10.03.2010, 12:57 | tags: Schauspiel, Theaterpädagogik | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 10.03.2010
Anhaltisches Theater kooperiert mit dem Anhaltischen Berufsschulzentrum Dessau „Hugo Junkers“
Einen großen Deckenventilator übergaben heute die Schüler des Anhaltischen Berufsschulzentrums Dessau „Hugo Junkers“ im Beisein ihrer Ausbilder und Lehrer dem Bühnenbildner Toto, der das Bühnenbild und die Kostüme zur Schauspielinszenierung „Des Teufels General“ entworfen hat.
Bühnenbildner Toto und Imme Heiligendorff / Theaterpädagogin dankten den Schülern für ihre geleistete Arbeit und luden diese herzlich in weitere Proben sowie in die Premiere am 26. März, um 19:30 Uhr im Großen Haus des Anhaltischen Theater ein. Obwohl viele der Schüler sicher nicht regelmäßig ins Theater gehen, waren sie stolz auf ihre Mitarbeit und schauten sich mit neugierigen Blicken im Theater um.
Bühnenbildner Toto berichtete über den historischen Hintergrund zum Stück, für ihn sei es spannend, ein Fliegerstück in Dessau direkt vor den Toren der ehemaligen „Hugo Junkers“ Werke auf die Bühne zu bringen.
Die Lehrer des Berufsschulzentrum dankten dem Beruflichen Aus- und Vorbereitungswerk gGmbH Dessau (BAVW), welche das Berufsschulzentrum bei der Anfertigung des Ventilators unterstützte sowie dem Technikmuseum „Hugo Junkers“, das Flugzeugmodelle, eine Beratung und das Archiv den Schülern zur Verfügung stellte.
Neben dem Ventilator arbeiteten die Schüler aber auch am Bodentuch für die Inszenierung mit und betonten, so eine große Fläche zu bemalen, sei für sie besonders schön gewesen. Sie konnten erfahren, welche speziellen Anforderungen es für den Dekorationsbau am Theater gibt, gewannen einen Einblick in die Arbeit des Theatermalers und erlebten, wie sich ihr Produkt in das Bühnenbild des Theaters und schließlich in die Inszenierung einfügt.
08.03.2010, 14:48 | tags: Schauspiel, Kurt-Weill-Fest | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 03.03.2010
Ein leichtsinniger wie schwermütiger Abend
Theater bringt „Mein wildes Herz in deiner Ruh“ zum Weill-Fest.
Vom seltsamen Spiel der Liebe könnten sie mehr als nur ein Lied singen, die Claire und der George - wenn nur Joe zu finden wäre, ihr leicht derangierter und schwer desillusionierter Pianist. Als sie den Musiker schließlich hinter seiner Zeitung hervorgelockt haben, beginnen auch die Stimulanzien zu wirken: der Duft der Rose und der Geschmack des Champagners, die für einen Abend unter dem Motto „Mein wildes Herz in deiner Ruh“ so unerlässlich scheinen wie die Songs von Kurt Weill und Paul Dessau, Kurt Schwaen und Hanns Eisler.
Es war ein wunderbares Geschenk des Anhaltischen Theaters zum Kurt-Weill-Fest, das da am Sonntagabend erstmals über die Bauhaus-Bühne ging - ein ebenso leichtsinniger wie schwermütiger Abend, der vom Erreichen wie vom Verfehlen des zweisamen Glücks erzählte und dabei wie selbstverständlich die neue Allianz der Dessauer Kultur-Leuchttürme bekräftigte. In Matthieu Svetchine und Antje Weber hat der Dramaturg Holger Kuhla Protagonisten gefunden, denen die doppelte Travestie bestens zu Gesicht steht.
Da ist einerseits der sentimentale, nah am Wasser gebaute Kerl im Abendkleid, der die „Erinnerung an die Marie A.“ so hemmungslos zu schmachten weiß wie den „Surabaya-Johnny“. Und da steht andererseits eine scharf gescheitelte Dame mit Zylinder und Schnauzbart, die „Baals Lied“ und das „Wie man sich bettet“ als energische Widerrede gegen falsche Illusionen begreift. Daniel Carlberg steht den beiden Schauspielern, die ihre Masken im Laufe des Abends fallen lassen, mit den Liedern von der großen Kapitulation und von der belebenden Wirkung des Geldes treu zur Seite - und trägt sie als Pianist auf Händen durch ihre Songs.
Die Weisheit dieses Abends, der schon dank des bürgerlichen Teppichs auf dem Bauhaus-Boden wie ein kalkuliertes Sakrileg wirkt, liegt in dem rasanten Wechsel zwischen dem Rohen und dem Zarten: Dass dem Dichter Bertolt Brecht pornografische Texte wie „Sauna und Beischlaf“ ebenso selbstverständlich von der Hand gingen wie das wunderbare Gleichnis von den Kranichen, kann man beim Fest zu Ehren seines Komponisten-Kollegen Weill nicht oft genug betonen - schließlich war auch im Werk dieses Künstlers das Fleisch so wichtig wie der Geist.
Dass am Ende dieser klugen Revue über die trügerischen Emotionen ein Mond über der Stadt hing, wie er auch in Bilbao und Alabama nicht schöner zu haben ist, wirkte wie ein himmlischer Gruß an die irrenden Irdischen - „Es war das Schönste auf der Welt!“.
01.03.2010, 14:27 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 01.03.2010
Neue Folge des Kultstücks von Gerald Fiedler
Der letzte Einruf!!! [Folge 2] Des Teufels General
Am 3. März um 19 Uhr im Foyer des Alten Theaters wartet Gerald Fiedler mit einer neuen Folge von „Der letzte Einruf!!! auf. In dieser geht es um die Schauspielinszenierung "Des Teufels General" von Carl Zuckmayer, die am 26. März auf der Großen Bühne Premiere haben wird. Fiedler, als aktueller Amtsinhaber Leo Polte VIII. wird strikt aus der Sicht der Poltes das Stück beschreiben und in einer musikalischen Zusammenfassung vorstellen.
Darüber hinaus wird er ein weiteres Kapitel seiner Familienchronik aufgeschlagen, denn die Verhältnisse der Familie zu Carl Zuckmayer waren äußerst vielfältig. Mit der nächsten Folge führt Leo Polte VIII. auch eine Neuerung ein: seine prominenten Gäste wird er bereits im Vorfeld bekannt geben. Damit hat das Publikum die Chance, vor der Vorstellung eigene Fragen an den Gast zu notieren, die Leo Polte VIII. in der Show an den Gast richtet.
Am 3. März wird der Schauspieler Jan Kersjes erwartet, der seit Beginn der neuen Spielzeit fest zum Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters gehört.
Erleben Sie einen garantiert heiter, komischen Abend mit Gerald Fiedler, Jan Kersjes als Gast und viel Musik. Am Klavier: Stefan Neubert
Nächste Vorstellungen: 03., 21. und 25. März 2010, jeweils um 19:30 Uhr im Alten Theater/ Foyer
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
24.02.2010, 11:13 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 24.02.2010
Premiere „Mein wildes Herz in Deine Ruh“
Eine besungene Herzzerreißung mit Songs von Kurt Weill, Paul Dessau, Rudolf Wagner-Régeny, Hanns Eisler, und Texten Bertolt Brechts.
Am 28. Februar um 19:30 Uhr lädt das Anhaltische Theater ins Bauhaus zur Premiere
„Mein wildes Herz in Deine Ruh“ ein.
...furchtbar schmutzig ist die Liebe und so schön ist sie, wir hassen sie und brauchen sie so sehr...und fürchten sie und lieben sie noch viel mehr...
Claire und George aus Chicago haben es satt. Dieses ewig gleiche Auf und Ab durch alle Betten dieser Welt, stets himmelhoch rauschend, zu Tode betrübt. Denn die Lust und der Liebesfrust hat sie ausgelaugt! Wie gnadenlos gefährlich die Liebe in Wirklichkeit ist, haben sie am eigenen Leib erleiden müssen.
Doch jetzt ist Schluss und Claire und George wissen nach all den schmerzlichen Jahren: Die Liebe ist ein Dreck, eine böse Krankheit die man bekämpfen muss und vor der es lauthals zu warnen gilt!
Also sind sie losgezogen, zwei Aufklärer aus dem fernen Chicago, einen stets betrunkenen Barpianisten im Schlepptau, um uns die Augen und Ohren über die wahren Folgen körperlich-herzlicher Liebe zu öffnen.
In George und Claires Herzzerreißung wird gewarnt, aufgeklärt, atemberaubend gesungen, geklagt und weltberühmte Songs wie die „Zuhälterballade“; den „Barbara-Song“; das „Lied von Surabaya-Johnny“; die „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ zu hören sein.
Musikalische Leitung und Klavier: Daniel Carlberg
Inszenierung: Holger Kuhla
Es singen & spielen: Antje Weber, Matthieu Svetchine und Daniel Carlberg
Premiere: 28.02.2010, um 19:30 Uhr im Bauhaus
Weitere Vorstellungen: 3.3., 19:30 Uhr Wittenberg/ Best Western Hotel - Tickets über: Informations- u. Kartenservice des Kurt Weill Festes: 01805 564564 |
7.3., 1.4., 14.4, jeweils um 19:30 Uhr im Alten Theater/ Foyer
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
19.02.2010, 14:14 | tags: Schauspiel, Neue Formate | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 19.02.2010
Neue Folge von „Die Nacht, die Lichter“
Bei der ersten Folge des neuen Clubformats „Die Nacht, die Lichter“ wurde bis drei Uhr morgens mit Begeisterung getanzt. So soll es weitergehen! Bei der neuen Veranstaltungsreihe trifft Literatur auf Musik und Tanz, ein zwangloses Club-Format mit Bar-Atmosphäre, bei dem das Foyer des Alten Theaters ein Anziehungspunkt für Nachtschwärmer wird.
In der nächsten Folge, am 20. Februar, um 21 Uhr, im Foyer des Alten Theaters lesen zu Beginn des Abends die Schauspielerinnen Susanne Hessel, Ines Schiller und Antje Weber Ausschnitte aus Stücken von Kultautor René Pollesch, einem der bedeutendsten Dramatiker der Gegenwart, über den TV-Star und Theaterfan Harald Schmidt sagt:
„Großartig, wie er philosophische Theorien ins Schauspiel einbringt – und das nicht akademisch trocken, sondern mit absolut theatralischen Mitteln, mit Slapstick, Boulevard und Melodram.“
Die Musik mixt ein Überraschungs-DJ, Tanzen ist ausdrücklich erwünscht.
Tickets zu 3,- EURO erhalten Sie unter:Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 UhrTheaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 UhrMail: kasse@anhaltisches-theater.de
19.02.2010, 11:25 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung Anhaltisches Theater Dessau, 19.02.2010
„Kaspar Häuser Meer“ - Drei Sozialarbeiterinnen kommen ins Schleudern
Am 23. und 24. Februar, jeweils um 19:30 Uhr wird das Erfolgsstück von Felicia Zeller „Kaspar Häuser Meer“ wieder im Studio des Alten Theaters gezeigt.
Die 35-jährige Autorin sollte für das Theater Freiburg ein Stück über Kindsvernachlässigung schreiben und näherte sich dem Thema sehr klug und raffiniert aus der Perspektive dreier Sozialarbeiterinnen. Diese drei Sozialarbeiterinnen vom Jugendamt kommen ins Schleudern.
Ihr Mitarbeiter Björn ließ sie im Stich. Er ist ausgebrannt, fällt wegen eines Burn-Out-Syndroms für unbestimmte Zeit aus und hinterlässt ihnen einen regelrechten Haufen ungelöster „Fälle“ und unerledigter Arbeit.
In einer rasanten, sprachmächtigen und sprachohnmächtigen Auflehnung gegen die Umstände und Überforderungen ihrer Arbeitswelt reden sich die drei Frauen ihre Nöte vom Leib und versuchen sich aus dem Gefängnis ihrer alltäglichen Zwänge zu befreien.
Der erst 24-jährige Regisseur David Ortmann gab mit dieser beeindruckenden Produktion sein Regie-Debüt am Anhaltischen Theater.
Mit: Eva Marianne Berger, Susanne Hessel und Regula Steiner-Tomič
Bühnenmusik: Hans Rotman (Intendant IMPULS Festival für Neue Musik)
Tickets und Informationen erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
17.02.2010, 17:53 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 15.02.2010
Vom Souterrain im Bauhaus auf das Dach der Welt
Schauspieler Uwe Fischer erweckt „Milarepa“ von Eric-Emmanuel Schmitt im Bauhaus- Heizungskeller.
Er war Nagetier, Maus oder Ratte, Libellenspucke, Eiterpustel, mit Verlaub ein „arschgesichtiges Stück Scheiße“. Nun sitzt Simon im Heizungskeller des Weltkulturerbes und schmaucht den Qualm der Wiedergeburt, raucht wie die Frau im Café in Montmartre, die sich an seinen Tisch setzte, das angebissene Croissant aus seiner Hand nahm, es wie selbstverständlich aufaß und ihm dartat, dass er Swastika sei. Swastika kreiselt seit Jahrhunderten im Rad der Reinkarnation, rotierend um den Hass auf seinen Neffen. Erst wenn er dessen Geschichte, die Geschichte des großen Yogi Milarepa hunderttausend Mal erzählt habe, könne er frei sein.
Zum ersten Mal erzählte am Freitag Uwe Fischer die Geschichte des Bestseller-Autors Eric-Emmanuel Schmitt zur Schauspielpremiere des Anhaltischen Theaters im Bauhaus. „Milarepa“ gehört wie „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ zum „Zyklus des Unsichtbaren“. Andrea Moses hat den Monolog inszeniert. Ein Bühnenbildner wurde nicht verpflichtet. Und siehe, der Keller gibt würdig alle Orte. Dass es so selbstverständlich vom Souterrain aufs Dach der Welt geht, ist vor allem Fischers Verdienst. Mit seinen rasend fauchenden, ironisch gebrochenen, elegisch einfühlsamen Seelenwanderungen häufelt er sich hier einen ganzen Batzen guten Schauspieler-Karmas an. Aber was ist eine Figur mehr als eine Geste, eine Stimmlage, ein Augenaufschlag, wenn das Ich nur „ein Gepäckstück mit Gewohnheiten und Reflexen“ vorstellt?
Simon, die französische Reinkarnation Swastikas, träumt jede Nacht einen unsäglichen Hass. Die Frau, die das angebissene Croissant aß, deutet den Traum. Der Traum vermengt sich mit der Realität, Simon mit Swastika, der, habgierig und gekränkt durch wohlhabendes Mitleid, den Neffen Milarepa als Vormund um sein Erbe prellte. Milarepa verschrieb sich der schwarzen Magie, rächte sich mit rossigen Stuten, nahm dem Onkel die Söhne und den Besitz, stürzte das Dorf ins Verderben. Der Onkel kam wieder zu einigem Wohlstand, behielt den Hass. Der Neffe wechselte den Kurs, bestieg das Diamantfahrzeug des tibetischen Buddhismus.
Marpa, der Übersetzer, ließ Milarepa hart, zynisch und väterlich büßen, bevor er ihn einweihte, einmauerte zur elfmonatigen Meditation. Auf den Weg gebracht, erreichte Milarepa das Ziel, als ihm, dem Einsiedler, das irdene Gefäß, in dem er seine Nesseln kochte, zersprang. Nun blieb ihm nichts mehr, also alles. Swastika, der in Angst vor dem Tod als Räuber allen Besitzes und im ewigen Hass auf den Neffen starb, musste sterbend erkennen, dass Milarepa „mit seinen unter wächserner Haut hervorstehenden Knochen, die Glückseligkeit gefunden hatte“. Schmitts Schrift ist ein beschleunigter Aufriss der im 15. Jahrhundert verfassten Lebensgeschichte des im 11. Jahrhundert in Tibet lebenden Lehrers Milarepa, versehen mit einem kleinen Rahmen, dem Croissant und der Reinkarnation. Bald märchenhafter Krimi, bald gleichnishafte Lehre bietet Schmitt Hochgeschwindigkeits-Buddhismus, der einem mit dem kurzweiligen Atem des Nichts die eilende Frage nach dem Menschsein und einige wahrlich weise Bonmots um die Ohren pustet.
Die elfmonatige Meditation dauert auch nur eine groß geschriebene kleine Seite des dünnen Buches, das man flott im Stehen lesen kann. Aber noch unterhaltsamer ist es, im Heizungskeller zu sitzen und Uwe Fischers gesammelten Seelenwanderungen beizuwohnen. Der kippelt sich standfest durch die Reinkarnationen, hasst, wie „schwarze brodelnde Milch“ überkocht, rächt, wie rossige Stuten verkehren, und verkauft ewige Meditationen nebst versöhnlichen Weltweisheiten buddhistischer Provenienz ganz ehrlich im Minutentakt. Das ist Buddhismus mit Biss, cross wie ein Croissant, das einem eine fremde Frau in einem Café in Montmartre wegisst.
Nächste Vorstellung am 5. April im Bauhaus-Heizungskeller.
05.02.2010, 14:51 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 05.02.2010
DAS SCHAUSPIEL GEHT AN UNGEWÖHNLICHE ORTE
Premiere „Milarepa“ – Stück von Eric-Emmanuel Schmitt
Das Anhaltische Theater lädt am 12. Februar 2010 um 19:30 Uhr zu einer weiteren Premiere im Schauspiel ein.
Andrea Moses inszeniert einen Monolog des französischen Kult-Autors Eric-Emmanuel Schmitt im ehemaligen Heizungskeller des Bauhaus Dessau MILAREPA - Erster Teil des „Cycle de l'invisible“.
Simon träumt jede Nacht denselben Traum. Zu diesem Traum liefert ihm eine geheimnisvolle Frau den Schlüssel: Er, Simon, sei die Reinkarnation des Onkels von Milarepa.
Milarepa war ein berühmter tibetanischer Einsiedler. Der Onkel hatte seinem Neffen einen abgrundtiefen Hass entgegengebracht. Um aus dem Zyklus der Wiedergeburten ausbrechen zu können, muss Simon die Geschichte der beiden Männer erzählen. Dabei identifiziert er sich mit den beiden derart, dass ihre Identität sich mit der seinen vermischt. Aber wo beginnt der Traum, wo endet die Realität?
Die komplexe Erzählung des Franzosen Eric-Emmanuel Schmitt in einem einstündigen Monolog nicht nur zu erzählen, sondern darzustellen, macht die besondere Qualität der Inszenierung der Regisseurin Andrea Moses aus. Der Schauspieler Uwe Fischer wird sein Publikum im ehemaligen Heizungskeller des Dessauer Bauhauses witzig und klug auf eine faszinierende Reise durch Zeit und Raum und in für europäische Augen ungewöhnliche Bilderwelten entführen.
In seiner Trilogie des Unsichtbaren, welcher der Text über Milarepa entstammt, sucht der Autor nach dem humanen und also gemeinsamen Kern in Buddhismus, Judentum, Islam und Christentum. „Jede Religion“, sagt Schmitt, „setzt sich mit dem Wesentlichen auseinander: der Schwierigkeit, ein Mensch zu sein.“ Diese Schwierigkeit zu meistern, bedarf es immer wieder eines Nirgendortes in unserer Phantasie, eines Vor-Bildes!
Regie: Andrea Moses | Dramaturgie: Holger Kuhla | Spiel: Uwe Fischer
Nächste Aufführungstermine: 14.2., 18:00 Uhr | 5.4.,18:00 Uhr
Aufführungsdauer: ca. 1 h
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
04.02.2010, 17:11 | tags: Schauspiel, Diverses | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 04.02.2010
Das Anhaltische Theater sucht spielfreudige Dessauer über 65 für eine außergewöhnliche Schauspielinszenierung im Alten Theater
Carmen Kittel oder Ich wünsch mir Sonnenstrand
Im Rahmen des Projekts „Wanderlust und Reisefreiheit“ wird das Schauspielensemble zusammen mit fünf Dessauer Rentnern und Regisseur Niklas Ritter das Kultstück „Carmen Kittel“ des in dieser Stadt geborenen Schriftstellers Georg Seidel am 7. Mai, im Alten Theater zur Aufführung bringen.
Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau, die nach einer Heimkindheit in den Arbeitsalltag der beginnenden 80er Jahre der DDR entlassen wird. Sie arbeitet, sie lernt einen Mann kennen, sie verliebt sich. Als sie unverhofft schwanger wird, geraten ihr Leben und ihre Träume aus den Fugen. Carmen ist unfähig sich anzupassen und verstrickt sie sich mehr und mehr in ihr Unglück... .
Dessauer Bürger und junge Darsteller werden gemeinsam auf der Bühne stehen und sich anhand des Schicksals Carmen Kittel erinnern: An eigene schöne und traurige Geschichten und an die Zeiten, als wir von Sonnenstrand träumten...
Probenzeitraum: 29.03. bis 07.05. 2010
Wer Lust hat in dieser Inszenierung mitzuwirken wendet sich bis zum 28. Februar 2010 per Post an:
Anhaltisches Theater Dessau
Dramaturgie - Schauspiel
Friedensplatz 1 a
Dessau-Roßlau
06844
31.01.2010, 17:53 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/Dessau, 31.01.2010
Anhaltisches Theater
Vor den Vätern sterben die Söhne
Christian Weise inszeniert in Dessau Kleists «Die Familie Schroffenstein»
Das ist ein starkes Stück: Weil die Familie Rositz ihre Nachbarn und Verwandten - die Warwands - im Verdacht hat, ihren jüngsten Spross erschlagen zu haben, rüstet sie zur Ausrottung der ganzen Sippe. Am Sarg des Sohnes schwört Vater Rupert Rache und zwingt auch seinem verbliebenen Erben Ottokar das Versprechen ab, im "Mörderhaus Sylvesters" einen Blutzoll zu fordern. Am Ende erst werden die Oberhäupter erkennen, dass am Anfang kein Verbrechen, sondern ein Unfall stand. Doch da werden die letzten Kinder beider Häuser schon tot sein - ermordet von ihren eigenen Vätern.
Heinrich von Kleists "Die Familie Schroffenstein" ist seit jeher eine Zumutung für jeden Theaterbesucher und eine Herausforderung für jeden Regisseur. Wie soll man diese Vendetta aus dem Zeitalter der Ritter und Grafen in die Gegenwart übersetzen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben? Wie soll man aus diesem Mystery-Thriller mit abgeschnittenen Fingern und vertauschten Kleidern, mit gemeuchelten Herolden und willfährigen Henkern retten, was zu retten lohnt - nämlich die Geschichte einer jungen Liebe, die à la Romeo und Julia von der zerstörerischen Kraft des Misstrauens in die Katastrophe getrieben wird?
Christian Weise hat am Anhaltischen Theater Dessau einen plausiblen Weg gefunden. Die Burgen derer von Rositz und von Warwand sind hier zwei Plattenbau-Wohnungen, die nur ein schmales Treppenhaus trennt. Man könnte das Missverständnis von Balkon zu Balkon klären, wenn dort nicht bevorzugt gemordet würde, um die Auslegware zu schonen. Denn blutig, sehr blutig geht es zu bei diesen Hinrichtungen - so, wie man es aus den brutalen Fernsehfilmen kennt.
Der Bildschirm ersetzt hier die Schule der Gefühle, er überbrückt das Schweigen und kommentiert das Leben. Und immer läuft "Twin Peaks", die legendäre Serie von David Lynch, deren Dialoge sich zu Kleists hohem Ton wie eine lakonische Übersetzung verhalten. Mit diesem Gegenschnitt hat Weise, der auch für den Bühnenraum mit dem mohndurchwirkten Kornfeld vor der genormten Tristesse verantwortlich zeichnet, tatsächlich eine zeitgemäße Entsprechung für den monströsen Erstling des Dichters gefunden: Solche Formate liefern heute den Horror, der sich einst der schwarzen Romantik verdankte. Und so wie diese sind auch jene nichts für schwache Nerven. Mit psychologischem Kammerspiel allein ist der Pulp Fiction nun mal nicht beizukommen.
Aber neben die schwer erträglichen Momenten, in denen Baseball-Schläger, Äxte und Pistolen zum Einsatz kommen oder der schnelle, harte Sex die fehlenden Worte ersetzt, setzt die Regie immer wieder Passagen, in denen ein Rest von Menschlichkeit aufblitzt. Wenn Stephan Korves etwa seine Gemahlin Gertrude (Verena Unbehaun) beschwört, keinen falschen Verdacht gegen ihre Stiefschwester zu schüren. Wenn diese Eustache (Antje Weber) ihrem Rupert (Uwe Fischer) von der Liebe der Kinder erzählt, um sein Herz zu erweichen. Oder wenn der in seiner Treue zerrissene Jeronimus (Gerald Fiedler) zwischen den Fronten zu vermitteln sucht - bis er selbst in die Hände der Schlächter fällt.
Es gibt an diesem Abend, der fast das ganze Ensemble in Höchstform zusammenführt, keine kleinen Rollen - aber zwei ganz große. Ines Schiller und Jan Kersjes zeigen, eifersüchtig beobachtet von Johann (Matthieu Svetchine), eine junge Liebe zwischen ungelenker Körperlichkeit und ernstem Gefühl, sie sind - mit Bierflasche vor dem Fernseher - zwei Menschenkinder von heute. Was aus dieser Verbindung der an übergroßen Ohren und Nasen erkennbaren Stämme hätte werden können, bleibt offen. Denn wenn vor den Vätern die Söhne sterben, erlöschen die Familien.
30.01.2010, 12:53 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Ute Grundmann, www.nachtkritik.de, 30.01.2010
Familie Schroffenstein – Kleists Schauererstling im Soapformat am Anhaltischen Theater Dessau
Verbotene Liebe
Dessau, 29. Januar 2010. Zwei Wohnzimmer, in denen der Fernseher läuft. Nach den Wortfetzen zu schließen, ist es eine Krimireihe ("Twin Peaks"), die in beiden Räumen geschaut wird. Doch im linken der parallel gebauten Zimmer steht ein Sarg, trauert eine Familie eher mäßig beim Konsum von Fernsehen und Torte.
So beginnt im Anhaltischen Theater Dessau Heinrich von Kleists frühes Drama "Die Familie Schroffenstein". Ein windungs- und verwirrungsreiches Stück um zwei Stränge einer Familie, die sich bekriegen, weil das sohn- und erbenlose Verlöschen der einen Sippe zum Vorteil der anderen wäre. Doch gibt es, à la Romeo und Julia, ein junges Paar, das sich der Dauerfehde der Älteren entgegenzustellen versucht.
Fehde im Plattenbau
Dieses frühe, selten gespielte Trauerspiel von 1803, Kleists Erstling, ist eigentlich im Mittelalter und unter deutschen Rittern angesiedelt. Doch das Regieteam um Christian Weise, der auch das Bühnenbild entwarf, hat dem Drama alles, was Burg, Fahnen, Schwerter, Rüstungen bedeuten könnte, radikal ausgetrieben. Nur zweimal dürfen die Männer den Kriegspfad auf hölzernen Steckenpferdchen entlangtraben, was – wie das Stück selbst in manchen Phasen – eine gewisse Komik hat. Im übrigen ist dem Trauerspiel – mit der ganzen Wucht der Kleistschen Sprache – wenig vom unverständlichen, aber unaufhaltsamen Weg ins Verderben beider Familien abhanden gekommen. Nur dass diese in der Kleinbürgerlichkeit angekommen sind.
Wie ein herausgeschnittener Riegel aus einem Plattenbau sind die beiden Wohnzimmer auf die Hinterbühne gebaut, die "Kriegsparteien" leben fast Wand an Wand, nur durch ein enges Treppenhaus getrennt. Links, bei denen aus dem Haus Rossnitz, wird der kleine Sohn betrauert, der angeblich von denen drüben, dem Haus Warwand, ermordet wurde. Zwischen TV-Gucken und Trauermusik sinnen die Herren der Familie auf Rache, doch zum Rauchen geht man auf den Balkon. Die Zivilisiertheit allerdings findet bald ihre Grenzen: Da wird der Bote der einen Familie auf dem Balkon der anderen blutspritzend erschlagen, was natürlich dem Denken der kleinbürgerlichen Ritter zufolge nicht ungesühnt bleiben darf. Und so klatscht bald weiteres Blut, diesmal an die Flurtür.
Ein Fernseher im Kornfeld
Christian Weise setzt solche Drastik nur sehr knapp, sehr gezielt ein. Genauso wie er Anklänge und Ähnlichkeiten des Kleist-Dramas mit einer heutigen Fernseh-Soap immer wieder nur anspielt, sie aber nie dominieren oder gar das Stück karikieren lässt. Auch haben die Fernseher in den beiden feindlichen Wohnzimmern noch einen anderen Zweck: Per Fernbedienung kann man für Ruhe sorgen oder aber einem unliebsamen Gespräch ausweichen, in dem man sich in den Fernseh-Krimi zurückzappt.
Es gibt auch noch einen dritten Fernseher. Der steht vor dem Haus der verfeindeten Sippen, in einem Getreidefeld, samt Bank und Bierkasten. Hier haben sich Agnes (Ines Schiller) und Ottokar (Jan Kersjes), sie eine Warwand, er ein Rossitz, ihren Rückzugsort geschaffen. Bei Fernsehgucken, Biertrinken und Schmusen möchten sie am liebsten die Familienfehde in ihrem Rücken vergessen.
Die beiden jungen Mimen spielen das sehr anrührend, klar und frisch und, trotz Bierflaschengestemme, ganz und gar nicht cool. Doch weil sie nicht ewig im Kornfeld bleiben können, verkleidet der junge Mann seine Angebetete als Ottokar, während er selbst in ihre Kleider schlüpft. So wollen sie vor denen, die sie jagen, im jeweils "gegnerischen" Wohnzimmer unterschlüpfen, um dort aber bald schon als blutüberströmte Leichen zu enden.
Am Ende eine zaghaft, mit abgewendetem Gesicht ausgestreckte Hand der Väter. Und langer Beifall nach gut zwei pausenlosen Stunden.
Die Familie Schroffenstein
von Heinrich von Kleist
Regie und Bühne: Christian Weise, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Jens Dohle, Dramaturgie: Maria Viktoria Linke.
Mit: Uwe Fischer, Antje Weber, Jan Kersjes, Matthieu Svetchine, Stephan Korves, Verena Unbehaun, Ines Schiller.
www.anhaltisches-theater.de
28.01.2010, 12:42 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 28.01.2010
Achtung: Tolles Ferienangebot für die ganze Familie
Am Sonntag, d. 7. Februar um 15 Uhr im Großen Haus des Anhaltischen Theaters treten „Sechse“ zum letzten Mal gegen den König an. In der erfolgreichen Märchenproduktion können Große und Kleine erleben, wie sich die „Sechse“ mit außergewöhnlichen Eigenschaften um den Soldaten sammeln und mit ihm gemeinsam gegen den König vorgehen. Da die letzte Vorstellung des Familienstücks in die Schulferien fällt, gibt es ein besonderes Ferienangebot. Tickets werden einmalig zum
Sonderpreis [Erwachsene: 6,- Euro (statt 17,50 Euro) und Kinder 4,- EURO (statt 7,50 Euro]
angeboten.
Außerdem haben die Kinder die Möglichkeit, sich an einem kleinen Gewinnspiel zu beteiligen. Nach der Vorstellung können die Kinder entscheiden, mit wem der „Sechse“ sie durch die Welt ziehen würden. Nach Einsenden der Antworten bis zum 10. Februar findet die Verlosung statt.
Zu gewinnen gibt es ein spannende Theaterführung mit ihrem Lieblingsheld.
Erleben Sie das mit viel Witz und Komik erzählte Märchen über Freundschaft, Gerechtigkeit und die Macht des eigenen Tuns (Regie Robert Klatt) und finden Sie heraus, warum am Ende immer jemand von Sieben redet!
Tickets und Informationen erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
28.01.2010, 10:25 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 28.01.2010
Christian Weise inszeniert Kleist in Dessau / Morgen ist Premiere
Die alte Geschichte und heutige Verhältnisse
Geschichten erzählen ist eigentlich das Urding, warum und wozu überhaupt Theater gemacht wird. Eine wohl fundamentale Aussage, die Christian Weise formuliert.
Und: „Wir versuchen unsere Geschichte so spannend wie möglich zu erzählen!“ Christian Weise ist Regisseur (37), zu Hause in Berlin, und inszeniert am Anhaltischen Theater Dessau das Schauspiel „Die Familie Schroffenstein“ von Heinrich von Kleist. Die Premiere findet am Freitag, dem 29. Januar, um 19.30 Uhr im Großen Haus statt.
Der Regisseur bringt den Inhalt auf den Punkt: Zwei Familien, die eigentlich eine sind, machen sich gegenseitig fertig. Die tragisch endende „Romeo-Julia- Geschichte“ und die Rachegeschichte mit Neid und Eifersucht, eigentlich aus einem Missverständnis heraus, sind tragende Säulen des Stückes.
Während Kleist dieses Stück als Ritterstück im Mittelalter angesiedelt hat, überträgt es Christian Weise in die Heutezeit, „auf unsere Dessauer Verhältnisse“. Damit „bedient“
diese Inszenierung im Kontext mit dem Dessauer Gesamttheatermotto der Spielzeit 2009/2010, „Offenes Land“, das Schauspielthema „radikal deutsch“ recht trefflich.
Aktuell bekannt gewordene Vorgänge wie die von einem ein ganzes Dorf beherrschenden
Familienclan oder von einem Rentner, der die Nachbarfamilie terrorisiert, schließlich Vater und Sohn totschlägt oder viele „scheinbar kleine tägliche Verhaltensweisen waren und sind gedankliche Anregungen für Christian Weise.
Er schöpft natürlich auch aus seinem gut 20-jährigen vielgestaltigen Leben im und mit dem Theater und aus dem sich ebenso entwickelten gesunden Selbstvertrauen.
Keine Gedanken gemacht, ob es klappen wird
„Das alles ist allmählich gewachsen“ erzählte er. In Eisleben als Pfarrerssohn geboren, schloss er die 10. Klasse ab, machte in Erfurt 1991 auch sein Abitur. Bereits mit 17 Jahren hat sich Christian Weise erfolgreich an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin beworben. Im Fach Puppenspiel, „weil in Erfurt 1986 das Puppenspieltheater eröffnet wurde und ich diese Sache ganz toll fand“. Er
hätte sich auch eine Tischler- oder Schneiderlehre - an der Oper vorstellen können.
Bereits im zweiten Studienjahr habe sich an der Hochschule „eine Truppe zusammengefunden“ mit vielen eigenen Ideen, die offensichtlich so gut war, dass sie Peter Eschberg komplett an das TAT (Theater am Turm Frankfurt/ Main d. A.) engagiert hat.
Zwischenzeitlich hat Christian Weise zahlreiche Rollen als Puppenspieler und Schauspieler an verschiedenen Häusern erfolgreich gespielt.
2002 war in Frankfurt dann Schluss: Kein Geld mehr von der Stadt. Trotz oder gerade wegen des Erfolges haben sich bei den Einzelnen „die künstlerischen Wege extrem verselbstständigt“. Christian Weise wagte einen „Neuanfang“. Da er eigentlich auch keine Lust hatte, sich bei neuen Ensembles zu bewerben, wurde er selbstständiger Regisseur.
„Eine Befreiung gewissermaßen“, wie er rückblickend resümiert.
Und fast wie zufällig waren da auch gleich zwei Inszenierungsangebote in Halle („Der Sturm“) und am Nationaltheater Mannheim („Iphigenie in Aulis“). „Doch ob es auch weiterhin immer so klappen würde, darüber habe ich mir damals eigentlich keine Gedanken gemacht“, erzählt Christian Weise. Und er hat sich bis jetzt auch keine machen müssen. Ein auszugsweiser Blick in die Inszenierungsliste und in Rezessionsauszüge bestätigt Vielfalt und Qualität „Maria Stuart“ (Stuttgart, 2003), „Arsen und Spitzenhäubchen“ (Halle, 2005), „Biedermann und die Brandstifter“ (Salzburger Festspiele und Zürich,
2007), „Volpone / Ben Jonson / Soeren Voima“, (Köln 2007), „Alice Under Ground“ (Ballhaus Ost Berlin , 2009)
Es wird zu 100 Prozent Kleist sein
Und nun in Dessau eine Kleist-Inszenierung. In einer Stadt, „in der ich vorher noch nie war und von deren monumentalem Theater ich auch nichts wusste“. In einer Stadt, die ihm den ersten Eindruck vermittelte: Hier ist eigentlich gar keine richtige Stadt. Aber es wohnen Menschen hier, deren Lebensumstände er mehr und mehr kennenlernte, „die für meine Arbeit interessant sind“.
Sein künstlerischer „Gang nach Dessau“, den Christian Weise keinesfalls bereut, wurde durch die Dramaturgin Maria Linke, mit der er schon seit Jahren zusammenarbeitet, bereitet. Das Stück „Schroffenstein“ wurde nach Studium mehrerer Werke von Christian Weise vorgeschlagen und in das Programm aufgenommen. Diese Entscheidung wurde etwa Weihnachten 2008 getroffen. Geprobt wird seit Mitte November 2009. „Mit einer Truppe in guter Mischung vom Alter her, die alle sehr viel Lust haben“, freut sich Christian Weise über die gut vorangehende gemeinsame Arbeit.
„Und es wird 100 Prozent Kleist sein, auch wenn es heute spielt, weil zeitlos aktuell“, Christian Weise nimmt den Zuschauern Ängste vor eventuell vermuteter, „aus Prinzip aufgezwungener Aktualisierung“.
Die nächsten Aufführungen nach der Premiere sind am 31. Januar und 13. Februar, jeweils um 17 Uhr.
25.01.2010, 09:12 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 22.01.2010
Schauspiel Premiere „Die Familie Schroffenstein“
Das Anhaltische Theater lädt am 29. Januar 2010 zu einer weiteren Premiere im Schauspiel ein. Gezeigt wird das Kleistsche Trauerspiel DIE FAMILIE SCHROFFENSTEIN um 19:30 Uhr im Grossen Haus.
Regie führt Christian Weise, der zuvor u.a. mit Arbeiten bei den Salzburger Festspielen, am Staatstheater Stuttgart und am Schauspielhaus Zürich auf sich aufmerksam machte.
Weise verlegt das Kleistsche Ritterspiel um die blutige Erbfehde zwischen zwei verfeindeten Zweigen des Adelsgeschlechts der Schroffensteine in ein Wohnhaus der Gegenwart. Die im Zwist befindlichen Familien leben Wand an Wand, Wohnzimmer an Wohnzimmer, lediglich getrennt vom gemeinsamen Hausflur. Simultan kann der Zuschauer den Kleistschen Krimi um die unaufhaltsame Zuspitzung der aus Misstrauen gespeisten kriegerischen Rache auf beiden Seiten der feindlichen Parteien verfolgen.
Das Modellhafte dieser Bühnensituation korrespondiert mit dem Modell-Charakter des Stückes, seinem streng symmetrischen Aufbau - jede Handlung und Szene auf der einen Seite hat eine Entsprechung auf der anderen. Dabei sind die Charaktere der Figuren und deren Handlungsmotivationen höchst individuell gezeichnet, was die Spannung des Stückes nur verstärkt.
Regie und Bühne: Christian Weise | Kostüme: Ulrike Gutbrod | Musik: Jens Dohle | Dramaturgie: Maria Viktoria Linke
Mit: Christel Ortmann, Lisa Kudoke, Ines Schiller, Verena Unbehaun, Antje Weber | Gerald Fiedler, Uwe Fischer, Mario Janisch, Jan Kersjes, Thorsten Köhler, Stephan Korves, Boris Malré, Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Sebastian Müller-Stahl, Matthieu Svetchine, Karl Thiele
Nächste Aufführungstermine: 31.1., 17 Uhr, 13.2., 17 Uhr, 19.2., 19:30 Uhr, 14.3., 17 Uhr, 18.3., 16 Uhr, 17.4., 17 Uhr, 23.4., 19:30 Uhr, 21.5., 19:30 Uhr
Aufführungsdauer: ca. 120 min, keine Pause
Tickets und Informationen erhalten Sie unter: Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr | Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr | Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
21.01.2010, 21:47 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Ute Otto, Mitteldeutsche Zeitung/Wittenberg, 22.01.2010
Proben in der zweiten Schicht
Kurt-Weill-Fest: Künstler des Anhaltischen Theaters stellen ihren Beitrag vor
"In einigen Jahren wird man sagen, in Wittenberg stand die Wiege dafür, dass sich das Weill-Fest aus Dessau herausbewegt", sagt Michael Kaufmann. Der neue Intendant des Festivals will fortsetzen und forcieren, was sein Vorgänger Clemens Birnbaum begonnen hat: Zum zweiten Mal ist das Best-Western Stadtpalais Wittenberg eine von 20 vornehmlich in Kurt Weills (1900 bis 1950) Geburtsstadt Dessau angesiedelten Spielstätten. 44 Veranstaltungen - Konzerte verschiedener Musikgenres, Lesungen und Museumsführungen - warten vom 26. Februar bis 7. März auf ihr Publikum.
Unter "Musikalische Comedy" firmiert, was am 3. März im Best-Western von drei Künstlern des Anhaltischen Theaters Dessau geboten wird. "Mein wildes Herz in deine Ruh" ist die mit Brecht-Songs zu Kompositionen von Weill und Zeitgenossen wie Hanns Eisler und Paul Dessau erzählte Geschichte über Claire (Matthieu Svetchine), George (Antje Weber) und dem trunksüchtigen Barpianisten "Joe aus Soho" (Daniel Carlberg, 1. Kapellmeister am Anhaltischen Theater) über die Macht entfesselter Leidenschaft. Dass die Rollen von Claire und George mit Schauspielern des jeweils anderen Geschlechts besetzt sind, hat damit zu tun, dass sie einst ein Mann war und er eine Frau. Das zunächst etwas Undurchschaubare "passt auch gut zu unserer Küche", kündigt Hotelchef Michael van der Sanden eine kulinarische Beilage des Abends an, "die über Auge und Gaumen die Synapsen in Gehirn ebenso anregt".
"Mit wildem Herzen", so Regisseur Holger Kuhla, proben die Mitglieder des Theaterensembles sozusagen in der zweiten Schicht für ihren Weill-Fest-Beitrag. "Das kommt ja erschwerend hinzu, wir sind keine Sänger, sondern Schauspieler", bittet Antje Weber um Nachsicht, wenn es "kein Festival der schönen Stimmen" werde. Dafür sei aber der schauspielerische Part des Kapellmeisters auch eine kleine Weltpremiere. Während der aus Frankreich stammende Svetchine gesteht, dass ihm der Name Weill bislang nichts sagte, erzählt Weber, wie lang der Weg war, bis sie Zugang zu Brecht und Weill fand. Noch zu DDR-Zeiten hat sie an der Schauspielschule "Ernst Busch" studiert. Das "Heroische", das seinerzeit in Brecht gelegt wurde und auf sie "verblendend" wirkte, habe sie abgeschreckt. Doch ihr erstes Engagement nach dem Studium brachte ihr ausgerechnet eine Rolle in Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" und ein Jahr später spielte sie in der "Dreigroschenoper". "Das war die Versöhnung", so Weber. Nicht nur in dem hier vorgestellten Programm, sondern in den vielen Beiträgen zum Weill-Fest spiegelt sich laut Kaufmann wider, "dass es bei Brecht und Weill immer noch etwas Neues zu entdecken gibt".
"New Art ist True Art" - ein Song aus Weills erfolgreichstem Broadway-Musical "One Touch of Venus" gab dem Festival 2010 sein Motto. "Neue Kunst ist wahre Kunst" - Darüber zu diskutieren, soll es reichlich Anlass geben.
11.01.2010, 12:35 | tags: Schauspiel, Diverses | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 5. Januar 2010
Neue Veranstaltungsreihe für Nachtschwärmer im Alten Theater
Das Anhaltische Theater Dessau startet unter dem Titel „Die Nacht, die Lichter“ eine neue Reihe, bei der Literatur auf Musik und Tanz trifft, ein zwangloses Club-Format mit Bar-Atmosphäre, bei dem das Foyer des Alten Theaters ein Anziehungspunkt für Nachtschwärmer wird.
In der ersten Folge am 15. Januar 2010, um 21 Uhr lesen die Ensemblemitglieder Uwe Fischer, Gerald Fiedler und Thorsten Köhler Storys von Clemens Meyer. Diese Geschichten erzählen von verpassten Lieben und der Hoffnung auf den großen Gewinn. Die Helden sind Menschen, die mit dem Leben kämpfen, strauchelnde Glückssucher und ruhelose Nachtgestalten. Dazu gibt es Musik u. a. von Johnny Cash, Tony Joe White, Tom Waits, Billy Don Burns u. a.
Tanzen ist ausdrücklich erwünscht.
Vom 4. bis 8. Januar gestalteten Andreas Dymke und Stefan Lange (Künstlerzusammenschluss DAS KOMBINAT) das Treppenhaus des Alten Theaters. Mit der Veranstaltung "Die Nacht, die Lichter" wird die Neugestaltung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Tickets zu 3,- EURO erhalten Sie unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Samstag 9:30 bis 20 Uhr
Theaterkasse - nur telefonisch 0340 2511 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
05.01.2010, 14:05 | tags: Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 05.01.2010
Der junge Dessauer David Ortmann hat mit „Kaspar Häuser Meer“ seine erste Regiearbeit am Anhaltischen Theater mit Erfolg vorgelegt
Schultheater, Elternneugier und auch mancher Zufall
„Kaspar Häuser Meer“ ist seine erste eigene Regiearbeit. Seit dieser Spielzeit ist der junge Dessauer David Ortmann als Regieassistent mit Regieverpflichtung am Anhaltischen Theater Dessau tätig.
„Der sehr lange Applaus war eine wirklich echte Überraschung. Da fällt schon viel von einem ab“, freut sich David Ortmann immer noch. Er hat sein „richtiges großes Regiedebüt“ am 11. Dezember (Volksstimme berichtete) im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau mit Bravour absolviert. Dabei ist „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller eine schwierige und anspruchsvolle Inszenierungsaufgabe.
„Sieben Wochen hatte ich Zeit, mich mit dem Stück, den Schauspielerinnen, der Bühne völlig eigenverantwortlich zu beschäftigen“, erzählt der junge Regisseur. Davor war er bei mehreren Stücken als Regieassistent tätig, unter anderem bei Armin Petras in dessen Dessauer Inszenierung „Abschlussfeier“.
In der Funktion Regieassistent mit Regieverpflichtung ist der aus Dessau stammende David Ortmann (23) seit Beginn der laufenden Spielzeit am Anhaltischen Theater in festem Engagement. Die Dessauer Theaterbesucher werden beim Namen stutzen. Ortmann, da war doch was? Und sie haben recht. Er ist der Sohn des am Anhaltischen Theater langjährig tätigen Schauspielerehepaares Christel Ortmann und Hans-Jürgen Müller-Hohensee. Ein elterlicher Protegé ist er aber dennoch nicht. „Sie begegnen meinen Vorhaben mit gespannter Neugier“, formuliert er fast philosophisch. Ist sich wohl aber sicher, dass beide, wie die anderen Mitwirkenden bei seiner jüngsten Arbeit, hinter ihm stehen.
Auch wenn es möglicherweise „zukunftssicherere Tätigkeiten“ gibt. Sein Entwicklungsweg hätte solche wohl auch durchaus angeboten. Den Beruf Übersetzer hätte sich der sprachtalentierte David Ortmann als Alternative zum Beispiel auch vorstellen können.
Bis zur achten Klasse ging er auf das Dessauer Liborius-Gymnasium und konnte dann aufgrund sehr guter Leistungen das traditionsreiche Internatsgymnasium Landesschule Pforta besuchen. Und wie es der Zufall wollte, gab es neben dem anspruchsvollen Unterricht die Möglichkeit, in der dortigen Theatergruppe mitzumachen. Erst zu schauspielern, dann auch gemeinsam mit anderen kleinere Stücke zu inszenieren.
Künstlerisches Aufsehen erregte die Theatergruppe mit der Aufführung des Stückes „Und tot bist du“. Dieses Schauspiel zum Thema Amoklauf an Schulen schrieb 1999 der amerikanische Autor William Mastrosimone (geb. 1947). David Ortmann hat das Stück gemeinsam mit Schulfreund Franz Werfel übersetzt. In der Regie von David Ortmann hat „Und tot bist du“ auch außerhalb von Schulpforta insgesamt fast unglaubliche 20 Aufführungen erlebt.
Dann wieder Zufälle, die den jungen Ortmann in die Regierichtung gehen lassen. „Richtig reingerutscht“ nennt er das selbst. André Bücker, sein jetziger Dessauer Generalintendant, inszenierte in Sangerhausen den „Schleef Block 1“ und brauchte einen Assistenten. Davon erfuhr David Ortmann, sprach vor und wurde genommen: „Zum ersten Mal richtiger Regieassistent in meinem Leben“, so seine bleibende Erinnerung an 2006.
Neben dem Abi-Abschluss im Blick, hat er auch André Bückers Weg verfolgt. Und als dieser Intendant am Nordharzer Städtebundtheater wurde, hat er sich für ein Regieassistentenpraktikum beworben. Und dann gleich bei „Faust I“ mitgewirkt. Aus dem Praktikantenjob, so David Ortmann, sind dann zweieinhalb Jahre geworden. Eines davon als „freiwilliges soziales Jahr“. 2007/2008 bekam er dort eine „reguläre“ Assistentenstelle. Und nach der Berufung André Bückers ans Anhaltische Theater erfuhr David Ortmann Silvester 2008, dass er mit nach Dessau kommen kann. Wieder zu Hause. Zunächst sicher. Mehr wohl eine Zwischenstation auf dem künstlerischen Weg der Bühnen-Eroberung!?
Ob er „große Ziele“ habe betreffs Stücken oder berühmter Regisseure? Eigentlich nicht. Die Arbeit mit den Menschen an sich sehe er im Vordergrund. Die Konzeptionsideen der Regisseure engagiert umsetzen, eigene Ideen einbringen. Regieassistententätigkeit ist wohl doch ein bisschen mehr als, wie oft vereinfacht formuliert, „alles das machen, was der Regisseur nicht machen will“. Ja – und natürlich eigene Inszenierungen möchte David Ortmann weiter auf die Bühnen bringen, Geschichten erzählen.
Erfahrungen, schöpferische Arbeit und wohl auch Talent bilden die Basis für die derzeitige Tätigkeit des Jungregisseurs David Ortmann. Ein Studium? Ad hoc nicht. Nach 2010/2011: „Mal sehen“. Er könnte sich aber schon vorstellen, an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ ein Studium zu absolvieren.
Zunächst gilt es, in Dessau weitere Erfahrungen zu sammeln. Auch in Halle, wo David Ortmann gegenwärtig die „Familienkonzerte“ mit „Regieminiatüren“ inszeniert.
„Kaspar Häuser Meer“ ist am 14. Januar um 19.30 Uhr wieder im Studio im Kulturzentrum Altes Theater zu sehen
28.12.2009, 09:49 | tags: Schauspiel, Diverses | Autor: Franziska Blech
Carla Hanus, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Rosslau, 28.12.2009
Sechse bereiten Freude schon vor der Bescherung
Publikum liebt märchenhafte Einstimmung auf Weihnachten - Vorstellung im Theater ist Heiligabend ausverkauft
Für Chantal stand in der Pause schon fest. Die Prinzessin ist ihre Lieblingsschauspielerin im diesjährigen Weihnachtsmärchen. Da konnten sich der Horcher, Keule, der Läufer, der Frostmann, der Bläser und der Soldat in dem Märchen "Sechse kommen durch die ganze Welt" noch so abmühen, das Herz der jungen Zuschauerin schlägt für die Prinzessin.
Als diese dann im weiteren Geschehen sogar noch ihren Hochmut verlor und gern als Siebte mit den sechs Freunden durch die Welt wandern wollte, konnte Prinzessin Victoria die Sympathie noch weiterer Theatergänger gewinnen. Doch einig waren sich die junge Zuschauerschar keineswegs. Auf die Frage der Theaterleute "Mit wem willst Du durch die ganze Welt gehen" erklärte die sechsjährige Amelie überzeugt: "Mit Keule."
Während diese Frage also noch nicht entschieden ist und auch noch bis zum 10. Februar per Brief an das Theater beantwortet werden kann, stimmte das Publikum am 24. Dezember in einem Punkt offenbar überein: Die Aufführung des Weihnachtsmärchens im Anhaltischen Theater gehört am Heiligabend zum Tagesablauf unbedingt dazu. Denn die Vorstellung, die um 10.30 Uhr begann, war ausverkauft.
Am Heiligabend komme im Theater immer eine besondere Stimmung auf, meinte Holger Hauck. Deshalb gehört für ihn - auch ohne Kinder - das Weihnachtsmärchen zum Fest dazu.
Kerstin und Hans-Jürgen Börner können sich gar nicht mehr erinnern, wann sie das erste Mal mit ihren Mädchen im Weihnachtsmärchen waren. "Die Kinder sind damit groß geworden", sagt der Wolfener, dessen Töchter schon Mitte 20 sind. Inzwischen gehören deren Freund beziehungsweise Mann zum Zuschauerkreis.
Auch bei Familie Sporbert aus Lingenau sind die Kinder mit dem Weihnachtsmärchen groß geworden. Seit sieben oder acht Jahren würden sie mit den Leipziger Schwiegereltern Heiligabend ins Theater gehen, überlegt Jana Sporbert und hat auch eine ganz einfache Begründung dafür: "Es stimmt uns immer schon so schön auf Weihnachten ein." An dieser Tradition würde der 13-jährige Björn auch nichts ändern wollen, meint er. Und der elfjährige Niels hat das Märchen der gesamten Familie empfohlen. Er hat die Aufführung schon mit der Schulklasse gesehen und freut sich riesig, dass er nun mit seiner Familie noch einmal in die Vorstellung gehen kann.
Ebenfalls ein zweites Mal verfolgt der sechsjährige Philip die Abenteuer der sechs Freunde auf der Bühne. Nachdem der Junge aus Brück ebenfalls mit der Schule das Dessauer Theater besucht hat, freut sich seine Mutter Anke Habelmann, dass es mit dem Weihnachtsmärchen in der Familie am Heiligabend auch noch geklappt hat. Zumal sich die Brücker hier mit der Zerbster Oma treffen.
Seine Familie im Zuschauerraum hatte einen Tag später auch Jan Kersjes. Indes saß er nicht neben seinen Eltern und seiner Schwester. Jan Kersjes gehörte zu denen, die auf der Bühne standen und der dort schnell lief. Denn sowohl am 24. als auch am 25. unterhielt Kersjes in dem Grimmschen Märchen das Publikum als Läufer. Dennoch feierte er auch im Familienkreis. Nach der Vorstellung am 24. war er samt Weihnachtsbaum in seine Wohnung nach Berlin gereist, um dort seine Eltern aus Holland und seine Schwester aus Frankfurt zu begrüßen und mit ihnen zu feiern. Wobei bei der Bescherung üblicherweise gewürfelt werde und der Sieger das nächste Geschenk austeilen dürfe. Es ist eine Zeremonie, die sich über Stunden hinziehen könne, wie Jan Kersjes erzählte. Zur Tradition in der Familie des Schauspielers gehört außerdem, dass sie am zweiten Weihnachtsfeiertag alle gemeinsam den Zoo besuchen und anschließend gemeinsam chinesisch essen gehen.
Gleichsam seine Weihnachtsgäste wusste Matthieu Svetchine bei "Sechse kommen durch die ganze Welt" am ersten Feiertag im Publikum. Nach der Vorstellung am Heiligabend trafen die beiden Freunde des Darstellers des starken "Keule" in Dessau ein, wo sie abends gemeinsam nach der Bescherung unter dem Tannenbaum ein mehrgängiges Essen genossen. Da sie alle drei große Freunde des Spielens seien, würden sie in seiner Freizeit so manche Stunde damit verbringen, verriet Matthieu Svetchine. Er hatte neben den beiden Märchenvorstellungen auch den "dritten" Feiertag beruflich zu tun. Am Sonntag standen für ihn "Gesänge aus 1001 deutschen Nacht" auf dem Spielplan.
Auf "faule" Tage freute sich Lisa Kudoke, die als Prinzessin im Märchen auftrat. Sie verbrachte den Heiligabend und die Feiertage in Dessau. Gemeinsam mit ihrer Schwester, die aus Münster zu Besuch anreiste, plante sie neben den Auftritten am Heiligabend und am Nachmittag des ersten Feiertages "ein paar erholsame Tage". Die Schwestern hatten sich vorgenommen, gemeinsam zu kochen und es sich gemütlich zu machen. Wie es zu Weihnachten eben sein sollte.
25.12.2009, 14:04 | tags: Schauspiel, Diverses, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung,23.12.2009
Übermut weicht ernsteren Tönen
Gastspiel: Internationale Theaterproduktion beendet Deutschland-Tournee mit Vorstellungen im Alten Theater
Der Auftakt ist noch immer pure Provokation. Wieder tritt Niels Bormann vor das Publikum und entschuldigt sich vorauseilend wie rückwirkend - für die unvollendete Arbeit und den seltsamen Humor, aber auch für den Holocaust und die brennenden Asylbewerber-Heime. Dass das Marginale und das Monströse nicht zusammenpassen wollen, aber sich doch aufeinander beziehen, ist an diesem Abend Programm: Denn die "Dritte Generation", die zum Abschluss ihrer von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Deutschland-Tour an zwei Abenden im Alten Theater Dessau zu Gast ist, laboriert an den Schnittstellen zwischen eigener Gegenwart und ererbter Geschichte.
Aufbruch und Ankunft
Das war schon beim Festival "Theater der Welt" im Jahr 2008 in Halle so, als sich die deutschen, israelischen und palästinensischen Schauspieler unter der Leitung der Regisseurin Yael Ronen erstmals zusammenfanden - und das ist jetzt, anderthalb Jahre später, ganz anders. Wer noch den Übermut vor Augen hat, mit dem sich das zehnköpfige Ensemble damals auf all die Tabus der unentrinnbaren historischen Verstrickungen stürzte, sieht sich heute mit ernsteren Tönen konfrontiert. Denn zwischen dem Aufbruch und der Ankunft liegt ein Krieg, der vor einem Jahr - am 27. Dezember 2008 - begann und der von den israelischen Streitkräften in zynischer Anlehnung an ein Chanukka-Kinderlied den Namen "Operation Gegossenes Blei" bekam.
Das eigentliche Wunder der "Dritten Generation" ist es, dass sie an dieser Konfrontation der Juden mit den Palästinensern nicht zerbrochen ist, nachdem sie zuvor bereits die Belastungsproben zwischen den deutschen und den israelischen Enkeln der Holocaust-Generation ausgehalten hat. Die Mitwirkenden sind vielmehr aus ihren fiktiven Rollen herausgetreten und haben die Masken fallen gelassen, um mit ihrer Person und mit ihrem Gesicht kenntlich zu werden. Dass sie dennoch radikale Haltungen einnehmen, die nicht unbedingt die eigenen sind, versteht sich in einer theatralen Situation von selbst. Der schärfere Ton aber hat auch mit jener Selbsterkenntnis zu tun, die Ayelet Robinson stellvertretend für alle formuliert - mit der privilegierten Situation eines Künstlers, der sich im deutschen Stadttheater vor den aktuellen Konflikten des Gaza-Streifens geschützt weiß und sie sich dennoch anverwandelt, um den Stummen eine Stimme zu geben.
Dafür geht die "Dritte Generation" dorthin, wo es weh tut - im allabendlichen Spiel wie in der Tournee-Planung, die auch im kommenden Jahr wieder nach Israel führen soll. Die Geschichte jener Jugendlichen, die in einer Art Gedächtnis-Tourismus durch ehemalige deutsche Konzentrationslager geschickt werden, ist in ihrer Mischung aus verordneter Betroffenheit und naivem Selbstschutz so erschütternd wie der Bericht jener palästinensischen Frau, die ihren Sohn über den Tod des Onkels hinwegtrösten will - und statt des zoologischen Gartens nur noch ein Trümmerfeld nach einem Bombenangriff vorfindet.
Notwendiges Gespräch
Man braucht danach das Gespräch, das die Inszenierung aufarbeitet - auch wenn es sich nur um die äußeren Koordinaten des ungewöhnlichen Projekts dreht. Die innere Bewegung nimmt jeder Zuschauer mit nach Hause - so wie die wunderbaren Darsteller, die auch ihre Gemeinschaft als "Work in Progress" in die Zukunft tragen.
15.12.2009, 10:39 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Magdeburger Volksstimme, 15.12.2009
Regiedebüt für David Ortmann in Dessau
Problem-Chaos im „Kaspar Häuser Meer“
Am Schluss: Rotbemützt, gemütlich auf dem Boden sitzend, eine leise Weihnachtsmelodie auf dem Lippen – ein trautes Miteinander!? Mitnichten. Anika (Eva Marianne Berger), Silvia (Susanne Hessel) und Barbara (Regula Steiner-Tomic) sind ewig gestresst, auch nicht gut zueinander. Die drei sind die handelnden Personen im Schauspiel „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller, das im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau Premiere als Regiedebüt des 23-jährigen David Ortmann Premiere hatte.
Anika, Silvia und Barbara sind Sozialarbeiterinnen in einem Jugendamt. Ihre Aufgabe: Sich kümmern um vernachlässigte, verwahrloste und misshandelte Kinder. Und – Mitkollege Björn fällt gerade wegen Burnout-Syndroms aus. 104 zusätzliche Fälle. Da wird alles noch prekärer, als es schon von Haus aus ist. David Ortmann verpasst zu Beginn zweien eine Ritterrüstung. Zeichen für das Amt als eine Institution, ein Bollwerk (Ausstattung Silvia Maradea)?
Der Zuschauer erlebt eher tragische, ja angstmachende Situationen der totalen Überforderung. Dabei sind die drei andauernd in körperlicher, oft logisch nicht nachvollziehbarer Bewegung. Und sie reden ständig. Mit eigentlich faszinierendem Tempo – für sich eine bewundernswerte schauspielerische Leistung. Aber sie reden mehr aneinander vorbei, oft über andere, ohne Lösungsansätze. Die Gedanken springen. Der Redefluss bekommt Brüche, Halbsätze bleiben stehen. Die drei sind von den Problemen übermannt. Die dienstlichen vermischen sich mit den privaten. Erzählt wird trotz oder gerade wegen des bitterbösen Themas mit viel hintergründigem Humor. Letztlich bleibt es aber dennoch ein Spiegelbild der sozialen Realität. Die Premiere dieses sozialkritischen, höchst aktuellen Stückes wurde mit viel Beifall aufgenommen.
13.12.2009, 21:44 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 14.12.2009
Schauspiel
Frische Ware beweist ihre Haltbarkeit
Bühnen in Dessau und Magdeburg bieten gelungene Premieren
Für das deutsche Stadttheater ist der Mülheimer Marktplatz eine Frischetheke: Die neuen Texte der Saison sind hier - meist in ihrer Uraufführungs-Inszenierung - zu besichtigen, über das Verfallsdatum wird oft erst später entschieden. Zwei Züchtungen des Jahrgangs 2008 wurden am Wochenende auch in Sachsen-Anhalt präsentiert - und haben den Haltbarkeits-Test mit Bravour bestanden.
Verbale Wundertüte
Zunächst ist Felicia Zellers "Kaspar Häuser Meer" zu bestaunen, mit dem David Ortmann sein Regie-Debüt im Alten Theater Dessau gibt. Die Geschichte der Jugendamts-Mitarbeiterinnen, denen nach dem "Björn-Out" eines Kollegen ihr ohnehin fragiles Karteikartenhaus über den Köpfen zusammenbricht, ist eine verbale Wundertüte: Die Sätze umstrudeln und unterspülen ihren Sinn, die permanente Überforderung fällt sich selbst ins Wort und trotzt jeder Beschreibung.
Für diese Monologe, die nur selten und eher zufällig in wirkliche Gespräche ausfransen, muss man Bilder und Haltungen finden, ohne den Alltag der Frauen zwischen Selbstbehauptung und -verleugnung platt zu illustrieren. Und dies gelingt dem Ensemble in Silvia Maradeas Bühnenraum ausgesprochen gut. In dem steil ansteigenden Archivgebirge, dessen Kästen sich zur Babyklappe und zum Müllschlucker, zum Bürostuhl und zur Kletterwand umfunktionieren lassen, wird die Routine als Scheitern im Ansatz gezeigt: Da werden die Noppen der Luftpolsterfolie zerdrückt und Voodoo-Puppen aus dem Lametta des Aktenvernichters geflochten, da werden Seifenblasen produziert und Menschenketten aus Papier gespannt. Und am Horizont rotieren die Reihen der Registratur als Zauberwürfel oder fallen als Tetris-Steine aus dem Paragrafen-Himmel.
Es ist ein Mikrokosmos, der zwischen Kaffeemaschine und Raucherinsel eigenen Gesetzen folgt, während sich draußen vor der Tür die Schicksale von Kindern und Eltern in Vorgänge und Vermerke verwandeln. Wer hier mitleidet, hat schon verloren. Und wer sich abhärtet, gewinnt nichts.
Im Stakkato bekommen die Frauen Kontur: Da ist die junge Anika (Eva Marianne Berger), die im Kampf gegen fremdes Elend die eigene Tochter aus den Augen zu verlieren droht. Da ist die frappierend geschwind zwischen Einzelkämpfer-Euphorie und Dauer-Depression wechselnde Silvia (Susanne Hessel) - und die abgebrühte Barbara (Regula Steiner-Tomic), die ihre Position mit Selbstgewissheit und Terror gegen die Jüngeren verteidigt. Vor den fragilen Klängen der Bühnenmusik von Hans Rotman zeichnet die Regie diese Figuren mit kräftigen Strichen, steckt sie in strahlende Rüstungen und gedeckte Alltags-Farben.
Durch die physische Anstrengung des Sprechens und Spielens aber, durch die Freiübungen im Käfig vermeidet sie falsche Gesten der Betroffenheit und Einfühlung, die den bösen Witz in Felicia Zellers Text übertünchen würden. Ein umjubelter Abend!
Kapitalismus spielt mit
Während Zeller im Untertitel von einer "wirklichen Komödie" spricht, wählt Philipp Löhle für sein Stück "Genannt Gospodin" das Attribut "antikapitalistisch". Und auf der Studiobühne des Magdeburger Schauspielhauses verstärkt Matthias Huhn diese Tendenz: Sein Erzähler schneidet sich noch vor dem ersten Wort scheinbar die Zunge aus dem Mund, als wolle er dem Zuschauer die folgende Geschichte verweigern - und gibt sich unmittelbar danach als jener Kapitalismus zu erkennen, dem sich deren Held Gospodin entzieht.
Was folgt, ist eine Tour de Force in Zeitlupe: Der Aussteiger, der mit seinem Lama in der Fußgängerzone eine perfekte Quelle für Lebensunterhalt ohne Arbeit gefunden zu haben glaubt, wird von Greenpeace seiner Existenzgrundlage beraubt. Nach und nach holen sich gute falsche Freunde auch noch Kühlschrank, Fernseher und Mikrowelle aus der Wohnung. Und als schließlich ein Kneipen-Kumpel die Beute seines Raubzuges bei ihm deponiert, findet Gospodin den Ort seiner Freiheit - im Gefängnis.
Huhn liefert mit seinem perfekten Darsteller-Quartett das Satyrspiel zu "Schuld und Sühne", die Hausherr Jan Jochymski am gleichen Ort inszeniert hat: Auf schiefen Ebenen (Bühne: Markus Karner) rutschen und stolpern Babette Slezak und Andreas Gugliemetti in wechselnden Rollen auf das selbst gewählte Nullniveau des Verweigerers Gospodin (Sebastian Reck). Silvio Hildebrandt kämpft als Spielmacher und trauriger Clown in manischer Vergeblichkeit um das Interesse des Aussteigers, der ihn in seiner Existenz bedroht.
Das alles wird mit übermütigem Witz erzählt und ironisch gebrochen. Auch hier ein Treffer, zwei Stücke über das gesellschaftliche Soll auf der Haben-Seite der Theater - was kann man mehr wollen?
Nächste Vorstellungen: "Kaspar Häuser Meer" 14. und 18. Dezember; "Genannt Gospodin" 18. und 20. Dezember, jeweils 19.30 Uhr
12.12.2009, 09:03 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 10.12.2009
Szenen aus dem Alltag im Büro
David Ortmann bringt im Alten Theater «Kaspar Häuser Meer» zur Premiere
Man muss nicht in einem Amt arbeiten, um gewisse Tage zu erleben. Der Papierstapel wächst, das Telefon nervt und der Chef auch. Das Fernsehen bildet dieses Büroalltag-Klischee bestens in der "Stromberg"-Reihe ab, aber auch im Theater hat das Thema längst Einzug gehalten. So in "Kaspar Häuser Meer", einem Stück der Autorin Felicia Zeller, die darin einfach einen Mitarbeiter erkranken lässt - natürlich hat er Burnout - und daraufhin seine drei Kolleginnen (Eva Marianne Berger, Regula Steiner-Tomic und Susanne Hessel) aus dem Jugendamt nah an den Wahnsinn und den Abgrund treibt.
Am Freitagabend hat "Kaspar Häuser Meer" im Studio des Alten Theaters Premiere. Regieassistent David Ortmann liefert mit der Inszenierung sein Regie-Debüt am Anhaltischen Theater ab, dort, wo für den jungen Mann, Jahrgang 1986, als Kind alles begann. Denn mit sechs Jahren stand er schon einmal auf der Bühne des Großen Hauses, als Statist im Märchen "Dornröschen". Ihm zur Seite spielten die Eltern, beide damals wie heute Schauspieler im Ensemble der Dessauer Bühne. Dass David Ortmann vom Theatervirus infiziert wurde, zeichnete sich früh ab. Als Schüler des Landesgymnasiums Schulpforta erlebte er in der dortigen Theatergruppe eine prägende Zeit. "Bei sechs Stücken habe ich dort Regie geführt", erzählt er. Besonders am Herzen liegt ihm davon ". und tot bist du", für das er den Publikumspreis des Landes Sachsen-Anhalt erhielt und sein Bundesland beim Schultheater der Länder in Pirmasens vertrat. Noch als Gymnasiast war er Praktikant der Produktion "kein.schöner.land" von André Bücker beim Schleef-Block I in Sangerhausen und folgte nach dem Abitur dem Regisseur an das Nordharzer Städtebund Theater, erst als Praktikant, dann innerhalb eines Freiwilligen Sozialen Jahres und später als Regieassistent. Mit Bückers Wechsel als Generalintendant ans Anhaltische Theater kehrte David Ortmann nun in die Heimat zurück.
"Wieder hier zu sein, ist witzig. Ich kenne ja das Haus. Aber wie eine Heimkehr ist es dann doch nicht, dafür war ich einfach zu lange weg", findet er. Anfängliche Befürchtungen, mit den Eltern zusammen zu arbeiten, haben sich längst gelegt. "Das läuft alles ganz entspannt und professionell." Genauso wie die Proben für "Kaspar Häuser Meer", für die er - anders als bei bisherigen Arbeiten - komfortable sechs Wochen Zeit hatte. In diesen hat er eine Komödie heraus gearbeitet, die freilich einen Alltag thematisiert, der betroffen macht. "Die drei Frauen arbeiten sich aneinander ab bis zum Exzess." Ortmann lässt dies schnell geschehen, mit hohem Tempo, was auch Felicia Zellers Text entgegen kommt. "Dies geschieht in einem sehr schrägen Büroraum, der seltsame Blüten treibt", erklärt Ortmann. Nur wenn die Szenen wechseln, wird er Ruhe hinein bringen. Dafür sorgen die Bühnenmusik von Hans Rotmann und Videos von Ronny Traufeller. Der Intendant des Impuls-Festivals setzte gerne die Noten für David Ortmann, der ihn in diesem Jahr in der Festival-Crew unterstützte, und besucht natürlich ebenso die Premiere wie etliche einstige Pfortenser.
12.12.2009, 09:01 | tags: Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Diverses | Autor: Franziska Blech
Mitteldeutsche Zeitung, 10.12.2009
Gastspiel
Tabus werden gebrochen
Die gefeierte Produktion «Dritte Generation» kommt nach Dessau
Im Juni des vergangenen Jahres blieb dem Publikum in der Werft des neuen theaters Halle das Lachen im Halse stecken. Beim Festival "Theater der Welt" gastierte die junge israelische Regisseurin Yael Ronen mit der Inszenierung "Dritte Generation" in der Saalestadt und begeisterte das Publikum an mehreren Abenden mit ihrem besonderen Projekt. Mehr als ein Jahr später, nachdem die Ronen weiter mit ihrem Team an der Inszenierung gearbeitet hat und es Vorstellungen an der Schaubühne Berlin, im Habima National Theatre of Israel (Tel Aviv) und bei der RuhrTriennale 2009 gab, kommt "Dritte Generation" nun nach Dessau. Am 21. und 22. Dezember wird das Stück um 19.30 Uhr im Studio des Alten Theaters zu sehen sein.
In ihrer international gefeierten Inszenierung, vor immer ausverkauften Häusern, analysiert die Autorin und Regisseurin gemeinsam mit ihrem Team und einer Gruppe von jungen Schauspielern klug und provozierend alle Klischees, von denen das Verhältnis zwischen Juden, Palästinensern, Arabern und Deutschen durchsetzt ist. Die Beteiligten haben sehr unterschiedliche familiäre Hintergründe: Sie sind auf beiden Seiten des ehemals geteilten Deutschlands geboren, sind muslimische und christliche Palästinenser, die mit israelischem Pass in Haifa leben oder sie stammen aus jüdischen Familien unterschiedlicher Herkunft. Neben den gegenwärtigen Konflikten konzentriert sich die Auseinandersetzung auf die Jahre, in denen die Ursprünge für heutiges Selbstverständnis liegen. Begriffe wie Erinnerung, Schuld, Täter und Opfer und ihre Bedeutung werden hinterfragt. Alle Tabus werden so rasant zu Kleinholz verarbeitet, dass der Zuschauer gleichermaßen zwischen befreiendem Lachen und großer Erschütterung schwankt. Entstanden ist ein einzigartiger Theaterabend, der mutig Grenzen überschreitet, so intelligent wie unterhaltsam ist und wohl keinen Zuschauer unberührt lassen wird.
Dank der Kulturstiftung des Bundes, die dem Ensemble eine Tournee durch neun Städte ermöglichte, ist diese wichtige Inszenierung nun auch in Dessau zu sehen, wo die Rundreise ihr Finale erlebt. Die Produktion wird in deutscher, arabischer, hebräischer und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln gezeigt.
Im Anschluss an beide Vorstellungen wird es ein Zuschauergespräch mit dem Ensemble geben. Moderiert wird das Gespräch von den Redakteuren Andreas Montag und Andreas Hillger der Mitteldeutschen Zeitung, welche die Stückentwicklung unterstützte.
Das Anhaltische Theater bietet außerdem in Zusammenarbeit mit der Schaubühne Berlin am 22. Dezember, von 10.30 bis 15 Uhr einen Workshop zum Gastspiel "Dritte Generation" an. Auf der Grundlage von Interviews, die Teilnehmer vorab mit ihren Eltern und Großeltern führen, soll untersucht werden, in wie weit die eigene Familiengeschichte mit historischen Ereignissen verknüpft ist und unter welchen Gesichtspunkten diese dann interpretiert werden. Außerdem wird in erbarmungslosen Selbstversuchen nach alltäglichen Rassismen im eigenen Denken und Sprachgebrauch geforscht. Der Workshop wird geleitet von Uta Plate, Theaterpädagogin der Schaubühne Berlin.
Die Teilnehmer sollten zwischen 15 und 25 Jahre alt sein und in Vorbereitung des Workshops ein Interview mit ihren Eltern bzw. Großeltern führen. Am Abend besuchen die Teilnehmer gemeinsam das Gastspiel "Dritte Generation" und das sich anschließende Zuschauergespräch im Alten Theater. Interessenten für den Workshop können sich noch bei Theaterpädagogin Imme Heiligendorff (Telefon 0340 / 2 51 12 16 oder theaterpaedagogik@anhaltisches-theater.de) anmelden.
Karten für das Gastspiel für "Dritte Generation" gibt in der Theaterkasse Rathaus-Center und unter der Nummer 0340 / 2 40 02 58.
10.12.2009, 17:14 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemittelung vom 30.11.2009
Premiere „Kaspar Häuser Meer“ – Schauspiel von Felicia Zeller
Zu einer weiteren Premiere im Schauspiel lädt das Anhaltische Theater Dessau am 11. Dezember um 19:30 Uhr in das Studio des Alten Theaters ein.
Mit „Kaspar Häuser Meer“ debütiert der junge Regisseur David Ortmann am Anhaltischen Theater. Das Stück von Felicia Zeller wurde 2008 in Freiburg uraufgeführt und ist eines der am meisten gespielten Werke der Gegenwartsdramatik. Die Autorin Felicia Zeller hat für ihr preisgekröntes Stück (Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen 2008) intensiv recherchiert; weniger in Sozialämtern und sozialen Brennpunkten als in Zeitungen, Paragraphen, Internetforen und ein Szenarium allgemeiner Überforderung entworfen. Zeller zeigt das Nichthandeln und das Handeln im (nach einem krankgeschriebenen Kollegen bezeichneten) sogenannten "Björnout"-Zustand.
Björn, Jugendsozialarbeiter ist zusammengebrochen und hinterlässt ganze 104 Fälle, die nun für seine drei Kolleginnen vom Amt, Barbara, Silvia und Anika, zum tragikomischen Schicksal werden. Diese drei Sozialfrontkämpferinnen müssen also noch schneller sein und werden dennoch zu spät kommen. Ertrinkend im bürokratischen Sumpf machen die glorreichen Drei trotzdem weiter, denn sie lieben ihren Job. Bei all ihrem Tun sind sie zum Lachen komisch und zum Weinen rührend – drei wundervoll schräge Schiffe auf dem endlosen Meer der Jugendsozialarbeit.
Inszenierung: David Ortmann | Bühne und Kostüme: Silvia Maradea
Dramaturgie: Holger Kuhla, Maria Viktoria Linke
Mit Eva Marianne Berger (Anika), Regula Steiner-Tomič (Barbara), Susanne Hessel (Silvia)
Musik und Video sind auf das Stück abgestimmte Auftragskompositionen (Musik: Hans Rotman/ Intendant IMPULS Festival für Neue Musik | Video: Ronny Traufeller)
Nächste Aufführungen: 12., 14. und 18.12.09 - jeweils um 19:30 Uhr | 20.12.09, 18 Uhr
im Studio des Alten Theaters
09.12.2009, 12:51 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 01.12.2009
Strippenzieher tritt ins Licht
Gerald Fiedler erregt mit seinem Solo „Der letzte Einruf!!!“ Kult-Verdacht.
Gegen Dynastien kann man nichts ausrichten - vor allem dann, wenn sie seit Generationen im Untergrund wirken und ihre öffentlichen Interessen von Strohmännern wahrnehmen lassen. Die Poltes zum Beispiel: Seit acht Generationen ziehen sie hinter den Kulissen des Dessauer Theaters buchstäblich die Fäden, ihr mehr oder minder segensreiches Wirken aber fällt auf andere zurück. Dabei ist es jenen Inspizienten, die seit 1794 auf den Vornamen Leo hören, natürlich keinesfalls egal, wer unter ihnen Intendant ist. Schon Gründervater Bossahn war ein Prinzipal von Poltes Gnaden. Und seither ...
Gerald Fiedlers neues Solo-Projekt „Der letzte Einruf!!!“ basiert auf einer verführerischen Idee. Denn tatsächlich ist das Inspizientenpult ja eine Schnittstelle, an dem über Wohl und Wehe eines Theaterabends entschieden wird. Eine falsche Lichtstimmung oder ein vorzeitig gezogener Vorhang, der nach einer vergessenen Ansage verpatzte Auftritt oder die falsche
Ton-Einspielung - es gibt zahllose Möglichkeiten, mit denen ein Inspizient das fragile Bühnenkunstwerk zerstören kann. Dass ihm dennoch nie der verdiente Applaus zuteil wird, ist Teil der Verabredung - und sorgt nun dafür, dass Leo Polte VIII. endlich in das Licht der Scheinwerfer tritt. Schließlich haben sich alle seine Vorfahren das Leben genommen - oft aus Protest!
Fiedler präsentiert einen Abend, der ihm auf den Leib geschneidert ist - mit dem gehörigen Pathos des Würdenträgers, der das goldgeprägte Samtalbum mit der Familiengeschichte
im geheimen Pultfach verwahrt und den ganzen Apparat mit zwei Hebeln zum Laufen bringt. Und mit dem Übermut des Komödianten, der sich seiner Wirkung wohl bewusst ist und deshalb auch schräge Gesangstöne souverän hält oder das Grinsen über eigene Pointen riskiert. Zu Höchstform läuft er auf, wenn er Kleists „Familie Schroffenstein“ als Programmvorschau auf dem Inhaltsan-Gabentisch zur Schlumpf-Moritat verwandelt oder wenn er dem eigenen Stand ein Ständchen bringt.
Dass die von Dirk Heidicke geschriebenen Texte aus dem Inspizientenleben freilich keinen vollen Abend tragen würden, weil das Format von vornherein auf Fortsetzung angelegt ist, war abzusehen. Ob es daher freilich der Rubrik „Neben den Kulissen“ bedarf, die denn doch sehr ins kabarettistisch Beliebige ausfranst, sei dahingestellt. Schließlich ist der abschließende Teil des Abends, zu dem als Überraschungsgast diesmal die Schauspielerin
Eva-Marianne Berger geladen war, durchaus noch ausbaufähig. Und dann muss Leo Polte
VIII. vielleicht auch nicht mehr so oft aus jener Rolle fallen, die nur er allein auszufüllen vermag. Als Kenner des Hauses und seines Repertoires nämlich dürfte dieser traditionsbewusste Inspizient zur Kultfigur werden. Sein Debüt jedenfalls drohte das Alte Theater zu sprengen - was wohl kaum im Sinne der Ahnen sein kann!
01.12.2009, 10:46 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Diverses | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 1.12.2009
Außergewöhnliche Theaterarbeit zu Gast am Anhaltischen Theater Dessau
Am 21. und 22. Dezember wird um 19:30 Uhr im Studio des Alten Theaters die Inszenierung „Dritte Generation“ der jungen israelischen Regisseurin Yael Ronen gezeigt, die im vergangen Jahr beim Festival „Theater der Welt“ in Halle bejubelt wurde.
In ihrer international gefeierten Inszenierung, vor immer ausverkauften Häusern, analysiert die Autorin und Regisseurin gemeinsam mit ihrem Team und einer Gruppe von jungen Schauspielern klug und provozierend alle Klischees, von denen das Verhältnis zwischen Juden, Palästinensern, Arabern und Deutschen durchsetzt ist. Alle Tabus werden so rasant zu Kleinholz verarbeitet, dass dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken bleibt. Entstanden ist ein einzigartiger Theaterabend, der mutig Grenzen überschreitet, so intelligent wie unterhaltsam ist und wohl keinen Zuschauer unberührt lassen wird.
Dank der Kulturstiftung des Bundes, die dem Ensemble eine Tournee durch neun Städte ermöglichte, ist diese wichtige Inszenierung nun auch in Dessau zu sehen. Die Produktion wird in deutscher, arabischer, hebräischer und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln gezeigt.
Im Anschluss an beide Vorstellungen wird es ein Zuschauergespräch mit dem Ensemble geben. Moderiert wird das Gespräch von den Redakteuren Andreas Montag und Andreas Hillger der Mitteldeutschen Zeitung, welche die Stückentwicklung unterstützte.
Eine Koproduktion der Schaubühne mit dem Habima National Theatre of Israel [Tel Aviv] und der RuhrTriennale 2009, im Auftrag von Theater der Welt 2008 in Halle, mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes und des Goethe-Instituts.
Karten unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 – 20 Uhr
Theaterkasse - Nur Telefonisch 0340 2511 – 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
26.11.2009, 21:46 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Funk, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.11.2009
Dessau
Verlockung des leeren Platzes im hellen Licht
Festival «Figurenräume - Raumfiguren» - Peter-Handke-Stück auf der Bauhausbühne
Nach dem Willen des Dichters sollte man seine Bilder nur sehen, beim Festival "Figurenräume - Raumfiguren" aber konnte man Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" nun auch hören. Mit dem Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters nahm Andrea Moses das Stück von 1992- eine einzige gigantische Regie-Anweisung - zum Anlass für einen überraschenden Gegenentwurf zur bisherigen Rezeptionsgeschichte. Und damit brachte sie einen Text zum Klingen, dessen Sinn eigentlich in seinem Verschweigen liegt.
Von Leere und Licht
Der "leere Platz im hellen Licht", den Handke zum Schauplatz seines Welttheaters gewählt hat, war dabei die Bühne des Bauhauses Dessau - ein Ort, an dem man den Horror Vacui in der jüngsten Vergangenheit besonders schmerzlich zu spüren bekam. Der konzeptuelle Mangel aber prädestinierte den Raum nun für das gigantische Versprechen, das mit Handkes Schöpfung verbunden ist: die Vermessung eines Kosmos im Schnelldurchlauf, die pointierte Andeutung aller Möglichkeiten im Theater-Universum. Der Trick der Inszenierung war es, dass sie die bildgebende Kraft des Wortes ernst nahm - und die Figuren damit immer wieder in Bedrängnis brachte, weil sie sich allzu voreilig auf die Behauptungen eingelassen hatten.
Komik der Verwandlung
So entsteht Komik: Wenn einem der zahllosen Passanten zunächst eine generelle Haltung aufgegeben wird, die er im nächsten Moment im Detail korrigieren soll. Wenn zwei der 18 Darsteller zum gleichen Gang aufbrechen und sich dann um dessen Vollendung streiten. Wenn eine stumme Figur dem Vorleser soufflieren muss, weil der sich ins Geschehen gemischt und dabei den Faden verloren hat. Oder wenn der Wechsel der Identitäten so schnell erfolgt, dass die einzelnen Konturen verschwimmen.
Es war zugleich der bislang aufwendigste Abend im Rahmen des "Funk"-Projekts, das eine Brücke zwischen Bauhaus und Theater schlägt - und der sinnstiftendste. Man kann diesen gewaltigen Entwurf also auch so umsetzen - als knappe Skizze, die sich ihren Raum im Moment der Entstehung erobert. Das wäre, nebenbei gesagt, auch ein Ansatz für die Internationale Bauausstellung 2010. Leere Plätze gibt es schließlich genug.
25.11.2009, 16:21 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 25.11.2009
Premiere Schauspiel
„Der letzte Einruf!!!
Gerald Fiedler, seit 2005 festes Mitglied im Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters wird in dieser Spielzeit mit einer eigenen Regiearbeit aufwarten. Das Anhaltische Theater Dessau lädt am 29. November, um 19:30 Uhr zur Premiere ins Foyer des Alten Theaters ein.
Seit 1794 wird das Dessauer Theater von Männern geleitet, deren Berufsbezeichnung mit I beginnt – und das sind nicht die jeweiligen Intendanten, sondern die Vertreter einer legendären Inspizientendynastie. Beginnend mit Leo Polte I., dem Gründungsvater des Theaters, der bis in das Jahr 1852 amtierte, wurden die Schalthebel der Macht, die sich, wie jeder Kenner weiß, am Inspizientenpult befinden, immer in die Hände des ältesten Sohnes übergeben.
Der aktuelle Amtsinhaber Leo Polte VIII. hält die Zeit für gekommen, die Familienchronik zu öffnen und damit endlich die „wahre“ Geschichte des Dessauer Theaters zu erzählen.
Er wird sich darüber hinaus aber auch die Zeit nehmen, aktuelle Produktionen einzuordnen, hinter, vor und neben die Kulissen zu blicken und zu erläutern „was die Welt im Innersten zusammenhält“.
Ein heiterer Abend mit Gerald Fiedler, einem Überraschungsgast und viel Musik. Am Klavier: Stefan Neubert
Nächste Termine: 26.12.09, 28.01.10 – jeweils um 19:30 Uhr im Foyer des Alten Theaters
Karten unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 – 20 Uhr
Theaterkasse - Nur Telefonisch 0340 2511 – 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
24.11.2009, 12:12 | tags: Ballett, Schauspiel, Neue Formate, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 23.11.2009
Bauhaus
Komik der Geometrie
Experimente in der Tradition der Klassischen Moderne werden präsentiert und erinner an Abschied von Oskar Schlemmer vor 80 Jahren
Es ist ein Wesenszug jeder Avantgarde, dass sie sich erst von der Nachhut einholen lassen muss, ehe sie ihre Wirkung voll entfalten kann. Denn wer seiner Zeit voraus sein will, muss zwangsläufig deren Möglichkeiten sprengen - was dazu führt, dass seine Ideen auf einen späteren Fortschritt in Bewusstsein und Technik angewiesen sind. Ein beredtes Beispiel für dieses Dilemma liefert die Geschichte der Bühne am Bauhaus Dessau, die vor 80 Jahren mit dem Abschied von Oskar Schlemmer endete und nun durch ein Festival unter dem Titel "Figurenräume - Raumfiguren" wieder belebt werden soll. Viele ästhetische Experimente aus den 20er Jahren sind bestenfalls durch Fotos und Filme dokumentiert, etliche Ansätze wurden lediglich als Konzept überliefert - ein weites Feld, auf dem man leicht in die Irre gehen kann.
Als positives Beispiel für die Rekonstruktion von Bauhaus-Ideen darf vor allem eine Inszenierung gelten, die inzwischen selbst den Status eines Klassikers beansprucht: Jörg U. Lensings Rückgriff auf "Das mechanische Ballett" von Kurt Schmidt und Georg Teltscher hat auch 21 Jahre nach dem ersten Gastspiel auf der Dessauer Bühne nichts von seiner Frische und seinem Humor eingebüßt. Noch immer ist es anrührend und komisch, wenn sich die geometrisch konturierten Figurinen der "Windmühle" und des "Maschinenwesens" begegnen und ihre Farbflächen abgleichen.
Dass man am Samstag im Anhaltischen Theater nur zwei der fünf Akte sehen durfte, wirkte wie ein Appetizer auf das kommende Wochenende. Dann nämlich ist die komplette Inszenierung noch einmal im Bauhaus zu sehen. Fehlen wird das Video von Sascha Hardt, mit dem Lensings Theater der Klänge 1988 seine Auseinandersetzung mit László Moholy-Nagy grundierte - eine Collage im Geiste von Walter Ruttmann, die 60 Jahre nach dessen "Sinfonie der Großstadt" sehr anachronistisch wirkt. Der überraschendste Teil des Triptychons aber, den der Düsseldorfer Professor für Ton- und Klanggestaltung für das Dessauer Festival zusammengestellt hatte, war eine Arbeitsprobe: Erstmals wurden Teile der "Suite intermediale" gezeigt, die direkt auf Oskar Schlemmers Klang- und Figurenkonzept zurückgreift und dabei die technischen Möglichkeiten der Gegenwart auf die Klassische Moderne anwendet. Wie spannend es sein kann, wenn man den Körper des Tänzers als ton- und bildgebendes Medium verwendet, wenn man die Schatten und die Bewegungsunschärfe auf einer Leinwand einfängt und die kinetischen in akustische Impulse umsetzt, wurde hier ausführlich demonstriert. Und wenn sich bis zur Uraufführung auch noch das Quintett der Tänzer als Hardware zu jenem Niveau aufschwingt, auf dem die Software sich bereits befindet, dürfte sich das Theater der Klänge für ein neuerliches Gastspiel empfehlen.
Als Work in Progress musste man wohl auch jene Inszenierung verstehen, mit der die Stiftung Bauhaus und das Anhaltische Theater das Festival am Freitag eröffnet hatten. Die Funkoper "Supremalevich" rekurriert auf den Besuch des Suprematismus-Erfinders Kasimir Malevich, der 1927 in Dessau Station machte. Dass der Meister des schwarzen Quadrats auf weißem Grund von Gropius und Co. allerdings weit weniger euphorisch empfangen wurde, als es die euphorische Parole "Wir loben seine Ankunft" suggerierte, hing als Menetekel über dem Abend.
Denn obwohl sich das Ballett des Anhaltischen Theaters, die Schauspieler Christel Ortmann und Hans-Jürgen Müller-Hohensee sowie die Sängerin Mika Kaiyama sichtlich mühten, dem kosmischen Pathos der Abstraktion und dem sinnstiftenden Spiel mit der reinen Form Gestalt zu geben, wurde zumindest die Premiere dieser Performance von mangelndem Rhythmus-Gefühl gestört. Ausgerechnet dem Regisseur Martin Neuhaus, der dem Abend Form und Halt geben sollte, mangelte es an Geduld und an Gespür für die nötige Dauer.
So konnten sich die choreografischen Ansätze nicht entfalten, erst gegen Ende lud sich das Geschehen mit Spannung auf - und im Ergebnis musste man das Experiment eher als "Suboptimalevich" verbuchen. Aber dass Scheitern zur Avantgarde dazugehört, weiß man ja nirgends besser als im Bauhaus.
Nächste Veranstaltungen: Lesung aus "Palucca. Die Biografie" (Montag, 19 Uhr, Bauhaus); Vortrag über Gerhard Bohner (Dienstag, 19 Uhr, Muche-Schlemmer-Haus); "Im goldenen Schnitt" (Mittwoch, 19 Uhr, Marienkirche), "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" (Mittwoch, 21 Uhr, Bauhaus-Bühne)
24.11.2009, 12:04 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Diverses, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 24.11.2009
Alle Schauspieler begegnen sich
Andrea Moses zeigt am Mittwoch im Bauhaus Peter Handtkes berühmtes Stück ganz ohne Worte
Die Gattung Performance hat es in Dessau schwer, kommt sie dann noch im Kontext mit dem Bauhaus daher, bewegt sich die Zuschauerzahl selten über dem zweistelligen Bereich. Das musste auch das Tanz- und Performance-Festival "Figurenräume - Raumfiguren" erfahren, nachdem am Wochenende die ersten Programmpunkte gezeigt wurden. Unbeirrt von erschreckend niedrigen Besucherzahlen geht es diese Woche jedoch weiter. Schließlich kann die Resonanz nur besser werden.
Gut vorbereitet lässt sich am Mittwoch das Gastspiel von "Im (Goldenen) Schnitt I. Durch den Raum, durch den Körper" um 19 Uhr in der Marienkirche erleben, denn schon am Dienstag um 19 Uhr wird Dirk Scheper im Meisterhaus Muche / Schlemmer über die Inszenierung sprechen. Dirk Scheper, Sohn des Bauhausmeisters Hinnerk Scheper, ist ein ausgewiesener Kenner des Werks von Oskar Schlemmer. Er übernahm die Produktionsleitung für Gerhard Bohners (1936-1992) Choreographien - darunter die Rekonstruktion des "Triadischen Balletts" oder den Solotanz "Im (Goldenen) Schnitt I", der am Mittwoch in der Marienkirche gezeigt wird.
Cesc Gelabert wird dieses Solo von Gerhard Bohner tanzen. In Zusammenarbeit mit der Gelabert-Azzopardi Companyia de Dansa aus Barcelona unternahm die Berliner Akademie der Künste die erste Rekonstruktion eines Solotanzes von Bohner. Cesc Gelabert, seit seinem Debüt beim Akademie-Festival 1985 regelmäßig in Berlin arbeitend, hat "Im (Goldenen) Schnitt I" nach dem Material der Berliner Videofilmerin Cosima Santoro rekonstruiert. Ansatz für die 1989 entstandenen drei Versionen von "Im (Goldenen) Schnitt" war Bohners Interesse an der Zusammenarbeit mit Bildenden Künstlern, das zu Bühneninstallationen von drei Künstlern führte. In der ersten im Mai 1989 im Studio der Akademie der Künste uraufgeführten Version reagiert der Tänzer auf einen von der Darmstädter Bildhauerin Vera Röhm gestalteten Raum aus begehbaren Konstellationen von Holz-Plexiglas-Pfeilern. Bei dem Solo erklingt Johann Sebastian Bachs "Das Wohltemperierte Klavier", Präludium und Fuge 1-12 in einer Einspielung von Keith Jarrett.
Cesc Gelabert ist gegenwärtig einer der wichtigsten Choreografen und Tänzer des modernen Tanzes in Spanien. Er lässt sich nicht einfach einer Richtung zuordnen, stattdessen hat er einen eigenen Stil geschaffen. Seine Choreografien nehmen historische Symbole zum Ausgangspunkt. 1986 gründete er seine eigene Tanz-Compagnie.
Direkt von Cesc Gelaberts Tanzsolo kann das Publikum am Mittwochabend in das Bauhaus wechseln, wo es um 21 Uhr in seiner gesamten Masse dem Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters begegnet. Innerhalb des Haus[funk]abends "Figur-Raum-Bewegung"
wird Dessaus Chefregisseurin Andrea Moses Peter Handkes Schauspiel "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" als Performance inszenieren. "Eine einmalige Gelegenheit, alle unsere Schauspieler kennen zu lernen", warb Moses bereits bei der Eröffnung des Festivals für diesen außergewöhnlichen Abend.
Peter Handke schuf mit "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" ein ganz besonderes Theaterstück, denn es kommt völlig ohne Text aus. Das Stück besteht einzig aus einer 60-seitigen Regieanweisung, die die Begegnungen und Begebenheiten beschreibt. Handke webt aus vielen kleinen Szenen eine Stunde, die einen Querschnitt durch die Gesellschaft und das Leben zeigt. Er beschreibt den Weg des Theaters in die Sprache, das Spiel steht im Vordergrund. Auch das Bühnenbild ist im Original des Dichters ein völlig freier Platz. Am Mittwochabend im Bauhaus wird dieser nun auf der Bühne entstehen. Mehr als ein Dutzend Akteure spielen Alltägliches, begegnen einander, helfen sich gegenseitig, behindern sich, verlieben sich, schließen sich zu Gruppen zusammen und lösen sie wieder auf.
Die Möglichkeit, Teil einer multimedialen Performance zu werden, bietet den Festivalgästen dann am Donnerstag der Workshop (14 bis 17 Uhr) "Interaktive intermediale Performance", gehalten von Jörg U. Lensing und Thomas Neuhaus. Lensing ist gemeinsam mit Sylvia Wanke am Abend um 19 Uhr auch Gast des Festivalcafés, zu dem in den Bauhausklub eingeladen wird. Beide widmen sich der Bauhausbühne in einer Spurensuche und werden davon berichten.
23.11.2009, 15:16 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 20.11.2009
„Sechse kommen durch die ganze Welt“ im Anhaltischen Theater Dessau
Warum sechs sieben werden und Freundschaft sich auszahlt
Sechse kommen durch die Welt“ heißt das diesjährige Märchen zur Weihnachtszeit
am Anhaltischen Theater. Basis für diese Inszenierung von Robert Klatt ist das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm. Genau genommen helfen fünf einem, zu seinem Recht zu kommen. Am Ende wird es sogar heißen: „Sieben kommen durch die Welt“. Sehr reich sind sie zudem auch noch geworden. Mehr als ihnen eigentlich zusteht?
Der aus dem Krieg zurückgekommene, verletzte Soldat (Thorsten Köhler) wird vom Alkohol liebenden König (Hans-Jürgen Müller-Hohensee) und dessen hinterlistigem Minister (Sebastian Müller-Stahl) um den versprochenen Lohn betrogen. Sogar in den Knast geworfen. Zudem wird der Soldat von der arrogant kratzbürstigen Prinzessin Victoria
(Lisa Kudoke) verachtet und gedemütigt.
Was tun? Um sein Recht kämpfen. Mehr noch:
Rache! Der Weg: Verbündete suchen. „Rein zufällig“, auf einem zunächst langatmigen
Weg durch die spärliche Dekoration (Bühne und Kostüme: Heiko Mönnich) der großen, sich oft drehenden Bühne, trifft der Soldat auf andere Männer. Die jedoch haben aber mit dem König (fast nichts „abzurechnen“ als vielleicht allgemeine Unzufriedenheit. Aber sie verfügen
über besondere Eigenschaften und Fähigkeiten.
Hier wird das Stück dann auch märchenhaft. Gefunden und zum Team vereint: der das Gras wachsen hörende Horcher (Karl Tiehle), der supermannstarke Keule (Matthieu Svetchine), der blitzschnelle Läufer (Jan Kersjes), der lungenstarke Bläser (Boris Malré) und der temperaturempfindungsgeschädigte Frostige (Mario Janisch). Die Beweise ihres einzigartigen Könnens sind faszinierend für sich und auch ebenso von den Darstellern auf der Bühne präsentiert. Der mitdenkende Zuschauer wird so neugierig gemacht, wann und wie wohl der Einzelne gebraucht wird. Warum einer „9Live“ guckt und ein anderer den Plastinator von Hagens „bemühen“ muss, bleibt aus junger Zuschauersicht allerdings kaum zu verstehen. Gags der Gags willen? Nach dem Motto „Alle für einen!“ oder „Gemeinsam sind wir stark!“ kommen sie in vielfach ideenreich und durchaus spannend arrangierten Szenen wechselnd „zum Einsatz“.
Eingerahmt im fast wörtlichen Sinne ist das große Bühnengeschehen von zwei alten geschwätzigen, auch alkoholverliebten (warum eigentlich?) Nachbarinnen (Ellen-
Jutta Poller und Hildegard Wiconke). Wieder ein bisschen Gag oder ein wenig „Märchenerzählerin-Ersatz“? Der junge, schon längst nicht mehr verletzte Soldat wird trotz „unsportlichen Verhaltens“ der anderen Seite einen Wettlauf gegen die Königstochter gewinnen. Natürlich mit Hilfe seiner Freunde. Die Zuschauer fiebern mit. Gegen die Hinterlist der herrschenden Kaste beim Aufgabenlösen um die Hand der Tochter besteht das Team auch überzeugend.
Ist aber ein solch garstiges „höheres Mädchen“ überhaupt begehrenswert? Das könnten
sich auch die Zuschauer fragen. Doch der Soldat ist auch ganz schön pfiffig und clever. Erst
mal die Tochter haben, dann kann man weitersehen.
„End-Ziel“ ist ja inzwischen, den König um all seinen Reichtum zu bringen. Das gelingt ganz gründlich, auch sehr zur Freude der vielen kleinen Premierengäste. Der Sack ist voller Gold. Der König ist bestraft, der Minister letztendlich auch.
Und die Königstochter? Darauf kann der künftige Märchenbesucher gespannt sein. Treue, Freundschaft, Mut, Zueinanderhalten zahlen sich auf jeden Fall aus – im Märchen wie wohl auch im realen Leben.
Die nächsten Aufführungen finden am Freitag, dem 27. November, um 10 Uhr und am Donnerstag, dem 3. Dezember, um 10 Uhr und 15 Uhr statt.
23.11.2009, 13:27 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 03.10.2009
Durch Dessau flattert die kleine weiße Friedenstaube
Mit "Gesängen aus Tausend und Einer deutschen Nacht" startete das Anhaltische Theater in seine neue Spielzeit.
Zwölf Uhr mittags in Dessau, High Noon vor dem Anhaltischen Theater. Auf der einen Seite stehen die glorreichen Sieben, fünf Schauspieler und zwei Musiker, gegenüber fröstelt ein Häuflein Publikum. So beginnt sie also, die 215. Spielzeit unter dem großen Transparent "Offenes Land" - mit "Gesängen aus Tausend und Einer deutschen Nacht", die sich an diesem Freitag wie ein vielfaches Echo über die Stadt ausbreiten sollen. Inszeniert hat der junge polnische Regisseur Krzystof Minkowski, ab 8. Oktober wird das Stück dann auch regulär im Spielplan des Alten Theaters stehen. Vorerst aber kämpft die "Kleine weiße Friedenstaube" unter dem freien Himmel gegen den Lärm der Autos an, während das "Funk"-Team die Gäste vor seinem Container mit Kamera und Mikrofon einfängt. Es ist - wie könnte es anders sein - ein politisches Programm, das dem Zuhörer da so freundlich entgegenkommt.
Der einstige deutsche Grand-Prix-Beitrag "Lass die Sonne in dein Herz"
schiebt in einer flotten Reggae-Fassung zwar zuverlässig die dunklen Wolken beiseite, zugleich aber dräut es düster aus den Liedern: "Warum lieben wir Deutschen Sissi so sehr?", fragt man mit Funny van Dannen, "Warum mögen wir keine Juden?". Bei Georg Danzer reimt sich "Gute Nacht" auf "überwacht" - und Georg Kreisler steuert eine schwarze demokratische Dialektik bei: "Meine Freiheit muss noch lang nicht deine Freiheit sein." Es wird den Zuhörern warm ums Herz, obwohl diese Lieder eher die alte Weisheit "Es ist deutsch in Kaltland"
beglaubigen. Aber die furchtlose Freude, mit der Susanne Hessel und Lisa Kudoke, Mario Janisch, Jan Kersjes und Mattieu Svetchine gegen die Leere und die Lethargie ansingen, Überträgt sich als positive Energie auf das Publikum. Später, am Roßlauer Luchplatz, müssen Mütter ihre Kinder von der bunten Truppe wegzerren, wenn sie sich von der Kunst nicht an ihrem Feiertagseinkauf hindern lassen wollen. Vor dem Dessauer Hauptbahnhof wird exakt eine Straßenbahn zwischen die Bänkelsänger und die Punks passen. Und am Bauhaus schließlich wird die Gebäude-Brüke zwar vor dem Regen schützen, aber zugleich den kalten Wind verstärken.
Sei´s drum: Es ist eine Landnahme, die von Station zu Station besser funktioniert und auch die Dessauer Museumskreuzung, das Rathaus-Center und schließlich das Alte Theater erreicht. Dort endet dieser ersten Tag der neuen Ãra mit einem Stück nach Einar Schleef, dessen Titel "Abschlussfeier" wie ein Paradoxon wirkt. Denn eigentlich steht in diesen Tagen in Dessau alles auf Anfang: Heute abend wird die neue Hausregisseurin Andrea Moses ihre Lesart von Richard Wagners "Lohengrin" präsentieren, morgen steuert der Generalintendant André Bücker seine Sicht auf Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise"
bei.
Das Theater ist also schon da -jetzt muss nur noch die Stadt kommen.
17.11.2009, 21:46 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 17.11.2009
Eine Anstalt und ihre Patienten erobern im Sturm die Herzen der Zuschauer
Zu einer weiteren Aufführung der Schauspielinszenierung „Gesänge aus 1001 deutschen Nacht“ lädt am 20. November um 19:30 Uhr das Anhaltische Theater Dessau in das
Foyer des Alten Theaters ein. In der Inszenierung von Krzystof Minkowski heißen die Patienten der Station 1 das Publikum herzlich willkommen und besingen hoch
komödiantisch, poetisch und skurril einen Tag aus ihrem Leben im „Tollhaus Deutschland“. Fünf Patienten, sangeswütige Spieler, schräge Typen, begleitet von einer
Combo (Musikalische Leitung: Benjamin Schultz) erobern sich im Sturm die Herzen des Publikums. Neben viel Spaß und exzellenter Unterhaltung bietet die Vorstellung auch eine gute Gelegenheit die neuen Mitglieder des Schauspielensembles kennenzulernen.
Karten unter:
Theaterkasse Rathaus-Center Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 – 20 Uhr
Theaterkasse - Nur Telefonisch 0340 2511 – 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
Weitere Termine: 21.11.09, 19:30 Uhr | 5.12.09, 20 Uhr | 27.12.09, 19:30 Uhr
16.11.2009, 20:24 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 17.11.2009
Männer und ihre Eigenheiten
Robert Klatt inszeniert mit Witz und Komik ein Stück über Freundschaft
Die Brüder Grimm konnten nicht ahnen, wie gut ihre Märchen auch heute noch in die Zeit passen. Nicht alle, aber manches doch. Wo weltweit immer mehr Spezialisten arbeiten, Einzelbegabungen gefragt sind, da kommen die sechs Burschen der deutschen Märchenerzähler gerade recht. Doch keine Angst, in der neuen Märcheninszenierung des Anhaltischen Theaters wird nicht globalisiert. Regisseur Robert Klatt belässt "Sechse kommen durch die ganze Welt" in einer unbestimmten Zeit, in der es Könige, Prinzessinnen in Rosa und ganz skurrile Typen gibt. Und er lässt seinen Protagonisten jene unerhörten Begabungen, von denen man heute trotz allen Fortschritts nur träumen kann.
Die Welt, durch die es bei der Premiere am vergangenen Freitag geht, ist dabei gar nicht so groß, die Drehbühne reicht aus, um Weite zu simulieren, und weil sie ständig - wie auch das Personal auf ihr - in Bewegung ist, wird sie doch ganz groß. Am Anfang aber ist da nur einer: der Soldat, aus dem Krieg heimgekehrt, um den Sold betrogen, ein Enttäuschter. Dieser trotz allem unermüdliche Stehaufmann Thorsten Köhlers bleibt nicht lange allein und stolpert über ein Quintett ebensolcher Einzelgänger. Da ist zunächst der hinreißende Keule, dem ewig die Lederhose rutscht, der Magen in den Kniekehlen hängt und der mit seinen Kräften so gar nicht Haus halten kann. Matthieu Svetchine gibt ihm eine beiläufige Kraft, die das Zwerchfell erschüttert. Jan Kersjes ist als Läufer sein quicklebendiges Gegenstück, das ständig mit dem Fuße scharrt und eitel selbigen präsentiert. Karl Thieles besonnenen Horcher gibt es noch, Mario Janischs zitternden Frostigen und den sächselnden Bläser von Boris Malré.
Robert Klatt lässt seinem Sextett Zeit, zueinander zu finden, Raum für jeden, seine Eigenheit heraus zu stellen und oft genug herrlich komisch zu präsentieren. Das geschieht ungemein witzig und mit viel Ironie, ganz beiläufigen Anspielungen ins heute, die jedoch nie deplatziert wirken, selbst dann nicht, wenn Plastinator Gunter von Hagen als Läufer-Bein-Schöpfer ins Spiel kommt. Da werden auch die großen Zuschauer ihren Spaß haben. Aberwitzige Vorgeschichten eines jeden werden erzählt, zuweilen etwas zu ausufernd in der Kennlernphase. Im schlichten Bühnenbild Heiko Mönnichs, das mit Sandsäcken und ganz offensichtlichen Kulissen aus Leinwand und Latten vollkommen auskommt, lenkt nichts vom frischen Spiel dieser Sechsergruppe ab, die ihren Gegenpart am Hofe findet.
Dort gibt längst der intrigante Minister (Sebastian Müller-Stahl) die Richtung vor. Denn Hans-Jürgen Müller-Hohensees trottliger und ewig abgelenkter König macht es dem Emporkömmling nur allzu leicht. Und Lisa Kudokes Prinzessin Viktoria - ein rosarotes Klischee mit keck schief sitzendem Krönchen und Lolli - opponiert auch nur, wenn ihr etwas nicht passt. Dass in diesem Staate nicht alles stimmt, unken schon die Nachbarinnen, kommentieren scharf, süffeln Likörchen und kündigen gleich auch Bettszene und Sackszene an. Das ist dann auch schon das letzte Bild und das Finale, nachdem es für die Sechse noch einmal so richtig heiß wurde. Warum am Ende, nachdem schon so manches Lied von Freundschaft gesungen wurde, immer jemand von Sieben redet, das kann man sich selbst ansehen.
Nächste Vorstellungen des Märchens "Sechse kommen durch die ganze Welt" am Mittwoch, am 27. November und 3. Dezember (jeweils 10 Uhr) und am 5. Dezember, 15 Uhr.
16.11.2009, 11:41 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Dirk Pilz, Berliner Zeitung, 16.11.09
Unsere nicht mehr schöne DDR
Armin Petras hat im und vor dem Maxim-Gorki-Theater Einar Schleefs "Abschlussfeier" uraufgeführt
Diese Inszenierung kommt genau zur rechten Zeit. 20 Jahre Mauerfall! - und auf fast allen Kanälen wurden die Jubiläumsfeierlichkeiten mit einem pathosdurchtränkten Parteitongetöse begleitet, als hätte es in den letzten 20 Jahren keinerlei Debatten über Wende, Freiheit und Befreiung gegeben. Noch immer wird gern so getan, als sei die DDR entweder nichts als ein dunkles Gefängnis oder aber eine heile Kuschelwelt gewesen, noch immer wird die DDR mit dem SED-Staat gleichgesetzt oder als Wonnereich für alle erinnert. Genau solche stumpfen Vergröberungen helfen vermutlich kräftig mit, Ostalgie auf der einen und Arroganz auf der anderen Seite zu schüren. Die DDR war doof, poltert's hier, es war nicht alles blöd, grummelt's dort. Wir haben noch nicht angefangen, uns in genauerer Erinnerung zu üben. Solches Erinnern würde auf Unvereinbarkeiten stoßen: Das Leben ist nie auf einen Nenner zu bringen, auch das DDR-Leben nicht.
Man lese Einar Schleef, um davon eine Ahnung zu bekommen. Man lese zum Beispiel seine Erzählung "Abschlussfeier", entstanden Ende der Siebzigerjahre, kurz nachdem Schleef die DDR verlassen hatte. Sie führt uns in die Internationale Jugendherberge "Käthe Niederkirchner" im Ostseebad Kühlungsborn. Eine namenlose Chefin versucht, ihre Herberge mit allerlei Tricks zu führen, ihre Stellvertreterin schaut ihr im Stasi-Auftrag dabei auf die Finger, die Angestellten Gisela und Gerda suchen nach Aus- und Umwegen in einem Sozialismus, der an seinen Bürgern vorbeiregiert. Und jeder beäugt jeden.
Aufruf zum ehrlichen Erinnern
Es gibt dabei keine Figur, die auf eine Hintergrundwahrheit festzulegen wäre: Die Stellvertreterin wurde mehr in die Stasi hineingezwungen, als dass sie Spitzel aus Überzeugung geworden wäre, die Chefin ist staatshöriger als ihre Worte glauben machen, die Angestellten sind widerborstiger als sie selbst vorgeben. Auf dem Abschlussfest des "jährlichen Kurses für deutsche Sprache, veranstaltet von der Gesellschaft für Deutsch-Französische Freundschaft" entladen sich diese Widersprüche in Anarchie, Verzweiflung und besinnungslosem Feiern mit den französischen Gästen. "Es ist außenpolitische Werbung, zu zeigen, wie schön das Leben in der DDR ist", sagt die Chefin. Diese kurze Erzählung hat so viel Wirklichkeit aufgesogen, dass es für ein ganzes DDR-Panorama reicht.
Genau so hat sie Armin Petras für seine Uraufführung - die bereits Anfang Oktober am koproduzierenden Anhaltinischen Theater Dessau herauskam und jetzt ans Maxim-Gorki-Theater gewandert ist - auch genommen. Er lässt sein aufgewecktes Ensemble mit uns Zuschauern durch verschiedene Räume des Theaters wandern, vom Brinkmann-Zimmer ins Studio und hinaus auf den Hof. Ursula Werner balanciert ihre Figur überall zwischen urkomischen Mutterwitztiraden und Trauereinbrüchen, Hilke Altefrohne nimmt die Stellvertreterin von der rabiaten Seite, Julischka Eichel und Sabine Waibel schenken Gisela und Gerda sprudelnde Verzweiflungswut über die DDR-Enge ein. Alles wirkt hier satirisch überzeichnet und beißend realistisch zugleich.
Am Ende, wenn das um eine Jugendschar erweiterte Ensemble mit "Y.M.C.A" von den Village People über den Rasen hüpft, die französischen Fremden im Barkas davonfahren, das Lagerfeuer knistert und die Chefin ihr Abschlussfeierresümee zieht, hat sich die Inszenierung zur grellen Farce gesteigert: Hinter ein komisches, trauriges, wahres, böses und doch zutiefst menschenfreundliches DDR-Panorama setzt dieser Abend ein lautes Ausrufezeichen - es ist der Aufruf zum ehrlichen Erinnern.
Armin Petras' verschwitztes Latzhosen-Theater, das seine Stoffe gern im Ärmel-Hochkrempel-Status bewirtschaftet, ist nicht immer für historische Probebohrungen geeignet; mitunter sprudeln hier nichts als Possen und Petitessen, wird Geschichte zum Bauchladen der Absonderlichkeiten. Diesmal aber zündet es, diesmal nämlich werden die historischen Begebenheiten nicht wie lustige Bauklötzchen nebeneinander gewürfelt, sondern als einander gleichzeitig ergänzende und widersprechende Ebenen ineinander verschränkt.
Abschlussfeier, nächste Termine im Januar, Maxim-Gorki-Theater/Studio, Infos: 20 22 11 15.
16.11.2009, 11:34 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Christine Wahl, Tagesspiegel, 16.11.2009
Theater
Zorn in Kühlungsborn
Armin Petras dramatisiert Schleefs „Abschlussfeier“ – und jagt seine Darsteller durchs Gorki-Theater.
In der „Internationalen Jugendherberge „Käthe Niederkirchner“ herrscht Katerstimmung. Allerdings weniger bei denen, die diese unzähligen Bierflaschen, Cocktailgläser und Käsehäppchenteller geleert haben, mit denen Bühnenbildnerin Annette Riedel das Studio des Maxim Gorki Theaters übersät hat. Die Post- Party-Depression betrifft vielmehr die beiden jungen Putzfrauen, die sich jetzt an die Reste-Beseitigung machen müssen: Der ersten – der Abendschülerin Gisela (Julischka Eichel) – wurde von ihrer Chefin gerade eine Beurteilung angedroht, mit der sich jegliche Chance auf einen Studienplatz ein- für allemal erledigt haben dürfte.
Dort, wo Einar Schleefs Erzählung „Abschlussfeier“ spielt – nämlich in den 1970er Jahren im Ostseebad Kühlungsborn – hatte solch eine Beurteilung in all ihrer Lächerlichkeit gute Chancen, für den Beurteilten zum lebenslänglichen Problem zu werden. Wer wüsste das besser als der Regisseur Armin Petras, der früher selbst alles andere als angepasst in der DDR gelebt hat?
Es irritiert daher umso nachhaltiger, dass in seiner Bühnenadaption der Schleef-Erzählung die DDR über weite Strecken wie ein Partykeller mit Kindergeburtstagscharme aussieht. Zumal diese Koproduktion des Maxim Gorki Theaters mit dem Anhaltischen Theater Dessau, die jetzt Berlin-Premiere hatte, nicht die erste Petras-Inszenierung ist, in der er sich mit dem untergegangenen Staat auseinandersetzt.
Bei Schleef kommen zehn Frauen zu Wort, die bei der „Gesellschaft für deutsch-französische Freundschaft“ arbeiten; von der Leiterin über die Dolmetscherin bis zur Köchin. Ihre Monologe – gehalten bei einem Abschlussfest für französische Jugendliche in einer Edelherberge, zu der Ostler, sofern sie nicht dort arbeiten, keinen Zutritt haben - erzählen ungeheuer viel über DDR. Zum Beispiel von der Ambivalenz, sich durch den Berufskontakt zu Westeuropäern einerseits privilegiert zu fühlen und andererseits – da die Tätigkeit im Wesentlichen aus Handlangerdiensten für 15-Jährige besteht – umso gedemütigter. Jede Kollegin misstraut jeder an diesem seltsamen Arbeitsplatz. Zwangstreffen mit der Staatssicherheit sind an der Tagesordnung; Verdrängungsenergie und Pragmatismus die wichtigsten Alltagsressourcen.
All diese beklemmenden Nuancen sind allein im Spiel von Ursula Werner zu sehen, die sich – ein Stockwerk über der Studiobühne im Brinkmannzimmer – mit Marx-Devotionalie und Exquisit-Sonntagskleid als Leiterin der Gesellschaft vorstellt. Anschließend kotzt Hilke Altefrohne als ihre von der Stasi installierte Stellvertreterin wenigstens noch konsequent den angestauten Lebensüberdruss aus sich heraus.
Aber schon nach einer halben Stunde, wenn der Ort gewechselt und das Publikum zu Teil zwei in die Studiobühne gebeten wird, geht es nicht nur räumlich bergab. Denn dort erwarten uns die besagten Putzkräfte Gisela und Gerda (Sabine Waibel). Es mangelt ihnen mitnichten an schauspielerischen Qualitäten, das Problem ist nur, was sie spielen müssen: Launische Teenager mit aufdringlichem Energie-Überschuss, der sich in wilden Diskotänzchen und gemeinsamem Sissi-Gucken entlädt. Fiele nicht ab und zu eine DDR-typische Vokabel wie „Stasi“, könnte man diese Kittelschürzen-Mädels nicht verorten: Seltsam geschichtslose Gestalten, die einem genauso gut in einer Shakespeare- oder Dürrenmatt-Inszenierung von Armin Petras begegnen könnten.
Wenn schließlich im dritten Teil auf dem Hof neben der Kantine „YMCA“ aus den Lautsprechern schallt und dazu in einer Mischung aus Polonaise und Pop- Gymnastik eine Art ostdeutsch-französische Vereinigungsparty gefeiert wird, ist Schleef endgültig erledigt.
15.11.2009, 22:42 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Peter Hans Göpfert, Berliner Morgenpost, 15.11.2009
Theater
Von der Stasi zu Spitzeldiensten erpresst
Für einen kurzen Abend liegt das Gorki Theater in Kühlungsborn an der Ostsee. Dort, in einer Internationalen Jugendherberge, handelt Einar Schleefs Erzählung "Abschlussfeier". Der Text erschien 1978 in der Suhrkamp-Anthologie "Ausgeträumt", nachdem Schleef von Theaterproben in Wien nicht in die DDR zurückgekehrt war.
Der Autor warf mit dieser Arbeit einen Blick zurück. Er zeichnete die Atmosphäre, die er in der DDR als quälend und erstickend empfunden hatte.
Armin Petras hat aus den Monologen, mit denen sich verschiedene Menschen in ihren beruflichen Aufgaben und privaten Bedingtheiten präsentieren, keinen wirklich dramatischen Text hergestellt. Er montiert sie aber so, dass die einzelnen Figuren in spannungsvolle Beziehung zueinander gerückt werden. Alle diese Menschen stehen unter Beobachtung der Staatssicherheit. Hauptfiguren sind die Heimleiterin und ihre Stellvertreterin. Ursula Werner verkörpert die Herbergsmutter in schöner Balance aus Komik und Ernsthaftigkeit - eine zugleich gefährdete und selbstbewusste Chefin, die weiß, dass die Jüngere eine Bedrohung darstellt. Diese wird von Hilke Altefrohne als demonstrativ taffe wie frustrierte Frau gespielt, die von der Stasi zu Spitzeldiensten erpresst wurde.
Die Reinemachefrauen bessern als Rentnerinnen ihr schmales Portemonnaie auf und machen sich ihre eigenen Gedanken. Zwei junge Frauen stehen mit ihren Ansprüchen an Sexualität und Weiterbildung in Konkurrenz. Die Geschenke der jungen Französinnen haben für sie Kult- und Prestigewert. Aus den Getränkeresten der Abschlussparty brauen sich die beiden eine fürchterliche Bowle zusammen.
Armin Petras inszeniert eine Art Prozessionstheater. Erst schickt er das Publikum die Treppe hinauf in das "Brinkmann-Zimmer", das hier als Büro der Heimleiterin in seiner spießigen zusammengewürfelten Einrichtung einen Ort der Unsicherheit markiert. Wieder unten im Studio, hat der Zuschauer den Partyraum vor sich, ein ungemütliches Chaos mit Pullen und Ballons, darüber die Losung "Es lebe die deutsch-französische Freundschaft". Schließlich geht es hinaus in den Garten des Theaters, den man vielleicht als Strand verstehen soll. Dieses jetzt ganz unsommerlich mit nassem Laub bedeckte Terrain dient Petras als Bildfläche für ein geradezu surreales Tableau mit vielen Jugendlichen. Unter den Bäumen gibt es ein Liebeszelt. Ein Feuer brennt. Jungen prügeln sich. Ein Mädchen schlägt Tennisbälle ins Publikum. Wildes Getanze. Ein Jüngling kräht seinen Frust über vergebliches Verlangen nach einem französischen Mädchen. Dann fahren die Gäste kreischend in einem Barkas-Kleinbus davon. Zurück bleiben der typische Auspuff-Gestank und die Worte der Heimleiterin. Ihre Aufgabe sei es, "zu zeigen, wie schön das Leben in der DDR ist".
Die Inszenierung fand am Anhaltischen Theater Dessau (Koproduktion!) starke Aufmerksamkeit. Am Gorki-Theater wirkt sie eher als respektables Nebenwerk etwa zu Petras' Theatralisierung von Werner Bräunigs "Rummelplatz" auf der großen Bühne.
12.11.2009, 07:40 | tags: Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 12.11.2009
Sechs Kumpel ziehen gegen den König
Schauspiel: Freitag hat das Märchen «Sechse kommen durch die ganze Welt» Premiere
Das ist wahrlich eine Bande, wie sie um die ganze Welt kommen kann. Einer läuft schnell wie der Wind, der andere ist stark, wie sonst kein Mann, der nächste hat die scharfen Augen eines Adlers und einer kann mit seinem Nasenlochpuster einen Sturm entfachen. Ein armer Soldat, gerade aus dem Krieg gekommen, sammelt alle ein und dann geht's gegen den König, der ihn schlecht entlohnte. Erzählt haben die Geschichte dieser sagenhaften Männertruppe die Brüder Grimm. "Sechse kommen durch die ganze Welt" heißt ihr Märchen aus der berühmten Sammlung. Am Freitag nun kommen die Sechs auch nach Dessau, als Theaterstück. Um 10 Uhr hat die Märcheninszenierung dieser Spielzeit Premiere.
Die Sechse, die dann über die große Bühne ziehen, heißen Thorsten Köhler, Karl Thiele, Matthieu Svetchine, Jan Kersjes, Boris Malré und Mario Janisch. Welchen Weg diese Schauspieler beim Wandern nehmen sollen, gibt ihnen Robert Klatt vor. Er ist der Regisseur der Produktion und ein erfahrener Theatermann, wenn es um Kinderstücke geht. Klatt, Jahrgang 1966, arbeitet als Gast am Anhaltischen Theater, ebenso wie sein Ausstatter Heiko Mönnich, mit dem ihn seit mehreren Jahren eine enge Zusammenarbeit verbindet. Mit "Seche kommen durch die ganze Welt" bringen die beiden Männer ein Stück auf die Bühne, das vor 20 Jahren schon einmal in Dessau zu sehen war. Damals freilich unter ganz anderen Vorzeichen. Was ließ sich doch in dieses Märchen alles hinein interpretieren. Nicht umsonst hieß schon 1972 der Defa-Film nur noch "Sechse kommen durch die Welt" - die ganze war es nicht mehr. "Heute kann man dieses Politische natürlich nicht mehr machen", findet Robert Klatt. Aber man könne immer noch erzählen, wie sich ein betrogener Soldat Kumpels holt und mit diesen erstreitet, was Recht ist. "Wenn man in der Gruppe alle Fähigkeiten nutzt, da ist man mehr, als einer alleine", beschreibt Klatt die Grundaussage des Märchens. "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile", fällt dem Regisseur das bekannte Zitat ein.
Ausstatter Heiko Mönnich hat sich die große Drehbühne ausgewählt, um darauf die Welt, die durchwandert werden will, entstehen zu lassen. Freilich mit ganz wenigen Mitteln. Große Ausstattungsschlachten sind nicht die Sache des Regieteams. "Ich möchte mich nicht in die Konkurrenz zum Kino begeben. Es ist uns wichtig, zu zeigen, dass auf der Bühne ein schöpferischer Akt stattfindet", erklärt Robert Klatt, und Heiko Mönnich ergänzt: "Die Zuschauer und vor allem Kinder können viel besser abstrahieren, als man vermutet. Es muss nicht immer alles realistisch sein, wenn denn eine schlüssige Welt entsteht."
Für die Märcheninszenierung besteht die Welt aus Latten und Stoffen, einem Wall - mehr braucht es nicht, um ein Dorf zu bauen. Das indes wird wenig märchenhaft sein. "Man darf nicht vergessen, dass das Märchen nach einem Krieg spielt", sagt Klatt. Düster indes wird die Inszenierung keineswegs, dafür sind dann die Abenteuer und die Wettbewerbe, die die Männer bestehen müssen, doch zu spannend und bieten vor allem dem kleinen Publikum Gelegenheit, nach allen Regeln der Zuschauerkunst mitzufiebern. Und letztlich gibt es ja auch noch eine Prinzessin, die sich am Ende für ihr langweiliges altes Leben oder einen neuen Freundeskreis entscheiden muss.
03.11.2009, 13:36 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Die Deutsche Bühne, 11 | 2009
Raus aus der Vergangenheit
André Bücker vollbringt am Anhaltischen Theater in Dessau einen auf ganzer Linie überzeugenden Neustart als Nachfolger von Johannes Felsenstein
Eine Putzfrau, ausgerechnet eine Putzfrau ist es, die zur Augenzeugin der Verschwörung wird: Im verwüsteten Plenarsaal, wo Luftballons zwischen umgeworfenen Stühlen liegen, blickt sie schweigend auf den abgesetzten Herrscher und seine First Lady herab. Und während sich die Anhänger des Gewesenen spätestens in diesem Augenblick auf radikale Ablehnung einigen, sehen all jene, die auf das Kommende gehofft haben: Hier findet tatsächlich ein Akt der Reinigung statt, ein Kehraus jener Tradition, die auf dem Anhaltischen Theater zuletzt bleischwer lastete.
Nichts weniger hatte André Bücker für seine erste Dessauer Spielzeit angekündigt, nichts weniger hat sein Team mit dem ersten Premierenwochenende gehalten: Der Premieren-Hattrick aus Einar Schleefs „Abschlussfeier“, Richard Wagners „Lohengrin“ und Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ war eine politische und poetische Ansage, die in ihrer programmatischen Geschlossenheit wie in ihren ästhetischen Differenzen zu schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigte. Dass sich der neue Generalintendant dabei in nobler Zurückhaltung übte und seine eigene Inszenierung an den Schluss des großen Theater-Festes stellte, durfte nach den Tagen des Patriarchen Johannes Felsenstein als Bekenntnis zum demokratischen Miteinander verstanden werden.
Die Fallhöhe seines „Nathan“ aber ist gleichwohl himmlisch: Rechas Vision, die einen Engel statt des Tempelherrn für ihre Rettung aus dem Feuer verantwortlich macht, wird als Prolog auf der großen Showtreppe zwischen Erde und Wasser, Feuer und Luft sichtbar beglaubigt. Im elementaren Bühnenbild von Suse Tobisch, die auch für die sakrale Haute Couture der Kostüme verantwortlich zeichnet, liest das neue Ensemble fortan einen alten Text, als wäre er ein Stück von heute. Uwe Fischers Nathan ist kein statuarischer Weiser, sondern ein von Kleinmut und Zweifeln getriebener Mensch, der sich seine Güte mühsam erarbeiten muss – und eigentlich lieber sein Gärtchen bestellen würde. Doch seitdem der selbstbewusste, kraftstrotzende Tempelherr (Sebastian Müller-Stahl) seine traumverlorene Adoptivtochter Recha (Ines Schiller) aus den Flammen getragen hat, bleibt ihm weder Zeit für seinen skurrilen Derwisch-Freund (Thorsten Köhler) noch für die Glaubensnöte seiner Dienerin Daja (Eva-Marianne Berger), die unter der Last ihrer Kruzifixe zusammenzubrechen droht und vom vielen Beten schon Pflaster an den Knien hat. Zwischen dem bigotten Patriarchen (Gerald Fiedler) und dem leichtsinnig toleranten Kampfsportler Saladin (Stephan Korves) muss der Jude sein höchstes Gut verteidigen – und gleichzeitig die Begehrlichkeiten von Sittah (Antje Weber) abwehren. Wie gut, dass wenigstens der Klosterbruder (Henning Kober) als Deus ex machina hält, was sein mit Heiligenbildchen bestickter Kittel verspricht …
André Bücker glückt es auf überraschende Weise, den Humor des Lessing-Textes als Geschmacksverstärker für die Bitterkeit freizulegen, er schlägt in der überwältigenden Körperlichkeit seines Ensembles einen gleichermaßen natürlichen wie hohen Ton an – und läuft am Ende in einhellige Begeisterung, nachdem sich am Vorabend ein Sturm aus Buh- und Bravo-Rufen über seine neue Chefregisseurin ergossen hatte. Dabei war auch Andrea Moses mit ihrem „Lohengrin“ ein großer Wurf gelungen: Sie hatte nicht nur den schimmernden Helden als Demagogen entzaubert, der mit seinem Frageverbot einen esoterischen Faschismus etabliert. Sie hatte zugleich den Hochbunker aus dem Jahr 1938 in all seinen gigantischen Möglichkeiten ausgeschöpft – und mit dem Haus auch die Menschen bewegt.
Denn dies war die frappierendste Neuerung ihres Abends, der in Christian Wiehles Ausstattung Schnürboden und Versenkung, Hinter- und Seitenbühne beansprucht: Ihre individuelle und präzise Figurenführung löste endlich jene musiktheatralische Qualität ein, die in den letzten Jahren vor Ort meist zur bloßen Behauptung verkommen war. Der Chor, verstärkt um Mitglieder des Extrachores und des freien Coruso-Ensembles, zeigte sich unter der Leitung von Helmut Sonne sängerisch wie darstellerisch in der Form seines Lebens, die Anhaltische Philharmonie spielte unter Antony Hermus gar weit über ihren bisherigen Möglichkeiten. Wie hier die Szene aus dem Klang geschöpft und in den Ton zurückgeführt wurde – das hatte Charme und Kraft, das war eine Verführung zum Denken und ein Bekenntnis zum „Bayreuth des Nordens“.
Dass sich neben den verlässlichen Konstanten Ulf Paulsen (Telramund) und Iordanka Derilova (Ortrud) ein neues Sängerensemble behauptete, von dem man sich künftig viel erwarten darf, rundete den positiven Eindruck: Pavel Shmulevich ist ein viriler König Heinrich, neben dem auch sein Heerrufer Wiard Witholt glänzende Figur macht. Und während Bettine Kampp als zunächst narkotisiertes Opfer Elsa allmählich zur selbstbewussten Frau reift, die als Einzige dem militanten Sog der New-Age-Gemeinde entrinnt, muss Andrew Sritheran in seinem Rollendebüt als Lohengrin zwar Lehrgeld zahlen. Er rettet sich – von Antony Hermus treulich geführt – aber mit Bravour über den Abend und wird an dieser Rolle gewiss weiter wachsen. Dass das gesamte Ensemble am Ende zudem wie ein Mann applaudierend hinter seiner Regisseurin stand, die drei Tage nach ihrem Dessauer Einstand mit der Berufung an die Staatsoper Stuttgart bereits die nächste Karriere-Stufe nahm, war ein Beweis für den neuen Geist, der auf dieser großen Bühne weht – und der Andrea Moses auch darin bestärkt, ihren Dessauer Vertrag bis 2011 zu erfüllen.
Dass Armin Petras schließlich ein besonderes Geschenk zum Einstand mitbringen würde, hatte man angesichts seiner Affinität zum Werk von Einar Schleef vermuten dürfen. Und tatsächlich geriet die „Abschlussfeier“, die vom Clash der Kulturen in einer DDR-Jugendherberge erzählt, zu einem Schauspielerfest voll überdrehter, traurig grundierter Heiterkeit: Ursula Werner und Hilke Altefrohne, Julischka Eichel und Sabine Weibel gaben als Gorki-Gäste hier das Niveau vor, zu dem sich auch die Ensemblemitglieder Regula Steiner-Tomic und Christel Ortmann sowie der Jugendklub des Anhaltischen Theaters streckten. Aus der kleinen Spielstätte wuchs und öffnete sich dieser so kluge wie sentimentale Abend in die Stadt hinein. Und am Ende der großen Party in einem kleinen Land konnte man wissen, dass dort vielleicht nicht alles schlecht – aber ganz gewiss gar nichts gut war.
Dass bereits in der ersten „Lohengrin“-Pause das neue Gästebuch mit dem Eintrag „André Bücker absetzen“ eröffnet worden war, erzählte viel über die Aufnahmebereitschaft der Alten für das Neue. Das letzte Wort aber hatte der Hausherr selbst: Nachdem ein Kinderchor die drakonische Strafe für Menschlichkeit zunächst noch mit „Hallelujah“ bejubelt hatte, schwebte am Ende eine bunte Leuchtschrift über der Szene: Ein roter Halbmond bildete das „C“, ein Davidsstern das „X“ und ein Kreuz das „T“ in dieser Aufforderung, die sich insgesamt als „Coexist“ lesen ließ. Und Nathan, dieser Mensch von Hier und Heute, pflanzte endlich seinen Baum. Was für ein Bild, welch ein Versprechen!
29.10.2009, 16:57 | tags: Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 29.10.2009
Anhaltisches Theater zeigt deutschen Schauspielklassiker „Nathan der Weise“
Am 31. Oktober zeigt das Anhaltische Theater „Nathan der Weise“ – Schauspiel von Gotthold Ephraim Lessing, inszeniert von Generalintendant André Bücker bereits um 17 Uhr im Großen Haus. Erzählt wird eine große Geschichte um Liebe, Macht, Glaube, Geld und den „wahren“ Glauben. Obschon 230 Jahre alt, hat der Text nicht an Aktualität und Brisanz verloren. Die Inszenierung wurde zur Premiere vom Publikum mit viel Applaus gefeiert.
Im Anschluss an die Vorstellung haben die Zuschauer die Möglichkeit, in der Veranstaltung NACHGEFRAGT mit dem Regisseur und den Ensemble-Mitgliedern ins Gespräch zu kommen.
27.10.2009, 11:55 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.10.2009
Menschen erklären, was die Puppen sagen wollten
Der Regisseur Nino Sandow bringt auf der Puppenbühne «Der zerbrochne Krug» zur Premiere
Das ist so ein Tag, an dem man am liebsten im Bett bliebe: Verschrammt und verkatert quält sich der klumpfüßige Dorfrichter aus den Federn, nur langsam gewinnt die Erinnerung an seine nächtliche Niederlage Gestalt. Dass der Schreiber Licht ausgerechnet heute so verdächtig fröhlich ist, obwohl - oder gerade weil? - er eine spontane Visite des Gerichtsrats Walter anzukündigen hat, verschlimmbessert Adams Laune zusätzlich. Und vor der Tür sammeln sich schon Kläger und Beklagte, die seinen Richterspruch über einen zerbrochenen Krug erwarten .
Heinrich von Kleists Geschichte eines Sündenfalls lebt als Lustspiel ganz in und aus der Sprache: Wie sich hier alle Beteiligten um Kopf und Kragen reden, wie Lügen wuchern und Missverständnisse ins Kraut schießen - das ist Weltliteratur. Wenn man sich diesem funkelnden Text nun aber nicht allein mit Darstellern aus Fleisch und Blut, sondern auch mit Puppen nähert, dann muss man dafür gute Gründe haben - zumal der Dichter mit seinem Aufsatz "Über das Marionettentheater" einen der grundlegenden Essays über die Kunst-Figuren hinterlassen hat. Dass Nino Sandow diesen Text vor seiner Inszenierung "Der zerbrochne Krug" am Dessauer Puppentheater kannte, ahnt man am Schluss des Abends. Denn dort will er seinem Publikum den braven Ruprecht als Bären aufbinden - also als jenes Tier, das den Fechter Kleist durch seine instinktiven Paraden zum Wahnsinn treibt.
Aber dies bleibt dem unvorbereiteten Besucher so rätselhaft wie viele der Einfälle, mit denen der Regisseur seine ästhetisch ambitionierte Arbeit garniert. Zwar ist der Bühnenraum nach Entwürfen von Eberhard Keienburg mit seiner optischen Verzerrung und seinem Fensterkreuz-Schatten ein Geniestreich, weil er die Figuren zu Überlebensgröße steigert. Zwar wirkt der Tiger-Lillies-Look der Darsteller als geglückter Verweis auf große Vorbilder - die Geschichte aber wird bestenfalls in Ansätzen erzählt. Und daran ist nicht allein die knappe Spieldauer von 80 Minuten Schuld, die zudem noch mit stummen Momenten von fragwürdiger Bedeutsamkeit gestreckt wird.
Dass sich die Mägde Liese und Marthe in einen obszönen Knecht namens Hanfried verwandelt haben, dient der Wahrheitsfindung so wenig wie der überdrehte Auftritt des Gerichtsrats, auch der seltsame Beobachter hinter dem Fenster oder der Aufmarsch eines gackernden Federviehs stiftet keine Erkenntnis. Dass diese Regie-Attitüden zudem jene Passagen überstrahlen, in denen sich Adam seine Notlügen zurechtlegt und den Prozess mit Drohungen und Schmeicheleien beeinflusst, bleibt ein Problem. Man muss sich schon sehr konzentrieren, um dem Kriminalfall folgen zu können. Und das scheint auch dem Ensemble so zu gehen.
Helmut Parthier ist hinter der Puppe des Dorfrichters sichtlich sicherer als in seiner demaskierten Erscheinung als Gerichtsrat, den er paradoxerweise von Ivana Sajevic übernehmen muss, weil diese zum Finale in ihre Zweitrolle als Eve schlüpft. Pascal Martinoli macht als Licht wie als Ruprecht eine gute, wenngleich ein wenig harmlose Figur, während er als Bärenhäuter mit der Tücke des Kostüms zu kämpfen hat.
Und nachdem Uta Krieg als Marthe Rull zu Höchstform aufgelaufen ist, als sie die absurde Geschichte des Kruges in aller Ausführlichkeit dargeboten hat, wird Susanne Hessel als Frau Brigitte zur Überraschung des Abends: Denn dass der Deus ex Machina im Reich der Puppen von Christian Werdin als ein Mensch erscheint, der wiederum auf kuriose Weise verpuppt ist, scheint die klügste Pointe der Inszenierung. Am Ende aber müssen die Menschen erklären, was die Figuren eigentlich sagen wollten. So war das von Kleist gewiss nicht gedacht.
24.10.2009, 11:00 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 24.10.2009
Hass, Ohnmacht und eine beklemmende Normalität
Im Alten Theater hat am Mittwoch das Stück «Der Kick» Premiere
Marinus Schöberl, 16 Jahre, kennt seine Mörder und trinkt Bier mit ihnen, bevor er gedemütigt und geschlagen wird, bevor ihm Sebastian Fink, 17 Jahre, ins Gesicht uriniert. "Ich bin ein Jude", soll Marinus sagen, sagt es, wird zum Schweinestall getrieben, muss in den Futtertrog beißen. Marcel Schönfeld, 17 Jahre, kennt den Film "American History X", kennt den "Bordsteinkick", springt Marinus ins Genick. Weil das Opfer noch röchelt, schlägt Marcel, getrieben durch den Bruder Marco, 23 Jahre, mit einem Stein zu. Es dauert, bis man Marinus findet, verscharrt in einer Jauchengrube.
Übernahme aus dem Harz
Zwei Jahre nach dem Mord ging der Dokumentarfilmer Andres Veiel nach Potzlow, um die Menschen hinter den Schlagzeilen zu sprechen. Ein Buch, ein Film und ein mit der Dramaturgin Gesine Schmidt erarbeitetes Theaterstück liegen mittlerweile vor. "Der Kick" hatte am Mittwoch Premiere im Alten Theater. Gezeigt wird eine Übernahme der Inszenierung von Axel Sichrovsky für das Nordharzer Städtebundtheater. Dort wurde das Stück nach dem rechtsextremistischen Überfall auf Mitglieder des Ensembles angesetzt.
Halberstadt liegt am Rand des Harzes, Potzlow in der Uckermark, die Gewalt eskaliert mitten in der Gesellschaft. Das sagt die Bühne (Norgard Kröger) schon in der Gruppierung der Stühle. Mittendrin werden sie vernetzt, die hilflosen Notizen über ein verarmtes Leben, einen Berg Alltag, über verlorene Söhne, enttäuschte Hoffnungen und die Protokolle der Verdrängung, der Brutalität. Wie ungefragt antworten in traurig rudimentärer Sprache die Mütter des Opfers und der Täter, Freunde und Bekannte. Wenn ein Bürgermeister vom Taubenzüchterverein redet, muss man sich daran erinnern, dass hier kein zynischer Autor provinzielle Verdrängungsmechanismen karikiert, sondern Originalton aufgezeichnet wurde.
Die Verhöre berichten im Dunkeln von der Tat. Der Täter läuft in das projizierte Vorbild des Films. "Ebenso hätte einer von unseren Jungs das Opfer sein können", sagt die Mutter der Täter.
Zwei Darsteller spielen die vielen Rollen. Was steht hinter diesem, vom Autor vorgezeichneten Minimalismus? Die Absicht einer Entpersonalisierung, die Scheu, Typen vorzuführen, die Vernetzung aller Beteiligten? Sichrovskys Inszenierung aber verzichtet auf eine streng protokollarische Form, auf die Distanz der Abstraktion und ordnet das Textgeflecht zu Milieustudien und Charakterskizzen, die sich in Mimik, Stimmlage, Kleider- und Perückentausch äußern. Gasbetonsteine markieren Positionen, lauter Sockel ohne Helden, lauter schweigende Kläger, lauter Tatwaffen.
Platz für eigene Ängste
Susanne Hessel und Sebastian Müller-Stahl unterbrechen den Text, berichten von eigenen Erfahrungen und Ängsten, zeichnen beeindruckende Skizzen. Nur wenige Figuren, etwa die des Bürgermeisters, werden zur vorgeführten Karikatur. Gerade die Eltern der Täter, die auf dem Sofa zur Diaschau das verstrichene Familienglück beschwören, liefern die beklemmende Normalität hinter der Brutalität.
Ob die Gewalt zugenommen habe oder deren Grenzenlosigkeit, welcher Druck auf den Jugendlichen laste, ob man hinter den Mördern auch die Menschen sehen solle, wenn sich Opfer- und Täter-Biografien so nahe seien, wurde im Gespräch danach gefragt. "Der Kick" liefert keine Urteile, sondern eine Chronik, die das Urteil des Zuschauers fordert, auch wenn die erste Antwort Schweigen ist.
22.10.2009, 07:33 | tags: Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Pressestimmen | Autor: Franziska Blech
Joachim Lange, Dresdner Neueste Nachrichten, 20.10.2009
Lohengrin, übernehmen Sie!
Das Anhaltische Theater wagt mit einer Schleef Uraufführung und einem Wagner Klassiker den Neustart.
Das Anhaltische Theater in Dessau gehört zu jenen Häusern, für die aktuelle Spielzeitauftakt zugleich ein Neustart ist. André Bücker ist der neue Intendant, Andrea Moses die neue Chefregisseurin, Antony Hermus der neue GMD der Anhaltischen Philharmonie. Johannes Felsenstein hat dieses Haus als Intendant fast zwei Jahrzehnte durch alle Nachwendegefährdungen sicher geführt und als Regisseur bewusst neben dem Mainstream der ästhetischen Aufbrüche geprägt. Er gehört wohl zu den letzten Opern-Patriarchen dieser Art. Dass man in Dessau tatsächlich die Kraft zu einem ästhetischen Neuanfang hat, der auf dem Ererbten aufbaut, belegte jetzt vor allem der neue „Lohengrin“, der am Samstag in einem mit Buhs gewürzten Publikumsjubel endete.
Als Auftakt gab es am Tag zuvor die Uraufführung eines Textes von Einar Schleef. Armin Petras, der Intendant des Maxim Gorki Theaters in Berlin, der nebenbei als Regisseur und (Pseudonym-)Autor Fritz Kater längst ein ausgewiesener Bühnenverarbeiter der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte ist, hat in einer Koproduktion mit seinem Haus, jetzt die dramatisierte Version von Schleefs „Abschlussfeier“ ins frisch hergerichtete neue Alte Theater inszeniert. Da wird 1978 in Kühlungsborn das Ende eines Aufenthalts von französischen Jugendlichen in der DDR gefeiert.
Eigentlich geht es aber um den ernüchternden Blick auf sich selbst, den die Besucher bei den (nicht so ganz freiwillig) Daheimbleibenden provozieren. Da monologisieren die Heimleiterin, ihre viel jüngere Stellvertreterin und zwei Küchenkräfte über das Leben. Mit seiner Wärme, die beim notgedrungenen Zusammenrücken oder beim pragmatischen Umgang mit dem Unvollkommenen entstand. Und mit der Kälte, die aus dem Misstrauen erwuchs. Auch wenn das in der Rückschau vielleicht ein paar Mal zu oft und direkt beim seinem Stasi-Namen genannt wird, das Prinzip stimmt schon, nach dem was man heute so weiß.
Den Heimleiterinnen- und Stellvertreterinnen monolog und das Küchenfrauengeplänkel gibt es in der intimen Studio Bühne. Den unbeaufsichtig, enthüllenden Nach-Fete-Kater, inklusive heimlichem Westfernsehgucken im auf Jugendclub der Endziebziger getrimmten Foyer.
Und eine Abschiedsgaudi vor dem Theater mit etwas Ostseesand und einem Barkas draußen, mitten in der Dessauer Abendwirklichkeit von heute. Das ist nun auch durch Petras‘ raumgreifende und aufmotzende Inszenierung noch keine Tiefenanalyse der DDR, aber doch ein Blick auf einen Alltagsausschnitt, der vor allem durch die wunderbare Ursula Werner als Heimleiterin für sich einnimmt. Wie sie ihr Selbstbild vom zufriedenen Leben in der Andeutung von Gesten bricht, den Zweifel nicht zulässt, sich fügt, ohne sich aufzugeben, die Sympathie auf sich zieht – das ist ein Kabinettstück großer Schauspielkunst, das allein diesen Abend lohnt. Und doch spielt sie als Chefin weder ihre beiden herrlich weggedrückten Küchenhilfen (Christel Ortmann und Regual Steiner-Tomic), noch ihre nölig ehrgeizige Stellvertreterin Hilke Altefrohne oder die beiden Mädels Gisela (Julischka Eichel) und Gerda (Sabine Waibel) an die Wand. Da wird die Reise in die Internationale Jugendherberge zu einem herzerwärmenden Besuch einer hinreißend, jungen alten Dame.
Mit dem Lohengrin dann knüpfte das große Haus an die Dessauer Wagnertradition an (wovon Gottfried Wagners Vorgänger-Lohengrin, kurz nach der Wende, eher eine seitliche Eventarabeske war). Überm Bühnenportal prangt jetzt mit „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ eine „human coaching“ Losung, die einem im Laufe des Abends immer klarer und unheimlicher wird.
Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle haben Wagners Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um die Macht und auch die Frage, ob die Freiheit Brabants an der ungarischen Grenze verteidigt werden muss. Am Ende marschieren denn auch alle im Gleichschritt unter wehenden Fahnen im wahrsten Wortsinn rückwärts in den Krieg und nur Elsa entkommt dem triumphierenden Wahnsinn über den Zuschauerraum.
Hatten Katharina Wagner in Budapest in ihrem Wende – Lohengrin den 89er Bruch verarbeitet und Florian Lutz, in Gera-Altenburg, die Nachwende-Zeit im Osten Deutschlands thematisiert, so verlängert Moses dieses Lohengrin-Potential sozusagen in die drohende Zukunft einer durchmanipulierten, von nicht legitimierten Mächten gelenkten Gesellschaft. Ohne auf eine allzu direkte politische Metaphorik auszuweichen. „Du bist Brabant“ überm Traualtar und ein eher ironisches „Vertrauen in Deutschland“ über dem Brautgemach-Bungalow auf der ebenso ironischen Wolke Sieben reichen.
Es beginnt in einem Auditorium mit modernen, noch ziemlich individuellen, Zeitung lesenden, strickenden oder miteinander redenden Brabantern. Bei denen verlassen sich der König und sein Heerrufer nicht auf bedingungslose Gefolgschaft oder strategische Argumente. Sie haben einen Plan und der heißt Lohengrin. Der Superheld, der Strahlemann mit Charisma, der hochgepuschte Messias. Er wird installiert mit einem medialen Brimborium von Obamascher Perfektion, mit Schwanen-Auftritts-Video, Schaukampf und einer ganzen Truppe von ideologischen Hostessen, samt neuer Bibel mit aggressivem Schwanenlogo in der Geschenktüte.
Der Heerrufer ist hier dafür verantwortlich, dass Elsa, die sich diesmal tatsächlich so seltsam bewegt, wie sie redet, nicht aus der Rolle fällt. Als Telramund sie in aller Öffentlichkeit auffordert, das Frageverbot zu brechen, reicht ihr der Heerrufer schon mal sein Minidisplay mit dem Text zu. Bis eben auch sie im Brautgemacht nicht mehr „funktioniert“. Hier lässt Telramund schließlich auch Lohengrin auffliegen. Er hat einen Mitschnitt, auf dem man sieht, wie dieser Charismatiker für seinen „Auftrag Brabant“ abkassiert. Zusammen mit der ausgefeilten Personenführung ist das eine Enthüllungsstory mit Thriller-Qualitäten.
Schließlich ist es der gescheiterte Lohengrin, der den Strippenziehern eine Telefonnummer zusteckt, über die sie den Ersatz-Jungen (noch ziemlich „unfertig“ und mit Maske) aus dem Schnürboden einschweben lassen können. Da für diese Pointe das Wissen Lohengrins über Gottfrieds Verbleib Voraussetzung ist, gibt es auch die selten zu hörende zweite Strophe der Gralserzählung. Für die hat der junge neuseeländische Tenor Andrew Sritheran genügend Kraft. Die kleinen Angestrengtheiten lagen zum Glück vor dem „In fernem Land…“
Auch sonst bietet Dessau ein Ensemble von Sängerdarstellern auf, das sich hören und sehen lassen kann. So sind Iordanka Derilova und Ulf Paulsen, als Ortrud und Telramund, fulminant; Bettine Kampp eine so wunderbar klare wie neben sich stehende Elsa; Pavel Shmulevich als Heinrich ein stimmnobler, moderner Manager der Macht und der junge Heerrufer Wiard Witholt ein seiner Rolle als Coach Elsas in jeder Hinsicht gewachsener Strippenzieher! Die Spielfreude des aufgestockten Chores war allenthalben spürbar.
Nicht zuletzt überzeugte auch die Anhaltische Philharmonie. Obwohl das beim Vorspiel noch nicht so klar war, etliche Patzer dazwischenfunkten und Antony Hermus aus dem Hochzeits- einen Geschwindmarsch machte, der (vielleicht ja bewusst) mehr einer Parodie dieses Ohrwurms glich. Doch im Ganzen fand das Orchester überzeugend zu seinen Qualitäten, lieferte im dramatischen Auftrumpfen der Massenszenen das martialisch Enthüllende ebenso mit, wie dann doch noch die betörenden Gralsklänge. Damit ist Dessau ein spannender und lohnender Neustart gelungen.
Übrigens liegt das Anhaltische Theater zum Glück ja nicht in fernem Land…..
Nächste Vorstellungen: 22.11.; 27.12. 2009
www.anhaltisches-theater.de
19.10.2009, 10:57 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 19.10.2009
Premiere Schauspiel
„Der Kick“
Dokumentarisches Schauspiel von Andres Veiel und Gesine Schmidt
Eine weitere Premiere im Schauspiel findet am 21. Oktober um 19:00 Uhr im Studio des Alten Theaters statt. „Der Kick“ beschreibt einen authentischen Fall aus dem Jahr 2002: Nach stundenlanger Folter erschlagen Marcel Schönfeld, 17, sein Bruder Marco, 23, und ein weiterer Jugendlicher im brandenburgischen Dorf Potzlow den 17-jährigen Marinus Schöberl auf bestialische Weise. Sechs Monate bleibt die Leiche verschwunden. Ein Dorf schweigt, versucht die Tat zu verdrängen und zu vergessen.
„Der Kick“ versucht, die Ursachen des Gewaltexzesses zu erforschen und das Unglaubliche der Vorgänge aus dem Jahr 2002 fassbar zu machen. Die Autoren Andres Veiel und Gesine Schmidt lassen 18 real existierende Personen (Täter, Angehörige, Nachbarn und Beamte) zu Wort kommen und montieren die Texte aus Protokollen, Interviews und Trauerreden zu einem der beklemmendsten Entwürfe der Gegenwartsdramatik. Sie vermitteln einen erschreckenden Einblick in den Tathergang und darüber hinaus in die sozialen Verhältnisse der Beteiligten.
Zu dieser Aufführung werden theaterpädagogische Begleitprogramme wie Einführungen und Nachgespräche angeboten.
In der Inszenierung von Axel Sichrovsky spielen Susanne Hessel und Sebastian Müller-Stahl.
Inszenierung: Axel Sichrovsky | Bühne und Kostüme: Norgard Kröger
Für die Premiere und die nächsten Vorstellungen gibt es noch Restkarten.
Weitere Vorstellungen: 22.10.09, 10 Uhr | 29.10.09, 10 Uhr | 30.10.09, 10 und 19:30 Uhr | 2.11.09, 10 und 16 Uhr | 25.11.09, 16 Uhr | 26.11.09, 10 Uhr | 27.11.09, 16 Uhr
16.10.2009, 07:48 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Rosslau, 15.10.2009
Männlichkeit reißt die Mauer ein
Premiere: «Helden wie wir» nach dem Roman von Thomas Brussig
Im Schauspiel des Anhaltischen Theaters steht die nächste Premiere an: Im Alten Theater wird am Freitagabend um 19.30 Uhr erstmals "Helden wie wir" nach dem Roman von Thomas Brussig gezeigt.
Sebastian Müller-Stahl, der erst vor wenigen Tagen im Nathan als junger Tempelherr sein bejubeltes Dessau-Debüt gab, spielt in Helden wie wir Klaus Uhltzscht. Der ist ein junger durchschnittlicher DDR-Bürger, doch ein echtes Vollblut im Kampf gegen den Klassenfeind. Nur zu seinem wahren Glück fehlt ihm ein kleines Stück. Sein vermeintlich wichtigstes Körperteil scheint zu klein geraten. Doch kurz vor dem Ende der DDR lässt ein Unfall, was bislang für zu klein gehalten in gigantische Dimensionen wachsen. Und Klaus Uhltzscht wird endlich etwas wirklich Großes gelingen. Denn was ganz zu Unrecht dem Volk der DDR zugerechnet, ist einzig sein Verdienst. Klaus allein wird den Antikapitalistischen Schutzwall im Jahre 89 zum Einsturz bringen. Und dies einzig durch die Pracht und Kraft seiner monströsen Männlichkeit.
Thomas Brussigs Roman wurde schnell ein Bestseller, von der Kritik als "heiß ersehnter Wenderoman" begrüßt und bietet in der Bühnenfassung einen unterhaltsamen Abend. Neben Müller-Stahl spielen in der Inszenierung von Axel Sichrovsky Nils Fichtner und Benjamin Schultz.
Restkarten für die Premiere und weitere Vorstellungen gibt es an der Theaterkasse unter 0340 / 2 40 02 58.
15.10.2009, 14:32 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 15.10.2009
Nathan der Weise
Schauspiel von Gotthold Ephraim Lessing
Die zur Premiere vom Publikum begeistert aufgenommene Inszenierung „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing, in der Regie von André Bücker, steht am 24. Oktober, um 19:30 Uhr wieder auf dem Spielplan des Anhaltischen Theaters Dessau.
Es geht um die Macht und den „wahren“ Glauben, und für den Juden Nathan, trotz Reichtum und Weisheit, um nicht weniger als ums Überleben, um sein eigenes und das seiner Tochter Recha. Sultan Saladin will Nathans Geld, ein christlicher Tempelherr liebt verzweifelt seine Tochter, der Patriarch will seinen Kopf und der weise Jude glaubt weiterhin daran, dass alle miteinander leben können, so unterschiedlich sie auch sind. Das ist der Stoff, aus dem eine große Geschichte um Liebe, Macht, Glaube und Geld gemacht ist und der Lessings Stoff so spannend und gegenwärtig macht.
Den Zuschauer erwarten spannende dreieinhalb Theater-Stunden mit spielfreudigen Schauspielern in einem großartigen Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Suse Tobisch).
Nächste Vorstellungen: 24.10.09, 19:30 Uhr | 31.10.09, 17 Uhr | 19.11.09, 16 Uhr
14.10.2009, 12:19 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 14.10.2009
Premiere Schauspiel
„Helden wie wir“
Nach dem Roman von Thomas Brussig in einer Fassung von Axel Sichrovsky
Klaus ist jung, ein durchschnittlicher DDR-Bürger, doch ein echtes Vollblut im Kampf gegen den Klassenfeind. Nur zu seinem wahren Glück, fehlt ihm ein kleines Stück. Sein vermeintlich wichtigstes Körperteil scheint zu klein geraten. Doch kurz vor dem Ende der DDR lässt ein Unfall, was bislang für zu klein gehalten in gigantische Dimensionen wachsen. Und Klaus Uhltzscht wird endlich etwas wirklich Großes gelingen. Denn was ganz zu Unrecht dem Volk der DDR zugerechnet, ist einzig sein Verdienst. Klaus allein wird den Antikapitalistischen Schutzwall [sprich: Mauer] im Jahre 89 zum Einsturz bringen. Und dies einzig durch die Pracht und Kraft seiner monströsen Männlichkeit.
Thomas Brussigs Roman wurde schnell ein Bestseller, von der Kritik als „heiß ersehnter Wenderoman“ begrüßt und bietet in der Bühnenfassung einen höchst unterhaltsamen Abend.
Bei der Premiere am Freitag, den 16. Oktober um 19:30 Uhr auf der Studiobühne im Alten Theater spielen Nils Fichtner, Sebastian Müller-Stahl und Benjamin Schultz in einer Inszenierung von Axel Sichrovsky. Für die Premiere und die nächsten Vorstellungen gibt es noch Restkarten.
Nächste Vorstellungen: 17.10.09, 19:30 Uhr | 5.11.09, 19:30 Uhr | 8.11.09, 18 Uhr
Karten:
Theaterkasse Rathaus-Center
Tel: 0340 2400 258 Montag bis Freitag 9:30 – 20 Uhr
Theaterkasse
Nur Telefonisch 0340 2511 – 333 Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Mail: kasse@anhaltisches-theater.de
07.10.2009, 09:23 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, das neue Team | Autor: Franziska Blech
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 07.10.2009
Wechsel nach Stuttgart und Treue zu Dessau
Regisseurin zählt ab 2011 zu Jossi Wielers Team
Am vergangenen Wochenende hat die Dessauer Chefregisseurin Andrea Moses mit ihrer Inszenierung von Richard Wagners "Lohengrin" noch für einen ebenso umstrittenen wie umjubelten Einstand am Anhaltischen Theater gesorgt, am Dienstag nun wurde sie bereits vom designierten Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler als seine neue Hausregisseurin ab der Spielzeit 2011/12 vorgestellt. Der international renommierte Regisseur Wieler lobte Andrea Moses nicht zuletzt für ihr Dessauer Debüt als "Persönlichkeit, die unsere Vorstellungen von Musiktheater teilt und uns dabei helfen wird, sie umzusetzen."
Für die 1972 in Dresden geborene Moses, die nach großen Erfolgen im Schauspiel erst vor drei Jahren mit "Salome" im Musiktheater debütierte und schon zwei Jahre später für den deutschen Theaterpreis "Faust" nominiert wurde, ist der Wechsel nach Stuttgart der Schritt auf internationales Parkett. Immerhin war die Staatsoper bereits sechsmal "Opernhaus des Jahres", das Erfolgskonzept des früheren Intendanten Klaus Zehelein will Jossi Wieler nun in die Zukunft verlängern. Mit einer handverlesenen Schar von Künstlern soll hier wieder ein Ensemble-Theater aufgebaut werden, das seine Urform in der Komischen Oper von Walter Felsenstein hatte.
Ihren Zwei-Jahres-Vertrag mit dem Anhaltischen Theater will Andrea Moses aber nicht nur erfüllen, sie versprach am Dienstag auch, dem Haus über diese Zeit hinaus verbunden zu bleiben. "Ich liebe die Arbeit und die Menschen an diesem Theater", sagte sie. "Und ich werde vollenden, was wir gerade begonnen haben." Für die kommende Saison habe sie daher alle Gastverpflichtungen abgesagt, in der aktuellen Spielzeit hingegen werde sie noch den "Don Giovanni" in Bremen und die Uraufführung von Marton Illes‘ "Die weiße Fürstin" bei der Münchner Musik-Biennale inszenieren. In Dessau will Andrea Moses ihre erste Saison mit einem Schauspielprojekt im Stadtpark beschließen, das die Stücke "Der Park" von Botho Strauss sowie "Peter Squenz" von Andreas Gryphius verbindet und für den 8. Juli 2010 angekündigt ist.
07.10.2009, 08:59 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland, 05.10.2009
Sand, Tand
Einar Schleefs Erzählung »Abschlussfeier« von 1978 besteht aus Monologen; Armin Petras, Intendant am Maxim Gorki Theater Berlin, bearbeitete sie für die Bühne, Uraufführung nun am »Alten Theater«, dem kleinen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau.
An der Ostsee, in einer internationalen Jugendherberge, findet eine Abschlussfeier statt: Jedes Jahr kommen junge Franzosen in die DDR. Chefin, Stellvertreterin, Küchenfrau, Reinemachfrau sowie Gerda und Gisela, zwei Helferinnen: ein Kaleidoskop der Alltagstechniken zwischen Versorgungsproblemen, Berichten an FDJ und Stasi, Anpassung und bescheidenen Frechheiten. Petras weiß, dass aus der Erzählung keine wirkliche Dramatik werden kann. Er treibt die beinahe dokumentarische Tonlage der Schleef-Monologe über Strecken ins Schrille. Er tut es im Verbund mit starken Schauspielerinnen. Drei Spielorte (Bühne: Annette Riedel), drei Szenen.
Ganz oben im 3. Stock das winzige Büro der Chefin, van Goghs Sonnenblumen an der Wand, Marx-Spieluhr auf dem Tisch, französische Marianne-Plastik auf dem Regal, das erhobene Gewehr der Revolutionärin ist ein prima Brieföffner. Ursula Werner: bestechend als verhemmte, aber mehr und mehr ins aufgedrehte Selbstreferat hochfahrende Herbergsmutter. Mit allen politischen Wassern gewaschen. Ihr Monolog: Trompetenstöße der Staatstreue, umlegt gleichsam mit Trommelwirbeln, die Mut machen für den Slalom zwischen fleckfreier Repräsentation nach außen und ermüdender Übermalung innerer Konflikte. Eine zähe sozialistische Fassadenmalerin, die sich im Berufsoptimismus aufreibt, um Reibungen nicht zu offenbaren – die Werner zeigt geradezu rührend, wie diese Reibungen das Gemüt zerledern.
Hilke Altefrohne als gelockte, hosenstraffe Stellvertreterin: missmutig jung, die Zähne zermalmen den Kaugummi, meinen aber dies Leben als Funktionärin, mit Zuträgerdiensten, Postkontrolle überm Wasserdampf und motorischer Gleichgültigkeit. Christel Ortmann und Regula Steiner-Tomic als Küchenfrau und Reinemachefrau hocken in der stieren Unfreude ihres kleinen Daseins, als seien sie nur eine andere Existenzform jener zwei riesigen Topfpflanzen, die sie hereinschleppen.
Im Erdgeschoss dann der Party-Raum, hier fand sie statt, die Tanz- und Saufschlacht der Jugendlichen. Aber quer durch den Raum das sture Losungsband: »Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!« Die Regie wagt in dieser Szene nach der Abschlussfeier – und zwar bis zur Strapaze – die Stimmungsschau, eine um sich selbst kreisende Besoffenheit am Grenzübergang zum Kater. Julischka Eichel und Sabine Waibel als Gisela und Gerda: Tanz im Scherbenhaufen, zwischen Luftballons, Büffetresten, Holger-Biege-Sound, Westfernsehen (Sissy und ein schwedischer Pornofilm) sowie einem letzten Bewusstlosigkeitsversuch: dem Cocktail aus allen zusammengekippten Fuselflaschen. Das hat gehörige Abstoßkraft, stößt uns freilich zugleich ins Kreatürliche, Unmittelbare von Lebensinteressen, die mit schlichten Erfüllungsständen, nicht mit hehren Ideen zu tun haben.
Dann wandern wir hinaus, die Franzosen zu verabschieden. Vorm Theater gleichsam der Strand mit einem kleinen Zelt. Dessauer Jugendliche füllen den Ort. Am Ende steht Ursula Werners Chefin allein in diesem Geviert, eine verzweifelt tapfere Patriotin der Tristesse, die immer sein wird. Wie sagte diese lohende, geradezu lüstern lenkende, leitende Frau? »Es ist außenpolitische Werbung, dieser Aufgabe bin ich mir voll bewusst, zu zeigen, wie schön das Leben in der DDR ist.« Diese Schönheit ist: sie sich einreden inmitten von Enge, Züchtigung, unerfüllter Sehnsucht.
Schleefs erzählerische Stärke: die Klaglosigkeit und Aushaltezähigkeit der Porträtierten, sich das lebenslange Grau für Momente eines wie immer gearteten Rausches wegzusaufen, wegzuknutschen, wegzufantasieren. Diese Menschen da nehmen sich das Leben, wie es nie kommt – außer wenn Westbesucher eintreffen. »In Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön« (Heiner Müller): der Einbruch der Franzosen als Gleichnis, die andere Welt ist möglich, es reichen Chanel No. 5, ein paar Klamotten – ein bisschenTand: Frieden im Klassenkampf gegen unterdrückte Wünsche. »Was unterscheidet uns von Franzosen«, fragt eines der Mädchen ermattet, »wieso bin ich nichts.« Totenklage ins eigene Leben hinein.
Die Franzosen stieben jetzt davon, wie Jugend allgemein: eine kleine bunte Flucht zwischen den Neubauten hier. Die Szene hat etwas Unwirkliches, als schwirrten Traumfetzen durch die anbrechende Nacht. Ein Mädchen in Weiß trägt ein Honecker-Foto, eine andere haut Tennisbälle in Richtung Zuschauer, ein Buch landet in einer Wasserlache, ein Mädchen in Grün spielt den sehr verfrühten Vamp, ein Videofilmer wirft die szenischen Partikel auf die gegenüberliegende Hauswand, eine Frau schiebt ihr Fahrrad hinten vorbei, das aber ist nicht Theater, das ist ein magischer Punkt Realität, und es liegt die Vermutung nahe, diese Frau ist Besuch aus jener grauen Zone, wie sie blieb trotz bunter gewordenem Deutschland.
Eine Theaterstück-Skizze. Plädoyer für den sogenannten einfachen Lebensentwurf, der sich durch komplizierte Verhältnisse beißen muss. Im Verschleiß das Dasein bejahen – du gehst leutefreundlicher nach Hause.
Nächste Vorstellung: 23.11. Premiere am Gorki-Theater: 14.11.
07.10.2009, 07:28 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung vom 06.10.2009
Andrea Moses wechselt ab 2011/ 2012 als Hausregisseurin an die Staatsoper Stuttgart
Andrea Moses, Chefregisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater in Dessau, wird im Herbst 2011 an die mehrfach als Opernhaus des Jahres ausgezeichnete Staatsoper Stuttgart als Hausregisseurin wechseln.
Andrea Moses bleibt über ihren bis 2011 andauernden Vertrag auch weiterhin dem Anhaltischen Theater Dessau als Gast verbunden. Letzten Samstag feierte ihre Inszenierung „Lohengrin“ (Musikalische Leitung GMD Antony Hermus) erfolgreich Premiere und erhielt deutschlandweit starke Presseresonanz.
07.10.2009, 07:27 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Anhaltische Philharmonie
Pressemitteilung vom 06.10.2009
„Gesänge aus 1001 deutschen Nacht“ im Alten Theater
Das Anhaltische Theater Dessau lädt zur Premiere II der „Gesänge aus 1001 deutschen Nacht“ am 8. Oktober, um 19:30 Uhr ins Alte Theater ein. Hier heißt es: Willkommen in der Anstalt! Der Bus ist angekommen und die illustren Fahrgäste erwarten jetzt ihr Publikum im Foyer des Alten Theaters, um einen Tag aus ihrem Leben im „Tollhaus Deutschland“ zu besingen.
Das Ensemble „Gesänge aus Tausend und Einer deutschen Nacht“ startete seine musikalische Odyssee unter Dessaus „freien Himmeln“. In einem alten B 1000 Bus wurden seit dem 2. Oktober in Dessau und Umgebung bekannte, wie außergewöhnliche Orte angesteuert und gesungen, was die deutsche Seele hergibt.
Jetzt präsentiert eine Inszenierung aus dem Tollhaus fünf sangeswütige Spieler, eine kleine Combo und ein atemberaubendes Stück Deutschland.
Regie: Krzystof Minkowski | Musikalische Leitung: Benjamin Schultz | Ausstattung: Konrad Schaller
Karten gibt es an der Theaterkasse und unter den Telefonnummern: 0340 2511 – 333 oder 0340 2400 – 258.
06.10.2009, 09:01 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater | Autor: Franziska Blech
Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung, 06.10.2009
In Lessings großem Märchen besiegt Toleranz den Hass
Der neue Generalintendant André Bücker inszeniert den deutschen Schauspiel-Klassiker «Nathan der Weise»
An diesem Stück kommt keiner vorbei: Ist Johann Wolfgang von Goethes "Faust" das Herz- und Denkstück der Deutschen, so besetzt Gotthold Ephraim Lessings dramatisches Gedicht "Nathan der Weise" die Position der moralischen Instanz. Der große Aufruf zur Toleranz ist ein Solitär. Aus diesem Grunde hat man das Werk gleich nach dem letzten großen Krieg als erste Premiere im zerstörten Berlin und an vielen anderen Häusern gezeigt.
Viel Applaus und Bravo-Rufe
Nun hat André Bücker, der neue Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau, sein erfolgreiches Eröffnungswochenende just mit dem "Nathan" abgeschlossen. Reichlich dreieinhalb Stunden dauert das Spiel, bei einer Pause. Viel Holz in Zeiten, da der Schauspiel-Trend eher in Richtung knackiger Kürze zu weisen scheint.
Doch Bücker, der diese Inszenierung selbst besorgt hat, wollte wohl dem großen Text die Ehre erweisen und zugleich seinem grundlegend erneuerten Ensemble und den Abonnementen die Gelegenheit geben, sich gegenseitig kennenzulernen. Das Ergebnis fiel mehr als zufriedenstellend aus, für beide Seiten: Im Saal wurde begeistert applaudiert, am Ende schallten sogar Bravo-Rufe. Und die Künstler waren froh, für ihre Arbeit derart freundlich belohnt zu werden.
So soll es, idealerweise, sein an einem Stadttheater, das seinen Bürgern verpflichtet ist - Anregung und Provokation selbstverständlich inklusive. "Wie es euch gefällt" wäre als übergreifendes Motto zu wenig, um sich dem Publikum als unverzichtbar zu empfehlen.
Von etwaiger Beliebigkeit kann bei Bückers "Nathan" auch gar nicht die Rede sein. Behutsame Bezüge zur Gegenwart im Nahen Osten werden durch Videoeinspielungen hergestellt, Aktualisierung um jeden Preis hingegen findet nicht statt. Lessings Ton ist das Maß, das den Akteuren ihre Rollen auf der symbolträchtigen Baustelle (Ausstattung; Suse Tobisch) zuweist, ohne sie von ihrer Verantwortung des Gestaltens zu entbinden. Unübersehbar das Bemühen der Regie, Pathos und historisierende Bilder in Grenzen zu halten, ganz kann dies angesichts des Stoffes und seiner Wirkungsgeschichte freilich nicht gelingen - es sei denn, man wollte Lessing komplett gegen den edelmütigen Strich bürsten.
Das wollte Bücker nicht, seinem Publikum wäre es mutmaßlich auch nicht recht gewesen. So gibt es in Jerusalem, wo die Handlung ja angesiedelt ist, einen herzensgebildeten reichen Juden namens Nathan (Uwe Fischer) zu sehen, der seiner angenommenen Tochter Recha (betont mädchenhaft: Ines Schiller) ein rührend besorgter, gütiger Vater ist. Sultan Saladin (Stephan Korves) zeigt den machtbewussten, auch unberechenbaren und eitlen, im Grunde aber gütigen
muslimischen Herrscher.
Gleichwertigkeit des Glaubens
Vielleicht lenkt er ein bisschen zu schnell ein, nachdem Nathan ihm die berühmte Ringparabel erzählt hat - die zentrale Geschichte von den drei ununterscheidbaren Kleinoden, die für die Gleichwertigkeit des christlichen, islamischen und jüdischen Glaubens stehen.
Beste, indes auch etwas selbstgewisse Figur macht Sebastian Müller-Stahl als junger Tempelherr, der Recha aus dem Feuer gerettet hat und sich schließlich als ihr Bruder und Neffe Saladins entpuppen wird. Müller-Stahl zeigt jugendliche Kraft und Trotz, auch Ironie blitzt auf. Lob gilt dem übrigen Ensemble; schön der Regieeinfall, den pompösen christlichen Patriarchen (Gerald Fiedler) als bösen, kleinen Mann aus einem Kleiderpanzer steigen zu lassen.
Auch die glitzernde Showtreppe im Bühnenhintergrund, auf der die Machtfrage im Sinne der Aufklärung entschieden wird und der Kinderchor (Leitung: Dorislava Kuntscheva) einmal Platz nehmen darf, passt gut in dieses große Märchen vom Sieg der Vernunft.
Allein, weshalb das eingangs brennende Haus des Juden Nathan noch über dieser Treppe stehen muss und dort auch bleiben soll, ist so ungewiss wie die schrille Travestie des Derwischs (Thorsten Köhler), der Nathans Freund und Saladins Geldbeschaffer ist. Gleichwohl hat der Dessauer Abend die Kraft, seine Botschaft über die Zeit zu tragen. Und darum ist es ja gegangen.
Nächste Vorstellung: Sonntag, 17 Uhr, Großes Haus
05.10.2009, 15:41 | tags: Spielzeit, Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, Anhaltische Philharmonie | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 04.10.2009
Publikum fiebert mit und ist begeistert
Spielzeit-Auftakt am Anhaltischen Theater kommt gut an - Prominente Besucher loben neues Team
Nur ein paar Takte reichten aus und Klemens Koschigs Ängste waren am Samstagabend verflogen. Noch am Abend zuvor war der Oberbürgermeister unsicher ob des Ausgangs der Opernpremiere von "Lohengrin". "Ich habe Angst", gestand er da. 24 Stunden später, nach viereinhalb Stunden Wagner am Anhaltischen Theater, war Koschig jedoch überzeugt: "Genau für solch ein Theater haben wir André Bücker nach Dessau geholt. Es gibt so viele jüngere Leute im Publikum, das haben wir uns gewünscht".
Beginn mit Abschlussfeier
Erstmals bestätigt sah sich das Stadtoberhaupt schon am Freitagabend im Alten Theater. Dort begann das Eröffnungswochenende unter der neuen Intendanz von André Bücker mit der Premiere von "Abschlussfeier" in der Regie von Armin Petras. Petras, Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, schickte sein Publikum durch das ganze Haus und schließlich vor die Tür. Nach einer bejubelten Premiere blieben viele gern, denn das bislang so kühl wirkende Foyer des Alten Theaters hatte sich durch das Bühnenbild in einen Partykeller verwandelt, der sich perfekt für eine Premierenfeier mit Live-Musik und Tanz eignete.
Im Restaurant sprach derweil die lokale Prominenz über das Gesehene. Mit der "Abschlussfeier" habe er ein Stück erlebt, dass nicht besser zum Tag der Deutschen Einheit hätte passen können, sagte Klemens Koschig. Er wertete die Inszenierung vor allem angesichts der Verklärung von Erinnerungen als besonders wichtig. "Es ist gut, dass es solche Stücke gibt, die uns immer wieder vorführen, wie es in der DDR war." Autor Einar Schleef, der mit seiner Erzählung die Vorlage für die Theaterfassung der Dessauer Uraufführung lieferte, war ein Meister im Schildern des ostdeutschen Alltags. Dass sich dies adäquat auf der Bühne widerspiegelte, fanden auch Gäste aus Sangerhausen. Mit zehn Leuten war der Schleef-Arbeitskreis aus der Geburtsstadt des Autors angereist. "Die Fahrt hat sich gelohnt. Es war ein toller Abend", freute sich Dieter Wrobbel vom Arbeitskreis, der zugleich auch einen Bekannten in Dessau wiedertraf: André Bücker inszenierte beim "Schleef-Block I" 2004 in Sangerhausen den Schleef-Abend "Kein schöner Land", und auch Petras kam damals mit einer Produktion in die Rosenstadt. "Eigentlich schließt sich hier heute in Dessau ein Kreis", befand Wrobbel
Eine Zuschauerin der "Abschlussfeier" konnte am Freitag nicht ganz so gelassen in die Premierenfeier gehen, denn ihre eigene fand erst am Abend darauf statt. Andrea Moses, Regisseurin des "Lohengrin", verabschiedete sich bald und sammelte Kraft für ihr Dessau-Debüt.
18 Uhr sah man sie am Sonnabend ganz außen in Reihe 5 im Parkett sitzen. Angespannt, mitfiebernd, lachend und begeistert von Solisten, Chören und Orchester, blieb für die Regisseurin nun nicht mehr viel zu tun. Zwei Pausen gab es während der Oper, danach eine bis in die Morgenstunden dauernde Premierenfeier, Zeit also für Diskussionen über die Lesart der Regisseurin, Zeit für erste negative und positive Einträge in das neue Gästebuch des Hauses. Bevor gefeiert wurde, galt das Wort des Generalintendanten jedoch allen Mitwirkenden. André Bücker dankte im Rangfoyer nicht nur den Solisten und Chören, er hob auch alle Gewerke und die Technik des Hauses hervor. "Aus einem Stab kommt kein Klang." Mehr musste Dirigent Antony Hermus als Wertschätzung für Orchester und Ensemble nicht sagen.
Auffallend viele auswärtige Besucher waren am Sonnabend nach Dessau gekommen. Theaterleute, die den Dessauer Neustart miterleben wollten. So auch Ulrich Katzer, Betriebsdirektor der halleschen Oper und Orchester GmbH, der alle drei Eröffnungspremieren sah. "Ich bin neidisch", war sein Kommentar nach der Opern-Premiere. "Dessau kann stolz sein auf seine neue Mannschaft."
Christoph Werner, Intendant des "Neuen Theaters" in Halle und gebürtiger Dessauer, hat neben den Besuchen bei seinen Eltern nun noch einen weiteren Grund ausgemacht, wieder öfter nach Dessau zu kommen. "Das war ein Großstadttheaterabend, wie man ihn auch in Dresden erleben kann. Als Dessauer bin ich stolz, dass man solches Theater jetzt auch in meiner Heimatstadt sehen kann", sagte er. Werner, der in Halle die Nachfolge von Peter Sodann antrat, weiß um die Probleme und Ängste, die mit einem Wechsel der Intendanz verbunden sind. "In Gesprächen und beim Publikum habe ich gemerkt, wie verfelsensteint noch manches ist. Die jetzigen Premieren sind eine klare Ansage. Ich wünsche dem neuen Team viel Kraft und komme jetzt öfter."
Zurück an den früheren Wirkungsort kehrte auch Clemens Birnbaum. Der ehemalige Weill-Fest-Intendant verantwortet nun in Halle die Händel-Festspiele. "Lohengrin war ein großartiger Saisonauftakt und eine phantastische musikalische Leistung", lobte er vor allem die Arbeit von Generalmusikdirektor Antony Hermus. Und in der Inszenierung von Andreas Moses habe er sich "keine Minute gelangweilt".
Gäste kommen wieder
Ein besonders kritisches Auge auf den Opernabend warfen mehr als 40 Besucher aus Bremen, die nach Dessau gereist waren. Nicht zum ersten Mal kamen Mitglieder des Bremer Richard-Wagner-Verbandes in die Muldestadt. "Der erste Eindruck war gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich erst einmal gewöhnt hatte, dann war es toll", resümierte Hannelore Pöpper. Die Bremer werden Dessaus Theater weiter besuchen, versicherte sie.
"Wir kommen wieder", befand auch ein anderer prominenter Premierengast: Bernd Junkers, der nur Stunden zuvor eine Ju 52 auf den Namen "Dessau" getauft hatte, will fortan öfter die Strecke München-Dessau fahren, um hier ins Theater zu gehen.
04.10.2009, 10:21 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Hartmut Krug, nachtkritik, 02.10.2009
Abschlußfeier – Armin Petras entfaltet eine Erzählung Einar Schleefs in Dessau zum DDR-Panorama
Eine Art Ost-Botho-Strauß
Das Büro ist winzig: nur Tisch und Stuhl, davor eine Batterie von Lautsprechern. Von der Wand strahlen van Goghs Sonnenblumen und auf einem Wandbrett lässt eine revolutionäre Tischfigur die französische Fahne leuchten. Die Chefin der internationalen Jugendherberge in Kühlungsborn klemmt sich hinter ihren Schreibtisch, nutzt das jubelnd hochgereckte Gewehr der Figur als Brieföffner und resümiert über ihr Leben und ihre Arbeit. Dabei befreit sich Ursula Werner aus verdruckster Verlegenheit in scheinbar fröhliche Zufriedenheit.
Wie die Schauspielerin den nüchtern-lakonischen Text dieser Frau durchspielt und durchdenkt, wie sie dessen Untergründe und Brüche ausstellt, wie sie aufblüht ins leuchtende Lächeln, das besitzt gleichermassen Unterhaltungswert wie Wahrhaftigkeit. Kontrolle und Staatssicherheit sind Alltag – diese Frau weiß, dass sie kontrolliert wird und kontrolliert selbst. "Ich weiß doch, was los ist."
Menschen, die ausgeträumt haben
Und so redet sie über Versorgungsprobleme und Kommissionen aus Berlin, über eine ehrgeizige junge Stellvertreterin, über die Küche als Schmuckstück und ideologische Waffe und über die anstehende Abschlussfeier für die französischen Gäste, die hier einen, von der Gesellschaft für Deutsch-Französische Freundschaft veranstalteten Deutschkurs besucht haben.
Einar Schleefs kleine, nur 25 Taschenbuchseiten umfassende Erzählung "Abschlussfeier" ist eine Folge von Monologen einer Chefin und ihrer Mitarbeiterinnen, die in Erinnerungen, Reflexionen und Beschreibungen einen Alltag lebendig werden lassen, der von allgemeiner Kontrolle, von Illusionslosigkeit und Pragmatismus, aber auch von kleinen Sehnsüchten bestimmt ist. Wie Schleef ein kleines Gesellschaftspanorama entwirft, von Menschen, die ausgeträumt haben, die sich eingerichtet haben und doch weiter träumen, das besitzt bestürzende Präzision.
"Abschlussfeier" ist mindestens die dritte Erzählung Schleefs, die Armin Petras (nach "Zigarren" und "Die Bande") auf die Bühne bringt. Während bei Schleef die Erzählungen der Chefin und ihrer Mitarbeiterinnen (die Dolmetscherinnen fehlen bei Petras) beiläufig und still daher kommen, beläßt Petras das Monologische zwar weitgehend, doch treibt er die Berichte in bunt ausschweifende Theatralik und überbetonte Komik. Es wird anspielungsreiche englische und ostdeutsche Rockmusik gespielt, es werden Briefe überm Wasserkocher geöffnet, die kittelbeschürzten Küchenfrauen ergänzen sich in ihren Berichten, als seien sie eine Person, und zur Abschlussfeier wird das Büro vollgestellt mit Grünpflanzen und Tischbannern, während von einer Spieluhr die Internationale erklingt.
Kader und Passanten
Vor allem aber muss das Publikum wandern. Zunächst vom kleinen Studio unterm Dach des neu eröffneten und renovierten "Alten Theater" ins Parterre, wo in einem wilden Partykeller (Bühne: Annette Riedel) die Reste der von Saufen und Ficken bestimmten Abschlussfeier weggeräumt werden müssen. Hier motzt Petras Schleefs Figuren-Charakterisierungen mit vielen bunten Einfällen auf. Julischka Eichel und Sabine Waibel als junge Putzfrauen versuchen, statt der Olsenbande im DDR-Fernsehen das schwedische Programm und mit dem Westprogramm einen Sissi-Film herein zu bekommen und nachzuspielen, und sie dürfen sich nach massivem Bowle-Brüderschaftstrinken sexuell-existentiell miteinander austauschen.
Das sind Szenen mit den von Petras-Inszenierungen gewohnten Spielereien, teils einfallsreich und schauspielerisch herrlich, teils albern langatmig. Schauspielerisch überzeugt der Abend völlig. Hilke Altefrohne spielt die Stellvertreterin als Gegenmodell zur muttihaften Chefin Ursula Werners: im Hosenanzug und mit mißmutiger Fleppe, Kaugummi kauend und so selbstverständlich wie unzufrieden über ihre Staatssicherheits-Kontakte sprechend. Nach Alkoholgenuss, während ein Ostsong "Gib nicht auf" tönt, bricht sie sogar ins tobende "ich halt's nicht mehr aus."
Christel Ortmann und Regula Steiner-Tomic spielen ihre Küchen- und Reinmachefrauen mit wunderbar redseliger Maulfaulheit hinein in eine totale Erschöpfungshaltung. Der Abend endet vor dem Theater auf offener Sandfläche rund um ein kleines Zelt, umrahmt von besetzten Parkbänken, und junge Komparsen arrangieren sich zu einem bunten Gesellschaftspanorama, als sei es eine Art Ost-Botho-Strauß.
Unaufdringlich bestürzende Schilderung
Ein Mädchen mit Krone läuft umher, ein anderes spielt Tennis, ein lesender Junge tritt in ein Wasserloch, und ein Kameramann filmt und wirft seine Bilder auf eine Hauswand. Wenn allerdings eine "wirkliche" alte Frau ihr Fahrrad durch die Bedeutung spielende Menge schiebt, treffen sich Theater und Realität, – und die sinnliche Realität der neugierigen, "echten" Passantin gewinnt. Schliesslich stellen sich zwei Jungen ans Mikro, erzählen von ihren Erlebnissen bei der Abschlussfeier, und die Chefin hat das letzte Wort. Nachdem alle jungen Leute in einen Barkas gestiegen und erst abgefahren und bald darauf wieder zurück gekommen sind, ziehen sie die Herbergs-Mitarbeiter in einer langen Polonaise mit – nur die Chefin bleibt verwirrt und unentschieden sehnsüchtig zurück.
Schleefs unaufdringlich bestürzende Schilderung einer illusionslos träumenden Gesellschaft peppt Petras mit seinen wunderbaren Schauspielern und mit vielen schönen, aber auch mit einigen allzu äußerlich wirkungssüchtigen Einfällen zu einem unterhaltsam-bunten Abend auf: eben zum schnellen Petras-Theater. Das, weil es eine Koproduktion mit dem Berliner Maxim Gorki Theater ist, bald auch in Berlin zu sehen sein wird.
Die Abschlussfeier (UA)
nach einer Erzählung von Einar Schleef
für die Bühne bearbeitet von Armin Petras
Regie: Armin Petras, Bühne: Annette Riedel, Kostüme: Karoline Bierner, Video: Niklas Ritter, Dramaturgie: Carmen Wolfram. Mit: Ursula Werner, Christel Ortmann, Regula Steiner-Tomic, Hilke Altefrohne, Julischka Eichel, Sabine Waibel, Dirk Meinhardt, Max Georg Nowak
www.anhaltisches-theater.de
03.10.2009, 08:45 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 01.10.2009
Armin Petras inszeniert Einar Schleefs „Abschlussfeier“ am Anhaltischen Theater Dessau
Das vielgestaltige Kämpfen in und mit der Gesellschaft „Einar Schleefs Werke sind riesig, urgewaltig, von großer Tiefe und Genauigkeit“, schwärmt Armin Petras. Der Intendant des Berliner Maxim- Gorki-Theaters inszeniert als Gast am Anhaltischen Theater Dessau die Uraufführung des Schauspiels „Abschlussfeier“ von Einar Schleef (1944-2001). Morgen ist Premiere. Von Helmut RohmDessau-Roßlau.
Ja klar, es sei schon kein alltäglicher Vorgang, dass ein Intendant eines großen Berliner Theaters in einem „Provinztheater“ inszeniere, hebt Armin Petras (Jahrgang 1964) bei aller Bescheidenheit dennoch hervor. Er sehe dies auch als eine Art „Ostsolidarität“, wobei aber das gemeinsame Wirken im Vordergrund stehe. Dass er gerade in Dessau arbeitet, „ist eine durchaus lustige Geschichte“. Vor vier oder fünf Jahren war Armin Petras zu einer Diskussionsrunde mit Intendanten nach Dresden eingeladen – ohne selbst schon Intendant zu sein. Dort traf er aber André Bücker. „Er war Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters. Und ich hatte vorher schon als Spielleiter am Südharzer Städtebundtheater gearbeitet“, erinnert sich Petras. Das gab Stoff für ein „flottes erstes Gespräch“. Dabei stellte sich ebenfalls heraus, dass „wir beide Schleef mögen, geradezu Schleef-Fans sind“.
Als André Bücker Generalintendant in Dessau wurde, habe er natürlich gratuliert. Und wurde gleich gefragt, ob er in Dessau nicht mal was machen möchte. „Da konnte und wollte ich natürlich nicht nein sagen“, erklärt Armin Petras seine nunmehrige Regietätigkeit.
Für ihn selbst sei die Arbeit in Dessau ebenfalls eine gute Erfahrung.
Schleefs 1978 erschienene Erzählung „Abschlussfeier“, für die Petras bei dieser Koproduktion von Berliner und Dessauer Bühne eine Theaterfassung erarbeitet hat, spielt Ende der 70er Jahre im Ostseebad Kühlungsborn. Es geht um die Abschlussfeier eines Kurses für deutsche Sprache der „Gesellschaft für Deutsch-Französische Freundschaft“ in der Internationalen Jugendherberge „Katja Niederkirchner“. Zur Sprache und zum Handeln kommen die unterschiedlichen Befindlichkeiten der dortigen Mitarbeiter in einer Atmosphäre von Misstrauen, Neid und Hoffnungslosigkeit.
Eine DDR-Thematik 20 Jahren nach der friedlichen Revolution?
„Ohne Verständnis der Vergangenheit können wir gar nicht leben, können wir uns
selbst nicht verstehen“, erklärt Armin Petras die Grundüberlegung. „Die Geschichte hat uns geprägt, egal, ob wir das selbst erlebt haben oder unsere Eltern.“ Armin Petras sieht sein Theaterverständnis in solchen Fragen wie: Wo steht der Mensch? Was will er? Wie verhalten sich Menschen? Einar Schleef hat sich in seinem Stück mit solchen Fragen auseinandergesetzt. „Er beschreibt niemals Gefühle, eigentlich immer nur die vielgestaltigen Kämpfe der handelnden Personen in und mit der Gesellschaft“, charakterisiert Armin Petras. Dieses „Kämpfen“ sei ungemein dramatisch. Das reize ihn als Regisseur sehr.
Dass Gefühle, Gedanken, Empfindungen, größtmögliche Emotionen bei den Zuschauern entstehen, sei sein und der Wunsch des Ensembles. Armin Petras hofft, dass das Stück einfach sehr viele Zuschauer berührt, im besten Fall begeistert. Auch gut, wenn es einige abstößt oder verstört. Wenn sich allerdings ein Zuschauer langweilt, wäre alle Arbeit umsonst
gewesen.
In drei verschiedenen Bühnenräumen werden die Zuschauer im und vor dem Kulturzentrum Altes Theater das Geschehen verfolgen. Ungewöhnlich in dieser Form, meint der Regisseur. Sie ermögliche aber eine allmähliche Vergrößerung
der Darstellung, Entwicklung vom Kleinen zum Großen und vor allem den Schritt vom Privaten ins Öffentliche. Das Stück werde so zu einem „öffentlichen Vorgang“. Auch das gehört zu Armin Petras‘ Auffassung von Theater.
02.10.2009, 07:16 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 02.10.2009
Eskalation in der Jugendherberge
Freitag hat im Alten Theater das Stück «Abschlussfeier» von Schleef Premiere
Sand vor dem Alten Theater, junge Leute toben darin und ein Mann mit Kamera filmt. Das Theater kommt auf die Straße. Ganz unmittelbar konnten die Dessauer dieser Tage erleben, wie eine Probe abläuft: Für die Inszenierung "Abschlussfeier", die mit der Premiere die erste neue Produktion des Anhaltischen Theaters in dieser Spielzeit ist, hat sich Regisseur Armin Petras nicht nur mit der Bühne zufrieden gegeben. In seiner Theaterfassung einer Erzählung von Einar Schleef bespielt er das ganze Haus und auch den Platz davor.
Was dort der Sand zu suchen hat, liegt auf der Hand: "Abschlussfeier" spielt in den 70er Jahren im Ostseebad Kühlungsborn. Hier, in der Internationalen Jugendherberge "Käthe Niederkirchner", findet die Abschlussfeier des alljährlich stattfindenden Kurses für deutsche Sprache der "Gesellschaft für Deutsch-Französische Freundschaft" statt. Im Heim herrscht eine Atmosphäre von Misstrauen, Neid und Hoffnungslosigkeit. Sie entlädt sich alljährlich in den Ausschweifungen und Entgrenzungen der Abschlussfeier.
"Das ewige Lügen, das So-tun-als-ob ... Überall werden uns nur Viertelwahrheiten gesagt ... Wir sollen so viel wissen, um einen Beruf ausüben zu können, um uns ausbeuten zu lassen", so beschrieb der 18-jährige Schüler Einar Schleef in seinem Tagebuch, was ihn am tiefsten verletzte in einem Staat, der sich auf Karl Marx berief. In der Erzählung "Abschlussfeier" hat er seiner Verzweiflung literarisch Ausdruck verliehen.
Die Inszenierung von "Abschlussfeier" am Anhaltischen Theater ist eine Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin. Mit dessen Intendant Armin Petras kommt ein Regisseur nach Dessau, der sich wie kein anderer mit den Stücken und Erzählungen von Einar Schleef auseinander gesetzt hat und der sich in all seinen Inszenierungen an Leben und Wirklichkeit im Leben im Osten Deutschlands abarbeitet.
Auf Seiten des Dessauer Ensembles erlebt man in "Abschlussfeier" Christel Ortmann und Regula Steiner-Tomic. Sie spielen neben prominenten Kolleginnen wie Ursula Werner (2009 Deutscher Filmpreis), Hilke Altefrohne (2004 Nachwuchsschauspielerin des Jahres) und Julischka Eichel (2007 Alfred-Kerr-Darstellerpreis und Nachwuchsschauspielerin des Jahres).
Für die zweite Vorstellung am Sonnabend, 19.30 Uhr, im Alten Theater gibt es noch Restkarten.
27.09.2009, 15:18 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung / Dessau, 23.09.2009
Ein junger und agiler Weiser
Uwe Fischer spielt die Titelrolle in «Nathan der Weise»
Eigentlich ist Uwe Fischer ein Spätzünder, was die Bühnenbretter betrifft. Erst mit 26 Jahren will er Schauspieler werden und mit 30 ist er es dann. "Das ist alles etwas spät", findet er selbst. Derzeit aber, zehn Jahre nach seiner ersten Rolle, fühlt sich Fischer (40) fast wieder zu jung. "Ihr spinnt doch" - das dachte er sich zunächst, als ihm gesagt wurde, er solle die Titelrolle in Lessings "Nathan der Weise" am Anhaltischen Theater spielen. "Denn für den Nathan bin ich wirklich relativ jung." Nun, da die Hauptprobe schon gelaufen ist und die Produktion, mit der André Bücker seinen Einstand als Regisseur am Anhaltischen Theater gibt, und kurz vor der Premiere (4. Oktober) steht, hat sich Fischer längst daran gewöhnt, ein junger Weiser zu sein und gewinnt dieser Tatsache sogar Vorteile ab. "Ich bin auf jeden Fall ein sehr agiler Nathan."
Uwe Fischer gehört zu den Neulingen im Dessauer Schauspielensemble und er genießt den Aufbruch sichtlich. "Bisher war ich immer an Theatern engagiert, an denen sich Intendanten in der Endphase und kurz vor dem Wechsel befanden", erklärt er und nennt das Berliner Ensemble, seine Zeit bei Christoph Schroth oder die letzte Spielzeit bei Tobias Wellemeyer in Magdeburg. "Dass ich jetzt hier in Dessau mal einen Neuanfang mitmachen kann, ist toll. Und dann noch dieses grandiose Haus. Ein Großstadttheater in einer Kleinstadt", sagt der Darsteller, der sich nach einer Ausbildung zum Erzieher sein Rüstzeug für die Bühne an der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" holte.
In Berlin hat Uwe Fischer auch seinen festen Wohnsitz, lebt dort mit seiner Frau, dem 16-jährigen Sohn und der neunjährigen Tochter. In Dessau hat er sich ein Zimmer genommen. Wenn die Züge günstig fahren, dann nutzt er die Zeit in der Bahn auch zum Textlernen. Lessings "Nathan der Weise" hat ihn überrascht. "Es ist ein verzwickter Text, da gibt es Zeilensprünge, es ist, als ob eine Bremse im Text wäre", so Fischer. "Die erste Phase des Textlernens war ganz schön schwierig. Beim lauten Lesen dachte ich immer, da stimmt etwas nicht." Der Schauspieler fühlte sich ein wenig an Einar Schleef erinnert, war sich ganz sicher, das Lessing ein Stotterer gewesen sein muss. War er aber nicht, das Vorbild für den Nathan war es jedoch, so erfuhr er: der in Dessau geborenen Moses Mendelssohn. So schließt sich für Uwe Fischer ein Kreis zwischen Nathan, Lessing, Mendelssohn und Dessau.
Und ganz neu ist die Stadt für ihn auch nicht. Noch als Student stand er hier schon einmal vor Publikum. Allerdings auf kleiner Bühne: in der Marienkirche in Angelica Domröses Inszenierung "Happy End" beim Weill-Fest 1998.
24.09.2009, 19:40 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung 24.09.2009
Matinee zur Premiere „Nathan der Weise“
Das Regieteam und die Darsteller der Inszenierung „Nathan der Weise“ laden am 27.
September um 10:30 Uhr ein zu einer Matinee ins Foyer des Großen Hauses.
Mit Lessings Schauspiel „Nathan der Weise“, Premiere am 4. Oktober, wird sich
Generalintendant André Bücker erstmals als Regisseur am Anhaltischen Theater
vorstellen. Bücker erzählt eine geradezu märchenhafte Geschichte aus längst
vergangener Zeit und setzt in seiner Inszenierung ganz auf die Kraft der Sprache
Lessings. Eine große Geschichte um Liebe, Macht, Glaube und Geld, die Lessings Stoff
so spannend und gegenwärtig macht.
Zur Matinee werden Einblicke und Ausblicke auf die Produktion gegeben, die kurz vor
der Premiere steht.
Regisseur André Bücker, Dramaturg Holger Kuhla, der „Nathan" Darsteller Uwe Fischer,
die Darstellerin der „Recha“ Ines Schiller und der Darsteller des „Tempelherren“
Sebastian Müller-Stahl freuen sich auf Ihr Kommen!
Informationen / Karten unter 0340 - 2400 333 und 0340 2400 258 sowie
www.anhaltisches-theater.de
24.09.2009, 19:34 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Pressemitteilung 24.09.2009
PROGNOSE 2013
Die etwas andere Wahlparty
Sie hatten die Wahl!... und werden mit dieser Wahl nicht allein gelassen.
Das Schauspiel Ensemble des Anhaltischen Theater Dessau lädt am 27. September um
17 Uhr ins Foyer des Alten Theaters zur etwas anderen Wahlparty ein.
Dazu wurden natürlich die politischen Köpfe unsrer Republik geladen, die Einblicke in die
Programmatik ihrer Parteien geben.
Dr. Angela Merkel für die CDU/ CSU, Dr. Guido Westerwelle für die FDP, Dr. Frank-
Walter Steinmeier für die SPD, Dr. Gregor Gysi für Die Linke, Claudia Roth für Bündnis/
Die Grünen, Ein Vertreter der „Anderen“und als special guest, André Bücker,
Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau.
Diese Damen und Herren geben zu Protokoll und werden befragt, was sie denn
vorhaben, in und mit der Zukunft der Bundesrepublik. Um 18.00 Uhr wird live in die
Wahlstudios von ARD und ZDF geschalten, um Prognosen und Ergebnisse, die bunte
Zukunft unseres Landes zu sehen und zu diskutieren.
Während und im Anschluss der PROGNOSE 2013 gibt es Musik, die nicht allein die
Republik, sondern auch Ihre Beine in Bewegung bringen wird!
Maria Victoria Linke und Holger Kuhla werden den Abend moderieren.
Der Eintritt ist frei.
23.09.2009, 09:33 | tags: Spielzeit, Schauspiel | Autor: Franziska Blech
Mitteldeutsche Zeitung / Dessau, 23.09.09
Gesänge der Stadt und Nächte im Park
Deutsche Autoren und deutsche Themen bestimmen die Saison
VON ILKA HILLGER
Der Titel ist eine Ansage und der Spielplan hält sie ein: "radikal deutsch" ist die aktuelle Spielzeit des Anhaltischen Theaters in der Schauspielsparte überschrieben. Deutsche Autoren und deutsche Themen aus Vergangenheit und Gegenwart bestimmen die Saison 2009 / 2010. Wie weit dabei der Rahmen reicht, macht bereits das Premierenwochenende vom 2. bis 4. Oktober deutlich, mit dem das Dessauer Theater die Spielzeit unter neuer Leitung eröffnet.
Eine Odyssee mit dem Bus
Beim Open Air Anfang dieses Monats gab es eine erste Kostprobe jenes Stückes, mit dem die Schauspielsparte beginnt. Vier Schauspieler standen singend auf dem roten Funk-Container und ließen bitterböses von Georg Kreisler hören. Mehr davon gibt es am 2. Oktober im Dessauer Stadtgebiet an bekannten und ungewöhnlichen Orten bei der Premiere von "Gesänge aus Tausend und Einer deutschen Nacht". Regisseur Krzystof Minkowski schickt die Schauspieler an diesem Tag von 12 bis 19 Uhr als singende, musizierende und spielende "Combo" auf eine Odyssee durch die Geschichte Deutschlands und hinein in klingende Geschichten aus Dessau. Sechs Tage später ist der Bus dann angekommen und die "Gesänge" finden fortan als Vorstellung im Alten Theater statt.
Dorthin führt auch die zweite Premiere des 2. Oktobers. Mit der "Abschlussfeier" von Einar Schleef erlebt das Anhaltische Theater in der Regie von Armin Petras eine Uraufführung. Schleef hat in "Die Abschlussfeier" seiner Verzweiflung an gesellschaftlichen Zuständen der DDR Ausdruck verliehen. Die Handlung führt nach Kühlungsborn wo in der Jugendherberge "Käthe Niederkirchner" die Abschlussfeier des Kurses für deutsche Sprache der "Gesellschaft für Deutsch-Französische Freundschaft" geplant ist. Mit Armin Petras, Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, das als Koproduzent fungiert, konnte für die Inszenierung ein Regisseur gewonnen werden, der wie kein anderer ein Gespür dafür hat, deutsche Themen der jüngeren Vergangenheit auf die Bühne zu bringen.
Mit Lessings "Nathan der Weise" am 4. Oktober im Großen Haus endet der Premieren-Eröffnungsreigen der kommenden Woche. Dem Klassiker der Aufklärung hat sich Generalintendant André Bücker angenommen und stellt sich damit erstmals mit einer eigenen großen Inszenierung dem Dessauer Publikum vor.
Brussigs Kult-Buch als Theater
Zurück ins Alte Theater geht es mit der Schauspielsparte am 16. Oktober, wenn Axel Sichrovsky die verrückt-absurde Geschichte "Helden wie wir" nach dem Roman von Thomas Brussig in einem Monolog von Schauspieler Sebastian Müller-Stahl erzählen lässt. Der gibt mit Klaus Uhltzscht jenen Mann, der die Mauer im Jahre 1989 zum Einsturz brachte. Und dies allein durch die Pracht und Kraft seiner monströsen Männlichkeit.
Fünf Tage später, wieder im Alten Theater, inszeniert von Axel Sichrovsky, hat am 21. Oktober "Der Kick", ein Zwei-Personen-Stück Premiere. "Der Kick" geht auf einen Fall 2002 in Brandenburg zurück, als drei Jugendliche einen Kumpel erschlagen. 18 real existierende Personen kommen im Stück zu Wort und montieren die Texte aus Protokollen, Interviews und Trauerreden zu einem der beklemmendsten Entwürfe der Gegenwartsdramatik.
Zum Märchen der Saison wird am 13. November eingeladen: "Sechse kommen durch die Welt" setzte Robert Klatt in Szene. "Kasper Häuser Meer" heißt eine wirkliche Komödie von Felicia Zeller, die David Ortmann am 11. Dezember im Alten Theater zur Premiere bringt.
In das neue Jahr startet die Schauspielsparte am 29. Januar mit einem Trauerspiel. Christian Weise nimmt sich Heinrich von Kleists "Die Familie Schroffenstein" an. Mit Carl Zuckmayer und dessen "Teufels General" gehen die Schauspielpremieren am 26. März weiter. Wolf Bunge inszeniert das Stück, in dem sich die Kernfrage nach der Verstrickung in Schuld, der Macht und Ohnmacht gegenüber einem politischen System noch immer als aktuelle Frage stellt.
Niklas Ritter betreut im Frühjahr ein Projekt, das Schauspieler und Dessauer Bürger über 60 vereint.
"Wanderlust und Reisefreiheit" geht mit seiner Premiere am 7. Mai im Alten Theater dem Phänomen "Wanderlust" auf den Grund. Am Ende soll ein Theaterabend stehen, der die in Interviews und Begegnungen gemachten Erfahrungen mit Texten der literarischen Tradition verknüpft, ein Abend über das Wandern durch Zeiten, Landschaften und Biografien.
Mit "Sommer-Nacht-Traum", einer nächtlichen Reise durch den Stadtpark, findet am 8. Juli die letzte Premiere dieser Spielzeit im Schauspiel statt. Chefregisseurin Andrea Moses verschneidet Botho Strauss' "Der Park" und Andreas Gryphius "Herr Peter Squenz". "Der uralte Zauber der Kunst soll mit betörender Klarheit die Ödnis aus diesem Menschenpark vertreiben." Das ist das Ziel, doch der Sommernachtsrausch entzündet nicht die Herzen wie gedacht.
30.06.2009, 14:16 | tags: Schauspiel, Schauspiel/Musiktheater, Musiktheater, das neue Team | Autor: Frank Orbons
Anhaltisches Theater Dessau:
André Bücker stellt mit Andrea Moses Leitende Regisseurin vor
ANDREA MOSES wird mit der Spielzeit 2009/2010 Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel am Anhaltischen Theater Dessau. Mit ihren Inszenierungen wird die Absolventin der renommierten Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ zum neuen künstlerischen Profil des Schauspiels und des Musiktheaters maßgeblich beitragen.
André Bücker: „Ich bin sehr glücklich darüber, dass ANDREA MOSES der Einladung, dem Anhaltischen Theater Dessau als Chefregisseurin verbunden zu sein, gefolgt ist. Mit inhaltlich genauen Regiearbeiten und ihrer konzeptionellen Mitarbeit in der Theaterleitung wird sie in den kommenden Jahren dem Theater Dessau ein eindeutiges Profil verleihen.“ „ANDREA MOSES“, so André Bücker, „gehört zu den interessantesten jungen Regisseurinnen des deutschsprachigen Raumes. Mit ihren verbindlich-politischen Deutungen, insbesondere den beiden Richard-Strauss-Einaktern Salome und Elektra in Meiningen sowie Giacomo Puccinis Turandot in Weimar, hat sie in bemerkenswerter Weise den historischen Stoff mit den Konflikten der Gegenwart in Bezug setzen können“.
In der Spielzeit 2009/2010 wird MOSES am Anhaltischen Theater die Eröffnungsinszenierung in der Sparte Musiktheater, Richard Wagners „Lohengrin“ sowie die Schauspielproduktion „Sommer-Nacht-Traum“, eine Kombination aus „Der Park“ von Botho Strauß sowie „Herr Peter Squentz“ von Andreas Gryphius inszenieren.
ANDREA MOSES wurde 1972 in Dresden geboren. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft an der Karl-Marx-Universität Leipzig und der Humboldt-Universität in Berlin. Von 1993 bis 1996 folgte das Studium der Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und ein Gaststudium an der GITIS in Moskau.
Seit 1996 inszenierte sie an den Staatstheatern in Dresden, Cottbus, Stuttgart, Schwerin, den Bühnen in Kiel, Rostock, Altenburg-Gera, Erlangen, beim Kunstprojekt Superumbau in Hoyerswerda und am Maxim-Gorki-Theater Berlin. Mit den Schauspielproduktionen „Demetrius“ nach Puschkin/Schiller/Hebbel mit dem Faust-Ensemble von Peter Stein am Schauspiel Hannover/ Expo 2000 und „Clavigo“ von Goethe am Linnatheater in Tallinn (Estland) gastierte sie auch in Berlin und Stuttgart. Die Deutsche Erstaufführung „Schwarze Milch“ von Wassilij Sigarew am Maxim Gorki Theater Berlin gastierte in Nowosibirsk und Omsk (Russland).
Seit 2004 unterrichtet ANDREA MOSES als Dozentin für Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin.
Nach der Operette „Der Graf von Luxemburg“ (Franz Lehár) 2005 am Südthüringischen Staatstheater Meiningen debütierte ANDREA MOSES ebenda erfolgreich mit „Salome“ von Richard Strauss im Musiktheater. Opern an der Semperoper Dresden (u.a. „Gadzo - eine Zigeuneroper“ von Johannes Wulff-Woesten) und am Staatstheater Braunschweig („Die Schönheitsfalle“ von Karen Rehnqvist) folgten. Nach Strauss’ „Elektra“ in Meiningen inszenierte sie die Deutsche Erstaufführung von „Zaide-Adama“ (Wolfgang Amadeus Mozart / Chaya Czernowin) am Theater Bremen und gastierte mit dieser Arbeit beim Mozart-Sommer in Mannheim. In der Spielzeit 2008/2009 inszenierte sie Brechts „Mutter“ in Oberhausen, „Turandot“ (Giacomo Puccini) am Nationaltheater Weimar und „The good soldier Schwejk“ (Robert Kurka) an der Oper Halle. Kommende Produktionen führen ANDREA MOSES nach Bremen und zur Biennale nach München.
ANDREA MOSES war für den Faust-Preis des Deutschen Bühnenvereins in der Kategorie „Beste Regie im Musiktheater 2008“ für ihre Inszenierung „Elektra“ von Richard Strauss am Südthüringischen Staatstheater Meiningen nominiert. Weiterhin erhielt MOSES mehrere Nominierungen zur Regisseurin des Jahres im Jahrbuch 2008 der Zeitschrift „Opernwelt“.
30.06.2009, 14:14 | tags: Schauspiel | Autor: Frank Orbons
Lesung aus dem Briefwechsel zwischen Einar und Gertrud Schleef
Mit Gabriele Gerecke und Martin Wuttke
In Koproduktion mit der Akademie der Künste, Berlin
Aus Anlass der Dessauer Uraufführung von Einar Schleefs »Abschlussfeier« im Jahr
seines 65. Geburtstages und dem 100. seiner Mutter Gertrud, lesen die langjährige
Lebensgefährtin Schleefs, Gabriele Gerecke und der Schauspieler Martin Wuttke
aus dem gerade erschienenen Briefwechsel zwischen Einar und Gertrud Schleef
aus den Jahren 1963-1976.
»So nun etwas Andres, wir bitten dich von ganzem Herzen, gehe zur Wahl, vergiss
das ja nicht. Man würde Dir das ganz ungeheuerlich ankreiden. Du weißt doch,
dass Du einmal dumm warst? Was hat es Dir eingebracht?«
Gertrud Schleef an Einar Schleef
04.10.2009 im Foyer [Grosses Haus ]
24.04.2009, 11:00 | tags: Schauspiel, Musiktheater | Autor: Holger Kuhla
ANDREA MOSES IM GESPRÄCH MIT HOLGER KUHLA
ANDREA MOSES, Dessaus neue Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel inszeniert seit 1996 in den Sparten Musiktheater und Schauspiel an deutschen und internationalen Theatern. Zudem unterrichtet sie als Dozentin für Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Im Jahr 2008 war Andrea Moses für den Faust-Preis des Deutschen Bühnenvereins in der Kategorie „Beste Regie im Musiktheater“ nominiert.
Du bist seit Jahren erfolgreich als freischaffende Regisseurin für Oper und Schauspiel im deutschsprachigen Raum wie Ausland unterwegs. Ebenso arbeitest Du als Dozentin für Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Du kommst auf angenehme Weise viel herum. Was bewegt Dich, nun eine feste Bindung mit einem Theater einzugehen?
Es reizt mich, für eine bestimmte, längere Zeit mit einem bewusst zusammengesetzten Team, mit Mit-streitern an einem Ort gemeinsam und kontinuierlich zu arbeiten, Entwicklungen konzentriert zu verfolgen. Eine Weile mal innehalten und sich prüfen. Natürlich ist auch die Aussicht verlockend, langfristig denken zu dürfen, ganz konkret für eine Region, für eine Stadt zu arbeiten. Hier habe ich die Chance, nicht nur die Menschen mit denen ich arbeiten werde, kennenzulernen, sondern auch die Menschen, für die wir diese Arbeit tun. Doch heißt, einen Punkt zu fokussieren, nicht die Bewegung einzuschränken oder einzustellen. Es gilt, den eigenen Kosmos in Dessau nicht zu verkleinern, sondern ihn mit hineinzubringen in diese Stadt, nicht nur sich selbst sondern auch sie als Quelle für die Kunst zu begreifen.
Warum Dessau?
Auf die Frage kann man nur antworten: Darum! Ich habe eine ostdeutsche Biografie, deshalb berührt mich besonders, was mit dieser Region geschieht. Ostdeutsche Städte wie Dessau wirken wie aus dem Fokus gefallen, hier interessiert keine Metropolendebatte, hier muss man anarbeiten gegen die Zeichen der Versteppung. Es wird keine einfache Aufgabe, hier Theater zu machen. Andererseits ist Theater nie eine einfache Aufgabe. Und: Gerade hier, gerade in dieser Landschaft, in diesem historischen Konfliktfeld, in diesem aktuell politischen Druckraum muss Theater gemacht werden. Wo, wenn nicht hier? Was an Dessau einzigartig ist, das liegt in seiner Geschichte. In kaum einer anderen Stadt liegen die Schichten der deutschen Vergangenheit so schmerzhaft offen wie in Dessau. Wobei Vergangenheit immer auch Gegenwart ist und die Zukunft beeinflusst. Hier lagert ein großes Archiv von politisch-sozialen Konflikten, aber auch ein poetisches Potential. Dessaus Geschichte erzählt die Krisengeschichte des Kapitalismus, die deutsche Misere, es erzählt vom Überleben, von Avantgarden der Kunst, der Moderne. Ein engagiertes Theater als Ort der Kommunikation kann den Faden von damals wiederaufnehmen ... wer weiß, was aus diesem Synergieeffekt alles entsteht!
Die Spielzeit 2009/2010 bedeutet einen Neustart. Was kommt auf Dessau zu? Alles anders?
Konzepte sind schnell Makulatur. Zuerst einmal heißt es, sich kennenlernen, wir das Publikum, das Publikum uns. Das ist wie bei einem Flirt mit tieferen Absichten – Hauptsache, wir sind und bleiben gespannt aufeinander. Theater ist, wenn es gut ist, immer konkret. „Alles anders“ ist ein rein formales Kriterium, das mich nicht interessiert. Das Dessauer Theater soll zu einem Ort werden, an dem sich möglichst viele Menschen vertreten und ernst genommen fühlen. Ich würde mich freuen, wenn es uns gelänge, aus diesem Theater eine Bühne zu machen, die politisch Brisantes und Drängendes anpackt, zur Diskussion freigibt. Dazu gehört im Theater inhaltlich immer der lebendige Austausch von Tradition und Innovation. Wir leben von der reichen Tradition an Texten, an Musik. Diese Tradition kann nur dann für junge Menschen interessant bleiben und werden, wenn sie immer wieder neu interpretiert wird. Das Theater muss sich ständig neu erfinden. Ich freue mich besonders, dass es uns gelungen ist, junge Regisseure und Autoren an das Haus zu binden, die mit uns versuchen werden, eine Theatersprache für Dessau zu entwickeln.
Glaubst Du an die Chance des Theaters, in den Herzen und Köpfen der Zuschauer heute etwas be- wirken zu können?
Na klar! Ich finde es schon toll, wenn sich freiwillig wildfremde Menschen in einem Saal versammeln und an etwas teilnehmen möchten, von dem sie nicht wissen, was es bringen wird. Anders gesagt: Solange Theater auf neugierige Menschen trifft, funktioniert es – vorausgesetzt, das Theater erweckt die Neu-Gier.
Wir wissen, Du bist eine politisch denkende Regisseurin, was bedeutet „politisch“ in Deinen Arbeiten, Deinem Leben?
„Politisch“ bedeutet den Versuch in die öffentlichen Vorgänge und Prozesse, in die Gestaltung einer Gesellschaft einzugreifen, indem man darum ringt, Mehrheiten für seine Absichten zu gewinnen, Wider-stände zu überwinden. Meine Arbeit besteht darin, das Funktionieren von Politik deutlich zu machen. Theater sollte letztlich eine Lust am Verändern machen, am Mitreden, an der Korrektur. Das heißt in Bezug auf das Politische: es ist privat und das Private ist politisch.
HOLGER KUHLA [LEITENDER DRAMATURG FÜR SCHAUSPIEL UND PUPPENTHEATER]
arbeitete von 1996 bis 2003 als Schauspieldramaturg am Staatstheater Cottbus. Seit 2006 ist er als freischaffender Regisseur und Dramaturg für das Theater sowie als Autor und Regisseur für den Hörfunk tätig und lehrt an der Berliner Humboldt-Universität, der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig.