollen, auf dem sie sich frei bewegen können.
Sänger müssten Dich für diese Einstellung lieben.
Ich liebe meinerseits jedenfalls Sänger, die sich mit Leidenschaft und einer großen Musikalität in Opern stürzen und genauso theatralisch denken wie ich.
Würdest Du Dich als Stimmfetischist bezeichnen?
Ich habe schon gewisse Klangideale für bestimmte Rollen. Die Herausforderung am deutschen Ensemblebetrieb ist, dass man Sänger sucht, die möglichst vielseitig einsetzbar sind, ohne sie im Repertoirebetrieb zu verheizen. In Dessau ist das bis jetzt gut gelungen, was vor allem das Verdienst von unserem Casting-Chef Heribert Germeshausen ist, der ein super Gespür für interessante Sänger hat.
Sind unbekannte Stücke ein Spielplanschwerpunkt?
Wir bemühen uns, erfinderisch zu sein. Raritäten werden auch in den nächsten Jahren vorkommen. Im Fall der Stummen von Portici war es eine tolle Entdeckungsreise mit einer Partitur, die kaum jemand kennt. Was eher unerfreulich war, war die Stückel-Arbeit mit dem Notenmaterial, denn es gibt keine kritische Edition von einem französischen Verlag, d.h. materialtechnisch ist das Stück schwierig. Als Holländer interessierte es mich besonders, weil mit Portici die belgische Revolution startete und letztlich die Unabhängigkeit der Niederlande herbeigeführt wurde. Solche Bezugspunkte zu meiner Heimat sind vielleicht zufällig, aber es gab sie auch beim Lohengrin, der ja bekanntlich in Brabant spielt, wo ich herkomme. Man könnte fast sagen, dass unser diesjähriger Spielplan speziell für mich konzipiert wurde.
Wie sieht es mit Medienpartnerschaften aus. Kommen weiterhin Produktionen aus Dessau auf CD und DVD heraus?
Wir werden versuchen, Dessau über CDs und DVDs auf die internationale Opern- und Orchesterlandkarte zu setzen. Wir haben hier ein großes Haus mit einer super Akustik und vielen bühnentechnischen Möglichkeiten. Das wollen wir optimal nutzen. Von der Stummen von Portici wird es eine DVD geben.
Vor kurzem lief in Dessau Kurt Weills One Touch of Venus. In den USA ist das Stück ein Klassiker, in Deutschland fast unbekannt. Hast Du Berührungsängste mit der Kunstform Operette oder Musical?
Überhaupt nicht. Wichtig ist für mich die Qualität der Musik. Ich bin ein großer Bernstein-Fan. Unseren neuen Candide hätte ich gern selbst gemacht, aber das ging zeitlich nicht. West Side Story würde ich sofort dirigieren oder On the Town. Ich habe in meiner Zeit in Hagen viele Operetten dirigiert, die mir auch viel Spaß gemacht haben. Grundsätzlich gilt: Gute Kapellmeister erkennt man daran, dass sie Operetten gut dirigieren können. Da scheidet sich schnell die Spreu vom Weizen.
Was sind Deine Pläne und Träume?
Ich würde gern wieder eine große Puccini-Oper leiten und einen Mozart-Zyklus oder (im Konzertbereich) einen Beethoven-Zyklus. Auch die Opern von Wagner und Strauss faszinieren mich unglaublich. Aber vor allem will ich mich persönlich weiterentwickeln als Künstler und Mensch, und dafür ist Dessau eine ideale Umgebung. Im Moment habe ich auch etliche Einladungen von Opernhäusern und Sinfonieorchestern für Gastdirigate, speziell in Frankreich und Holland. In Dessau hoffe ich, dass wir weitermachen können mit all dem, was wir angefangen haben, trotz Sparzwang, der momentan nicht nur bei uns herrscht. Die Stadt-, Landes- und Bundesväter sollten eines nicht vergessen: Kultur ist in einer Gesellschaft nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern auch die Hefe im Teig!
06.07.2010, 14:50 | tags:
Schauspiel
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, Funk
, Diverses
, Pressestimmen
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Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 02.07.10
Giftspritzen in den Geisterhäusern
Drei Meistergattinnen empfangen Besucher beim letzten Haus-Funk-Abend und führen sie vergnüglich von Meisterhaus zu Meisterhaus, wo Darbietungen warten.
Die Geister sind erwacht und haben erst einmal die Wiese unter den Kiefern verschönt. Blaue und rote Blümchen wachsen streng ausgerichtet in der Meisterhaussiedlung. Da spürt man doch gleich den Grünen Daumen der Meistergattinnen. Kunst beginnt mit Kunstblumen schon vor der Haustür. So nett, wie sie die Vorwiese gestaltet haben, haben sich Ise Gropius, Nina Kandinsky und Tut Schlemmer auch selbst hergerichtet. Frisch gelegte Haare, rot gezogene Lippen und Kleider für eine Gartenparty - so empfangen sie die zahlreichen Besucher am Mittwochabend an den Meisterhäusern.
Zum achten Mal in dieser Spielzeit des Anhaltischen Theaters wurde der Haus-Funk veranstaltet, ein von der Kulturstiftung des Bundes gefördertes Projekt, das seit dem Herbst an jedem letzten Mittwoch im Monat die Dessauer an die verschiedenen Bauhausorte einlud, wo es die unterschiedlichsten Aktionen gab. Der Haus-Funk in dieser Woche war der letzte im Reigen des auf eine Spielzeit begrenzten Projektes, das Dramaturgin Maria Viktoria Linke in Zusammenarbeit mit Torsten Blume von der Stiftung Bauhaus betreute. Für den Abschied gab es deshalb noch einmal richtig viel Programm, präsentiert von Schauspielern und Tänzern des Theaters, mit Sänger Ulf Paulsen und der slowakischen Band PoŽon Sentimental.
So richtig wohl an ihrem früheren Wohnort fühlten sich die Frauen Ise, Nina und Tut - Thorsten Köhler, Matthieu Svetchine und Jan Kersjes waren in die Kleider der Ehefrauen von Walter Gropius, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer geschlüpft -, und sie erwiesen sich den ganzen Abend über als perfekte und aufmerksame Gastgeberinnen in den Geisterhäusern. Viel hatten sie zu erzählen und taten dies zuerst am Haus Emmer, das heute über den Resten des Direktoren-Hauses von Gropius steht. Die Gartenterrasse bot den drei Damen ein angemessenes Podium, um mit Hilfe von Grundriss-Zeichnungen durch das Haus zu führen und dabei recht viel vom Leben seiner Bewohner und der Nachbarn zu erzählen. „Wir sind so richtige Giftspritzen", erklärte Thorsten Köhlers Ise, und so teilten die Gattinnen untereinander ebenso ordentlich aus wie sie Abwesende mit Spitzen bedachten. Die Feiningers und Moholy-Nagys würden immer den Müll im Gropius-Garten abladen und wurden deshalb nicht eingeladen, erfuhr man ebenso wie manch andere Indiskretion. Die Zuschauer amüsierte das sichtlich.
"Komm zur Vernunft und komm da runter."
Ise, Tut und Nina zu Hannes Meyer
Von Haus zu Haus zog die Besuchergruppe, verschmerzte die verschlossene Tür bei Feininger, denn auf der Terrasse bei Muches und Schlemmers wartete schon Ulf Paulsen mit einem ausgewählten Liedprogramm von Hanns Eisler bis zu Gassenhauern der 1920er Jahre. Das Saxophon von Jörg Naumann lockte darauf in das Meisterhaus Muche/Schlemmer. Tänzer des Anhaltischen Theaters erkundeten performativ die Räume, ließen sich gleichermaßen auf die Musikimprovisation wie die Klarheit der Architektur ein, und als das Saxophon schwieg, da rief Stephan Korves als Hannes Meyer mit dem Megaphon vom Dach des letzten Meisterhauses in der Reihe schon die Gäste herbei. Er las seinen Abschiedsbrief, den er dem Oberbürgermeister nach seinem Hinauswurf aus dem Bauhaus schrieb. Immer und immer wieder setzte er an, brach ab, las erneut. Ise, Tut und Nina kommentierten. „Der ist ein wenig sauer. Das hat der nie verwunden. Komm zur Vernunft und komm da runter", meinten die drei, doch Meyer wollte noch erzählen, „warum ich geschlossen wurde".
Bei Kandinsky und Klee waren es Susanne Hessel, Regula Steiner und Eva-Marianne Berger, die mit Schnäuzer, Hut und Anzug die Kunsttheorie unters Volk brachten. Anspruchsvolles wechselte an diesem Abend mit leichtem, PoŽon Sentimental spielte zum Finale Klassik gleichermaßen wie Filmmusik. Nach zwei Stunden Programm gab es reichlich Applaus für die große Gruppe der Akteure. Ise, Nina und Tut wollten da nur noch ihre Kleider gegen lange Hosen tauschen, denn auch die Mücken hatten am letzten Haus-Funk-Abend ihre helle Freude.
Großes Finale bis zum Sonntag
Sein großes Finale erlebt das Dessauer Funk-Projekt von heute bis Sonntag vor dem Alten Theater. Dorthin ist bereits gestern der rote Funk-Container umgezogen, der seit Spielzeitbeginn auf dem Vorplatz des Theaters stand. Gestartet ist bereits am Mittwoch mit Dessau-Funk eine viertägige Radiostation für Dessau: Auf lokaler Frequenz in der Umgebung des Theaters und über www.dessaufunk.de oder über www.interfunk.net sendet die Radiostation bis in die Nacht des 4. Juli kontinuierlich.
Vor dem Alten Theater beginnt heute um 21 Uhr „Tanz den Dessau - besuch die Funks!". 24 Stunden lang empfängt das Funk-Team in einer Bühnenwohnung vor dem Alten Theater Dessauerinnen und Dessauer, Vereine, Initiativen und Clubs - vom Briefmarkensammler bis zur Theaterjugend, vom Dichter über Imker und Musiker bis zum Modellflieger. DokuTV Wettin und Funk zeichnen auf und übertragen live über www.interfunk.net, ein paar Tage später wird die Funk-Schau im Offenen Kanal Dessau laufen. Live-Musik und ein DJ laden zum Abschluss der 24-stündigen Funk-Aktion und einer großen Party auf dem Vorplatz des Alten Theaters am Sonnabend um 21 Uhr ein.
Der letzte große Auftritt von Funk ist ein öffentlicher Brunch am Sonntag ab 11 Uhr. Funk sendet an diesem Julitag noch bis Mitternacht - dann ist die Sendezeit zu Ende.
06.07.2010, 14:37 | tags:
Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
508
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 06.07.10
Rasante Reise in den Süden
Anhaltische Philharmonie entführt ihr Publikum nach Spanien.
In der Musik beschreibt der Begriff der Antizipation normalerweise die Vorwegnahme eines Tones, der im harmonischen Gefüge eigentlich erst später kommen müsste - und an der ungewohnten Stelle deshalb möglicherweise für einen Missklang sorgt. Im Sport aber steht das Wort für die Vorahnung des Wettkampfgeschehens, die dem Athleten einen entscheidenden Vorteil verschaffen kann. Im letzten Sinfoniekonzert der Saison bewies die Anhaltische Philharmonie nun, dass man beide Bedeutungen durchaus zusammendenken kann - auch wenn der Ablauf des Abends natürlich schon lange feststand.
Doch wenn ein Niederländer zwei Stunden nach dem Sieg seiner Mannschaft über Brasilien ein Programm dirigiert, bei dem ein deutsches Sinfonieorchester ein überwiegend spanisches Programm präsentiert, dann sind drei der vier Halbfinalisten - und vermutlich auch die Endspiel-Gegner - der Fußball-WM auf engem Raum versammelt. Dass die Hitzeschlacht unter dem Motto "Auf in die Sonne" ohnehin auch eine sportliche Herausforderung an alle Interpreten werden würde - wer hätte nach dieser ersten Saison des Antony Hermus daran zweifeln wollen?
Dabei war das südländische Flair zunächst eher im Flirren der Atmosphäre und in gelegentlichen Eruptionen des Temperaments zu suchen: Vor Joaquin Rodrigos "Concierto de Aranjuez" hatte die Dramaturgie Emmanuel Chabriers Rhapsodie "Espana" und Joaquin Turinas "Danzas Fantasticas" gesetzt, die ihre thematischen Zuweisungen vor allem aus tänzerischen Vorbildern schöpfen. Dass sie sich in diesem Ansatz relativ nahe kommen, steigerte die Spannung auf den Auftritt von Marlon Titre, der mit dem Klassiker von Rodrigo nun eine entscheidende Steigerung bringen musste.
Das gelang dem jungen Gitarristen scheinbar mühelos - und mit wahrhaft majestätischer Haltung. Der Minimalismus, mit dem er die maximale Herausforderung dieses Virtuosen-Stücks meisterte und sich dabei als Motor und Inspirator des Orchesterklangs behauptete, war auch optisch ein Genuss - und setzte zumindest in der zweiten Aufführung zugleich jene Kräfte frei, mit denen die Philharmoniker ihr letztes Heimspiel vor der Sommerpause gewinnen konnten.
Denn von nun an ging es nach der Pause Schlag auf Schlag: Maurice Ravels "Alborada del Gracioso" als Mini-Bolero, dessen energetische Steigerung im Schlusstanz aus dem Ballett "Der Dreispitz" von Manuel de Falla noch einmal lustvoll potenziert wurde. Und mit dem hochtourigen "Danzón No. 2" von Arturo Márquez sowie "Estancia" von Alberto Ginastera mischten dann sogar noch lateinamerikanische Rhythmen in die Grüße aus dem Süden - und beim "Mambo" von Leonard Bernstein riefen die Musiker den Titel in den Saal.
Wen soll man loben? Das Englischhorn, den Solo-Cellisten, die ersten Pulte bei Oboe, Klarinette und Trompete? Oder die glorreichen sieben Schlagzeuger? Am besten alle zusammen und jeden einzeln, so wie es Antony Hermus am Ende tat. Und ihn selbst natürlich - auch für sein abermals flammendes Bekenntnis zu Dessau.
06.07.2010, 14:23 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
507
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 05.07.10
Vorgeschmack auf das seltsame Treiben im Park
Rot und riesig hängt die Zunge in der Sommerhitze aus dem knallroten Mund. So groß ist sie, dass sie als Bühne und als Laufsteg taugt für den Gesangswettbewerb "Goldener Mund". Am Donnerstag dieser Woche startet er im Dessauer Stadtpark. Einen Vorgeschmack auf die Sternchen, die das Publikum dann erwartet, gab es am Sonntag bereits. Da wurde gesungen, rezitiert, gespielt. Wenn im Anhaltischen Theater eine Premiere ins Haus steht, dann wird zuvor zu einer Matinee eingeladen. Weil die nächste Premiere nun aber im Stadtpark läuft, war die dortige Open-Air-Bühne auch die Adresse für all jene, die sich mitten im Stadtfest-Trubel über "Sommer Nacht Traum" informieren wollten.
Chefregisseurin Andrea Moses verwebt in ihrem Sommerstück zwei Stoffe miteinander: "Der Park" von Botho Strauß und "Herr Peter Squenz" von Andreas Gryphius. Sie inszeniert diese als sommerliches Roadmovie mit dem gesamten Schauspielensemble. Zunächst sei der Abend Komödie, vor allem wegen der Handwerkerszene. Arbeitswillige, doch arbeitslose Handwerker nehmen die Bierflasche aus und das Schicksal in ihre starken Hände und lassen sich von allen Theatermusen küssen. Angeführt von Peter Squenz "tragieren" sie höchst selbst das erschütternde Spiel um "Piramus und Thisbe". Aber auch ernste Aspekte fänden sich in der Inszenierung wieder. "Wir widmen uns auf künstlerische Weise auch dem Tod Alberto Adrianos hier im Dessauer Stadtpark", so die Regisseurin. Der Gewinner des "Goldenen Mundes", ein schwarzer Junge, wird nicht allein vom liebestollen Cyprian gejagt.
Zwei Paare gibt es noch, drei Jungen und ein Mädchen, die Spaß haben und weder sich, noch einen Sinn des Lebens finden. Auf Beobachtungsposten sitzt das ratlose Feengötterpaar Oberon und Titania. Ob sie in dieser Parkmenschenwelt noch etwas richten können? Eines können sie jedoch keinesfalls: Mücken wegzaubern. Dem Sommertheater-Publikum sei deshalb empfohlen, für Schutz zu sorgen, damit der Abend nicht zum juckenden Alptraum gerät.
Premiere "Sommer Nacht Traum" am Donnerstag, 19.30 Uhr, Vorstellungen am 9. und vom 14. bis 18. Juli, jeweils 19.30 Uhr, am 10. / 11. Juli jeweils 17 Uhr. Karten an der Abendkasse und an der Theaterkasse im Rathaus-Center, Telefon 0340 / 2 40 02 58.
02.07.2010, 09:39 | tags:
Ballett
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
504
Hartmut Regitz, tanz, Juli 2010
TOMASZ KAJDANSKI «NACHTASYL»
Das Notquartier als «Nachtasyl»: Dorin Gals Bühne nimmt in Dessau Maxim Gorki beim Wort und platziert die «Szenen aus der Tiefe» in einem Schwimmbad, das schon mal bessere Tage erlebt haben muss. Die Gestrandeten sitzen auf dem Trockenen, wenn sie nicht gerade Amok laufen. Ohne Ausweg scheint ihr Dasein, obwohl es Fluchtmöglichkeiten bietet. Ein paar Sprossen die Leiter hinauf, und man wäre der Trostlosigkeit entronnen. Wirklich benutzt wird sie nur von einem, der für eine Nacht in dem Asyl Unterschlupf findet und am nächsten Morgen wieder verschwindet.
Bei Gorki ist Luka so etwas wie ein Landstreicher, der seinen Mitbewohnern ein paar Stunden lang Geschichten, Märchen, auch ein paar Lügen auftischt. Ganz in der Tradition einer eher missverstandenen Aufführungsgeschichte macht Tomasz Kajdanski aus ihm einen Hoffnungsträger, einen Katalysator, der die Welt seiner Mitmenschen verändert. Auf einmal gewinnen die Träume, die Angela Zumpe auf die Beckenmauern projiziert, Farbe und Frische. Selbst der Himmel, zuvor noch auf einem Plafond grau in grau, erstrahlt für kurze Zeit in schönstem Blau. Statt Detlev Glanerts «Theatrum Bestiarum» erklingt Arnold Schönbergs «Verklärte Nacht».
Mit dem Wechsel der musikalischen Stimmung verändert sich auch das Material der Bewegung. Kajdanski choreografiert nicht mehr einen Kampf um die nackte Existenz. Ein verzweifeltes virtuoses Aufbegehren macht im weiteren Verlauf einer Paarung Platz, die in ihrer Parallelführung so etwas wie ein harmonisches Miteinander signalisiert. Der Selbstmordkandidat befreit sich von seiner Krawatte, die ihm wie ein Strick um den Hals hängt. Ein anderer sucht Geborgenheit in Lukas Schoß. Joe Monaghan, elegant in seiner Erscheinung und durchweg expressiv im Tanz, erinnert stark an die Engelsgestalt in Pier Paolo Pasolinis Film «Teorema - Geometrie der Liebe». Wie dort verändert er durch seine Empathie die Menschen. Und wie dort hinterlässt sein Verschwinden eine lähmende Leere.
«Rasend vor Ohnmacht» hat Kajdanski noch den ersten Teil seiner «Handlung» genannt, «Hoffnung» den zweiten. Mit «Endzeit» schließt Kajdanski insofern an den Anfang an, als er der abschließenden Szene die «MahIer/Skizze» von Glanert unterlegt: ein elementares Klangereignis, das durchaus etwas Apokalyptisches hat. So, wie Kajdanski sein Tanztheater präsentiert, brutal bis zum Exzess, persönlichkeitsstark und hoch motiviert bis in die Fingerspitzen, hat man den Eindruck, als kämpfe es selbst ums Überleben.
Tatsächlich soll das Anhaltische Theater Dessau von 2013 an nur noch mit der Hälfte der jährlichen kommunalen Unterstützung von sieben Millionen auskommen. Falls das geschieht, so Generalintendant André Bücker, «ist die Schließung programmiert» - und Kajdanski gezwungen, mitsamt seinem Ensemble andernorts um Asyl zu ersuchen. Es muss ja nicht unbedingt ein Schwimmbad sein. Ein ausgedientes Theater tut es zur Not ja auch.
Wieder 4. Juli, 12., 18. Sept. anhaltisches-theater.de
02.07.2010, 09:25 | tags:
Ballett
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
503
Joachim Lange, Die Deutsche Bühne, Juli 2010
Auf dem Trocknen
Tomasz Kajdanskis Dessauer Tanztheater "Nachtasyl - Szenen aus der Tiefe"
Der furiose Neuanfang des Anhaltischen Theaters nach dem Wechsel
vom Langzeitintendanten Johannes Felsenstein zu André Bücker ist ohne das Tanztheater von Tomasz Kajdanski und seiner Truppe nicht vorstellbar. Ihre "Lulu"-Version war bereits ein furioser Einstieg. Und mit "Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe" nach Maxim Gorki ist es nicht anders. Hier ist eine hochprofessionelle, so athletisch wie ausdrucksstark tanzende Truppe am Werke, der es zu klug kombinierter Musik um ambitioniertes Tanztheater im besten Sinne des Wortes geht. Auch, dass die Anhaltische Philharmonie unter Leitung von Wolfgang Kluge den musikalischen Mix aus Werken von Detlev Glanert und Arnold Schönberg wieder mit großem Orchester vom Graben aus beisteuert, unterstreicht die Bedeutung, die die Tanzsparte in Dessau hat.
Im Nachtasyl folgt Kajdanski mit seinen elf Tänzern, locker, aber erkennbar, Maxim Gorkis dunklem Stück über die Verlorenen und Ausgestoßenen, gleichwohl immer noch träumenden Menschen, das ihm 1902 den Durchbruch eintrug. In Dessau sind es jetzt im wahrsten Wortsinn Gestrandete, junge Menschen von heute. Man könnte jedem von ihnen in einer der urbanen Problemzonen unserer Städte begegnen. Beim Abhängen oder Rumlungern. Der Untertitel "Szenen aus der Tiefe" meint sowohl die seelischen Abgründe der Verzweiflung und Ratlosigkeit als auch den hochatmosphärischen Raum von Dorin Gal.
Alles spielt sich nämlich in einem trocken gelegten Schwimmbecken ab. Die Rückwand ist dabei ebenso Projektionsfläche für die exzellenten, unaufdringlichen Videos von Angela Zumpe, wie eine über dem Becken schwebende Leinwand. Die urbane Tristesse vom Leben verlassener Bauten und die Träume von Wolken, Meer und blühenden Landschaften mischen sich dabei suggestiv in die tanzend erzählten kleinen Geschichten von Aggressivität und Aufbegehren, von Liebe und Hass, von Sehnsucht nach dem Leben oder dem Tod. Dabei profilieren die Tänzer ihre Figuren als Individuen und erzeugen in der Balance mit der kontrastierend kombinierten Musik von Glanerts "Theatrum Bestiarium" und "Mahler/Skizze" und Schönbergs "Verklärter Nacht" einen Sog, zwischen aufkeimender Traumhoffnung und niederschmetternder Dunkelheit der Realität. Am Ende, wenn die Szene unter einem schwarzen Tuch verschwindet, bleibt dennoch auch die geträumte Hoffnung im Gedächtnis. Ein starkes Stück Tanztheater!
23.06.2010, 15:26 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
487
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 21.06.2010
Maskenspiel im Spiegelbild
Roland Schwab beendet mit Verdis "Un ballo in maschera" die Dessauer Opern-Saison. Die Anhaltische Philharmonie trägt den Abend.
Der Tod schiebt eine ruhige Kugel: Langsam kreist das Geschoss an der Wand des Trichters abwärts zu dem leuchtenden Kreuz, das den Sitz des Lebens markiert. Und die Musik schweigt dazu – die doppelbödige Trivialität, die falsche Süße und das hysterische Gelächter verstummt in einer Totenstille, die nur vom mahlenden Geräusch des Balles grundiert wird. Alles fällt in diesem Moment zusammen – die unglückliche Liebe des schwedischen Königs Gustav zur Frau seines treuen Freunds Anckarström, der ungewollte Verrat seines Pagen und die Prophezeiung der Hexe Ulrica ...
Als das Anhaltische Theater Dessau Giuseppes Verdis „Un ballo in maschera" auf den Spielplan setzte, konnte man noch nicht ahnen, dass die Premiere am Vorabend einer Hochzeit im schwedischen Königshaus über die Bühne gehen würde. Von historischen Pomp aber ist Roland Schwabs Inszenierung ohnehin weit entfernt: Sein imaginäres Schweden ist eine Bühnenmaschine, auf dem die royale Rolle am Anfang ebenso per Los bestimmt wird wie die Partien der Verschwörer – und das Mittel zur öffentlichen Wahrnehmung ist ein gigantischer Spiegel, der den Zuschauern Einblicke in tote Winkel gewährt oder die Kehrseite der Pracht zeigt. Die Spielmacher aber sind der Diener und die Wahrsagerin, die sich ihrer Stellung in dieser Theatertruppe bewusst sind.
Fülle an Einfällen
Allein dieser aus der Theaterbegeisterung des realen Vorbilds Gustav III. entwickelte Ansatz hätte für einen spannenden Abend genügt, Schwab aber will mehr – und greift allzu oft in jene Kiste, auf die sein Bühnenbildner Hartmut Schörghofer das düstere Wort „Pandora" geschrieben hat. Da finden sich Clownsnasen und Blumensträuße, Brautschleier und Zauberkräuter... und als sich der König für seinen Besuch beim Orakel verkleidet, fällt das schon längst nicht mehr auf, weil hier alle Masken tragen. Es ist die Fülle an Einfällen, die der Idee im Wege steht und die zwischen der bösen Ironie und bloßen Illustration keine eindeutige Perspektive auf die Geschichte entwickelt. Bildgewaltig und überraschend aber ist der Abend allemal – und lediglich das dröhnende Gelächter, das der Regisseur seinen Figuren immer wieder in den Mund legt, muss man ihm wirklich übelnehmen. Denn das böse Lachen obliegt in dieser Oper dem Orchester – und die Anhaltische Philharmonie spielt unter ihrem Generalmusikdirektor Antony Hermus auch diesen Verdi auf einem unerhörten Niveau. Der Thrill der düster romantischen Friedhofsszene ist ihnen so geläufig wie der angeheiterte Taumel der Ballszenen, das innige Gebet Amelias ist hier so gut aufgehoben wie die aufgesetzte Fröhlichkeit des Hofstaats. Und wenn Anckarström seinen Nebenbuhler aus einer fratzenhaften Kapelle heraus schließlich mit einem Geigenbogen ersticht, dann ist dies nur konsequent: Im „Maskenball“, der in Dessau mittlerweile ganz selbstverständlich in Originalsprache über die Bühne geht, mordet die Musik. Und man genießt den Sog in die Katastrophe in jeder Sekunde. Das ist auch ein Verdienst der Solisten,
unter denen sich Iordanka Derilova und Ulf Paulsen im Furor ihrer Liebe und ihrer Verzweiflung den größten Applaus verdienen. Dieses stimmlich wie spielerisch todsichere Paar findet in Hector Sandovals König einen Mit- und Gegenspieler, der eher die leichtsinnige Lust als die drückende Last der Macht betont und dessen Würde in bester Theatermanier von den Anderen behauptet wird.
Meister des Totentanzes
Dafür ist vor allem Cornelia Marschall als bravouröser Zeremonienmeister des Totentanzes zuständig, der jedes Wort in eine Volte und jede Geste in einen Scherz verwandeln kann – und der in der Schicksalsgöttin der Rita Kapfhammer seinen dunkel getönten Widerpart findet. Auch Wiard Witholts Seemann und die Verschwörer von Nico Wouterse und Rosen Krastev balancieren sicher auf dem schmalen Grat zwischen dem raunenden Schicksal der Musik und dem mutwilligen Spiel der Inszenierung. Und Helmut Sonne zeigt mit seinem Opernchor, dass die zuletzt bemühte Verstärkung von außen vor allem quantitativ nötig ist – qualitativ genügt das hauseigene Ensemble höchsten Ansprüchen. Dass dieser Verdi die hauseigene Tradition auf neuer Höhe fortsetzt und zudem einen Spiegel als Mittel der Entlarvung benutzt, wo er zuletzt im „Macbeth“ der Denunziation diente, rundet sich zum würdigen Abschluss dieser Musiktheater-Saison – auch wenn der Doppelmord in der Applausordnung die Premieren-Begeisterung eine kurze Schrecksekunde beimischte.
23.06.2010, 14:50 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
486
Helmut Rohm, Volksstimme, 18.06.2010
Am Anhaltischen Theater Dessau hat heute Verdis "Ein Maskenball" Premiere / Regie führt Roland Schwab
"Tödliche Komödie" um Schwedenkönig
Eine "tödliche Komödie" sei das, bringt es Roland Schwab kurz und prägnant auf den Punkt. Er inszeniert die Verdi-Oper "Ein Maskenball" (Un ballo in Maschera), die heute um 19.30 Uhr im Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau ihre Premiere hat.
Roland Schwab (40), der in Dessau zum ersten Mal Regie führt, übrigens auch zum ersten Mal beim "Maskenball", kannte allerdings schon Dessaus Ruf, "eine der größten Bühnen Deutschlands" zu besitzen. Bedenken hatte er deswegen nicht: "Es ist für mich ein absoluter Reiz, diese Bühne mit Theater zu füllen."
Dennoch habe er Respekt vor dem Stück, so Roland Schwab. Diese Oper, die Verdi – das ist ganz selten – nicht nach einer Person benannt hat, sei durchaus reizvoll, werde bei Regisseuren aber oft als Problemstück "gehandelt".
Wo der besondere Reiz für den Zuschauer liege? Der "Maskenball" ist unglaublich multistilistisch. Es ist der merkwürdige Mix zwischen tragischer Oper und Komödie. Jedes Bild präsentiert sich in einer ganz anderen Sphäre, einer anderen Musiksprache. Der Zuschauer werde überrascht sein, wenn "auf einen 20-minütigen emotionalen Rausch plötzlich ein strahlender Buffo-Block folgt", macht Roland Schwab neugierig. Und wieder aus seiner Sicht, ein wenig mit Augenzwinkern: "Da musst du ganz schön aufpassen, dass dir als Regisseur die Oper nicht um die Ohren fliegt". In seiner Konzeption habe er eine "gewisse Leichtigkeit" entwickelt, in der alle verschiedenen Elemente "zusammengesponnen " werden.
" ... dass es dir nicht um die Ohren fliegt"
Am Anhaltischen Theater wird die Originalversion mit der Geschichte um Gustav Adolf III. von Schweden zu erleben sein. Es gebe, so der Regisseur, überhaupt keinen Grund, die Handlung "nach Boston zu transferieren. " Diese "Abwandlung" musste Verdi aus Zensurgründen für die Uraufführung im Februar 1859 neu schaffen. Außerdem, meint Roland Schwab, ist ja dieser schwedische König durch seine fast schon manisch ausgeprägte Theateraffinität recht bekannt, besser berühmt-berüchtigt.
Die Geschichte basiert auf dem realen Attentat auf den Schwedenkönig Gustav III. im Jahre 1792 während eines Maskenballes. Obwohl die Wahrsagerin Ulrika Arvedson das baldige Ende des Königs voraussagt und eine Verschwörung "in der Luft" liegt, lädt Gustav III. zu einem Maskenball ein. Amouröses, Freundschaft und Ehre, Treue... – letztendlich auch das tödlich endende Attentat sind Handlungsinhalte. Diese Oper ist, nach Meinung von Roland Schwab, für Verdi keine Identifikationsoper wie zum Beispiel "La Traviata", sondern hier ist Verdi "ein Jongleur mit Stilen". Ob er mit seiner Inszenierung auch der "Jongleur mit den Stilen" sein wolle? Roland Schwab lächelt: "Gewissermaßen natürlich schon, wobei eine solche Formulierung gefährlich anmaßend wirken könnte." In seinem bisherigen Regisseurleben hat er jedoch schon sehr gelungene und anerkannte Arbeiten "abgeliefert".
In der Nähe von Paris geboren, wuchs Roland Schwab in München auf. Nach kurzen "Studienausflügen" in die Germanistik und die Physik fand er schließlich den Weg zur Kunst. Ab 1992 studierte er überaus erfolgreich an der Hamburger Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Musiktheaterregie unter Prof. Götz Friedrich.
1998 wurde Roland Schwab in Meiningen Assistent von Christine Mielitz und wirkte dort ab 2002 als Oberspielleiter. Eine ganz wichtige und lehrreiche Station in seinem Leben sei Meiningen gewesen. Dort hat er mit "Cosi fan Tutte" die erste "richtige" selbstständige und Aufsehen erregende Inszenierung auf die Bühne gebracht. Auch seine Frau, die georgische Mezzosopranistin Khatuna Mikaberidze, hat er in Meiningen kennengelernt, fügt er strahlend an. Zur Familie, die derzeit in Hannover zu Hause ist, gehört der gemeinsame sechsjährige Sohn.
"Ein Jongleur mit den Stilen"
Der freischaffende Regisseur Roland Schwab inszenierte unter anderem am Berliner Ensemble, an den Theatern in Münster, Meißen, Freiburg, Gelsenkirchen, Innsbruck und Linz, am Niederbayrischen Landestheater, auch an der Oper Dortmund. Zu den kommenden Aufgaben zählt "Don Giovanni" an der Deutschen Oper Berlin.
In den letzten Wochen, die aber auch Zeit zum Beispiel für einen Bauhausbesuch ließen, haben er und das gesamte Dessauer Ensemble engagiert den "Maskenball" einstudiert.
Die Anhaltische Philharmonie leitet deren GMD Antony Hermus. In der Premiere wird die Hauptrolle Gustav III. von dem mexikanischen Tenor Hector Sandoval gesungen. Die Aufführung erfolgt in italienischer Sprache mit deutschen Untertiteln.
23.06.2010, 14:35 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
485
Christoph Suhre, „Der neue Merker“, Juni 2010
Dessau: "LA MUETTE DE PORTICI"
Unter Aubers Vornamen findet sich auch dieser: Esprit. Nur wenige seiner ca. 50 Bühnenwerke sind heute noch bekannt, aber die, die heute hauptsächlich durch CD-Angebote zugänglich sind, eint eines: Diese Musik besitzt Esprit. Der 1782 geborene Komponist galt zunächst als repräsentativer Vertreter der Opéra Comique, die er mit nicht weniger als 34 Stücken belieferte. Ab 1840 etwa war dann seine Annäherung an die ernste Oper zu erkennen. Auffällig ist, dass dabei Aubers Stil keinem größeren Wandel unterworfen war. »La Muette de Portici" wurde 1828 in der Opéra Paris uraufgeführt.
Das Libretto von Eugène Scribe greift einen historischen Vorgang aus dem Jahre 1647 auf Ein Fischer, Masaniello genannt, entfacht in Neapel einen Aufstand gegen die Steuerpolitik der spanischen Besatzungsmacht. Auch wenn die Fischer und Obsthändler Teilerfolge erzielen, scheitert der Aufstand. Zudem bricht auch noch der Vesuv aus. Bühnenwirksamer geht’s nimmer.
Regisseur André Bücker belässt die Handlung am Ort des historischen Geschehens, zeigt uns aber das Neapel der Gegenwart, in dem es bekanntermaßen genügend Zündstoff gibt. Der Camorra obliegt die totale wirtschaftliche Kontrolle der Region. Sie hat kriminelle Strukturen aufgebaut, die über die Bevölkerung und deren Leben bestimmen. Insofern sind die Vorgänge aus dem Jahre 1647 nach wie vor aktuell und brisant. Das opulente Bühnenbild von Jan Steigert spiegelt Hafenatmosphäre wider, die Kostüme, die Suse Tobisch entwarf, sind zeitgemäß. Videoclips, für die Christian Schrills verantwortlich zeichnet, werden nicht ausgespart. Das Geschehen spielt sich im Wesentlichen in einer Containerlandschaft ab – die Bühnenmaschinerie ist im Totaleinsatz und bis ins Letzte gefordert. In Aubers Oper gibt es große Chortableaus, die André Bücker bühnenwirksam arrangiert, es gibt Ensembles, die orchestersprachliche Feinheiten erfordern, sowie Arien und Duette, die von den Solisten Gesangstechnik, Kantabilität und Emotionalität erfordern. Die Dessauer Aufführung bleibt nichts davon schuldig. Zu lesen ist, dass von dieser Produktion eine DVD erstellt wird. Interessierte Opernbesucher werden dann Gelegenheit haben, ein Werk kennen zu lernen, dass zu Unrecht ein Schattendasein führt. Sie werden aber auch Gelegenheit haben, sich von der großartigen Leistungsfähigkeit des Dessauer Ensembles ein Bild zu machen.
Kurios ist. dass die Vertreterin der Titelpartie zwar permanent präsent ist, aber nichts zu singen hat. André Bücker entschied sich bei der Besetzung dieser Rolle für eine Tänzerin. Gabriella Gilardi verfügt über ein hohes Maß an Körperbeherrschung und Körpersprache und kann dadurch die Befindlichkeiten der stummen Fenella sehr gut zum Ausdruck bringen. Mitunter wirkt sie in ihren Bewegungen etwas abstrakt, aber das muss kein Nachteil sein, denn das Mädchen stößt aufgrund ihres Handicaps an Grenzen. Eine Tenorpartie ersten Ranges ist die des Masaniello. In einer Studioeinspielung drückt immerhin Alfredo Kraus dieser exponierten Partie sein Gütesiegel auf. In Dessau erlebten wir den mexikanischen Tenor Diego Torre als Masaniello. Am Anhaltischen Theater gab er zugleich sein Europadebüt. In den großen Ensembles ist er absolut präsent und wenn er zu Beginn des 4. Aktes seine Kavatine Spectacle affreux singt, dürfte auch der letzte Zuschauer zu der Erkenntnis gelangt sein, dass wir es hier mit einer Tenorstimme zu tun haben, die zu ganz großen Hoffnungen berechtigt. Der sympathische Sänger verfügt über eine Stimme, die über Glanz und Elastizität, Expressivität und Innigkeit, Klang und Volumen verfügt. Mit Oscar de la Torre hatte man für die Partie des Alphonse einen weiteren mexikanischen Tenor verpflichtet. Alphonse ist in der Vorlage der Sohn des spanischen Vizekönigs, in der Lesart von André Bücker Capo eines Clans. Auch dieser Sänger weiß zu begeistern, erleben wir doch in seinem Gesangspart viele Verzierungen, die an Rossini erinnern und Leichtigkeit, Höhe und Atem erfordern. Oscar de la Torre stellt sich souverän diesen Anforderungen.
Neben der Fenella ist die Elvire eine weitere zentrale Frauengestalt der Oper. Sie ist Alphonses Braut und wird durch dessen skrupelloses Tun und Lassen in unterschiedlichste Konfliktsituationen gestoßen. Das alles wird natürlich auch musikalisch untersetzt und erfordert von der Rollenvertreterin entsprechende gesangliche und darstellerische Mittel. Bei Angelina Ruzzafante ist diese Partie bestens aufgehoben. Einerseits setzt sie zarte, berührende Piani in den Raum, anderseits trumpft sie in den großen Ensembles eindrucksvoll auf, ohne dabei schrill zu klingen oder zu forcieren. Wiard Witholt beeindruckt mit gut geführter und kerniger Stimme als Pietro. Zunächst begegnen wir ihm als wahrem Freund Masaniellos. Später wendet er sich von ihm ab und vergiftet ihn gar. Wiard Witholt gestaltet diesen Wechsel absolut überzeugend. Obwohl Ulf Paulsen in dieser Oper eine relativ kleine Rolle zu gestalten hat, kann man sich ihm weder vokal noch darstellerisch entziehen. Er ist ein Verbündeter Alpbonses und damit Drahtzieher düsterer Machenschaften. Kostadin Aguirov als Borella, .Angus Wood als Vertraute Alfonses und Stephan Biener als Moreno runden ein absolut intaktes Ensemble ab. Mit Umsicht und Esprit wurde das Ensemble von Antony Hermus am Pult der engagiert spielenden Anhaltischen Philharmonie trefflich unterstützt. Der Dirigent weiß um die Schönheiten der packenden Musik und lässt sie deshalb entsprechend nuanciert und facettenreich erklingen. Ein Genuss! Der Opernchor des Anhaltischen Theaters wurde durch Mitglieder des Coruso Chores aus Berlin klangvoll unterstützt. Die Chorleitung oblag Helmut Sonne. Das konnte sich hören und sehen lassen. Ein Extralob verdienen auch die Mitglieder des Kinderballetts des Theaters, die in der Choreografie von Gabriella Gilardi die Intentionen des Regieteams wirkungsvoll unterstützten. Das Beispiel Dessau in Bezug auf Auber sollte Schule machen. Es lohnt sich!
23.06.2010, 14:00 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
484
23.06.2010, 14:00 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
483
Helmut Rohm, Volksstimme, 21. Juni 2010
Premiere von Verdis Oper "Ein Maskenball" in Dessau begeistert aufgenommen
Der Fall eines Schwedenkönigs: Tragisch und auch komisch
Der Schuss kam aus der vierten Reihe im Parkett. Der Darsteller von Gustav III., Hector Sandoval, sank auf offener Bühne, tödlich getroffen, zu Boden. Nachdem gerade die Premiere von Guiseppe Verdis Oper "Ein Maskenball" am Anhaltischen Theater Dessau bravourös zu Ende gegangen war. Verwirrung im Publikum, zunächst jedenfalls.
Alles nur gespielt. Ein letzter überraschender Einfall des Regisseurs Roland Schwab. Er wob in seine Inszenierung durchgängig eine spürbar komödiantische Note ein. Aufgesetzte Pseudomoderne? Werden Gefühle der Lächerlichkeit preisgegeben, wird Verdi gar verhunzt?
Kaum. Mehr wohl ist es eine Erzählweise, bei der Roland Schwab ganz dicht aus der realen Figur des schwedischen Königs "schöpfte". Mit seiner manischen "Theaterbesessenheit" machte sich der König in seinen Kreisen oft lächerlich. Bis in den Tod - eben auf einem Maskenball.
Gustav III. durchlebte, in der faszinierenden gesanglich und schauspielerisch trefflichen Darstellung von Hector Sandoval, einen wahren Gefühlstaumel. Er gab nichts auf Warnungen seiner Freunde, nahm das Leben, wie es kam. Er wollte die Freundschaft zu seinem Freund der Liebe zu dessen Gattin opfern. Tiefe Reue und Glauben an Treue, Verzicht und Verzeihung - hehre Haltungen, die letztendlich zu spät kamen, für ihn jedenfalls. Der König ist tot. Das Volk huldigt dem Sterbenden.
Mit in diese geheimnisvollen Verwirrungen hat Gustav III. Amelia, die Ehefrau seines Freundes René, gerissen. Leiden und Lieben - hinreißend präsentierte sie Iordanka Derilova, gesanglich mit scheinbarer Mühelosigkeit, Emotionen mit der letzten Faser ihres Körpers ausdrückend. Der Zuschauer litt mit.
Ulf Paulsen ließ den Gast die wechselvollen Gefühle und Tiefschläge des René Anckarström ebenso emotional nachvollziehen.
In ihrer Rolle als Page Oscar trumpfte Cornelia Marschall mächtig und erfrischend auf - ein bisschen Mephisto, die Fäden immer in der Hand und stets durchblickend.
Auch die Szenen der dreiaktigen, fast dreistündigen Oper, die karg an aktionsreicher Handlung, jedoch reich an Gefühlssprache, wie in den Arien und Duetten, waren, wurden durchweg spannend, letztendlich auch kurzweilig unterhaltend inszeniert. Die Dessauer Aufführung wählte das italienische Original mit deutschen Obertiteln.
Diese begeistert aufgenommene Premiere lebte von einer stimmigen Komplexität. Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus verinnerlichte die faszinierende Musik von Verdi. Sie spielte lustvoll beschwingt auf, traf mit genau solcher Präzision und emotionaler Ausstrahlung die dramatisch-tragischen Sequenzen.
Abrupte Handlungs- und Stimmungswechsel, fast von Bild zu Bild, gingen neben der wechselvollen Musikvielfalt oft mit fantasievollen Bühnenbild-Wechseln (Bühne Hartmut Schörghofer) einher. Ausgelebte Details, wie bei der schaurigen Zauberei der Wahrsagerin Ulrika - Rita Kapfhammer in einer Paraderolle - in Symbiose mit angedeuteter Symbolik prägten diese Inszenierung, forderten die Fantasie der Zuschauer. In ähnlicher Betrachtungsvariabilität waren die Kostüme von Frank Fellmann gestaltet.
Markantes Bühnenelement war ein großer geneigter Spiegel, der, dem Reflexionsgesetz folgend, ungewohnte Ansichten und "Einblicke" bot. Ein ebenso dominantes Rondell "spuckte" von Zeit zu Zeit, wie aus dem Nichts kommend, Figuren aller Couleur aus.
Apropos viele Menschen. Der Opernchor (Leitung Helmut Sonne) war nicht nur für den handlungsvorantreibenden Text verantwortlich. Die Damen und Herren waren "integriertes Leben" des Stückes.
In weiteren Rollen waren Wiard Witholt, Nico Wouterse, Rosen Krastev, Filippo Deledda und Alexander Dubnov zu erleben.
Die nächsten Aufführungen stehen am 27. Juni und am 3. Juli auf dem Spielplan.
01.06.2010, 12:53 | tags:
Ballett
, Pressestimmen
464
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 31.05.2010
Ist da noch Hoffnung im „Nachtasyl“?
Begeisterung für Ballett-Uraufführung in Dessau
Ein großes schwarzes Tuch überdeckt am Schluss die gesamte Bühne. Die letzten leisen Töne von Detlef Glanerts Komposition „Mahler/Skizze“ verlieren sich im Raum. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es oft. Für die noch im Nachtasyl Verbliebenen hat offensichtlich die Hoffnungslosigkeit gesiegt.
Im Anhaltischen Theater Dessau hatte am Sonnabendabend die Ballett-Uraufführung „Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe“ in der Choreografie von Ballettdirektor Tomasz Kajdanski Premiere. Literarische Vorlage bildet Maxim Gorkis gleichnamiges Schauspiel aus dem Jahr 1901.
Kajdanski konfrontiert die Zuschauer mit den Zuständen in einem heutigen „Nachtasyl“. Symbolhaft lokalisiert er das mehr Zusammenhausen dieser Gruppe im und mit dem Leben nicht Zurechtkommender in einem großen Schwimmbecken (Ausstattung Dorin Gal).
Im ersten Teil „Rasend vor Ohnmacht“ offenbaren die Tänzer schonungslos die Lage der von ihnen dargestellten Personen. Die ausdrucksstarke Bewegung, die Mimik bis ins kleinste durchdachte Detail, potenziert durch die Anhaltische Philharmonie unter Wolfgang Kluge, lässt den Zuschauer eindringen in das oft erschütternde, von Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, aber auch Wünschen geprägte Fühlen und Handeln der Figuren. Nichts zum Genießen, wenn auch die durchweg professionelle Tanzinterpretation den Zuschauer fasziniert.
Als in Teil zwei („Hoffnung“) Luka (Joe Monaghan in Paraderolle), eine zwiespältige Gestalt, im Nachtasyl auftaucht, scheint es Hoffnung zu geben, eröffnet sich die Möglichkeit, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Schönbergs Komposition „Verklärte Nacht“ bietet den stimmigen Background.
Luka geht. Im dritten Teil „Endzeit“ brechen Hoffnung und Zuversicht wie ein Kartenhaus zusammen. Es wird noch dramatischer. Pepel (Juan Pablo Lastras-Sanchez) ermordet Kostylew (Gorden Wannhoff). Kleschtsch (Rai-Hilmar Kirchner) beerdigt seine Frau Anna (Anna Maria Tasarz). Der Schauspieler (Ion Beitia) begeht Suizid. Schließlich deckt das schwarze Tuch alles zu. Totales Chaos. Endzeit? Alles vorbei? Der Zuschauer wird, so er sich öffnet, zum Nachdenken angeregt sein.
In weiteren Rollen: Yun-Ju Chen, Laura Costa Chaud, Yuliya Gerbyna, Jonathan Augereau und Denise Evrard.
Das Publikum im gut besuchten Theater honorierte den Ballettabend mit Begeisterung und zahlreichen Bravos.
31.05.2010, 12:12 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
458
Stefan Mauß, Opernglas, Juni 2010
La Muette de Portici
Wenn ein privater Fernsehsender eine Show mit dem Titel "Die verrücktesten Opern" ausstrahlen würde, hätte Daniel Francois-Esprit Aubers »Die Stumme von Portici« ohne Zweifel Chancen auf den Gesamtsieg. Das 1828 in Paris uraufgeführte Stück hat eine Titelheldin, die überhaupt nicht singt und zudem den ungewöhnlichsten Opern-Tod sterben muss: Sie stürzt sich in die Lavamassen des ausbrechenden Vesuvs. Bekannt ist es aber bis heute durch einen anderen Umstand: Es löste im Jahr 1830 in Brüssel die Revolution aus und führte damit zur Gründung Belgiens. So dürfte »Die Stumme« wohl auch die einzige Oper sein, die nachhaltig Weltpolitik gemacht hat.
In den letzten Jahrzehnten ist es allerdings ruhig um dieses unruhige Werk geworden, das über 100 Jahre lang ein verlässlicher Publikumsknüller in den Spielplänen der großen europäischen Opernhäuser gewesen ist und das Genre der "Grand Opera" begründet hatte. Allerdings fordert es als solche auch einen enormen musikalischen und szenischen Aufwand und ist aus heutiger Sicht sicher nur beschränkt "regietheaterkompatibel", wenngleich der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull einige Tage vor der Premiere dem Stoff zumindest eine überraschende Aktualität verliehen hat.
Eugene Scribe ließ sein Original-Libretto im spanisch besetzten Neapel von 1647 spielen. Dort liebt Alphonse, Sohn des Vize-Königs, Fenella, die stumme Schwester des Fischers Masaniello, muss aber aus Gründen der Staatsräson Elvire heiraten. Masaniello will die Ehre seiner Schwester rächen und gleichzeitig einen Aufstand gegen die verhassten Spanier organisieren, der zunächst erfolgreich beginnt. Als Masaniello dem Morden aber doch ein Ende bereiten will, wird er vergiftet. Leider etwas zu früh, denn das Volk will sich nur von ihm in die letzte Schlacht gegen die Spanier führen lassen. Masaniello kann vor seinem Tod aber noch Alphonse und Elvire retten, seine stumme Schwester stürzt sich jedoch verzweifelt in den Tod.
In Dessau hatte man seit der dortigen Erstaufführung 1830 nie Angst vor diesem gewaltigen und gewalttätigen Stoff, was die insgesamt sechs (!) Neuinszenierungen der Oper zeigen. Die letzte fand zu DDR-Zeiten 1958 statt und wurde politisch etwas frisiert:
Weil eine scheiternde Revolution schlecht passte, wurden kurzerhand Tod und Vesuv gestrichen, und Fenella zog mit Masaniello mit fliegenden Fahnen in die Revolution. Derartig entstellende Eingriffe hatte Dessaus regieführender Intendant André Bücker nicht nötig, vor allem weil eine sehr tragfähige Idee das Werk in unsere Zeit transferierte. Dabei musste er lediglich die Camorra zu den Besatzern der Stadt Neapel machen. Und dieser Kunstgriff funktionierte fantastisch. Schon der Beginn zeigte mit Containern voll Schmuggelware und Bergen von Müllsäcken gleich sehr bildlich, dass es heute in Süditalien nicht mehr die friedlichen Fischer sind, denen die Häfen gehören. Eine Camorra-Jacht im Rohbau sowie geschickt eingebaute Video-Projektionen komplettieren das flexible Bühnenbild von Jan Steigert. Suse Tobischs in jeder Hinsicht farbigen Kostüme fügten sich perfekt in diese Szene, wenngleich manches doch etwas zu schrillbunt wirkte. Wenn eine Fischmarktfrau etwa keine Waffe, sondern einen Plastikhummer revolutionär in den Himmel streckt, wirkt das doch etwas zu billig. Aber auch in dieser Inszenierung ist die Revolution letztendlich eine Utopie: Nach dem Vulkanausbruch bleibt in seinem Rollstuhl satanisch lachend der Pate zurück. Gewalt und Unterdrückung überleben selbst Naturkatastrophen. Dem Regisseur gelingt es ausgezeichnet, die Handlungsstränge des Stückes sichtbar zu machen, ohne den untauglichen Versuch gestartet zu haben, der Oper einen ideologischen Überbau zu verpassen, den diese schlichtweg nicht besitzt. Auber hat sehr professionell und geschickt ein Werk geschrieben, das Opernunterhaltung auf hohem Niveau bietet - nicht mehr aber eben auch nicht weniger. Und diese Mischung aus Sex and Crime funktioniert auch beim heutigen Publikum noch.
Die Partitur zielt dabei musikalisch nicht auf Experimentelles ab, da waren Aubers Zeitgenossen schon viel weiter, wenn man sich vor Augen führt, dass Webers »Freischütz« sieben Jahre vor der »Stummen« das Licht der Opernbühne erblickt hat. Dennoch ist die Partitur sehr geschickt konzipiert und darin musikalische Formen wie Tarantella, Guarache, Barcarole oder Bolero verarbeitet, um der durch und durch französischen Tonsprache italienische und spanische Exotizismen einzuflechten. Die Ensemblekunst Aubers vermag auch heute noch restlos zu begeistern, während manche Arien doch eher wie Meterware daher kommen. Man kann nachvollziehen, dass diese Oper im 19. Jahrhundert einer der Blockbuster der europäischen Spielpläne war.
Bei GMD Antony Hermus lag die Musik in den allerbesten Händen. Schon im Vorspiel entfachte er ein musikalisches Feuer, nicht zuletzt durch die sehr sicher spielende und rhythmisch sehr präzise agierende Anhaltische Philharmonie am Lodern halten wurde. Hermus gelang es grandios, die Klangmassen im Graben und auf der Bühne zu koordinieren, dabei war er nicht nur dem gut einstudierten Chor (Helmut Sonne) eine große Stütze, sondern er nahm die Orchesterfluten auch augenblicklich zurück, sobald er merkte, dass einer der Solisten in dynamische Nöte geriet. Das Solistenensemble war allerdings nicht nur sehr gut ausgewählt, es harmonierte, beziehungsweise kontrastierte (Tenorpartien) hervorragend miteinander. Primus inter Pares war der mexikanische Tenor Diego Torre als Masaniello. Der Domingo-Zögling war in Los Angeles schon als Don José und Bacchus zu hören und steht bereits für kleinere Partien auch in der Met auf der Bühne. Für sein Europadebüt hatte er sich eine sehr fordernde Partie ausgesucht, die er mit Bravour bewältigte. Torres Tenor verfügt über nahezu endlose Kraftreserven und spricht in der Höhe tadellos an - und die Höhe ist hier sehr häufig oberhalb des hohen "A" gefordert. Der Registerwechsel ist manchmal noch etwas ruppig und die Mittellage etwas ungleichmäßig in der Klangqualität, unterm Strich aber ist das ein Tenor, der ohne jeden Zweifel bald an größeren Häusern auch in Europa seinen Platz finden wird.
Mit Angelina Ruzzafante hatte er eine EIvire zur Seite, die sängerisch durchaus mithalten konnte. Ihr warmer Sopran sprach in allen Lagen gut an und stellte sich auch den sehr anspruchsvollen Koloraturen und Septsprüngen der Auftrittsarie erfolgreich. Eric Laportes eleganter, nicht sehr großer, aber sicher und kontrolliert geführter Tenor passte perfekt zum Sohn des Vizekönigs und kontrastierte damit hervorragend mit dem schweren Tenor seines Gegenspielers.
Auch die kleineren Rollen waren sehr gut besetzt. Wiard Witholt als Masaniellos Freund und späterer Mörder Pietro blieb dabei besonders im Ohr. Witholt verfügte nicht nur über die benötigte dunkle Klangfarbe für diesen Charakter, sondern zudem auch über eine bombensichere Höhe, die es ihm ermöglichte, auch noch die Barcarole im 5. Akt zu bewältigen, die dem Sänger einiges an Fiorituren und großen Intervallsprüngen abverlangt. Den größten Applaus des Abends erhielt aber jemand, der gar nicht gesungen hatte: Gabriella Gilardi als stumme Fenella hatte mit bewegendem tänzerischen Ausdruck die Seelenqualen der betrogenen (und zum Schluss auch noch schwangeren) Fischerstochter auch ohne jeden Ton berührend dargestellt.
28.05.2010, 10:40 | tags:
Ballett
, Pressestimmen
453
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 28. Mai 2010
Gefangen in Hoffnungslosigkeit oder Aufbruch mit Hoffnung?
Ballettinszenierung „Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe“ erlebt morgen Uraufführung
Das Stück „Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe“ von Maxim Gorki wählte Tomasz Kajdanski, Ballettdirektor und Chefchoreograf am Anhaltischen Theater, als literarische Grundlage für die zweite Dessauer Ballettproduktion der laufenden Spielzeit. Premiere ist am kommenden Sonnabend, dem 29. Mai, um 19.30 Uhr.
Maxim Gorki schrieb sein „Nachtasyl“ 1901. 1902 erlebte das Schauspiel in Moskau seine Uraufführung und 1903 in Berlin die deutsche Erstaufführung.
Man könne ein Schauspiel natürlich nicht „nur einfach vertanzen“, so Chefchoreograf Kajdanski. Wobei die Vorlage schon immer präsent sei. Ihm, der gesamten Companie, eingeschlossen die Anhaltische Philharmonie, komme es darauf an, dem Zuschauer eine Inszenierung vor allem „zum Nachdenken, auch zum Weiterdenken“ anzubieten.
Im Nachtasyl, bei Kajdanski räumlich ein großes Schwimmbecken, treffen Menschen mit ganz verschiedenen Biografien und Lebensauffassungen aufeinander. Sie sind dort gewissermaßen „gefangen“, obwohl sie, im Bühnenbild auch symbolisiert, den Ort verlassen könnten. Ihre Grundhaltung ist eher düster-pessimistisch. Die Bewohner bilden keine Gemeinschaft. Hoffnungslosigkeit, Elend, Rücksichtslosigkeit, Gewalt, manchmal auch Träume, sind einende Lebensfaktoren.
Erst als plötzlich Luka auftaucht, keimen Hoffnungen. „Luka ist ein seltsames Wesen, ein Pilgerer, mit anderer Emotionalität als die Übrigen. Er bietet eine Art Hilfe oder Rettung an. Er wirkt irgendwie erfrischend, oft auch mit möglicherweise zynischem Beigeschmack“, charakterisiert Joe Monaghan (25) die Figur, die er tanzt und die für ihn eine besondere Herausforderung sei. Als Luka bringt Joe Monaghan „Bewegung“ in das an sich schon aktionsreiche Nachtasyl.
Der im englischen Leeds geborene Tänzer hatte sich mit 16 zwischen Tanz und Schauspiel zu entscheiden. „Etwas anderes hätte ich mir gar nicht vorstellen können“, erzählt er in perfektem Deutsch. Joe Monaghan hat drei Jahre in London Ballett studiert. „Weil es in Deutschland mehr Companien gibt, ging ich nach Deutschland. Von dem Land kannte ich nur die üblichen Klischees, die Sprache überhaupt nicht“, erzählt er lachend. Sein erstes Engagement hatte er in Eisenach.
„Ich lernte einen sympathischen, wohlerzogenen, jungen Mann aus England kennen, der dazu auch noch hervorragend tanzen konnte“, erinnert sich Tomasz Kajdanski, damals Chefchoreograf in Eisenach, an die erste Begegnung. Joe Monaghans erste „richtige“ Rolle war dort der „Moritz“ in „Max und Moritz“. „Eine verdammt schwere Rolle“, so der Tänzer. „Die er fantastisch gemacht hat“, kommt vom Choreografen. Inzwischen tanzte der junge Engländer verschiedene Rollen, stellte ganz unterschiedliche Charaktere dar.
In Dessau, wo „der Weg vom Bahnhof zum Theater wahrlich keine spannende Strecke ist“, spürt er im Theater selbst umso mehr „eine große Energie, einen mitreißenden Enthusiasmus“.
„Schafft es der Mensch, oder schaffen es zumindest einige, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen? Kann er seine Persönlichkeit entwickeln, so dass er Fortschritte macht? Bleibt der Mensch passiv stehen oder wird er selbst aktiv?“ Das Ballett „Nachtasyl“ möchte dazu Ansätze zu möglichen Antworten geben.
„Das sind für mich ungemein aktuelle Fragen. Daraus ergeben sich Anforderungen an jeden, mehr oder weniger“, begründet Tomasz Kajdanski gerade diese Machart seiner Inszenierung. Zu der auch in allen drei Teilen, die ohne Pause aufgeführt werden, die Musik gehört. Die Anhaltische Philharmonie spielt unter Kapellmeister Wolfgang Kluge.
Tomasz Kajdanski und Wolfgang Kluge haben sehr intensiv die Musik ausgesucht – einem frühen romantischen Arnold Schönberg und zwei Stücke vom zeitgenössischen Komponisten Detlev Granert. „Die drei Stücke sind ideal für das Erzählen der Geschichte“, so der Dirigent. „Mit einer enormen Bildsprache“, fügt der Choreograf hinzu.
06.05.2010, 09:44 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
426
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 05.05.2010
Eine lustvolle, unendlich tragische Geschichte
Niklas Ritter inszeniert auf der Studiobühne des Anhaltischen Theaters Dessau „Carmen Kittel oder Ich wünsch mir Sonnenstrand“ / Premiere am Freitag
„Sie können unmittelbar – nicht vor der Glotze, wie in einer Vorabendserie – eine große lustvolle, unendlich tragische Geschichte erleben und sehen“, machen Niklas Ritter, Regisseur, und Holger Kuhla, Dramaturg, auf „Carmen Kittel oder Ich wünsch mir Sonnenstrand“ neugierig. Das Schauspiel des Dessauer Autors Georg Seidel (1945-1989) hat am kommenden Freitag, dem 7. Mai, um 19.30 Uhr auf der Studiobühne
des Alten Theaters Dessau Premiere.
„Carmen Kittel“, sagen die beiden Theaterleute auch, habe allerdings bedeutend mehr inhaltlichen Tiefgang als jede der schier nicht enden wollenden Fernseh- Soaps.
Die Auswahl gerade dieses Stückes „bedient“ das diesjährige Motto des Dessauer Schauspiels „radikal deutsch“ sehr trefflich. Und die Inszenierung bekommt mit der Wahl des Stücks vom viel zu früh verstorbenen Dessauer Georg Seidel einen vom Anhaltischen Theater gepflegten regionalen Bezug. Der Autor wird wieder verdientermaßen ins Gedächtnis zurückgeholt.
Georg Seidel, so Holger Kuhla, gilt neben Heiner Müller und Volker Braun als einer der wichtigsten Dramatiker der Endphase der DDR. Die Carmen-Geschichte hätte sich so in Dessau oder der Region abspielen können.
In „Carmen“ wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die nach einer Heimkindheit mit 18 Jahren in den Arbeitsalltag der beginnenden 80er Jahre der DDR entlassen wird. Sie arbeitet, sie lernt Männer kennen, sie verliebt sich. Sie ist aber auch unfähig, sich anzupassen und träumt sich in ein eigenes Leben. Alles geht seinen „realsozialistischen Gang“ – oder eben nicht, ist doch hoffnungslos. Ohne dem Schluss vorgreifen zu wollen: „... erfüllt sich ihr Schicksal auf außergewöhnliche Weise“ (Programmflyer).
Letztendlich, erklärt Regisseur Niklas Ritter, war das Stück, kurz vor der Wende geschrieben, scheinbar überholt, aber eben nur scheinbar. Es behandelt „deutsche Grundprobleme“ wie Liebe, Verrat, Isolation, Widerstand, Glück ... Sie durchziehen sowohl 60 Jahre BRD als auch 40 Jahre DDR. Mehr noch: Sie sind Phänomene des menschlichen Daseins.
Niklas Ritter spannt den gedanklichen Bogen sogar bis zur Novelle „Carmen“ von Prosper Mérimée aus dem Jahre 1847, die die Grundlage für die gleichnamige Bizet-Oper bildete. Es geht um das Schicksal junger Frauen, dort Zigarettenarbeiterinnen, hier Kartoffelschälerinnen. Auch um das jeweilige gesellschaftliche Umfeld.
Niklas Ritter ist Absolvent des Leipziger Literaturinstitutes. Er wäre gern auch Fußballer geworden, doch „zur großen Karriere reichte es nicht“, erzählt der Berliner lächelnd. Das Reisen durch die Welt ist seine zweite Leidenschaft, ein Jahr Ethnologiestudium war ein Einstiegsversuch in eine mögliche Berufsentscheidung. Nach Theater-Hospitanz habe er jedoch gespürt, dass das „Schreiben und Arbeiten mit Menschen bedeutend mehr Spaß macht, mir mehr bringt als ohne“. Und selbst wenn man eine Vorlage habe, erzähle man mehr oder weniger seine Geschichte, lasse zumindest eigene Erfahrungen einfließen.
Das ist auch bei der aktuellen Inszenierung so, bei der Niklas Ritter eigene Lebenserfahrungen, die seiner Schauspieler und insbesondere die der beiden mitwirkenden Dessauer Laiendarsteller verwendet.
An seine eigene erste große Inszenierung erinnert er sich noch gut, sicher auch gern: Meiningen 2004, Weihnachtsmärchen „Lilly auf der Erbse“. Eine moderne Uraufführung und – 50 ausverkaufte Vorstellungen. Seit Meiningen kennt er ebenfalls die damals dort tätige Andrea Moses, die jetzt leitende Regisseurin Musiktheater/ Schauspiel in Dessau ist. Ihr war klar, später auch in der gesamten neuen Dessauer Intendanz: „Mit Niklas Ritter machen wir etwas“.
Er ist sowohl Regisseur wie erfolgreicher Videokünstler. Niklas Ritter war und ist teilweise auch noch unter anderem in Leipzig, Köln, Frankfurt, Dresden und Hamburg tätig. Das Maxim-Gorki-Theater Berlin ist eine seiner wohl beliebtesten Wirkungsstätten mit eigenen Inszenierungen, als Videokünstler in der Zusammenarbeit mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten.
Die Proben zu „Carmen Kittel“ laufen seit Ende März. „Und – wir schaffen es“, ganz optimistisch ist der Regisseur Niklas Ritter.
In der Hauptrolle der Carmen ist Ines Schiller zu erleben. Mit dabei sind Susanne Hessel, Regula Steiner-Tomic, Eva-Marianne Berger, Sebastian Müller-Stahl, Thorsten Köhler, Jan Kersjes sowie die beiden Dessauer Laiendarsteller Karin Klose und Helmut Szulczyn.
23.04.2010, 12:52 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
407
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 23.04.2010
Der mexikanische Tenor Diego Torre ist Masaniello in Auber-Oper / Morgen ist Premiere in Dessau
Europa-Debüt an der Mulde-Bühne
Zugegeben, diese aktuelle Beziehung ist weit hergeholt, auch fragwürdig. Gegenwärtig hält ein in Island ausgebrochener Vulkan fast ganz Europa in Atem. In der Oper „Die Stumme von Portici“ stürzt sich die Hauptperson, eben das stumme Mädchen Fenella, total verzweifelt, in den gerade ausgebrochenen Vulkan Vesuv. Am Anhaltischen Theater Dessau hat in der Regie von André Bücker diese Oper von Daniel- Francois-Esprit Auber am Sonnabend Premiere. Diego Torre ist als Fenellas Bruder Masaniello zu erleben.
Die ursprünglich 1647 in Portici und Neapel angesiedelte Handlung hat nach der Uraufführung am 25. August 1830 die Belgische Revolution ausgelöst. Die Aktualität der Oper liegt also doch wohl mehr auf anderen Ebenen. „Das Thema Freiheit, das Thema Befreiung von Unterdrückung aus den Fesseln einer stärkeren Macht, das Thema Rache – das sind natürlich zutiefst urmenschliche Themen, die immer wiederkehren und deswegen immer wieder in der Kunst auch behandelt werden“, hebt Generalintendant Bücker hervor. In seiner ersten Dessauer Operninszenierung möchte er seinem Publikum den Kern der Geschichte spannend erzählen, die Zuschauer interessieren, bewegen, mitreißen und begeistern.
Die Machtkonstellationen des Aufstandes armer neapolitanischer Fischer gegen die spanischen Besatzer und ihren Unterdrückungsapparat transformiert Bücker in das Neapel der Gegenwart. Weg vom meist verklärten Urlaubsblick, stellt er den Aspekt der totalen wirtschaftlichen Kontrolle dieser Region durch eine Macht außerhalb der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung – der Camorra – in das Zentrum der Geschichte.
Die Clan-übergreifende Hochzeit aus strategisch- machtpolitischen Gründen zwischen Elvire und Alphonse, dem Sohn eines Paten, ist arrangiert. Dieser hatte kurz zuvor eine Liaison mit Fenella, die er liebt oder glaubt zu lieben, die er verführt hat? Dennoch wird er aus "Vernunftsgründen" Elvire heiraten (müssen). Masaniello ist Anführer der Fischer - bei Bücker der Hafenarbeiter. Er ist aber auch Bruder der stummen Fenella, deren Ehre er wiederherstellen, die er rächen möchte.
Masaniello, die zentrale Figur der Geschichte, wiegelt auf, stachelt "das Volk" zum Umsturz an. An seiner Seite ist sein bester Freund Pietro, zunächst jedenfalls. Und es wird kein letztendlich kein gutes Ende geben.
In der Rolle des Masaniello wird das Dessauer Publikum den mexikanischen Tenor Diego Torre (30) bei seinem Europa-Debüt erleben.
Sein Grundschullehrer hatte ihn "entdeckt", den Eltern angeboten, ihn sängerisch zu unterrichten. "Musik und Singen gehören bei uns in Mexiko an sich zum ständigen Leben“, erzählt Diego Torre. Möglicherweise wäre er auch Mathematiker geworden, dieser Bereich interessiere ihn ebenfalls. Er hat sich aber letztendlich für Gesang entschieden. Auch vielleicht, weil viele immer wieder gesagt haben: „Das kannst du ganz toll, das musst du machen“, erinnert er sich lachend.
Diego Torre studierte an der Mexico‘s National School of Music. Sein Debüt gab er an der National Opera of Mexico in Verdis „La Traviata“ als Gaston. An der Los Angeles Opera war er zwei Jahre als Domingo-Thornton Young Artist, wo er in der vergangenen Spielzeit erstmals als Don José
in „Carmen“ auftrat. In dieser Spielzeit debütierte er bereits an der Metropolitan Opera New York.
Diego Torre belegte 2008 beim Wettbewerb „Neue Stimmen“ in Gütersloh den dritten Platz. Heribert Germeshausen, Leitender Dramaturg/Operndirektion des Anhaltischen Theaters, bot ihm die Rolle des Masaniello in Dessau an. "Ich kannte weder die Rolle noch die Oper", erzählt Diego Torre. Als er jedoch die Noten hatte, war ihm nach einer Woche klar, dass es "eine anspruchsvolle Rolle ist" und "dass ich sie singen möchte".
In weiteren zentralen Rollen sind Angelina Ruzzafante, Wiard Witholt und Eric Laporte/Oscar de la Torre zu hören. Die Oper wird in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln gezeigt.
Die musikalische Leitung liegt bei GMD Antony Hermus. Fenella, die Titelfigur, ist mit der Tänzerin Gabriella Gilardi besetzt. Erstmalig wirkt auch das Kinderballett unter der Leitung von Gabriella Gilardi an einer Inszenierung mit. Die Premiere ist am Sonn- abend, dem 24. April, um 19.30 Uhr. Die nächsten Aufführungen finden am 30. April und 2. Mai statt.
17.02.2010, 17:53 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
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Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 15.02.2010
Vom Souterrain im Bauhaus auf das Dach der Welt
Schauspieler Uwe Fischer erweckt „Milarepa“ von Eric-Emmanuel Schmitt im Bauhaus- Heizungskeller.
Er war Nagetier, Maus oder Ratte, Libellenspucke, Eiterpustel, mit Verlaub ein „arschgesichtiges Stück Scheiße“. Nun sitzt Simon im Heizungskeller des Weltkulturerbes und schmaucht den Qualm der Wiedergeburt, raucht wie die Frau im Café in Montmartre, die sich an seinen Tisch setzte, das angebissene Croissant aus seiner Hand nahm, es wie selbstverständlich aufaß und ihm dartat, dass er Swastika sei. Swastika kreiselt seit Jahrhunderten im Rad der Reinkarnation, rotierend um den Hass auf seinen Neffen. Erst wenn er dessen Geschichte, die Geschichte des großen Yogi Milarepa hunderttausend Mal erzählt habe, könne er frei sein.
Zum ersten Mal erzählte am Freitag Uwe Fischer die Geschichte des Bestseller-Autors Eric-Emmanuel Schmitt zur Schauspielpremiere des Anhaltischen Theaters im Bauhaus. „Milarepa“ gehört wie „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ zum „Zyklus des Unsichtbaren“. Andrea Moses hat den Monolog inszeniert. Ein Bühnenbildner wurde nicht verpflichtet. Und siehe, der Keller gibt würdig alle Orte. Dass es so selbstverständlich vom Souterrain aufs Dach der Welt geht, ist vor allem Fischers Verdienst. Mit seinen rasend fauchenden, ironisch gebrochenen, elegisch einfühlsamen Seelenwanderungen häufelt er sich hier einen ganzen Batzen guten Schauspieler-Karmas an. Aber was ist eine Figur mehr als eine Geste, eine Stimmlage, ein Augenaufschlag, wenn das Ich nur „ein Gepäckstück mit Gewohnheiten und Reflexen“ vorstellt?
Simon, die französische Reinkarnation Swastikas, träumt jede Nacht einen unsäglichen Hass. Die Frau, die das angebissene Croissant aß, deutet den Traum. Der Traum vermengt sich mit der Realität, Simon mit Swastika, der, habgierig und gekränkt durch wohlhabendes Mitleid, den Neffen Milarepa als Vormund um sein Erbe prellte. Milarepa verschrieb sich der schwarzen Magie, rächte sich mit rossigen Stuten, nahm dem Onkel die Söhne und den Besitz, stürzte das Dorf ins Verderben. Der Onkel kam wieder zu einigem Wohlstand, behielt den Hass. Der Neffe wechselte den Kurs, bestieg das Diamantfahrzeug des tibetischen Buddhismus.
Marpa, der Übersetzer, ließ Milarepa hart, zynisch und väterlich büßen, bevor er ihn einweihte, einmauerte zur elfmonatigen Meditation. Auf den Weg gebracht, erreichte Milarepa das Ziel, als ihm, dem Einsiedler, das irdene Gefäß, in dem er seine Nesseln kochte, zersprang. Nun blieb ihm nichts mehr, also alles. Swastika, der in Angst vor dem Tod als Räuber allen Besitzes und im ewigen Hass auf den Neffen starb, musste sterbend erkennen, dass Milarepa „mit seinen unter wächserner Haut hervorstehenden Knochen, die Glückseligkeit gefunden hatte“. Schmitts Schrift ist ein beschleunigter Aufriss der im 15. Jahrhundert verfassten Lebensgeschichte des im 11. Jahrhundert in Tibet lebenden Lehrers Milarepa, versehen mit einem kleinen Rahmen, dem Croissant und der Reinkarnation. Bald märchenhafter Krimi, bald gleichnishafte Lehre bietet Schmitt Hochgeschwindigkeits-Buddhismus, der einem mit dem kurzweiligen Atem des Nichts die eilende Frage nach dem Menschsein und einige wahrlich weise Bonmots um die Ohren pustet.
Die elfmonatige Meditation dauert auch nur eine groß geschriebene kleine Seite des dünnen Buches, das man flott im Stehen lesen kann. Aber noch unterhaltsamer ist es, im Heizungskeller zu sitzen und Uwe Fischers gesammelten Seelenwanderungen beizuwohnen. Der kippelt sich standfest durch die Reinkarnationen, hasst, wie „schwarze brodelnde Milch“ überkocht, rächt, wie rossige Stuten verkehren, und verkauft ewige Meditationen nebst versöhnlichen Weltweisheiten buddhistischer Provenienz ganz ehrlich im Minutentakt. Das ist Buddhismus mit Biss, cross wie ein Croissant, das einem eine fremde Frau in einem Café in Montmartre wegisst.
Nächste Vorstellung am 5. April im Bauhaus-Heizungskeller.
17.02.2010, 17:45 | tags:
Musiktheater
, Pressestimmen
282
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 16.02.2010
Namenlos auf großer Tour
ALTES THEATER Musiktheater für Kinder stellt „Schaf“ in den Mittelpunkt. Dirk Schmeding inszeniert eine abenteuerliche Reise, die die Zuschauer begeistert
Alles beginnt mit einem Handschlag und ordentlich Spucke drauf. Was gemeinhin feucht eine Freundschaft besiegelt, stürzt Schaf in tiefste Ratlosigkeit. Bis zum folgenschweren Händedruck war das Leben für das Tier in Ordnung. Es war eben ein Schaf, eines unter vielen. So ist das, wenn man in Herden lebt. Nun aber hat Schaf einen Freund, Lorenzo heißt der, ist Prinz und schon des Thrones überdrüssig, obwohl er noch gar nicht darauf saß. Schaf hilft ihm, die Krone zu verstecken, und dies ist dem Königssohn die Freundschaftsanfrage wert. Weil Mensch aber nicht nur einfach Katze und Hund oder Junge und Mädchen zum Freund hat, weil alles einen Namen hat, meint Lorenzo, dass dies auch für Schaf gelten müsse. Also zieht Schaf in die Welt, um dazu zu gehören.
Die Suche startet auf der Studiobühne des Alten Theaters. Schaf zieht sich die Reiseschuhe über, wickelt den Schal um den Hals, schnürt den Rucksack, setzt den Helm auf - aus einem Strohballen wird ein Reisegefährt und am Horizont führt die Straße ins Unendliche und eine ungewisse Reise. Dirk Schmeding nimmt Kinder ab fünf Jahren auf dieser Schaf-Tour mit. Er hat „Schaf“, ein Musiktheaterstück für Kinder von Sophie Kassies, inszeniert, und das Publikum damit in Begeisterung versetzt.
Nicole Bergmanns Bühne atmet mit ihren rustikalen Brettern geradezu die Landluft, kann Tanzboden gleichermaßen wie später auch Friedhof sein. Darin agiert mit größter Spielfreude ein bunt gemischtes Ensemble mehrerer Sparten: zwei Schauspieler, zwei Sängerinnen und zwei Musiker. All diese braucht’s in Schaf, denn das Stück ist reich versehen mit barocker Musik von Händel, Purcell und Monteverdi. Autorin Kassies hat den Arien neue Texte gegeben, die die Handlung forcieren und kommentieren. Schmeding lässt die Sängerinnen Cornelia Marschall und Anne Weinkauf indes nicht nur singen, sondern bezieht sie auch wie die beiden Musiker Stefan Neubert und Timm Carnarius in das Spiel mit ein. Mal sind sie das Personal einer ausgelassenen Kostümparty mit Schaf im Mittelpunkt, mal applaudierendes Volk beim Aufritt des Prinzen. Dessen Darsteller Hajo Tuschy ist gleich in fünf Rollen zu erleben und darin verblüffend wandelbar. Er tanzt als Wolf mit dem Schaf, empört sich am Grab, wenn Schaf überlegt, dort den Namen eines Toten zu übernehmen und bringt letztlich dem Titelhelden des Stücks als Engel
eine gute Botschaft.
Da aber will Eva Marianne Bergers Schaf von all der Namenssuche schon nichts mehr wissen. Vom Mähen hat es zu einer eigenen Sprache gefunden, hat viel erlebt, wurde gejagt und missverstanden. Berger gibt ihr Schaf gleichermaßen entschlossen und verletzlich, lässt es ratlos und euphorisch sein, ausgelassen tanzen oder erschöpft ruhen. So viele Facetten, wie sie spielt, gehen kaum auf eine Schafhaut. Am Ende aber überwiegt nur eine Erkenntnis: „Man braucht keinen besonderen Namen, um ein besonderes Schaf zu sein“. Darauf gibt es noch mal einen Handschlag mit Lorenzo. Der Umschlag, in dem ein Engel schließlich den Namen von Schaf nach all seinen Mühen brachte, bleibt verschlossen. Es geht auch ohne Namen.
Besetzung:
Musiker, Sänger und Schauspieler
In der Inszenierung „Schaf“ von Regisseur Dirk Schmeding im Alten Theater spielen, musizieren und singen Eva Marianne Berger (Schaf), Hajo Tuschy (Lorenzo, Torwächter, Dolores, Gastgeber, Engel), Cornelia Marschall (Sopran), Anne Weinkauf (Mezzosopran), Stefan Neubert (Cembalo) und Timm Carnarius (Cello). Die Bühne entwarf Nicole Bergmann, die Kostüme stammen von Katja Schröpfer.
02.02.2010, 10:54 | tags:
Diverses
, Pressestimmen
250
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 02.02.2010
Tanzgeschichten machen die Runde
Ballettmitglieder der vergangenen Jahrzehnte treffen sich in großer Runde und erinnern sich
Es gibt Küsse und Umarmungen, Erstaunen und manchmal auch eine Freudenträne zum Wiedersehen. Vor allem aber gibt es jede Menge Gesprächsstoff, als sich am Sonnabend im Anhaltischen Theater Tänzerinnen und Tänzer wiedersehen, die in den vergangenen Jahrzehnten im Ballettensemble getanzt haben.
Kaum ist an diesem Tag der Schlussapplaus für die Ballettaufführung von "Lulu" verklungen, da sammeln sich Männer und Frauen im Bühnenbild. Die jungen Tänzerinnen und Tänzer dürfen diesmal noch nicht in die Garderoben zum Umziehen und Abschminken. Eine große Menge formiert sich für ein Gruppenfoto.
Ines Becker dirigiert die Frauen und Männer, Margit Kraska steht mitten in der großen Gruppe. Die beiden ehemaligen Tänzerinnen sind die Organisatorinnen dieses großen Treffens und haben auch währenddessen alle Hände voll zu tun. Namenszettel werden verteilt, auf einer Liste wird abgestrichen, erst nach der Vorstellung im Theaterrestaurant kommen sie ein wenig zur Ruhe und können sich über Blumen freuen, die es von Tanzkolleginnen als Dankeschön gibt.
"Es sind um die 80 Teilnehmer", sagt Ines Becker, die im Künstlerischen Betriebsbüro des Theaters arbeitet. Sie blickt zufrieden in die Runde. Schnell waren an diesem Abend im Restaurant die Tische zusammengeschoben - und nun sitzt man - nahezu nach Jahrzehnten getrennt - und tauscht sich aus. "Das mischt sich später noch", ist Margit Kraska sicher. Vorerst aber gibt es eine Runde mit Tänzern, die in den 1960er Jahren in Dessau engagiert waren, die 70er bilden eine Gruppe und auch die aus den 80er Jahren.
Nur für Erika Müller gibt es keinen Extratisch. Müller ist mit 82 Jahren die älteste Teilnehmerin. Als Erika Brandes tanzte sie gleich nach Kriegsende auf der Dessauer Bühne, heiratete den Regisseur Werner Müller und lebt noch heute in der Stadt. Wann immer es geht, besucht sie auch heute noch Vorstellungen im Anhaltischen Theater. "Das Ballett war ganz fantastisch choreografiert", lobt Brandes die "Lulu" .
Nur ein paar Meter entfernt, sitzt ein junger Mann, der selbst über Jahre hinweg das DessauBallett leitete: aus Magdeburg, seiner derzeitigen Wirkungsstätte, ist Gonzalo Galguera angereist. "Dieses Treffen ist eine Super-Idee", findet er. "Ich staune, wie viele Generationen hier zusammen gekommen sind." In der "Lulu" sah er "sehr gute Tänzer, alles war sehr stimmig, man erkennt eine Handschrift".
Ingeborg Rothe ist derweil damit beschäftigt, Fotos von Inszenierungen herumzureichen. Programmzettel aus den späten 1960er Jahren liegen in ihrer Runde auf dem Tisch. Es wird viel gelacht. Und immer wieder hört man den einen Satz: "Weißt Du noch...?" Im Theater blieb am Sonnabend viel Zeit, um darauf eine Antwort zu finden.
02.02.2010, 10:29 | tags:
Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
249
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 02.02.2010
Eigenleben der Plüschtiere
Kuscheltierkonzert in der Marienkirche begeisterte Sonntag kleine und große Besucher
Man hat es immer geahnt. Kaum schließt man hinter sich die Tür zum Kinderzimmer, dann erwachen dessen Bewohner und führen ein Eigenleben. Gerät man da hinein, dann kann es einem wie dem Erzähler des Kuscheltierkonzertes ergehen. Im Dessauer Fall heißt dieser Maximilian Schumann. Der Zehnjährige hat am Sonntag ein großes Programm absolviert. Zwei Mal lud das Anhaltische Theater an diesem Tag in die Marienkirche Kinder, Eltern und Großeltern ein. Zwei Mal erzählte Maximilian gemeinsam mit einer kleinen Besetzung der Anhaltischen Philharmonie von seinen Abenteuern mit den Kuscheltieren.
Das Kuscheltierkonzert schrieb Klaus Wüsthoff. 1997 wurde es in Berlin uraufgeführt, in einer CD-Einspielung fungiert Otto Sander als Sprecher. In Dessau sollte es freilich kein Erwachsener sein, der die Kinder mit auf eine musikalische Reise nimmt. Mit Maximilian Schumann fand man einen jungen Erzähler, der über alle Maßen souverän sein Headset trug, mit Kuscheltieren jonglierte und tanzte und dabei noch stets ein Auge auf Dirigent Daniel Carlberg hatte, der ihm den Einsatz gab.
Das Publikum in der Marienkirche war zu beiden Vorstellungen reichlich gekommen und rechnete man all die Hasen, Bären, Küken, Pferde, Pinguine und das ganze Getier noch hinzu, das Kinder in den Händen hielten und auf dem Schoß hatten, dann war diese neue Form eines Konzertes für die Jüngsten beide Male mehr als ausverkauft.
Wüsthoffs Stück ist ein Karneval der Tiere in der Gegenwart. Die Musik lässt das Pferd gleichermaßen galoppieren und wiehern, den Elefanten behäbig tapsen und Affen und Eichhörnchen quicklebendig springen. Carlberg und seine Musiker gaben nicht weniger als bei einem Konzert für erwachsenes Publikum, hatten sich jedoch dem Anlass entsprechend ausgerüstet: Am Kontrabass baumelte eine Robe und zu Füßen der Notenständer lauschte manch anderes Getier.
Was im Kuscheltierkonzert passiert, ist eine kleine Geschichte, die freilich nur Anlass ist, die plüschige Kinderzimmerbesatzung in musikalischen Farben vorzustellen. Das macht Maximilian Schumann zur Musik ganz exzellent und wie ein Profi. Er gibt dem Papagei ein keifendes Krächzen und dem Bär ein gemütliches Brummen. Lässt die wilde Jagd von Affe und Eichhörnchen ins Publikum hinüberschwappen und kürt den Elefanten im Finale als Sieger des Schönheitswettbewerbes der Kuscheltiere. Nur eines hätte bei diesem sonntäglichen Musikspaß für die ganze Familie vielleicht noch besser gelingen können: All die zuschauenden Kuscheltiere wären gerne in irgendeiner Form, die über bloßes Klatschen hinaus geht, an diesem Konzert beteiligt gewesen.
01.02.2010, 17:43 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
248
Udo Badelt, Opernwelt/ Februar 2010
Antwerpen/Dessau
Bernstein: Candide
Die beste aller Welten
Um herauszufinden, ob dies tatsächlich die beste aller möglichen Welten ist, kommen die Protagonisten in Leonard Bernsteins „Candide“ ganz schön rum: Westfalen, Bulgarien, Lissabon, Paris, Südamerika, Eldorado. Das Stück selbst reist nicht annähernd so viel: Es gilt, auch wegen der vielen Ortswechsel, als schwierig zu inszenieren und steht - zu Unrecht - im Schatten der „West Side Story“. Insofern ist es nicht ohne Reiz, dass „Candide“ jetzt in zwei Städten gleichzeitig auf die Bühne kommt (in beiden Fällen unter neuer Intendanz) und damit Anlass bietet, zwei verschiedene mögliche Theaterwelten und ihre Bedingungen kennenzulernen.
Antwerpen: Weltstadt der Renaissance, Hafenstadt, 470 000 Einwohner. Seit Januar 2009 ist der 35-jährige Schweizer Aviel Cahn Intendant der Vlaamse Opera. Sein Hauptanliegen ist es, Oper als Kunstform stärker zur Diskussion zu stellen und in die Stadt zu tragen. Zu dieser Strategie gehört ein Zusatzprogramm aus Filmen, Lesungen und Diskussionen. Es scheint zu funktionieren: Als Cahn vergangenes Jahr Saint-Saëns' „Samson und Dalila“ von einem israelisch-palästinensischen Regieduo inszenieren ließ, wurde heiß diskutiert in einer Kommune, in der so viele orthodoxe Juden leben wie nirgends sonst in Europa. „Candide“ soll diejenigen anlocken, die sonst eher ins Musical gehen. „Oper darf nicht nur für die Happy Few sein“, sagt Cahn, der dabei auf manche belgische Gefühligkeit Rücksicht nehmen muss. So gehen die Wallonen nicht nach Flandern in die Oper, sondern nach Brüssel. Die selbstbewussten Besucher aus Lilie dagegen müssen sich ihrer französischen Identität nicht versichern und fahren gern nach Antwerpen.
In Dessau wäre man wahrscheinlich froh, wenn man diese Probleme hätte. Deindustrialisierung, das Verschwinden der Junkers-Werke, ein Bevölkerungsrückgang von 130 000 (1940) auf zur Zeit rund 70 000 Einwohner und in der Folge mehrere Eingemeindungen haben dazu geführt, dass die Stadt inzwischen offiziell unter der Bindestrich-Scheußlichkeit „Dessau-Roßlau“ fungiert. Dennoch spürt André Bücker, seit dieser Spielzeit Intendant des Anhaltischen Theaters (als Nachfolger von Johannes Felsenstein), einen tief verwurzelten Stolz auf die reiche kulturelle Vergangenheit des mitteldeutschen Kernraums. An seinem Haus wird seit 1794 ununterbrochen Theater gespielt. Anders als Aviel Cahn in Antwerpen hat Bücker einen inhaltlichen Grund, „Candide“ auf den Spielplan zu setzen: Das nach einer Vorlage von Voltaire entstandene Stück soll die aufklärerische Tradition von Dessau als Geburtsstadt von Moses Mendelssohn zitieren. Deshalb ist auch Lessings „Nathan der Weise“ im Programm, und - als Kehrseite der Aufklärung - „Lohengrin“.
Musikalisch sind beide „Candide“-Abende auf ähnlich hohem Niveau. Daniel Carlberg in Dessau ist ein Dirigent mit äußerst präziser Zeichengebung; das Tempo legt er breiter und langsamer an - aber nicht langweiliger - als Yannis Pouspourikas in Antwerpen. Dort trifft das Orchester ziemlich genau den Geist jenes britischen Humors, mit dem Regisseur Nigel Lowery das Stück angegangen ist. In der kindlichen Idylle des Beginns laufen Candide und seine Liebe Kunigunde hinter einer Wand, davor baumeln Beinchen, die sie sich umgehängt haben, so dass sie aussehen wie Puppen. Erzähler ist hier ein Sendemast mit der Anmutung des Computers HAL in Stanley Kubricks Film „2001“. In Dessau nimmt Regisseurin Cordula Däuper die Figuren ernster, und nicht zuletzt deshalb ist ihre Inszenierung die ruhigere und menschlichere. Der Erzähler ist hier aus Fleisch und Blut, allerdings wechselt die Rolle mehrmals zwischen den Figuren, was eine Schwäche der Inszenierung ist. In bei den Häusern wird Dr. Pangloss, der die Lehre von Gottfried Wilhelm Leibniz vertritt - dass wir in der besten aller möglichen Welten leben würden - von Schauspielern verkörpert (Graham Valentine in Antwerpen, Stephan Lohse in Dessau), die zwar charakteristische Würze einbringen, als Sänger aber schwache Leistungen bieten.
Was man von der übrigen Besetzung nicht sagen kann. Herausragend: Jane Archibald (Antwerpen) und Angelina Ruzzafante(Dessau), die beide als Kunigunde nicht nur die Bravour-Nummer „Glitter And Be Gay“ souverän meistern, sowie Renate Dasch als Alte Frau in Dessau, die sich nach den internationalen Erfolgen ihrer Tochter Annette jetzt im Alter von 64 Jahren mit Noblesse noch einmal ein ganz neues Berufsfeld eröffnet hat. Früher war sie Ärztin - was für sie eindeutig nicht die beste aller möglichen Welten war.
Bernstein: Candide
Antwerpen
Premiere am 15., besuchte Vorstellung am 29. Dezember 2009.
Musikalische Leitung: Yannis Pouspourikas, Inszenierung und Ausstattung: Nigel Lowery. Solisten: Michael Spyres (Candide), Jane Archibald (Kunigunde), Karan Armstrong (Alte Frau), Graham Valentine (Pangloss/Martin) u. a.
Dessau
Premiere am 4. Dezember 2009, besuchte Vorstellung am 9. Januar 2010.
Musikalische Leitung: Daniel Carlberg, Inszenierung: Cordula Däuper, Bühne: Jochen Schmitt, Kostüme: Mareile Krettek. Solisten: David Ameln (Candide), Angelina Ruzzafante (Kunigunde), Renate Dasch (Alte Frau), Stephan Lohse (Erzähler/Pangloss/ Martin) u.a.
31.01.2010, 17:53 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
245
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/Dessau, 31.01.2010
Anhaltisches Theater
Vor den Vätern sterben die Söhne
Christian Weise inszeniert in Dessau Kleists «Die Familie Schroffenstein»
Das ist ein starkes Stück: Weil die Familie Rositz ihre Nachbarn und Verwandten - die Warwands - im Verdacht hat, ihren jüngsten Spross erschlagen zu haben, rüstet sie zur Ausrottung der ganzen Sippe. Am Sarg des Sohnes schwört Vater Rupert Rache und zwingt auch seinem verbliebenen Erben Ottokar das Versprechen ab, im "Mörderhaus Sylvesters" einen Blutzoll zu fordern. Am Ende erst werden die Oberhäupter erkennen, dass am Anfang kein Verbrechen, sondern ein Unfall stand. Doch da werden die letzten Kinder beider Häuser schon tot sein - ermordet von ihren eigenen Vätern.
Heinrich von Kleists "Die Familie Schroffenstein" ist seit jeher eine Zumutung für jeden Theaterbesucher und eine Herausforderung für jeden Regisseur. Wie soll man diese Vendetta aus dem Zeitalter der Ritter und Grafen in die Gegenwart übersetzen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben? Wie soll man aus diesem Mystery-Thriller mit abgeschnittenen Fingern und vertauschten Kleidern, mit gemeuchelten Herolden und willfährigen Henkern retten, was zu retten lohnt - nämlich die Geschichte einer jungen Liebe, die à la Romeo und Julia von der zerstörerischen Kraft des Misstrauens in die Katastrophe getrieben wird?
Christian Weise hat am Anhaltischen Theater Dessau einen plausiblen Weg gefunden. Die Burgen derer von Rositz und von Warwand sind hier zwei Plattenbau-Wohnungen, die nur ein schmales Treppenhaus trennt. Man könnte das Missverständnis von Balkon zu Balkon klären, wenn dort nicht bevorzugt gemordet würde, um die Auslegware zu schonen. Denn blutig, sehr blutig geht es zu bei diesen Hinrichtungen - so, wie man es aus den brutalen Fernsehfilmen kennt.
Der Bildschirm ersetzt hier die Schule der Gefühle, er überbrückt das Schweigen und kommentiert das Leben. Und immer läuft "Twin Peaks", die legendäre Serie von David Lynch, deren Dialoge sich zu Kleists hohem Ton wie eine lakonische Übersetzung verhalten. Mit diesem Gegenschnitt hat Weise, der auch für den Bühnenraum mit dem mohndurchwirkten Kornfeld vor der genormten Tristesse verantwortlich zeichnet, tatsächlich eine zeitgemäße Entsprechung für den monströsen Erstling des Dichters gefunden: Solche Formate liefern heute den Horror, der sich einst der schwarzen Romantik verdankte. Und so wie diese sind auch jene nichts für schwache Nerven. Mit psychologischem Kammerspiel allein ist der Pulp Fiction nun mal nicht beizukommen.
Aber neben die schwer erträglichen Momenten, in denen Baseball-Schläger, Äxte und Pistolen zum Einsatz kommen oder der schnelle, harte Sex die fehlenden Worte ersetzt, setzt die Regie immer wieder Passagen, in denen ein Rest von Menschlichkeit aufblitzt. Wenn Stephan Korves etwa seine Gemahlin Gertrude (Verena Unbehaun) beschwört, keinen falschen Verdacht gegen ihre Stiefschwester zu schüren. Wenn diese Eustache (Antje Weber) ihrem Rupert (Uwe Fischer) von der Liebe der Kinder erzählt, um sein Herz zu erweichen. Oder wenn der in seiner Treue zerrissene Jeronimus (Gerald Fiedler) zwischen den Fronten zu vermitteln sucht - bis er selbst in die Hände der Schlächter fällt.
Es gibt an diesem Abend, der fast das ganze Ensemble in Höchstform zusammenführt, keine kleinen Rollen - aber zwei ganz große. Ines Schiller und Jan Kersjes zeigen, eifersüchtig beobachtet von Johann (Matthieu Svetchine), eine junge Liebe zwischen ungelenker Körperlichkeit und ernstem Gefühl, sie sind - mit Bierflasche vor dem Fernseher - zwei Menschenkinder von heute. Was aus dieser Verbindung der an übergroßen Ohren und Nasen erkennbaren Stämme hätte werden können, bleibt offen. Denn wenn vor den Vätern die Söhne sterben, erlöschen die Familien.
30.01.2010, 12:53 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
244
Ute Grundmann, www.nachtkritik.de, 30.01.2010
Familie Schroffenstein – Kleists Schauererstling im Soapformat am Anhaltischen Theater Dessau
Verbotene Liebe
Dessau, 29. Januar 2010. Zwei Wohnzimmer, in denen der Fernseher läuft. Nach den Wortfetzen zu schließen, ist es eine Krimireihe ("Twin Peaks"), die in beiden Räumen geschaut wird. Doch im linken der parallel gebauten Zimmer steht ein Sarg, trauert eine Familie eher mäßig beim Konsum von Fernsehen und Torte.
So beginnt im Anhaltischen Theater Dessau Heinrich von Kleists frühes Drama "Die Familie Schroffenstein". Ein windungs- und verwirrungsreiches Stück um zwei Stränge einer Familie, die sich bekriegen, weil das sohn- und erbenlose Verlöschen der einen Sippe zum Vorteil der anderen wäre. Doch gibt es, à la Romeo und Julia, ein junges Paar, das sich der Dauerfehde der Älteren entgegenzustellen versucht.
Fehde im Plattenbau
Dieses frühe, selten gespielte Trauerspiel von 1803, Kleists Erstling, ist eigentlich im Mittelalter und unter deutschen Rittern angesiedelt. Doch das Regieteam um Christian Weise, der auch das Bühnenbild entwarf, hat dem Drama alles, was Burg, Fahnen, Schwerter, Rüstungen bedeuten könnte, radikal ausgetrieben. Nur zweimal dürfen die Männer den Kriegspfad auf hölzernen Steckenpferdchen entlangtraben, was – wie das Stück selbst in manchen Phasen – eine gewisse Komik hat. Im übrigen ist dem Trauerspiel – mit der ganzen Wucht der Kleistschen Sprache – wenig vom unverständlichen, aber unaufhaltsamen Weg ins Verderben beider Familien abhanden gekommen. Nur dass diese in der Kleinbürgerlichkeit angekommen sind.
Wie ein herausgeschnittener Riegel aus einem Plattenbau sind die beiden Wohnzimmer auf die Hinterbühne gebaut, die "Kriegsparteien" leben fast Wand an Wand, nur durch ein enges Treppenhaus getrennt. Links, bei denen aus dem Haus Rossnitz, wird der kleine Sohn betrauert, der angeblich von denen drüben, dem Haus Warwand, ermordet wurde. Zwischen TV-Gucken und Trauermusik sinnen die Herren der Familie auf Rache, doch zum Rauchen geht man auf den Balkon. Die Zivilisiertheit allerdings findet bald ihre Grenzen: Da wird der Bote der einen Familie auf dem Balkon der anderen blutspritzend erschlagen, was natürlich dem Denken der kleinbürgerlichen Ritter zufolge nicht ungesühnt bleiben darf. Und so klatscht bald weiteres Blut, diesmal an die Flurtür.
Ein Fernseher im Kornfeld
Christian Weise setzt solche Drastik nur sehr knapp, sehr gezielt ein. Genauso wie er Anklänge und Ähnlichkeiten des Kleist-Dramas mit einer heutigen Fernseh-Soap immer wieder nur anspielt, sie aber nie dominieren oder gar das Stück karikieren lässt. Auch haben die Fernseher in den beiden feindlichen Wohnzimmern noch einen anderen Zweck: Per Fernbedienung kann man für Ruhe sorgen oder aber einem unliebsamen Gespräch ausweichen, in dem man sich in den Fernseh-Krimi zurückzappt.
Es gibt auch noch einen dritten Fernseher. Der steht vor dem Haus der verfeindeten Sippen, in einem Getreidefeld, samt Bank und Bierkasten. Hier haben sich Agnes (Ines Schiller) und Ottokar (Jan Kersjes), sie eine Warwand, er ein Rossitz, ihren Rückzugsort geschaffen. Bei Fernsehgucken, Biertrinken und Schmusen möchten sie am liebsten die Familienfehde in ihrem Rücken vergessen.
Die beiden jungen Mimen spielen das sehr anrührend, klar und frisch und, trotz Bierflaschengestemme, ganz und gar nicht cool. Doch weil sie nicht ewig im Kornfeld bleiben können, verkleidet der junge Mann seine Angebetete als Ottokar, während er selbst in ihre Kleider schlüpft. So wollen sie vor denen, die sie jagen, im jeweils "gegnerischen" Wohnzimmer unterschlüpfen, um dort aber bald schon als blutüberströmte Leichen zu enden.
Am Ende eine zaghaft, mit abgewendetem Gesicht ausgestreckte Hand der Väter. Und langer Beifall nach gut zwei pausenlosen Stunden.
Die Familie Schroffenstein
von Heinrich von Kleist
Regie und Bühne: Christian Weise, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Jens Dohle, Dramaturgie: Maria Viktoria Linke.
Mit: Uwe Fischer, Antje Weber, Jan Kersjes, Matthieu Svetchine, Stephan Korves, Verena Unbehaun, Ines Schiller.
www.anhaltisches-theater.de
19.01.2010, 09:54 | tags:
Ballett
, Pressestimmen
232
Helmut Rohm, Volksstimme Magdeburg, 19.01.2010
Tanztheater-Kooperation Hermes in der Stadt
Ideenreiche Inszenierung auf der Bauhausbühne
Einer Apokalypse gleich ist alles zerstört. Die Menschen liegen vernichtet am Boden. Nur der zarte Gesang des Schlafliedes „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“ lässt einen Hauch Optimismus für Kommendes erahnen.... So endet die Tanztheater-Inszenierung
Hermes in der Stadt, die am Sonntagabend ihre gefeierte Premiere erlebte.
In dieser Kooperation des Anhaltischen Theaters und der Stiftung Bauhaus Dessau wurden acht Choreografien nach dem gleichnamigen Stück von Lothar Trolle vorgestellt. Trolle verband den Hermes-Mythos mit dem Mythos der Stadt als Glücksversprechen wie ebenso als Raum für Brutalität und Gewalt, die scheinbar aus der Normalität entsteht. Der Autor bezog sich dabei auch auf real geschehene Verbrechen in Berlin- Marzahn.
Inspiriert von diesen Texten schufen junge Choreografen, Tänzerinnen und Tänzer der Dessauer Ballettcompagnie von Tomasz Kajdanski eine beeindruckende, auch selbstgetanzte Ballettperformance. Sie stellten damit ihre individuelle Sicht auf diese aktuellen Probleme dar. Da setzte sich Yuliya Gerbyna in der Szene „Küche“ in brutaler Eindeutigkeit mit dem Thema „häusliche Gewalt“ auseinander.
Oder vier Männer drangsalieren eine Frau in „Libamentum“ (Chorografie Nadja Réthey-Prikkel). Das Folterende in einem Plastekäfig erinnert erschreckend an Wasserboarding.
Die als Ort der Theatermoderne bedeutsame Bauhausbühne als spezieller Aufführungsort, einbezogen die Mensa und die sich anschließende Küche, erwies sich als kongeniale Basis dieser ideenreichen Inszenierung. Körper und Raum mit allen Facetten der gegenseitigen Durchdringung waren prägende Hauptelemente. Die faszinierend ideenreiche und gezielt effektvolle, auf inhaltliche Präsenz ausgerichtete Verwendung von Formen, Farbe, Licht, Bewegung, Sprache, der Einsatz moderner Medien wie Live-Video-Einblendungen sowie das Einspiel elektronischer Musik (musikalische Leitung: Shintaro Imai) schufen eindrucksvolle Komplexität.
Das junge Tanzensemble, erst mit dieser Spielzeit gegründet, begeisterte mit großem Engagement und bis ins kleinste Detail ausgeprägten Darstellungen. Das oft so schnell dahingesagte „Wir geben alles“ traf für dieses Ensemble an diesem Dessauer Premierenabend in jeder Hinsicht uneingeschränkt zu.
Die nächsten Aufführungen finden am 20. Januar sowie 6. und 7. Februar statt.
18.01.2010, 23:11 | tags:
Ballett
, Pressestimmen
231
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 19.01.2010
Ballett
Todesengel mit Boxhandschuhen
Mit «Hermes in der Stadt» haben die Tänzer des Anhaltischen Theaters einen Abend für die Bühne des Bauhauses entwickelt
Was wäre, wenn sich ein antiker Gott in eine Großstadt der Gegenwart verirren würde? Könnte er mit überirdischen Kräften den Moloch sprengen - oder würde er sich in der Allgegenwart von menschlicher Gewalt und Hybris verlieren? Solche Spekulationen mögen den in Sachsen-Anhalt geborenen Dramatiker Lothar Trolle zu seinem 1992 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführten Stück "Hermes in der Stadt" bewogen haben - und stehen nun auch Pate bei einer ungewöhnlichen Ballett-Collage auf der Bühne des Bauhauses Dessau.
Bezug zum Geist des Ortes
Acht kurze Choreografien von Tänzerinnen und Tänzern des Anhaltischen Theaters sind es, die mit Macht und Eleganz die Deutungshoheit auf den historischen Bühnenbrettern behaupten. Dass man sich hier in der Tradition von Oskar Schlemmers Raumfigur-Experimenten, aber auch in den Spuren von berühmten Gästen wie Gret Palucca bewegt, ist dem neuen Ensemble unter Leitung von Tomasz Kajdanski bewusst: Bereits der erste Beitrag, Matthew Bindleys auf eine Abfolge aus Sprechtext und tiefem Streicherton getanztes Sextett "Mushrooms", nimmt im Gestus und in der Kostümierung Bezug zur Klassischen Moderne. Die energischen Bewegungen aber weisen die Richtung, in die der Abend gehen wird - und die Denise Evrards "Silent Aggression" dann unmissverständlich einschlägt.
Wenn sich hier ein Tänzerpaar aus jenen Säulen schält, die der Bauhausbühne als szenische Herausforderung seit jeher eingebaut sind, dann wird die Inkarnation des Steins - und die umgekehrte Versteinerung des Leibs - zur Metapher für Urbanität, während sich in der Bühnenmitte ein Dritter sein Gewand aus blutroter Farbe aufschminkt. Den umgekehrten Weg geht Gorden Wannhoff mit "Götzen", die in ihrer Bildstärke zu den Höhepunkten des Projekts zählen.
Hier wischen sich drei Tänzer die Sicht in einem weiß getünchten Kubus frei - und geben so fragmentarisch den Blick auf ihre Körper und Bewegungen preis. Das Spiel mit Innen- und Außenräumen, der Blick in den toten Winkel und das Verhältnis des menschlichen Körpers zu seiner geometrisch abgezirkelten Umwelt bewähren sich auch in der Folge als Leitmotive, die den Geist von "Hermes in der Stadt" aufnehmen.
Da wird eine junge Frau hinter der Essensausgabe der Mensa von ihrem Partner bedrängt, wobei man das Geschehen zugleich durch das Fenster und auf zwei Video-Projektionen aus verschiedenen Perspektiven wahrnimmt ("Küche" von Yuliya Gerbyna). Da erinnern sich Körper über große Distanz an fremde Begegnungen im Becken der Dessauer Schwimmhalle ("Hinter dem Vorhang" von Juan Pablo Lastras Sanchez). Und da kippt die erotisch gefärbte Konfrontation einer Frau mit vier Männern in Aggression und endet schließlich in einem Wasserbecken, in dem die Verführerin zum gedemütigten Opfer wird ("Libamentum" von Nadja Réthey-Prickel).
Dass die Bauhaus-Bühne dabei nie den Charakter eines Laboratoriums verliert, dass aus der Not der fehlenden Auftritts- und Verwandlungsmöglichkeiten eine Tugend gemacht wird, kommt dem offenen Charakter des Experiments entgegen. Mit Bodenstrahlern und Absperrbändern ähnelt der von Torsten Blume gestaltete Raum einer Baustelle - und verweist wohl nicht von ungefähr auch auf die Internationale Bauausstellung zum "Stadtumbau", die in diesem Jahr von Dessau aus ins Land strahlen soll.
Bedingungsloser Einsatz
Auch in Joe Monaghans "Reflektz" - einem Spiel mit dem Echo und den Resonanzen, die Körper in ihrem Gegenüber auslösen können - zeigt sich schließlich, wie selbst- und bedingungslos sich die Tänzer wechselseitig für die Arbeit ihrer Kollegen einsetzen. Und wenn auch nicht jede Szene das Versprechen einlöst, das durch den Titel des Abends gegeben worden ist, so sorgt doch Hannah Sieh mit Zitaten aus Trolles Stücktext für die nötige dramaturgische Klammer - und für die "Verse der Zukunft", die Menschen "einsam eingehüllt in unsere Leiber" finden.
Mit "Bar Hand" bittet Juan Pablo Lastras Sanchez dann zum großen Finale: Zum Text des "Vaterunser" in vielen Sprachen treffen Menschen auf Todesengel mit Boxhandschuhen - und nachdem alle diese athletischen und grazilen Leiber von ihrem Dasein erlöst sind, hört man eine taiwanesische Melodie, die seltsam vertraut klingt. "Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt!" ...
Nächste Vorstellungen: Dienstag und Mittwoch sowie 6. und 7. Februar, 19.30 Uhr
11.01.2010, 10:49 | tags:
Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
221
Ute van der Sanden, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Rosslau, 05.01.2010
Ode auf die Geschwindigkeit
KONZERT Antony Hermus zündet mit der Anhaltischen Philharmonie, tollen Solisten und großem Chor zum Jahreswechsel dreimal Beethovens neunte Sinfonie.
Viele Sachen sind schneller geworden in dieser ersten Dekade des neuen Jahrtausends, das Internet, die Mikrowellen und die Waschmaschinen, sogar die Bildungsabschlüsse. Beethovens Neunter ist das nicht passiert, zumindest in Dessau. Eine Stunde und sechs Minuten hat die erste von insgesamt vier Aufführungen am Anhaltischen Theater gedauert, inklusive Chorauftritt, Nachstimmen und Zwischenapplaus zur Begrüßung der Sängerschar. Das haben Karajan und Toscanini auch schon geschafft, fast jedenfalls. Warum erschien, was in diesen sechsundsechzig Minuten passierte, trotzdem wie eine Ode an die Geschwindigkeit?
Es war, wie meistens in solchen Fällen, eher eine Frage der Haltung als des tatsächlichen Tempos. Generalmusikdirektor Antony Hermus, der vorab das neue Dezennium willkommen geheißen, ein küchenpoetisches Neujahrsrezept von Goethes Mutter Katharina Elisabeth zum Besten gegeben und dem Publikum seine persönlichen Wünsche entboten hatte, war ehrgeizig genug, die - seine Worte -"monumentale neunte Sinfonie" auswendig zu dirigieren. Zur selben Minute blätterte übrigens in Leipzig Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly Partiturseiten um, wie im Fernsehen live zu verfolgen war.
Gipfel im zweiten Satz
Die stets unterhaltsame, bisweilen rasante Dessauer Darbietung gipfelte im tänzerischen zweiten Satz. Und mit ihm begann sie auch. Spätestens im Trioteil wusste man die Musiker und ihren Dirigenten gedanklich in jenem Werk versammelt, das auf den Pulten lag. Hermus ließ in der Scherzo-Mitte ein tatsächliches Presto spielen. Danach klang dieser Satz wie Ballett: leicht, voller Schwung, im Bunde mit der bukolischen Idylle der sechsten Sinfonie, aller Wuchtigkeit enthoben und ebenso rhythmisch prononciert, wie alle Rhythmen, besonders die punktierten, mit großer Exaktheit und Entschlossenheit zelebriert wurden.
Nicht das krachende Finale, das, einmal entzündet, wie eine Silvesterrakete abbrannte - nein, dieser zweite Satz war der essentielle Höhepunkt des Abends. Der erste hatte sich zuvor angehört, als stamme er aus einem anderen Stück oder müsse konzeptionell noch reifen. Der dritte wurde als Klangteppich entrollt, ein Vorgeschmack auf das noch nicht erfundene Nocturne; er enthüllte Phrasierungsübungen für Streicher wie für Holzbläser, und das wunderliche Solo im vierten Horn - man schwamm drüber. Nun aber kam endlich Ulf Paulsens Basspartie. Mit raumgreifender Stimme und der rhetorischen Wucht des musiktheatralisch Erfahrenen gebot er "angenehmere" Töne, "freudenvollere".
So geschah es. Das Vokalensemble, bestehend aus Damen und Herren des Opern- und des Extra- sowie des Coruso-Chores, wuchtete das Finale samt Schillers Ode übers Orchester hinweg in den Zuschauersaal, was die Profisänger in diesem Tempo eher mäßig angestrengt haben dürfte. Legato war nicht vorgesehen, aber jedes einzelne Wort verständlich - auch in den Beiträgen Angelina Ruzzafantes, Carola Günthers und Angus Woods in den weiteren Solopartien, deren klangliche Präsenz keine Wünsche offen ließ.
Zwar galoppierte der Cherub eher vor Gott, als dass er daselbst gestanden hätte, aber wie gesagt: Langweilig wurde das nicht. Nun zeichnet die Abwesenheit von Langeweile allein noch keine Interpretation aus, die Anwesenheit von gestalterischem Ernst, Gelassenheit und Eleganz hingegen wohl. Das Credo dieser Neunten war Hymne und Tanz, Sound und Effekt. Das kam an beim Publikum, es applaudierte begeistert. Überwältigte Zuschauer reagieren stärker, sogar in Dessau.
Frohe Botschaft
Gleichwohl war nicht nur die Tatsache, dass mit der Neunten das Neue Jahr am Anhaltischen Theater genau so begann, wie das alte geendet hatte, frohe Botschaft. Auch die Aufführung selbst war eine. Denn die wirklich guten Dinge bleiben, mögen sie auch inzwischen ein bisschen schnittiger wirken, als sie vorher aufgetreten waren: Schillers Wort und Mutters Sprüche, die Anhaltische Philharmonie und Beethovens Musik.
Nächste Aufführung des Konzertes an diesem Sonntag, 18.30 Uhr. Karten gibt es an den Theaterkassen.
05.01.2010, 14:05 | tags:
Schauspiel
, Schauspiel/Musiktheater
, Pressestimmen
220
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 05.01.2010
Der junge Dessauer David Ortmann hat mit „Kaspar Häuser Meer“ seine erste Regiearbeit am Anhaltischen Theater mit Erfolg vorgelegt
Schultheater, Elternneugier und auch mancher Zufall
„Kaspar Häuser Meer“ ist seine erste eigene Regiearbeit. Seit dieser Spielzeit ist der junge Dessauer David Ortmann als Regieassistent mit Regieverpflichtung am Anhaltischen Theater Dessau tätig.
„Der sehr lange Applaus war eine wirklich echte Überraschung. Da fällt schon viel von einem ab“, freut sich David Ortmann immer noch. Er hat sein „richtiges großes Regiedebüt“ am 11. Dezember (Volksstimme berichtete) im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau mit Bravour absolviert. Dabei ist „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller eine schwierige und anspruchsvolle Inszenierungsaufgabe.
„Sieben Wochen hatte ich Zeit, mich mit dem Stück, den Schauspielerinnen, der Bühne völlig eigenverantwortlich zu beschäftigen“, erzählt der junge Regisseur. Davor war er bei mehreren Stücken als Regieassistent tätig, unter anderem bei Armin Petras in dessen Dessauer Inszenierung „Abschlussfeier“.
In der Funktion Regieassistent mit Regieverpflichtung ist der aus Dessau stammende David Ortmann (23) seit Beginn der laufenden Spielzeit am Anhaltischen Theater in festem Engagement. Die Dessauer Theaterbesucher werden beim Namen stutzen. Ortmann, da war doch was? Und sie haben recht. Er ist der Sohn des am Anhaltischen Theater langjährig tätigen Schauspielerehepaares Christel Ortmann und Hans-Jürgen Müller-Hohensee. Ein elterlicher Protegé ist er aber dennoch nicht. „Sie begegnen meinen Vorhaben mit gespannter Neugier“, formuliert er fast philosophisch. Ist sich wohl aber sicher, dass beide, wie die anderen Mitwirkenden bei seiner jüngsten Arbeit, hinter ihm stehen.
Auch wenn es möglicherweise „zukunftssicherere Tätigkeiten“ gibt. Sein Entwicklungsweg hätte solche wohl auch durchaus angeboten. Den Beruf Übersetzer hätte sich der sprachtalentierte David Ortmann als Alternative zum Beispiel auch vorstellen können.
Bis zur achten Klasse ging er auf das Dessauer Liborius-Gymnasium und konnte dann aufgrund sehr guter Leistungen das traditionsreiche Internatsgymnasium Landesschule Pforta besuchen. Und wie es der Zufall wollte, gab es neben dem anspruchsvollen Unterricht die Möglichkeit, in der dortigen Theatergruppe mitzumachen. Erst zu schauspielern, dann auch gemeinsam mit anderen kleinere Stücke zu inszenieren.
Künstlerisches Aufsehen erregte die Theatergruppe mit der Aufführung des Stückes „Und tot bist du“. Dieses Schauspiel zum Thema Amoklauf an Schulen schrieb 1999 der amerikanische Autor William Mastrosimone (geb. 1947). David Ortmann hat das Stück gemeinsam mit Schulfreund Franz Werfel übersetzt. In der Regie von David Ortmann hat „Und tot bist du“ auch außerhalb von Schulpforta insgesamt fast unglaubliche 20 Aufführungen erlebt.
Dann wieder Zufälle, die den jungen Ortmann in die Regierichtung gehen lassen. „Richtig reingerutscht“ nennt er das selbst. André Bücker, sein jetziger Dessauer Generalintendant, inszenierte in Sangerhausen den „Schleef Block 1“ und brauchte einen Assistenten. Davon erfuhr David Ortmann, sprach vor und wurde genommen: „Zum ersten Mal richtiger Regieassistent in meinem Leben“, so seine bleibende Erinnerung an 2006.
Neben dem Abi-Abschluss im Blick, hat er auch André Bückers Weg verfolgt. Und als dieser Intendant am Nordharzer Städtebundtheater wurde, hat er sich für ein Regieassistentenpraktikum beworben. Und dann gleich bei „Faust I“ mitgewirkt. Aus dem Praktikantenjob, so David Ortmann, sind dann zweieinhalb Jahre geworden. Eines davon als „freiwilliges soziales Jahr“. 2007/2008 bekam er dort eine „reguläre“ Assistentenstelle. Und nach der Berufung André Bückers ans Anhaltische Theater erfuhr David Ortmann Silvester 2008, dass er mit nach Dessau kommen kann. Wieder zu Hause. Zunächst sicher. Mehr wohl eine Zwischenstation auf dem künstlerischen Weg der Bühnen-Eroberung!?
Ob er „große Ziele“ habe betreffs Stücken oder berühmter Regisseure? Eigentlich nicht. Die Arbeit mit den Menschen an sich sehe er im Vordergrund. Die Konzeptionsideen der Regisseure engagiert umsetzen, eigene Ideen einbringen. Regieassistententätigkeit ist wohl doch ein bisschen mehr als, wie oft vereinfacht formuliert, „alles das machen, was der Regisseur nicht machen will“. Ja – und natürlich eigene Inszenierungen möchte David Ortmann weiter auf die Bühnen bringen, Geschichten erzählen.
Erfahrungen, schöpferische Arbeit und wohl auch Talent bilden die Basis für die derzeitige Tätigkeit des Jungregisseurs David Ortmann. Ein Studium? Ad hoc nicht. Nach 2010/2011: „Mal sehen“. Er könnte sich aber schon vorstellen, an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ ein Studium zu absolvieren.
Zunächst gilt es, in Dessau weitere Erfahrungen zu sammeln. Auch in Halle, wo David Ortmann gegenwärtig die „Familienkonzerte“ mit „Regieminiatüren“ inszeniert.
„Kaspar Häuser Meer“ ist am 14. Januar um 19.30 Uhr wieder im Studio im Kulturzentrum Altes Theater zu sehen
25.12.2009, 14:04 | tags:
Schauspiel
, Diverses
, Pressestimmen
213
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung,23.12.2009
Übermut weicht ernsteren Tönen
Gastspiel: Internationale Theaterproduktion beendet Deutschland-Tournee mit Vorstellungen im Alten Theater
Der Auftakt ist noch immer pure Provokation. Wieder tritt Niels Bormann vor das Publikum und entschuldigt sich vorauseilend wie rückwirkend - für die unvollendete Arbeit und den seltsamen Humor, aber auch für den Holocaust und die brennenden Asylbewerber-Heime. Dass das Marginale und das Monströse nicht zusammenpassen wollen, aber sich doch aufeinander beziehen, ist an diesem Abend Programm: Denn die "Dritte Generation", die zum Abschluss ihrer von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Deutschland-Tour an zwei Abenden im Alten Theater Dessau zu Gast ist, laboriert an den Schnittstellen zwischen eigener Gegenwart und ererbter Geschichte.
Aufbruch und Ankunft
Das war schon beim Festival "Theater der Welt" im Jahr 2008 in Halle so, als sich die deutschen, israelischen und palästinensischen Schauspieler unter der Leitung der Regisseurin Yael Ronen erstmals zusammenfanden - und das ist jetzt, anderthalb Jahre später, ganz anders. Wer noch den Übermut vor Augen hat, mit dem sich das zehnköpfige Ensemble damals auf all die Tabus der unentrinnbaren historischen Verstrickungen stürzte, sieht sich heute mit ernsteren Tönen konfrontiert. Denn zwischen dem Aufbruch und der Ankunft liegt ein Krieg, der vor einem Jahr - am 27. Dezember 2008 - begann und der von den israelischen Streitkräften in zynischer Anlehnung an ein Chanukka-Kinderlied den Namen "Operation Gegossenes Blei" bekam.
Das eigentliche Wunder der "Dritten Generation" ist es, dass sie an dieser Konfrontation der Juden mit den Palästinensern nicht zerbrochen ist, nachdem sie zuvor bereits die Belastungsproben zwischen den deutschen und den israelischen Enkeln der Holocaust-Generation ausgehalten hat. Die Mitwirkenden sind vielmehr aus ihren fiktiven Rollen herausgetreten und haben die Masken fallen gelassen, um mit ihrer Person und mit ihrem Gesicht kenntlich zu werden. Dass sie dennoch radikale Haltungen einnehmen, die nicht unbedingt die eigenen sind, versteht sich in einer theatralen Situation von selbst. Der schärfere Ton aber hat auch mit jener Selbsterkenntnis zu tun, die Ayelet Robinson stellvertretend für alle formuliert - mit der privilegierten Situation eines Künstlers, der sich im deutschen Stadttheater vor den aktuellen Konflikten des Gaza-Streifens geschützt weiß und sie sich dennoch anverwandelt, um den Stummen eine Stimme zu geben.
Dafür geht die "Dritte Generation" dorthin, wo es weh tut - im allabendlichen Spiel wie in der Tournee-Planung, die auch im kommenden Jahr wieder nach Israel führen soll. Die Geschichte jener Jugendlichen, die in einer Art Gedächtnis-Tourismus durch ehemalige deutsche Konzentrationslager geschickt werden, ist in ihrer Mischung aus verordneter Betroffenheit und naivem Selbstschutz so erschütternd wie der Bericht jener palästinensischen Frau, die ihren Sohn über den Tod des Onkels hinwegtrösten will - und statt des zoologischen Gartens nur noch ein Trümmerfeld nach einem Bombenangriff vorfindet.
Notwendiges Gespräch
Man braucht danach das Gespräch, das die Inszenierung aufarbeitet - auch wenn es sich nur um die äußeren Koordinaten des ungewöhnlichen Projekts dreht. Die innere Bewegung nimmt jeder Zuschauer mit nach Hause - so wie die wunderbaren Darsteller, die auch ihre Gemeinschaft als "Work in Progress" in die Zukunft tragen.
17.12.2009, 13:36 | tags:
Diverses
, Pressestimmen
211
Christoph Funke, Neues Deutschland/ Feuilleton, 17.12.2009
3 G
Schaubühne Berlin
Ist das ernst gemeint? Ein Schauspieler kommt auf die leere, nur mit Stühlen besetzte Bühne, und entschuldigt sich. Für alles, was bald zu sehen sein wird und seiner Meinung nach nicht immer gelungen ist. Für Berichte, Erlebnisse, Gerüchte, Beschuldigungen, die in den nächsten neunzig Minuten zur Sprache kommen. Der hochgewachsene Mime spricht deutsch, holt sich dann aber, nach seinem lässig dahingeplauderten selbstironischen Monolog, eine kleine Schar Verbündeter – israelische, palästinensische und deutsche Spieler, gekleidet in schwarze Hosen und rote T-Shirts mit dem Aufdruck »3 G«. Nun purzeln die Sprachen durcheinander. Die Akteure behaupten ihre nationale Identität, reden, streiten auf englisch, hebräisch, arabisch, deutsch. Geschichte wird hochgeholt, wie sie von Vätern und Großvätern gemacht und erlitten wurde. Und der Umgang mit dieser Geschichte in der Gegenwart.
Die Enkel, Vertreter der »Dritten Generation«, stellen sich den furchtbaren Belastungen im Verhältnis der drei Nationen Deutschland, Israel, Palästina, selbstsicher, wütend, anklagend – und heiter. Der Streit, nicht selten auf die Spitze getrieben, in Prügelei und Slapstick mündend, kippt vom Tragischen ins Alberne, und auch pornografische Blödeleien haben ihren Platz. Es ist ein Spiel – aber auch dieses Spiel stellt sich selbst immer wieder in Frage. Pathos geht nicht durch, jeder Bericht über die Auslöschung der europäischen Juden durch die Nazis, über die Grausamkeit der Kriege zwischen Israelis und Palästinensern, alles Nachdenken über Schuld der Täter und Verhalten der Opfer steht eben auch nahe beim überlegenen Witz, bei einem Humor, der das Furchtbare deutlich macht.
Die zehn Spieler verlebendigen, schlicht und anschaulich, was sich an geistigen, ideologischen Barrieren zwischen Völkern aufbaut. Harmonie stellen sie nicht her. Das Niederreißen der Mauern, wo auch immer sie stehen mögen, gelingt nicht. Alle haben recht, ob Mann, ob Frau, ob noch sehr jung oder etwas älter, woher sie auch kommen, auf welche Weise sie sich zusammengefunden haben mögen. Und – keiner hat recht. Es gibt nicht die Wahrheit, die für alle gilt. Fragen können nicht aus der Welt geschafft werden, sie vervielfachen sich. Auch durch die entschiedene Abwehr von Vergleichen: »Palästinenser sind Palästinenser. Deutschland ist Deutschland und der Holocaust ist der Holocaust. Der Holocaust ist ein einmaliges Ereignis in der Geschichte der Menschheit.« Daran gibt es nichts zu rütteln. Und doch wollen sich die Spieler einen ihnen gemäßen Umgang mit Kernwahrheiten erstreiten, wollen ihr Verhalten messen an dem, was geschehen ist und noch immer, schon Brecht hat es formuliert, fruchtbar ist.
Sie improvisieren sind frisch und frech – die Stühle, eine Puppe, ein paar Requisiten genügen für den atemverschlagenden Gang durch Zeiten und Kontinente. Die israelische Autorin und Regisseurin Yael Ronen vom Habimah National Theatre of Israel hat das Stück gemeinsam mit einem großen Team und vielen Partnern entwickelt. Den Auftrag dazu gab das Festival »Theater der Welt« in Halle 2008, dort fanden auch die ersten umjubelten Aufführungen statt. Weitere Arbeitsphasen folgten, jetzt ist die »Dritte Generation« an die Berliner Schaubühne als Koproduzent des Unternehmens zurückgekehrt. Aufführungen noch am 19. und 20. Dezember – man sollte sie sich nicht entgehen lassen.
16.12.2009, 21:55 | tags:
Ballett
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
210
Volkmar Draeger, ballettanz / Seite 36 / Januar 2010
Tomasz Kajdanski: «Lulu»
Dessau
Einen «Regenbogen der Gefühle» verspricht Tomasz Kajdanski mit seinem Debüt am Anhaltischen Theater. In Eisenach von Erfolg verwöhnt, hat er sich hier nun «Lulu» nach Frank Wedekind ausgesucht. Der Neoklassik Gonzalo Galgueras und den spektakulären Inszenierungen von Gregor Seyffert, seinen Vorgängern, lässt er düster dramatisches Tanztheater folgen.
Mit Sinn und Sinnlichkeit überschreibt er seine erste Saison. Und sinnlicher als Lulu geht’s kaum. Dorin Gal hat Dessaus Bühnenweite nach hinten durch ein transparentes arenaartiges Halbrund mit Etagen und Türen begrenzt. Auf hellem Horizont fangen Projektionen die Tiefe des Raums auf. In zwölf Bilder zerlegt Kajdanski Lulu, ihren triebhaft ins Verderben stürzenden Sexus.
Tobender Tanz und starke Bildhaftigkeit kennzeichnen seine Handschrift, mit dramatischer Präzision reißt Daniel Carlberg die Anhaltische Philharmonie hin, die szenisch erstaunlich passfähig meist sinfonische Musik der Wiener Schule und von Schostakowitsch, Korngold, Antheil bis Boulez und Rihm zu bewältigen hat.
Als fünf Meter hohes Lustsymbol in liebesrotem Samt überragt dazu Lulu barbusig jene, die unten nach ihr hangeln, sie anbeten, auf die Knie fallen, unter ihren Rock schlüpfen. Und sie umkreist der Reigen derer, die sie in den Untergang treiben: der dämonische Schigolch als ihr Erzeuger und Lenker; Dr. Schön, dessen Geliebte sie ist, und der sie freigebig an andere verleiht, an seinen Sohn Alwa und den Künstler Schwarz, die beide ihren Ansprüchen nicht genügen; da gibt’s den zupackenden Rodrigo, die lesbische Gräfin Geschwitz als Retterin in der Not und Jack the Ripper, dem sie sich todwund ausliefert.
Lulu empfängt sie eingesperrt im Gerüsttempel, räkelt, spreizt sich lasziv, erleidet in fliegenden Duos Zudringlichkeiten, sie sieht sich in Trios zwischen Verehrer geworfen, verfällt der Erotik des windig wendigen Dr. Schön, verliert schließlich Selbstachtung und Halt. Dass bei so viel emotionalem Aufruhr, dem auch mehrere Männer zum Opfer fallen und der Lulu in Notwehr zur Mörderin ihrer eigentlichen Liebe macht, die choreografische Flamme dauerzüngelt, atemlos sprunggewaltiger Tanz bisweilen die Figurenzeichnung überwuchert, ist nicht zu übersehen. Den kraftzehrenden Tanzexplosionen stehen eindringliche Bilder gegenüber: Lulus ins Leere gehender Wutausbruch, weil die Gesellschaft sie missachtet; ihre Hingabe in der Anstalt, wo wie eine entzündete Vulva zwischen weißem Stoff ein rotes Oval schwebt; ihr Solo beim Herrenabend auf einem Roulettetisch, als sei sie der Hauptgewinn.
Laura Costa Chaud im Titelpart, als Wesen nicht von dieser Welt und zumeist auf Spitze gestellt, Yun-Ju Chen als Gräfin, Juan Pablo Lastras als Dr. Schön, Joe Monaghan als Schigolch, Ion Beitias als schüchterner Alwa leisten 90 Minuten lang tänzerdarstellerische Schwerstarbeit, die sich gelohnt hat.
Wieder 30. Jan., 5. Feb., 21. März,10. April, 15. Mai
anhaltisches-theater.de
15.12.2009, 10:39 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
207
Helmut Rohm, Magdeburger Volksstimme, 15.12.2009
Regiedebüt für David Ortmann in Dessau
Problem-Chaos im „Kaspar Häuser Meer“
Am Schluss: Rotbemützt, gemütlich auf dem Boden sitzend, eine leise Weihnachtsmelodie auf dem Lippen – ein trautes Miteinander!? Mitnichten. Anika (Eva Marianne Berger), Silvia (Susanne Hessel) und Barbara (Regula Steiner-Tomic) sind ewig gestresst, auch nicht gut zueinander. Die drei sind die handelnden Personen im Schauspiel „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller, das im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau Premiere als Regiedebüt des 23-jährigen David Ortmann Premiere hatte.
Anika, Silvia und Barbara sind Sozialarbeiterinnen in einem Jugendamt. Ihre Aufgabe: Sich kümmern um vernachlässigte, verwahrloste und misshandelte Kinder. Und – Mitkollege Björn fällt gerade wegen Burnout-Syndroms aus. 104 zusätzliche Fälle. Da wird alles noch prekärer, als es schon von Haus aus ist. David Ortmann verpasst zu Beginn zweien eine Ritterrüstung. Zeichen für das Amt als eine Institution, ein Bollwerk (Ausstattung Silvia Maradea)?
Der Zuschauer erlebt eher tragische, ja angstmachende Situationen der totalen Überforderung. Dabei sind die drei andauernd in körperlicher, oft logisch nicht nachvollziehbarer Bewegung. Und sie reden ständig. Mit eigentlich faszinierendem Tempo – für sich eine bewundernswerte schauspielerische Leistung. Aber sie reden mehr aneinander vorbei, oft über andere, ohne Lösungsansätze. Die Gedanken springen. Der Redefluss bekommt Brüche, Halbsätze bleiben stehen. Die drei sind von den Problemen übermannt. Die dienstlichen vermischen sich mit den privaten. Erzählt wird trotz oder gerade wegen des bitterbösen Themas mit viel hintergründigem Humor. Letztlich bleibt es aber dennoch ein Spiegelbild der sozialen Realität. Die Premiere dieses sozialkritischen, höchst aktuellen Stückes wurde mit viel Beifall aufgenommen.
13.12.2009, 21:44 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel
, Pressestimmen
206
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 14.12.2009
Schauspiel
Frische Ware beweist ihre Haltbarkeit
Bühnen in Dessau und Magdeburg bieten gelungene Premieren
Für das deutsche Stadttheater ist der Mülheimer Marktplatz eine Frischetheke: Die neuen Texte der Saison sind hier - meist in ihrer Uraufführungs-Inszenierung - zu besichtigen, über das Verfallsdatum wird oft erst später entschieden. Zwei Züchtungen des Jahrgangs 2008 wurden am Wochenende auch in Sachsen-Anhalt präsentiert - und haben den Haltbarkeits-Test mit Bravour bestanden.
Verbale Wundertüte
Zunächst ist Felicia Zellers "Kaspar Häuser Meer" zu bestaunen, mit dem David Ortmann sein Regie-Debüt im Alten Theater Dessau gibt. Die Geschichte der Jugendamts-Mitarbeiterinnen, denen nach dem "Björn-Out" eines Kollegen ihr ohnehin fragiles Karteikartenhaus über den Köpfen zusammenbricht, ist eine verbale Wundertüte: Die Sätze umstrudeln und unterspülen ihren Sinn, die permanente Überforderung fällt sich selbst ins Wort und trotzt jeder Beschreibung.
Für diese Monologe, die nur selten und eher zufällig in wirkliche Gespräche ausfransen, muss man Bilder und Haltungen finden, ohne den Alltag der Frauen zwischen Selbstbehauptung und -verleugnung platt zu illustrieren. Und dies gelingt dem Ensemble in Silvia Maradeas Bühnenraum ausgesprochen gut. In dem steil ansteigenden Archivgebirge, dessen Kästen sich zur Babyklappe und zum Müllschlucker, zum Bürostuhl und zur Kletterwand umfunktionieren lassen, wird die Routine als Scheitern im Ansatz gezeigt: Da werden die Noppen der Luftpolsterfolie zerdrückt und Voodoo-Puppen aus dem Lametta des Aktenvernichters geflochten, da werden Seifenblasen produziert und Menschenketten aus Papier gespannt. Und am Horizont rotieren die Reihen der Registratur als Zauberwürfel oder fallen als Tetris-Steine aus dem Paragrafen-Himmel.
Es ist ein Mikrokosmos, der zwischen Kaffeemaschine und Raucherinsel eigenen Gesetzen folgt, während sich draußen vor der Tür die Schicksale von Kindern und Eltern in Vorgänge und Vermerke verwandeln. Wer hier mitleidet, hat schon verloren. Und wer sich abhärtet, gewinnt nichts.
Im Stakkato bekommen die Frauen Kontur: Da ist die junge Anika (Eva Marianne Berger), die im Kampf gegen fremdes Elend die eigene Tochter aus den Augen zu verlieren droht. Da ist die frappierend geschwind zwischen Einzelkämpfer-Euphorie und Dauer-Depression wechselnde Silvia (Susanne Hessel) - und die abgebrühte Barbara (Regula Steiner-Tomic), die ihre Position mit Selbstgewissheit und Terror gegen die Jüngeren verteidigt. Vor den fragilen Klängen der Bühnenmusik von Hans Rotman zeichnet die Regie diese Figuren mit kräftigen Strichen, steckt sie in strahlende Rüstungen und gedeckte Alltags-Farben.
Durch die physische Anstrengung des Sprechens und Spielens aber, durch die Freiübungen im Käfig vermeidet sie falsche Gesten der Betroffenheit und Einfühlung, die den bösen Witz in Felicia Zellers Text übertünchen würden. Ein umjubelter Abend!
Kapitalismus spielt mit
Während Zeller im Untertitel von einer "wirklichen Komödie" spricht, wählt Philipp Löhle für sein Stück "Genannt Gospodin" das Attribut "antikapitalistisch". Und auf der Studiobühne des Magdeburger Schauspielhauses verstärkt Matthias Huhn diese Tendenz: Sein Erzähler schneidet sich noch vor dem ersten Wort scheinbar die Zunge aus dem Mund, als wolle er dem Zuschauer die folgende Geschichte verweigern - und gibt sich unmittelbar danach als jener Kapitalismus zu erkennen, dem sich deren Held Gospodin entzieht.
Was folgt, ist eine Tour de Force in Zeitlupe: Der Aussteiger, der mit seinem Lama in der Fußgängerzone eine perfekte Quelle für Lebensunterhalt ohne Arbeit gefunden zu haben glaubt, wird von Greenpeace seiner Existenzgrundlage beraubt. Nach und nach holen sich gute falsche Freunde auch noch Kühlschrank, Fernseher und Mikrowelle aus der Wohnung. Und als schließlich ein Kneipen-Kumpel die Beute seines Raubzuges bei ihm deponiert, findet Gospodin den Ort seiner Freiheit - im Gefängnis.
Huhn liefert mit seinem perfekten Darsteller-Quartett das Satyrspiel zu "Schuld und Sühne", die Hausherr Jan Jochymski am gleichen Ort inszeniert hat: Auf schiefen Ebenen (Bühne: Markus Karner) rutschen und stolpern Babette Slezak und Andreas Gugliemetti in wechselnden Rollen auf das selbst gewählte Nullniveau des Verweigerers Gospodin (Sebastian Reck). Silvio Hildebrandt kämpft als Spielmacher und trauriger Clown in manischer Vergeblichkeit um das Interesse des Aussteigers, der ihn in seiner Existenz bedroht.
Das alles wird mit übermütigem Witz erzählt und ironisch gebrochen. Auch hier ein Treffer, zwei Stücke über das gesellschaftliche Soll auf der Haben-Seite der Theater - was kann man mehr wollen?
Nächste Vorstellungen: "Kaspar Häuser Meer" 14. und 18. Dezember; "Genannt Gospodin" 18. und 20. Dezember, jeweils 19.30 Uhr
10.12.2009, 09:53 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
196
Alessandro Anghinoni, www.operamagazine.nl, 07.12.2009
Nederlanders vallen op in ‘gewone’ Candide
Dessau 7 december 2009 Geen reacties
Na een bejubelde Lohengrin waren de verwachtingen rond de volgende première van het Anhaltisches Theater uit Dessau hooggespannen. De productie van Candide viel echter tegen. Niettemin waren de solisten, waaronder de Nederlandse bariton Wiard Witholt, goed.
Van mijn niet-Duitse vrienden heeft iedereen wel een idee wat Bauhaus is, maar slechts een paar weten waar Dessau ligt. Vaak halen ze de naam van de hoofdstad van het Bauhaus door de war met de naam van een concentratiekamp in Zuid-Duitsland.
Maar de stad heeft niet direct zulke gruwelijke herinneringen. Er is slechts één goed zichtbaar spoor van de Nazi-tijd: het enorme, buitensporige theater dat door Adolf Hitler in 1938 geopend werd en uitgerust is met Duitslands grootste roterende toneel.
Vandaag heet dit 1100 plaatsen tellende huis het Anhaltisches Theater en de nieuwe muzikale directeur is de Nederlandse workaholic Antony Hermus, die het seizoen op 4 oktober opende met een alom geprezen Lohengrin.
Zulke creatieve persoonlijkheden zijn welkom. Niet alleen bij culturele instituties, maar in de hele stad. Dessau probeert namelijk haar status als ‘kreisfreie Stadt’ (een onafhankelijke stad, die zo’n 100.000 inwoners moet hebben) te behouden en wil daarvoor de populatieafname die sinds de hereniging van Duitsland aan de gang is in bedwang houden.
In zo’n moeizame situatie kun je het programma van het operahuis zien als een oproep tot een revolutie: Lohengrin, Candide, Un ballo in Maschera, One touch of Venus en La muette de Portici zijn de grootste premières die gepland staan in het Antony Hermus-tijdperk. Alle opera’s gaan in meer of mindere mate over rebellie.
Lohengrin was een groot succes, op een paar wrijvingen met halsstarrige aanhangers van het traditionalisme na.
De tweede première, Candide van Leonard Bernstein, is slechts ten dele een voortzetting van het gladde pad van de roem. We zagen de laatste versie van het stuk, gebaseerd op een tekst van Hugh Weeler, in een Duitse vertaling, met dialogen die herzien waren door de jonge regisseur Cordula Däuper.
Hoewel ik een supporter ben van de jonge mensen die in het theater in Dessau werken, moet ik jammer genoeg zeggen dat Däuper niet aan mijn verwachtingen kon voldoen. Niet dat de voorstelling het zien niet waard was, maar ik kon me gemakkelijk een veel verrassender, onderhoudender vertolking voorstellen. Dessau heeft meer nodig dan ‘gewone’ producties om uit haar depressieve situatie te klimmen.
Maar net als Candide geef ik mijn optimisme niet zo makkelijk op en probeer ik de goede punten eruit te halen. Allereerst de vurige en nauwgezette directie van Daniel Carlberg, onder wiens leiding het orkest momenten van zo’n meeslepende intensiteit bereikte, dat het me moeite kostte om mijn zelfbeheersing te bewaren en niet op te staan en rond te gaan dansen. Al direct bij de ouverture!
Van de hoofdrollen wil ik David Ameln noemen, een knappe en ervaren buffo-tenor, die een zachte en lyrische Candide neerzette. Hij verpersoonlijkte de onschuld.
De briljante Nederlands-Italiaanse Angelina Ruzzafante – een mooie coloratuursopraan met prachtig lyrisch potentieel – zong Cunegonde zonder zichtbare moeite met de hoge e’s in de showaria ‘Glitter and be gay’. Helaas werd die aria geregisseerd als een magere en niet-originele kopie van ‘Diamonds are a girl’s best friends’.
De spelbreker Maximilian was de veelbelovende Nederlandse bariton Wiard Witholt, die zijn kleine rol uitstekend zong, met een preciesie in zijn uitspraak en gemak in zijn zang waarmee hij alle anderen overtrof.
Voor mij blijft het onbegrijpelijk waarom de operazangers uitgerust werden met microfoons. De onnatuurlijke klank stond in onaangenaam contrast met de rijkheid van de muziek uit de orkestbak. Een microfoon was misschien nodig voor de grotendeels gesproken rollen van Voltaire en dr. Pangloss, maar moest de rest van de cast daar dan door verpest worden?
Zoals ik al zei, heeft Dessau het grootste roterende toneel in Duitsland. Dus verwijt het me niet als ik zeg dat ik verwachtte dat er iets zou gaan gebeuren tijdens het laatste lied met koor, ‘Make our Garden Grow’. De klank was geweldig, maar het ijzeren gordijn was neergelaten en alles werd overgelaten aan de verbeelding van de toeschouwer. Een nogal minimalistische, koude, geenszins entertainende enscenering voor het slot van een show.
Niettemin, ik ben vol vertrouwen dat er meer over Dessau en zijn opera’s te vertellen zal zijn op basis van de volgende premières.
Alessandro Anghinoni doet regelmatig verslag van interessante producties in Berlijn. Hij is Italiaans maar woont sinds 2000 in Berlijn. Hij is vertaler van beroep en schrijft regelmatig over opera. Voorheen voor bladen als Opernwelt, tegenwoordig op zijn blog Operello
10.12.2009, 09:24 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
195
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 08.12.2009
Cordula Däuper bringt Bernsteins „Candide“ auf die Bühne des Anhaltischen Theaters Dessau
Wenn die „beste aller Welten“ auf die Wirklichkeit trifft
Trist und grau verwehrt der sogenannte Eiserne Vorhang den Blick auf die Bühne. Aus
dem Orchestergraben dagegen schallt temporeiche Musik, mit viel Blech, auch fließend schönen Passagen. Diese Ouvertüre von „Candide“, dem Musical von Leonhard Bernstein, ist sehr bekannt. Das Musical selbst dagegen ist recht selten auf der Bühne zu erleben. Jetzt hatte es in der Inszenierung von Cordula Däuper am Anhaltischen Theater Dessau Premiere.
Nach dem furiosen Auftakt durch die mitreißend aufspielende Anhaltische Philharmonie unter Leitung des 1. Kapellmeisters Daniel Carlberg tut sich eine weit in die Tiefe reichende Bühne
mit oft nur skizzenhaft angedeuteten Requisiten auf. Eine ganz in Weiß gekleidete große Menschengruppe (Chor unter der Leitung von Helmut Sonne) vermittelt ein „Schön-Gut-
Sauber“-Gefühl. Idylle „von früher“ steuert ein großes Mosaikbild bei (Bühne: Jochen
Schmitt, Kostüme: Mareile Krettek). Gerade eben um und über diese „beste aller möglichen
Welten“ geht es. Literarische Grundlage ist der Voltaire-Roman „Candide oder der Optimismus“, in dem sich der Autor mit der Leibniz- These von „der besten aller
möglichen Welten“ auseinandersetzt.
Die Geschichte: Auf einem westfälischen Schloss Thunderten- Tronck werden die halbwüchsigen Kinder des Barons, Maximilian und Cunegunde, sowie Candide, ein unehelich geborener Neffe der beiden, und das Dienstmädchen Paquette vom Lehrer Pangloss erzogen. Abgeschirmt von der Realität, in der „besten aller Welten“. Wegen eines innerfamiliären Vorfalls wird der „Bastard“ Candide aus dem Schloss gejagt – und muss die reale schonungslose Vielfalt schrecklicher Erfahrungen durchleben.
Cordula Däuper hat sich dem schwierigen Unterfangen erfolgreich gestellt, den Zuschauer auf die handlungs-, handlungsort- und personalreiche Irrfahrt des Candide durch ganz Europa, hin bis in die „Neue Welt“, mitzunehmen. Ihr Angebot: Eine Spielanordnung als Experiment, spannend und flott unterhaltend gestaltet. Zentrale Frage: Wie lange wird der
Candide‘sche Optimismus Bestand haben? Eine von der Regisseurin geschaffene „allwissende Figur“ (ungemein variabel Stephan Lohse) wandelt zwischen Personen und Zeiten, ist Voltaire, Lehrer Pangloss, Mulatte Cacambo, auch Martin.
Mitdenken und Nachdenken
Dem Zuschauer, von dem viel Konzentration, Mit- und am besten auch Nachdenken abverlangt wird, hilft er, dem Geschehen, oft auch nur in ganz kurz erwähnten Episoden, stringent folgen zu können. Ein wenig Toleranz beim Publikum natürlich vorausgesetzt. Die Erzählweise von Cordula Däuper reflektiert die menschliche Gefühlspalette trefflich: dubios verwirrend, persiflierend, derb direkt, verletzend zynisch, satirisch, auch hintergründig humorvoll, ebenso emotional nahegehend. Auffallend, ohne vordergründig hervorgehoben
zu werden, sind die vielen Parallelen im menschlichen Handlungsmuster von „früher und heute“. All diese Wahrheiten und Andeutungen, das aktionsreiche Spiel, die tolle Musik, verdankt das Publikum dem rundum engagierten Ensemble.
Herausragend sind die Protagonisten.
Faszinierend mit Stimme, Spiel und einem wahren „Koloraturen-Gewitter“ Angelina Ruzzafante als Cunegunde. David Ameln war der immer gescholtene, doch liebenswerte,
ewig suchende Candide. Renate Dasch überzeugte als souverän mondäne Old Lady.
Ob das abschließende Sich- Wiederfinden aller Figuren, das Haus bauen und warten, „bis unser Garten blüht“, die nun „beste aller Welten“ ist, bleibt offen. Diese Frage kann sich
wohl nur jeder Zuschauer selbst beantworten.
Die nächsten Aufführungen sind am 10. Dezember um 16 Uhr und 20. Dezember um 17.30 Uhr zu erleben.
09.12.2009, 12:51 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
194
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 01.12.2009
Strippenzieher tritt ins Licht
Gerald Fiedler erregt mit seinem Solo „Der letzte Einruf!!!“ Kult-Verdacht.
Gegen Dynastien kann man nichts ausrichten - vor allem dann, wenn sie seit Generationen im Untergrund wirken und ihre öffentlichen Interessen von Strohmännern wahrnehmen lassen. Die Poltes zum Beispiel: Seit acht Generationen ziehen sie hinter den Kulissen des Dessauer Theaters buchstäblich die Fäden, ihr mehr oder minder segensreiches Wirken aber fällt auf andere zurück. Dabei ist es jenen Inspizienten, die seit 1794 auf den Vornamen Leo hören, natürlich keinesfalls egal, wer unter ihnen Intendant ist. Schon Gründervater Bossahn war ein Prinzipal von Poltes Gnaden. Und seither ...
Gerald Fiedlers neues Solo-Projekt „Der letzte Einruf!!!“ basiert auf einer verführerischen Idee. Denn tatsächlich ist das Inspizientenpult ja eine Schnittstelle, an dem über Wohl und Wehe eines Theaterabends entschieden wird. Eine falsche Lichtstimmung oder ein vorzeitig gezogener Vorhang, der nach einer vergessenen Ansage verpatzte Auftritt oder die falsche
Ton-Einspielung - es gibt zahllose Möglichkeiten, mit denen ein Inspizient das fragile Bühnenkunstwerk zerstören kann. Dass ihm dennoch nie der verdiente Applaus zuteil wird, ist Teil der Verabredung - und sorgt nun dafür, dass Leo Polte VIII. endlich in das Licht der Scheinwerfer tritt. Schließlich haben sich alle seine Vorfahren das Leben genommen - oft aus Protest!
Fiedler präsentiert einen Abend, der ihm auf den Leib geschneidert ist - mit dem gehörigen Pathos des Würdenträgers, der das goldgeprägte Samtalbum mit der Familiengeschichte
im geheimen Pultfach verwahrt und den ganzen Apparat mit zwei Hebeln zum Laufen bringt. Und mit dem Übermut des Komödianten, der sich seiner Wirkung wohl bewusst ist und deshalb auch schräge Gesangstöne souverän hält oder das Grinsen über eigene Pointen riskiert. Zu Höchstform läuft er auf, wenn er Kleists „Familie Schroffenstein“ als Programmvorschau auf dem Inhaltsan-Gabentisch zur Schlumpf-Moritat verwandelt oder wenn er dem eigenen Stand ein Ständchen bringt.
Dass die von Dirk Heidicke geschriebenen Texte aus dem Inspizientenleben freilich keinen vollen Abend tragen würden, weil das Format von vornherein auf Fortsetzung angelegt ist, war abzusehen. Ob es daher freilich der Rubrik „Neben den Kulissen“ bedarf, die denn doch sehr ins kabarettistisch Beliebige ausfranst, sei dahingestellt. Schließlich ist der abschließende Teil des Abends, zu dem als Überraschungsgast diesmal die Schauspielerin
Eva-Marianne Berger geladen war, durchaus noch ausbaufähig. Und dann muss Leo Polte
VIII. vielleicht auch nicht mehr so oft aus jener Rolle fallen, die nur er allein auszufüllen vermag. Als Kenner des Hauses und seines Repertoires nämlich dürfte dieser traditionsbewusste Inspizient zur Kultfigur werden. Sein Debüt jedenfalls drohte das Alte Theater zu sprengen - was wohl kaum im Sinne der Ahnen sein kann!
08.12.2009, 18:32 | tags:
Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Lohengrin
, Pressestimmen
193
Alexander Hauer, http://www.deropernfreund.de/pageID_7953294.html,
http://www.musenblaetter.de/liste.php?bid=28, Dezember 2009
Anhaltisches Theater Dessau
Lohengrin
Der von vielen herbeigesehnte, von vielen befürchtete, Führungswechsel in Dessau blieb ohne große Folgen. Ja, es weht ein neuer Wind, aber die Qualität der Inszenierungen und die musikalische Leistung blieben auf dem gleichen, hohen Niveau. Dies ist mein Eindruck nach Andrea Moses’ klug durchdachten, und von Antony Hermus außergewöhnlich transparent geführten, Lohengrin am 22. November.
Zusammen mit Andrea Moses befreite er den Lohengrin von seiner romantischen Last, Wagner, ohne seine Schwere, bekam Swing.
Andrea Moses betrachtete den Text genau, mit chirurgischer Präzision sezierte sie die Textinhalte, setzte sich auf das genaueste mit dem musikalischen Subtext auseinander und schuf so zusammen mit ihrem Team einen höchst aktuellen, politischen Opernabend: Der heilige Gral als Heilsversprechen um einen Krieg im Osten zu führen ( ganz aktuell, seit einiger Zeit wird Deutschland auch am Hindukusch verteidigt, Danke, Herr Struck!). Nachdem die Brabanter Heinrich zunächst die Gefolgschaft für seinen Krieg gegen Ungarn verweigern, zaubert er eine weitere politische Marionette herbei.
Lohengrin erscheint aus der Unterbühne, Videoeinspielungen (Chris Kondek und Jens Crull) im Stil deutscher und amerikanischer Wahlspots, unterstreichen seinen Auftritt. Andrew Sritheran ist ein stimmlich sicherer, seine Kräfte klug einteilender, baritonal gefärbter Lohengrin. Er gestaltet seine Rolle als eiskalter Machtpolitiker, durchaus bereit seine Gegner zu töten, ist sich aber seiner Rolle als Marionette von Heinrich durchaus bewusst. Dieser Lohengrin weiß schon zu Beginn an, dass er Elsa verlassen muss und wird.
Bettine Kampp ist eine psychisch labile Elsa, durch jahrelange Gefangenschaft tablettenabhängig. Sie erkennt, wenn sie sich retten will, muss sie diesen Lohengrin heiraten, egal unter welchen Bedingungen. Spätestens aber, seit der Fragestellung im Brautgemach, beginnt aber ihre Emanzipation, und am Ende der Oper sieht sie als einzige das Unheil mit klaren Augen. Frau Kampps warmes Timbre und die klare Textverständlichkeit lassen diese Elsa auch musikalisch zu einem Hochgenuss werden.
Die Gegenspieler, Ortrud und Telramund (hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein ehrgeizige Frau), Iordanka Derilova und Ulf Paulsen, sind, wie erwartet, einfach sensationell. Die schauspielerische Leistung der beiden steht der Gesanglichen in nichts nach. Ulf Paulsen eher lyrischer Bariton hat Möglichkeit zu schon fast brutalen Ausbrüchen, Derilovas glockenklarer Sopran, der Rolle angepasst, eiskalt und wunderbar verständlich (zum ersten Mal, nach vielen, vielen Lohengrinen habe ich verstanden, was Ortrud bei der Anrufung der alten Götter singt).
Pavel Shmulevich als Heinrich, steht in Moses’ Deutung im Mittelpunkt der Inszenierung. Seine Erscheinung ist fast zu sympathisch und seinem sonoren Bass fehlt das letzte Quäntchen an teuflischer Bösartigkeit.
Wiard Withold überzeugt als Heerrufer. Im Erscheinungsbild eines Priesters, ist er ein Einpeitscher, der es schafft, die Volksmassen auf Kriegskurs zu trimmen.
Der, durch den Coruso Chor und Extrachor verstärkte, Chor des Stadttheaters unter Helmut Sonne brilliert, wie man es sich nicht besser wünschen könnte.
Andrea Moses gelingt in der Ausstattung von Christian Wiehle ein zeitloses hochpolitisches Werk. Die Verführung des Volkes, die Abhängigkeit durch Lobbyisten und politische Willkür, waren und sind immer tagesaktuell.
Boshaft könnte man auch sagen: Nach der Wahl ist vor der Wahl.
In ihrem Schlussbild erscheint auf Heinrichs Befehl eine weitere Marionette, Gottfried, schnell zu recht geschustert mit Kindermaske. Während das Volk nun wie paralysiert gen Osten marschiert steht eine geistig nun völlig klare Elsa am Rand, die alle Avancen von Heinrich und dem Heerrufer ablehnt.
Der Abend endete unter einhelligen Jubel für Sänger und Orchester in einer klug durchleuchteten, romantikfreien Inszenierung.
Das Stadttheater lud im Anschluss an die Aufführung zu einer Diskussion ein. Rege Beteiligung des Publikums führte zu einer Auseinandersetzung mit dem Abend für beide Seiten. Regie, Dirigent und Sänger stellten sich den Fragen der Zuschauer. Kontroverse Auffassungen prallten aufeinander, blieben aber an diesem Abend von Seiten der Wagnerianer (noch) sachlich.
08.12.2009, 18:27 | tags:
Musiktheater
, Lohengrin
, Pressestimmen
192
Oliver Hohlbach, http://www.operapoint.com, 07.12.2009
Anhaltisches Theater Dessau
Lohengrin
von Richard Wagner (1813-1883); Romantische Oper in drei Aufzügen; Dichtung vom Komponisten; Uraufführung: 28. August 1850 in Weimar.
Regie: Andrea Moses, Bühne: Christian Wiehle, Video: Chris Kondek
Dirigent: Antony Hermus, Anhaltische Philharmonie, Opernchor, Kinderchor und Extrachor des Anhaltischen Theaters Dessau
Solisten: Pavel Shmulevich (König Heinrich), Andrew Sritheran (Lohengrin), Bettine Kampp (Elsa), Ulf Paulsen (Telramund), Iordanka Derilova (Ortrud), Wiard Witholt (Heerrufer).
Besuchte Aufführung: 22.November 2009 (Premiere)
Kurzinhalt
König Heinrich ruft die Brabanter zum Feldzug. Graf Telramund, von seiner Gattin Ortrud angestachelt, beschuldigt Elsa von Brabant des Mordes an ihrem Bruder Gottfried. Ein Gottesgericht in Form eines Zweikampfs soll über Elsas Schuld entscheiden. Da erscheint ein Fremder im Boot, gezogen von einem Schwan, und besiegt Telramund. Dieser Fremde will Elsa heiraten unter der Bedingung, daß sie nie nach seinem Namen und seiner Herkunft fragen würde. Elsa willigt ein. Am Hochzeitstag bezichtigen Ortrud und Telramund vor dem Münster den Fremden der Zauberei und des Betruges. Doch Elsa vertraut ihrem Bräutigam. Später, als sie allein sind, bricht Elsa ihr Versprechen und stellt die Fragen. Im gleichen Moment dringt Telramund in das Brautgemach ein, im Zweikampf stirbt er. Danach offenbart Lohengrin Namen und Herkunft. Ortrud triumphiert, aber durch sein Gebet bewirkt Lohengrin die Rückkehr Gottfrieds, des rechtmäßigen Thronfolgers.
Aufführung
Die Regisseurin Andrea Moses verlegt die Handlung in das Parlament einer heutigen Hauptstadt. Die Abgeordneten versammeln sich um König Heinrich zu begrüßen. Die Fraktionsführerin Elsa reagiert auf die Angriffe des Oppositionsführers Telramund, ihren Bruder Gottfried ermordet zu haben, kindlich naiv linkisch. Das taucht der Führer der Schwanen-Bewegung auf, der mit modernem Marketing die Massen hinter sich bringt: Dynamisches Auftreten, Schwanen-Logo und seine Info-Broschüre wird von adretten Damen verteilt: Ihn ernennt König Heinrich gerne zum Anführer. Die Hochzeit zwischen Elsa und Lohengrin versuchen Telramund und Ortrud zu verhindern, indem sie aufdecken, daß Lohengrin Bestechungsgelder angenommen hat. Aber Lohengrin beantwortet alle Fragen (auch zu seiner Identität) nicht. Im Brautgemach will sich Elsa endlich Klarheit über die Mediengestalt Lohengrin verschaffen. Nachdem er Telramund das Genick gebrochen hat, erzählt Lohengrin seine wahre Geschichte, verschwindet in der politischen Versenkung. Sein Nachfolger als Führer ist ein Statist mit Gottfried-Maske. Selbst Elsa will nicht wissen wer er ist, die politische Elite aber feiert den Neubeginn – so als wäre nichts gewesen.
Sänger und Orchester
Das Haus in Dessau hat 1.200 Plätze, aber der umbaute Raum ist mit anderen Staatsopern vergleichbar, somit muß man ähnliche Maßstäbe wie an eine Staatsoper anlegen: Die KS Iordanka Derilova ist der hochdramatische Sopran, der die Hexe Ortrud wortverständlich singt und ohne zu Fokussieren erreicht sie eine phänomenale Durchschlagskraft - besonders in den hohen Registern. Andrew Sritheran wird in den Olymp der Wagner-Tenöre aufsteigen: baritonal-samtig fundiert kann er in den Höhen mit scheinbarer Leichtigkeit glänzen. Außerdem ist jeder Lohengrin, der beide Teile der Gralserzählung voll aussingen kann, über jede Kritik erhaben. Pavel Shmulevich ist ein russischer Baß mit unendlicher Tiefe. Nach diesem Rollendebüt als König Heinrich wird er seinen Weg zu den großen Bässen sicherlich finden. Ulf Paulsen ist der Hausbariton, der die schwierige Rolle des Telramund ohne jede Anstrengung meistert und den schleimigen Demagogen nicht nur stimmlich überwältigend verkörpert. Bettine Kampp ist ein lyrischer Sopran mit kindlich leuchtender Stimme, sie benötigt nur etwas Zeit um sich frei zu singen. Antony Hermus ist der neue, fast blutjunge GMD des Hauses, der die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen der Partitur steuert. Besonders, da das Tempo durchwegs flott ist und dies die technischen Ansprüche in die Höhe treibt. Trotzdem können die Streicher mit viel Schmelz viel Herzschmerz ausdrücken: Ein Meisterstück der frühen Romantik!
Fazit
Auf der ersten Produktion einer neuen Theaterführung liegt immer besonderes Augenmerk. Besonders da ein junges Team Johannes Felsenstein abgelöst hat, der mit seinen konservativen Produktionen durchaus eine Fangemeinde hatte. Und dennoch wurde diese moderne Produktion mit einhelligem stürmischen Applaus bejubelt. Zum einen weil das Stück mit vielen Details und viel Pfiff handwerklich ausgefeilt auf die Bühne gestellt wurde – und doch die Handlung, wie sie der Komponist wollte, erkennbar war. Zum anderen weil die politischen Fragen, die um die Auswahl der Politiker für ein Amt und die Verantwortung der Medien in der Politik kreisen, sehr im Interesse der Zuschauer liegen: Der Revoluzzer Richard Wagner hätte seine Freude gehabt.
08.12.2009, 16:24 | tags:
Spielzeit
, Puppentheater
, Pressestimmen
191
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 7.12.2009
Weihnachten bei Müllers mit Bauch und Geweih
Puppentheater: «Hirsch Heinrich» feiert mit dem Charme der kleinen Leute Premiere
Martha Müller hängt Wäsche in die gute Stube, auf dass sie trockne. Paul Müller repariert das alte Grammophon. Die dreiarmige Stehlampe greift mit ihren schrägen Kegeln, den Kunststoff-Lampenschirmen, in den schrägen Charme der kleinbürgerlichen Heimstätte und in die frühen 1960er Jahre. Es ist laut Kalender der 23. Dezember, aber nur, weil Martha sich einfach weigert, ein Blatt abzureißen.
Das Stück "Hirsch Heinrich" hat an St. Nikolaus Premiere im Dessauer Puppentheater gefeiert. Die diesjährige Vorweihnachtsgeschichte wurde dem großen Fundus der DDR-Literatur entnommen. Autor Fred Rodrian war ab 1975 bis zu seinem Tod 1985 Cheflektor beim Kinderbuchverlag Berlin. Illustriert wurde seine 1960 erschienene Geschichte von Werner Klemke.
In Dessau ähnelt die Puppe Paul dem Paul des Kinderbuches, hebt Ausstatterin Claudia Sill den verwohnten Charme der Entstehungszeit der Geschichte zielsicher auf die Bühne. Regisseurin Stephanie Rinke zeichnet das Leid des aus China stammenden Tierpark-Hirsches Heinrich und das Schuldgefühl von Martha Müller voller vorweihnachtlicher Empfindsamkeit.
Heinrich, seines Schicksals wegen ohnehin traurig gesinnt, wird mit Anbruch des Winters immer einsamer. Als am Heiligen Abend nicht einmal Klein-Martha oder Klein-Paul in den Tierpark kommen, springt er aus dem Gehege. Da begegnen ihm Jäger und tierliebe Kinder. Bis nach China ist es weit und der Hunger groß. So geht Heinrich zurück in den Tierpark, wo er bereits erwartet wird.
In der Rahmenhandlung, in der guten Stube des Ehepaars Müller, ist der Hirsch wieder verschwunden und mit ihm die Lust Marthas, Weihnachten zu feiern. Schließlich geschah es an einem Heiligen Abend in ihrer Kindheit, dass Heinrich allein gelassen wurde.
Uta Krieg und Helmut Parthier sind für ihre vorweihnachtlichen Rollen glaubhaft gealtert und bezaubernd altersgerecht üppig geworden, so dass die Strickjacke an der tief liegenden Plauze schön beschränkt spannt. Aber auch mit Bauch verführt Herr Müller ganz schmucklos seine Frau, sich einzulassen auf die Erinnerung an Kindertage und schließlich auf das hohe Fest. Gefeiert wird der köstlich blank gescheuerte Charme der kleinen Leute.
Schlicht wie die Verhältnisse sind die spielerischen Mittel. Aus den Bettlaken auf der Wäscheleine werden Engelflügel, der Stubentisch wird zum Gehege, zum Winterwald, zum Dorf, der Nussknacker zum Tierpfleger. Natürlich beginnt es, am Ende zu schneien. Und als das Kalenderblatt fällt, öffnen sich die bescheidenen engen Wände. Das kinderlose Paar hat sich auf empfindsame Weise den Kinderblick zurück erobert. Ein Lichterbaum glänzt. Ein Hirschlein dreht sich auf dem Plattenteller. Müllers gehen geradewegs rührend in den Wald, Hand in Hand in den weich verweltlichten, nachchristlichen Gefühlskanon des kirchlichen Hochfestes.
Weitere Vorstellungen von "Hirsch Heinrich" gibt es bis Heiligabend fast täglich vormittags und nachmittags.
07.12.2009, 16:12 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
190
Dr. Kevin Clarke, http://magazin.klassik.com/konzerte/reviews.cfm?task=review
07.12.2009, 12:32 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
189
Franz R. Stuke, http://www.opernnetz.de/seiten/rezensionen/dess_cand.htm, 7.12.2009
Zeitlose Gültigkeit
Es ist das Stück zur verlogenen Gegenwart – Voltaires philosophische Satire über „die Beste aller Welten“! Mit Bernsteins anspielungsreicher Musik entwickelt sich „Aufklärung mit den Mitteln der Unterhaltung“ (Brecht).
Ganz in diesem verkappten Lehrstück-Verständnis inszeniert Cordula Däuber – trifft den ironischen Duktus Voltaires mit seinem apokryphen Humor punktgenau, setzt auf die „system-persiflierende“ Musik Bernsteins als handlungsstrukturierendes Element. Die Geschichte der Reise Candides durch die Unbilden der Welt mit Krieg, gewalttätigen Ideologien, gnadenlosem Reichtum und schnöselhafter Unmoral bis zu seinem „Garten“, den er pflegen will – sie gerät zur tour d’horizon durch die Globalisierungs-Katastrophen, kommentiert vom Voltaire-Pangloss, mit personen-bezogenem Bühnenhandeln, realisiert durch ideenreiche Konstellationen der agierenden Personen - solo, in Ensembles und als „Masse“. Und dies permanent sowohl der Botschaft Voltaires als auch der hinreißenden musikalischen Piècen Bernsteins szenisch-subtil gerecht werdend!
Das alles geschieht auf einer Bühne mit grauen Wänden, die sich zerlegen lassen, zu Stufen aufbauend, mit sparsamen Requisiten arbeitend – Jochen Schmitts Bühnen-Elemente schaffen die kommunikativen Räume der Ausweglosigkeit für die Personen, die immer wieder durch Versenkungen stimuliert werden. Mareile Kretteks phantasievolle Kostüme korrespondieren mit dem ironisierenden Duktus des überzeugenden Inszenierungskonzepts.
Daniel Carlberg stürzt sich mit der brillanten Anhaltischen Philharmonie fulminant in die „spritzige“ Ouvertüre, interpretiert die so faszinierend wechselnden Stil-Anleihen Bernsteins mit bewundernswerter Flexibilität, gibt den Solo-Instrumenten Raum für virtuose Passagen – und nutzt die Chance zu etwas Einmaligem: die „hinterlistige“ Umsetzung ironisch-klingender Musik!
Für die Solisten ein prima Angebot für inspirierendes Spiel und distanziert-interpretierenden Gesang, mit Chancen zum Demonstrieren stimmlicher Virtuosität. Stephan Lohse gibt dem Voltaire/Pangloss ambivalenten Charakter, agiert reaktionssicher, spricht enorm ausdrucksstark und singt mit beeindruckender Intensität. David Ameln gelingt ein naiv-leidender Candide, ein ästhimierender Archetyp gläubigen Vertrauens, stimmlich hellwach, variabel im Ausdruck. Renate Dasch ist die lustvoll-stimulierende Alte Dame, darstellerisch flexibel, mit chansonhafter stimmlicher Attitüde! Angelina Ruzzafante kostet die Rolle der Kunigunde ironisch-lustvoll aus, brilliert mit perlenden Koloraturen, fasziniert mit stimmlicher Variabilität. Das Dessauer Ensemble überzeugt mit attraktivem Spiel, gesanglich perfekt positioniert - so wie der Opernchor, geleitet von Helmut Sonne: individualisiert im kollektiven Spiel, famos im differenzierenden Gesang der von Bernstein geforderten Stil-Mixtur!
Der nicht nur intellektuelle Spaß an der aufklärerischen Geschichte fand zur Premiere kein volles Haus in Dessau mit seinem riesigen Auditorium - doch die Zustimmung wächst von Szene zu Szene, endet mit nachhaltiger Zustimmung.
Prognose: Der Dessauer Candide wird zur Attraktion der Besucher aus Berlin, Leipzig, Magdeburg!
06.12.2009, 19:09 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Pressestimmen
188
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 7.12.2009
Anhaltisches Theater
Witze am Scheiterhaufen
Cordula Däuper betont die Unzulänglichkeiten des Librettos von Bernsteins Musical «Candide»
Die beste aller möglichen Welten ist ein fauler Kompromiss: Wir müssen unseren Garten pflegen, erkennt Candide am Ende seiner Grand Tour durch Gottes Schöpfung. Damit scheint er die höchste Stufe im Dreisatz der menschlichen Bildung erreicht zu haben: Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten. Doch ob der reine Tor aus dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck tatsächlich weise geworden ist, darf bezweifelt werden. Schließlich entscheidet er sich ausgerechnet jetzt, seine Geliebte Kunigunde zu heiraten.
Was Leonard Bernstein bewogen hat, Voltaires Roman "Candide" um die Mitte des 20. Jahrhunderts zur Basis für ein Musical zu wählen, vermag auch die Inszenierung am Anhaltischen Theater Dessau nicht abschließend zu beantworten. Zwar lässt das musikalische Material keinen Zweifel am Wert des Werks, das Libretto aber bleibt auch hier eine Zumutung für die Darsteller wie für das Publikum.
Hastige Nachrichtensendung
Daran kann Cordula Däupers Lesart nichts ändern: Die Kurzatmigkeit der Geschichte verhindert jede Empathie für ihre Akteure, Candides Klagen rühren ebenso wenig wie die Opfer des Krieges und des Erdbebens, durch die der Philosoph seine Probanden hetzt. Das Ganze wirkt eher wie eine Nachrichtensendung, in der ferne Katastrophen zur hastig durchgewunkenen Mitteilung verkommen. Dieser Eindruck wird durch Regie und Ausstattung sogar noch verstärkt.
Denn anstatt die historische Entfernung als plausible Perspektive zu akzeptieren, aus der sich die unglaublichen Abenteuer betrachten ließen, sucht man in Dessau die Nähe einer unmittelbaren Gegenwart. Und die bekommt der Geschichte schon deshalb nicht, weil dabei grundsätzliche Verabredungen aufgegeben werden: Wo ließe sich heute noch das Eldorado finden, das Voltaire als utopischen Ort in einer Neuen Welt behaupten konnte? Und wie lässt sich ein Autodafé als Besänftigung göttlichen Zorns übersetzen? Nachdem die Regisseurin mit dem Bühnenbildner Jochen Schmitt und der Kostümdesignerin Mareile Krettek eine Optik etabliert hat, die mit seitlich aufragenden Hochhausfassaden sowie mit der Tennis-Mode der Tanglewood-Bohème eine westliche Warenwelt beschwört, muss sie die ganze Geschichte auf diese Ästhetik herunterbrechen - und verlegt etwa die Opferung von Candides Lehrer Pangloss in eine Stadion-Fankurve, die zudem mit der sozial tolerierten Selbstschädigung durch Tabakgenuss kurzgeschlossen wird. Raucherwitze am Scheiterhaufen - O sancta Simplicitas!
Auch sonst hat man gelegentlich den Eindruck, dass die Regie der Ironie der Vorlage misstraut und sie durch schale Scherze ins Unmissverständliche überzeichnen will. Dabei findet sich alles, was man für das Verständnis von "Candide" braucht, im Graben: Die in doppelbödiger Harmonie schwelgenden Streicher, die mutwillig stampfenden Blech- und die arrogant näselnden Holzbläser agieren unter Daniel Carlbergs raumgreifendem und forderndem Dirigat so wunderbar geschlossen, dass jeder Einsatz der Anhaltischen Philharmonie die Ansetzung des Stückes rechtfertigt. Und auch die Sängerbesetzung lässt kaum Wünsche offen: David Ameln hat den naiven Ton des Titelhelden verinnerlicht, Angelina Ruzzafante ist mit dem hoch dramatischen Gestus ihrer Kunigunde bestens vertraut, Renate Dasch zeigt als Old Lady so viel augenzwinkernde Selbstironie wie Wiard Witholt als Maximilian - und in den kleineren Rollen bewähren sich neben Kostadin Arguirov und David Schroeder die Solisten jenes Chores, den Helmut Sonne generell ausgezeichnet präpariert hat.
Narrensprüche und Werbeslogans
Doch dass man von keinem dieser Darsteller wesentlich mehr zu sagen weiß, ist symptomatisch für die mangelnde Tiefenschärfe: Lediglich Stephan Lohse, der als Voltaire und Pangloss, als Cacambo und Martin durch die Geschichte führt, entwickelt dank seiner tänzerischen Eleganz und seiner darstellerischen Kraft ein Identifikations-Angebot. Allerdings beneidet man ihn schon bald um die 3D-Brille, mit der er dem Geschehen offenbar eine Dimension abgewinnen kann, die man vom Parkett aus vergeblich sucht. Dass diverse Narrensprüche und Werbeslogans zudem gelegentlich wie eine unfreiwillige Parodie auf jenen "Lohengrin" wirken, den Andrea Moses jüngst so ungleich plausibler und konsequenter auf die selbe Bühne gebracht hat, ist ein fataler Nebeneffekt. Denn nun kann man in Dessau neben der subversiven Kraft auch die affirmative Belanglosigkeit von verschriftlichten Regie-Einfällen studieren. Im Finale aber, als alle Figuren vor dem Eisernen Vorhang zur Ruhe kommen, wird man plötzlich überwältigt - und ahnt, was man drei Stunden lang verpasst hat.
Nächste Vorstellungen: 10. Dezember, 16 Uhr; 20. Dezember, 17 Uhr
03.12.2009, 11:52 | tags:
Spielzeit
, Musiktheater
, Pressestimmen
187
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 03.12.2009
Musical „Candide“ von Leonard Bernstein hat in der Regie von Cordula Däuper Premiere am Anhaltischen Theater Dessau
Trugschlüsse um die „beste aller Welten
Der Roman ist mehr unbekannt, obwohl der Buchautor dagegen umso mehr bekannt ist. Auch das darauf beruhende Musical wird recht selten gespielt, trotz des berühmten Komponisten. Am Anhaltischen Theater Dessau hat am Freitag, dem 4. Dezember, um 19.30 Uhr das Musical
„Candide“ von Leonard Bernstein seine Premiere. Es basiert auf dem satirischen Roman „Candide oder der Optimismus“ des französischen Philosophen Voltaire.
Ein Musical in der bekannt klassischen Art sei es eigentlich nicht, mehr schon „ein Musiktheater“, erklärt Cordula Däuper (32), die als Gastregisseurin „Candide“ in Dessau in der von ihr geschaffenen Fassung inszeniert. Die absolute Zuordnung zu einem bestimmten Genre passe nicht so richtig, weil es eine große Bandbreite im Wechsel von Spiel- und Musikszenen gibt, mal Operette, mal komische Oper, auch mal Musical, aber kein Ballett, mal Schauspiel.
Selbst der Inhalt, so Cordula Däuper, erscheint auf den ersten Blick zumindest irreführend. Auf dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck wachsen Candide, seine heimliche Liebe Cunegunde, deren Bruder Maximilian und Paquette in der optimistischen Lebensphilosophie ihres Lehrers Pangloss von der „besten aller Welten“ auf.
Die Idylle wird zerstört, als Candide vom Grafen Thunderten- Tronck beim Liebesspiel mit Cunegunde ertappt und aus dem Schloss verbannt wird. Auf seiner Reise durch die Welt muss Candide am eigenen Leib erfahren, dass die „beste aller Welten“ nur in der Philosophie und ohne Bezug zur Realität existiert.
„Ich mache es immer für heute“
„Der Zuschauer wird auf der Bühne eine interessante und humorvolle, ebenso satirische, zynische und überzeichnete Auseinandersetzung mit unserem Planeten erleben können“, bringt die Regisseurin ihre Arbeit auf den Punkt, macht aber damit auch neugierig.
Cordula Däuper wählt für ihre Inszenierung eine „heutige Spielanordnung“ – und macht wiederum neugierig. Doch sie begründet auch. „Ich mache es immer für heute“, das sei spannend und nicht „museal“. Original gehe eigentlich ja auch nicht, weil man nicht genau wisse, wie die Leute
vor 200 Jahren gedacht haben. Und – gerade auf „Candide“ bezogen: „Die Welt ist seither (leider) nicht besser geworden. Für alles, was im Buch beschrieben ist, lässt sich heute mehr als ein Pendant
finden.“
Cordula Däuper, geboren in Wiesbaden, lebt in Stuttgart. Von klein auf ist sie mit dem Theater verbunden, hat im Theaterchor Wiesbaden mitgesungen und viele Aufführungen miterlebt. „Es hätte auch ein Geigenstudium werden können“, erinnert sie sich. Doch die Entscheidung fiel fürs Theater: Studium der Theater- und Kulturwissenschaften in Berlin, 2004 Regiediplom, von 2003 bis 2005 Stipendiatin an der „Akademie Musiktheater heute“.
„Am liebsten Musiktheater“
Musiktheater mache sie am liebsten, weil „sich Musik und Inhalt zusammenfügen“, aber auch, bei allem Respekt vor der Arbeit anderer Kollegen, sollen ihre Inszenierungen „interessanter und spannender sein“ als manche von ihr gesehene. Auf ihrem erfolgreichen künstlerischen „Habenkonto“
stehen unter anderem das Musikmärchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ und „Der Vetter aus Dingsda“ (beide an der Komischen Oper Berlin), die Telemann-Oper „Flavius Bertaridus“ in Magdeburg, das
Open-Air-Spektakel „Eichbaumoper“ in der Essener U-Bahn und „Wiener Blut“ in Berlin.
„Die Welt ist nicht
besser geworden“
Sie mache sich schon Gedanken, wie man auch andere, jüngere Zuschauerschichten ansprechen könne, „wie sie sich angesprochen fühlen“, sagt die Regisseurin. Deshalb ist Cordula Däuper auch froh, in Dessau an einem Haus arbeiten zu können, an dem ein neues Ensemble startet, wo Aufbruchstimmung herrscht.
Und noch einmal zum Stück. Ihre „Candide“-Aufführung sieht sie als eine Art „Lehrstück“ oder „Emanzipationsgeschichte“, jedoch ganz ohne moralisieren zu wollen. Von „glauben“ zum „Sich-selbstein- Bild-machen“, hin zur Entwicklung einer „Selbstverantwortlichkeit für das eigene
Leben“.
Zu ihrem Team gehören Jochen Schmitt (Bühne) und Mareile Krettek (Kostüme). Die Titelrolle in der Premiere singt David Ameln, festes Ensemblemitglied am Anhaltischen Theater. Die musikalische Leitung hat Daniel Carlberg.
Die zweite Vorstellung ist am kommenden Sonntag, dem 6. Dezember, um 17 Uhr zu sehen.
26.11.2009, 21:46 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel
, Funk
, Pressestimmen
181
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.11.2009
Dessau
Verlockung des leeren Platzes im hellen Licht
Festival «Figurenräume - Raumfiguren» - Peter-Handke-Stück auf der Bauhausbühne
Nach dem Willen des Dichters sollte man seine Bilder nur sehen, beim Festival "Figurenräume - Raumfiguren" aber konnte man Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" nun auch hören. Mit dem Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters nahm Andrea Moses das Stück von 1992- eine einzige gigantische Regie-Anweisung - zum Anlass für einen überraschenden Gegenentwurf zur bisherigen Rezeptionsgeschichte. Und damit brachte sie einen Text zum Klingen, dessen Sinn eigentlich in seinem Verschweigen liegt.
Von Leere und Licht
Der "leere Platz im hellen Licht", den Handke zum Schauplatz seines Welttheaters gewählt hat, war dabei die Bühne des Bauhauses Dessau - ein Ort, an dem man den Horror Vacui in der jüngsten Vergangenheit besonders schmerzlich zu spüren bekam. Der konzeptuelle Mangel aber prädestinierte den Raum nun für das gigantische Versprechen, das mit Handkes Schöpfung verbunden ist: die Vermessung eines Kosmos im Schnelldurchlauf, die pointierte Andeutung aller Möglichkeiten im Theater-Universum. Der Trick der Inszenierung war es, dass sie die bildgebende Kraft des Wortes ernst nahm - und die Figuren damit immer wieder in Bedrängnis brachte, weil sie sich allzu voreilig auf die Behauptungen eingelassen hatten.
Komik der Verwandlung
So entsteht Komik: Wenn einem der zahllosen Passanten zunächst eine generelle Haltung aufgegeben wird, die er im nächsten Moment im Detail korrigieren soll. Wenn zwei der 18 Darsteller zum gleichen Gang aufbrechen und sich dann um dessen Vollendung streiten. Wenn eine stumme Figur dem Vorleser soufflieren muss, weil der sich ins Geschehen gemischt und dabei den Faden verloren hat. Oder wenn der Wechsel der Identitäten so schnell erfolgt, dass die einzelnen Konturen verschwimmen.
Es war zugleich der bislang aufwendigste Abend im Rahmen des "Funk"-Projekts, das eine Brücke zwischen Bauhaus und Theater schlägt - und der sinnstiftendste. Man kann diesen gewaltigen Entwurf also auch so umsetzen - als knappe Skizze, die sich ihren Raum im Moment der Entstehung erobert. Das wäre, nebenbei gesagt, auch ein Ansatz für die Internationale Bauausstellung 2010. Leere Plätze gibt es schließlich genug.
24.11.2009, 12:12 | tags:
Ballett
, Schauspiel
, Neue Formate
, Pressestimmen
177
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 23.11.2009
Bauhaus
Komik der Geometrie
Experimente in der Tradition der Klassischen Moderne werden präsentiert und erinner an Abschied von Oskar Schlemmer vor 80 Jahren
Es ist ein Wesenszug jeder Avantgarde, dass sie sich erst von der Nachhut einholen lassen muss, ehe sie ihre Wirkung voll entfalten kann. Denn wer seiner Zeit voraus sein will, muss zwangsläufig deren Möglichkeiten sprengen - was dazu führt, dass seine Ideen auf einen späteren Fortschritt in Bewusstsein und Technik angewiesen sind. Ein beredtes Beispiel für dieses Dilemma liefert die Geschichte der Bühne am Bauhaus Dessau, die vor 80 Jahren mit dem Abschied von Oskar Schlemmer endete und nun durch ein Festival unter dem Titel "Figurenräume - Raumfiguren" wieder belebt werden soll. Viele ästhetische Experimente aus den 20er Jahren sind bestenfalls durch Fotos und Filme dokumentiert, etliche Ansätze wurden lediglich als Konzept überliefert - ein weites Feld, auf dem man leicht in die Irre gehen kann.
Als positives Beispiel für die Rekonstruktion von Bauhaus-Ideen darf vor allem eine Inszenierung gelten, die inzwischen selbst den Status eines Klassikers beansprucht: Jörg U. Lensings Rückgriff auf "Das mechanische Ballett" von Kurt Schmidt und Georg Teltscher hat auch 21 Jahre nach dem ersten Gastspiel auf der Dessauer Bühne nichts von seiner Frische und seinem Humor eingebüßt. Noch immer ist es anrührend und komisch, wenn sich die geometrisch konturierten Figurinen der "Windmühle" und des "Maschinenwesens" begegnen und ihre Farbflächen abgleichen.
Dass man am Samstag im Anhaltischen Theater nur zwei der fünf Akte sehen durfte, wirkte wie ein Appetizer auf das kommende Wochenende. Dann nämlich ist die komplette Inszenierung noch einmal im Bauhaus zu sehen. Fehlen wird das Video von Sascha Hardt, mit dem Lensings Theater der Klänge 1988 seine Auseinandersetzung mit László Moholy-Nagy grundierte - eine Collage im Geiste von Walter Ruttmann, die 60 Jahre nach dessen "Sinfonie der Großstadt" sehr anachronistisch wirkt. Der überraschendste Teil des Triptychons aber, den der Düsseldorfer Professor für Ton- und Klanggestaltung für das Dessauer Festival zusammengestellt hatte, war eine Arbeitsprobe: Erstmals wurden Teile der "Suite intermediale" gezeigt, die direkt auf Oskar Schlemmers Klang- und Figurenkonzept zurückgreift und dabei die technischen Möglichkeiten der Gegenwart auf die Klassische Moderne anwendet. Wie spannend es sein kann, wenn man den Körper des Tänzers als ton- und bildgebendes Medium verwendet, wenn man die Schatten und die Bewegungsunschärfe auf einer Leinwand einfängt und die kinetischen in akustische Impulse umsetzt, wurde hier ausführlich demonstriert. Und wenn sich bis zur Uraufführung auch noch das Quintett der Tänzer als Hardware zu jenem Niveau aufschwingt, auf dem die Software sich bereits befindet, dürfte sich das Theater der Klänge für ein neuerliches Gastspiel empfehlen.
Als Work in Progress musste man wohl auch jene Inszenierung verstehen, mit der die Stiftung Bauhaus und das Anhaltische Theater das Festival am Freitag eröffnet hatten. Die Funkoper "Supremalevich" rekurriert auf den Besuch des Suprematismus-Erfinders Kasimir Malevich, der 1927 in Dessau Station machte. Dass der Meister des schwarzen Quadrats auf weißem Grund von Gropius und Co. allerdings weit weniger euphorisch empfangen wurde, als es die euphorische Parole "Wir loben seine Ankunft" suggerierte, hing als Menetekel über dem Abend.
Denn obwohl sich das Ballett des Anhaltischen Theaters, die Schauspieler Christel Ortmann und Hans-Jürgen Müller-Hohensee sowie die Sängerin Mika Kaiyama sichtlich mühten, dem kosmischen Pathos der Abstraktion und dem sinnstiftenden Spiel mit der reinen Form Gestalt zu geben, wurde zumindest die Premiere dieser Performance von mangelndem Rhythmus-Gefühl gestört. Ausgerechnet dem Regisseur Martin Neuhaus, der dem Abend Form und Halt geben sollte, mangelte es an Geduld und an Gespür für die nötige Dauer.
So konnten sich die choreografischen Ansätze nicht entfalten, erst gegen Ende lud sich das Geschehen mit Spannung auf - und im Ergebnis musste man das Experiment eher als "Suboptimalevich" verbuchen. Aber dass Scheitern zur Avantgarde dazugehört, weiß man ja nirgends besser als im Bauhaus.
Nächste Veranstaltungen: Lesung aus "Palucca. Die Biografie" (Montag, 19 Uhr, Bauhaus); Vortrag über Gerhard Bohner (Dienstag, 19 Uhr, Muche-Schlemmer-Haus); "Im goldenen Schnitt" (Mittwoch, 19 Uhr, Marienkirche), "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" (Mittwoch, 21 Uhr, Bauhaus-Bühne)
24.11.2009, 12:04 | tags:
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176
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 24.11.2009
Alle Schauspieler begegnen sich
Andrea Moses zeigt am Mittwoch im Bauhaus Peter Handtkes berühmtes Stück ganz ohne Worte
Die Gattung Performance hat es in Dessau schwer, kommt sie dann noch im Kontext mit dem Bauhaus daher, bewegt sich die Zuschauerzahl selten über dem zweistelligen Bereich. Das musste auch das Tanz- und Performance-Festival "Figurenräume - Raumfiguren" erfahren, nachdem am Wochenende die ersten Programmpunkte gezeigt wurden. Unbeirrt von erschreckend niedrigen Besucherzahlen geht es diese Woche jedoch weiter. Schließlich kann die Resonanz nur besser werden.
Gut vorbereitet lässt sich am Mittwoch das Gastspiel von "Im (Goldenen) Schnitt I. Durch den Raum, durch den Körper" um 19 Uhr in der Marienkirche erleben, denn schon am Dienstag um 19 Uhr wird Dirk Scheper im Meisterhaus Muche / Schlemmer über die Inszenierung sprechen. Dirk Scheper, Sohn des Bauhausmeisters Hinnerk Scheper, ist ein ausgewiesener Kenner des Werks von Oskar Schlemmer. Er übernahm die Produktionsleitung für Gerhard Bohners (1936-1992) Choreographien - darunter die Rekonstruktion des "Triadischen Balletts" oder den Solotanz "Im (Goldenen) Schnitt I", der am Mittwoch in der Marienkirche gezeigt wird.
Cesc Gelabert wird dieses Solo von Gerhard Bohner tanzen. In Zusammenarbeit mit der Gelabert-Azzopardi Companyia de Dansa aus Barcelona unternahm die Berliner Akademie der Künste die erste Rekonstruktion eines Solotanzes von Bohner. Cesc Gelabert, seit seinem Debüt beim Akademie-Festival 1985 regelmäßig in Berlin arbeitend, hat "Im (Goldenen) Schnitt I" nach dem Material der Berliner Videofilmerin Cosima Santoro rekonstruiert. Ansatz für die 1989 entstandenen drei Versionen von "Im (Goldenen) Schnitt" war Bohners Interesse an der Zusammenarbeit mit Bildenden Künstlern, das zu Bühneninstallationen von drei Künstlern führte. In der ersten im Mai 1989 im Studio der Akademie der Künste uraufgeführten Version reagiert der Tänzer auf einen von der Darmstädter Bildhauerin Vera Röhm gestalteten Raum aus begehbaren Konstellationen von Holz-Plexiglas-Pfeilern. Bei dem Solo erklingt Johann Sebastian Bachs "Das Wohltemperierte Klavier", Präludium und Fuge 1-12 in einer Einspielung von Keith Jarrett.
Cesc Gelabert ist gegenwärtig einer der wichtigsten Choreografen und Tänzer des modernen Tanzes in Spanien. Er lässt sich nicht einfach einer Richtung zuordnen, stattdessen hat er einen eigenen Stil geschaffen. Seine Choreografien nehmen historische Symbole zum Ausgangspunkt. 1986 gründete er seine eigene Tanz-Compagnie.
Direkt von Cesc Gelaberts Tanzsolo kann das Publikum am Mittwochabend in das Bauhaus wechseln, wo es um 21 Uhr in seiner gesamten Masse dem Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters begegnet. Innerhalb des Haus[funk]abends "Figur-Raum-Bewegung"
wird Dessaus Chefregisseurin Andrea Moses Peter Handkes Schauspiel "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" als Performance inszenieren. "Eine einmalige Gelegenheit, alle unsere Schauspieler kennen zu lernen", warb Moses bereits bei der Eröffnung des Festivals für diesen außergewöhnlichen Abend.
Peter Handke schuf mit "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" ein ganz besonderes Theaterstück, denn es kommt völlig ohne Text aus. Das Stück besteht einzig aus einer 60-seitigen Regieanweisung, die die Begegnungen und Begebenheiten beschreibt. Handke webt aus vielen kleinen Szenen eine Stunde, die einen Querschnitt durch die Gesellschaft und das Leben zeigt. Er beschreibt den Weg des Theaters in die Sprache, das Spiel steht im Vordergrund. Auch das Bühnenbild ist im Original des Dichters ein völlig freier Platz. Am Mittwochabend im Bauhaus wird dieser nun auf der Bühne entstehen. Mehr als ein Dutzend Akteure spielen Alltägliches, begegnen einander, helfen sich gegenseitig, behindern sich, verlieben sich, schließen sich zu Gruppen zusammen und lösen sie wieder auf.
Die Möglichkeit, Teil einer multimedialen Performance zu werden, bietet den Festivalgästen dann am Donnerstag der Workshop (14 bis 17 Uhr) "Interaktive intermediale Performance", gehalten von Jörg U. Lensing und Thomas Neuhaus. Lensing ist gemeinsam mit Sylvia Wanke am Abend um 19 Uhr auch Gast des Festivalcafés, zu dem in den Bauhausklub eingeladen wird. Beide widmen sich der Bauhausbühne in einer Spurensuche und werden davon berichten.
23.11.2009, 15:16 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
175
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 20.11.2009
„Sechse kommen durch die ganze Welt“ im Anhaltischen Theater Dessau
Warum sechs sieben werden und Freundschaft sich auszahlt
Sechse kommen durch die Welt“ heißt das diesjährige Märchen zur Weihnachtszeit
am Anhaltischen Theater. Basis für diese Inszenierung von Robert Klatt ist das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm. Genau genommen helfen fünf einem, zu seinem Recht zu kommen. Am Ende wird es sogar heißen: „Sieben kommen durch die Welt“. Sehr reich sind sie zudem auch noch geworden. Mehr als ihnen eigentlich zusteht?
Der aus dem Krieg zurückgekommene, verletzte Soldat (Thorsten Köhler) wird vom Alkohol liebenden König (Hans-Jürgen Müller-Hohensee) und dessen hinterlistigem Minister (Sebastian Müller-Stahl) um den versprochenen Lohn betrogen. Sogar in den Knast geworfen. Zudem wird der Soldat von der arrogant kratzbürstigen Prinzessin Victoria
(Lisa Kudoke) verachtet und gedemütigt.
Was tun? Um sein Recht kämpfen. Mehr noch:
Rache! Der Weg: Verbündete suchen. „Rein zufällig“, auf einem zunächst langatmigen
Weg durch die spärliche Dekoration (Bühne und Kostüme: Heiko Mönnich) der großen, sich oft drehenden Bühne, trifft der Soldat auf andere Männer. Die jedoch haben aber mit dem König (fast nichts „abzurechnen“ als vielleicht allgemeine Unzufriedenheit. Aber sie verfügen
über besondere Eigenschaften und Fähigkeiten.
Hier wird das Stück dann auch märchenhaft. Gefunden und zum Team vereint: der das Gras wachsen hörende Horcher (Karl Tiehle), der supermannstarke Keule (Matthieu Svetchine), der blitzschnelle Läufer (Jan Kersjes), der lungenstarke Bläser (Boris Malré) und der temperaturempfindungsgeschädigte Frostige (Mario Janisch). Die Beweise ihres einzigartigen Könnens sind faszinierend für sich und auch ebenso von den Darstellern auf der Bühne präsentiert. Der mitdenkende Zuschauer wird so neugierig gemacht, wann und wie wohl der Einzelne gebraucht wird. Warum einer „9Live“ guckt und ein anderer den Plastinator von Hagens „bemühen“ muss, bleibt aus junger Zuschauersicht allerdings kaum zu verstehen. Gags der Gags willen? Nach dem Motto „Alle für einen!“ oder „Gemeinsam sind wir stark!“ kommen sie in vielfach ideenreich und durchaus spannend arrangierten Szenen wechselnd „zum Einsatz“.
Eingerahmt im fast wörtlichen Sinne ist das große Bühnengeschehen von zwei alten geschwätzigen, auch alkoholverliebten (warum eigentlich?) Nachbarinnen (Ellen-
Jutta Poller und Hildegard Wiconke). Wieder ein bisschen Gag oder ein wenig „Märchenerzählerin-Ersatz“? Der junge, schon längst nicht mehr verletzte Soldat wird trotz „unsportlichen Verhaltens“ der anderen Seite einen Wettlauf gegen die Königstochter gewinnen. Natürlich mit Hilfe seiner Freunde. Die Zuschauer fiebern mit. Gegen die Hinterlist der herrschenden Kaste beim Aufgabenlösen um die Hand der Tochter besteht das Team auch überzeugend.
Ist aber ein solch garstiges „höheres Mädchen“ überhaupt begehrenswert? Das könnten
sich auch die Zuschauer fragen. Doch der Soldat ist auch ganz schön pfiffig und clever. Erst
mal die Tochter haben, dann kann man weitersehen.
„End-Ziel“ ist ja inzwischen, den König um all seinen Reichtum zu bringen. Das gelingt ganz gründlich, auch sehr zur Freude der vielen kleinen Premierengäste. Der Sack ist voller Gold. Der König ist bestraft, der Minister letztendlich auch.
Und die Königstochter? Darauf kann der künftige Märchenbesucher gespannt sein. Treue, Freundschaft, Mut, Zueinanderhalten zahlen sich auf jeden Fall aus – im Märchen wie wohl auch im realen Leben.
Die nächsten Aufführungen finden am Freitag, dem 27. November, um 10 Uhr und am Donnerstag, dem 3. Dezember, um 10 Uhr und 15 Uhr statt.
21.11.2009, 10:18 | tags:
Spielzeit
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Thomas Steinberg, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 21.11.2009
Zwischen Diskurs und Diskussion
Der Intendant des Anhaltisches Theaters blickt im Gespräch auf die ersten 100 Tage im Amt zurück
Seit 100 Tagen ist der neue Intendant des Anhaltischen Theaters André Bücker im Amt. Über den Start, Veränderungen am Theater, Reaktionen des Publikums und Zukunftspläne sprach Thomas Steinberg mit ihm.
Unter den Besucherkommentaren auf der Website des Anhaltischen Theaters findet sich die Klage, wohl mehr am hemdsärmeligen Publikum interessiert zu sein denn am treuen. Herr Bücker, wollen Sie die Abendroben aus dem Theater verbannen?
Bücker: (lacht) Nein, überhaupt nicht, ich hab auch nicht den Eindruck, dass die Abendrobe verdrängt ist. Wir haben zum Beispiel die Operngala - übrigens zwei Mal gespielt, zwei Mal ausverkauft - wo es durchaus festlicher zugeht, aber auch junge Leute kommen, und die sind, glaube ich, ein bisschen gemeint mit dem Begriff hemdsärmelig. Wir wollen das Festliche weder verbannen noch das Hemdsärmlige vorschreiben: Aber die Leute gehen heute ja auch anders in Theater, sie kommen, wegen dem was es zu sehen gibt.
Ohne die alten Geschichten aufzurollen - dennoch: der Start war für die Neuen alles andere als unkompliziert. Es gab sehr viel Skepsis, nicht zuletzt im Haus. Wie schätzen Sie heute das Klima im Theater ein?
Bücker: Als ausgezeichnet. Wir haben das Premierenwochenende auf die Agenda gehoben, um zu zeigen, hallo, hier sind wir, hier passiert was Neues. Das hatte Wirkung nach außen und innen. Es hat das Haus an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht, aber es haben alle Mitarbeiter an einem Strang gezogen. Wir haben gemeinsam gearbeitet und konnten uns gemeinsam freuen. Ich bin sehr stolz darauf, was dieses Haus geleistet hat, und glaube, das sehen fast alle Mitarbeiter genauso.
Skeptisch zeigten sich auch Teile des Stammpublikums. Bei der Premiere des "Lohengrin" konnte man den Eindruck gewinnen, die Buhrufe galten nicht nur der Regisseurin Andrea Moses, sondern insgesamt den Veränderungen am Theater. War der Lohengrin gedacht als ein bewusster Bruch mit der Ära Felsenstein?
Bücker: Das würde ich überhaupt nicht so sehen. Es gab keinerlei Kommentarebene in der Inszenierung zu dem, was vorher hier auf der Bühne stattgefunden hat. Ich finde, der Lohengrin ist eine handwerklich sehr gut gemachte, kluge Inszenierung, hervorragend musiziert mit tollen Sängern - dieser Lohengrin steht für sich. Diejenigen, die den Lohengrin kritisieren, haben anscheinend die Bravo-Rufe nicht gehört. Die Oper verkauft sich hervorragend, die Leute kommen auch aus Berlin, Leipzig, Halle, teilweise aus Süddeutschland, aus Österreich. Diese Aufführung hat eine große Kraft entwickelt und eine enorme Aufmerksamkeit erregt in der Theaterlandschaft, was natürlich positiv auf die Stadt zurückfällt.
In den Kritiken der regionalen Medien wird derzeit immer wieder Bezug genommen auf die jüngere Vergangenheit, meist, um mit ihr abzurechnen. Wie gehen Sie damit um?
Bücker: Ich mache nicht ein bestimmtes Theater, weil es vorher ein anderes gegeben hat. Die Vergangenheit interessiert mich als die Geschichte eines Ortes, dessen kulturelle Linien und Wurzeln, nicht als eine bestimmte Theaterästhetik, die man aufarbeiten müsste oder gegen die man anarbeiten müsste. Es gibt gewisse Traditionslinien in Dessau: Wagner, Weill, überhaupt das große Musiktheater - das wollen die Leute hier sehen. Das zu zeigen, ist auch unserer Anspruch.
Was auffällt: Mit den "Gesängen aus 1001 deutschen Nacht" ist das Theater in die Stadt gegangen, beim ersten Sinfoniekonzert hat Antony Hermus für Dvoráks "Te Deum" alle größeren Laien-Chöre der Stadt eingeladen. Waren das einmalige Aktionen oder ist dies Programm, einerseits das Gehäuse Theater zu verlassen, andererseits Leute als Mitwirkende ins Theater zu holen, die auch nur im entferntesten etwas damit zu tun haben könnten?
Bücker: Ja, das ist durchaus programmatisch. Wir werden in der Spielzeit noch ein Schauspielprojekt haben, bei dem Laien und Profis zusammen auf der Bühne stehen, wir hatten das 89jetzt!-Projekt, wo wir mit Menschen in der Stadt Kontakt gesucht hatten, wir werden ein Scratch-Konzert haben, wo Sangeswillige und -wütige gemeinsam mit unserem Generalmusikdirektor Antony Hermus die Carmina Burana einstudieren.
.innerhalb von 24 Stunden.
Bücker: .genau, innerhalb von 24 Stunden. Diese Beteiligungsprojekte - ob nun Simon Rattle mit "Rhythm is it" oder Rimini-Protokoll mit den Experten des Alltags - haben ja immer mehr Einzug gehalten, gerade bei Stadttheatern. Sie sollen aber in keiner Weise die festliche Opernaufführung ersetzen, aber es ist eine Bereicherung im Diskurs über das, was Theater sein soll. Theater hat einen Bildungsauftrag und kann eine gesellschaftliche Funktion wahrnehmen, ein Ort des Diskurses und der Diskussion sein über zeitgenössische Themen, über Ästhetik.
Und dazu müssen wir die Menschen erreichen und faszinieren, was nicht nur über Zuschauen, sondern ebenso über Mitmachen funktioniert, wie sich in den theaterpädagogischen Programmen zeigt. Da passiert unheimlich viel: so wie es wertvoll ist, wenn Kinder ein Instrument erlernen, ist es wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung, wenn man Theater spielt, sich in andere Figuren, in andere Menschen hineinversetzt.
Wie versucht das Schauspiel das Verhältnis zwischen dem Großen Haus und dem Alten Theater auszusteuern? Welche Funktionen haben beide Bühnen?
Bücker: Die große Bühne ist eine große handwerkliche Herausforderung, sowohl für die Schauspieler als auch für den Regisseur. Schauspiel muss natürlich seinen Platz auf der großen Bühne haben, und ich wünsche mir, dass wir fürs Schauspiel noch mehr Leute begeistern können. Gerade hier ist es wichtig, die großen Klassiker zu zeigen, auch das Märchen mit seiner großen Tradition in Dessau.
Das Alte Theater wiederum ist eher eine Experimentierstätte für Formate, die man auf der großen Bühne gar nicht machen kann, für Gegenwartsstücke, zeitbezogenes Theater, für Uraufführungen wie Einar Schleefs "Abschlussfeier". Ich möchte das Alte Theater noch stärker zu einem Ort entwickeln, wo man einfach so hingeht, abends vorbeischaut und guckt: ist was los? Oder man einfach ein Bier trinkt.
Im Alten Theater laufen mit der Mono-Oper "Anne Frank" und "Der Kick" Stücke, bei denen der Unterhaltungscharakter ganz klar im Hintergrund steht. Wie geht das Publikum damit um?
Bücker: Das ist interessant: Gerade "Der Kick" läuft gut, vor allem durch Schulen, aber auch im Abendprogramm. Ich denke, es gibt neben dem Bedürfnis nach Unterhaltung auch ein großes Bedürfnis nach der Beschäftigung mit den ernsten, wichtigen Themen auf dem Theater.
Das Puppentheater hatte zu Beginn der Saison noch etwas Schonung, ist jetzt mit der Weihnachtszeit verstärkt gefragt. Wie steht es um dessen Zukunft, da ja die Kooperation mit Magdeburg auslaufen soll?
Bücker: Die Kooperation besteht in dieser Spielzeit, und das Puppentheater wird auf jeden Fall bestehen bleiben, auch in einer Zusammenarbeit mit Magdeburg. Wie eng diese sein wird, wird sich zeigen.
Das Theater zeigt sich jetzt häufiger mit Formaten, die es bislang eher selten gab, etwa mit Talk-Shows. Doch nach dem Auftakt zur Reihe "Contrapunkt - Talk für Toleranz und Demokratie"" der ja von Publikum.
Bücker: .dazu möchte ich lieber nichts sagen, ach Gott, furchtbar.
.als Debakel empfunden wurde, muss ich fragen: Es wird ja wohl keine Fortsetzung geben?
Bücker: Ja, scheitern als Chance. Da sehe ich nach dem Auftakt keine Chance, es unter dem Label und in dieser Konstellation weiterzuführen.
Frage zum Funk-Projekt - das erscheint momentan leicht verrauscht.
(lacht) Ja, das hat Funk als analoges Sendemedium so an sich. Es ist ein großartiges Projekt, vor allem, weil wir dabei so eng mit dem Bauhaus zusammenarbeiten.
Es verästelt sich fast unbemerkt in ganz viele andere Veranstaltungen, deshalb ist Funk auf den ersten Blick nicht scharf umrissen erkennbar. Hier, zum Beispiel beim Bauhaus-Tanzfestival, gibt es zwei Projekte, die maßgeblich durch Funk initiiert oder inspiriert sind. Surpremalevich gehört dazu und auch das, was Andrea Moses auf der Bauhausbühne macht; es gab diverse Konzepte, Lesungen, Interviews; das Tolle ist die immer stärkere Bindung vor Ort, an Akteure vor Ort. "Hermes in der Stadt" - eine Tanzperformance mit dem Bauhaus.
Stichwort Tanztheater: Auch hier ist eine deutlich andere künstlerische Handschrift erkennbar; wie hat das Publikum reagiert? Gregor Seyffert war ja außerordentlich beliebt mit seinen Arbeiten.
Bücker: Wir haben insgesamt einen scharfen Schnitt gemacht und es sind viel diskutierte Wechsel vollzogen worden, auch strukturelle, was anfangs teilweise ja massiv skeptisch aufgenommen wurde. Das Schöne war, dass alle Sparten sich auf den Punkt hervorragend präpariert präsentieren konnten. Und da ist Tomasz Kajdanski unbedingt zu nennen mit seiner "Lulu", einem Stück mit hoher Energie, Erzähllust, mit einer großen Sinnlichkeit und mit einem phantastisch aufgelegten Orchester unter unserem Ersten Kapellmeister Daniel Carlberg, so dass klar wurde, es steht für sich und muss sich nicht an Vorgängern messen lassen.
Mit Irritation ist aufgenommen worden, dass es zwei, drei Wochen nach Spielzeitbeginn hieß: Moses geht - die leitende Regisseurin für Schauspiel und Musiktheater wird nach Stuttgart wechseln. Führt Herr Bücker schon Verhandlungen über eine neue Intendantenstelle?
Bücker: Na ja, Moses geht nicht ganz. Andrea Moses wechselt zur Spielzeit 2011 / 12 als Chefregisseurin an die Staatsoper nach Stuttgart, was phantastisch ist, wird dort zwei Inszenierungen machen und hier eine pro Jahr. Dieses Team, das sich hier gefunden hat ist großartig - das Zusammenspiel funktioniert sehr gut.
Der zweite Teil der Frage galt Ihnen.
Bücker: Mir? Ach, das hatte ich gar nicht verstanden. (lacht) Ich habe einen Vertrag bis 2013 und den werde ich erfüllen.
18.11.2009, 19:42 | tags:
Funk
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Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 18.11.2009
Vom 18. November bis zum 5. Dezember in Dessau
Ein bewegtes Thema krönt das Finale im Bauhausjahr
Veranstaltungen richten ab Freitag den Fokus auf die Bauhausbühne
Im Bauhausjahr 2009 hat man Design gesehen und Architektur bewundert, man hörte von Ideen und Programmatik, hat sich von Kunst begeistern und von Persönlichkeiten beeindrucken lassen. Was bis dato fehlte, war die Bühne. Die historische Bauhausbühne gibt es nur einmal, nur im Bauhausgebäude in Dessau. Und eben dort veranstaltet die Stiftung Bauhaus Dessau gemeinsam mit der Stadt und dem Anhaltischen Theater zum Ausklang des Bauhausjahres ihr erstes internationales Tanz- und Performancefestival "Figurenräume - Raumfiguren". "Wir haben bewusst ein sehr lebendiges Thema gewählt, um zu zeigen, dass Dessau auch ein lebendiger Ort in der Auseinandersetzung ist", erläutert Pressesprecher Ingolf Kern den Ansatz des Festivals.
Ab Freitag und bis zum 5. Dezember machen rund 30 Veranstaltungen die Geschichte und Gegenwart der Bauhausbühne zum Thema. In Aufführungen, Gesprächen und Vorträgen gibt es Spektakel und Unterhaltung, aber auch ernsthafte Auseinandersetzung mit der Bauhausbühne als Laboratorium für Bewegungskunst.
Eröffnet wird das Festival am Freitag um 19 Uhr von Regina Bittner, stellvertretende Direktorin der Stiftung Bauhaus. Gleich im Anschluss folgt die Uraufführung von "Supremalevich - eine [Funk]oper in fünf Akten". "Supremalevich" wird am Freitagabend auf der Bauhausbühne aufgezeichnet und live im Internet übertragen. Die Oper - eine Collage aus Szenen, Eindrücken und Atmosphären aus Kasimir Malewitschs kosmischen Visionen - bezieht sich auf die einzige Auslandsreise, die Malewitsch 1927 unternommen hat, um unter anderem auch das Dessauer Bauhaus zu besuchen. Sie präsentiert in fünf Akten fünf Arten ihn zu loben: seine Ankunft, sein Glauben, sein Schweben, seine Standpunkte und seine Nützlichkeit. Im Anschluss an diese Koproduktion mit dem Anhaltischen Theater und dem Kunstmuseum Lodz wird zu einer großen Eröffnungsparty um 21 Uhr eingeladen.
Das erste Festivalwochenende beschert den Besuchern zudem ein Wiedersehen mit alten Bekannten: Am Sonnabend, 19.30 Uhr, gastiert nach langer Pause das Theater der Klänge wieder in der Stadt, diesmal jedoch auf der Bühne des Anhaltischen Theaters. Dort zeigen die Künstler einen dreiteiligen Abend, unter anderem mit Ausschnitten ihres legendären "Mechanischen Balletts", das man innerhalb des Festivals am 28. November noch einmal komplett sieht.
Weiterhin reicht das Bühnenprogramm bei "Figurenräume - Raumfiguren" vom Solotanz bis zum mechanischen Ballett. Exklusive Sonderführungen mit Musik und Filmen finden im Bauhausgebäude statt, Vorträge und Gespräche zur Vergangenheit und Gegenwart der Bauhausbühne, vor allem aber Tanz, Schauspiel und Performance machen das Festival zum wichtigsten Ereignis der Bauhausbühne im Jubiläumsjahr. An mehreren Tagen wird es begleitende Festivalcafés mit geladenen Gästen geben. Zentraler Ort für diese Treffen ist der Klub des Bauhauses. Dort haben Besucher die Möglichkeit für Diskussion und Kommunikation mit den Veranstaltern, Künstlern und anderen Gästen.
Zum Finale des Festivals am 5. Dezember erwarten die Besucher ab 19 Uhr Performances und Installationen, zuvor werden an diesem Tag noch zwei neue Ausstellungen des Bauhauses eröffnet.
Das Programm und alle Details zum Festival gibt es im Internet.
17.11.2009, 14:25 | tags:
Diverses
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Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung, 17.11.2009
Wie man dessauert
Die Stadt des Bauhauses setzt auf Kultur - was sonst?
"Es hat sich ausgeweimart, meine Herren", sagte Lyonel Feininger im Jahr 1925, "wir gehen jetzt dessauern." Mit diesem Satz werben seit einiger Zeit drei Zugereiste für einen Aufbruch in Dessau, einen Neubeginn mit den Mitteln der Kultur. Die drei haben etwa zur gleichen Zeit ihre Ämter in Dessau übernommen: Philipp Oswalt das Bauhaus, Michael Kaufmann das Kurt-Weill-Fest und André Bücker das Anhaltische Theater. Jetzt wollen sie gemeinsam "dessauern", laden andere zum Mittun ein. Nichts daran ist selbstverständlich und lange erprobt. Neu ist, dass sie kooperieren, dass am Theater neu begonnen wird, dass das Bauhaus sich überhaupt auf die Stadt einlässt. Neu aber ist vor allem, dass man in Dessau wieder einen Aufbruch wagt. Die Stadt, die vor zwei Jahren mit Roßlau vereinigt wurde, zählt heute nur noch 89 000 Einwohner. Seit 1989 ist jeder Vierte weggezogen, und ein Ende der Abwanderung ist bisher nicht abzusehen. Zu mächtig scheinen im mittelelbischen Auenland die Folgen der postrevolutionären Deindustrialisierung zu sein.
Dennoch gibt die Stadt etwa 12,5 Prozent ihres Haushalts für Kultur aus, etwa 20 Millionen Euro im Jahr. Das ist weit mehr als die im Bundesdurchschnitt üblichen drei bis acht Prozent. Welche Leistung, wie viel Trotz und Kulturbewusstsein dahinterstecken, versteht man, wenn man die Kulturnachrichten dieser Tage vernimmt. Hamburg etwa, nicht zuletzt für Pfeffersäcke berühmt, will im kommenden Jahr zehn Millionen einsparen (SZ vom 16. November); vor einem Spar-Tsunami warnte der Kulturrat; im Bundestag hat der Staatsminister Bernd Neumann die Kommunen und Länder beschworen: Nur geringe Summen ließen sich einsparen in der Kultur, die Schäden aber wären gewaltig und irreparabel. Man hört das Argument und nickt unwillkürlich, aber 20 Millionen Euro sind für Dessau-Roßlau keine geringe Summe. Die Summe ist höher als die Summe der Gewerbesteuereinnahmen, selbst in Boomjahren.
Gewiss, auch im mittelelbischen Auenland ist niemand auf Rosen gebettet. Es knirscht überall, weiß der neue, schwungvoll jugendlich wirkende Generalintendant André Bücker. Aber das tut seinem sehr entschlossenen Optimismus keinen Abbruch. Halb lustvoll, halb stolz weist er immer wieder auf die wunderbar lange Tradition hin. Unter seiner Leitung begann mit Wagner, Lessing und Schleef, mit "Lohengrin", "Nathan" und "Abschlussfeier" die 215. Spielzeit. Das Gebäude bietet etwa 1200 Plätze. Das ist sehr groß und gegen die Einwohnerzahl gehalten geradezu aberwitzig riesig. Aber Haus wie Ensemble sind auch etwas, auf das man stolz ist in der Stadt. Selbst Dessauer, die lange keine Vorstellung besucht haben, sprechen von ihrem Haus, von "unserem Theater". Als wieder einmal Haushaltsnot herrschte, war man sich im Stadtrat einig, das Theater zu schonen, soweit es geht. Das sind, mit Haustarif, keine paradiesischen Verhältnisse, aber wer mit Dessauern über ihr Theater redet, der begegnet jenem Bürgergeist, ohne den es nicht geht.
Im Land Brandenburg, in Frankfurt an der Oder etwa, rächen sich die Theaterschließungen der neunziger Jahre, von denen jede durch Not gut begründet war, jetzt schon grausam gründlich. Man wird die Folgen der Kurzsichtigkeit noch in Jahrzehnten spüren. Es fehlen Räume und Institutionen, an die eine Idee von Gemeinwohl sich heften könnte. Um diesen Verlust zu kompensieren, beauftragt man Marketing- und Eventagenturen, aber das hilft immer nur einen Sommer.
In Dessau blieb das Mehrspartenhaus, einschließlich Ballett und Puppentheater, erhalten. Der neue Intendant kann auf die mehr als 200 000 Besucher jährlich bauen. Der "Lohengrin" zum Auftakt ist begeistert gefeiert worden. André Bücker, zuvor Intendant in Halberstadt/Quedlinburg, will nun dem Schauspiel, auch dem Gegenwartsdrama in Dessau größere Auftritte bereiten.
Zu Spielzeitbeginn war auch eine Ausstellung mit Fotos aus der Region zu sehen - und manchen schien die Stadt nicht so schön, wie sie glaubten. So verwundet und reich an Brüchen, scharfen Gegensätzen sollte ihr Dessau sein? Die Erfahrungen der Menschen sollen im Theater zu Wort kommen, es solle, so Bücker, soziale Welten erforschen und "Diskussionsort für die Themen der Gegenwart" sein. Diskutiert wurden die Probleme der Gegenwart auch am Bauhaus, aber dies geschah meist in programmatischer Abkehr von der Stadt, in der die Bauhäusler 1925 eine Heimat gefunden hatten. Der neue Direktor der Stiftung, Philipp Oswalt, will vieles anders machen als sein Vorgänger: Streitlust statt akademischer Abgeklärtheit, Verankerung in der Stadt und in der Region sowie lustvolles Bewirtschaften touristischer Interessen - das wären einige der Stichworte.
All das kommt zusammen in dem Vorhaben, ein eigenes Besucher- und Ausstellungszentrum Bauhaus Dessau zu errichten. In jedem Jahr kommen 100 000 Besucher nach Dessau, um das Kunstschul-Gebäude von Walter Gropius und die Meisterhäuser zu besichtigen. Ein würdiges und vor allem funktionales Empfangsgebäude fehlt. Auch reicht der Platz nicht hin, die zweitgrößte Bauhaussammlung der Welt angemessen zu präsentieren. Über 25 000 Objekte verfügt man, gezeigt wird eine äußerst schmale Auswahl. Mehr lässt der Raum nicht zu.
Der Stiftungsrat wird in dieser Woche entscheiden, ob es anders werden kann, ob Dessau ein neues Ausstellungs- und Besucherzentrum erhalten soll. Mit einem Neubau bekäme Dessau eine ganz andere Stellung im Kreis der Bauhaus-Städte. In Weimar plant man die Errichtung eines neuen Bauhausmuseums, das Bauhaus-Archiv in Berlin, beruhend auf der von Hans Maria Wingler initiierten Sammlung, leidet unter finanziellen Problemen. Die lange geplante Erweiterung ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Diese kann angesichts der Berliner Haushaltslage und der Vorlieben des regierenden Kulturbürgermeisters sehr lang werden. Vielleicht fände die Sammlung ihre Heimat in Dessau, wenn, ja wenn dort das neue Ausstellungs- und Besucherzentrum erstünde.
"Dessau ist die Stadt der Moderne", sagt Philipp Oswalt. "Hier liegt ihr Potential. Sie braucht einen Ort, an dem dieser Reichtum sichtbar wird." Hier könne sich die Region als "Kraftfeld der Avantgarde" präsentieren. An der Kreuzung, die zu diesem Zweck ins Auge gefasst wurde, stoßen die beiden Dessauer Weltkulturerbestätten aufeinander. Die Stiftung Bauhaus mit ihren Meisterhäusern, um deren Rekonstruktion gewiss noch gestritten werden wird, und das aufgeklärte Gartenreich von Dessau-Wörlitz.
Dies gehört zu den Besonderheiten, zur Einzigartigkeit Dessaus. Die Stadt besaß, still und folgenreich, über Jahrhunderte Avantgardecharakter. Das begann wohl mit Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, dessen Exerzierkünste - er führte Gleichschritt, eisernen Ladestock und konzentriertes Pelotonfeuer ein - den Grund für Preußens Aufstieg und eine grundstürzende Modernisierung des Militärs legten. Mit dem Gartenreich, das Fürst Franz anlegen ließ, begann in Deutschland der moderne Klassizismus, einschließlich Neugotik und Landschaftsgarten. Als 1925 das Bauhaus nach Dessau kam, dank der Unterstützung von Sozialdemokraten und Hugo Junkers, hatte man in der Gegend also einige Erfahrung mit kulturellen Aufbruchsprojekten.
Seltsamerweise schien dies nach 1990 vergessen. Wer aus dem Bahnhof tritt, sieht sozialistische Moderne und kapitalistische Fertigteilurbanität um die Krone der Scheußlichkeit miteinander ringen. Ein Abriss von Einkaufszentren könnte der Stadt nur gut tun. Etwa 10 000 Wohnungen stehen leer. Umso erstaunlicher, umso erfreulicher wirkt nun das "Dessauern" der drei Neuen, die in dem parteilosen Oberbürgermeister Klemens Koschig, der einst für das Neue Forum am runden Tisch Roßlau saß, einen Unterstützer gefunden haben.
Leichter wird es nicht werden für die schrumpfende Stadt Dessau im armen Land Sachsen-Anhalt während der größten Wirtschaftskrise. Ein Solidarpakt zur Unterstützung der selbst in rosigen Zeiten überforderten Kommunen wäre jetzt zu fordern. Was Deutschland groß und liebenswürdig gemacht hat, sei es die Reformation, die Klassik, der Idealismus, entstammt kleinstädtischer Kultur. Unsere Zentren sind eben in erster Linie Wittenberg, Weimar, Wolfenbüttel, Meiningen und Marbach. In Dessau kann man nun ein kulturpolitisches Modell erproben, wie mit dieser Kleinteiligkeit wieder Großes zu erreichen wäre.
16.11.2009, 20:24 | tags:
Schauspiel
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Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 17.11.2009
Männer und ihre Eigenheiten
Robert Klatt inszeniert mit Witz und Komik ein Stück über Freundschaft
Die Brüder Grimm konnten nicht ahnen, wie gut ihre Märchen auch heute noch in die Zeit passen. Nicht alle, aber manches doch. Wo weltweit immer mehr Spezialisten arbeiten, Einzelbegabungen gefragt sind, da kommen die sechs Burschen der deutschen Märchenerzähler gerade recht. Doch keine Angst, in der neuen Märcheninszenierung des Anhaltischen Theaters wird nicht globalisiert. Regisseur Robert Klatt belässt "Sechse kommen durch die ganze Welt" in einer unbestimmten Zeit, in der es Könige, Prinzessinnen in Rosa und ganz skurrile Typen gibt. Und er lässt seinen Protagonisten jene unerhörten Begabungen, von denen man heute trotz allen Fortschritts nur träumen kann.
Die Welt, durch die es bei der Premiere am vergangenen Freitag geht, ist dabei gar nicht so groß, die Drehbühne reicht aus, um Weite zu simulieren, und weil sie ständig - wie auch das Personal auf ihr - in Bewegung ist, wird sie doch ganz groß. Am Anfang aber ist da nur einer: der Soldat, aus dem Krieg heimgekehrt, um den Sold betrogen, ein Enttäuschter. Dieser trotz allem unermüdliche Stehaufmann Thorsten Köhlers bleibt nicht lange allein und stolpert über ein Quintett ebensolcher Einzelgänger. Da ist zunächst der hinreißende Keule, dem ewig die Lederhose rutscht, der Magen in den Kniekehlen hängt und der mit seinen Kräften so gar nicht Haus halten kann. Matthieu Svetchine gibt ihm eine beiläufige Kraft, die das Zwerchfell erschüttert. Jan Kersjes ist als Läufer sein quicklebendiges Gegenstück, das ständig mit dem Fuße scharrt und eitel selbigen präsentiert. Karl Thieles besonnenen Horcher gibt es noch, Mario Janischs zitternden Frostigen und den sächselnden Bläser von Boris Malré.
Robert Klatt lässt seinem Sextett Zeit, zueinander zu finden, Raum für jeden, seine Eigenheit heraus zu stellen und oft genug herrlich komisch zu präsentieren. Das geschieht ungemein witzig und mit viel Ironie, ganz beiläufigen Anspielungen ins heute, die jedoch nie deplatziert wirken, selbst dann nicht, wenn Plastinator Gunter von Hagen als Läufer-Bein-Schöpfer ins Spiel kommt. Da werden auch die großen Zuschauer ihren Spaß haben. Aberwitzige Vorgeschichten eines jeden werden erzählt, zuweilen etwas zu ausufernd in der Kennlernphase. Im schlichten Bühnenbild Heiko Mönnichs, das mit Sandsäcken und ganz offensichtlichen Kulissen aus Leinwand und Latten vollkommen auskommt, lenkt nichts vom frischen Spiel dieser Sechsergruppe ab, die ihren Gegenpart am Hofe findet.
Dort gibt längst der intrigante Minister (Sebastian Müller-Stahl) die Richtung vor. Denn Hans-Jürgen Müller-Hohensees trottliger und ewig abgelenkter König macht es dem Emporkömmling nur allzu leicht. Und Lisa Kudokes Prinzessin Viktoria - ein rosarotes Klischee mit keck schief sitzendem Krönchen und Lolli - opponiert auch nur, wenn ihr etwas nicht passt. Dass in diesem Staate nicht alles stimmt, unken schon die Nachbarinnen, kommentieren scharf, süffeln Likörchen und kündigen gleich auch Bettszene und Sackszene an. Das ist dann auch schon das letzte Bild und das Finale, nachdem es für die Sechse noch einmal so richtig heiß wurde. Warum am Ende, nachdem schon so manches Lied von Freundschaft gesungen wurde, immer jemand von Sieben redet, das kann man sich selbst ansehen.
Nächste Vorstellungen des Märchens "Sechse kommen durch die ganze Welt" am Mittwoch, am 27. November und 3. Dezember (jeweils 10 Uhr) und am 5. Dezember, 15 Uhr.
16.11.2009, 13:05 | tags:
Musiktheater
, Lohengrin
, Pressestimmen
165
Jörg Königsdorf, opernwelt november 2009
Dessau / Wagner: Lohengrin
Die Zukunft hat begonnen
Den neuen Stil merkt man auf den ersten Blick: << Menschen gestalten – Zukunft bewegen >>, heißt es in großen weißen Lettern über der Bühne des Dessauer Theaters. Nachdem das Haus unter der Leitung von Johannes Felsenstein eine Trutzburg konservativer Repertoirepflege war, setzt das neue Leitungsteam auf Regietheater mit Aktualitätsanspruch. Auf den Tag der deutschen Einheit hatte man die << Lohengrin >>- Premiere angesetzt, und spätestens im dritten Akt, wenn über der Brautgemach-Szene der Slogan << Vertrauen in Deutschland >> hängt, ist klar, dass Regisseurin Andrea Moses die Moral von der Geschicht' durchaus auch auf die Berliner Republik bezogen wissen will. Vertrauen will man den Volksführern auf der Bühne zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr: Dass mit dem schmierigen Jungpolitiker Lohengrin etwas nicht stimmt, deuteten schon sein mit viel PR inszenierter Auftritt und erst recht sein unsauberes Verhaltes beim Duell an.
In Dessau wird << Lohengrin >> zum handfesten Politkrimi. Und wie in einem guten Krimi sind die scheinbar Guten am Ende die Bösen. Das ist verblüffend stringent, weil Andrea Moses ganz nah am Text bleibt. Das Negativ-Image Lohengrins etwa verträgt sich ausgezeichnet mit der vokalen Anlage der Partie: Was unter anderen Umständen wie Reinheit wirken könnte, ist hier eine Oberflächenpolitur und ganz auf die Verblendung der Massen angelegt. Für emotionalen Tiefgang sorgt Elsa, der allmählich dämmert, dass sie nur eine Marionette im abgekarteten Spiel zwischen Lohengrin und dem König ist. Ihre Entwicklung von der treuherzigen dummen Gans (die dem charismatischen Heilsbringer ebenso auf den Leim geht wie das brabantische Volk) zur hellsichtigen Frau gibt dieser Aufführung menschliche Dimension und Tragik. Am Ende steht Elsa da wie Kassandra unter den Trojanern und muss erkennen, dass das Volk die schönen Lügen gern glauben will.
Dass die Rechnung in Dessau so glatt aufgeht, liegt freilich nicht nur an Andrea Moses´ (manchmal fast zu detailverliebt umgesetzten) Konzept, sondern auch daran, dass hier alle an einem Strang ziehen. Bettine Kampp kann Elsas Wandlung nicht nur grandios spielen, sondern singt ihre Partie auch so: << Einsam in trüben Tagen >> mit mädchenhafter Naivität, dann den Schlussakt mit dramatischer Größe. Andrew Sritheran legt seinen Lohengrin mit schmetternden Trompetentönen ganz auf Außenwirkung hin an und phrasiert seine Gralserzählung wie eine spontane Erweckungspredigt – so singt einer, der sich als Visionär inszeniert. Dass ein Haus wie Dessau einen Lohengrin im Ensemble hat, ist fast unglaublich – zumal Sritheran die Partie (inklusive zweiter Strophe der Gralserzählung) bis auf zwei, drei Wackler gegen Ende und einige gestemmte Höhen erstaunlich gut durchsteht. Stimmige Porträts liefern auch Pavel Shmulevichs markiger König, Iordanka Derilovas sexy Ortrud und Ulf Paulsens Telramund, der seinen hellen Bariton im zweiten Akt zu beachtlicher dramatischer Wucht steigert.
Dazu lässt der neue Chefdirigent Antony Hermus mit der Anhaltisches Philharmonie hören, was man auf der Bühne sieht: ekstatischen Jubel und inbrünstige Chorszenen, krachende Dramatik und farbenreiches Melos. So klinkt Wagner als Theatermusik: natürlich, lebendig und ausdrucksvoll. Besser kann die Zukunft kaum beginnen.
Wagner: Lohengrin
Premiere am 03. Oktober 2009. Musikalische Leitung: Antony Hermus, Inszenierung: Andrea Moses, Ausstattung: Christian Wiehle, Chöre: Helmut Sonne. Solisten: Andrew Sritheran (Lohengrin), Bettine Kampp (Elsa), Pavel Shmulevich (König Heinrich), Ulf Paulsen (Telramund), Iordanka Derilova (Ortrud), Wiard Witholt (Heerrufer).
16.11.2009, 11:41 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
164
Dirk Pilz, Berliner Zeitung, 16.11.09
Unsere nicht mehr schöne DDR
Armin Petras hat im und vor dem Maxim-Gorki-Theater Einar Schleefs "Abschlussfeier" uraufgeführt
Diese Inszenierung kommt genau zur rechten Zeit. 20 Jahre Mauerfall! - und auf fast allen Kanälen wurden die Jubiläumsfeierlichkeiten mit einem pathosdurchtränkten Parteitongetöse begleitet, als hätte es in den letzten 20 Jahren keinerlei Debatten über Wende, Freiheit und Befreiung gegeben. Noch immer wird gern so getan, als sei die DDR entweder nichts als ein dunkles Gefängnis oder aber eine heile Kuschelwelt gewesen, noch immer wird die DDR mit dem SED-Staat gleichgesetzt oder als Wonnereich für alle erinnert. Genau solche stumpfen Vergröberungen helfen vermutlich kräftig mit, Ostalgie auf der einen und Arroganz auf der anderen Seite zu schüren. Die DDR war doof, poltert's hier, es war nicht alles blöd, grummelt's dort. Wir haben noch nicht angefangen, uns in genauerer Erinnerung zu üben. Solches Erinnern würde auf Unvereinbarkeiten stoßen: Das Leben ist nie auf einen Nenner zu bringen, auch das DDR-Leben nicht.
Man lese Einar Schleef, um davon eine Ahnung zu bekommen. Man lese zum Beispiel seine Erzählung "Abschlussfeier", entstanden Ende der Siebzigerjahre, kurz nachdem Schleef die DDR verlassen hatte. Sie führt uns in die Internationale Jugendherberge "Käthe Niederkirchner" im Ostseebad Kühlungsborn. Eine namenlose Chefin versucht, ihre Herberge mit allerlei Tricks zu führen, ihre Stellvertreterin schaut ihr im Stasi-Auftrag dabei auf die Finger, die Angestellten Gisela und Gerda suchen nach Aus- und Umwegen in einem Sozialismus, der an seinen Bürgern vorbeiregiert. Und jeder beäugt jeden.
Aufruf zum ehrlichen Erinnern
Es gibt dabei keine Figur, die auf eine Hintergrundwahrheit festzulegen wäre: Die Stellvertreterin wurde mehr in die Stasi hineingezwungen, als dass sie Spitzel aus Überzeugung geworden wäre, die Chefin ist staatshöriger als ihre Worte glauben machen, die Angestellten sind widerborstiger als sie selbst vorgeben. Auf dem Abschlussfest des "jährlichen Kurses für deutsche Sprache, veranstaltet von der Gesellschaft für Deutsch-Französische Freundschaft" entladen sich diese Widersprüche in Anarchie, Verzweiflung und besinnungslosem Feiern mit den französischen Gästen. "Es ist außenpolitische Werbung, zu zeigen, wie schön das Leben in der DDR ist", sagt die Chefin. Diese kurze Erzählung hat so viel Wirklichkeit aufgesogen, dass es für ein ganzes DDR-Panorama reicht.
Genau so hat sie Armin Petras für seine Uraufführung - die bereits Anfang Oktober am koproduzierenden Anhaltinischen Theater Dessau herauskam und jetzt ans Maxim-Gorki-Theater gewandert ist - auch genommen. Er lässt sein aufgewecktes Ensemble mit uns Zuschauern durch verschiedene Räume des Theaters wandern, vom Brinkmann-Zimmer ins Studio und hinaus auf den Hof. Ursula Werner balanciert ihre Figur überall zwischen urkomischen Mutterwitztiraden und Trauereinbrüchen, Hilke Altefrohne nimmt die Stellvertreterin von der rabiaten Seite, Julischka Eichel und Sabine Waibel schenken Gisela und Gerda sprudelnde Verzweiflungswut über die DDR-Enge ein. Alles wirkt hier satirisch überzeichnet und beißend realistisch zugleich.
Am Ende, wenn das um eine Jugendschar erweiterte Ensemble mit "Y.M.C.A" von den Village People über den Rasen hüpft, die französischen Fremden im Barkas davonfahren, das Lagerfeuer knistert und die Chefin ihr Abschlussfeierresümee zieht, hat sich die Inszenierung zur grellen Farce gesteigert: Hinter ein komisches, trauriges, wahres, böses und doch zutiefst menschenfreundliches DDR-Panorama setzt dieser Abend ein lautes Ausrufezeichen - es ist der Aufruf zum ehrlichen Erinnern.
Armin Petras' verschwitztes Latzhosen-Theater, das seine Stoffe gern im Ärmel-Hochkrempel-Status bewirtschaftet, ist nicht immer für historische Probebohrungen geeignet; mitunter sprudeln hier nichts als Possen und Petitessen, wird Geschichte zum Bauchladen der Absonderlichkeiten. Diesmal aber zündet es, diesmal nämlich werden die historischen Begebenheiten nicht wie lustige Bauklötzchen nebeneinander gewürfelt, sondern als einander gleichzeitig ergänzende und widersprechende Ebenen ineinander verschränkt.
Abschlussfeier, nächste Termine im Januar, Maxim-Gorki-Theater/Studio, Infos: 20 22 11 15.
16.11.2009, 11:34 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
163
Christine Wahl, Tagesspiegel, 16.11.2009
Theater
Zorn in Kühlungsborn
Armin Petras dramatisiert Schleefs „Abschlussfeier“ – und jagt seine Darsteller durchs Gorki-Theater.
In der „Internationalen Jugendherberge „Käthe Niederkirchner“ herrscht Katerstimmung. Allerdings weniger bei denen, die diese unzähligen Bierflaschen, Cocktailgläser und Käsehäppchenteller geleert haben, mit denen Bühnenbildnerin Annette Riedel das Studio des Maxim Gorki Theaters übersät hat. Die Post- Party-Depression betrifft vielmehr die beiden jungen Putzfrauen, die sich jetzt an die Reste-Beseitigung machen müssen: Der ersten – der Abendschülerin Gisela (Julischka Eichel) – wurde von ihrer Chefin gerade eine Beurteilung angedroht, mit der sich jegliche Chance auf einen Studienplatz ein- für allemal erledigt haben dürfte.
Dort, wo Einar Schleefs Erzählung „Abschlussfeier“ spielt – nämlich in den 1970er Jahren im Ostseebad Kühlungsborn – hatte solch eine Beurteilung in all ihrer Lächerlichkeit gute Chancen, für den Beurteilten zum lebenslänglichen Problem zu werden. Wer wüsste das besser als der Regisseur Armin Petras, der früher selbst alles andere als angepasst in der DDR gelebt hat?
Es irritiert daher umso nachhaltiger, dass in seiner Bühnenadaption der Schleef-Erzählung die DDR über weite Strecken wie ein Partykeller mit Kindergeburtstagscharme aussieht. Zumal diese Koproduktion des Maxim Gorki Theaters mit dem Anhaltischen Theater Dessau, die jetzt Berlin-Premiere hatte, nicht die erste Petras-Inszenierung ist, in der er sich mit dem untergegangenen Staat auseinandersetzt.
Bei Schleef kommen zehn Frauen zu Wort, die bei der „Gesellschaft für deutsch-französische Freundschaft“ arbeiten; von der Leiterin über die Dolmetscherin bis zur Köchin. Ihre Monologe – gehalten bei einem Abschlussfest für französische Jugendliche in einer Edelherberge, zu der Ostler, sofern sie nicht dort arbeiten, keinen Zutritt haben - erzählen ungeheuer viel über DDR. Zum Beispiel von der Ambivalenz, sich durch den Berufskontakt zu Westeuropäern einerseits privilegiert zu fühlen und andererseits – da die Tätigkeit im Wesentlichen aus Handlangerdiensten für 15-Jährige besteht – umso gedemütigter. Jede Kollegin misstraut jeder an diesem seltsamen Arbeitsplatz. Zwangstreffen mit der Staatssicherheit sind an der Tagesordnung; Verdrängungsenergie und Pragmatismus die wichtigsten Alltagsressourcen.
All diese beklemmenden Nuancen sind allein im Spiel von Ursula Werner zu sehen, die sich – ein Stockwerk über der Studiobühne im Brinkmannzimmer – mit Marx-Devotionalie und Exquisit-Sonntagskleid als Leiterin der Gesellschaft vorstellt. Anschließend kotzt Hilke Altefrohne als ihre von der Stasi installierte Stellvertreterin wenigstens noch konsequent den angestauten Lebensüberdruss aus sich heraus.
Aber schon nach einer halben Stunde, wenn der Ort gewechselt und das Publikum zu Teil zwei in die Studiobühne gebeten wird, geht es nicht nur räumlich bergab. Denn dort erwarten uns die besagten Putzkräfte Gisela und Gerda (Sabine Waibel). Es mangelt ihnen mitnichten an schauspielerischen Qualitäten, das Problem ist nur, was sie spielen müssen: Launische Teenager mit aufdringlichem Energie-Überschuss, der sich in wilden Diskotänzchen und gemeinsamem Sissi-Gucken entlädt. Fiele nicht ab und zu eine DDR-typische Vokabel wie „Stasi“, könnte man diese Kittelschürzen-Mädels nicht verorten: Seltsam geschichtslose Gestalten, die einem genauso gut in einer Shakespeare- oder Dürrenmatt-Inszenierung von Armin Petras begegnen könnten.
Wenn schließlich im dritten Teil auf dem Hof neben der Kantine „YMCA“ aus den Lautsprechern schallt und dazu in einer Mischung aus Polonaise und Pop- Gymnastik eine Art ostdeutsch-französische Vereinigungsparty gefeiert wird, ist Schleef endgültig erledigt.
15.11.2009, 22:42 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
162
Peter Hans Göpfert, Berliner Morgenpost, 15.11.2009
Theater
Von der Stasi zu Spitzeldiensten erpresst
Für einen kurzen Abend liegt das Gorki Theater in Kühlungsborn an der Ostsee. Dort, in einer Internationalen Jugendherberge, handelt Einar Schleefs Erzählung "Abschlussfeier". Der Text erschien 1978 in der Suhrkamp-Anthologie "Ausgeträumt", nachdem Schleef von Theaterproben in Wien nicht in die DDR zurückgekehrt war.
Der Autor warf mit dieser Arbeit einen Blick zurück. Er zeichnete die Atmosphäre, die er in der DDR als quälend und erstickend empfunden hatte.
Armin Petras hat aus den Monologen, mit denen sich verschiedene Menschen in ihren beruflichen Aufgaben und privaten Bedingtheiten präsentieren, keinen wirklich dramatischen Text hergestellt. Er montiert sie aber so, dass die einzelnen Figuren in spannungsvolle Beziehung zueinander gerückt werden. Alle diese Menschen stehen unter Beobachtung der Staatssicherheit. Hauptfiguren sind die Heimleiterin und ihre Stellvertreterin. Ursula Werner verkörpert die Herbergsmutter in schöner Balance aus Komik und Ernsthaftigkeit - eine zugleich gefährdete und selbstbewusste Chefin, die weiß, dass die Jüngere eine Bedrohung darstellt. Diese wird von Hilke Altefrohne als demonstrativ taffe wie frustrierte Frau gespielt, die von der Stasi zu Spitzeldiensten erpresst wurde.
Die Reinemachefrauen bessern als Rentnerinnen ihr schmales Portemonnaie auf und machen sich ihre eigenen Gedanken. Zwei junge Frauen stehen mit ihren Ansprüchen an Sexualität und Weiterbildung in Konkurrenz. Die Geschenke der jungen Französinnen haben für sie Kult- und Prestigewert. Aus den Getränkeresten der Abschlussparty brauen sich die beiden eine fürchterliche Bowle zusammen.
Armin Petras inszeniert eine Art Prozessionstheater. Erst schickt er das Publikum die Treppe hinauf in das "Brinkmann-Zimmer", das hier als Büro der Heimleiterin in seiner spießigen zusammengewürfelten Einrichtung einen Ort der Unsicherheit markiert. Wieder unten im Studio, hat der Zuschauer den Partyraum vor sich, ein ungemütliches Chaos mit Pullen und Ballons, darüber die Losung "Es lebe die deutsch-französische Freundschaft". Schließlich geht es hinaus in den Garten des Theaters, den man vielleicht als Strand verstehen soll. Dieses jetzt ganz unsommerlich mit nassem Laub bedeckte Terrain dient Petras als Bildfläche für ein geradezu surreales Tableau mit vielen Jugendlichen. Unter den Bäumen gibt es ein Liebeszelt. Ein Feuer brennt. Jungen prügeln sich. Ein Mädchen schlägt Tennisbälle ins Publikum. Wildes Getanze. Ein Jüngling kräht seinen Frust über vergebliches Verlangen nach einem französischen Mädchen. Dann fahren die Gäste kreischend in einem Barkas-Kleinbus davon. Zurück bleiben der typische Auspuff-Gestank und die Worte der Heimleiterin. Ihre Aufgabe sei es, "zu zeigen, wie schön das Leben in der DDR ist".
Die Inszenierung fand am Anhaltischen Theater Dessau (Koproduktion!) starke Aufmerksamkeit. Am Gorki-Theater wirkt sie eher als respektables Nebenwerk etwa zu Petras' Theatralisierung von Werner Bräunigs "Rummelplatz" auf der großen Bühne.
12.11.2009, 07:40 | tags:
Schauspiel
, Pressestimmen
157
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 12.11.2009
Sechs Kumpel ziehen gegen den König
Schauspiel: Freitag hat das Märchen «Sechse kommen durch die ganze Welt» Premiere
Das ist wahrlich eine Bande, wie sie um die ganze Welt kommen kann. Einer läuft schnell wie der Wind, der andere ist stark, wie sonst kein Mann, der nächste hat die scharfen Augen eines Adlers und einer kann mit seinem Nasenlochpuster einen Sturm entfachen. Ein armer Soldat, gerade aus dem Krieg gekommen, sammelt alle ein und dann geht's gegen den König, der ihn schlecht entlohnte. Erzählt haben die Geschichte dieser sagenhaften Männertruppe die Brüder Grimm. "Sechse kommen durch die ganze Welt" heißt ihr Märchen aus der berühmten Sammlung. Am Freitag nun kommen die Sechs auch nach Dessau, als Theaterstück. Um 10 Uhr hat die Märcheninszenierung dieser Spielzeit Premiere.
Die Sechse, die dann über die große Bühne ziehen, heißen Thorsten Köhler, Karl Thiele, Matthieu Svetchine, Jan Kersjes, Boris Malré und Mario Janisch. Welchen Weg diese Schauspieler beim Wandern nehmen sollen, gibt ihnen Robert Klatt vor. Er ist der Regisseur der Produktion und ein erfahrener Theatermann, wenn es um Kinderstücke geht. Klatt, Jahrgang 1966, arbeitet als Gast am Anhaltischen Theater, ebenso wie sein Ausstatter Heiko Mönnich, mit dem ihn seit mehreren Jahren eine enge Zusammenarbeit verbindet. Mit "Seche kommen durch die ganze Welt" bringen die beiden Männer ein Stück auf die Bühne, das vor 20 Jahren schon einmal in Dessau zu sehen war. Damals freilich unter ganz anderen Vorzeichen. Was ließ sich doch in dieses Märchen alles hinein interpretieren. Nicht umsonst hieß schon 1972 der Defa-Film nur noch "Sechse kommen durch die Welt" - die ganze war es nicht mehr. "Heute kann man dieses Politische natürlich nicht mehr machen", findet Robert Klatt. Aber man könne immer noch erzählen, wie sich ein betrogener Soldat Kumpels holt und mit diesen erstreitet, was Recht ist. "Wenn man in der Gruppe alle Fähigkeiten nutzt, da ist man mehr, als einer alleine", beschreibt Klatt die Grundaussage des Märchens. "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile", fällt dem Regisseur das bekannte Zitat ein.
Ausstatter Heiko Mönnich hat sich die große Drehbühne ausgewählt, um darauf die Welt, die durchwandert werden will, entstehen zu lassen. Freilich mit ganz wenigen Mitteln. Große Ausstattungsschlachten sind nicht die Sache des Regieteams. "Ich möchte mich nicht in die Konkurrenz zum Kino begeben. Es ist uns wichtig, zu zeigen, dass auf der Bühne ein schöpferischer Akt stattfindet", erklärt Robert Klatt, und Heiko Mönnich ergänzt: "Die Zuschauer und vor allem Kinder können viel besser abstrahieren, als man vermutet. Es muss nicht immer alles realistisch sein, wenn denn eine schlüssige Welt entsteht."
Für die Märcheninszenierung besteht die Welt aus Latten und Stoffen, einem Wall - mehr braucht es nicht, um ein Dorf zu bauen. Das indes wird wenig märchenhaft sein. "Man darf nicht vergessen, dass das Märchen nach einem Krieg spielt", sagt Klatt. Düster indes wird die Inszenierung keineswegs, dafür sind dann die Abenteuer und die Wettbewerbe, die die Männer bestehen müssen, doch zu spannend und bieten vor allem dem kleinen Publikum Gelegenheit, nach allen Regeln der Zuschauerkunst mitzufiebern. Und letztlich gibt es ja auch noch eine Prinzessin, die sich am Ende für ihr langweiliges altes Leben oder einen neuen Freundeskreis entscheiden muss.
11.11.2009, 17:32 | tags:
89jetzt!
, Pressestimmen
156
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 10.11.2009
Am Runden Tisch der Erinnerungen
In der Johanniskirche wird bei "89 Jetzt!" auf das Jahr 1989 zurückgeblickt.
So einen Tisch hat man lange nicht mehr gesehen. Groß und rund ist er, für jeden gibt es den gleichen Platz, die Sitzreihen dahinter schließen sich wie Tortenstücke an. Ein Runder Tisch also -das ist inzwischen ein Eigenname. King Arthur und seine Tafelritter schafften das noch nicht. Aber seit 20 Jahren schreiben viele diesen Tisch groß. Da standen sie in jeder Stadt des Ostens und machten doch schon bald anderen Sitzordnungen in den Parlamenten Platz. Gestern aber stand solch ein Runder Tisch wieder in Dessau, in der Johanniskirche. Rundum saßen Schauspieler des Anhaltischen Theaters, Zeitzeugen der friedlichen Revolution und Theaterdramaturg Holger Kuhla.
Mit Fakten und Dokumenten
Kuhla ist kein Dessauer, aber mit dem Jahr 1989 in der Stadt kennt er sich inzwischen besser aus, als mancher, der mit dabei war, als auch hier - wenn auch später als anderswo - die Menschen auf die Straße gingen. In den vergangenen Wochen verbrachte der Dramaturg viel Zeit in den Archiven, las sich durch alte Aufzeichnungen, Berichte, Zeitungsartikel. Die Recherche bildete die Grundlage für einen Vormittag innerhalb des Projektes "89 Jetzt!", mit dem das Anhaltische Theater am gestrigen Tag an die Wende erinnerte.
In der Johanniskirche gab es dafür von 9 bis 13 Uhr Gelegenheit. Holger Kuhla entwarf eine kluge Dramaturgie für die Stunden in der kühlen Kirche. Fakten über jede Woche in dieser dramatischen Zeit bildeten die Grundlage für Gespräche. Da standen zu Beginn eines jeden Abschnittes die puren Daten und Ereignisse, wie sie in Dessau und in Berlin stattfanden, ganz nüchtern verlesen. Zeitlich dazu passende Dokumente - Aufrufe, Flugblätter, Forderungskataloge -trugen die Schauspieler Silke Wallstein, Christel Ortmann, Regula Steiner-Tomič, Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Boris Malré und Karl Thiele vor. Dann ging ein jedes Mal die Runde auf für ein Gespräch, für das eigene Erleben, für Kommentare und Wertungen.
Oberbürgermeister Klemens Koschig erzählte, wie man damals überzeugt davon war, dass die Maueröffnung von langer Hand geplant gewesen sei, um den oppositionellen Gruppen die Kraft zu nehmen. "Das hat geklappt. Der Druck von der Straße, der so wichtig war, ließ nach dem 9. November nach. Unsere Forderungen versandeten", sprach er. Von der Machbarkeit des dritten Weges, einer Föderation beider deutscher Staaten, war noch einmal die Rede und vom schnellen Scheitern dieser Idee. Pfarrer Dietrich Bungeroth erinnerte an die Vernichtung der Stasiakten, an den lächerlichen Aufritt des Stasi-Chefs Kurt Koch, der in jenen Tagen die Bespitzelung der DDR-Bürger leugnete und von Spionageabwehr sprach.
Als das Kriegsspielzeug verschwand
Die Verlesung eines ersten Fazits vom damaligen Kreisoberpfarrer Alfred Radeloff rief längst vergessene Dinge in Erinnerung: den neuen Briefkasten des Vertrauens am Rathaus, die SED-Parteischule, die Altersheim wird, und das Kriegsspielzeug, das aus den Spielzeugläden inklusive der Indianer verschwand.
Die Zuhörer in der Johanniskirche nahmen sich die Zeit, dieser spannenden Form der Erinnerung zu folgen. Viele blieben über Stunden sitzen, eine Schulklasse erlebte einen Teil der Gedächtnisübung und konnte sich dabei auf Holger Kuhla als kompetenten Dolmetscher verlassen. Denn viele Dinge, von denen am gestrigen Vormittag die Rede war, sagen jungen Leuten heute gar nichts mehr. Sie haben einen ganz anderen Blick auf die Ereignisse und Folgen des Herbstes 1989. Am Nachmittag erzählten sie deshalb im Alten Theater aus ganz verschiedenen Perspektiven von ihren Erfahrungen mit der Wende.
11.11.2009, 16:13 | tags:
Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Anhaltische Philharmonie
, Lohengrin
, Pressestimmen
155
Herbert Henning, Orpheus Nov./ Dez. 2009
DESSAU
Keine Zeiten für Romantik
Das Anhaltische Theater Dessau startet nach der Ära von Johannes Felsenstein in die 215. Spielzeit mit Wagners LOHENGRIN in der Inszenierung von ANDREA MOSES, die in emanzipatorischer Absicht eine hochinteressante Sicht auf die irrationale Welt des „Schwanenritters“ eröffnet und dabei aus der Sicht von Elsa eine Geschichte von Macht und Machterhaltung, Täuschung, Versprechen und Manipulation von Menschen, denen die Ideale abhanden gekommen sind, spannend und überraschend aktuell erzählt.
Von Anfang an hat die angesichts der Anklage von Ortrud und Telramund traumatisierte Elsa keine Chance und erst im Brautgemach, dass wie in einem „Wolkenkuckucksheim“ überirdisch schwebt (Ausstattung: CHRISTIAN WIEHLE) emanzipiert sich diese Frau und stellt die verbotenen Frage nach „Herkunft und Stand“ dieses Mannes. Moses beleuchtet die Figuren mit großer Genauigkeit, inszeniert die Auseinandersetzungen zwischen Ortrud, Telramund und Elsa fast intim als Kammerspiel mit großer Genauigkeit. Die Sänger agieren als Schauspieler mit außerordentlicher darstellerischer Präzision.
Dies gilt vor allem für IORDANKA DEVRILOVA als Ortrud mit lodernder, expressiver Stimme und dämonischer Intensität im Spiel wider dem Wahn des Schwanenkults und der Einlullung der Massen durch das König Heinrich/Lohengrin-Bündnis. Für ihre Rache opfert diese raffiniert handelnde „femme fatale“ ihren Mann, den ULF PAULSEN mit markanter Stimme singt. Große musikalische Momente für PAVEL SHMULEVICH als König Heinrich und als einziger Verbündeter an der Seite von Elsa WIARD WITHOLT als kraftvoller Heerufer.
BETTINE KAMPP macht mit jugendlich - dramatischer Stimme überzeugend die Wandlung vom ahnungslosen Mädchen, das in den Sog politischer Ränke gerät, zur emanzipierten Frau deutlich. Dass der neuseeländische Sänger ANDREW SRITHERAN nach stimmlichen Aussetzern in der Brautgemach-Szene in der selten gehörten vollständigen Gralserzählung zu wunderbarem piano findet, zeigt das stimmliche Potential dieses jungen und attraktiven Sängers.
Für die Anhaltische Philharmonie unter ANTONY HERMUS und die von HELMUT SONNE einstudierten, Chöre gilt nach dieser Lohengrin-Premiere uneingeschränkt das musikalische Prädikat „Bayreuth des Nordens“. Selten hat man das Vorspiel zum 3. Akt und den Hochzeitsmarsch mit soviel musikalischer „Ironie“ und orchestraler Präzision erlebt. Ein fulminanter Auftakt des Dirigenten mit dem Orchester, enthusiastisch gefeiert. Das außerordentlich heftige Buh-Konzert für das Inszenierungsteam sollte nicht vom Besuch dieses Dessauer LOHENGRIN abhalten.
09.11.2009, 21:42 | tags:
89jetzt!
, Diverses
, Pressestimmen
154
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Rosslau, 10.11.2009
Theater
Schüler verarbeiten Wendezeit
Ungewöhnliches Projekt in Dessau
1989, 9. November, Dessau - war da was? Wenn man den Schülern zuhört, die sich am Montag im Alten Theater von Dessau versammelt haben, könnte man zeitweise ins Zweifeln kommen. Natürlich können sie alle die Gnade einer späten Geburt geltend machen, selbst ihre unmittelbar verfügbaren Zeitzeugen - die Väter und Mütter - waren damals noch Teenager. Und doch verblüffen viele der Beiträge zum Projekt "89jetzt!", das vom Anhaltischen Theater initiiert und am Vormittag mit einer Lesung am "Runden Tisch" in der Johanniskirche eröffnet wurde. Nachdem die Akteure der Wendezeit dort noch einmal über ihre Erfahrungen gesprochen hatten, sollte der Nachmittag den Nachgeborenen gehören. Doch was sie recherchiert hatten, versandete oft im Klischee.
"Wir sind die Welt"
Da war die Rekonstruktion eines "West-Pakets" in ihrer lebensweltlichen Genauigkeit noch einer der originellsten Beiträge - und die Einsicht in die eigene Lustlosigkeit zur Veränderung immerhin bestürzend ehrlich. Doch nachdem eine Großmutter ihr Loblied auf das DDR-Bildungssystem gesungen und ein NVA-Offizier sein Bekenntnis zur Grenze abgegeben hatte - in den Texten ihrer Enkel und Kinder wohlgemerkt! - brachte die Sekundarschule Am Rathaus einen erschütternden Wirklichkeitsschub in die Veranstaltung. 13 Nationen sind dort derzeit unter einem Dach vereint. Und was ein Mädchen aus dem Kosovo vom serbischen Massaker in ihrem Heimatort zu erzählen hatte oder was ein Flüchtlingskind aus dem Irak berichtete, ließ all die vorangegangenen Beiträge vergessen. Im Motto "Wir sind die Welt!" klang plötzlich ein Echo von "Wir sind das Volk!" auf - und man wusste, dass die Mauer vor 20 Jahren nicht nur für die Ostdeutschen gefallen war.
Arbeitslose Frauen
Wie bitter die Nachwende-Erfahrungen freilich für viele von ihnen wirkten, hatte zuvor bereits die Job-Bühne Dessau gezeigt - ein Projekt für arbeitslose Frauen, deren Mut zur Darstellung ihrer Situation so bewundernswert war wie der Einsatz aller Kinder und Jugendlichen. Die Frauen zerrissen Blätter, auf denen die Namen von nach 1989 geschlossenen Dessauer Großbetrieben standen, und ließen sie wie welkes Herbstlaub fallen - auch das ein Bild zum deutschen November.
09.11.2009, 21:35 | tags:
Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
153
Johannes Killyen, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 10.11.2009
Frappierende Klangkultur
Sinfoniekonzert: Philharmonie spielt Beethovens «Eroica» in einem Höllentempo
Beethoven und das richtige Tempo - dieses Thema hat Generationen von Musikwissenschaftlern und Interpreten schlaflose Nächte beschert. Dabei scheint die Wahl der richtigen Geschwindigkeit im Falle Beethovens einfacher zu sein als, sagen wir, bei Mozart oder Bach. Denn immerhin kannte der "Titan" aus Wien das 1815 erfundene Metronom und trug als vielleicht erster Komponist überhaupt Metronomzahlen in einige seiner Werke ein.
Schnelles Tempo gewagt
Die waren, wie es sich für den Querkopf Beethoven gehört, freilich etwas anders, als die meisten Dirigenten und Instrumentalisten es später wahrhaben mochten. Für den Kopfsatz seiner dritten Sinfonie, der "Eroica", hat der Meister zum Beispiel ein Tempo vorgegeben, das dieses "Allegro con brio" in die Nähe eines Wiener Walzers rückt. "Unschön", meckerten die Besserwisser - "unspielbar", die Kleingeister. War Beethovens Metronom kaputt? Oder sollte man alles einfach halb so schnell spielen?
Es gibt in der Masse von "Eroica"-Aufnahmen nicht viele, die das schnelle Tempo wagen und zur Diskussion stellen. Weshalb die Interpretation des neuen Generalmusikdirektors Antony Hermus beim zweiten Sinfoniekonzert der Anhaltischen Philharmonie am Donnerstag und Freitag einer erfrischenden Ohrenwäsche gleichkam.
Hermus und sein glänzend präpariertes Orchester lieferten den Beweis dafür, dass es möglich ist, den besagten Anfangssatz in größter Natürlichkeit in einem wahren Höllentempo zu spielen - so, wie es Beethoven wollte. Das allein hätte für eine - sagen wir es ruhig - sensationelle Aufführung freilich nicht gereicht. Aber es machte exemplarisch deutlich, wie mutig und konsequent der neue musikalische Leiter des Dessauer Theaters seine Arbeit angeht.
Innerhalb weniger Monate hat Hermus im Orchester eine Klangkultur etabliert, die schlicht frappierend ist. Er gewichtet die Stimmen aufs Klügste, kultiviert feinstes Wispern ebenso wie eine klangvolle Mittellage oder ein explosives Forte. Kurz: Er präsentiert sich als Meister der wohl kalkulierten Effekte, ohne dabei Effekthascherei zu betreiben. Paradox: Nichts scheint bei dem Holländer zufällig zu geschehen, und doch überrascht vieles. Auch die neue Orchesteraufstellung, die in der Beethoven-Sinfonie zu reizvollen Stereo-Effekten zwischen den ersten Geigen auf der linken und den zweiten Geigen auf der rechten Seite führte.
Emotionalität im Trio
Ein Satz gelang in der "Eroica" schöner als der andere - vielleicht wäre dennoch der Trauermarsch hervorzuheben, dessen Dramaturgie alle Schatten- und Lichtseiten eines Heldenlebens beleuchtete. Schade, dass sich ausgerechnet hier leichte Unstimmigkeiten in das Zusammenspiel einschlichen.
Beethovens dritte Sinfonie ließ vergessen, dass dieses Sinfoniekonzert auch vor der Pause schon einiges zu bieten hatte: Da entfaltete das Storioni-Trio aus Amsterdam ein zu Beginn etwas akademisch komponiertes Concertino für Klaviertrio und Streicher von Bohuslav Martinu (1890-1959) am Ende zu großer Emotionalität. Um in der Zugabe mit einem Satz aus Dvoráks "Dumky"-Trio das eigentliche Werk beinahe auszustechen.
Ganz am Anfang die Reverenz an einen Jubilar und Meister des Hauses: Das Sinfonische Vorspiel von Heinz Röttger aus dem Jahr 1936, der von 1954 bis zu seinem Tod 1977 Generalmusikdirektor am Anhaltischen Theater war. Das zwischen Bruckner, Strauss, neuer Sachlichkeit und Hollywood-Sound virtuos changierende Stück machte Lust auf mehr Röttger. Der sich, so wie das Publikum, über diesen Abend ebenso wie auf die nächsten Sinfoniekonzerte am Anhaltischen Theater gefreut hätte.
Das Konzert wird am Dienstagabend, 20 Uhr, auf Deutschlandradio Kultur und am 23. November (ebenfalls 20 Uhr) auf MDR Figaro noch einmal gesendet.
06.11.2009, 15:38 | tags:
Spielzeit
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152
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 6.11.2009
Anhaltisches Theater: „Das Tagebuch der Anne Frank“ als Monooper
Bewegendes Schicksal im Damals und Heute
Auf dem Blatt eines großen Abreißkalenders steht: „12. Juni 1942“. Zwischen großformatigen Bildern über die Nazidiktatur und den Holocaust an den Ausstellungswänden fallen Fotos auf, die ein junges, dunkelhaariges Mädchen zeigen. Ein Bild, das weltweit bekannt ist: Anne
Frank. Ihr Schicksal und das ihrer jüdischen Familie kennt die Welt. Ihr Tagebuch aus den Jahren des Verstecks vor den Nazis bewegt die Menschen.
Generalintendant André Bücker hat die Monooper „Das Tagebuch der Anne Frank“ am Anhaltischen Theater Dessau inszeniert.
Es gibt über Anne Frank zahlreiche Literaturveröffentlichungen, Bühnenwerke und andere Ver- und Bearbeitungen. In engster Anlehnung an den Originaltext komponierte der russische Komponist Grigori Frid (geb. 1915) die 1969 uraufgeführte Monooper. Das Dessauer Publikum erlebt die Klavierfassung mit der Sopranistin Cornelia Marschall und Stefan Neubert am Flügel.
André Bücker spannt einen dramatischen Bogen vom Damals zum Heute. Ins Zentrum stellt er das Tagebuch selbst. Symbolisch als Objekt in einer Art Schrein. Die „Handlung“ manifestiert sich in Anne Frank, deren Gedanken, ihren Erlebnissen.
Eine Betrachterin von Heute schaut sich die Bilder und Dokumente an, liest im veröffentlichten Tagebuch. Beeindruckt und gefesselt versetzt sie sich in die junge, 13-jährige Anne, lebt und fühlt wie sie, wird selbst zu Anne Frank.
Der Zuschauer ist mittendrin. Cornelia Marschalls variabler Gesang mit stets bestem Textverständnis und vor allem ihr situativ stimmiges Spiel lässt den Zuschauer nachdrücklich
teilhaben am Wechselspiel der Hoffnungen und Ängste, an Freude und Verzweiflung, an Träumen und Konflikten der jungen Anne Frank. Die Musik von Frid in einer bewegenden Bandbreite von stiller Epik bis aufrüttelnder Dramatik wird von Stefan Neubert gefühlvoll und hochkonzentriert in bewundernswerter Übereinstimmung mit der Darstellerin ausdrucksstark
interpretiert.
In 21 Episoden – knappen Bildern und kurzen, prägenden Augenblicken des Lebens dieser
kurzen Zeit – wird die Tragik des Erlebten der Anne Frank zwischen Kindsein und Erwachsenwerden für den Zuschauer selbst erlebbar, geht nahe. Die Darstellerin wird am Ende der einstündigen Oper wieder zur Betrachterin, ist im Heute. In einer Zeit, in der die Realität des Rechtsradikalismus, des Rassismus, der Gewalt gegenwärtig ist. Bückers Inszenierung macht darauf nachdrücklich aufmerksam – fordert geradezu auf zum Nachdenken und zum Handeln gegen diese reale Gefahr. Mitten unter uns. Als der leise Schlusston im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau im Kulturzentrum „Altes Theater“ verklungen ist, dauert es bei der Premiere eine geraume Zeit des Betroffen-, wohl auch Ergriffenseins, ehe diese denkwürdige Inszenierung mit viel Beifall bedacht wurde.
Die nächsten Vorstellungen finden am kommenden Montag, dem 9. November, um 18.30 Uhr und am Dienstag, dem 10. November, um 11 Uhr statt.
06.11.2009, 09:49 | tags:
Diverses
, Pressestimmen
151
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 6.11.2009
Tickt und talkt der Ossi etwa anders?
Reihe «Contrapunct - Jazz und Talk für Toleranz» endet in der Marienkirche
So sind die Ossis, können nicht einmal richtig grüßen, wenn sie beim Vietnamesen eine Peking-Ente mampfen, oder blicken böse, wenn der Wessi an der ostdeutschen Ostsee seinen westdeutschen Wagen auftankt. Dabei sei das Auto gar rostig gewesen. Was in der Übersetzung heißen soll, dass der Fahrer sich befreien mag von der durch Sachzwänge limitierten Toleranz des Westens. Kann der neidkranke Ossi nicht mal den Rost richtig lesen?
Am Ende herrscht eigenartige Stimmung, verhaltener Beifall trotz alledem. "Jazz und Talk für Toleranz" ging am Mittwoch in der Marienkirche in die erste Runde und daneben. Oder wurde das vom Anhaltischen Theater angesetzte Lernstück des Erduldens doch zu einem lehrreichen Exempel über die Kluft zwischen schon immer befreiten Konsumenten und ewig malträtierten Mimosen? Lauter Fehler in der Übersetzung? Oder war die gewählte Schlagzeilen-Dramaturgie des Talk-Show-Masters, des medialen Multitalents, des Pianisten, Komponisten, Journalisten und Autors Matthias Horndasch der einzige Fehler?
Am Tisch saßen Sänger Heinz Rudolf Kunze, Generalintendant André Bücker und das Publikum auf einem vierten, leeren Stuhl. Den durfte auf Zeit besetzen, wer eine kluge Antwort gab. Wie man den Mauerfall erlebt habe, fragt Horndasch und hört gar nicht hin, als immerhin zwei von drei Stimmen aus dem Publikum zu verstehen geben, dass der Mauerfall für sie nicht der emotionale Höhepunkt des Wendegeschehens gewesen sei. Dann sitzt der Talk-Master am Piano, spielt mit Ramani Krishna (bass) und Joe DiCarlo (drums) ganz lautmalerisch. Aber so richtig hinhören will man nicht, bereits irritiert von der Ignoranz zum Thema Toleranz.
Ertragen, erdulden, erleiden mag Toleranz bedeuten. Ertragen wird die Suche nach Vorurteilen, die Horndasch mit seinem rostenden Wagen anschieben möchte. Erduldet werden die Phrasen zur Aufarbeitung des Faschismus in Ost und West, erlitten ein Streifzug zum Thema Gewalt und gar eine Abstimmung darüber, ob der Rechte im Osten eher und mehr als der Rechte im Westen zuschlage. Horndasch wertet es als Enthaltung, dass viele keinen Arm heben, bekommt nicht mit, dass sie gar nicht zur Wahl gegangen sind und muss dann eigentlich sehen, dass viele gehen, während er auf dem Piano auch mal pianissimo redet.
Hallo, möchte man da rufen, wenn der Ossi geht, macht er Revolution! Die Betonköpfe haben das verstanden, aber Horndasch zieht völlig ohne Kenntnisnahme des Geschehens durch. Er rupft seine Klischee-Peking-Ente zum Thema Ausländerfeindlichkeit, bis endlich ein Gast den Show-Master aus dem Konzept kippt: "Mir ist nicht ganz klar, ob sie hier nur ihre eigenen Vorurteile bestätigt haben wollen".
Jetzt ist die Toleranz zu Ende. Jetzt kommt es offen zur Meuterei. Einer haut dem Moderator als ganz bewusst gewählten Schwachsinn eine ähnlich dumme Fies-Wessi-Geschichte um die Ohren. Kunze sagt gar nichts mehr. Er hätte ohnehin lieber singen sollen. Der eigentlich tolerant erzählende Intendant, hat schlicht versäumt, die Bremse zu ziehen. Und Horndasch erklärt noch immer, dass man hier "den Dingen auf den Grund gehen" möchte. Indem er provozierend Schlagzeilen und Klischees lächelt? Indem er den Ossi endlich das polternde Streitgespräch in Beliebigkeit lehrt? Einer sagt noch, wahrscheinlich rostet auch sein Wagen, dass Horndasch mit solchen Gutmensch-Aktionen nur die Promotion seiner Band betreibe. Neidische Giftzwerge, diese Ossis.
05.11.2009, 12:17 | tags:
Musiktheater
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, Pressestimmen
149
Karsten Pietsch, Leipziger Internetzeitung/ Kultur. Theater, 04.11.2009
Theaterbrief aus Dessau:
Wagners „Lohengrin“ und zwei Stunden warten auf den Kuss von Elsa und Ortrud
Kaum dass die ersten Ouvertüren-Takte verklingen, dämmert es hinter dem Vorhang. Menschen in heutiger Kleidung lümmeln auf den Tischen und Stühlen einer Konferenz-Arena. Die Strukturen der Macht, der Akteure und der Reagierenden sind klar erkennbar, ein trefflicher und machtsicherer Ort auch für Befragungen und Urteile.
Elsa hat Gleichgewichts- und Bewusstseinsstörungen, greift zur Pulverdose, die man ihr wegnimmt. Mit Rausch kämpft sie den Abend lang.
„Offenes Land“ ist die Spielzeit übertitelt, die Leitung des Anhaltischen Theaters hat gewechselt. Im Spielzeitheft gibt es vornehmlich Foto-Schnappschüsse aus der Region.
Kein Regisseur muss an dem anknüpfen, was von gleichen Autoren vorher am selben Haus inszeniert wurde, mag es das Publikum tun, wenn ihm danach ist. Johannes Felsensteins Wagner-Sicht auf „Parsifal“ hatte so viel Kunst, wie nötig war, dass man nichts mehr weglassen konnte. Aus einem Holz geschnitzt. Der tote Baum lag auf der Bühne, war Höhle und, wenn er aufgerichtet war, auch Kruzifix in der Gralsburg.
Andrea Moses geht einen anderen Weg, zeigt pures Heute, setzt als Regisseurin, und in der neuen Dessauer Theaterleitung Schauspielchefin, beim Publikum keine Kenntnisse um Wagner und irgendwelche Zeitereignisse voraus, sie erzählt alles.
Lohengrin 2009: Menschen gestalten -Zukunft bewegen
Über der Bühne von Christian Wiehle hängt in großen Lettern, die sich grafisch nicht akkurat zu einem Gesamtbild fügen „Menschen gestalten - Zukunft bewegen“. Mit einer solchen Parole, um zwei Worte verdreht, zogen ja tatsächlich Politiker in den Wahlkampf. In dieser Form nun ist sie nicht eine harmoniesüchtige esoterische Anwandlung, sondern Gehirnwäsche, totalitärer Anspruch, ein Apparat. Stilisiert mit einem Schwanenhals, Gefieder und grellem Lichtstrahl. Leider kommt die Regie nicht auf die Idee, die vier Worte der Losung ein paar Mal sinnstiftend zu verändern.
Da kommt einer daher, meint man müsse ihm folgen, dürfe aber nie fragen, woher er käme. In der Regie von Andrea Moses sieht man auf der Bühne nicht viel andere Kleidung, ebenfalls von Christian Wiehle gestaltet, als die des Publikums, Frisuren und Brillen im Chor scheinen auf Menschenmengen zu verweisen, die auch bei früheren Inthronisierungen schon dabei waren. Ein neuer Heilsbringer kommt auch auf die Zuschauer zu, denn der Chor agitiert mit seinen wappendekorierten Liederbüchern im Saal. Überdeutlich ist der Zeigefinger: Vorsicht vor Uniformitäten, Wappen, Liederbüchern, Vereinnahmungen.
Goldglitzer und Luftballons sichern der Putzfrau Arbeit
Andrew Sritheran singt und spielt den Lohengrin, schwarzhaarig, dunkelhäutig, weltmännisch daherkommend, auf extra eingefahrenem Podest wie in einem eigens errichteten Tempel. Bettine Kampp als Elsa von Brabant und Iordanka Derilova als Ortrud sind Stimmen, die sich schon längst im Wagner-Fach zu Hause fühlen dürfen. Von der Regie kriegen sie interessante Momente. Nach zwei Stunden Spielzeit dürfen sie sich sogar küssen. Am Ende des ersten Aktes gibt es Goldglitzer von oben und Luftballons, eine unvermeidliche Zutat aus dem Werkzeugkasten cooler Ausstatter und Spielleiter. Bleibt für die Phantasie sonst nur noch der Zwischenraum zwischen Schwarz und Weiss, Schatten und Dämmerung?
Immerhin gibt das einer Putzfrau Arbeit, der wir danach zusehen dürfen.
Man sieht sicher auch ohne Kenntnis der Handlungsbeschreibungen, dass es sich hier um einen Intrigantenstadel handelt. Programmhefttexte erzählen mit Namen von Personen und Firmen etwas von heutigen Lobbyismus genannten Einflüssen und Abhängigkeiten zwischen Wirtschaft und Politik. „Du bist Brabant“ steht über der Szene des zweiten Aktes, „Vertrauen in Deutschland“ wird im dritten Akt per Losung eingefordert.
Im Brautgemach sehen wir unter anderem auf am Fenster vorbeiziehende Wolken; landläufig ist das der Alptraum der Darsteller vieler Naturbühnen, dass sich das Publikum vom Bühnengeschehen abwenden könnte, um den vorbeiziehenden Wolken nachzuschauen.
Man ist schon über Leichen gegangen, hat Fahnen geschwungen wenn Gottfried, wir sind wieder bei Wagners Mythos-Stoff, aus dem Schnürboden herunterschwebt. Dabei werden die Scheinwerfer zum Blenden ins Publikum gerichtet.
Martin Gregor-Dellin schloss seinen Wälzer der Wagner-Biografie mit den Worten: „Was folgte, ist Nachwelt, eine andere Geschichte, ohne Wagner, und fern ist Heute, von ihm getrennt durch Katastrophen.“ In den Anmerkungen findet sich Gregor-Dellins Kommentar zu Deutungen der Figuren aus dem „Ring des Nibelungen“: „Hagen als Wiedergeburt wäre Hitler usw., aber wozu gibt es Inszenierungen?“ Man kann hinzufügen: „Und dann ist in jedem Fall der alte Wagner an allem Schuld!“
Dessauer Unikat
Zeitreisen auf mehreren Ebenen sind im Theater üblich. Bei Richard Wagners „Lohengrin“ im Anhaltischen Theater Dessau schmilzt der von Wagner geschriebene Mythos zur großen Gefahr in Form von wieder einmal neuen Leitfiguren und Aufmärschen, die mit Wappen und Liederbüchern Seelen fangen. Musiktheater, bei dem zum alten Soundtrack sehr viel zu sehen ist. Sänger sind zu hören, deren Namen man sich merken kann, weil die wagnersingende Reisegemeinde überschaubar ist. Immerhin eine Version anno jetzt, 2009, ein Dessauer Unikat.
Nächste Vorstellungen im Anhaltischen Theater Dessau: 22. November, 27. Dezember 2009, 4. Februar, 3. April, 13. Mai 2010
www.anhaltisches-theater.de
03.11.2009, 13:36 | tags:
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148
Raus aus der Vergangenheit
André Bücker vollbringt am Anhaltischen Theater in Dessau einen auf ganzer Linie überzeugenden Neustart als Nachfolger von Johannes Felsenstein
Eine Putzfrau, ausgerechnet eine Putzfrau ist es, die zur Augenzeugin der Verschwörung wird: Im verwüsteten Plenarsaal, wo Luftballons zwischen umgeworfenen Stühlen liegen, blickt sie schweigend auf den abgesetzten Herrscher und seine First Lady herab. Und während sich die Anhänger des Gewesenen spätestens in diesem Augenblick auf radikale Ablehnung einigen, sehen all jene, die auf das Kommende gehofft haben: Hier findet tatsächlich ein Akt der Reinigung statt, ein Kehraus jener Tradition, die auf dem Anhaltischen Theater zuletzt bleischwer lastete.
Nichts weniger hatte André Bücker für seine erste Dessauer Spielzeit angekündigt, nichts weniger hat sein Team mit dem ersten Premierenwochenende gehalten: Der Premieren-Hattrick aus Einar Schleefs „Abschlussfeier“, Richard Wagners „Lohengrin“ und Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ war eine politische und poetische Ansage, die in ihrer programmatischen Geschlossenheit wie in ihren ästhetischen Differenzen zu schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigte. Dass sich der neue Generalintendant dabei in nobler Zurückhaltung übte und seine eigene Inszenierung an den Schluss des großen Theater-Festes stellte, durfte nach den Tagen des Patriarchen Johannes Felsenstein als Bekenntnis zum demokratischen Miteinander verstanden werden.
Die Fallhöhe seines „Nathan“ aber ist gleichwohl himmlisch: Rechas Vision, die einen Engel statt des Tempelherrn für ihre Rettung aus dem Feuer verantwortlich macht, wird als Prolog auf der großen Showtreppe zwischen Erde und Wasser, Feuer und Luft sichtbar beglaubigt. Im elementaren Bühnenbild von Suse Tobisch, die auch für die sakrale Haute Couture der Kostüme verantwortlich zeichnet, liest das neue Ensemble fortan einen alten Text, als wäre er ein Stück von heute. Uwe Fischers Nathan ist kein statuarischer Weiser, sondern ein von Kleinmut und Zweifeln getriebener Mensch, der sich seine Güte mühsam erarbeiten muss – und eigentlich lieber sein Gärtchen bestellen würde. Doch seitdem der selbstbewusste, kraftstrotzende Tempelherr (Sebastian Müller-Stahl) seine traumverlorene Adoptivtochter Recha (Ines Schiller) aus den Flammen getragen hat, bleibt ihm weder Zeit für seinen skurrilen Derwisch-Freund (Thorsten Köhler) noch für die Glaubensnöte seiner Dienerin Daja (Eva-Marianne Berger), die unter der Last ihrer Kruzifixe zusammenzubrechen droht und vom vielen Beten schon Pflaster an den Knien hat. Zwischen dem bigotten Patriarchen (Gerald Fiedler) und dem leichtsinnig toleranten Kampfsportler Saladin (Stephan Korves) muss der Jude sein höchstes Gut verteidigen – und gleichzeitig die Begehrlichkeiten von Sittah (Antje Weber) abwehren. Wie gut, dass wenigstens der Klosterbruder (Henning Kober) als Deus ex machina hält, was sein mit Heiligenbildchen bestickter Kittel verspricht …
André Bücker glückt es auf überraschende Weise, den Humor des Lessing-Textes als Geschmacksverstärker für die Bitterkeit freizulegen, er schlägt in der überwältigenden Körperlichkeit seines Ensembles einen gleichermaßen natürlichen wie hohen Ton an – und läuft am Ende in einhellige Begeisterung, nachdem sich am Vorabend ein Sturm aus Buh- und Bravo-Rufen über seine neue Chefregisseurin ergossen hatte. Dabei war auch Andrea Moses mit ihrem „Lohengrin“ ein großer Wurf gelungen: Sie hatte nicht nur den schimmernden Helden als Demagogen entzaubert, der mit seinem Frageverbot einen esoterischen Faschismus etabliert. Sie hatte zugleich den Hochbunker aus dem Jahr 1938 in all seinen gigantischen Möglichkeiten ausgeschöpft – und mit dem Haus auch die Menschen bewegt.
Denn dies war die frappierendste Neuerung ihres Abends, der in Christian Wiehles Ausstattung Schnürboden und Versenkung, Hinter- und Seitenbühne beansprucht: Ihre individuelle und präzise Figurenführung löste endlich jene musiktheatralische Qualität ein, die in den letzten Jahren vor Ort meist zur bloßen Behauptung verkommen war. Der Chor, verstärkt um Mitglieder des Extrachores und des freien Coruso-Ensembles, zeigte sich unter der Leitung von Helmut Sonne sängerisch wie darstellerisch in der Form seines Lebens, die Anhaltische Philharmonie spielte unter Antony Hermus gar weit über ihren bisherigen Möglichkeiten. Wie hier die Szene aus dem Klang geschöpft und in den Ton zurückgeführt wurde – das hatte Charme und Kraft, das war eine Verführung zum Denken und ein Bekenntnis zum „Bayreuth des Nordens“.
Dass sich neben den verlässlichen Konstanten Ulf Paulsen (Telramund) und Iordanka Derilova (Ortrud) ein neues Sängerensemble behauptete, von dem man sich künftig viel erwarten darf, rundete den positiven Eindruck: Pavel Shmulevich ist ein viriler König Heinrich, neben dem auch sein Heerrufer Wiard Witholt glänzende Figur macht. Und während Bettine Kampp als zunächst narkotisiertes Opfer Elsa allmählich zur selbstbewussten Frau reift, die als Einzige dem militanten Sog der New-Age-Gemeinde entrinnt, muss Andrew Sritheran in seinem Rollendebüt als Lohengrin zwar Lehrgeld zahlen. Er rettet sich – von Antony Hermus treulich geführt – aber mit Bravour über den Abend und wird an dieser Rolle gewiss weiter wachsen. Dass das gesamte Ensemble am Ende zudem wie ein Mann applaudierend hinter seiner Regisseurin stand, die drei Tage nach ihrem Dessauer Einstand mit der Berufung an die Staatsoper Stuttgart bereits die nächste Karriere-Stufe nahm, war ein Beweis für den neuen Geist, der auf dieser großen Bühne weht – und der Andrea Moses auch darin bestärkt, ihren Dessauer Vertrag bis 2011 zu erfüllen.
Dass Armin Petras schließlich ein besonderes Geschenk zum Einstand mitbringen würde, hatte man angesichts seiner Affinität zum Werk von Einar Schleef vermuten dürfen. Und tatsächlich geriet die „Abschlussfeier“, die vom Clash der Kulturen in einer DDR-Jugendherberge erzählt, zu einem Schauspielerfest voll überdrehter, traurig grundierter Heiterkeit: Ursula Werner und Hilke Altefrohne, Julischka Eichel und Sabine Weibel gaben als Gorki-Gäste hier das Niveau vor, zu dem sich auch die Ensemblemitglieder Regula Steiner-Tomic und Christel Ortmann sowie der Jugendklub des Anhaltischen Theaters streckten. Aus der kleinen Spielstätte wuchs und öffnete sich dieser so kluge wie sentimentale Abend in die Stadt hinein. Und am Ende der großen Party in einem kleinen Land konnte man wissen, dass dort vielleicht nicht alles schlecht – aber ganz gewiss gar nichts gut war.
Dass bereits in der ersten „Lohengrin“-Pause das neue Gästebuch mit dem Eintrag „André Bücker absetzen“ eröffnet worden war, erzählte viel über die Aufnahmebereitschaft der Alten für das Neue. Das letzte Wort aber hatte der Hausherr selbst: Nachdem ein Kinderchor die drakonische Strafe für Menschlichkeit zunächst noch mit „Hallelujah“ bejubelt hatte, schwebte am Ende eine bunte Leuchtschrift über der Szene: Ein roter Halbmond bildete das „C“, ein Davidsstern das „X“ und ein Kreuz das „T“ in dieser Aufforderung, die sich insgesamt als „Coexist“ lesen ließ. Und Nathan, dieser Mensch von Hier und Heute, pflanzte endlich seinen Baum. Was für ein Bild, welch ein Versprechen!
02.11.2009, 20:35 | tags:
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147
Ute van der Sanden, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 03.11.2009
Triumphzug des Belcanto
Neue und alte Sängerinnen und Sänger des Anhaltischen Theaters übertrumpfen sich in «Serata di Gala»
Beide Konzertmeister der Anhaltischen Philharmonie lächelten beim Betreten der Bühne ins Publikum. Man müsste den Satz glatt noch einmal hinschreiben, so außerordentlich erschien, was sich am Freitag im Theater zutrug. Dabei wurden die frohen Gesichter von Myra van Campen-Bálint und ihrem Stellvertreter Martin Schulze, so imposant sie zunächst wirken mochten, mehr und mehr zur Marginalie. Knapp 900 Menschen erlebten im beinahe ausverkauften Großen Saal die Premiere der "Serata di Gala". Sie genossen eine Vorstellung der romantisch-dramatischen Oper, die italienischer geriet, als man zu hoffen gewagt hatte, und die somit die meisten Erwartungen übertroffen haben dürfte.
Nicht, dass man das Dessauer Publikum mit einem Gefälligkeitsprogramm aus Bravourarien und Ohrwürmern geködert hätte. Neben Ausschnitten aus Verdis "Traviata" und "Don Carlo", aus Puccinis "Manon Lescaut" und "La Bohéme" erklangen Raritäten, etwa aus Leoncavallos "Zazà". Gewiss gilt die italienische Oper den Sängern als willkommene Herausforderung. Sie zeigen, was sie drauf haben, und das Publikum liebt sie dafür. Hier kam es noch besser, denn zunehmend war den Solisten ihr Auftreten mehr Vergnügen als Dienst.
Con fuoco ließ Generalmusikdirektor Antony Hermus schon Verdis "Sizilianische Vesper" von der Bühne zischen. Was nach der Ouvertüre geschah, sprach für sich. Ulf Paulsen sang mit wie durch ein Wunder erholter Stimme aus "Andrea Chenier", bekam Bravos und lief lachend in die Gasse. Cornelia Marschall brillierte in Mascagnis "Lodoletta" mit lupenreinen Sprüngen und gab eine herrlich vitale Musette in "La Bohéme", auch sie klang ausgeruht. Als Iordanka Derilova in tomatenroter Robe gen Rampe wehte, ging ein Raunen durch Publikum und Orchester. Sie sang mit Andrew Sritheran aus "Tosca", dass einem das Herz aufgehen wollte, und ihre "Turandot" war die reinste Raserei. Kostadin Arguirov gestaltete den Auftritt des besorgten Germont mit stimmlicher und szenischer Kraft. Ob sie alle sich und ihre Stimmen neu gefunden haben? Oder wieder?
Die kürzlich engagierten Solisten taten das Ihrige. Angelina Ruzzafante begeisterte mit strahlender oberer Lage und exzellenten Koloraturen. Das Finale des ersten "Traviata"-Akts krönte sie mit dem hohen Es aller wahrhaften Primadonnen. Bassist Pavel Shmulevich ist, wie seine "Don Carlo"-Arie "Ella gaimmai m'amo" zeigte, ein Filippo, wie er im Buche steht. Andrew Sritheran und Wiard Witholt, der neue lyrische Bariton mit ungewöhnlich weichem Timbre, begegneten sich im vierten Akt der "Bohème" auf erfrischende Weise "in un coupé". Schließlich das "Libiamo" aus der "Traviata" zum Mitklatschen und Mitsingen - da war's für alle ein großer Spaß. Antony Hermus atmete mit den Sängern und verführte seine Musiker mit liebenswertem Enthusiasmus zu rasantem, federndem oder kantablem Spiel. Nicht unerwähnt dürfen die Glanzvorstellungen des Solocellisten Matthias Wilde im "Manon"-Vorspiel und in der Arienbegleitung zu "Don Carlo" bleiben.
Kein Wunder also, dass sich das Publikum von Auftritt zu Auftritt in seine Begeisterung hineinjubelte und lostobte, kaum dass die Sänger ausgeatmet hatten. Die kurzweilige Gala mit einer Dauer von drei Stunden hatte zwar keine Längen, war nach der Pause allerdings auch nicht mehr steigerungsfähig.
Heribert Germeshausen, neu am Haus als leitender Musikdramaturg, kam ebenfalls auf den Punkt. Er sprach über Libretti, Orchestrierung und Personalstile - kurz und bündig, ernsthaft und kundig. Seine Moderation trug er auswendig vor, nur ein Bellini-Zitat las er ab: "Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen". In diesem Sinn ist das Ensemble des Anhaltischen Theaters vor sein Publikum getreten. Mit Superlativen soll man bekanntlich vorsichtig sein, hier sind sie angemessen: Ein Wettstreit der Sänger, ein Fest der Stimmen, ein Triumphzug des Belcanto, in und für Dessau - bravissimo!
Nächste Vorstellung am Sonnabend, 14. November, 17 Uhr.
02.11.2009, 20:06 | tags:
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145
Roberto Becker, Freies Wort, 15.10.2009
Macht haben immer die anderen
Oper | Andrea Moses gelingt mit ihrem „Lohengrin“ ein fulminanter Einstieg als Chefregisseurin in Dessau
Es ist fast schon unheimlich: Genau am Tag der Premiere von Andrea Moses‘ „Lohengrin“ in Dessau stirbt Reinhard Mohn, Gründer und spiritus rector der Bertelsmann-Stiftung. Aus solchen Denkfabriken beziehen politische Eliten heute einen Gutteil ihres geistigen Strategie-Dopings. Und das ist in Andrea Moses‘ ersten großen Wagner-Inszenierung ein Thema. Wenn man genau hinsieht, dann liefert der Wunderritter, der aus dem Nichts auftaucht, sich jede Nachfrage nach seiner Herkunft und Legitimierung verbittet, aber Liebe und Gefolgschaft einfordert,
tatsächlich die Steilvorlage für eine Analyse der Manipulationsmechanismen, die die Politik heute selbst dann braucht, wenn sie, wie Barack Obama, glaubwürdig an einer Wende zum
Besseren interessiert ist.
Wenn der Dessauer Lohengrin schließlich mit einem Gefolge adretter Helferinnen, die ein
geistiges Geschenkpaket für jeden dabei haben, genau zum richtigen Zeitpunkt aus der Versenkungauftaucht, und erst dem König und dann Elsa die Hand reicht, dann sieht das in einem Glitzer- und Luftballonregen nicht von ungefähr so aus wie auf einem amerikanischen Wahlkongress. Auch in diesem modernen Bühnenbrabant
sind die tatsächlichen Strippenzieher (König Heinrich und sein Vize, der Heerrufer) bestens
via Handy mit ihrer Zentrale vernetzt. Und auch hier werden sie durch die diskreten Herren mit Sonnenbrille, Mitschreib-Laptop und Pistolen im Gurt geschützt. Vor Wackelkandidatinnen wie die psychisch offenbar etwas labile Thronerbin Elsa oder vor immer noch vergleichsweise klar denkenden Quertreibern, wie
Ortrud und Telramund. Weil die beiden sich als einzige nicht von der verteilten, neuen Bibel mit dem Schwanenlogo drauf oder dem Spruch über der Bühne „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ einwickeln lassen, werden sie bei Andrea Moses zu fast schon positiven Helden. Wobei natürlich auch die beiden der Manipulation
Widerstand entgegensetzen, um selbst beim Kampf um die Köpfe im Spiel zu bleiben.
Spannende Geschichte
Am Ende behalten die Mächte, die aus dem Hintergrund und ohne Legitimation herrschen, und ihre militärischen Expansionspläne mit Zustimmung der Massen umsetzen wollen, die Oberhand. Wenn Lohengrin im Brautgemach als eine Art Superberater und Politschauspieler im Solde der Herrschenden auffliegt (Telramund hat eine Filmkopie von der Geldübergabe!), zieht der zwar ab, sorgt aber für einen Ersatzmann, der aus dem Schnürboden einschwebt.
Vor diesem noch etwas unfertigen, willfährigen Gottfried freilich ist Elsa dann so entsetzt,
dass sie zu guter letzt doch noch zu sich kommt und aus dem Stück und von der Bühne flieht.
Was Andrea Moses abgeliefert hat, ist einen spannend erzählte Geschichte, die mit der
klassischen eine zweite, in ihr verborgene miterzählt, ohne die erste zu ignorieren. Das hat in
Christian Wiehles Bühne, zwischen dem Auditorium, dem sakralen Hochzeitsgerüst und dem
Hochzeitsbungalow über den Wolken einen Raum für spannende, durchweg exzellent erspielte Figurenporträts. Mit Sängerdarstellern von Format. Wie der schon in Meiningen gut bekannten Bettina Kampp, die die Elsa tatsächlich als eine etwas seltsam traumatisierte Frau durch die Welt taumeln lässt. Am Ende aber ist sie die einzige, die sich der um sich greifenden Kriegshysterie entziehen kann.
Andrew Sritheran hat als Lohengrin am Ende genügend Kraft für die sonst fast nie zu hörende komplette Gralserzählung. Der erweiterte Chor wächst stimmlich und darstellerisch über sich hinaus, und auch der neue GMD der Anhaltischen Philharmonie, Antony Hermus, kann den Abend als Erfolg für sich verbuchen. Sicher ging da auch manches schief, und ein so aufgemischter Hochzeitsmarsch ist
Geschmacksache – doch insgesamt gab es in Dessau nicht nur auf der Bühne, sondern auch aus dem Graben spannenden, faszinierenden Wagner. Dass Andrea Moses am Ende neben Begeisterung auch Widerspruch erntete, gehört bei Wagner irgendwie dazu. Ihr „Lohengrin“ jedenfalls knüpft an ihr Strauss-Doppel in Meiningen und ihre Weimarer „Turandot“ an. In Dessau jedenfalls sind spannende Theaterzeiten
angebrochen.
www.anhaltisches-theater.de
02.11.2009, 19:45 | tags:
Ballett
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
144
Joachim Lange, Thüringer Allgemeine, 30.10.2009
Auf der Blutspur
Eisenachs Ex-Ballettchef Tomasz Kajdanski gelingt mit „Lulu“ ein starker Einstand in Dessau
Thüringen hat viel verloren, als der Eisenacher Ballettchef Tomasz Kajdanski zu Spielzeitbeginn nach Sachsen-Anhalt wechselte. Dem Anhaltischen Theater Dessau gelingt mit neuem Spitzenpersonal ein furioser Auftakt. Tomasz Kajdanski steuert dazu eine atemberaubende Version der „Lulu“ bei.
Natürlich profitiert die vertanzte „Lulu“ vom Schauspiel Frank Wedekinds und wohl noch mehr von Alban Bergs Oper. Auch wenn dessen Musik nur mit dem Ostinato aus der Lulu-Suite erklingt.
Doch die erste Produktion des neuen Ballettchefs Tomasz Kajdanski steht ganz für sich selbst. Kapellmeister Daniel Carlberg − auch neu − hat dafür nicht nur eine zwingende musikalische Tonspur aus passgenauen
Stücken von Rihm, Korngold, Antheil, Schönberg, Schostakowitsch und Boulez zusammengestellt, sondern interpretiert sie auch mit zwingender Präzision live mit der Anhaltischen Philharmonie.
Der 80-minütige Abend beginnt mit einem metaphorischen Coup: Eine barbusige Lulu thront in einem meterhohen roten Kleid vor einer gerahmten Videoleinwand. Am Ende liegt sie von Jack the Ripper ermordet zwischen den unzähligen Papieren, die im vorletzten Bild „Im freien Fall“ aus dem Schnürboden gefallen waren. Bis dahin wurde die charismatische Laura Costa Chaud als Lulu zum Fixpunkt der Begehrlichkeiten, ob nun von Dr. Schön (Juan Paolo Lastras-Sanchez), der Geschwitz (Yun-Ju Chen) oder dem Zuhälter Schigolch (Joe Monaghan). Und zum Opfer. Mit kraftvoller Virtuosität entfesselt Kajdanski nicht nur die Obsessionen und hält ein erstaunliches Tempo. Weder in den Soli noch in den expressiven Ensembleauftritten verfallen die 13 Tänzer auch nur einen Moment in Verlegenheitsaktionismus.
Die Bühne hat Dorin Gal zuerst durch eine halbrunde transparente Wand voller Türen und Fenster begrenzt. Als sich Lulu von Dr. Schön nicht zum Selbstmord zwingen lässt, sondern ihn erschießt, fällt ein weißer Vorhang mit einer hintersinnigen Blutspur. Nicht nur in der intelligent assoziativen und kraftvollen Virtuosität des Tanzes, sondern auch in ihrer kargen und gleichzeitig opulenten Ästhetik ist diese „Lulu“ ein Wurf!
Tomasz Kajdanski musste in Dessau gegen die Erinnerung an den hier äußerst beliebten und mit seiner DeSade-Kreation im Kraftwerk Vockerode tatsächlich Maßstäbe setzenden Gregor Seyffert antreten. Er hat die Herausforderung auf seine Weise angenommen und haushoch gewonnen.
Nächste Vorstellung: 7. 11.
29.10.2009, 08:56 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Pressestimmen
135
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 29.10.2009
Premiere
Ein Mädchen im Erinnerungsraum
André Bücker inszeniert im Alten Theater die Mono-Oper «Das Leben der Anne Frank»
Rechts zeigt ein Abreißkalender den Tag ihres 13. Geburtstages, an allen Wänden hängen Fotos und Plakate, in der Mitte aber ruht in einer blau glühenden Vitrine ihr Vermächtnis - das Tagebuch der Anne Frank. Wäre da nicht ein Fenster, das an den Dachboden im Hinterhaus der Prinsengracht Nummer 263 gemahnt - man könnte meinen, man wäre in einem Museum für die Amsterdamer Jüdin gefangen, deren Schicksal längst zum Synonym für den Holocaust geworden ist. Und tatsächlich ist die junge Frau, die hier noch einmal die berühmten Texte memoriert, nicht nur eine historische Gestalt, sondern auch ein Mensch der Gegenwart. Alles andere, das weiß man nach diesem Abend, wäre pietätlose Anmaßung.
Wie konnte man "Das Tagebuch der Anne Frank" nur all die Jahre im Gestus einer nachträglich betroffenen Schreckstarre darstellen, der ein politisch korrektes Kritik-Verbot eingeschrieben war? Was Generalintendant André Bücker mit der ideal besetzten Cornelia Marschall und dem kongenialen Pianisten Stefan Neubert jetzt aus Grigori Frids Mono-Oper herausgelesen hat, straft all diese Interpretationen Lügen. Denn die Inszenierung im Alten Theater denkt die Rezeptionsgeschichte immer mit: Anne Frank geht hier durch einen Erinnerungsraum, der nationalsozialistische Propaganda unmittelbar mit den Zeugnissen der Shoa konfrontiert. Da hängen Werbeplakate von Gestapo und Hitlerjugend neben den Bildern des Mädchens mit dem schwarzen Haar, das so fröhlich und offen in die Kamera blickt. Und da hängt eine Textpassage aus dem Tagebuch neben den Fotos von Massengräbern und vom Schienenstrang zur Gaskammer, während sich auf dem Boden Exemplare des millionenfach vervielfältigten Tagebuchs finden.
Das ist die unterschwellig mitlaufende Botschaft dieses kleinen, großen Abends in der Ausstattung von Katja Schröpfer: Anne Franks Leben, das sich nur von ihrem Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen her begreifen lässt, ist unwiederbringlich seiner Privatheit beraubt worden. Dass das junge Mädchen dies mitgedacht hat, als es seine Memoiren für eine Veröffentlichung nach dem Krieg vorbereitete, ändert nichts an diesem Befund: Die Kinder der Täter haben ihre Reue an einem exemplarischen Opfer abgearbeitet, das Dilemma der Besinnung auf die Schuld bleibt unauflöslich. Das zeigt auch die subtile Collage aus Licht, Toneinspielungen und Video, die den Zuschauer nicht in die Anonymität eines abgedunkelten Auditoriums entlässt.
Über dieser ambivalenten Grundierung aber erlebt man eine Sängerin, die viele Farben und Gesichter in sich vereint: Cornelia Marschall kann übermütiges Kind und erwachende Liebende sein, sie parodiert und karikiert ihre Mitmenschen oder träumt gedankenverloren unter dem Fensterhimmel. Dass Stefan Neubert sie beruhigend und alarmierend, aber nie nur illustrierend durch diesen stimmlich wie darstellerisch bravourös gemeisterten Kraftakt begleitet, ohne dass sie Sichtkontakt hätten, ist bewundernswert. Am Ende aber, nachdem der Abreißkalender unabänderlich auf den 1. August 1944 - den Tag der letzten Eintragung - fixiert ist, nimmt Anne im Publikum Platz. Und es dauert eine gefühlte Ewigkeit der Stille, ehe begeisterter Applaus aufbrandet.
Nächste Vorstellungen: 9. November, 18.30 Uhr; 10. / 19. / 20. November, jeweils 10 Uhr
28.10.2009, 11:10 | tags:
Spielzeit
, Ballett
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
134
Helmut Rohm, Zerbster Volkstimme, 27.10.2009
Gefeierte Ballettpremiere am Theater Dessau
„Lulu“ – gescheiterte „Urgestalt des Weibes“
Barbusig und im überdimensionierten roten Kleid, einem (fragwürdigen) Denkmal gleich, wird Lulu als „Urgestalt des Weibes“ präsentiert. Videosequenzen vermitteln mehr schemenhaft Einblicke in ihr bisheriges, von Sex und Prostitution geprägtes Leben.
Am Anhaltischen Theater Dessau hatte das Ballett „Lulu“ seine vom Premierenpublikum gefeierte Uraufführung. Die Choreografie schuf der neue Dessauer Ballettchef Tomasz Kajdanski nach Frank Wedekinds Lulu-Tragödie. In zwölf expressiven Bildern zeichnet
Kajdanski das dramatische Leben und den Untergang der wunderschönen und lebenshungrigen Lulu nach. Nur scheinbar lebt sie ihre eigenen Wünsche, Begehrlichkeiten und Fantasien aus. Vielmehr ist sie gefangen, wird ständig getrieben, ist Spielball männlicher
Dominanz, den Verstrickungen und Intrigen ausgesetzt, emotional korrumpiert. Kajdanski ist eine spannungsgeladene Balance zwischen konsequenter Symbolträchtigkeit und einer bis ins feinste Detail wirkenden Körpersprache der handelnden Personen in ihrer sehr differenzierten bewegenden Persönlichkeitsstruktur gelungen.
Die harmonische Verknüpfung von ausgeprägtem klassischen Ballett und modernen Ausdrucksformen kommt völlig ungezwungen daher, setzt auch spannende Kontraste.
Und die Dessauer Ensemblemitglieder beherrschen diese Symbiose ausgezeichnet. Laura
Costa Chaud, die gesamten pausenlosen gut 80 Minuten fast durchtanzend, gestaltet die Lulu als einen wahren Gefühlsvulkan, der alle Facetten ihres rasanten Lebens offenlegt, den Zuschauer mitfühlen lässt. Schigolch, ihr mutmaßlicher Vater, erhält von Joe Monaghan eine geheimnisumwitterte Machtausstrahlung. Hervorzuheben auch Juan Pablo Lastras-Sanchez als Dr. Schön und Yun-Ju Chen als lesbische Gräfin Geschwitz.
Bravourös interpretiert die Anhaltische Philharmonie unter Daniel Carlberg die ausgewählten Kompositionen unter anderen von Rihm, Antheil, Alban Berg, Korngold, Schönberg und Schostakowitsch. Ein Halbrund mit vielen Türen ist optisches Zentrum des unaufdringlich aussagekräftigen Bühnenbildes von Ausstatter Dorin Gal. Kajdanski bezeichnete es als Destillat aus Bordell, Peep Show Location und Zirkus. Für Lulu ist es, trotz Strebens nach Freiheit und Unabhängigkeit, ein lebenslanges Gefängnis. Und das Rot der (gekauften) Liebe ertrinkt im Blutrot des Todes.
27.10.2009, 11:55 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel
, Pressestimmen
132
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.10.2009
Menschen erklären, was die Puppen sagen wollten
Der Regisseur Nino Sandow bringt auf der Puppenbühne «Der zerbrochne Krug» zur Premiere
Das ist so ein Tag, an dem man am liebsten im Bett bliebe: Verschrammt und verkatert quält sich der klumpfüßige Dorfrichter aus den Federn, nur langsam gewinnt die Erinnerung an seine nächtliche Niederlage Gestalt. Dass der Schreiber Licht ausgerechnet heute so verdächtig fröhlich ist, obwohl - oder gerade weil? - er eine spontane Visite des Gerichtsrats Walter anzukündigen hat, verschlimmbessert Adams Laune zusätzlich. Und vor der Tür sammeln sich schon Kläger und Beklagte, die seinen Richterspruch über einen zerbrochenen Krug erwarten .
Heinrich von Kleists Geschichte eines Sündenfalls lebt als Lustspiel ganz in und aus der Sprache: Wie sich hier alle Beteiligten um Kopf und Kragen reden, wie Lügen wuchern und Missverständnisse ins Kraut schießen - das ist Weltliteratur. Wenn man sich diesem funkelnden Text nun aber nicht allein mit Darstellern aus Fleisch und Blut, sondern auch mit Puppen nähert, dann muss man dafür gute Gründe haben - zumal der Dichter mit seinem Aufsatz "Über das Marionettentheater" einen der grundlegenden Essays über die Kunst-Figuren hinterlassen hat. Dass Nino Sandow diesen Text vor seiner Inszenierung "Der zerbrochne Krug" am Dessauer Puppentheater kannte, ahnt man am Schluss des Abends. Denn dort will er seinem Publikum den braven Ruprecht als Bären aufbinden - also als jenes Tier, das den Fechter Kleist durch seine instinktiven Paraden zum Wahnsinn treibt.
Aber dies bleibt dem unvorbereiteten Besucher so rätselhaft wie viele der Einfälle, mit denen der Regisseur seine ästhetisch ambitionierte Arbeit garniert. Zwar ist der Bühnenraum nach Entwürfen von Eberhard Keienburg mit seiner optischen Verzerrung und seinem Fensterkreuz-Schatten ein Geniestreich, weil er die Figuren zu Überlebensgröße steigert. Zwar wirkt der Tiger-Lillies-Look der Darsteller als geglückter Verweis auf große Vorbilder - die Geschichte aber wird bestenfalls in Ansätzen erzählt. Und daran ist nicht allein die knappe Spieldauer von 80 Minuten Schuld, die zudem noch mit stummen Momenten von fragwürdiger Bedeutsamkeit gestreckt wird.
Dass sich die Mägde Liese und Marthe in einen obszönen Knecht namens Hanfried verwandelt haben, dient der Wahrheitsfindung so wenig wie der überdrehte Auftritt des Gerichtsrats, auch der seltsame Beobachter hinter dem Fenster oder der Aufmarsch eines gackernden Federviehs stiftet keine Erkenntnis. Dass diese Regie-Attitüden zudem jene Passagen überstrahlen, in denen sich Adam seine Notlügen zurechtlegt und den Prozess mit Drohungen und Schmeicheleien beeinflusst, bleibt ein Problem. Man muss sich schon sehr konzentrieren, um dem Kriminalfall folgen zu können. Und das scheint auch dem Ensemble so zu gehen.
Helmut Parthier ist hinter der Puppe des Dorfrichters sichtlich sicherer als in seiner demaskierten Erscheinung als Gerichtsrat, den er paradoxerweise von Ivana Sajevic übernehmen muss, weil diese zum Finale in ihre Zweitrolle als Eve schlüpft. Pascal Martinoli macht als Licht wie als Ruprecht eine gute, wenngleich ein wenig harmlose Figur, während er als Bärenhäuter mit der Tücke des Kostüms zu kämpfen hat.
Und nachdem Uta Krieg als Marthe Rull zu Höchstform aufgelaufen ist, als sie die absurde Geschichte des Kruges in aller Ausführlichkeit dargeboten hat, wird Susanne Hessel als Frau Brigitte zur Überraschung des Abends: Denn dass der Deus ex Machina im Reich der Puppen von Christian Werdin als ein Mensch erscheint, der wiederum auf kuriose Weise verpuppt ist, scheint die klügste Pointe der Inszenierung. Am Ende aber müssen die Menschen erklären, was die Figuren eigentlich sagen wollten. So war das von Kleist gewiss nicht gedacht.
26.10.2009, 07:28 | tags:
Spielzeit
, Ballett
, Anhaltische Philharmonie
, Pressestimmen
129
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 26.10.2009
Tanztheater
Der dunkle Spiegel der Lust
Tomas Kajdanski gelingt mit «Lulu» nach Wedekind ein beeindruckender Einstand in Dessau
Ihre Seele ist längst tot, ihr Körper aber will einfach nicht sterben: Obwohl Lulu diesen einzigen, von ungezählten Berührungen längst abgenutzten Besitz am Ende sogar Jack the Ripper vor die Füße geworfen hat, findet sie auch unter seinen mörderischen Händen keine Erlösung. Die öffentliche Frau, die auf dem schmalen Grat zwischen Lust und Schmerz tausend kleine Tode gestorben ist, bäumt sich immer wieder auf, bis Muskeln und Nerven endlich Ruhe geben. Und die Welt wird schwarz - so, wie sie war, bevor Lulu kam.
Tomasz Kajdanskis Entscheidung, seine Dessauer Ballett-Direktion mit einer Adaption von Frank Wedekinds "Lulu"-Dramen zu eröffnen, schien im Vorfeld so originell wie gewagt. Denn einerseits ist die Geschichte der jungen Frau, die jedermann als Objekt seiner persönlichen Begierde erscheint, ein ideales Sujet für die erotischste unter den darstellenden Künsten.
Schwarz-Weiß im Rotlicht
Andererseits muss man sich vor Ort am "Marquis de Sade" messen lassen, der in den vergangenen Sommern eine schwarze Messe der Lust gefeiert hat. Kajdanski aber richtet seine Arbeit an anderen Skalen aus: Seine "Lulu" ist kein multimediales Spektakel, sondern ein furioser Tanzabend - und eine Hommage an die Klassische Moderne, der in der Stadt des Bauhauses und des Weill-Festes wie eine ästhetische Punktlandung wirkt.
Dafür sorgt zunächst das musikalische Tableau: Mit Werken von Arnold Schönberg, Alban Berg, Erich Wolfgang Korngold und George Antheil, aber auch von Dmitri Schostakowitsch, Pierre Boulez und Wolfgang Rihm gibt der neue Kapellmeister Daniel Carlberg einen beeindruckenden Einstand. Die Anhaltische Philharmonie, die in ihrer Geschichte eher auf die erste als auf die zweite Wiener Schule verweist, musiziert mit messerscharfem Intellekt und kontrollierter, nicht nachlassender Energie. So wird dem Tanz ein fester und federnder Boden bereitet, wie ihn keine Ton-Konserve zu bieten hat.
Das erste Bild ist Programm: Wie eine überlebensgroße Bienenkönigin steht Lulu mit entblößtem Oberkörper in dem halbrunden Peep-Show-Theater, dem Ausstatter Dorin Gal mit gläsernen Türen jede Intimität verweigert. Unter dem roten Rock verschwinden und erscheinen all die Männer und Frauen, denen Lulu auf ihrem Weg in die Katastrophe begegnen wird - ein Akt des Gebärens und des Verschlingens, eine metaphorische Überhöhung der schwarz-weißen Videos aus dem Rotlicht-Milieu. Dass es Kajdanski fortan gelingt, selbst in der Nacktheit jede Peinlichkeit zu meiden und den Tanz als künstlerisches Äquivalent zur Sexualität zu behaupten, ist die bezwingendste Qualität des Abends. Denn hier wie dort gibt es ein breites Spektrum von Spielarten, das sich in den einzelnen Charakteren der ausnahmslos doppelt besetzten Solo-Rollen spiegelt. Da ist zunächst der Zuhälter Schigolch (Joe Managhan), der das Mädchen mit animalischer Kraft und dämonischer Dominanz zu Markte trägt. Da ist Lulus Geliebter Schön (Juan Pablo Lastras-Sanchez), der sein Selbstbewusstsein aus Erfahrung und Eleganz schöpft.
Auf Knien und Zehenspitzen
Da sind der platonische Schwärmer Schwarz (Gorden Wannhoff) und der liebeshungrige Alwa (Ion Beitia), der zupackende Kraft-Kerl Rodrigo (Rai Kirchner) und der nur noch als Schatten erinnerte Goll (Kengo Yamazaki). Und da ist die lesbische Gräfin Geschwitz (Yun-Ju Chen), die sich zunächst vor ihren eigenen Wünschen fürchtet und Lulu dennoch nach ganz unten folgt. Laura Costa Chaud aber spiegelt ihre Titelheldin in all diesen Figuren: Sie kann naiv und lasziv sein, sie bewegt sich auf Knien so selbstverständlich wie auf Zehenspitzen, sie ist rasend verführerisch und wahnsinnig erschöpft. Um dieses lodernde, in jedem Windzug flackernde Licht gruppiert Kajdanski seine schnell wechselnden Gestalten, die er aus dem klassischen Gleichmaß in individuellen Gestus, in ein atemraubendes Tempo und in beeindruckende Bilder bis hin zur Travestie treibt. In Dessau, das darf man nach der umjubelten Premiere vermelden, wird wieder getanzt. Und wie!
Nächste Vorstellungen: 7., 13. und 28. November, jeweils 19.30 Uhr
24.10.2009, 11:00 | tags:
Spielzeit
, Schauspiel
, Pressestimmen
126
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 24.10.2009
Hass, Ohnmacht und eine beklemmende Normalität
Im Alten Theater hat am Mittwoch das Stück «Der Kick» Premiere
Marinus Schöberl, 16 Jahre, kennt seine Mörder und trinkt Bier mit ihnen, bevor er gedemütigt und geschlagen wird, bevor ihm Sebastian Fink, 17 Jahre, ins Gesicht uriniert. "Ich bin ein Jude", soll Marinus sagen, sagt es, wird zum Schweinestall getrieben, muss in den Futtertrog beißen. Marcel Schönfeld, 17 Jahre, kennt den Film "American History X", kennt den "Bordsteinkick", springt Marinus ins Genick. Weil das Opfer noch röchelt, schlägt Marcel, getrieben durch den Bruder Marco, 23 Jahre, mit einem Stein zu. Es dauert, bis man Marinus findet, verscharrt in einer Jauchengrube.
Übernahme aus dem Harz
Zwei Jahre nach dem Mord ging der Dokumentarfilmer Andres Veiel nach Potzlow, um die Menschen hinter den Schlagzeilen zu sprechen. Ein Buch, ein Film und ein mit der Dramaturgin Gesine Schmidt erarbeitetes Theaterstück liegen mittlerweile vor. "Der Kick" hatte am Mittwoch Premiere im Alten Theater. Gezeigt wird eine Übernahme der Inszenierung von Axel Sichrovsky für das Nordharzer Städtebundtheater. Dort wurde das Stück nach dem rechtsextremistischen Überfall auf Mitglieder des Ensembles angesetzt.
Halberstadt liegt am Rand des Harzes, Potzlow in der Uckermark, die Gewalt eskaliert mitten in der Gesellschaft. Das sagt die Bühne (Norgard Kröger) schon in der Gruppierung der Stühle. Mittendrin werden sie vernetzt, die hilflosen Notizen über ein verarmtes Leben, einen Berg Alltag, über verlorene Söhne, enttäuschte Hoffnungen und die Protokolle der Verdrängung, der Brutalität. Wie ungefragt antworten in traurig rudimentärer Sprache die Mütter des Opfers und der Täter, Freunde und Bekannte. Wenn ein Bürgermeister vom Taubenzüchterverein redet, muss man sich daran erinnern, dass hier kein zynischer Autor provinzielle Verdrängungsmechanismen karikiert, sondern Originalton aufgezeichnet wurde.
Die Verhöre berichten im Dunkeln von der Tat. Der Täter läuft in das projizierte Vorbild des Films. "Ebenso hätte einer von unseren Jungs das Opfer sein können", sagt die Mutter der Täter.
Zwei Darsteller spielen die vielen Rollen. Was steht hinter diesem, vom Autor vorgezeichneten Minimalismus? Die Absicht einer Entpersonalisierung, die Scheu, Typen vorzuführen, die Vernetzung aller Beteiligten? Sichrovskys Inszenierung aber verzichtet auf eine streng protokollarische Form, auf die Distanz der Abstraktion und ordnet das Textgeflecht zu Milieustudien und Charakterskizzen, die sich in Mimik, Stimmlage, Kleider- und Perückentausch äußern. Gasbetonsteine markieren Positionen, lauter Sockel ohne Helden, lauter schweigende Kläger, lauter Tatwaffen.
Platz für eigene Ängste
Susanne Hessel und Sebastian Müller-Stahl unterbrechen den Text, berichten von eigenen Erfahrungen und Ängsten, zeichnen beeindruckende Skizzen. Nur wenige Figuren, etwa die des Bürgermeisters, werden zur vorgeführten Karikatur. Gerade die Eltern der Täter, die auf dem Sofa zur Diaschau das verstrichene Familienglück beschwören, liefern die beklemmende Normalität hinter der Brutalität.
Ob die Gewalt zugenommen habe oder deren Grenzenlosigkeit, welcher Druck auf den Jugendlichen laste, ob man hinter den Mördern auch die Menschen sehen solle, wenn sich Opfer- und Täter-Biografien so nahe seien, wurde im Gespräch danach gefragt. "Der Kick" liefert keine Urteile, sondern eine Chronik, die das Urteil des Zuschauers fordert, auch wenn die erste Antwort Schweigen ist.
22.10.2009, 07:33 | tags:
Schauspiel
, Schauspiel/Musiktheater
, Musiktheater
, Pressestimmen
119
Joachim Lange, Dresdner Neueste Nachrichten, 20.10.2009
Lohengrin, übernehmen Sie!
Das Anhaltische Theater wagt mit einer Schleef Uraufführung und einem Wagner Klassiker den Neustart.
Das Anhaltische Theater in Dessau gehört zu jenen Häusern, für die aktuelle Spielzeitauftakt zugleich ein Neustart ist. André Bücker ist der neue Intendant, Andrea Moses die neue Chefregisseurin, Antony Hermus der neue GMD der Anhaltischen Philharmonie. Johannes Felsenstein hat dieses Haus als Intendant fast zwei Jahrzehnte durch alle Nachwendegefährdungen sicher geführt und als Regisseur bewusst neben dem Mainstream der ästhetischen Aufbrüche geprägt. Er gehört wohl zu den letzten Opern-Patriarchen dieser Art. Dass man in Dessau tatsächlich die Kraft zu einem ästhetischen Neuanfang hat, der auf dem Ererbten aufbaut, belegte jetzt vor allem der neue „Lohengrin“, der am Samstag in einem mit Buhs gewürzten Publikumsjubel endete.
Als Auftakt gab es am Tag zuvor die Uraufführung eines Textes von Einar Schleef. Armin Petras, der Intendant des Maxim Gorki Theaters in Berlin, der nebenbei als Regisseur und (Pseudonym-)Autor Fritz Kater längst ein ausgewiesener Bühnenverarbeiter der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte ist, hat in einer Koproduktion mit seinem Haus, jetzt die dramatisierte Version von Schleefs „Abschlussfeier“ ins frisch hergerichtete neue Alte Theater inszeniert. Da wird 1978 in Kühlungsborn das Ende eines Aufenthalts von französischen Jugendlichen in der DDR gefeiert.
Eigentlich geht es aber um den ernüchternden Blick auf sich selbst, den die Besucher bei den (nicht so ganz freiwillig) Daheimbleibenden provozieren. Da monologisieren die Heimleiterin, ihre viel jüngere Stellvertreterin und zwei Küchenkräfte über das Leben. Mit seiner Wärme, die beim notgedrungenen Zusammenrücken oder beim pragmatischen Umgang mit dem Unvollkommenen entstand. Und mit der Kälte, die aus dem Misstrauen erwuchs. Auch wenn das in der Rückschau vielleicht ein paar Mal zu oft und direkt beim seinem Stasi-Namen genannt wird, das Prinzip stimmt schon, nach dem was man heute so weiß.
Den Heimleiterinnen- und Stellvertreterinnen monolog und das Küchenfrauengeplänkel gibt es in der intimen Studio Bühne. Den unbeaufsichtig, enthüllenden Nach-Fete-Kater, inklusive heimlichem Westfernsehgucken im auf Jugendclub der Endziebziger getrimmten Foyer.
Und eine Abschiedsgaudi vor dem Theater mit etwas Ostseesand und einem Barkas draußen, mitten in der Dessauer Abendwirklichkeit von heute. Das ist nun auch durch Petras‘ raumgreifende und aufmotzende Inszenierung noch keine Tiefenanalyse der DDR, aber doch ein Blick auf einen Alltagsausschnitt, der vor allem durch die wunderbare Ursula Werner als Heimleiterin für sich einnimmt. Wie sie ihr Selbstbild vom zufriedenen Leben in der Andeutung von Gesten bricht, den Zweifel nicht zulässt, sich fügt, ohne sich aufzugeben, die Sympathie auf sich zieht – das ist ein Kabinettstück großer Schauspielkunst, das allein diesen Abend lohnt. Und doch spielt sie als Chefin weder ihre beiden herrlich weggedrückten Küchenhilfen (Christel Ortmann und Regual Steiner-Tomic), noch ihre nölig ehrgeizige Stellvertreterin Hilke Altefrohne oder die beiden Mädels Gisela (Julischka Eichel) und Gerda (Sabine Waibel) an die Wand. Da wird die Reise in die Internationale Jugendherberge zu einem herzerwärmenden Besuch einer hinreißend, jungen alten Dame.
Mit dem Lohengrin dann knüpfte das große Haus an die Dessauer Wagnertradition an (wovon Gottfried Wagners Vorgänger-Lohengrin, kurz nach der Wende, eher eine seitliche Eventarabeske war). Überm Bühnenportal prangt jetzt mit „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ eine „human coaching“ Losung, die einem im Laufe des Abends immer klarer und unheimlicher wird.
Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle haben Wagners Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um die Macht und auch die Frage, ob die Freiheit Brabants an der ungarischen Grenze verteidigt werden muss. Am Ende marschieren denn auch alle im Gleichschritt unter wehenden Fahnen im wahrsten Wortsinn rückwärts in den Krieg und nur Elsa entkommt dem triumphierenden Wahnsinn über den Zuschauerraum.
Hatten Katharina Wagner in Budapest in ihrem Wende – Lohengrin den 89er Bruch verarbeitet und Florian Lutz, in Gera-Altenburg, die Nachwende-Zeit im Osten Deutschlands thematisiert, so verlängert Moses dieses Lohengrin-Potential sozusagen in die drohende Zukunft einer durchmanipulierten, von nicht legitimierten Mächten gelenkten Gesellschaft. Ohne auf eine allzu direkte politische Metaphorik auszuweichen. „Du bist Brabant“ überm Traualtar und ein eher ironisches „Vertrauen in Deutschland“ über dem Brautgemach-Bungalow auf der ebenso ironischen Wolke Sieben reichen.
Es beginnt in einem Auditorium mit modernen, noch ziemlich individuellen, Zeitung lesenden, strickenden oder miteinander redenden Brabantern. Bei denen verlassen sich der König und sein Heerrufer nicht auf bedingungslose Gefolgschaft oder strategische Argumente. Sie haben einen Plan und der heißt Lohengrin. Der Superheld, der Strahlemann mit Charisma, der hochgepuschte Messias. Er wird installiert mit einem medialen Brimborium von Obamascher Perfektion, mit Schwanen-Auftritts-Video, Schaukampf und einer ganzen Truppe von ideologischen Hostessen, samt neuer Bibel mit aggressivem Schwanenlogo in der Geschenktüte.
Der Heerrufer ist hier dafür verantwortlich, dass Elsa, die sich diesmal tatsächlich so seltsam bewegt, wie sie redet, nicht aus der Rolle fällt. Als Telramund sie in aller Öffentlichkeit auffordert, das Frageverbot zu brechen, reicht ihr der Heerrufer schon mal sein Minidisplay mit dem Text zu. Bis eben auch sie im Brautgemacht nicht mehr „funktioniert“. Hier lässt Telramund schließlich auch Lohengrin auffliegen. Er hat einen Mitschnitt, auf dem man sieht, wie dieser Charismatiker für seinen „Auftrag Brabant“ abkassiert. Zusammen mit der ausgefeilten Personenführung ist das eine Enthüllungsstory mit Thriller-Qualitäten.
Schließlich ist es der gescheiterte Lohengrin, der den Strippenziehern eine Telefonnummer zusteckt, über die sie den Ersatz-Jungen (noch ziemlich „unfertig“ und mit Maske) aus dem Schnürboden einschweben lassen können. Da für diese Pointe das Wissen Lohengrins über Gottfrieds Verbleib Voraussetzung ist, gibt es auch die selten zu hörende zweite Strophe der Gralserzählung. Für die hat der junge neuseeländische Tenor Andrew Sritheran genügend Kraft. Die kleinen Angestrengtheiten lagen zum Glück vor dem „In fernem Land…“
Auch sonst bietet Dessau ein Ensemble von Sängerdarstellern auf, das sich hören und sehen lassen kann. So sind Iordanka Derilova und Ulf Paulsen, als Ortrud und Telramund, fulminant; Bettine Kampp eine so wunderbar klare wie neben sich stehende Elsa; Pavel Shmulevich als Heinrich ein stimmnobler, moderner Manager der Macht und der junge Heerrufer Wiard Witholt ein seiner Rolle als Coach Elsas in jeder Hinsicht gewachsener Strippenzieher! Die Spielfreude des aufgestockten Chores war allenthalben spürbar.
Nicht zuletzt überzeugte auch die Anhaltische Philharmonie. Obwohl das beim Vorspiel noch nicht so klar war, etliche Patzer dazwischenfunkten und Antony Hermus aus dem Hochzeits- einen Geschwindmarsch machte, der (vielleicht ja bewusst) mehr einer Parodie dieses Ohrwurms glich. Doch im Ganzen fand das Orchester überzeugend zu seinen Qualitäten, lieferte im dramatischen Auftrumpfen der Massenszenen das martialisch Enthüllende ebenso mit, wie dann doch noch die betörenden Gralsklänge. Damit ist Dessau ein spannender und lohnender Neustart gelungen.
Übrigens liegt das Anhaltische Theater zum Glück ja nicht in fernem Land…..
Nächste Vorstellungen: 22.11.; 27.12. 2009
www.anhaltisches-theater.de
14.10.2009, 12:08 | tags:
Spielzeit
, Pressestimmen
108
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Rosslau, 13.10.2009
Ödipus und die Gartenzwerge
Mathias Richling legt im Anhaltischen Theater Merkel auf die Matte und setzt Schäuble ins Pickellicht
Weil ein Mängelwesen nicht an Kastrationsangst leide, könne jenes Wesen an dieser Besorgnis auch nicht wachsen. Weil die Entweichgeschwindigkeit der Politiker höher sei als Lichtgeschwindigkeit, werde der Bundestag zum schwarzen Loch. Und wenn die Schubkarre röchelnd zur Bahre wird, stehen die Gartenzwerge längst auf der Bühne des Anhaltischen Theaters.
Mathias Richling war zu Gast in Dessau, im Anhaltischen Theater. "E = m x Richling²" heißt des Turbo-Schwaben nicht mehr ganz neues Programm, welches Tiefenpsychologie, theoretische Physik und das stattliche Image deutscher Gartenzwerge bemüht, um die Realpolitik des deutschen Staates, bzw. die personifizierten Erscheinungen der Macht zu karikieren. Natürlich aktualisiert Richling seine Auftritte jeweils auf ein Niveau in Nähe der Gegenwart.
Deutschland hat gewählt. Dementsprechend geht das Programm auch ein wenig träge an, obgleich Westerwelle ein gutes Stück Arbeit für Kabarettisten wird bieten können. Nach der Anrede sagt der FDP-Chef aus dem Munde Richlings, dass er das auch in Englisch hätte sagen können, sich aber schließlich selbst verstehen wolle.
Wer lacht, mag an den verprellten BBC-Reporter denken und an zukünftige Vier-Augen-Gespräche auf höchster diplomatischer Ebene. Wie kompliziert der Sprung über die Sprachbarriere sein kann, zeigt Richling später in romanhaften Übersetzungen Merkelscher Halbsätze mit russisch seelenvoller Sprachmelodie.
Dass Richling, der beinah zwei Stunden schwätzt und schwäbelt, merkelt oder sterbelt, auch Pofalla, also die gesammelte Saumseligkeit in Person, geben kann, reicht nicht dem "Generalsekret, äh Sekretär", sondern dem Kabarettisten zu hohem Ruhm. Richling bremst richtig gut.
Daher erlebt das Theater auch einen Schäuble, der über den Datenklau noch viel besser schäubelt als das Original. Spot auf den Spott, so eine Pickelbeleuchtung wirkt ja immer balladesk. "Rechts ist da, wo regiert wird", sagt Richling noch und belegt irgendwann echt vergehend und doch bleibend die Schubkarre, um sein Plädoyer für oder gegen die Sterbehilfe zu röcheln.
Wer hat schon Angst davor, keine Kastrationsangst haben zu können? Merkel sagt, sie hätte das Gefühl, dass hinter ihrem Rücken gelacht werde. Freud sagt reserviert wienerisch, sie fühle sich beobachtet, wie sie mit der Macht kopuliere. Merkel sagt vorgeblich empört: "Wie bitte" und, dass sie so was nicht einmal in der Ehe mache. Das Publikum sagt nichts und lacht.
Dann arbeitet Freud den Ödipuskompelx ab, bis er das wahre Geschlecht der Patientin erkennt, was zur allgemeinen Freude ein langes Weilchen und ein schräges Stück Therapie dauert. Am Ende bietet das hohe Staatsamt doch eine echte Ersatzbefriedigung, auch für Mängelwesen ohne Phallus. Das mag sich wie freudianischer Klischee-Klamauk lesen, was es in toto auch sein mag. Aber die Therapie und das verhaltene Rollenspiel sind doch recht unterhaltend bodenlospsychologisch.
Ohne große Maskerade geraten Richlings Parodien zu einem treffsicheren Reigen aus Hohn, Spott und Charakter. Köhler ist staatstragend und Einstein ergraut. "Zwei räumlich getrennte, gleichzeitig stattfindende Ereignisse fallen zeitlich immer auseinander. Das Volk arbeitet voll und die Regierung bietet Sozialleistungen in Hülle und Fülle." Dann werde das Volk arbeitslos und die Lichtjahre entfernte Regierung habe alle Sozialleistungen gestrichen.
Richlings Titelstück wendet die Relativitätstheorie speziell und allgemein auf das politische System an. Ganz exakt ist, dass er sie herzeigt: Unendlich nicht, aber in sich gekrümmt blökt unter wirrem Haar die Zunge.
05.10.2009, 15:53 | tags:
Lohengrin
, Pressestimmen
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Pressestimme zu »Lohengrin«
operello.blogspot.com vom 4.10.2009
Vorne Obama, hinten Berlusconi: Lohengrin als korrupter Politiker. Premiere in Dessau, 3.10.2009
Die interessanteste Erkenntnis des Abends war, dass Lohengrin eine romantische Oper mit einem enormen komischen Potenzial ist. Das hat uns die junge Regisseurin Andrea Moses gezeigt, in ihrer durchaus unterhaltsamen Produktion für das aufstrebende Anhaltische Theater Dessau. Die musikalische Leitung hatte Antony Hermus, der neue GMD: ein junger Holländer, offen fürs Neue, der mit viel Begeisterung das Beste aus der Anhaltischer Philharmonie herausholen will – und wird.
Freilich darf man nicht die absolute Klangperfektion erwarten, und keine Stars auf dem Besetzungsblatt suchen. Aber die Sänger in dieser Premiere konnten mit schauspielerischen Stärken die eine oder andere stimmliche Schwäche völlig kompensieren. Und einen in seiner Art unvergesslichen Lohengrin gestalten.
Die Geschichte geht so: in einem Plänarsaal wird der neue Regierungschef gewählt. Der erste Kandidat ist wahrscheinlich ein Sozialist: in grünlich-braunem Anzug hält Friedrich von Telramund (Ulf Paulsen)eine Rede am Pult. Die eigentliche Parteichefin ist wahrscheinlich seine Frau Ortrud (Iordanka Derilova): Platinblond, in rotem Kostüm und Lackpumps in Domina-Styl (sie wäre im italienischen Parlament mindestens so erfolgreich wie Cicciolina, oder, hätte sie ihr Busen gezeigt, hätte man diese Ortrud mit Moana Pozzi verwechseln können). Die andere Kandidatin ist allein, in weiß, und faltet aus einem Blatt einen Origami-Schwan zusammen: sie ist "entrückt", nimmt Pillen zu sich, läuft barfuß durch den Saal (Elsa von Brabant, Bettine Kampp). Der Präsident Heinrich der Vogler (Pavel Shmulevich) ist skeptisch über ihre Eignung als Machtinhaberin.
Aber eine unerwartete Unterstützung kommt zugeflogen: ein dunkelhäutiger Fremde, ein Yes-We-Can-Mensch aus der Wirtschaft, vielleicht der Besitzer einer Fluggesellschaft stürzt in den Saal, sein Logo mit dem Schwan thront auf Fähnchen, Gadgets, Liedbücher, Uniformen der Hostessen, ist überall zu sehen und wiederzuerkennen (aus Neuseeland, ein Bariton, der durch den Zauberstab von Marilyn Horn zu Tenor wurde: Andrew Sritheran als Lohengrin). Sein Auftritt ist von einem Werbespot begleitet. Woher er kommt, woher das ganze Geld kommt, das weiß kein Mensch. Das darf kein Mensch fragen. Vor allem Elsa nicht. Für den Moment reicht es, die neue Regierung zu feiern (wohlbemerkt: einer Woche nach der Wahl in Deutschland und dem unglaublichen Erfolg von Guido Westerwelle an der Seite der Kanzlerin Merkel...)
Zweiter Akt: Moana-Ortrud lässt nicht los, sie will ihre Macht zurückhaben. Sie inszeniert ein Selbstmord, um Ortruds Mitleid auszunutzen. Das Land bereitet sich für die Hochzeit der neuen Regierenden (Christian Wiehle, verantwortete Bühnenbild und Kostüme, und macht sich der spektakulären Bühnentechnik des Theaters Dessau zu Nutze: der Münster wird von der Hinterbühne in einer drehender Bewegung nach vorne gebracht: toll!). Die Versuche von Ortrud, die Koalition zu stürzen, sind allerdings erstmal vergeblich. Das Volk jubelt um seine Repräsentantin.
Der dritte Akt zeigt das frisch vermählte Paar in einem Moment weltentferntes, vorübergehendes Glücks: die "Camera degli Sposi" ist wie im Himmel. Jedoch Elsas Glück ist etwas betrügt. Sie versucht mit Whisky sich zu kräftigen, ihren Mann zu schwächen, um herauszufinden wer er eigentlich ist. Sie ahnt etwas....Die Vergangenheit ihre Mannes wird ein einer Videoaufnahme klar: er hat die Opposition bestocken! Schmutzige Affären à la Berlusconi verdankt dieser Obama sein Erfolg! Akute Krise, prompte Lösung. Friedrich, der mögliche Anklager, wird getötet. Volksversammlung auf dem Platz, die ganze Presse ist da, die Stunde der Wahrheit schlägt. Die große Erzählung von Montsalvat, Graal und Parsival und die Offenbarung des Namen Lohengrin wird obrigskeitshörig von allen hingenommen und ist gleichzeitig der Rücktritt des nationalen Leader. An seiner Stelle tritt, von Himmel kommend, der Bruder von Elsa: er trägt die Maske der Unschuldigkeit, sein Outfit macht deutlich, dass er eigentlich eine Puppe in den Händen eines mächtigeren Entscheidungsträger ist. Zur großen Freude Ortruds bleibt Elsa einfach von den neuen Machtverhältnisses ausgeschlossen. Das Volk dreht ihr den Rücken, sie bleibt draußen stehen. Vorhang.
Tobender Applaus, wilde Buhs! Neben mir saß Operella, buhte das Regieteam vehement aus, und bemängelte später bei mir ein so dummes Regiekonzept, bei dem die religiöse Komponente einfach ignoriert wird, und die Vertreter des Bösen wie allen anderen sind. Und ich staune über die Dummheit von Operella, die nicht merkt, dass wir ein wirklichkeitsnahe Bild der heutigen Gesellschaft gesehen haben. So wenig ich von Regietheater auch halte, war sie Aufführung dank dieser Entrückung der Geschichte absolut interessant, unterhaltsam und manchmal richtig lustig. Wann hat man schon in Lohengrin gelacht? Gelacht über komischen Zustände und Armseligkeiten der heutigen Politik. Andrea Moses hat die grenze zwischen Satire und Dilettantismus nie überschritten. In keinem Moment schien das Geschen auf der Bühne als forciert und gezwungen. Und das lenkte natürlich von den stimmlichen (und hier und da musikalischen) Ungereimheiten des Abends ab. Die Geschichte von Lohengrin kann man auch so lesen. Und die Reise nach Dessau hat sich auf jeden Fall gelohnt.
Operello wünscht dem Anhaltischen Theater alles Gute für seine 215. Saison und sagt auf Wiedersehen! (Auf dem Spielplan 09-10: Candide und Die Stumme von Portici)
05.10.2009, 15:49 | tags:
Lohengrin
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93
Pressestimme zu »Lohengrin«
klassik.com von 04.10.2009
Regisseurin Andrea Moses zeigt Polit-Lohengrin
Gralsritter als Obama-Double
Beginn einer neuen Opernära in Sachsen-Anhalt
Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet im Anhaltischen Theater Dessau – diesem grandiosen Nazi-Klotz von 1938 mit der außergewöhnlichen Bühnentechnik und Akustik – eine der besten und unterhaltsamsten 'Lohengrin’-Aufführungen geben würde, die ich je live gesehen habe? (Ich nicht.) Entsprechend war ich überaus überrascht von dieser in jeder Sekunde intelligenten, durchdachten und bis ins kleinste Detail brillant exekutierten Wagner-Aufführung. Dass sie solchen Eindruck machte, lag an vier Dingen. Zuerst: Der neue GMD des Hauses, Antony Hermus, schaffte es, die Monsterpartitur mit der nötigen Wucht zu stemmen und stets im Fluss zu halten, aber gleichzeitig niemals die Sänger zu überdecken, selbst beim gleißendsten Muskelspiel. (In der Tat - ein Wunder, denkt man etwa an Barenboims ohrenbetäubenden 'Lohengrin’ kürzlich in Berlin.) Hermus trägt seine Solisten wie auf Händen, zwingt sie nie zum Forcieren und lässt wundersam lyrische Momente zu, die aber die Knalleffekte nicht ausschließen. Zudem spielt die Anhaltische Philharmonie unter seiner Leitung grandios auf. Natürlich haben Luxusklangkörper aus Wien, Berlin oder Amsterdam mehr Glanz und Glitzer im Sound, aber für die erste gemeinsame Arbeit von GMD und Orchesters war dieser 'Lohengrin’ eine außerordentliche, und zwar eine außerordentlich vielversprechende Leistung, auch was die Koordination der verschiedenen Klangkörper im Saal, hinter der Bühne, der Chormassen vor, neben, hinter den Kulissen und der vielen Solisten angeht. Bravissimo!
Dann war die Regie der neuen Oberspielleiterin des Hauses, Andrea Moses, trotz der (überflüssigen) Aktualisierung ins Zeitgenössisch-Politische - mit Lohengrin als Obama und Brabant als eine Art Deutscher Bundestag - eine überzeugende Arbeit, die besonders wegen der punktgenauen Personenführung und der vielen durchdachten Details beeindruckte. Da Christian Wiehle dazu eine Bühne gebaut hat, die die volle Tiefe und Weite der Riesenbühne nutzt, gelangen einige atemberaubende Verwandlungen, etwa wenn im 2. Aufzug die Kirche von ganz hinten langsam nach vorn fährt und sich dabei (mit Chor) einmal um die eigene Achse dreht. Auch die Hochzeitsnacht in einem schwebenden Pavillon mit Wolken-Projektion auf der Rückwand war eindrucksvoll – vom hereinschwebenden Knaben Gottfried (als Mini-Lohengrin, nachdem er von den Gralsrittern einer Gehirnwäsche unterzogen worden war und nun nur noch eine Politik-Marionette ist) ganz zu schweigen. Da ich zuletzt nur Inszenierungen gesehen habe, wo (bei Pierre Audi in Amsterdam und Kirsten Harms in Berlin) schlicht keine Personenregie vorkam, war es eine Offenbarung, in Dessau zu erleben, wie viel gut geführte, spielfreudige Solisten ausmachen, selbst wenn sie nicht über optimale Wagner-Stimmen verfügen.
Dann ist der von Helmut Sonne perfekt einstudierte Chor, Kinderchor und Extrachor als Erfolgsgarant zu nennen und – last but not least – ein Sängerteam, das sich mit spürbarer Leidenschaft in dieses Interpretationsabenteuer stürzt. Vor allem die leicht ‚entrückte’ Elsa von Bettine Kampp muss da erwähnt werden. Wie sie die Jungfrau als Gaga-Politikerfrau im Jacky Kennedy Outfit (ganz in weiß und mit Sonnenbrille) darstellt, bei der man nie weiß, ob sie einem in ihrer Tollpatschigkeit und/oder Besoffenheit Leid tun soll oder ob sie verrückt ist und lächerlich, das war toll. (Auch wie sie Lohengrin am Ende seine ‚Bibel’ mit dem neuen Politikprogramm vor die Füße wirft, vor der Gralserzählung.) Vokal allerdings war Kampp uneben, da sie ihre schöne lyrische Stimme unnötigerweise abdunkelt und an Stellen dramatischer macht, als ihr gut tut. Das wäre gar nicht nötig, weil Antony Hermus das Orchester immer zügelt. Eine mit reinen Belcanto-Mitteln und Vokalen gestaltete Elsa ist hörbar möglich für Kampp. Sie müsste es nur wollen... und sich trauen. (Statt Elektra und Brünnhilde mit einer – im Grunde – Rosalinden-Stimme zu singen.) Spielerisch und teils auch vokal eindrucksvoll waren der agile Ulf Paulsen aus sexy Telramund-mit-Aktenkoffer-und-Vollbart und Iordanka Derilova als Ortrud-Vamp in Knallrot, High Heels und mit auftrumpfenden hochdramatischen Höhen. Pavel Shmulevich als kleinwüchsiger, kernig singender König Heinrich wurde von der Regie mit seiner Körpergröße kongenial ins Regiekonzept eingebaut, ebenso wie Wiard Withold ein überraschend aktiver und hintergründiger Heerrufer war. Normalerweise tut der ja kaum mehr als sein Rollenname verlangt, Withold und Moser machen aus ihm aber einen zwielichtigen Strippenzieher in dieser Politikfarce/tragödie, bei dem man nie weiß, ob er so unschuldig Bubihaft ist, wie er aussieht, oder ob sich da Abgründe auftun, von denen man lieber nichts wissen will. Da ich Withold seit seiner Amsterdamer Zeit nicht mehr gehört hatte, war ich überrascht, wie fabelhaft er sich stimmlich aber vor allem darstellerisch entwickelt hat. (Er ist neues Ensemblemitglied in Dessau und wird noch an weiteren Premieren diese Saison beteiligt sein.)
Wirklich problematisch war für mich lediglich der dunkelhäutige Lohengrin des Neuseeländers Andrew Sritheran. Nicht optisch, denn er sieht aus wie der perfekte geleckte Politik-Playboy und spielt überzeugend, um nicht zu sagen: einnehmend. Aber er hat mit der Partie hörbare Probleme. Sie liegt ihm nicht gut in der baritonal timbrierten Stimme bzw. er forciert seine Stimme schon beim ersten Auftritt ('Mein lieber Schwan’) so, dass man bangt, ob er das bis zum Ende durchhält. In der Brautnachts-Szene bleibt ihm dann tatsächlich mehrmals die Stimme weg, die ungekürzte Gralserzählung mit zwei Strophen schafft er nur mit eiserner Willenskraft und Technik. Vielleicht war das der Nervosität des Rollendebüts geschuldet und gelingen die Folgevorstellungen entspannter – und stimmlich lockerer? Es wäre ihm und dem Publikum zu wünschen.
Das voll besetzte Haus reagierte auf die musikalische Leistung des Abends mit frenetischem Applaus, besonders für Hermus, Kampp und Withold. Das Regieteam musste einige heftige Buhs einstecken, die aber sofort – schon bei den Aktschlüssen – von ebenso vehementen Bravos gekontert wurden. In Dessau hat offensichtlich eine neue Ära begonnen. Und wenn diese erste Premiere unter neuer Intendanz und mit neuem GMD ein Gradmesser ist, dann darf man auf spannende Zeiten in Sachsen-Anhalt gefasst sein. Immerhin wird Antony Hermus diese Spielzeit noch 'Die Stumme von Portici’ leiten, eine Grand Opéra von Auber, die ihm sicherlich nochmals überregionales Interesse bescheren wird. (Eine CD- und mögliche DVD-Produktion sind geplant.) Bis dahin kann ich nur allen verzweifelten Großstadt-Opernfreunden empfehlen, sich diesen so restlos unterhaltenden und vielfach befriedigenden 'Lohengrin’ in Dessau anzugucken. Vielleicht erlebt man das Regieteam und den Dirigenten bald auch mal in Berlin, zur Hebung des hiesigen Niveaus? (Jedenfalls war fast die gesamte Berliner Kritikergilde nach Dessau zur Premiere gereist - sicher nicht ohne Grund.)
05.10.2009, 15:39 | tags:
Lohengrin
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Pressestimme zu »Lohengrin«
www.opernetz.de vom 4.10.2009
von Axel Göritz
Polit-Thriller im Pop-Zeitalter
Kein in Silberrüstung glänzender Ritter und Retter, stattdessen in Machtkämpfe verstrickte Politiker mit Laptop und Handy - die neue Leitung in Dessau wagt mit der Eröffnungspremiere des Lohengrin den Bruch mit der Vergangenheit der sogenannten werkgetreuen Wagner-Inszenierungen.
Statt auf brabantischem Felde sind wir während eines Parteitages in einem halbrunden, leicht ansteigenden Kongress- oder Plenarsaal, die Delegierten dösen trotz der Übertragung der Redner auf eine Großbildleinwand vor sich hin, bis einer der Machtpolitiker (Telramund) massiven Streit vom Zaune bricht und die Gegenseite übelst beschuldigt. Der Präsident (König Heinrich) versucht zu beschwichtigen, auszugleichen, gibt sich aber dem ersehnten und wie durch Zauberhand des naiven Girlies Elsa plötzlich auftauchenden Retter Lohengrin geschlagen, der mit seinem inszenierten Einzug in den Saal die Massen nicht zuletzt dank seines Slap-Stick-Videos mit dem Schwan mitreißt.
Die unbedarfte Elsa, die mehr aus Zufall denn aus Absicht in das Politikgetümmel geraten ist, himmelt ihren und des Landes Retter quotentauglich an - ein neuer Politstar ist geboren und wird mit Konfetti, Luftballons und den sich im Takt der Musik wiegenden, mit den Fingern schnippenden Delegierten enthusiastisch als Heilsbringer gefeiert. Dieses Konzept ist zwar nicht der traditionelle Lohengrin, aber es passt, es stülpt der Oper nicht etwas Fremdes über und zwängt es nicht in ein aufgesetztes neues Raster (wie zuletzt der Puppen- und Marionetten-Lohengrin von Stefan Herheim in Berlin oder Lohengrin als Zimmermann und Häuslebauer in der Regie von Richard Jones in München), sondern bleibt sehr nahe am Text, übersetzt ihn lediglich in moderne, heutige Bilder. Zum Schluss des ersten Aktes großer, einhelliger Beifall.
Auch im zweiten Akt mit der dramatischen Auseinandersetzung und der Intrige des bösen Paares Ortrud und Telramund hat Regisseurin und Oberspielleiterin Andrea Moses der Handlung und den Darstellern alles sonst übliche opernhafte Pathos so weit wie möglich ausgetrieben. Gezeigt wird eher ein Polit-Thriller im Pop-Zeitalter, mit den dazu passenden emotionalen, auch überdrehten und für ein Massenpublikum inszenierten Höhepunkten. Beeindruckend die glänzende Personenregie, so die drastisch gezeigte Hörigkeit Telramunds gegenüber Ortrud, der nicht nur singende, sondern darstellerisch höchst präsente Chor, oder die anrührende Szene, als Elsa der vermeintlich verweinten Ortrud die Tränen aus dem Gesicht wischt und deren Make up wieder auffrischt. Als kleine sinnfällige Bühnenzauberei entpuppt sich das Hochzeitsbild (Bühne und Kostüme: Christian Wiehle), in dem sich ein übergroßes Kirchenfenster auf der Drehbühne zum Chorraum für die Trauungszeremonie wandelt. Als dann aber bei dieser für die bunten Blätter inszenierten Hochzeit im Blitzlichtgewitter Telramund seine neuen Anschuldigungen in einer Art Schwanen-Ballettröckchen über die Bühne tippelnd vorbringt, war das für manchen Zuschauer denn doch zuviel an Pop-Lustigkeit und hintergründiger Ironie. Neben erneutem Beifall auch deutliche Buhs zum Aktschluss.
Der dritte Teil mit dem Brautgemach und der alles zunichte machenden Frage nach dem Woher des unbekannten Retters schließt sich mit präziser Personenführung zunächst nahtlos an - so ist etwa Elsa mehr in ihr Hochzeitskleid als in den großen Namenlosen verliebt, entzieht sich ihm, macht ihre Distanz deutlich - dann aber übernimmt sich die Regie mit ihren politischen Anspielungen. In einem wackligen Video erscheinen in undurchsichtigen Gängen und Zimmern Lohengrin und König Heinrich, es tauchen Koffer auf, Briefumschläge wechseln die Besitzer. Lohengrin vom König geschmiert, auch nur einer der windigen, bestechlichen Politiker, der Heilsbringer von Telramund entlarvt? Oder umgekehrt? Da bleibt zu viel unklar, hier überdreht die Inszenierung ihr Konzept, wird unglaubwürdig. Zu platt dann auch der Schluss, als sich die Menge nicht mehr locker zur Musik wiegt, sondern vor dem neuen Herrscher Gottfried und über dem regelrecht in der Versenkung verschwundenen Lohengrin im Gleichschritt paradiert. Buhgewitter.
Die Darsteller haben ausnahmslos bewundernswert agil gespielt, das war über weite Strecken eher gutes Schauspiel-Theater statt tradierte Opernkonvention mit Stand- und Spielbein. Am rollengerechtesten besetzt und voll überzeugend in Stimme und Spiel war der prägnante Heldenbariton des Telramund von Ulf Paulsen. Für seine Frau Ortrud besitzt Iordanka Derilova zwar einen machtvoll strömenden hochdramatischen Sopran, für diese Rolle aber müsste sie noch mehr in das tiefere, abgründigere und teuflische ihrer Stimme investieren. Der kraftvolle König Heinrich war bei Pavel Shmulevich in guten Händen, ebenso wie der Heerrufer bei Wiard Witholt. Bettine Kampp setzte das atypische Rollenkonzept eines kleinen verwirrten, naiven Mädchens, das sich plötzlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses findet und erst mit der Zeit zur eigenständigen Frau heranreift, gekonnt um. Ihr runder, voller, nicht allzu großer Sopran überzeugte vor allem in der Mittellage. Der Titelheld, Andrew Sritheran, verfügt über einen jugendlichen, baritonal gefärbten Heldentenor, der aber bei den mit der Lohengrin-Rolle verbundenen hohen Stimmlagen wohl doch überfordert ist und zum Ende hin auch einbrach. Dies ist nicht sein Stimmfach. Der Chor unter Helmut Sonne zeigte sich in seiner großen Partie bestens aufgelegt.
Der neue Generalmusikdirektor Antony Hermus begann mit dem ersten Vorspiel etwas verhalten, übte mit der Anhaltischen Philharmonie auch eine dezente Zurückhaltung in der Sängerbegleitung und gewann erst im Laufe des Abends mit dem Orchester eigenständiges Profil. Das recht forsch genommene Vorspiel zum dritten Akt offenbarte allerdings auch Defizite im Orchester, das sich durchaus als ein traditionsreiches Wagner-Ensemble versteht, das auch schon als „Bayreuth des Nordens“ gefeiert wurde.
Das erwartungsvoll gespannte Publikum feierte die musikalische Seite einhellig. Alle Sänger (der Lohengrin etwas weniger) wurden mit großem Beifall bedacht, ebenso das Orchester und der Dirigent. Beim Regieteam hielten sich Bravo-Beifall und Buh-Rufe in etwa die Waage.